Der Schut
Karl May




Karl May

Der Schut





Erstes Kapitel: Halef in Gefahr


Unser Ritt neigte sich jetzt voraussichtlich seinem Ende zu; aber es stand zu erwarten, daß der letzte Teil desselben der schwierigste sein werde. Diese Schwierigkeit war teils eine Folge der Bodenverhältnisse, denn wir hatten Berge, Felsen, Täler, Schluchten, Urwälder und Sümpfe vor uns, durch oder über welche nicht leicht zu kommen war, teils beruhte sie darauf, daß die Absichten und Ereignisse, denen wir gefolgt waren und auch jetzt noch folgten, zu einem Abschlusse, einem Ende drängten, bei welchem uns voraussichtlich größere Anstrengungen und Gefahren erwarteten, als wir bisher hinter uns hatten.

Israd, unser Führer, erwies sich als ein munterer Bursche. Er erzählte uns interessante Episoden aus seinem Leben und gab uns lustige Schilderungen von Land und Leuten, so daß wir gar nicht daran dachten, die Zeit zu messen.

Die fruchtbare Ebene von Mustafa liegt eigentlich am linken Ufer des Wardar, woher wir gekommen waren. Am rechten, an welchem wir uns befanden, steigt das Terrain mählich empor, doch ist das Land noch sehr fruchtbar. Wir kamen an reichen Baumwollen – und Tabakfeldern vorüber und sahen fruchttragende Limonien stehen. Doch sagte Israd, daß dies bald aufhöre und wir jenseits der Treska sogar durch Gegenden kommen würden, welche »meratlü« seien.

Um zu wissen, was dieses Wort bedeutet, muß man sich daran erinnern, daß der Grund und Boden des osmanischen Reiches in fünf verschiedene Klassen eingeteilt wird.

Die erste Klasse ist der »Mirieh«, das heißt das Land der Staatsdomänen, zu welchem selbstverständlich nicht der unfruchtbarste Boden gehört. Dann kommt der »Wakuf«, das Eigentum der frommen Stiftungen. Dieser Klasse fällt ohne weiteres alles Land zu, dessen Besitzer ohne Hinterlassung direkter Erben stirbt. Die dritte Klasse faßt den »Mülk«, den Privatgrundbesitz, in sich. Die Besitztitel werden in der Regel nicht nach einer genauen Messung, wie bei uns, sondern nach ungefährer Schätzung ausgestellt. Für jeden Wechsel des Besitzes, also Kauf, ist die Genehmigung der Regierung erforderlich, welche bei den dortigen Verhältnissen meist nur durch die Bestechung der betreffenden Beamten erlangt werden kann. Der Mülk leidet auch außerordentlich unter den Mißbräuchen, welche bei der Steuererhebung eingerissen sind. So hat zum Beispiel die Bodenwirtschaft zehn Prozent Naturalabgabe zu entrichten. Die Steuerpächter verschieben aber gewöhnlich die Einholung dieses Zehnts so lange, bis die Früchte in Fäulnis überzugehen drohen und der Landwirt mehr als zehn vom Hundert bietet, um den Ertrag seiner Ernte retten zu können. In die nächste Klasse, »Metronkeh« genannt, gehören die Straßen, öffentlichen Plätze und Kommunal-Grundstücke. Die Verkehrswege befinden sich meist in einem beklagenswerten Zustand, was ein Hauptgrund für die wirtschaftliche Notlage des Landes ist. Die letzte Klasse wird »Merat« genannt und begreift alles wüste und unproduktive Land in sich. Dieses war es, was unser Führer meinte, als er »meratlü« sagte.

Wir hatten zwei oder drei flache Terrassen zu ersteigen und kamen dann zu der Hochebene, welche im Westen steil nach den Ufern der Treska abfällt. Hier ritten wir durch einige kleine Dörfer. Der größte und bedeutendste Ort dieser Ebene, Banja, blieb links von uns liegen.

Da wir wußten, daß Israd uns in geradester Richtung führen werde, hatte ich nicht danach getrachtet, die Spuren des uns vorangerittenen Suef aufzusuchen. Es hätte uns das nichts nützen können, sondern nur zur Verzögerung unseres Rittes geführt. Nachdem wir ungefähr vier Stunden unterwegs waren, kamen wir durch einen sehr lichten Wald, dessen Bäume weit auseinander standen. Dort trafen wir die Fährte eines einzelnen Reiters, welche von links auf unsere Richtung stieß. Ich betrachtete sie aus dem Sattel herab. Es war zwar nicht mit voller Bestimmtheit zu behaupten, aber es ließ sich vermuten, daß es die Fährte Suefs sei, zumal das Pferd so scharf ausgegriffen hatte, daß anzunehmen war, der Reiter habe große Eile gehabt. Da sie in unserer Richtung weiter führte, folgten wir ihr, bis nach einiger Zeit eine zusammengesetztere Fährte von rechts her kam.

Jetzt stieg ich ab. Wer einigermaßen Uebung besitzt, kann unschwer erkennen, von wie viel Pferden eine solche Spur gemacht wurde, falls es nicht gar zu viele gewesen sind. Ich sah, daß fünf Reiter hier geritten seien; also waren es höchst wahrscheinlich die von uns Gesuchten gewesen. Aus der bereits abgestumpften Schärfe der Ränder an den Hufeindrücken entnahm ich, daß diese Leute vor ungefähr sieben Stunden hier vorübergekommen seien.

Bei einer solchen Schätzung hat man sehr vieles zu berücksichtigen: die Witterung, die Art des Bodens, ob er hart oder weich, sandig oder lehmig ist, ob er kahl liegt oder mit Pflanzen bewachsen, vielleicht dünn mit Laub bedeckt ist. Auch auf die Luftbewegung und die Tageswärme hat man Obacht zu geben, da die Sonne oder scharfe Luft die Spuren schnell austrocknet, so daß die Ränder eher bröckeln, als wenn es kalt und windstill ist. Der Ungeübte kann bei einer solchen Beurteilung sehr leicht ein höchst irriges Resultat erzielen.

Nun ritten wir auf dieser Fährte fort. Nach einiger Zeit ging der Wald zu Ende, und wir kamen wieder auf freies Land. Eine Art von Weg kreuzte hierauf unsere Richtung, und wir sahen, daß die Fährte da nach rechts abbog, um diesem Pfad zu folgen. Ich blieb also halten und zog mein Fernrohr hervor, um nachzuforschen, ob ich vielleicht einen Ort, einen Gegenstand, ein Gehöft zum Beispiel, finden könne, um dessen willen die Reiter hier abgebogen seien. Ich konnte aber nichts dergleichen sehen.

»Was tun wir, Sihdi?« fragte Halef. »Wir können nun auf der Fährte bleiben, und wir können Israd weiter folgen.«

»Ich entschließe mich für das letztere,« antwortete ich. »Diese Leute sind doch nur für kurze Zeit abgewichen und werden später sicher wieder herüberlenken. Wir wissen, wohin sie wollen, und werden uns beeilen, dort auch anzukommen. Vorwärts also, wie bisher!«

Ich wollte mein Pferd in Bewegung setzen, doch Israd sagte:

»Vielleicht ist es doch geraten, ihnen zu folgen, Effendi. Da drüben rechts zieht sich ein breiter Grund hin, was wir von hier aus nicht sehen können. In demselben liegt ein kleiner Köjlüstan (* Bauernhof.), in welchem die Männer, denen wir folgen, vielleicht eingekehrt sind.«

»Was können wir dort erfahren? Sie werden sich nicht lange dort verweilt, sondern nur um einen Trunk Wasser oder um einen Bissen Brot gebeten haben. Keinesfalls ist anzunehmen, daß sie gegen die dort wohnenden Leute sehr mitteilsam gewesen sind. Reiten wir weiter!«

Aber schon nach kurzer Zeit wurde ich anderer Meinung. Die Spuren kamen von rechts her zurück, und nach einem nur oberflächlichen Blick bemerkte ich, daß sie ziemlich neu waren. Ich stieg also abermals ab, um sie sorgfältig zu prüfen. Ich fand, daß sie kaum zwei Stunden alt waren. Die Reiter hatten sich also gegen fünf Stunden lang in dem erwähnten Bauernhof aufgehalten. Die Ursache davon mußte ich erfahren. Wir gaben also den Pferden die Sporen und bogen nach rechts ein, um das Haus aufzusuchen.

Es lag gar nicht weit entfernt. Wir erreichten sehr bald die Stelle, wo sich die Fläche abwärts nach einem Tale senkte, welches ein Bach durchfloß. Es gab da unten saftige Weide und schöne Aecker. Dennoch machte das Haus den Eindruck von Aermlichkeit. Der bereits erwähnte Weg führte zu demselben hinab.

Wir sahen einen Mann vor der Türe stehen. Als er uns erblickte, verschwand er im Hause und zog die Türe hinter sich zu.

»Effendi, es scheint, daß dieser Bauer nichts von uns wissen will,« meinte Osko.

»Er wird schon mit sich sprechen lassen. Ich vermute, daß er scheu geworden ist, weil unsere guten Freunde schlecht mit ihm umgesprungen sind, wie es ja ihre Gewohnheit ist. Kennst du ihn vielleicht, Israd?«

»Gesehen hab ich ihn, aber seinen Namen weiß ich nicht,« antwortete der Gefragte. »Ob er aber mich kennt, das weiß ich nicht, da ich noch nicht bei ihm gewesen bin.«

Als wir vor der Türe anlangten, fanden wir dieselbe verschlossen. Wir klopften an, erhielten aber keine Antwort. Nun ritt ich nach der hinteren Seite des Hauses, auch da war eine Türe, aber gleichfalls verriegelt.

Als wir nun stärker klopften und laut riefen, wurde einer der Läden, welche auch zugezogen waren, aufgestoßen, und der Lauf eines Gewehres kam zum Vorschein. Dabei rief eine Stimme:

»Packt euch fort, ihr Strolche! Wenn ihr nicht aufhört, zu lärmen, so schieße ich!«

»Nur langsam, langsam, mein Lieber,« erwiderte ich, indem ich so nahe an den Laden heranritt, daß ich den Lauf der Flinte hätte ergreifen können. »Wir sind keine Strolche, wir kommen in keiner unfreundlichen Absicht.«

»Das sagten die Andern auch. Ich öffne meine Türe keinem Unbekannten mehr.«

»Vielleicht kennst du diesen hier,« entgegnete ich und winkte Israd herbei. Als der Bauer den jungen Mann erblickte, zog er langsam sein Gewehr zurück und sagte:

»Das ist ja der Baumeister, der Sohn des Schäfers in Treska-Konak!«

»Ja, der bin ich,« bestätigte Israd. »Hältst du auch mich für einen Strolch?«

»Nein, du bist ein braver Mann.«

»Nun, die Männer, welche sich bei mir befinden, sind ebenso brav. Sie verfolgen die Leute, welche bei dir waren, um sie zu züchtigen, und wollen sich bei dir erkundigen, was diese Strolche bei dir gewollt haben.«

»So will ich dir glauben und die Türe wieder aufriegeln.«

Er tat dies. Als er dann zu uns heraustrat, sah ich, daß dieser kleine, schwächliche, sehr ängstlich dreinschauende Mann allerdings nicht geeignet war, Leuten wie den beiden Aladschy zu imponieren. Er mochte uns doch nicht so recht trauen, denn er hielt die Flinte noch immer in der Hand. Auch rief er in das Haus hinein:

»Mutter, komm her, und schau sie an!«

Eine vor Alter krumm gebogene Frau kam mit Hilfe eines Krückstockes herbei und betrachtete uns. Ich sah einen Rosenkranz an ihrem Gürtel hängen, darum sagte ich:

»Hazreti Issa Krist ilahi war, anatschykim – Gelobt sei Jesus Christus, mein Mütterchen! Kowar sen bizi kapudanin taschra – willst du uns von deiner Türe weisen?«

Da ging ein freundliches Lächeln über ihr faltiges Gesicht, und sie antwortete:

»Herr, du bist ein Christ? O, die sind zuweilen die schlimmsten! Aber dein Gesicht ist gut. Ihr werdet uns nichts zuleid tun?«

»Nein, gewiß nicht.«

»So seid ihr uns willkommen. Steigt von den Pferden, und kommt herein zu uns.«

»Du wirst uns erlauben, im Sattel zu bleiben, denn wir wollen schnell wieder fort. Vorher aber möchte ich gern wissen, was diese sechs Reiter bei euch getan haben.«

»Es waren ihrer erst nur fünf. Der sechste kam später nach. Sie stiegen von den Pferden und führten dieselben ohne unsere Erlaubnis in das Jondscha kyri (* Kleefeld.), obgleich Gras genug vorhanden ist. Die Pferde haben uns das schöne Feld ganz zusammengetreten. Wir wollten Schadenersatz verlangen, da wir arme Leute sind; aber gleich beim ersten Wort erhoben sie ihre Peitschen, und wir mußten schweigen.«

»Warum kehrten sie denn eigentlich bei euch ein? Sie haben doch einen Umweg machen müssen, um an euer Haus zu kommen?«

»Es war einem von ihnen unwohl geworden. Er hatte einen verwundeten Arm und litt große Schmerzen. Da haben sie ihm den Verband abgenommen und die Wunden mit Wasser gekühlt. Das dauerte mehrere Stunden, und während Einer mit dem Verwundeten beschäftigt war, suchten die Andern alles im Hause zusammen, was ihnen gefiel. Sie haben unser Fleisch und unsere sonstigen Speisevorräte aufgezehrt. Meinen Sohn und die Schwiegertochter sperrten sie unter dem Dache ein und nahmen die Leiter weg, daß die Beiden nicht herunter konnten.«

»Und wo warst denn du?«

»Ich?« antwortete sie, indem sie listig mit den Augen zwinkerte, »ich stellte mich, als ob ich nicht hören könne. Das ist bei einer alten Frau leicht zu glauben. Da durfte ich in der Stube bleiben und hörte, was gesprochen wurde.«

»Wovon redeten sie?«

»Von einem Kara Ben Nemsi, welcher mit seinen Begleitern sterben muß.«

»Dieser Mann bin ich; doch fahre fort.«

»Und sie sprachen von dem Konakdschi an der Treska, bei welchem sie heute abend bleiben wollen, und von einem Köhler, dessen Name ich wieder vergessen habe.«

»Hieß er Scharka?«

»Ja, ja; morgen wollen sie bei ihm bleiben. Und von einem gewissen Schut redeten sie, den sie in Kara – kara . – ich weiß nicht, wie der Name war – — «

»Karanirwan?«

»Ja, den sie in Karanirwan-Khan treffen wollen.«

»Wißt ihr vielleicht, wo dieser Ort liegt?«

»Nein; sie haben es auch nicht gesagt. Aber sie redeten von einem Bruder, den der eine von ihnen dort treffen will. Sie nannten auch den Namen, doch kann ich mich leider nicht mehr auf denselben besinnen.«

»Hieß er vielleicht Hamd el Amasat?«

»Gewiß, so hieß er. Aber, Herr, du weißt ja mehr als ich!«

»Ich weiß allerdings bereits viel und ich will mich durch meine Fragen nur überzeugen, ob ich mich nicht irre.«

»Sie erzählten auch davon, daß in diesem Karanirwan-Khan ein Kaufmann gefangen sitzt, von welchem sie Lösegeld haben wollen. Aber sie lachten über ihn, denn selbst wenn er dieses Geld zahlt, wird er nicht frei kommen. Sie wollen ihn auspressen, bis er gar nichts mehr besitzt, und dann soll er ermordet werden.«

»Ah! So etwas habe ich vermutet. Wie ist dieser Kaufmann nach Karanirwan-Khan gekommen?«

»Der Hamd el Amasat, dessen Namen du nanntest, hat ihn hingelockt.«

»Wurde nicht gesagt, wie der Kaufmann heißt?«

»Es war ein fremder, ein ausländischer Name, und darum habe ich ihn nicht behalten, zumal ich so große Angst und Sorge hatte.«

»Aber wenn du ihn wieder hörtest, würdest du vielleicht wissen, ob es dieser Name ist?«

»Ganz gewiß, Herr.«

»Lautet er Galingré?«

»Ja, ja, so hieß er; ich besinne mich ganz genau.«

»Was wurde Weiteres gesprochen von dem, was sie vorhaben?«

»Nichts, denn da kam der sechste Reiter. Er ist ein Flickschneider und erzählte von Feinden, wegen denen er in den Wardar gestürzt sei. Jetzt weiß ich, daß ihr diese Feinde seid. Ich mußte ein großes Feuer machen, damit er sich seine Kleider trocknen konnte; darum und weil der Alte mit seiner Wunde nicht fertig wurde, blieben sie so lange bei uns. Dieser Flickschneider erzählte von der Bastonnade, welche er bekommen habe. Er konnte nur sehr schwer gehen und hatte keine Schuhe an, sondern seine Füße mit Lappen umbunden, welche mit Talg eingerieben waren. Ich mußte ihm neue Lappen schaffen, und da ich keinen Talg hatte, stachen sie unsere Ziege tot, um Talg zu bekommen. Ist dies nicht eine schändliche Grausamkeit?«

»Allerdings. Wie viel war diese Ziege wert?«

»Gewiß fünfzig Piaster.«

»Dieser mein Begleiter, Hadschi Halef Omar, wird dir fünfzig Piaster schenken.«

Halef zog sofort den Beutel und hielt ihr ein halbes Pfundstück hin.

»Herr,« fragte sie ganz verblüfft, »willst du etwa den Schaden bezahlen, welchen deine Feinde anrichten?«

»Nein, das kann ich nicht, denn ich besitze nicht den Reichtum des Padischah; aber für eine Ziege können wir dir sorgen. Nimm das Geld!«

»So freue ich mich, dir getraut und euch mein Haus und meinen Mund nicht verschlossen zu haben. Gesegnet sei euer Kommen, und gesegnet sei euer Gehen; gesegnet sei jeder eurer Schritte, und alles, was ihr tut!«

Wir verabschiedeten uns von den Leuten, welche uns ihre Dankesworte für die erhaltene Gabe noch weit nachriefen, und kehrten zu dem Ausgangspunkt unsers kleinen Abstechers zurück, um dann der ursprünglichen Richtung wieder zu folgen.

Wir kamen zunächst weiter durch offenes Land, wo nur hier oder da ein einzelner Baum zu sehen war. Unser vorher so munterer Führer war sehr nachdenklich geworden. Als ich ihn nach der Ursache fragte, antwortete er:

»Herr, ich habe die Gefahr, in welcher ihr euch befindet, gar nicht so schwer genommen, wie sie ist. Erst jetzt erkenne ich, in welch einer schlimmen Lage ihr seid. Das macht mir Sorge. Wenn eure Feinde ganz unerwartet aus dem Hinterhalt über euch herfallen, seid ihr verloren.«

»Das glaube ich nicht; wir würden uns wehren.«

»Du hast ja gar keine Idee, mit welcher Sicherheit hierzulande der Czakan geworfen wird, und kein Mensch ist im stande, einen auf ihn geschleuderten Czakan abzuwehren.«

»Nun, ich kenne einen, der es vermag,« erwiderte ich.

»Das glaube ich nicht. Wer soll das sein?«

»Ich selbst.«

»Oh, oh!« lächelte er, indem er mich von der Seite anblickte. »Es ist jedenfalls nur ein Scherz gewesen.«

»Es war sehr ernst gemeint. Der Mann hatte es auf mein Leben abgesehen.«

»Das begreife ich nicht. Jedenfalls hat er nicht mit dem Czakan umzugehen gewußt. Gehe in die Berge; da kannst du Meister dieser fürchterlichen Waffe sehen. Lasse dir von einem echten Skipetaren oder gar von einem Miriditen zeigen, wie das Beil gehandhabt wird, und du wirst staunen.«

»Nun, der Mann, mit welchem ich es zu tun hatte, war ein Skipetar, sogar ein Miridit.«

Er schüttelte ungläubig den Kopf und fuhr fort:

»Wenn es dir gelungen ist, seinen Czakan zu parieren, so ist er dann dir gegenüber waffenlos gewesen, und du hast ihn besiegt?«

»Allerdings. Er hat sich in meiner Gewalt befunden, und ich schenkte ihm das Leben. Er gab mir dafür sein Beil, das hier in meinem Gürtel steckt.«

»Ich habe diesen Czakan bereits lange heimlich bewundert. Es ist ein außerordentlich schöner Czakan, und ich dachte, du hättest ihn irgendwo gekauft, um recht kriegerisch zu erscheinen. Trotzdem ist er unnütz in deiner Hand, denn du verstehst nicht, mit ihm zu werfen. Oder hättest du dich bereits in dieser Kunst versucht?«

»Nicht mit einem Czakan, sondern mit andern Beilen.«

»Wo ist das gewesen?«

»Weit von hier, in Amerika, wo es wilde Völker gibt, deren Lieblingswaffe das Beil ist. Von ihnen habe ich den Gebrauch desselben gelernt, und es wird dort Tomahawk genannt.«

»Aber ein Wilder kommt einem Miridit unmöglich gleich!«

»Ganz im Gegenteil. Ich glaube nicht, daß ein Skipetar seinen Czakan so geschickt zu schleudern versteht, wie ein Indianer seinen Tomahawk. Der Czakan wird in gerader, der Tomahawk aber in der Linie des Bogens geworfen.«

»Sollte das wirklich jemand zu tun vermögen?«

»Jeder rote Krieger vermag es, und auch ich.«

Seine Wangen hatten sich gerötet, und seine Augen leuchteten. Jetzt hielt er sein Pferd an, stellte es quer vor das meinige, so daß auch ich zum Anhalten gezwungen war, und sagte:

»Effendi, du mußt verzeihen, daß ich so eifrig bin. Was bin ich gegen dich! Und dennoch wird es mir schwer, deinen Worten zu glauben. Ich will dir gestehen, daß ich ein Czakanwerfer bin, der es mit jedem andern aufnimmt. Darum weiß ich, welche Jahre der Uebung es erfordert, Meister dieser Waffe zu werden. Leider habe ich mein Beil nicht bei mir.«

»Ich habe freilich noch nie einen Czakan geworfen,« lautete meine Antwort, »aber ich denke, wenn ich auch das erste oder zweite Mal das Ziel verfehle, der dritte Wurf würde gelingen.«

»Oh, oh, Herr, denke das nicht!«

»Ich denke es, und ich würde das Beil kunstreicher werfen, als du.«

»Wie so?«

»Wenn ich es werfe, so streift die Waffe eine Strecke weit ganz unten am Boden hin, dann steigt sie in die Höhe, macht einen Bogen, senkt sich nieder und trifft ganz genau dort auf, wo es meine Absicht war, zu treffen.«

»Das ist ja ganz und gar unmöglich!«

»Es ist wirklich so.«

»Effendi, ich nehme dich bei deinem Wort. Wenn ich viel Geld bei mir hätte, würde ich dich auffordern, zu wetten.«

Er war vom Pferde gestiegen. Es hatte ihn eine solche Begeisterung ergriffen, daß es mir innerlich Spaß bereitete.

»Armer Teufel!« sagte Halef, indem er eine seiner stolzen Armbewegungen machte.

»Wen meinst du damit?« fragte ihn Israd.

»Dich natürlich.«

»So meinst du etwa, daß dein Effendi die Wette gewinnen würde?«

»Ganz gewiß.«

»Hast du ihn einmal den Czakan werfen sehen?«

»Nein, aber was er will, das kann er. Sihdi, ich rate dir, mit diesem jungen Mann zu wetten. Er wird bezahlen und dich um Verzeihung bitten müssen.«

Es war eigentlich ein kleiner Unsinn, auf den Vorschlag Israds einzugehen. Wenn wir uns wegen dieser Spielerei hier verweilten, ging uns die Zeit verloren. Aber es kam auf einige Minuten doch nicht an, und sodann war ich selbst neugierig, ob es mir gelingen werde, mit dem Czakan dasselbe auszuführen, wie mit dem Tomahawk. Dieser Versuch war gar nicht überflüssig, denn es konnte sich jeden Augenblick die Veranlassung ergeben, in vollem Ernst zu dem Beil zu greifen. Da war es gut, zu wissen, ob ich mit demselben umzugehen verstehe. Darum fragte ich den Führer:

»Wie viel Geld hast du denn bei dir?«

»Fünf oder sechs Piaster nur.«

»Ich setze hundert Piaster dagegen. Welche Bedingungen stellen wir auf?«

»Hm!« antwortete er nachdenklich. »Du hast noch nie mit einem Czakan geworfen und ich bin den deinigen nicht gewohnt. Es wird also geraten sein, daß wir erst einige Versuchswürfe machen, vielleicht drei?«

»Einverstanden.«

»Dann aber hat jeder nur einen einzigen Wurf nach dem Ziel, welches wir uns stellen,« meinte er.

»Das ist zu hart. Grad dieser Wurf kann durch einen Zufall mißlingen.«

»Nun gut, also drei Würfe jeder. Wer am besten wirft, bekommt das Geld. Wir werfen nach dem nächsten Baum da vor uns. Es ist ein Dischbudak aghadschy (* Esche.). Das Beil muß in seinem Stamm stecken bleiben.«

Wir hatten unweit eines Wasserlaufes angehalten. Es war wohl derselbe Bach, welcher hinter uns in dem Tal entsprang, nach welchem unser Abstecher gerichtet gewesen war. Am Rande des Wassers standen einzelne Bäume: Eschen, Erlen und auch alte, knorrige Weiden, aus deren Häuptern junge Ruten hervorgeschossen waren. Der uns am nächsten stehende Baum war die erwähnte Esche, welche ungefähr siebzig Schritte von uns entfernt war.

Ich stieg ab und gab Israd den Czakan. Er nahm mit ausgespreizten Beinen festen Halt, drehte den Oberleib in den Hüften, als ob er die Zuverlässigkeit dieser Gelenke erproben wollte, wog das Beil prüfend in der Hand und holte dann zum Wurf aus. Das Beil flog sehr nahe an der Esche vorüber, ohne sie jedoch zu berühren.

»Dieser Czakan ist schwerer als der meinige,« entschuldigte er sich, während Halef die Waffe herbeiholte. »Das zweite Mal werde ich treffen.«

Er traf bei dem nächsten Wurf das Ziel, aber nicht mit der Schärfe des Beiles, sondern nur mit dem Stiel. Aber der dritte Probewurf gelang besser, denn die Axt traf den Stamm, leider aber nicht so, daß die Schneide in demselben stecken blieb.

»Das tut nichts,« meinte er. »Das war ja nur zur Probe. Nachher treffe ich gewiß, denn ich kenne jetzt das Beil. Nun du, Effendi!«

Ich nahm mir im stillen nicht die Esche zum Ziel, sondern einen weit hinter derselben stehenden alten Weidenstamm, der gänzlich ausgehöhlt war und nur einen einzigen, grad emporstehenden Ast hatte, welcher eine kleine Krone von beblätterten Zweigen trug.

Zunächst mußte ich die Hand an das Gewicht des Czakans gewöhnen; darum geschah der Wurf ganz in derselben Weise, wie derjenige Israds gewesen war. Ich wollte die Weide nicht treffen, sondern nur Richtung nehmen. Darum flog das Beil weit links von der Esche vorüber und bohrte sich dort in den weichen Boden ein.

»O Himmel!« lachte unser Führer. »Du willst die Wette gewinnen, Effendi?«

»Ja,« sagte ich ernsthaft.

Trotzdem gerieten die beiden nächsten Probewürfe scheinbar noch schlechter, als der erste. Aber ich ließ mich mit Vergnügen von Israd auslachen, denn ich war überzeugt, daß ich, wenn es nun galt, das Ziel nicht fehlen würde.

Halef, Omar und Osko lachten nicht – sie ärgerten sich im Stillen darüber, daß ich auf die Wette eingegangen war, ohne gewiß zu sein, sie gewinnen zu müssen.

»Die Probe ist vorüber,« sagte Israd. »Nun wird es ernst. Wer wirft zuerst?«

»Du, natürlich.«

»So wollen wir vorher das Geld zahlen, damit dann kein Irrtum vorkommt. Osko mag es in seine Hand nehmen.«

Der gute Mann hatte mich also im Verdacht, daß ich mich weigern würde, die hundert Piaster zu zahlen. Er war ja vollständig überzeugt, die Wette zu gewinnen. Ich gab Osko das Geld. Mein Gegner zahlte seine wenige Piaster und griff dann nach dem Beil.

Seine Fertigkeit war wirklich nicht unbedeutend. Er traf alle drei Male den Stamm, aber nur beim letzten Mal blieb die Axt in demselben stecken.

»Keinmal gefehlt,« jubelte er. »Und einmal saß der Czakan sogar fest. Mache es mir nach, Effendi!«

Jetzt mußte ich nach indianischer Art und Weise werfen, wenn ich treffen sollte. Ich holte aus, wirbelte den Czakan um den Kopf und erteilte ihm jene rotierende Bewegung, welche beim Billardspiel als »Effekt« bezeichnet wird. Das Beil sauste, sich um sich selbst drehend, am Boden hin, stieg empor, senkte sich dann plötzlich wieder nieder und fuhr in den Stamm der Esche, in welchem es sitzen blieb.

Meine Gefährten jubelten laut auf. Israd aber sagte, indem er mit dem Kopf schüttelte:

»Welch ein Zufall, Effendi! Es ist kaum zu glauben.«

»Zufall? Da irrst du dich außerordentlich,« antwortete ich.

Halef holte das Beil zurück, und ich schleuderte es noch zweimal in die Esche. Die Gefährten jubelten; Israd aber wollte noch immer nicht daran glauben, daß ich diesen Erfolg nicht dem bloßen Zufall zu verdanken habe.

»Wenn du noch nicht überzeugt bist,« sagte ich, »so will ich dir jetzt einen vollgültigen Beweis geben. Sieh die alte ausgehöhlte Weide dort hinter der Esche!«

»Ich sehe sie. Was ist's mit ihr?«

»Ich werde nach ihr werfen.«

»Herr, sie ist weit über hundert Schritte entfernt. Du willst sie wirklich treffen?«

»Nicht nur das, sondern ich will den einen Ast treffen, welchen sie hat, und zwar so, daß er höchstens eine Handbreit über dem Stamm von dem Czakan abgeschnitten wird.«

»Herr, das wäre ein Wunder!«

»Nach den bisherigen sechs Würfen ist mir die Waffe so handgerecht, daß ich gar nicht fehlen kann. Ich werde nun erst jetzt dem Czakan die richtige Doppeldrehung geben, und du wirst sehen, daß er, sobald er am Boden aufgestiegen ist, ganz plötzlich, wie mit einem Ruck, eine dreifache Schnelligkeit erhält. Paß einmal auf!«

Der Wurf gelang in der vorausgesagten Weise. Das Beil wirbelte an der Erde hin, stieg langsam empor und flog dann mit plötzlich vermehrter Schnelligkeit wieder abwärts und auf die Weide zu. Im nächsten Augenblick lag der erwähnte Ast am Boden.

»Geh hin und sieh nach!« sagte ich. »Er wird genau eine Handbreit vom Stamm abgeschnitten sein, und zwar scharf, wie mit dem Messer, denn die Schneide des Beiles hat ihn getroffen.«

Israd machte ein so verblüfftes Gesicht, daß ich hellauf lachen mußte.

»Habe ich es nicht gesagt?« rief Halef. »Was der Effendi will, das kann er. Osko, gib ihm das Geld! Es sind die Piaster des Triumphes, welche er einstecken mag.«

Natürlich nahm ich nur meinen Einsatz wieder, und Israd erhielt sein Geld zurück. Er konnte sich nur schwer beruhigen und erging sich, als wir bereits längst wieder unterwegs waren, in den verschiedensten Ausrufen der Verwunderung.

Mir aber war es lieb, gesehen zu haben, daß ich mich auf meine Hand verlassen könne.

Nach dieser kurzen Unterbrechung unseres Rittes erlitt derselbe keine weitere Störung. Es wurde Nacht, und Israd erklärte, daß wir in ungefähr einer Stunde in Treska-Konak ankommen würden.

Wir kamen wieder durch Wald, welcher glücklicherweise nicht dicht war, und dann senkte sich die Höhe. Es gab Weideland, und dann hörten wir Hunde bellen.

»Das sind die Samsunlar (* Schäferhunde.) meines Verwandten,« erklärte Israd. »Grad vor uns liegt der Konak am Fluß und links das Haus meines Schwähers. Wir wollen aber einen Bogen schlagen. Es könnte ein Knecht des Konakdschi im Freien sein und uns bemerken.«

Wir wichen nach links ab, bis wir den Fluß erreichten, und ritten nun am Ufer hin bis an das Wohnhaus des Schäfers.

Das war ein langes, niedriges, nur aus dem Erdgeschoß bestehendes Gebäude. Einige Fensterläden standen offen, und aus ihnen schimmerte Licht. Die Hunde fuhren mit wütendem Gebell auf uns los, beruhigten sich aber sogleich, als sie die Stimme Israds erkannten. Ein Mann steckte den Kopf durch das Fenster und fragte:

»Wer ist da?«

»Ein guter Bekannter.«

»Israd ist's! Frau, der Schwäher ist da!«

Der Kopf verschwand; gleich darauf wurde die Türe geöffnet, und die Alten eilten herbei, um Israd zu begrüßen. Auch der ältere Sohn kam, um ihn zu umarmen. Dann sagte der Schäfer:

»Du bringst uns Leute mit. Werden sie bei uns bleiben?«

»Ja; aber sprich nicht so laut. Der Konakdschi darf nicht merken, daß diese Männer hier sind. Sorge vor allen Dingen dafür, daß unsere Pferde in den Stall kommen.«

Es war nur ein niederer Schafstall vorhanden, in welchem ich mit dem Kopf an die Decke stieß. Mein Rappe weigerte sich, hinein zu gehen. Der Geruch der Schafe war seiner edlen Nase zuwider, und nur durch Streicheln und Zureden gelang es mir, ihn folgsam zu machen. Dann begaben wir uns in die Stube oder vielmehr in das, was man eben heute Stube nannte, denn der einzige große Raum, welchen das Wohnhaus bildete, wurde nur durch die schon oft erwähnten Weidengeflechte in verschiedene Abteilungen geschieden. Man konnte eine jede derselben durch Verschiebung dieser Scheidewände beliebig vergrößern oder verengern.

Es waren nur Vater, Mutter und Sohn zu Hause. Die Knechte befanden sich bei den Schafhürden, und Mägde gab es nicht.

Israd nannte unsere Namen und erzählte zunächst, daß wir seine Schwester gerettet hatten. Das hatte zur Folge, daß wir eine außerordentlich herzliche Aufnahme fanden. Der Sohn begab sich in den Stall, um unsern Pferden gutes Wasser und das beste Futter zu geben, und die Eltern trugen herbei, was im Hause vorhanden war, damit wir ein festliches Mahl halten könnten.

Natürlich bewegte sich das Gespräch zunächst um das, was sie am meisten interessierte, die Rettung ihrer Schwiegertochter. Dann kamen wir auf den Zweck unserer Reise zu reden, und ich erfuhr, daß die Gesuchten in dem Konak angekommen waren.

Nun erzählte ich in kurzen Umrissen, warum wir denselben folgten, und erregte dadurch ein nicht geringes Erstaunen.

»Sollte man es glauben, daß es solche Leute gibt!« rief die alte Frau, indem sie die Hände zusammenschlug. »Das ist ja ganz schrecklich!«

»Ja, schrecklich ist es,« nickte ihr Mann; »aber zu wundern brauchen wir uns nicht darüber, da sie Anhänger des Schut sind. Das ganze Land könnte Gott auf den Knieen danken, wenn diese Geißel des Volkes einmal unschädlich gemacht wäre.«

»Weißt du vielleicht etwas näheres über den Schut?« fragte ich ihn.

»Ich weiß auch nicht mehr als du und Andere. Wüßte man seinen Wohnort, so würde man auch ihn selbst kennen, und dann wäre es mit ihm aus.«

»Das ist noch die Frage. Ich bin überzeugt, daß die Behörde mit ihm in Verbindung steht. Weißt du nicht, wo Karanirwan-Khan liegt?«

»Diesen Namen kenne ich nicht.«

»Kennst du auch keinen Mann, der Kara Nirwan heißt?«

»Ebensowenig.«

»Aber einen Perser kennst du, welcher das Geschäft des Pferdehandels treibt?«

»Ja. Der heißt aber im Mund des Volkes Kara Adschemi. Was ist's mit diesem?«

»Ich habe ihn im Verdacht, der Schut zu sein.«

»Was? Dieser Perser?«

»Beschreibe ihn mir einmal!«

»Er ist länger und stärker als du und ich, ein wahrer Riese, und trägt einen schwarzen Vollbart, welcher weit bis zur Brust herabreicht.«

»Wie lange befindet er sich im Lande?«

»Das weiß ich nicht genau. Es sind wohl an die zehn Jahre her, daß ich ihn zum erstenmal gesehen habe.«

»So lange ist es wahrscheinlich auch, daß man von dem Schut gesprochen hat?«

Er blickte mich überrascht an, sann ein wenig nach und antwortete dann:

»Ja, so ungefähr wird es sein.«

»Wie ist das Auftreten dieses Pferdehändlers?«

»Er benimmt sich überaus gebieterisch, wie alle Leute, welche wissen, daß sie reich sind. Er geht stets bis an die Zähne bewaffnet und ist als ein Mann bekannt, mit welchem man keinen Spaß machen darf.«

»So ist er zu Gewalttätigkeiten geneigt?«

»Ja, er ist gleich mit der Faust oder mit der Pistole zur Hand, und man erzählt sich, daß schon Mehrere, die ihn beleidigt hatten, den Mund nicht wieder öffneten, weil ein Toter nicht mehr reden kann. Aber von Raub und Diebstahl weiß ich nichts zu berichten.«

»Diese Beschreibung paßt ganz genau zu dem Bilde, welches ich mir von ihm gemacht habe. Weißt du vielleicht, ob er mit dem Köhler Scharka verkehrt?«

»Davon habe ich noch nichts erfahren. Hast du mit dem Kohlenbrenner auch zu tun?«

»Bis jetzt noch nicht; aber ich denke, daß ich mit ihm zusammentreffen werde; die Fünf wollen zu ihm. Seine Wohnung ist ihnen also bekannt. Weißt auch du sie vielleicht?«

»Ich weiß nur, daß er in einer Höhle wohnt, welche jenseits von Glogovik im tiefen Walde liegt.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Nur vorübergehend.«

»Er muß doch von Zeit zu Zeit den Wald verlassen, um seine Kohlen zu verkaufen, oder es müssen Leute zu demselben Zweck ihn aufsuchen.«

»Er verkauft nicht selbst. Da drüben in den Bergen ist ein Kurumdschy (* Rußhändler, Rußbuttenmann.), welcher ihm das alles besorgt. Dieser zieht mit seinem Wagen, auf welchem sich die Kohlen und die Rußfäßchen befinden, im Lande umher.«

»Was ist er für ein Mann?«

»Ein finsterer, wortkarger Kerl, der sich mit keinem Menschen abgibt. Man sieht ihn lieber gehen, als kommen.«

»Hm! Vielleicht bin ich gezwungen, ihn aufzusuchen, um von ihm die Höhle des Köhlers zu erfahren.«

»Als Wegweiser könnte ich dir wenigstens einen Knecht bis Glogovik mitgeben. Weiter hinauf kennt auch er die Wege nicht.«

»Wir nehmen dieses Anerbieten herzlich gern an. Dein Sohn erzählte mir, daß der Köhler im Verdacht des Mordes stehe.«

»Das ist nicht nur Verdacht; man weiß es sicher, obgleich es keine Zeugen gibt, mit deren Hilfe er überführt werden könnte. Er hat sogar im Verkehr mit den Aladschy gestanden, welche von den Soldaten freilich vergeblich bei ihm gesucht worden sind.«

»Auch dein Sohn sprach davon. Er hat diese beiden Menschen heute gesehen.«

»Die Scheckigen? Wirklich? Ich habe oft gewünscht, ihnen einmal zu begegnen, natürlich aber so, daß ich sie nicht zu fürchten habe.«

»Nun, das ist ja geschehen.«

»Wann sollte das gewesen sein?«

»Heute. Hast du unter den fünf Reitern nicht zwei gesehen, welche auf scheckigen Pferden ritten?«

»Himmel! So befinden sie sich also hier, drüben im Konak meines Nachbarn! Da ist ja das Unheil in der Nähe!«

»Heute brauchst du sie nicht zu fürchten, denn wir sind hier. Sobald sie erführen, daß wir uns bei dir befinden, würden sie sich aus dem Staub machen. Uebrigens wirst du sie vielleicht sehen, wenn du jetzt heimlich hinübergehst. Suche zu erfahren, ob man sie vielleicht belauschen kann.«

Er ging, und wir beschäftigten uns während seiner Abwesenheit angelegentlich mit dem Abendessen. Nach einer kleinen halben Stunde kam er zurück und meldete uns, daß er sie gesehen habe.

»Aber es waren ihrer nur vier,« sagte er. »Der Verwundete befand sich nicht bei ihnen. Sie sitzen neben der Schlafkammer des Nachbars. Ich habe mich rund um das ganze Haus geschlichen und an allen Läden gespäht, ob man durch eine Spalte hineinsehen kann. Endlich kam ich an den betreffenden Laden, welcher ein kleines Astloch hat. Sie saßen mit dem Konakdschi zusammen und hatten einen Krug mit Raki vor sich stehen.«

»Sprachen sie?«

»Ja, aber nicht von eurer Angelegenheit.«

»Ob sie wohl zu belauschen wären? Kann man sie verstehen, wenn man außen am Laden steht?«

»Ich habe nur einzelne Worte richtig hören können. Um ihr Gespräch zu hören, müßte man in die Schlafstube steigen; der Laden steht auf.«

Er beschrieb die Lage dieser Stube und ihr Inneres, und ich erkannte, daß es allzu gefährlich wäre, hineinzusteigen; zumal man annehmen mußte, daß der alte Mübarek sich darin befinde.

»Nein, wir wollen auf dieses Unternehmen verzichten,« sagte ich. »Nachher werde ich selbst einmal hinüberschleichen, um Kundschaft einzuholen.«

Somit hielt ich diese Angelegenheit für erledigt. Im Laufe des weiteren Gesprächs stand Halef auf, um einmal hinauszugehen.

»Ich will nicht hoffen, daß du dich hinüberschleichen willst,« rief ich ihm nach. »Das verbiete ich dir aufs strengste!«

Er nickte nur und ging. Ich aber war nicht beruhigt und beauftragte Omar, ihm heimlich zu folgen. Dieser kehrte schnell zurück und meldete mir, daß der Hadschi nach dem Stall gegangen sei, jedenfalls um sich zu überzeugen, daß es den Pferden, besonders meinem Rappen an nichts mangele. Damit gab ich mich zufrieden. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, und da Halef noch nicht wieder da war, so erwachte meine Sorge von neuem. Als ich sie laut werden ließ, ging der Wirt, um nach ihm zu suchen; aber er kehrte unverrichteter Dinge zurück; er hatte ihn nirgends gefunden.

»So habe ich ganz richtig geahnt: er hat eine Dummheit gemacht und befindet sich höchst wahrscheinlich in Gefahr. Osko, Omar, nehmt eure Gewehre – wir müssen hinüber zu dem Konak, denn ich wette, daß er so verwegen gewesen ist, in das Schlafzimmer einzusteigen.«

Ich nahm nur den Stutzen, welcher mehr als genügend war, die ganze Gesellschaft im Zaum zu halten. Draußen war es stockdunkel. Der Schäfer diente uns als Führer. Da ich meinen Fuß zu schonen hatte, gingen wir nur sehr langsam am Ufer hin, bis der Konak als dunkle Masse vor uns lag, etwa fünfzig Schritte von dem Fluß entfernt.

Wir schlichen an der Vorderseite des Hauses hin, wo alle Fenster verschlossen waren, und bogen dann nach derjenigen Giebelseite ab, welche die Stallungen enthielt. Dort standen junge Fichten, die mit ihren unteren Aesten fast den Boden berührten. Zwischen ihnen und dem Hause war nur ein schmaler Raum zum Gehen frei.

Von da aus führte uns der Schäfer nach der hinteren Seite des Gebäudes, an welcher entlang wir hinschlichen. Es war keine Spur von Halef zu bemerken; doch war ich der festen Ueberzeugung, daß er sich jetzt im Innern des Hauses befand, festgenommen von den Leuten, welche er hatte belauschen wollen.

Da blieb unser Wirt stehen und deutete auf zwei Läden, welche, wie alle übrigen, von innen verriegelt waren.

»Hier dieser erste Laden,« flüsterte er, »gehört zu der Stube, in welcher die Männer saßen; der zweite aber zur Schlafkammer.«

»Sagtest du nicht, daß dieser zweite Laden offen gewesen sei?«

»Ja, vorhin stand er auf.«

»So ist er seitdem zugemacht worden. Das muß einen Grund haben. Und welcher Grund könnte es sonst sein, als daß die Halunken bemerkt haben, daß man sie belauscht?«

Ich huschte an den ersten Laden und blickte durch das Astloch. Die Stube war durch eine Unschlittkerze, welche in einem Leuchter von Draht steckte, nur notdürftig erhellt; aber ich sah genug.

An einem Tisch saßen Manach el Barscha und Barud el Amasat. Vorn am Eingang stand ein Mann von untersetzter, kräftiger Gestalt und rohen Gesichtszügen, jedenfalls der Wirt. An der Wand zu meiner rechten Hand lehnten die beiden Aladschy. Die Gewehre dieser Leute waren in der Ecke an hölzernen Haken aufgehängt. Die Blicke aller fünf richteten sich auf – Halef, welcher auf dem Boden lag, an Händen und Füßen gebunden. Die Gesichter seiner Feinde weissagten nichts Gutes. Manach el Barscha schien das Verhör zu führen. Er befand sich jedenfalls in zorniger Erregung, denn er sprach so laut, daß ich jede Silbe verstehen konnte.

»Siehst du etwas, Sihdi?« fragte Omar.

»Ja,« antwortete ich leise. »Der Hadschi liegt gebunden auf dem Boden und wird jetzt eben verhört. Kommt her! Sobald ich den Laden zertrümmere, helft ihr mit und streckt dann die Mündungen eurer Gewehre hinein. Der Laden muß aber im Nu in Stücke gehen, damit sie nicht Zeit finden, sich an Halef zu vergreifen, ehe wir ihn schützen können. Und nun still!«

Ich horchte.

»Und wer hat dir gesagt, daß wir hier sind?« erkundigte sich Manach el Barscha.

»Suef hat es selbst gesagt,« antwortete Halef.

Ich sah den Genannten nicht; aber jetzt trat er von links herein. Er mochte in der Schlafstube gewesen sein.

»Hund, lüge nicht!« sagte er, indem er Halef einen Fußtritt versetzte.

»Schweig und schimpfe nicht!« antwortete der Kleine. »Hast du nicht in unserer Gegenwart zu dem Wirt in Rumelia gesagt, daß du nach dem Treska-Konak reiten wolltest?«

»Ja, aber ich habe nicht gesagt, daß sich auch diese Männer hier befinden werden.«

»Das konnten wir uns doch denken. Mein Effendi hat dir ja in Kilissely ins Gesicht gesagt, daß du schnell aufbrechen würdest, um ihnen zu folgen.«

»Der Scheïtan hole diesen Effendi! Wir werden ihm die Sohlen zerfleischen, damit er weiß, was ich heute empfunden habe. Ich kann kaum stehen.«

Er ließ sich neben Halef auf den Boden nieder.

»Wie aber habt ihr erfahren, wo der Treska-Konak liegt?« erkundigte sich Manach weiter.

»Wir haben gefragt; das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Und warum bist du uns allein nachgeritten? Warum blieben die Andern zurück?«

Halef war doch so schlau gewesen, zu tun, als ob er sich allein hier befände. Er benahm sich überhaupt sehr gefaßt. Und das war auch nicht zu verwundern, denn er konnte sich sagen, daß die Sorge um ihn uns bald herbeiführen würde.

»Hat euch Suef denn nicht gesagt, daß mein Effendi in das Wasser gestürzt ist?«

»Ja, und hoffentlich ist er ersoffen!«

»Nein, diesen Gefallen hat er euch nicht getan. Er lebt noch, obgleich er krank geworden ist. Die Andern müssen ihn pflegen. Mich aber hat er vorausgeschickt, um euch zu beobachten. Wenn es möglich ist, kommt er morgen nach. Bis zum Abend ist er sicher hier, und dann wird er mich befreien.«

Sie lachten alle hellauf.

»Dummkopf!« rief Manach el Barscha. »Meinst du denn wirklich, daß du morgen abend noch unser Gefangener sein wirst?«

»So wollt ihr mich eher frei lassen?« fragte er mit dummer Miene.

»Ja, wir lassen dich eher frei. Wir werden dir erlauben, zu gehen, aber nur in die Hölle.«

»Ihr scherzet. Dorthin weiß ich den Weg gar nicht.«

»Mache dir keine Sorge. Wir werden ihn dir schon zeigen. Vorher aber müssen wir dir noch eine kleine Lehre geben, welche dir vielleicht nicht behagen wird.«

»O, ich pflege für jede Belehrung dankbar zu sein.«

»Wollen hoffen, daß dies auch hier der Fall ist. Wir wollen dich nämlich daran erinnern, daß es ein Gesetz gibt, welches heißt: Auge um Auge, Gleiches mit Gleichem. Ihr habt Habulam, Humun und Suef gepeitscht; gut, so wirst auch du die Bastonnade erhalten, und zwar so, daß dir die Fetzen von den Füßen fliegen. Ihr habt das Wasser auf den Turm gepumpt, damit wir ertrinken sollten; wohlan, wir werden auch dich unter Wasser setzen, so daß du elendiglich ersäufst, aber schön langsam, damit wir eine Freude daran haben. Wir werden dich in den Fluß hier hineinlegen, so daß nur deine Nase herausragt. Da magst du so lange Luft schnappen, wie es dir möglich ist.«

»Das werdet ihr nicht tun!« rief Halef in kläglichem Tone.

»Nicht? Warum sollten wir darauf verzichten?«

»Weil ihr gläubige Söhne des Propheten seid und einen Moslem nicht martern und ermorden werdet.«

»Geh zum Scheïtan mit deinem Propheten! Wir machen uns nichts aus ihm. Du sollst eines Todes sterben, welcher schlimmer sein wird, als die Verdammnis, in welche du sodann fährst.«

»Was habt ihr davon, wenn ihr mich tötet? Das böse Gewissen wird euch peinigen bis zu dem Augenblick, an welchem der Engel des Todes zu euch tritt.«

»Mit unserem Gewissen werden wir selbst fertig. Du fühlst wohl bereits jetzt die Angst des Todes? Ja, wenn du klug sein wolltest, so könntest du ihm noch einmal entgehen.«

»Was müßte ich tun?« fragte Halef schnell.

»Uns alles gestehen.«

»Was denn?«

»Wer dein Herr ist, was er von uns will und was er beabsichtigt, gegen uns zu tun.«

»Das darf ich nicht verraten.«

»So mußt du sterben. Ich hatte es gut gemeint. Wenn du aber meinen Fragen deinen Mund verschließest, so ist dein Schicksal entschieden.«

»Ich verstehe dich,« erwiderte Halef. »Du willst mich durch dein Versprechen täuschen. Wenn ich dann alles gesagt habe, so lacht ihr mich aus und haltet nicht Wort.«

»Wir werden Wort halten.«

»Schwörst du es mir zu?«

»Ich schwöre es dir zu bei allem, was ich glaube und verehre. Nun entschließe dich schnell, denn die Stimmung der Gnade hält bei mir nicht lange an.«

Halef tat so, als ob er ein kleines Weilchen nachdächte, und sagte dann:

»Was habe ich von dem Effendi, wenn ich tot bin? Gar nichts! Ich ziehe es vor, zu leben, und will euch also Auskunft erteilen «

»Das ist dein Glück!« sagte Manach. »Also sage uns zunächst, wer dein Herr eigentlich ist?«

»Habt ihr denn nicht gehört, daß er ein Deutscher ist?«

»Ja, das hat man uns gesagt.«

»Und ihr glaubt es auch? Kann ein Deutscher alle drei Pässe von dem Großherrn haben mit dem Siegel des Wesirs darunter?«

»So ist er wohl gar nicht ein Nemtsche?«

»Das fällt ihm nicht ein!«

»Aber ein Giaur ist er?«

»Auch nicht. Er verstellt sich, damit man nicht ahnen soll, wer er ist.«

»Dann also heraus damit! Wer ist er?«

Halef machte ein überaus wichtiges Gesicht und antwortete:

»Seinem ganzen Auftreten nach müßt ihr doch einsehen, daß er kein Kütschük jijit (* Kleiner Mann.), sondern etwas ganz Außerordentliches ist. Ich habe schwören müssen, sein Geheimnis nicht zu verraten; aber wenn ich nicht spreche, so tötet ihr mich, und der Tod hebt alle Schwüre auf. So sollt ihr denn erfahren, daß er ein fremder Schahnameh ist (** Kmönigssohn.).«

»Hund! Willst du uns belügen?«

»Wenn ihr es nicht glaubt, so ist es nicht meine Schuld.«

»Soll er etwa gar ein Sohn des Großherrn sein!«

»Nein. Ich habe doch gesagt, daß er fremd sei.«

»Aus welchem Lande?«

»Aus Hindistan (*** Indien.), welches jenseits Persien liegt.«

»Warum ist er nicht dort geblieben? Warum reitet er bei uns im Lande umher?«

»Um sich ein Weib zu suchen.«

»Ein . – Weib?« fragte Manach el Barscha, aber nicht etwa im Ton des Erstaunens, sondern mit einer Miene, welche ein Deutscher sehen läßt, wenn er das Wort »Aha!« ausruft.

Die Aussage des Hadschi erschien diesen Leuten gar nicht so unglaublich. Hunderte von morgenländischen Märchen behandeln das Thema von dem Fürstensohne, welcher unerkannt im Lande umherzieht, um sich die Schönste der Schönsten, welche natürlich stets die Tochter blutarmer Leute ist, zur Frau zu erkiesen. Dies konnte ja auch hier der Fall sein.

»Warum aber sucht er grad hier im Land der Skipetaren?« lautete die nächste Frage.

»Weil es hier die schönsten Töchter gibt und weil es ihm geträumt hat, daß er die Blume seines Harems hier finden werde.«

»So mag er nach ihr suchen! Aber was hat er sich um uns zu kümmern?«

Den Kleinen kitzelte der Schalk trotz der bösen Lage, in welcher er sich befand. Er antwortete im ernstesten Ton:

»Um euch? Das fällt ihm gar nicht ein. Er hat es nur mit dem Mübarek zu tun.«

»Inwiefern?«

»Weil er im Traum den Vater der Schönsten gesehen hat und auch die Stadt, in welcher er ihn finden soll. Die Stadt ist Ostromdscha, und der Vater ist der alte Mübarek. Warum flüchtet sich derselbe vor meinem Herrn? Er mag ihm seine Tochter geben, so wird er als Kain ata (* Schwiegervater.) des reichsten indischen Fürsten große Macht erlangen.«

Da ertönte aus dem Nebenraum die schnarrende Stimme des Verwundeten:

»Schweig, du Sohn einer Hündin! Ich habe nie im Leben eine Tochter gehabt. Deine Zunge hängt voll Lügen, wie die Nessel voll von Raupen. Meinst du denn, ich wisse nicht, wer dein Herr ist, dem ich die Qualen der zehntausend Höllen wünsche? Trägt er nicht das Hamaïl noch heute an seinem Hals, obgleich er ein verfluchter Sohn der Ungläubigen ist? Ich habe es bisher verschwiegen, denn ich wollte die Rache allein genießen. Aber deine Lüge ist so groß, daß sie mir in den Ohren brennt. Ich muß nun sagen, was ich weiß, und darf nicht länger schweigen.«

»Was ist's, was ist's?« fragten die Andern.

»Wisset, ihr Leute, daß dieser Fremde nichts ist als ein verfluchter Riswaidschi (* Schänder.) der Erazü mübarek (** Heilige Orte.)! Ich habe ihn in Mekka gesehen, in der Stadt der Anbetung. Er wurde erkannt; ich stand neben ihm und streckte die Hand zuerst nach ihm aus, aber der Scheïtan stand ihm bei, daß er entkam. Und dieser Hadschi Halef Omar war bei ihm und hat ihm geholfen, das größte Heiligtum der Moslemin mit dem Blick eines Christenhundes zu besudeln. Ich habe die Gesichter dieser beiden nie vergessen und sie wieder erkannt, als ich als Krüppel an der Straße von Ostromdscha saß und sie an mir vorüberritten. Laßt euch nicht mit frechen Lügen beträufeln, sondern nehmt fürchterliche Rache für diese Freveltat. Ich habe gesonnen und gesonnen, welche Strafe diese Frevler erleiden müssen, aber ich habe keine Züchtigung gefunden, welche mir groß genug erschien. Darum schwieg ich bis jetzt.«

Er hatte schnell und übereifrig gesprochen, wie Einer, der im Fieber liegt. Dann stöhnte er laut, denn die Schmerzen seiner Wunde übermannten ihn. Es war ganz genau so, wie ich gesagt hatte: man hatte ihn im Schlafzimmer untergebracht.

Und nun wurde es plötzlich hell in mir. Also darum war mir sein hageres, charakteristisches Gesicht so bekannt gewesen! Darum war es mir wie träumend vorgekommen: ein Meer von Menschen, empört und erregt, und inmitten dieses Meeres diese eine Gestalt, die langen, dürren Arme nach mir ausstreckend und die Knochenfinger krallend, wie ein Raubvogel, welcher auf seine Beute schießt! In Mekka war es gewesen, wo ich ihn gesehen hatte. Sein Bild hatte sich, mir unbewußt, meinem Gedächtnis eingeprägt, und als ich ihn dann in Ostromdscha wiedersah, ahnte ich wohl, ihm schon einmal begegnet zu sein, konnte mich aber nicht des Ortes erinnern, an welchem dies geschehen war.

Nun verstand ich auch den haßerfüllten Blick, den er in Ostromdscha auf mich geworfen hatte, und die feindselige Art und Weise, in welcher ich von ihm behandelt worden war.

Seine Worte brachten die von ihm erwartete Wirkung hervor. Diese Menschen waren Verbrecher, aber sie waren auch Moslemim, und wenn Manach el Barscha auch gesagt hatte, daß er sich aus dem Propheten nichts mache, so war dies doch nicht wörtlich zu nehmen. Der Gedanke, ich sei ein Christ und habe die heilige Kaaba entweiht, rief ihre tiefste Empörung hervor. Und daß Halef sich bei mir befunden und also an dieser Todsünde teilgenommen hatte, das erfüllte sie mit einem Rachegefühl, welches für ihn weder Gnade noch Barmherzigkeit übrig ließ.

Kaum hatte der Mübarek ausgesprochen, so sprangen die am Tisch Sitzenden auf, und auch Suef schnellte vom Boden empor, wie von einer Natter gestochen.

»Lügner!« brüllte er, indem er mit dem Fuß nach Halef stieß. »Verdammter Lügner und Verräter seines eigenen Glaubens! Hast du den Mut, zu sagen, daß der Mübarek nicht die Wahrheit gesprochen habe?«

»Ja, rede!« schrie auch einer der Aladschy. »Rede, oder ich zermalme dich hier zwischen diesen meinen Fäusten! Bist du in Mekka gewesen?«

Halef verzog keine Miene. Der kleine Hadschi war wirklich ein mutiger Mann. Er antwortete:

»Was regt ihr euch auf? Warum tut ihr, als ob der Raubvogel unter die Enten gefahren sei? Seid ihr Männer oder Kinder?«

»Mensch, beleidige uns nicht!« rief Manach el Barscha. »Deine Strafe wird schon ohnedies eine fürchterliche sein. Willst du sie noch entsetzlicher machen dadurch, daß du unsern Zorn verdoppelst? Antworte also: bist du in Mekka gewesen?«

»Muß ich denn nicht dort gewesen sein, da ich doch ein Hadschi bin?«

»Und war dieser Kara Ben Nemsi mit dir dort?«

»Ja.«

»Er ist ein Christ?«

»Ja.«

»Er ist also kein Königssohn aus Indien?«

»Nein.«

»So hast du uns belogen! Heiligtumsschänder! Das sollst du büßen, und zwar jetzt. Wir werden dich knebeln, daß du keinen Laut auszustoßen vermagst, und dann soll die Marter beginnen. Konakdschi, gib etwas her, womit wir ihm den Mund verstopfen.«

Der Wirt ging und kehrte im Augenblick mit einem Tuche zurück.

»Sperre das Maul auf, Hund, daß wir dir den Knebel hineinschieben!« gebot Barud el Amasat, das Tuch nehmend und sich zu Halef niederbeugend. Und da der Hadschi diesem Befehle nicht Folge leistete, fügte er hinzu: »Oeffne, sonst breche ich dir die Zähne mit der Klinge auseinander!«

Er kniete neben dem Hadschi nieder und riß sein Messer aus dem Gürtel. Jetzt war es die höchste Zeit, der Sache ein Ende zu machen.

»Schlagt zu!« sagte ich.

Ich hatte den umgekehrten Stutzen bereits stoßbereit in die Hände genommen. Ein Hieb, und zwei Bretter des Ladens flogen in die Stube. Zu beiden Seiten von mir schlugen auch Osko und Omar zu, so daß die andern Teile des Ladens nachfolgten. Im Nu hatten wir die Gewehre umgedreht und die Mündungen derselben nach der Stube gerichtet.

»Halt! Rührt euch nicht, wenn ihr nicht unsere Kugeln haben wollt!« rief ich hinein.

Barud el Amasat, welcher sein Messer über das Gesicht Halefs gehalten hatte, fuhr in die Höhe.

»Der Deutsche!« rief er erschrocken.

»Sihdi!« rief Halef. »Schieß' sie nieder!«

Aber zu schießen wäre Unsinn gewesen, da es keine Ziele für unsere Kugeln mehr gab. Kaum hatten nämlich die Wichte meine Worte gehört und mein Gesicht gesehen, welches sie bei dem Scheine des Lichtes erkennen konnten, so rissen sie ihre Gewehre von dem Haken und rannten zur Stube hinaus, der Wirt mit ihnen.

»Hinein zu Halef!« gebot ich Omar und Osko. »Bindet ihn los! Löscht aber das Licht aus, damit ihr nicht etwa den feindlichen Kugeln ein Ziel bietet. Bleibt ruhig in der Stube, bis ich komme!«

Sie gehorchten sofort.

»Du kannst mich hier erwarten,« sagte ich zu dem Schäfer und eilte der Mauer entlang nach der Ecke, um welche wir vorhin gekommen waren, und huschte dann zwischen den jungen Fichten und dem Hause bis an die vordere Seite desselben.

Was ich vermutet hatte, geschah. Ich sah trotz der Dunkelheit mehrere Gestalten auf mich zukommen und trat schnell zurück, um mich unter die niedersten Aeste der Fichten zu verkriechen. Kaum lag ich da, so kamen sie: Manach, Barud, die Aladschy, Suef und der Wirt.

»Vorwärts!« kommandierte Barud leise. »Sie stehen noch am Laden. Das Licht muß aus der Stube auf sie fallen und sie beleuchten. Wir sehen sie also und schießen sie nieder.«

Er war der Vorderste von ihnen. Als er die Ecke erreichte und an der hintern Seite des Hauses hinabblicken konnte, blieb er stehen.

»Verdammt!« sagte er. »Man sieht nichts. Das Licht ist fort. Was ist zu tun?«

Es trat eine Pause ein.

»Wer kann das Licht ausgelöscht haben?« fragte endlich Suef.

»Vielleicht hat es einer von uns während der Flucht vom Tische gerissen,« antwortete Manach.

»Verdammt!« knirschte auch einer der Aladschy. »Dieser Deutsche steht wirklich mit dem Teufel im Bund. Kaum meinen wir, ihn oder einen seiner Leute fest zu haben, so zerrinnt er wie Nebel. Nun stehen wir da und wissen nicht, was wir tun sollen.«

In diesem Augenblick ließ sich von daher, wo der Schäfer stand, ein leises Husten hören. Er hatte den Hustenreiz nicht unterdrücken können.

»Hört ihr es? Er steht wirklich noch dort,« meinte Manach.

»So geben wir ihm eine Kugel,« sagte Sandar, der Aladschy.

»Nieder mit der Flinte!« gebot Manach. »Du kannst ihn nicht sehen, und wenn du schießest, so triffst du ihn nicht, aber du verrätst ihm unsere Anwesenheit. Es muß etwas Anderes geschehen. Konakdschi, kehre in das Haus zurück, und berichte uns, wie es drinnen steht.«

»Alle Teufel!« antwortete der Wirt bedenklich. »Soll ich mich für euch niederschießen lassen?«

»Sie werden dir nichts tun. Du sagst, daß wir dich gezwungen haben. Du schiebst alles auf uns. Sie konnten ja auf uns in der Stube schießen, haben es aber nicht getan. Daraus magst du ersehen, daß sie uns nicht nach dem Leben trachten. Also geh', und laß uns nicht lange auf dich warten.«

Der Wirt entfernte sich. Die Andern flüsterten leise zusammen. Es dauerte nicht lange, so kehrte er zurück.

»In das Haus könnt ihr nicht,« meldete er; »denn sie haben die Stube besetzt.«

Sie berieten sich eine Weile, ob sie fliehen oder bleiben sollten. Noch bevor sie einen Entschluß gefaßt hatten, geschah etwas, was selbst mir überraschend vorkam. Man hörte nämlich taktmäßige Schritte sich von hinten dem Hause nahen, und eine gedämpfte Stimme kommandierte:

»Dur! Askerler, tüfenkler dolduryniz . – halt! Soldaten, ladet die Gewehre!«

Das war die Stimme des Hadschi, wie ich zu meinem Erstaunen hörte.

»Scheïtan!« flüsterte der Wirt. »Habt ihr es gehört? Es sind Soldaten da. Und war es nicht der kleine Halef, welcher kommandierte?«

»Ja, er war es ganz gewiß,« antwortete Barud el Amasat. »Er ist losgebunden worden und durch das Fenster gesprungen, um die Soldaten herbei zu holen, welche sein Herr mitgebracht hat. Das können nur Truppen aus Uskub sein. Woher mag er diese Leute so schnell bekommen haben!«

»Der Scheïtan sendet ihnen von allen Seiten Hilfe!« zischte Manach el Barscha. »Unseres Bleibens ist hier nicht. Horcht!«

Wieder tönte die Stimme des Hadschi:

»Duryn bunda! Araschtyrarim – Wartet hier! Ich werde rekognoszieren.«

»Wir müssen fort,« flüsterte Manach. »Wenn der Hadschi aus der Stube fort ist, so sind auch die Andern nicht mehr drin. Gehe schnell hinein, Konakdschi! Sind sie nicht mehr dort, so bringst du den Mübarek heraus. Sein Fieber mag noch so heftig sein – er muß auch verschwinden. Wir holen unterdessen unsere Pferde. Du triffst uns rechts von der Furt unter den vier Kastanien. Aber schnell, schnell! Es ist kein Augenblick zu verlieren.«

Die Andern schienen hiemit einverstanden zu sein und huschten fort. Jetzt galt es für mich, noch vor ihnen die Kastanien zu erreichen. Ich war mit der Oertlichkeit nicht vertraut, wußte aber nun, daß diese Bäume zur rechten Seite der Furt ständen, und da ich an dieser vorübergekommen war, so hoffte ich, das Stelldichein leicht zu finden.

Das Gewehr, welches ich bei mir hatte, ließ ich einstweilen hier unter den Fichten liegen, da es mir leicht hinderlich werden konnte.

Ich hörte eine Türe knarren, jedenfalls die Stalltüre, und eilte nun, so schnell ich konnte, nach der Furt. Bei derselben angekommen, wendete ich mich nach rechts und war kaum gegen vierzig Schritte gegangen, als ich mich bei den vier Bäumen befand. Sie waren dicht belaubt. Zwei von ihnen trugen ihre Krone hoch; bei den andern reichten die untersten Aeste so weit herab, daß ich sie beinahe mit den Händen erreichen konnte. Ich umfaßte den einen Stamm; einige Griffe, einen Schwung, und ich saß oben auf einem Ast, welcher stark genug war, mehrere Männer von meinem Gewicht zu tragen. Kaum hatte ich mich gesetzt, so hörte ich nahende Pferdeschritte. Die Flüchtigen hatten ihre Tiere am Zügel und nahmen unter mir Posto. Und da führte auch schon der Wirt den Mübarek herbei. Vom Hause her hörte man Halefs Stimme:

»Kapudan itschine giririz. Mahazzalar partschalarsiz, atmalerimiz ejer itschitirsiz – wir gehen hinein. Schlagt die Läden ein, wenn ihr unsere Schüsse hört!«

»Allah sucht mich schwer heim,« klagte leise der Mübarek. »Mein Leib ist wie Feuer, und meine Seele lodert wie eine Flamme. Ich weiß nicht, ob ich reiten kann.«

»Du mußt!« antwortete Manach. »Auch wir hätten gern geruht, aber diese Teufel hetzen uns von Ort zu Ort. Wir müssen fort, und doch ist es für uns notwendig, zu wissen, was hier heute noch geschieht. Konakdschi, du wirst uns einen Boten nachsenden.«

»Wo wird er euch treffen?«

»Irgendwo auf dem Weg zur Höhle des Köhlers. Du aber mußt diese Fremden auf unsere Spur lenken. Du mußt ihnen sagen, daß wir zu Scharka reiten wollen. Sie werden uns ganz gewiß folgen und dann sind sie verloren. Wir werden ihnen am Scheïtan kajaji auflauern. Dort können sie weder rechts noch links ausweichen und müssen uns in die Hände laufen.«

»Und wenn sie uns trotz alledem entgehen?« fragte Bybar, der andere Aladschy.

»So fallen sie beim Köhler desto sicherer in unsere Hände. Der Konakdschi mag ihnen von den Schätzen der Höhle erzählen, wie er es all den Andern erzählt hat, welche in die Falle gegangen sind. Es müßte die ganze Hölle mit ihnen im Bunde stehen, wenn sie die Ip merdiwani (* Strickleiter.) fänden, welche empor in die hohle Eiche führt. Das Pferd des Deutschen wird freilich Karanirwan für sich haben wollen. Das Andere aber teilen wir unter uns, und ich denke, daß wir zufrieden sein werden. Ein Mensch, welcher solche Reisen macht und ein solches Pferd besitzt, wie dieser Deutsche, muß sehr viel Geld bei sich haben.«

Da befand er sich freilich in einem außerordentlichen Irrtum. Mein ganzer Reichtum bestand augenblicklich in dem, was ich von ihm hörte. Ich wußte nun, daß Karanirwan der Schut sei. Ich wußte auch, daß die Opfer des Köhlers durch gewisse Schilderungen des Konakdschi in die Höhle gelockt worden waren. Und ich wußte, daß diese Höhle einen zweiten Ein – oder auch Ausgang hatte, welcher in eine hohle Eiche emporführte. Diese Eiche hatte jedenfalls einen bedeutenden Umfang und eine entsprechende Höhe und mußte also so in die Augen fallen, daß sie nicht schwer zu finden war.

Weiter bekam ich nichts mehr zu hören. Der Wirt war voll von Angst und mahnte zum Aufbruch. Die Männer bestiegen ihre Pferde; dem stöhnenden Mübarek wurde in den Sattel geholfen, und bald hörte ich das Plätschern, als sie durch die Furt ritten. Nun stieg ich vom Baum und ging nach dem Hause zurück. Ich wußte nicht, was besser sei, einzutreten oder erst durch den eingeschlagenen Laden zu schauen; da aber vernahm ich Halefs laute Stimme in dem Hause und ging also hinein.

Eigentlich trat man durch die Türe sofort in das große Verkehrszimmer, doch war eine Rutenwand vorgestellt worden, um diesen Raum gegen den direkten Zug zu schützen. Noch hinter derselben stehend, hörte ich Halef in strengstem Ton sagen:

»Ich verbiete dir, dich des Nachts draußen herum zu treiben, während so glorreiche Männer, wie wir sind, hier stehen, um mit dir zu sprechen. Du bist der Wirt dieses armseligen Konak und hast deine Gäste zu bedienen, damit sie sich wohl befinden zwischen deinen drei oder vier morschen Pfählen. Wenn du diese deine Pflicht versäumst, so werde ich sie nachdrücklich dir zum Bewußtsein bringen. Wo kommst du her?«

»Ich war draußen, um heimlich zu beobachten, wohin sich die Männer wenden würden, welche vorhin so ruchlos über dich hergefallen sind,« antwortete der Wirt, welcher natürlich sofort in das Haus zurückgekehrt war.

Nun trat ich bis an den Rand der Scheidewand vor und blickte in die Stube. Da lagen fünf oder sechs Personen gebunden am Boden, von Osko und Omar bewacht, welche sich auf ihre Gewehre stützten. Daneben stand Halef, mit herausgedrückter Brust, in majestätischer Haltung, und vor ihm der Wirt in demütiger Stellung, und neben demselben eine alte Frau, welche mehrere Stricke in den Händen hielt. Der kleine Hadschi befand sich wieder einmal in der ihm so willkommenen Lage, sich das Ansehen eines bedeutenden Mannes zu geben.

»So!« sagte er. »Jetzt nennst du es ruchlos; vorher aber hattest du deine Freude daran.«

»Das war Verstellung, Herr. Ich mußte so tun, um die Schurken nicht noch mehr zu erzürnen. Im Stillen jedoch war ich fest entschlossen, alles zu wagen, um dich aus ihren Händen zu befreien.«

»Das klingt sehr schön. Du willst wohl damit sagen, daß du nicht ihr Verbündeter bist?«

»Ich kenne sie gar nicht.«

»Und doch nanntest du sie alle bei ihren Namen!«

»Die wußte ich, weil sie sich bei denselben nannten. Ich freue mich, daß die Sache so gut abgelaufen ist.«

»O, sie ist noch lange nicht abgelaufen, sondern sie wird erst richtig beginnen, soweit es nämlich dich betrifft. Ueber deine Schuld oder Unschuld zu entscheiden, verträgt sich nicht mit meiner Würde. Ich mag mit Leuten deines Gelichters gar nicht in Berührung kommen und werde den Effendi beauftragen, dich ins Verhör zu nehmen und mir dann Bericht zu erstatten. Von seinem Entschluß und von meiner Genehmigung wird es dann abhängen, was mit euch geschehen soll. Einstweilen wirst du dich binden lassen, damit wir von deiner liebevollen Anhänglichkeit überzeugt sein können.«

»Binden? – Warum?«

»Ich habe es dir soeben gesagt: damit du nicht auf den Gedanken kommen kannst, plötzlich eine Vergnügungsreise zu unternehmen. Hier steht dein Weib, die freundliche Gefährtin deiner Tage. Sie hat sich bereit finden lassen, diesen Andern hier die Schlingen anzulegen, und sie wird nun auch dir mit Vergnügen den Strick, welcher eigentlich um deinen Hals gehört, um die Hände und Füße binden. Dann werden wir beraten, wie es möglich sei, die Einquartierung unterzubringen, welche draußen auf uns wartet. Ich befürchte, daß diese Räume nicht ausreichend sind für die Aufnahme so vieler Soldaten. Strecke also deiner liebevollen Houri die Hände hin, damit sie dieselben miteinander vereinige!«

»Herr, ich habe doch nichts verschuldet! Ich kann nicht dulden – — «

»Schweig!« unterbrach ihn Halef. »Was du dulden willst oder nicht, das geht mich gar nichts an. Jetzt habe ich hier zu befehlen, und wenn du nicht augenblicklich gehorchst, so bekommst du Hiebe.«

Er hob die Peitsche empor. Vorhin hatte ich sie mit seinen Pistolen und dem Messer auf dem Tisch liegen sehen, denn er war entwaffnet worden, hatte aber diese Gegenstände wieder an sich genommen. Osko und Omar stießen die Gewehre drohend auf den Boden, und der Wirt streckte seiner Frau die Hände hin, um sich dieselben binden zu lassen. Dann mußte er sich zur Erde legen, worauf ihm auch die Füße gefesselt wurden.

»So ist's recht, du Wonne meines Lebens!« belobte Halef die Alte. »Du hast das gute Teil erwählt, indem du dich entschlossest, mir ohne Murren zu gehorchen. Darum sollen deine Hände und Füße von keinem Strick berührt werden, sondern du sollst deine Fittiche frei schwingen können über das Haus, welches Allah mit deiner Lieblichkeit beglückte. Nur versuche ja nicht, die Fesseln dieser Leute zu berühren, denn das würde Folgen nach sich ziehen, durch welche die Zartheit deiner Vorzüge leicht beschädigt werden könnte. Setze dich in die Ecke dort, und ruhe in stiller Beschaulichkeit von den Mühseligkeiten deiner irdischen Laufbahn aus. Wir werden indessen eine amtliche Beratung abhalten, ob wir euer Haus in die Luft sprengen oder durch das Feuer verzehren lassen.«

Sie gehorchte, sich langsam in die Ecke schleichend, und Halef wendete sich nun der Türe zu, jedenfalls um nach mir zu forschen. Als ich jetzt vortrat und er mich erblickte, fiel es ihm gar nicht ein, ein Wort der Entschuldigung seiner Unvorsichtigkeit zu sagen oder wenigstens durch die Miene zu zeigen, daß er einsehe, gefehlt zu haben, sondern er meldete mir in höchst wichtigem Ton:

»Du kommst, Effendi, um dich nach den Ergebnissen unsers glorreichen Feldzuges zu erkundigen. Da sieh her: sie liegen vor dir auf der Erde und sind bereit, Leben oder Tod aus unsern Händen zu empfangen.«

»Komm heraus!«

Ich sagte das so kurz und gemessen, daß sein Gesicht sich sogleich bedeutend in die Länge zog. Er folgte mir hinaus vor das Haus.

»Halef,« wendete ich mich dort an ihn, »ich habe dich herausgerufen, um dich nicht vor den Leuten zu beschämen, denen gegenüber du den Herrscher spielst, und hoffe, daß du diese Rücksichtsnahme anerkennst.«

»Effendi,« antwortete er bescheiden, »ich erkenne sie an; aber du wirst auch mir zugeben, daß ich meine Sache ausgezeichnet gemacht habe.«

»Nein, das kann ich gar nicht sagen. Du hast eigenmächtig gehandelt und unsere Gegner dadurch vertrieben, was mir einen Strich durch meine Rechnung machte. Willst du denn nicht endlich einmal einsehen, daß du stets den Kürzern ziehst, wenn du gegen meine Wünsche und Warnungen handelst? Du bist mit einem blauen Auge weggekommen, weil wir dich zur rechten Zeit gerettet haben. Doch es ist geschehen, und es nützt nun nichts, Vorwürfe anzuhäufen. Erzähle mir also den Verlauf deines berühmten Unternehmens.«

»Hm!« brummte er kleinlaut. »Der Verlauf war ein sehr schneller. Unser Wirt hatte das Haus beschrieben, und ich wußte also, wo die Leute zu suchen seien. Ich schlich mich herbei und blickte durch das Astloch. Da sah ich sie alle sitzen, den Mübarek ausgenommen. Sie unterhielten sich sehr angelegentlich, aber ich konnte nur hier und da ein einzelnes Wort verstehen. Das genügte mir nicht, und darum beschloß ich, in die Schlafstube nebenan, deren Laden offen stand, zu steigen.«

»Du erwartetest, daß sich niemand in derselben befinden werde?«

»Sehr natürlich!«

»Das ist keineswegs sehr natürlich. Frage die Gefährten; sie werden dir bestätigen, daß ich mit großer Bestimmtheit behauptet habe, der kranke Mübarek liege in der Stube.«

»Ja, davon habe ich leider nichts gehört, sonst hätte ich mich gehütet, so mit beiden Füßen zugleich in diese häßliche Pfütze zu springen. Ich habe mich dabei ganz leidlich vollgespritzt; das muß ich ja zugeben. Es war gar nicht angenehm. Und als gar Barud el Amasat das Messer über mir zückte, um mir mit demselben den Mund zu öffnen, da hatte ich ein Gefühl, ein Gefühl, hm, als ob mir so recht hübsch langsam das Rückgrat aus dem Leibe gezogen würde. Es gibt in diesem Erdenleben Augenblicke, in denen man sich nicht ganz so behaglich fühlt, wie man es wünschen möchte. Ich hielt die Kammer für leer, war aber trotzdem so vorsichtig, erst eine Weile an dem offenen Laden zu horchen, ob vielleicht etwas zu vernehmen sei. Da sich nichts regte, stieg ich durch das Fenster ein und ließ mich innen recht vorsichtig und leise hinab. Ich bekam auch ganz glücklich, ohne ein Geräusch verursacht zu haben, den Boden unter die Füße und wollte nun nach der Scheidewand schlüpfen, hinter welcher sich die Burschen befanden, die ich belauschen wollte. Aber die Unverständigkeit des Schicksals legt dem besten Menschen Hindernisse in den Weg, und grad dann und da, wann und wo er sie am wenigsten braucht. Ich stolperte über einen Körper, der mir im Weg lag. Ob der Kerl geschlafen hat oder nicht, das kann ich nicht sagen; aber er hatte mich ruhig einsteigen lassen und keinen Laut von sich gegeben. Jetzt faßte er mich am Bein und brüllte, als ob er sämtliche Tote des Erdkreises aufwecken wolle. Ich stürzte, aber nicht gleich, zu Boden, denn ich griff in die Luft, um mich an irgend etwas fest zuhalten, und erwischte ein Brett, welches nicht genügend an die Wand befestigt war. Ich riß es mit allem, was darauf stand, herab und fiel dann hin. Da gab es einen fürchterlichen Lärm. Die Kerle sprangen aus der Stube herbei, und ehe ich mich aufraffen konnte, hatten sie mich fest gepackt. Der Wirt holte schnell zwei Leinen herbei, und ich wurde gebunden, in die Stube geschleppt und ausgefragt. Ich sollte sagen, wer und was du seist, und habe ihnen gestanden, daß – — «

»Daß ich ein indischer Königssohn bin und mir hier eine Frau suche. Das habe ich gehört, du unverbesserlicher Flunkerer. Jetzt wollen wir wieder in die Stube gehen.«

»Willst du denn nicht erfahren, was ich getan habe, nachdem ich von den Fesseln befreit war?«

»Das kann ich mir selbst sagen. Du glaubtest, ich sei in Gefahr und hast Osko und Omar veranlaßt, gegen meinen Befehl zu handeln. Ihr seid aus dem Fenster gestiegen und habt euch eine Strecke vom Hause entfernt, um Soldaten zu spielen.«

»Ja, aber das habe ich nicht ohne guten Grund getan. Ich habe einmal das Anschleichen nach deiner Art und Weise versucht. Ich legte mich auf die Erde und kroch nach der Ecke, denn ich erfuhr, daß du dich dorthin begeben hattest. Dort standen die Kerle. Ich kam so nahe an sie, daß ich sie flüstern hörte, wenn ich auch nicht die Worte verstehen konnte. Das vermehrte meine Besorgnis, und so beeilten wir uns, die Soldaten aufmarschieren zu lassen. Wir stampften im Takt den Boden, und Osko und Omar stießen dazu ihre Kolben kräftig auf. Unser Wirt, der Schäfer, half auch mit.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich habe ihn nach Hause geschickt. Er ist der Nachbar des Konakdschi und soll von diesem nicht gesehen werden, um nicht später unter dessen Feindschaft und Rache zu leiden.«

»Das ist noch das Klügste, was du heute abend getan hast.«

»War es denn nicht auch klug, daß wir, als der Weg frei war, in das Haus gingen und die alte Wirtin zwangen, alle ihre Leute zu binden?«

»Ich kann nicht sagen, daß du da als Ausbund von Weisheit gehandelt hast.«

»Diesen Leuten gehört nicht mehr. Ich sage dir, sie sind alle mit unsern Feinden einverstanden.«

»Das weiß ich und darum werde ich sie wenigstens für heute Nacht unschädlich machen; sie würden sonst sofort den Entflohenen einen Boten nachsenden. Komm also herein!«

Wir kehrten in die Stube zurück, wo der Wirt, wie sein Gesichtsausdruck mich vermuten ließ, meinem Erscheinen mit Bangigkeit entgegengesehen hatte.

Halef mochte vielleicht meinen, die Leute hätten erraten, daß ich vorhin beabsichtigte, ihm eine Rüge zu erteilen. Um sein Ansehen zu behaupten, trat der unverbesserliche Prahlhans zu dem Wirt und sagte:

»Der Kriegsrat, welchen wir draußen gehalten haben, ist beendet. Ich bin mit dem Entschluß unsers weisen Effendi einverstanden, und so werdet ihr jetzt euer Schicksal aus seiner Hand empfangen.«

Am liebsten hätte ich ihm eine kleine Ohrfeige verabreicht; er verließ sich doch allzu sehr auf meine Zuneigung. Ich begnügte mich, ihm einen zornigen Blick zuzuwerfen, und nahm den Wirt ins Verhör, dessen Ergebnis ein negatives war. Er leugnete jegliches Einverständnis mit den Entflohenen kurz weg.

»Herr, ich bin unschuldig,« beteuerte er. »Frage mein Weib und auch meine Leute, sie werden dir genau dasselbe sagen.«

»Natürlich, denn sie sind ja instruiert. Gibt es in deinem Hause einen Raum, in welchem man etwas fest und sicher verschließen kann?«

»Ja, das würde der Keller hinter uns sein. Die Türe ist dort in der Ecke, wo meine Frau sitzt.«

Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm. Der Teil desselben aber, auf welchem die Frau saß, war mit einer Bretterdiele belegt, und da gab es eine mit einem wirklichen Schloß versehene Falltüre. Die Wirtin hatte den Schlüssel in der Tasche, sie mußte ihn hergeben, und ich öffnete. Eine Leiter führte hinab. Ich nahm das Licht, stieg hinunter und sah einen ziemlich großen, viereckigen Raum, in welchem allerlei Feldfrüchte lagen. Ich kehrte wieder nach oben zurück und ließ dem Wirt die Stricke abnehmen.

»Steig hinab!« gebot ich ihm.

»Was soll ich da unten tun?«

»Wir werden eine Kellerversammlung veranstalten, weil man da unten am ungestörtesten beraten kann.«

Als er noch zögerte, zog Halef die Peitsche aus dem Gürtel. Jetzt bequemte sich der Wirt zum Hinabsteigen. Die Andern mußten ihm alle auch folgen, nachdem wir sie von den Fesseln befreit hatten. Zuletzt stieg die Frau hinab, und wir zogen die Leiter empor. Dann wurden die in der Schlafstube befindlichen Kissen und Decken herbei geholt und ihnen hinabgeworfen, und endlich erklärte ich ihnen:

»Jetzt könnt ihr die Beratung da unten beginnen. Ihr mögt also überlegen, ob ihr mir bis morgen früh alles aufrichtig gestehen wollt. Und damit es euch nicht einfällt, den Beratungsraum auf irgend eine Weise zu verlassen, will ich euch sagen, daß wir hier auf der Türe wachen werden.«

Sie hatten sich bisher schweigsam verhalten; nun aber protestierten sie laut; doch wir schnitten den Einspruch ab, indem wir die Türe zuwarfen und verschlossen. Den Schlüssel steckte ich ein. Halef und Osko blieben als Wachen da.

Mit Omar kehrte ich ins Haus des Schäfers zurück, der in großer Neugierde auf uns gewartet hatte. Er erfuhr so viel, als wir für angemessen hielten, ihm anzuvertrauen; dann begaben wir uns zur Ruhe.

Nach der Anstrengung in den letzten Tagen war unser Schlaf so tief, daß wir wohl erst am späten Vormittag aufgewacht wären. Doch hatte ich unsern Wirt gebeten, uns bei Tagesanbruch zu wecken.

Als wir dann nach dem Konak gingen, fanden wir die Türe von innen verriegelt. Halef und Osko schliefen noch, und wir mußten klopfen. Sie hatten sich ein Lager aus Heu und Stroh auf der Kellertüre bereitet und teilten uns mit, daß die Gefangenen sich sehr ruhig verhalten hätten. Als die Kellertüre geöffnet und die Leiter hinabgegeben worden war, stieg der Konakdschi mit den Seinen herauf. Die Gesichter, welche wir zu sehen bekamen, waren wirklich zum Malen. Es stand auf allen der intensivste Grimm geschrieben, obwohl Jeder und Jede sich zu beherrschen suchte. Der Wirt wollte mit Vorwürfen und Verteidigungen beginnen; ich schnitt ihm aber die Rede durch die Worte ab:

»Wir haben nur mit dir zu verhandeln; komm in die hintere Stube. Die Andern mögen sich an ihr Tagewerk begeben.«

Diese Andern waren im nächsten Augenblick verschwunden. Als wir dann in der Stube saßen, stand der Konakdschi mit einem Armensündergesicht vor uns.

»Du hast während der ganzen Nacht Zeit gehabt, nachzudenken, ob du uns ein offenes Geständnis ablegen willst,« begann ich. »Wir erwarten deine Antwort.«

»Herr,« meinte er, »ich habe gar nicht nötig gehabt, nachzudenken. Ich kann doch nichts weiter sagen, als daß ich unschuldig bin.«

Nun erging er sich in den einzelnen Vorfällen der verflossenen Nacht und wußte denselben die beste Seite für sich abzugewinnen. Er hatte während der Nacht seine Verteidigung reiflich überlegt und führte sie nun mit Geschick durch. Um ihn zu täuschen, sagte ich endlich:

»Wie mir jetzt scheint, haben wir dich allerdings ohne Grund im Verdacht gehabt und ich bin erbötig, dir jede angemessene Genugtuung zu geben.«

»Herr, ich verlange nichts. Es genügt mir, zu hören, daß du mich für einen ehrlichen Mann hältst. Du bist hier fremd im Lande und kennst die Verhältnisse desselben nicht. Da ist es kein Wunder, wenn du einen solchen Fehler begehst. Auch deine Leute sind nicht von hier, wie es scheint. Da wäre es sehr geraten, dir für deine Weiterreise einen Mann zu nehmen, wenigstens von Zeit zu Zeit, auf welchen du dich in solchen Lagen vollständig verlassen könntest.«

Aha! Jetzt war er bei dem beabsichtigten Thema angekommen. Ich ging auf dasselbe ein, indem ich antwortete:

»Du hast recht. Ein zuverlässiger Führer ist viel wert. Aber eben weil ich ein Fremder bin, ist es nicht geraten, mir einen solchen zu nehmen.«

»Warum?«

»Weil ich die Leute nicht kenne. Wie leicht könnte ich einen Menschen anwerben, der mein Vertrauen nicht verdient!«

»Das ist freilich wahr.«

»Wüßtest du einen zuverlässigen Führer für mich?«

»Vielleicht. Ich müßte natürlich erfahren, wohin ihr wollt.«

»Nach Kakandelen.«

Das war nicht wahr, aber ich hatte meine Absicht, so zu sagen. Er machte auch sogleich ein enttäuschtes Gesicht und sagte rasch:

»Das hätte ich nicht erwartet, Herr.«

»Warum nicht?«

»Weil ich gestern hörte, daß ihr nach einer ganz andern Richtung reiten wolltet.«

»Welche wäre das?«

»Hinter den fünf Reitern her.«

»Ah so! Aber wer hat es dir gesagt?«

»Sie haben es erwähnt, als sie von euch sprachen. Sie sagten, ihr hättet sie schon seit langer Zeit verfolgt.«

»Das gebe ich zu; aber es ist nicht meine Absicht, es länger zu tun.«

»So mußt du einen sehr triftigen Grund haben, Herr, dich so plötzlich anders zu entschließen?« fragte er in vertraulichstem Ton.

»Ich bin es müde geworden,« erwiderte ich, »hinter Leuten herzulaufen, welche mir doch immer wieder entgehen. Man kommt dabei in Unannehmlichkeiten und begeht Fehler, die man nicht verantworten kann. Das hast du ja wohl selbst erfahren.«

»O, von gestern wollen wir ja gar nicht mehr sprechen. Was geschehen ist, das ist vergessen und vergeben. Diese fünf Männer müssen dich doch tief beleidigt haben?«

»Außerordentlich.«

»Nun, da du ihnen schon so lange gefolgt bist, so wäre es Torheit, wenn du jetzt von ihnen ablassen wolltest, eben jetzt, wo es gewiß ist, daß du dich ihrer bemächtigen könntest, wenn du nur ernstlich wolltest.«

»Woher weißt du das?«

»Ich schließe es aus dem, was ich von ihnen erlauschte. Du weißt doch wohl, wohin sie reiten wollen?«

»Woher sollte ich das wissen? Eben diese Unkenntnis ist ein Grund, auf die weitere Verfolgung zu verzichten. Sie sind mir gestern abermals entkommen, ich weiß nicht, wohin. Nun muß ich suchen, forschen und mich erkundigen, und bevor ich etwas Gewisses erfahre, sind sie längst über alle Berge. Da kehre ich lieber wieder um.«

Jetzt nahm er eine geheimnisvolle Miene an und sagte:

»Du wirst jetzt erfahren, daß ich nicht rachsüchtig bin, Effendi. Ich werde dir einen großen Dienst erweisen, indem ich dir sage, wo du diese Leute treffen kannst.«

»Ah, du weißt es! Wohin sind sie denn geritten?«

»Von hier nach Glogovik. Sie fragten mich, wie weit es bis dorthin sei, und ich habe ihnen den Weg beschreiben müssen.«

»Das ist ja prächtig!« rief ich erfreut. »Diese Nachricht ist mir freilich höchst wichtig. Da reiten wir heute noch nach Glogovik. Aber ob wir dort erfahren, wohin sie weiter geritten sind?«

»Danach brauchst du dort gar nicht zu fragen, weil ich es schon weiß.«

»So sind sie doch ganz außerordentlich mitteilsam gegen dich gewesen!«

»O nein; ich habe alles nur erlauscht.«

»Desto besser, denn da brauche ich nicht zu denken, daß sie dich absichtlich täuschen wollten. Also, wohin trachten sie?«

»Nach Fandina. Dieser Ort liegt jenseits des Drin. Dort wollen sie einige Zeit verweilen, und da kannst du dich ihrer bemächtigen.«

Es war mir klar, daß diese Richtung nach Fandina erlogen sei; dennoch sagte ich:

»Ist dir vielleicht der Weg von Glogovik nach Fandina bekannt?«

»Sehr gut sogar. Ich stamme aus jener Gegend. Ihr kommt durch höchst interessante Gegenden, zum Beispiel zu dem berühmten Teufelsfelsen.«

»Warum führt er diesen Namen?«

»Du bist ein Christ und wirst also wissen, daß Isa Ben Mariam (* Jesus.) von dem Scheïtan versucht wurde. Diesem gelang sein Vorhaben nicht, er machte sich von dannen und hielt seine erste Rast an jenem Felsen. Voll des höllischen Grimmes schlug er in seinem Zorn mit der Faust auf den Berg, daß die gewaltige Felsenmasse mitten auseinander borst. Durch die dadurch entstandene Spalte führt jetzt der Weg, auf welchem ihr reiten müßt.«

»Das ist Sage?«

»Nein, es ist die Wahrheit. Darum wird jener Felsen der Felsen des Teufels genannt.«

»So bin ich neugierig, ihn zu sehen.«

»Sodann kommst du in dichten Wald, wo zwischen Felsen die berühmte Dschewahiri maghara (** Juwelenhöhle.) liegt.«

»Was hat es mit ihr für eine Bewandtnis?«

»Eine Fee liebte einen Sterblichen. Der Herr des Feenreiches hatte Mitleid mit den Qualen ihrer Liebe und erlaubte ihr, dem Geliebten anzugehören, doch müsse sie auf ihre Vorzüge verzichten, menschliches Wesen annehmen und auch sterben. Sie willigte ein und durfte nun zur Erde nieder; auch wurde ihr erlaubt, alle ihre Juwelen mitzunehmen. Aber als sie zur Erde kam, war ihr inzwischen der Geliebte untreu geworden, und aus Gram darüber zog sie sich in jene Höhle zurück, in welcher sie ihre Juwelen verstreute, um sich dann in Tränen aufzulösen. Wer in jene Höhle kommt und kein schweres Verbrechen auf dem Gewissen hat, der findet einen jener Steine. Viele, sehr viele sind arm hineingegangen und reich herausgekommen, denn die Juwelen der Fee sind von sonst nirgends gesehener Größe und Reinheit.«

Er betrachtete mich forschend von der Seite, um zu sehen, welchen Eindruck die Sage auf mich mache. Das also war die Lockspeise, mit welcher er dem Köhler seine Opfer in die Hände lieferte! Wenn man den Aberglauben der dortigen Bevölkerung in Betracht zieht, erstaunt man wohl nicht darüber, daß sich selbst reiche Leute gefunden hatten, welche sich durch diese alberne Geschichte verlocken ließen.

Mit besonderer Betonung fügte nun der Wirt hinzu:

»Ich selbst kenne einige Männer, welche solche köstliche Steine gefunden haben.«

»Du nicht auch?« fragte ich.

»Nein, denn ich fand keinen Edelstein, weil ich bereits zu alt war. Man darf nämlich nicht über vierzig Jahre alt sein.«

»So hat die Fee die jungen Männer den alten vorgezogen! Du hättest also eher suchen sollen.«

»Da wußte ich noch nichts von der Höhle; du aber hättest noch Zeit – du bist jung.«

»Pah! Ich bin reich – ich habe vielleicht so viel Geld bei mir, daß ich mir einen solchen Diamanten kaufen kann.«

Ich sah ihm scheinbar unbefangen in das Gesicht und bemerkte, daß er die Farbe wechselte. Wollte er mich mit Diamanten ködern, so steckte ich ihm Gold an meine Angel. Anbeißen würden wir beide; das war vorauszusehen. Er wollte mich in die Höhle und ich wollte ihn mit mir zu dem Köhler locken.

»So reich bist du!« rief er erstaunt. »Ja, das konnte ich mir denken. Ist doch allein dein Pferd mehr wert als alles, was mir gehört. Aber einen Diamanten der Fee zu finden, das müßte dich trotzdem auch locken.«

»Freilich lockt es mich. Aber ich weiß doch nicht, wo die Höhle liegt. Vielleicht könntest du es mir beschreiben.«

»Das wäre nicht hinreichend. Du mußt Scharka, den Köhler, aufsuchen, welcher dich hinführen wird.«

»Was ist das für ein Mann?«

»Ein sehr frommer, einsamer Kohlenbrenner, welcher für ein kleines Bakschisch die Fremden in der Höhle umherführt.«

Und der Wirt gab sich außerordentlich Mühe, mich für diese Höhle zu begeistern. Ich tat, als ob ich ihm jedes Wort glaubte, und bat ihn, mir den Weg nach Glogovik zu beschreiben, und er erbot sich, einen seiner Knechte als Führer mitzugeben.

»Aber weiß er denn auch den Weg von Glogovik nach dem Felsen des Teufels und nach der Höhle der Juwelen?« fragte ich.

»Nein; er ist noch niemals dort gewesen.«

Auf dem Gesicht des Wirtes lag ein Ausdruck der Erwartung, der Spannung, welchen ich gar wohl verstand. Ich hatte von einer so großen Summe gesprochen, welche ich bei mir trüge. Sollte der Köhler dieses Geld allein bekommen oder sollte es zwischen ihm und unsern fünf Gegnern geteilt werden, ohne daß er, der Wirt, der uns ihnen doch in die Hände lieferte, etwas bekam? Und wurde er mit einem Teile bedacht, dann jedenfalls nur mit einer Kleinigkeit. War es nicht vielleicht für ihn möglich, alles zu bekommen?

Das ging ihm im Kopf herum. Was ich gewünscht hatte, das hatte ich erreicht; er trug das Verlangen, selbst unser Führer zu sein, wollte sich uns aber nicht anbieten. Ich machte ihm die Sache leicht, indem ich sagte:

»Das tut mir leid. Ich möchte nicht so oft mit dem Führer wechseln. Wer weiß, ob ich in Glogovik jemanden finde, welcher mich nach Fandina bringen kann! Lieber wäre mir also jemand, der von hier aus die ganze Strecke kennt.«

»Hm! Das ist nicht leicht. Wie viel würdest du zahlen?«

»Ich gebe gern zweihundert bis zweihundertfünfzig Piaster, samt der Beköstigung natürlich.«

»Nun, da würde ich selbst dich führen, Effendi, wenn du es mit mir versuchen willst!«

»Mit Freuden! Ich werde sogleich satteln lassen.«

»Wo hast du denn deine Pferde?«

»Drüben bei dem Schäfer, dem ich von seinem Sohn einen Gruß zu bringen hatte. Ich blieb bei ihm, weil ich wußte, daß meine Feinde sich bei dir befanden. Aber – da fällt mir ein: du sprachst von dem Werte meines Pferdes; ich weiß aber, daß du es noch gar nicht gesehen hast.«

»Die fünf Reiter erwähnten es und konnten es gar nicht genug rühmen.«

»Ja, sie haben es nicht allein auf mich, sondern auch auf meinen Rappen abgesehen. Dieses Gelüste aber müssen sie sich vergehen lassen. Sie bekommen weder mich, noch das Pferd, aber ich bekomme sie.«

Ich sagte diese prahlerischen Worte, um zu sehen, welche Miene er dabei machen würde. Es zuckte ihm um die Lippen, aber er bezwang doch das ironische Lächeln, welches hervorbrechen wollte, und sagte:

»Ich bin vollständig davon überzeugt. Was sind diese Burschen hier gegen euch!«

»Also mache dich fertig! In einer halben Stunde halten wir draußen an der Furt.«

Ich nickte ihm noch sehr wohlwollend zu, und dann gingen wir. Unterwegs sagte der kleine Hadschi:

»Sihdi, du magst es mir getrost glauben, daß mich der verbissene Grimm bald erwürgt hat. Ich hätte unmöglich so freundlich wie du mit dem Schurken sein können. Soll denn das so fortbestehen?«

»Einstweilen, ja. Wir müssen ihn sicher machen.«

»So unterhalte du dich mit ihm. Auf den Quell meiner Sprachfertigkeit aber muß er verzichten.«

Auch der brave Schäfer machte ein besorgtes Gesicht, als er hörte, wer an Stelle seines Knechtes, welchen er uns angeboten hatte, unser Führer sein sollte. Ich beruhigte ihn mit der Versicherung, daß der Wirt mir gar nichts anhaben könne.

Unser Abschied war herzlich.

Als wir an die Furt kamen, wartete der Wirt bereits dort. Er saß auf einem nicht üblen Pferd und war mit Messer, Pistolen und einer langen Flinte bewaffnet. Bevor unsere Pferde die Hufe ins Wasser setzten, wendete er sich gegen Osten, streckte die offene Hand aus und sagte:

»Allah sei bei uns vorwärts und rückwärts. Er lasse unser Vorhaben gelingen, Allah 'l Allah, Mohammed Rassuhl Allah!«

Das war die nackte Gotteslästerung! Allah sollte ihm bei der Ausführung des Raubmordes beistehen! Ich mußte unwillkürlich nach Halef blicken. Dieser preßte die Lippen aufeinander und zuckte mit der Hand nach der Peitsche; dann sagte er:

»Allah kennt den Ehrlichen und gibt seinem Werke Segen; der Ungerechte aber fährt zur Hölle!«

Der Ritt von hier nach Glogovik war fast genau so lang wie derjenige, welchen wir gestern zurückgelegt hatten; da es voraussichtlich keinen Aufenthalt wie am vorigen Tage gab, hofften wir, schon am Nachmittag dort anzukommen.

Gesprochen wurde wenig. Das Mißtrauen verschloß meinen Gefährten den Mund, und der Konakdschi machte keinen Versuch, ihre Einsilbigkeit zu brechen. Er mochte befürchten, durch ein unbedachtes Wort den Verdacht, welchen er eingeschlafen wähnte, wieder zu wecken.

Die Gegend war bergig, aber so wenig interessant, daß gar nichts über sie zu sagen ist. Erreichten wir ja einmal ein kleines Dorf, so widerte uns die Armseligkeit desselben so an, daß wir uns beeilten, hindurch zu kommen.

Glogovik liegt an dem früher berühmten Bergpfad, welcher in Toli Monastir beginnt und zwischen den Flüssen Treska und Drin fast grad nach Norden streicht und dann mit einer plötzlichen Wendung nach Osten in Kakandelen endet. Ich ließ mir sagen, daß dieser Weg jetzt kaum noch sichtbar sei.

Als wir Glogovik vor uns liegen sahen, hielt Halef sein Pferd an und überflog mit finsterem Blick die ärmlichen Hütten, in welche ein deutscher Bauer wohl schwerlich seine Kühe stecken würde. Auf einer Anhöhe stand eine kleine Kapelle – ein Zeichen, daß ein Teil der Einwohnerschaft oder auch die ganze Bevölkerung sich zum Christentum bekenne.

»O wehe!« sagte er. »Wollen wir etwa hier bleiben, Effendi?«

»Wohl nicht,« antwortete ich mit einem fragenden Blick auf den Führer. »Es ist ja erst zwei Stunden nach Mittag. Wir tränken die Pferde und reiten dann wieder vorwärts. Hoffentlich gibt es im Dorf ein Einkehrhaus?«

»Es ist eins da, aber es wird dir nicht genügen,« meinte der Konakdschi.

»Für unsern Zweck reicht es jedenfalls aus.«

Wir erreichten die ersten Häuser und sahen einen Kerl im Grase liegen, welcher, als er den Hufschlag unserer Pferde hörte, aufsprang und uns anstarrte. Er war der glückliche Besitzer eines Anzuges, um dessen Einfachheit ihn ein Papua hätte beneiden können. Eine Hose, aber was für eine! Das rechte Bein derselben reichte zwar bis auf den Knöchel herab, war aber auf beiden Seiten aufgeschlitzt und hatte buchstäblich Loch an Loch. Das linke Bein ging bereits unter der Hüfte seinem Ende entgegen und lief in eine ganz unbeschreibliche Garnierung von Fransen und Fäden aus. Das Hemd hatte keinen Kragen, keinen rechten und nur einen halben linken Aermel. Es war ihm höchst wahrscheinlich einmal abgerissen worden, nämlich der untere Teil, denn es reichte nur so weit herab, daß zwischen demselben und dem Hosenbund ein Streifen niemals gewaschener, lebendiger Menschenhaut zu sehen war. Auf dem Kopf trug dieser Dandy einen mächtigen Turban von einem Stoff, welchem ich die Marke »Scheuerhader« geben würde. Mehrere bunte Hahnenfedern wiegten sich würdevoll auf dieser Kopfbedeckung. Ausgerüstet war er mit einem alten, fast halbkreisförmig gekrümmten Säbel. Ob es nur die fürchterlich rostige Klinge der Waffe war, oder ob dieselbe in einer schwarzen Lederscheide steckte, das war nicht zu unterscheiden.

Nachdem uns dieser Gentleman lange genug angestarrt hatte, rannte er wie rasend von dannen, schwang den Säbel rund um den Kopf und schrie aus Leibeskräften:

»Jabandschylar, jabandschylar – Fremde, Fremde! Reißt die Fenster auf, reißt die Fenster auf!«

Dieser schlagende Beweis, mich in einem hoch zivilisierten Ort zu befinden, imponierte mir ungeheuer. Welch eine hohe Disziplin hier herrschte, ersah ich aus der Schnelligkeit, mit welcher sämtliche männliche und weibliche, alte und junge Einwohner des Dorfes dem Zeterruf Folge leisteten.

Wo sich ein Loch in einem Hause befand – mochte es nun Türe oder Fenster heißen oder mochte es ein wirkliches, wahres, buchstäbliches Loch in der morschen Mauer sein – da ließ sich ein Gesicht oder so etwas Aehnliches sehen. Wenigstens glaubte ich Gesichter zu erkennen, wenn ich auch nur ein Kopftuch, zwei Augen, einen Bart und zwischen diesen drei Dingen etwas Unbeschreibliches, jedenfalls aber Ungewaschenes konstatieren konnte.

Dasjenige, was der von dem Alphabet und dessen Folgen beleckte Mensch hinter seinem Hause anbringt, damit es sich dort in ruhiger und ungestörter Sammlung zur Goldgrube des Landwirtes entwickeln könne, war hier an der Vorderseite der Hütten angebracht, und zwar mit großer Beharrlichkeit grad da, wo die Schutzgeister des Hauses gezwungen waren, lieblich ein und aus zu schweben.

Man konnte das ganze Dorf überblicken. Ich weiß nicht, wie ich auf den baukünstlerischen Gedanken kam, nach einem Schornstein zu suchen; kurz und gut, ich kam darauf, doch war das eine ganz überschwengliche Idee: ich sah nicht die Spur einer Feueresse.

Ein Häuschen stand auf hohem Rand. Rechts und links, vorn und hinten war das Dach eingefallen. Der Giebel hatte einen Riß, welcher die Haustüre vollständig überflüssig machte. Vom Dorfweg führte eine Steintreppe hinauf; aber von dieser Treppe war nur die oberste und die unterste Stufe vorhanden. Wer da hinauf wollte, der mußte entweder Alpenjäger mit Steigeisen oder Akrobat mit Sprungstange sein.

Läden und Holztüren schien es nicht zu geben, und so offen, wie die Gebäude, waren auch die Bewohner derselben, denn ich sah nicht eine einzige Person, welcher nicht vor Erstaunen über uns der Mund sperrangelweit aufstand. Wäre der Spötter Heinrich Heine an meiner Stelle gewesen, so hätte er zu seinen geographischen Reimen noch den einen hinzugefügt:

»Glogovik ist die Blume des Orientes;

Wer's mit Schaudern gesehen hat, der kennt es!«

Unser Führer hielt vor dem ansehnlichsten Gebäude der Ortschaft an. Zwei mächtige dunkle Tannen beschatteten es; darum hatte der Besitzer es für überflüssig gehalten, das halb eingestürzte Dach zu reparieren. Das Haus lag nahe am Bergabhang. Ein Wässerlein floß von da herab bis vor die Türe und fand dort in der bereits erwähnten Goldgrube Gelegenheit, sich mit einer chemisch anders gearteten Flüssigkeit zu vereinigen. Hart am Rand dieses »Bassins ästhetischer Anschauungen« lagen einige Baumklötze, von denen uns der Konakdschi sagte, daß sie das Amphitheater der öffentlichen Versammlungen bildeten, an welchem Ort schon manche welterschütternde Frage erst mit Worten, dann mit Fäusten und endlich gar mit Messern behandelt worden sei.

Wir nahmen auf diesen Klötzen der Politik Platz und ließen unsere Tiere aus dem Wässerlein trinken, aber oberhalb der erwähnten Vereinigungsstelle. Unsern Führer schickten wir auf Entdeckung in das Haus, denn Halef hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß er Hunger habe und irgend etwas essen müsse.

Nachdem wir ein aus dem Hause schallendes Duett angehört hatten, welches aus dem Kreischen einer weiblichen Fistelstimme und aus den fluchenden Baßtönen des Konakdschi bestand, erschienen die beiden Tonkünstler vor der Türe, und zwar in der Weise, daß der Baß den Diskant an einem Fetzen herausgezogen brachte, welcher hierzulande von den Besitzern einer großen Einbildungskraft und unter ganz besonders günstigen Umständen vielleicht Schürze genannt werden konnte.

Wir sollten den zwischen ihnen ausgebrochenen Streit mit einem Machtwort entscheiden. Der Baß behauptete noch immer im tiefen C, daß er etwas zu essen haben wolle, und der Sopran erklärte mit Bestimmtheit und im drei gestrichenen B, daß absolut gar nichts vorhanden sei.

Halef schlichtete den Zwiespalt, indem er in seiner Weise die höhere Stimme des Duetts beim Ohr nahm und mit ihr im Innern des Hauses verschwand.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bevor er wieder erschien. Während dieser Zeit herrschte eine fast beängstigende Stille in den innern Gemächern der Gastlichkeit. Als er dann zum Vorschein kam, wurde er von der Wirtin begleitet, welche unter unheilverkündenden Gestikulationen in einer Mundart schimpfte, von welcher ich kein Wort verstand. Sie gab sich Mühe, ihm eine Flasche zu entreißen; er aber hielt sie heldenhaft fest.

»Sihdi, es gibt etwas zu trinken!« rief er triumphierend. »Ich habe es entdeckt.«

Er hielt die Flasche hoch empor. Die Wirtin suchte dieselbe mit der Hand zu erreichen und schrie dabei etwas, wovon ich nur die Silben »Bullik jak« verstehen konnte. Aber, obgleich ich mit meinem Türkischen überall so leidlich ausgekommen war, was >Bullik jak< bedeutete, wußte ich noch nicht.

Der Hadschi zog endlich, um sich von der Anhänglichkeit der widerwilligen Hebe zu befreien, die Peitsche aus dem Gürtel, worauf sie um mehrere Schritte zurückwich und dann stehen blieb, um sein Beginnen mit entsetztem Blick weiter zu verfolgen.

Er zog den Stöpsel heraus, welcher aus einem alten Kattunwickel bestand, winkte mir verführerisch mit der Flasche zu und setzte sie an den Mund.

Die Farbe des Getränkes war weder hell noch dunkel. Ich konnte nicht erkennen, ob dieser Raki dick oder dünn war. Jedenfalls hätte ich vor dem Trinken die Bouteille erst einmal gegen das Licht und dann an die Nase gehalten. Halef aber war über seinen Fund so erfreut, daß er an eine solche Prüfung gar nicht dachte. Er tat einen langen, langen Zug – —

Ich kannte den kleinen Hadschi schon eine sehr geraume Zeit; aber das Gesicht, welches er jetzt machte, hatte ich noch nie bei ihm gesehen. Er hatte plötzlich einige hundert Falten bekommen. Man sah, daß er sich bemühte, die Flüssigkeit auszuspucken, aber der Schreck hatte dem untern Teil seines Gesichtes alle Fähigkeit der Bewegung geraubt. Der Mund war zum Erschrecken weit offen und blieb eine ganze, lange Weile so; ich befürchtete schon, es sei ein Kinnbackenkrampf eingetreten, der bekanntlich nur mit einer kräftigen Ohrfeige geheilt werden kann.

Nur die Zunge hatte einen geringen Teil ihrer Beweglichkeit behalten. Sie schwamm auf dem langsam und fett über die Lippen rinnenden Raki hin und her wie ein in saure Milch gelegter Blutegel. Dazu hatte der Hadschi die Brauen emporgezogen, daß sie den Rand des Turbans erreichten, und die Augen so fest zu gekniffen, als ob er all seine Lebtage das Licht der Sonne nicht mehr sehen wolle. Die beiden Arme hielt er ausgestreckt und alle zehn Finger so weit wie möglich auseinander gespreizt. Die Flasche hatte er im ersten Augenblick des Entsetzens von sich geschleudert. Sie war in die vereinigte Flüssigkeit gefallen, aus welcher sie von der fast bis an die Kniee in derselben watenden Frau mit Lebensgefahr gerettet wurde. Dabei hatte dieses weibliche Wesen die Stimme wieder erhoben und schimpfte aus Leibeskräften. Von dem, was sie sagte, verstand ich abermals nur die edlen Runen des bereits erwähnten »Bullik jak«.

Da Halef zögerte, das ergreifende »lebende Bild«, welches er gegenwärtig stellte, zu Ende zu bringen, so trat ich zu ihm und fragte:

»Was ist's denn? Was hast du getrunken?«

»Grrr – g – gh!« lautete die gurgelnde Antwort, welche zwar keiner artikulierten Sprache angehörte, aber von allen verstanden wurde.

»So komm doch zu dir! Was war es denn für Zeug?«

»Grrr – g – gh – rrr!«

Er brachte den Mund noch immer nicht zu und hielt die Arme und die Finger noch ausgespreizt. Die Augen aber öffneten sich und sahen mich mit einem trostlos ersterbenden Blick an.

»Bullik jak!« rief die Frau als Antwort auf meine Frage.

Ich durchflog im Geist alle Wörterbücher, welche mir jemals im Leben zu Gebot gestanden hatten; doch vergeblich. »Bullik« verstand ich absolut nicht. Und >jak<? Es konnte doch nicht etwa ein tibetanischer Yak oder Grunzochse gemeint sein!

»Mach doch den Mund zu! Spuck' das Zeug aus!« riet ich ihm.

»Grrrr!«

Da näherte ich mich seinem offenen Mund – und der Geruch sagte mir alles. Ebenso schnell verstand ich nun auch die beiden Worte der Wirtin. Diese bediente sich der Mundart ihres Dorfes. Anstatt »Bullik jak« sollte es heißen >Balyk jaghi<, wörtlich ins Deutsche übersetzt: Fischöl, also Fischtran. Der kleine Hadschi hatte Fischtran getrunken.

Als ich das meinen Begleitern erklärte, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. Diesen Ausdruck eines aller Hochachtung baren Gefühles gab dem stets so selbstbewußten Hadschi augenblicklich sein früheres Wesen zurück. Er zog die ausgestreckten Arme ein, sprudelte den Inhalt seines Mundes von sich, sprang wütend auf die Lacher zu und schrie:

»Wollt ihr still sein, ihr Kinder des Teufels, ihr Söhne und Vettern seiner Großmutter! Wenn ihr über mich lachen wollt, so fragt erst, ob ich es euch erlaube! Ist es euch so lächerlich zu Mut, so laßt euch doch einmal die Flasche geben und trinkt von diesem Oel der Verzweiflung! Wenn ihr dann noch lacht, so will ich es gelten lassen.«

Ein noch lauteres Gelächter war die Antwort. Sogar die Wirtin stimmte mit ein. Da aber fuhr der Hadschi grimmig auf sie los und holte mit der Peitsche aus. Glücklicherweise schlug er durch die Luft, denn die Frau war blitzschnell mit einem fast lebensgefährlichen Sprung durch die Türe verschwunden.

Halef aber legte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, an dem Wässerchen auf die Erde, hielt das Gesicht hinein und spülte den Mund aus. Dann holte ich aus meinem Beutel drei tüchtige Fingerspitzen Rauchtabak und schob ihm denselben in den Mund. Er mußte ihn kauen, um den schrecklichen Geschmack los zu werden. Die Folgen dieses verhängnisvollen Schluckes waren um so außerordentlicher gewesen, als der Fischtran ein greisenhaftes Alter besaß, wie ich nachher von der Frau erfuhr.

Sie hatte sich zuerst über den gewaltsamen Raub des vermeintlichen Raki erbost. Durch die Wirkung des ungewöhnlichen Getränkes aber fühlte sie sich ausgesöhnt, und nun brachte sie, was sie vorher verheimlicht hatte – eine halbvolle Flasche wirklichen Raki, welcher der Hadschi mit großer Hingebung zusprach, denn es war selbst dem Tabak nicht gelungen, den ranzigen Fischtran vollständig zu überwältigen.

Dann schlenderte er wie absichtslos beiseite, aber bevor er hinter dem Gasthof verschwand, gab er mir einen heimlichen Wink, ihm zu folgen. Nach einer kleinen Weile spazierte ich ihm nach.

»Sihdi, ich habe dir etwas mitzuteilen, wovon die Andern nichts wissen dürfen,« sagte er. »Die Frau behauptete, weder eine Speise noch ein Getränk zu haben; ich aber schenkte ihr keinen Glauben, denn in einem Konak muß stets etwas vorhanden sein. Darum suchte ich überall, obgleich sie das nicht dulden wollte. Zuerst fand ich die Flasche des Unheiles und der Umstülpung des Magens. Sie wollte sie mir nicht geben, aber ich nahm sie mit Gewalt, denn ich verstand nicht die Worte, welche sie sagte. Dann kam ich an einen Kasten. Ich öffnete ihn und fand ihn mit Kepek (* Kleie.) gefüllt. Aber diese Kepek roch so eigentümlich, so verlockend! Diesen Geruch habe ich noch nicht vergessen, weil ich ihn erst gestern richtig kennen gelernt habe.«

Er holte Atem. Ich wußte bereits, was kommen würde. Er hatte einen Schinken entdeckt; das war sicher.

»Glaubst du wirklich, Sihdi, daß der Prophet den Erzengel richtig verstanden hat in Beziehung auf das Schweinefleisch?« hob er wieder an.

»Ich glaube, daß Mohammed entweder nur geträumt oder sich die Erscheinung des Engels nur eingebildet hat. Durch sein eigenartiges Leben und sein regelloses Grübeln ist seine Phantasie in krankhafter Weise erregt worden. Er hat Chajalar (* Halluzinationen.) gehabt, die ihm Dinge vorspiegelten, welche nicht vorhanden waren. Er sah Erscheinungen, die es in Wirklichkeit nicht gab; er hörte Stimmen, die seinem eigenen Gehirn entstammten. Und übrigens bin ich überzeugt, daß er das Verbot des Schweinefleisches nach dem Vorbild Musas (** Moses.) ausgesprochen hat.«

»Herr, du machst mir das Herz leicht. Denke dir: durch den Geruch verleitet, griff ich tief in die Kleie. Ich fühlte harte Gegenstände, große und kleine, und zog sie hervor. Es waren Würste und ein Schinken. Ich tat sie in den Kasten zurück, denn die Frau klagte, daß ich sie berauben wolle, und sagen, daß ich sie dafür bezahlen würde, das durfte ich doch nicht. Du würdest meine Seele mit Dankbarkeit erfüllen, wenn du jetzt zu ihr gehen wolltest, um ihr eine Wurst und auch ein Stück von dem Schinken abzukaufen. Wirst du mir heimlich diesen Gefallen tun? Die Andern dürfen natürlich nichts wissen und ahnen.«

Man denke, daß der kleine Hadschi sich mit großer Vorliebe einen Sohn oder Anhänger des Propheten zu nennen pflegte. Und jetzt verlangte er von mir, Schinken und Wurst heimlich für ihn einzukaufen! Dennoch war mein Erstaunen über seinen Wunsch keineswegs sehr bedeutend. Hätte ich ihm während der ersten Monate unserer Bekanntschaft zugemutet, von dem Fleisch eines Chansir el hakihr, eines »verächtlichen Schweines« zu essen, so hätte ich jedenfalls die Ausdrücke seines höchsten Zornes zu hören bekommen und auf seine fernere Begleitung verzichten müssen. Die Berührung einer einzigen Schweinsborste verunreinigt den Moslem und verpflichtet ihn zu sorgfältigen Waschungen. Und jetzt wollte Halef das Fleisch des verachteten Tieres gar in seinem Körper aufnehmen! Ohne es zu ahnen, war er durch sein Zusammenleben mit mir nicht nur in bezug auf seine Anschauungen, sondern auch betreffs der Befolgung vorgeschriebener Regeln ein sehr lässiger Bekenner des Islam geworden.

»Nun?« fragte er, als ich nicht gleich antwortete. »Muß ich zweifeln, ob du meine Bitte erfüllen wirst, Sihdi?«

»Nein, Halef. Wenn der Drache Ischtah (* Appetit.) in deinem Körper wütet, so muß ich dich, da ich dein Freund bin, von diesem Uebel erlösen. Du sollst nicht ewig die Qualen erdulden, welche er dir bereitet. Ich werde also mit der Frau sprechen.«

»Tue das, ja tue es! Denn es steht geschrieben, daß Allah jede Wohltat, welche ein Mensch dem andern erweist, tausendfach vergelten wird.«

»So meinst du, daß Allah mich tausendfältig belohnen werde dafür, daß ich dir von dem Fleisch des Schweines kaufe?«

»Ja, denn er hat dem Propheten nicht den Befehl gegeben, den Genuß dieser Speise zu verbieten, und wird sich also darüber freuen, daß ich diesem unschuldigen Tier die wohlverdiente Ehre erweise.«

»Ich glaube aber nicht, daß das Schwein es als eine große Ehre empfinden wird, zu Wurst und Schinken verarbeitet zu werden.«

»Das ist ja aber seine Bestimmung, und jedes Geschöpf, welches seine Bestimmung erfüllt, ist glücklich zu preisen. Der Prophet sagt, das Sterben sei Glück; also ist das Schlachten des Schweines das Beste, wonach es sich sehnen kann. Nun gehe zur Frau; laß aber die Andern ja nicht sehen, was du bringst. Ich werde von der andern Seite des Hauses zu ihnen zurückkehren, denn sie brauchen gar nicht zu wissen, daß wir hier miteinander gesprochen haben.«

Er ging. Ich sah, daß das Haus auch von hinten eine Türe hatte, und trat durch dieselbe ein.

Es hatte bisher den Anschein gehabt, daß sich die Wirtin allein daheim befände. Darum wunderte ich mich, als ich jetzt zwei Stimmen vernahm. Ich blieb stehen, um zu horchen. Der Konakdschi war es, welcher mit der Frau sprach, und zwar verstand ich alles ziemlich genau. Die Wirtin bediente sich zwar ihrer Mundart, gab sich aber Mühe, von ihm verstanden zu werden, was natürlich auch mir zu gute kam.

»Also sie sind hier eingekehrt,« sagte er. »Haben sie dir nicht gesagt, daß auch wir kommen würden?«

»Ja, doch nicht, daß du auch dabei sein würdest. Sie erzählten mir, daß deine Begleiter sehr böse Menschen seien. Darum wollte ich ihnen nichts zu trinken geben.«

»Das war falsch von dir. Grad weil sie so gefährliche Leute sind, muß ich mit ihnen freundlich sein, und auch du darfst nicht merken lassen, daß du sie durchschaust. Hast du vielleicht einen Auftrag an mich auszurichten?«

»Ja. Du sollst durchaus nicht hier übernachten, selbst dann nicht, wenn ihr erst spät hier ankommen würdet. Du sollst vielmehr mit ihnen bis zu Junak reiten.«

»Wird dieser daheim sein?«

»Ja. Er war erst vorgestern hier und erzählte, daß er sein Haus für einige Zeit nicht verlassen werde.«

»Befanden sich die Reiter alle wohl?«

»Nein. Der alte Mann, welcher den Arm gebrochen hatte, wimmerte unaufhörlich. Sie mußten ihm den Verband abnehmen, um den Arm mit Wasser zu kühlen. Als er wieder zu Pferd stieg, hatte er das Sowuk sarsmaki (* "Kaltes Schütteln", Fieber.) und wankte im Sattel. Wirst du mit diesen Fremden lange hier rasten?«

»Wir werden gleich wieder aufbrechen. Sie dürfen auch nicht wissen, daß ich mit dir von den Reitern und von Junak gesprochen habe; darum will ich gehen.«

Ich hörte, daß er sich entfernte, und trat selbst auch für eine Minute aus dem Hause. Das Weib sollte nicht denken, daß ich etwas gehört habe.

Wer war dieser Junak? Der Name ist serbisch und bedeutet so viel wie das deutsche Wort Held, welches ja auch als Name gebraucht wird. Wahrscheinlich war der Kohlenhändler gemeint, welcher mit den Erzeugnissen des Köhlers Scharka hausieren zu fahren pflegte!

Als ich dann lauten Schrittes wieder eintrat, kam mir die Frau entgegen, und ich teilte ihr meinen Wunsch mit. Sie zeigte sich zur Erfüllung desselben bereit, erkundigte sich jedoch, indem sie mich mißtrauisch betrachtete:

»Aber, Herr, hast du auch Geld? Verschenken kann ich nichts.«

»Ich habe Geld.«

»Und wirst du mich bezahlen?«

»Natürlich!«

»Das ist nicht so natürlich, wie du meinst. Ich bin eine Christin und darf dieses Fleisch essen. Auch an Andere, wenn sie Christen sind, darf ich davon verkaufen. Aber wenn ich einem Moslem davon ablasse, begehe ich einen Fehler und werde Strafe anstatt des Geldes erhalten.«

»Ich bin kein Mohammedaner, sondern ein Christ.«

»Und doch bist du ein so schlech–«

Sie hielt inne. Sie hatte wohl sagen wollen: »schlechter Kerl«, besann sich aber noch zur rechten Zeit und fügte schnell hinzu:

»Ich will es wagen, dir zu glauben. Komm also mit, und schneide dir selbst so viel ab, wie du haben willst.«

Ich nahm eine Wurst von vielleicht dreiviertel Kilo und dazu ein Stück Schinken, welches ein halbes Kilo wiegen mochte. Sie verlangte fünf Piaster dafür, also ungefähr neunzig Pfennige. Als ich ihr drei Piaster mehr gab, sah sie mich höchst verwundert an.

»Das soll ich wirklich behalten?« fragte sie zweifelnd.

»Ja. Dafür werde ich mir aber irgend etwas erbitten, in das ich diese Sachen einwickeln kann.«

»Ja, was soll das sein? Etwa ein Kiaghad (* Papier.)?«

»Das paßt am besten dazu; aber es darf nicht schmutzig sein.«

»Es ist nicht schmutzig, denn wir haben keins. Wo soll hier im Dorfe ein Stück Papier zu finden sein? Ich werde dir etwas anderes geben. Wir haben da ein Gömlek (** Hemd.) meines Mannes liegen, welches er nicht mehr trägt. Davon will ich dir ein Stück abreißen.«

Sie langte in eine Ecke, in welcher allerlei Gerümpel lag, und zog ein Ding hervor, welches wie ein Lappen aussah, mit dem man lange Jahre hindurch rauchige Lampenzylinder und schmutziges Topfgeschirr geputzt hat. Davon riß sie einen Fetzen ab, wickelte Wurst und Schinken hinein und reichte mir dann das Paket mit den Worten hin:

»Hier nimm, und labe dich daran. Ich bin in der ganzen Gegend als die geschickteste Tuzlama (* Einpöklerin.) bekannt. Du wirst wohl selten so etwas Wohlschmeckendes gegessen haben.«

»Das glaube ich dir,« antwortete ich verbindlich. »Alles, was ich hier sehe, hat die Farbe und den Geruch des Pökelfleisches, und du selbst bist so appetitlich, als hättest du mit dem Schinken in der Salzlake gelegen und dann in der Esse gehangen. Ich beneide den Gefährten deines Lebens.«

»O, Herr, sage nicht gar zu viel!« rief sie geschmeichelt. »Es gibt noch Schönere im Lande, als ich bin.«

»Dennoch scheide ich von dir mit dem Bewußtsein, daß ich mich gerne deiner erinnern werde. Möge dein Leben duftig und glänzend sein, wie die Schwarte deines Schinkens!«

Als ich nun wieder hinaustrat, beeilte ich mich, das Päckchen los zu werden, indem ich es in Halefs Satteltasche steckte. Niemand außer dem Hadschi bemerkte es. Die Andern hatten ihr Augenmerk auf die Bewohner des Dorfes gerichtet, welche neugierig nach und nach herbeigekommen waren.

Der Mensch, welcher bei unserm Nahen aufgesprungen und schreiend davongelaufen war, stand bei einem Andern, der sich ein sehr würdevolles Aussehen gab. Beide sprachen eifrig miteinander. Eben als ich meine Eßwaren glücklich geborgen hatte, trat der Erstere zu dem Konakdschi, unserm Führer, und begann mit ihm eine leise, aber sehr eifrige Verhandlung. Dann wendete er sich an mich, stemmte die Spitze seines Säbels auf die Erde, stützte die Hände auf den Griff, schnitt die Miene eines Pascha von drei Roßschweifen und fragte:

»Du bist ein Fremder?«

»Ja,« antwortete ich freundlich.

»Und reitest bei uns durch?«

»Ich beabsichtige es allerdings,« sagte ich noch viel freundlicher.

»So kennst du deine Pflicht?«

»Welche meinst du?«

Das klang geradezu herzlich. Der Mann machte mir Spaß. Aber je freundlicher ich wurde, desto grimmiger ward sein Gesicht. Er gab sich die größte Mühe, einen imponierenden Eindruck zu machen.

»Du hast die Abgabe zu entrichten,« erklärte er mir.

»Eine Steuer? Wie so denn?«

»Jeder Fremde, welcher durch unser Dorf kommt, hat sie zu zahlen.«

»Warum? Machen Fremde euch einen Schaden, den sie zu vergüten haben?«

»Du hast gar nicht zu fragen, sondern zu zahlen.«

»Wie viel denn?«

»Für die Person zwei Piaster. Ihr seid vier Fremde, denn der Konakdschi kann nicht gerechnet werden, da er uns bekannt und ein Kind des Landes ist; du aber bist der Anführer dieser Leute, wie er mir sagte, und hast also acht Piaster zu zahlen.«

»So sage mir doch einmal, wer du bist!«

»Ich bin der Feriki ameje daïr eminlikün (* "Chefgeneral der öffentlichen Sicherheit.") dieses Ortes.«

»Da bist du freilich ein bedeutender Mann. Aber wie dann, wenn ich mich zu zahlen weigere?«

»So pfände ich euch.«

»Wer aber hat den Befehl gegeben, von jedem Fremden diese Steuer zu erheben?«

»Ich und der Kiaja.«

»Befindet er sich auch hier?«

»Ja, dort steht er.«

Er deutete auf den Würdevollen, mit welchem er vorhin gesprochen hatte und der jetzt seinen Blick erwartungsvoll auf mich gerichtet hielt.

»Rufe ihn einmal her!« gebot ich.

»Wozu? Was ich sage, das hat zu geschehen und zwar sofort, sonst – — «

Er machte mit dem Säbel eine drohende Bewegung.

»Still!« antwortete ich ihm. »Du gefällst mir außerordentlich, denn du hast denselben Grundsatz, wie ich: Was ich sage, das hat zu geschehen. Ich zahle die Steuer nicht.«

»So nehmen wir euch so viel von euren Sachen, daß wir gedeckt sind!«

»Das würde euch schwer werden.«

»Oho! Wir haben erfahren, wer ihr seid. Wenn ihr euch nicht fügt, so bekommt ihr die Peitsche!«

»Halte deine Zunge im Zaum, denn ich bin gewohnt, mit Achtung und Ehrerbietung behandelt zu werden. Die Steuer zahle ich nicht; aber ich sehe, daß du ein armer Teufel bist, und so will ich dir aus Güte zwei Piaster schenken!«

Ich griff schon in die Tasche, um ihm dieses Bakschisch zu geben, zog aber die Hand wieder zurück, denn er hob den Säbel empor, fuchtelte mir mit demselben vor dem Gesicht herum und rief:

»Ein Bakschisch etwa? Mir, der ich der Bekdschi und Kajyrdschy (* Bewahrer und Behüter.) dieser Gemeinde bin? Das ist eine Beleidigung, welche ich auf das strengste bestrafen muß. Die Steuer wird verdoppelt werden. Und wie soll ich dich behandeln? Mit Achtung und Ehrerbietung? Du bist ein Tschapkyn (** Lump.), vor dem ich nicht eine Spur von Achtung haben darf. Du stehst so tief, so tief unter mir, daß ich dich gar nicht sehe, denn . – «

»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Wenn du mich nicht sehen kannst, so wirst du mich fühlen. Hebe dich von dannen, sonst erhältst du die Peitsche!«

»Was?« brüllte er. »Die Peitsche? Das sagst du mir, dem Mann von Geltung und Gewicht, während du eine tote Ratte und eine verhungerte Maus bist gegen mich. Hier stehe ich, und hier ist mein Säbel! Wer verbietet es mir, dich zu erstechen? Es würde ein Spitzbube weniger auf der Erde sein. Du samt deinen Begleitern – — «

Er wurde abermals unterbrochen. Halef legte ihm die Hand auf die Achsel mit den Worten:

»Schweig nun endlich, sonst macht der Effendi ernst, und du bekommst die Steuer dorthin ausgezahlt, wo du sie nicht wegnehmen kannst.«

Da versetzte der »Ortswachtmeister« dem Hadschi einen Stoß, daß dieser einige Schritte zurücktaumelte, und schrie ihn an:

»Wurm! Wagst du es wirklich, den obersten Beamten dieser Ortschaft zu berühren? Das ist ein Verbrechen, welches augenblicklich bestraft werden muß. Nicht ich bin es, sondern du bist es, der die Peitsche erhalten wird. Herbei, Kiaja, herbei, ihr Männer! Haltet dieses Männlein fest! Er soll die Hiebe mit seiner eigenen Peitsche empfangen.«

Der Kiaja hob schon den Fuß, um näher zu kommen, aber er zog ihn schnell zurück. Der Blick, welchen ich ihm zuwarf, schien ihm nicht zu gefallen. Sein Beispiel bewirkte, daß auch keiner der Andern der Aufforderung des »Chefgenerals der öffentlichen Sicherheit« gehorchte.

»Sihdi, soll ich?« fragte Halef.

»Ja,« nickte ich ihm zu.

Es genügte ein Wink von ihm zu Osko und Omar. Im nächsten Augenblick lag der Mann an der Erde, mit der Rückseite nach oben. Osko hielt ihn an den Schultern nieder, und Omar kniete ihm auf den Beinen. Der Bursche schrie, aber Halef überschrie ihn:

»Seht her, ihr Männer und Frauen, wie wir diesem Besitzer großer Worte die Steuer bezahlen! Er erhält sie zunächst; dann aber wird jeder drankommen, der es wagen sollte, ihm beizuspringen; der Kiaja gleich zuerst! Wie viel soll er erhalten, Effendi?«

»Acht Piaster hat er verlangt.«

Ich setzte nichts hinzu, doch ersah Halef aus meiner Miene, daß er gnädig verfahren solle. Er verabreichte ihm also acht Hiebe, und zwar nur der Form wegen. Schmerzen konnten diese acht gelinden Streiche gar nicht erwecken; dennoch machten sie einen gewaltigen Eindruck. Gleich beim ersten Hieb war der »Chefgeneral« still geworden. Jetzt, als die beiden ihn losließen, stand er langsam auf, rieb sich den rückwärts liegenden Pol seines Körpers und klagte:

»O Gesetz, o Gerechtigkeit, o Großsultan! Der treueste Diener des Jakyschyk memleketin (* Wohlstand des Landes.) wird mit der Peitsche beleidigt! Meine Seele zerfließt in Tränen, und aus meinem Herzen rinnen die Bäche der Wehmut und der Traurigkeit. Seit wann erhalten verdiente Männer den Nischani iftichar, den Orden des Ruhmes, mit der Kurbatsch dorthin gehängt, wo er bei einer Begegnung von vorn gar nicht zu sehen ist? Mich ergreifen die Schmerzen des Lebens, und ich empfinde die Qualen des vergänglichen Daseins. O Gesetz, o Gerechtigkeit, o Großsultan und Padischah!«

Er wollte sich von dannen schleichen, aber ich rief ihm zu:

»Warte noch ein wenig! Ich halte stets Wort. Da ich dir zwei Piaster versprochen habe, so sollst du sie auch bekommen. Und damit die Schmerzen des Daseins dir nicht allzu schwer werden, will ich dir sogar drei Piaster geben. Hier hast du sie!«

Er traute seinen Augen nicht, als ich ihm das Geld hinstreckte. Erst nachdem er mich prüfend angeschaut hatte, griff er zu und fuhr dann mit der Hand in die Tasche. Diese schien aber ein Loch zu haben, denn er zog die Hand wieder zurück und schob das Geld unter den Riesenturban. Dann ergriff er meine Hand, drückte sie an seine Lippen und sagte:

»Herr, die Qualen der Erde und die Unannehmlichkeiten dieser Welt sind vergänglich, wie die ganze Schöpfung. Deine Gnade träufelt Melhem (** Balsam.) in mein Gemüt und Sarmessak suju (*** Knoblauchsaft.) in die Tiefen meiner Gefühle. Möge das Schicksal dafür sorgen, daß dein Beutel nie ohne silberne Piaster ist!«

»Ich danke dir! Nun sende uns auch den Kiaja her.«

Der Genannte hörte meine Worte und kam herbei.

»Was befiehlst du, Herr?« fragte er.

»Wenn der Khawaß des Dorfes von mir ein Bakschisch erhält, so soll der Kiaja natürlich auch eins erhalten. Ich hoffe, daß du damit einverstanden bist.«

»Wie gern!« rief er aus, indem er mir die Hand entgegenstreckte. »Dein Mund hat Worte des Segens, und deine Hand teilt Gaben des Reichtums aus!«

»So ist es. Natürlich willst du nicht weniger empfangen, als dein Untergebener erhalten hat?«

»Herr, ich bin der Vorgesetzte. Mir gebührt noch mehr als ihm.«

»Richtig, er hat acht Streiche und drei Piaster bekommen, folglich lasse ich dir fünf Piaster und zwölf Hiebe geben.«

Da legte er schnell seine beiden Hände dorthin, wo selbst beim größten Gelehrten der Sitz der Geisteskräfte nicht gesucht werden darf, und schrie:

»Nein, nein, Herr! Nicht die Hiebe, sondern nur die Piaster!«

»Das wäre ungerecht. Keine Piaster ohne Hiebe. Entweder alles oder gar nichts. Wähle!«

»Dann lieber nichts!«

»So ist es deine Schuld, wenn deine Hand nicht empfängt, was ich ihr zugesprochen hatte.«

»Nein, nein!« wiederholte er. »Beides zu empfangen, das ist zu viel!«

Er wollte sich entfernen, kehrte aber nach einigen Schritten wieder um, sah mich bittend an und fragte:

»Herr, könnten wir es nicht anders machen?«

»Wie denn?«

»Gib mir die fünf Piaster, die zwölf aber meinem Khawassen. Er hat die Peitsche bereits gekostet, so daß sie ihn nicht mehr erschrecken kann.«

»Wenn er will, so bin ich einverstanden. Also her mit dir, du General der öffentlichen Sicherheit!«

Halef streckte die Hand nach dem Khawassen aus; dieser aber sprang schleunigst zur Seite und rief:

»Allah göstermessin – Gott behüte und bewahre! Die sanften Gefühle meines Sitzes sind bereits genugsam aufgeregt. Wenn du wirklich beschlossen hast, zu teilen, so gib mir die Piaster und dem Kiaja die Hiebe! Dir kann es ja ganz gleichgültig sein, wer sie bekommt, mir aber keineswegs.«

»Das glaube ich. Aber ich sehe, daß ich weder das Eine noch das Andere los werde; darum gebe ich euch die Erlaubnis, euch zu entfernen.«

»Basch üstüne, tschelebim – mit Vergnügen, Herr! Reite getrost weiter! Vielleicht findest du anderwärts eine Seele, welche nach den Hieben schmachtet, ohne die Piaster zu begehren.«

Er hob den Säbel auf, welcher ihm entfallen war, und entfernte sich. Der Kiaja ging auch, kehrte aber doch noch einmal um und flüsterte mir vertraulich zu:

»Effendim, vielleicht wäre es doch noch zu machen. Ich möchte die Piaster sehr gern haben.«

»Nun, wie denn?«

»Zwölf ist zu viel. Gib fünf Piaster und fünf Hiebe; das kann ich eher vertragen. Erfülle mir diese Bitte, so hast du deinen Willen, und ich habe den meinigen auch.«

Ich konnte nicht anders – ich mußte laut auflachen, und meine Gefährten stimmten ein. Der Kiaja freute sich, uns so gut gelaunt zu sehen, und fragte mich in beinahe zärtlichem Ton:

»Effendim, sewgülüm – mein lieber Effendi, nicht wahr, du tust es? Fünf und fünf?«

Da trat aus dem umstehenden Volk ein langer, hagerer, dunkelbärtiger Mensch hervor und sagte:

»Beni itschit, jabandschi – höre mich, Fremder! Du siehst hier über dreißig Männer stehen, von denen ein jeder bereit ist, sich fünf Streiche geben zu lassen, wenn er dazu fünf Piaster bekommt. Wenn es dir recht und gefällig ist, so wollen wir Dizi syraji (* In Reih und Glied.) machen und uns dieses schöne Geld verdienen.«

»Ich danke, ich danke sehr!« antwortete ich ihm. »Ihr habt uns nicht beleidigt, also könnt ihr keine Prügel und leider auch keine Piaster erhalten.«

Er machte ein enttäuschtes Gesicht und sagte wehmütig:

»Das ist uns gar nicht lieb. Ich bin ein sehr armer Mann und schlafe unter dem Dach des Himmels. Ich genieße mit den Meinen das Itschki plamudün (** Getränk der Eicheln.), und der Hunger ist unser einziger Gönner. Nie habe ich einen Stockhieb erhalten. Heute aber würde ich mich schlagen lassen, um fünf Piaster zu erhalten.«

Man sah es dem Mann an, daß er die Wahrheit sprach. Das Elend saß in jeder Falte seines Gesichtes. Schon wollte ich in die Tasche greifen, da aber stand auch schon Halef bei ihm, zog den Beutel und drückte ihm etwas in die Hand. Als der arme Bursche sah, was er bekommen hatte, rief er aus:

»Du hast dich geirrt! Das kannst du doch – — «

»Still, Alter!« fiel ihm Halef in die Rede, indem er mit der einen Hand den Beutel wieder in die Tasche gesteckt, während er mit der andern die Peitsche drohend schwang. »Mach' dich von hinnen und sorge dafür, daß die Deinen einmal echte Kaffeebohnen anstatt der Eicheln erhalten!«

Er schob den Mann fort, unter die Umstehenden hinein, worauf sich derselbe denn auch mit eiligen Schritten entfernte, gefolgt von den Anderen, welche die Höhe des Geschenkes gern erfahren wollten.

Nun brachen wir auf. Als unsere Pferde sich in Bewegung setzten, trat der Khawaß des Dorfes aus der Menge wieder hervor und rief mir zu:

»Herr, du hast mich mit Piastern beglückt. Ich werde dir das Yrz beraber gitmeji (* Ehrengeleit.) geben.«

Er stellte sich an unsere Spitze, nahm den Säbel auf und schritt in martialischer Haltung vor uns her. Erst draußen vor dem Dorf verabschiedete er sich.

»Sihdi,« meinte Halef, »es freut mich doch, daß ich nicht derb zugeschlagen habe. Er ist kein übler Kerl, und es sollte mir leid tun, wenn ich »die sanften Gefühle seines Sitzes in schlimmere Aufregung« versetzt hätte. In diesem schönen Lande ist jeder ein Held bis zu dem Augenblick, in welchem er die Peitsche sieht.«

– — —




Zweites Kapitel: Eine Bärenjagd


Der Aufenthalt in dem elenden Dorfe hatte ganz gegen unsere vorherige Absicht weit über eine Stunde gedauert. Um zu erfahren, wo wir heute Nacht bleiben würden, fragte ich den Konakdschi darnach. Er antwortete:

»Wir bleiben bei Junak, wo ihr besser ruhen werdet, als es hier im Dorfe der Fall gewesen wäre.«

»Wie weit ist es bis zu ihm?«

»Wir erreichen sein Haus noch vor Anbruch der Nacht. Ihr könnt sicher sein, daß er euch willkommen heißen wird.«

Weitere Erkundigungen wollte ich aus guten Gründen nicht einziehen. Es war vorteilhaft für uns, diesen Konakdschi glauben zu lassen, daß er unser ganzes Vertrauen besäße.

Noch ritten wir auf der Hochebene; aber vor uns im Westen lagen schwere Bergesmassen, deren Ausläufer uns bald zwischen sich nahmen. Rechts von uns strichen die Höhen des Schar Dagh nach Nordost. Wir näherten uns dem südwestlichen Vorstoß desselben, welcher seinen Fuß von den kalten Wassern des schwarzen Drin bespülen läßt. Dann fließt von Norden her der weiße Drin herbei, und der vereinigte Fluß wendet sich nach Westen, dem Adriatischen Meer, dem nicht mehr fernen Ziele unsers Rittes, entgegen. Von da, wo wir uns jetzt befanden, bis zur Meeresküste beträgt die Luftlinie kaum über fünfzehn deutsche Meilen. In drei Tagen konnten wir dort sein. Ob uns das auch gelingen würde? Es gab Hindernisse zu überwinden, welche nicht nur in den Terrainschwierigkeiten bestanden.

Nun befanden wir uns schon mitten zwischen himmelan strebenden Bergen. Zwar hatten wir bisher keinen gebahnten Weg gehabt, aber dennoch ziemlich schnell reiten können. Jetzt mußten wir uns durch Schluchten winden, welche fast unzugänglich waren. Schwere Felstrümmer legten sich uns in den Weg. Mächtige Stämme waren von den Steilungen abgestürzt und zwangen unsere Pferde, über sie hinweg zu klettern. Wir konnten nur zu zweien, ja wir mußten oft lange Strecken einzeln reiten, weil der Raum es nicht anders gestattete. Da war denn der Konakdschi als Führer natürlich voran, und Halef bildete die Nachhut. Warum, das konnte ich mir denken. Er hatte sich jedenfalls über das Päckchen hergemacht und wollte sich nicht dabei ertappen lassen.

Eben waren wir wieder in eine Vertiefung eingebogen, welche erlaubte, daß zwei Reiter sich nebeneinander bewegen konnten. Ich war der Vorletzte und tat dem Hadschi den Gefallen, gar nicht auf ihn zu achten. Da kam er herbei und ritt mir zur Seite.

»Sihdi, hat jemand etwas gemerkt?«

»Wovon?«

»Daß ich den verbotenen Schinken des Schweines verspeiste.«

»Niemand hat es gesehen, auch ich nicht.«

»So kann ich ruhig sein. Aber ich sage dir, daß der Prophet sich an seinen Gläubigen schwer versündigt, wenn er ihnen diese Speise verbietet. Es ist ein Genuß höchster Ergötzlichkeit. Kein gebratenes Huhn kommt ihm gleich. Wie mag es aber nur kommen, daß das tote Schwein viel, viel besser riecht, als das lebendige?«

»Das liegt an der Behandlung des Fleisches. Es wird gepökelt und geräuchert.«

»Wie macht man das?«

»Das Fleisch wird in Salz gelegt, damit das Wasser aus ihm entfernt werde, wodurch es dauerhaft wird.«

»Ah, das ist das Pastyrma (* Pökelfleisch.), von dem ich sprechen hörte?«

»Ja. Dann wird es geräuchert und erhält durch den Rauch den Duft, welcher dir so wohl gefällt. Wie weit bist du mit deinem Vorrat gekommen?«

»Der Schinken ist verzehrt, die Wurst habe ich noch nicht gekostet. Wenn du erlaubst, werde ich sie anschneiden.«

Er zog die Wurst aus der Satteltasche und das Messer aus dem Gürtel.

»Natürlich willst du auch ein Stück, Effendi?«

»Nein, ich danke dir!«

Wenn ich an den famosen Umschlag dachte und an die Frau, welche wahrscheinlich die Wurst höchst eigenhändig gestopft hatte, so war an Appetit natürlich gar nicht zu denken. Jetzt sah ich, daß Halef sich ganz vergebliche Mühe gab, die Wurst aufzuschneiden. Er säbelte und säbelte, kam aber mit dem Messer nicht hindurch.

»Was gibt es denn?«

»O, sie ist gar zu fest!« antwortete er.

»Fest? Du meinst doch wohl zu hart?«

»Nein, hart ist sie nicht, aber ungeheuer fest.«

»Ob vielleicht ein kleiner Knochen mit hineingeraten ist? Versuche es nebenan!«

Er setzte das Messer an einer andern Stelle an, und nun ging es leicht. Er roch an das abgeschnittene Stück, machte ein verklärtes Gesicht, nickte mir triumphierend zu und biß hinein. Er biß und biß, er hielt mit den Zähnen fest und zog mit beiden Händen – vergeblich!

»Allah 'l Allah! Diese Wurst ist wie ein Ochsenfell!« rief er aus. »Aber dieser Geruch! Dieser Geschmack! Ich muß durch, und ich komme durch!«

Er biß und zerrte aus Leibeskräften, und endlich gelang es. Die zähe Stelle gab nach – der Wurstzipfel war entzwei. Das eine Stück hielt er in der Hand, und das andere hatte er im Mund. Er begann zu kauen; er kaute fort und kaute weiter, aber er schlang den Bissen nicht hinab.

»Was kaust du denn, Halef?«

»Die Wurst!« antwortete er.

»Aber so schlinge doch auch!«

»Das geht noch nicht. Ich bringe das Stück nicht auseinander.«

»Wie schmeckt es denn?«

»Ausgezeichnet! Aber zähe ist es, außerordentlich zähe. Es kaut sich wirklich ganz wie Rindsleder.«

»So ist es kein Fleisch. Untersuche es!«

Er nahm den Bissen aus dem Mund und betrachtete ihn. Er drückte, zog und quetschte; er unterwarf ihn einer sehr sorgfältigen Untersuchung und sagte endlich kopfschüttelnd:

»Daraus werde ich nicht klug. Schau du das Ding einmal an!«

Ich nahm das »Ding« und betrachtete es. Es sah schon so nicht appetitlich aus, aber als ich nun gleich entdeckte, was es war, da wurde es mir doch noch ganz anders zu Mut. Sollte ich es dem Hadschi sagen? Jawohl! Er hatte das Gebot des Propheten übertreten, und nun kam eben die Folge seiner Sünde. Der kleine Mann hatte prächtige Zähne; aber dieses lederne Ding zu zerkauen, das war ihm doch nicht gelungen. Ich schob es mit Hilfe des Daumens in diejenige Fassung, welche es gehabt hatte, bevor es in die Wurst geraten war, und gab es ihm hin.

Als er es jetzt betrachtete, wurden seine Augen noch einmal so groß. Er riß den Mund auf, fast so, wie vor zwei Stunden, als er den fetten Raki trank.

»Allah, Allah!« rief er aus. »Schi mahuhl; schi biwak'kif scha'r irrahs – das ist fürchterlich; das läßt einem die Haare zu Berge stehen!«

Wenn jemand zwanzig Sprachen spräche und jahrelang nur in fremden Zungen redete, im Augenblick großen Schreckens oder großer Freude wird er sich seiner Muttersprache bedienen. So auch hier. Halef sprach sein heimatliches Arabisch, seinen moghrebinischen Dialekt. Er mußte also sehr erschrocken sein.

»Was schreist du denn?« fragte ich mit der harmlosesten Miene.

»O, Sihdi, was habe ich gekaut! Schi'aib, schi makruh – das ist schändlich, das ist abscheulich. B'irdak, billah 'alaik – ich flehe dich an, ich beschwöre dich!«

Er sah mich wirklich wie hilfeflehend an. Sämtliche Züge seines Gesichtes arbeiteten krampfhaft, um den Eindruck der fatalen Entdeckung zu überwinden.

»So sprich doch nur! Was ist es denn?«

»Ja Allah, ja na bi, ja maschara, ja hataja – o Allah, o Prophet, o Spott, o Sünde! Ich fühle jedes einzelne Haar auf meinem Haupt! Ich höre meinen Magen wie einen Dulun (* Dudelsack.) klingen! Alle meine Zehen wackeln, und in den Fingern kribbelt es, als ob sie mir eingeschlafen wären!«

»Ich weiß aber noch immer nicht, weshalb?«

»Sihdi, willst du mich verhöhnen? Du hast es doch auch gesehen, was es ist. Es ist ein Laska es suba.«

»Ein Laska es suba? Ich verstehe es nicht.«

»Seit wann hast du das Arabische verlernt? So will ich es dir türkisch sagen. Vielleicht weißt du dann, was ich meine. Es ist ein Parmak kabuki (** Fingerhülse, Fingerdüte.). Oder nicht?«

»Meinst du?«

»Ja, das meine ich!« beteuerte er, indem er ausspuckte. »Wer hat die Wurst gemacht? Etwa das Weib?«

»Wahrscheinlich.«

»O Unglück! Sie hat einen wunden Finger gehabt und von einem Diw eldiweni (*** Fausthandschuh.) den Daumen abgeschnitten und sich über das Pflaster und den Finger gesteckt. Als sie dann die Wurst füllte, hat sie die Fingerdüte hinein gestopft. Schu haida – pfui!«

»Das wäre ja entsetzlich, Halef.«

»La tihki, walah kilmi – rede nicht mehr, auch nicht ein Wort!«

Er hielt alles noch in den Händen, die beiden zerbissenen Teile des Wurstzipfels und die unglückselige Fingerhülse. Es war wirklich der Daumen eines starkledernen Fausthandschuhes. Sein Gesicht war gar nicht zu beschreiben. In diesem Augenblick fühlte er sich jedenfalls als den unglücklichsten Menschen der Erde. Er sah bald mich und bald die Wurststücke an und schien so von Ekel und Abscheu erfüllt zu sein, daß er gar keine Zeit fand, an das Nächstliegende zu denken.

»So wirf es doch weg!« sagte ich.

»Wegwerfen? Jawohl! Aber was habe ich davon? Mein Leib ist entweiht, meine Seele ist entwürdigt, und mein Herz hängt mir genau so wie eine traurige Wurst im Busen. Meine Urahnen drehen sich, grad so wie mein Magen, im Grab um, und die Söhne meiner Enkelskinder werden Tränen trinken beim Andenken an diese Stunde der bestraften Leckerhaftigkeit. Ich sage dir, Sihdi, der Prophet hat vollständig Recht. Das Schwein ist die ruchloseste Bestie des Weltalls, die Verführerin des menschlichen Geschlechtes und die Erztantentochter der Teufelsmutter. Das Schwein muß ausgerottet werden aus dem Reich der Schöpfung; es muß gesteinigt werden und vergiftet mit allen möglichen schädlichen Arzneien. Und der Mensch, welcher die schandbare Erfindung gemacht hat, die zerstückelte Leiche, das Fett und das Blut dieses Viehzeuges in die eigenen Gedärme desselben zu füllen, dieser Mensch muß in der schrecklichsten Ecke der Hölle schmoren in alle Ewigkeit. Die Frau aber, welche diesen Finger des Fausthandschuhes und das Pflaster ihres ungläubigen Daumens in die Wurst stopfte, diese Halefschänderin soll von ihrem bösen Gewissen gepeinigt werden Tag und Nacht, ohne Unterlaß, daß sie sich für einen umgekehrten Igel halten soll, bei dem die Stacheln nach innen gehen!«

»Ja, es ist stark!« lachte ich. »Dein Gesicht ist mir ganz unbegreiflich; ich kenne dich gar nicht mehr. Bist du denn wirklich der tapfere und stolze Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah?«

»Schweig, Effendi! Erinnere mich nicht an die wackeren Väter meiner Großväter! Keiner von ihnen hat das kolossale Unglück gehabt, eine Hülse zu kauen, welche erst an einem kranken Finger und dann in einer noch viel kränkeren und trostloseren Wurst steckte. Alle meine männliche Beredsamkeit reicht nicht aus, die Qualen meines Mundes, die Angst meines Schlundes und die Hilflosigkeit meiner Verdauung zu schildern. Dieser Tag ist der bejammernswerteste meiner ganzen irdischen Pilgerfahrt. Erst habe ich den Tran des Fisches getrunken, daß mir vor Uebelkeit das Lebenslicht auslöschen wollte, und kaum hat es wieder ein wenig aufzuflackern begonnen, so fange ich gar an, an dem eingepökelten Etui einer nichtswürdigen Daumengeschwulst zu kauen. Das ist doch wahrhaftig mehr, als ein Sterblicher vertragen kann!«

»So wirf es doch endlich weg.«

»Ja, fort, fort! Die Sünde des heutigen Tages soll keinen Augenblick länger an meinen Fingern kleben. Mir sind alle Genüsse der Erde vergällt. Dem Ersten, der mir eine Wurst vor die Augen bringt, schieße ich meine sämtlichen Kugeln in den Leib. Ich mag vom Schwein nichts mehr sehen und riechen; es ist die heilloseste Kreatur, die es auf Erden gibt!«

Er schleuderte alles von sich und fügte hinzu:

»Möge Derjenige, welcher nach uns dieses Weges reitet, ein hartgesottener Sünder sein! Wenn er diese Wurst findet und verspeist, so wird sein Gewissen vor Grauen aufplatzen wie ein Sack, und seine Taten werden hervorbrechen und an das Tageslicht kommen. Denn diese Wurst ist die Offenbarungsspeise aller Geheimnisse des inneren Menschen. Ich muß alle meine Kräfte zusammenfassen, damit du nicht zu schauen bekommst, welches Aussehen die inwendige Seite deines todkranken und schwergeprüften Halef hat.«

Er war gewohnt, selbst den widerstrebendsten Gegenstand in das blumenreiche Gewand des Orients zu kleiden. Das brachte er sogar hier in diesem schnöden Fall fertig. Dann ritt er wortlos nebenher, und nur als ich ihn neckend nach dem Grund seines Schweigens fragte, antwortete er:

»Es gibt keine Sprache irgend eines Volkes, deren Wortschatz ausreichend wäre, dir mein Leid und die Zerknirschung meiner Seele und auch meines Körpers zu beschreiben. Darum ist es besser, ich spreche gar nicht. Ich muß geduldig warten, bis die Empörung meines Innern von selbst aufgehört hat.«

Die Schlucht, welche der Schauplatz dieses Herzeleides gewesen war, hatte ihr Ende erreicht, und vor uns öffnete sich eine schmale und, wie es schien, sehr langgezogene Grasfläche, durch welche ein Wasser floß. Vereinzelte Büsche standen darauf, um welche sich zahlreiche Himbeer – und Brombeer-Stauden zogen. Letztere trugen eine verlockende Fülle von Beeren, über deren Größe man erstaunen konnte.

Wäre es nicht so spät am Tage gewesen, so hätten wir absteigen können, um ein leckeres Mahl zu halten.

»An diesem Wasser liegt Junaks Hütte,« erklärte der Konakdschi. »Wir werden sie in einer Viertelstunde erreichen.«

Hier konnten wir nebeneinander reiten. Es war Raum genug vorhanden, und wir setzten unsere Pferde in Galopp. Gewohnt, selbst während des schnellsten Rittes auf alles zu achten, behielt ich auch jetzt die Umgebung scharf im Auge. So kam es, daß mir ein Umstand auffiel, welcher mich veranlaßte, mein Pferd anzuhalten. Die Andern taten dasselbe.

»Was hast du gesehen? Was ist's mit diesem Gestrüpp?« fragte Halef.

Wir hielten vor einer Stelle, welche so dicht mit den genannten Beersträuchern und kriechenden Stachelranken besetzt war, daß ein Mensch, ohne sich ungewöhnlich anzustrengen, gar nicht hindurch konnte. Dennoch waren Bahnen durch dieses Gewirr gebrochen, Bahnen und Gänge, welche sich vielfach kreuzten.

»Siehst du nicht, daß jemand drinnen gewesen ist?« antwortete ich.

»Ja, ich sehe es. Aber macht dir das Bedenken? Es hat jemand Beeren gesammelt.«

»Die konnte er hier ringsum viel leichter haben. Kein vernünftiger Mensch arbeitet sich so kreuz und quer durch ein solches Dorngestrüpp, wenn er das, was er sucht, ohne Anstrengung haben kann.«

»Aber du siehst doch, daß der Betreffende nur Beeren gesucht hat. Sie sind an den Gängen, welche er durchbrach, abgepflückt, so weit ein Arm zu reichen vermag.«

»Der Betreffende? Hm, ja! Seine Kleidung muß aus einem sehr festen Stoff gefertigt gewesen sein, wahrscheinlich von starkem Leder. Sonst würden wir die Fetzen hangen sehen. Und die Gänge sind breiter, als ein Mensch sie bedarf.«

»Meinst du etwa, daß es kein Mensch gewesen sei?«

»Fast möchte ich es denken. Sieh doch nur, mit welcher Gewalt die Ranken niedergebrochen worden sind!«

»Es mag wohl ein sehr kräftiger Mann gewesen sein.«

»Selbst der kräftigste Mann bricht sich nicht in dieser Weise Bahn. Er steigt über die Hindernisse weg, wo ihm das nur immer möglich ist. Hier aber ist das nicht der Fall gewesen. Die Ranken und Schößlinge liegen tief und fest an der Erde. Sie sind so gewaltsam niedergebrochen, als wären sie mit einer Walze zusammengedrückt worden.«

»Das ist wahr. Ich begreife nicht, wie das ein Mensch mit seinen Füßen tun kann.«

»Hm! Befänden wir uns nicht in der Türkei, sondern in einer amerikanischen Wildnis, so wüßte ich, woran ich wäre. Das Kleid dieses Freundes der Himbeeren war freilich von Leder. Es scheint der schönste und dichteste Pelz gewesen zu sein, den es nur geben kann, und er war fest auf den Leib gewachsen.«

»So meinst du wirklich ein Tier?«

»Freilich; aber ein Tier, welches es in deiner Heimat nicht gibt, und darum kennst du es auch nicht.«

»Effendi, ich weiß, was du meinst,« sagte der Konakdschi, indem er sein Pferd um mehrere Schritte von unserm Standort wegzog, um aus der Nähe des Gestrüpps zu kommen. »Es ist ein Ajy (* Bär.), von dem du redest.«

»Du hast es erraten. Fürchtest du dich?«

»O nein! Diese Tiere sind hier höchst selten. Aber wenn sich einmal ein Bär in unsere Berge verirrt, so ist's ein wütender, mit dem man nicht spaßen darf.«

»Das läßt sich denken. Ein junges Tier, welches nur von Früchten lebt, wird sich nicht hierher verlaufen. Ich bin beinahe überzeugt, daß der Beerensucher wirklich ein Bär gewesen ist, und werde mir die Gänge, welche er durch das Gestrüpp gebrochen hat, einmal ansehen.«

»Um Allahs willen, laß das sein!«

»Pah! Es ist ja noch heller Tag.«

»Aber wenn du auf ihn triffst?«

»So trifft er auch auf mich. Beides ist sehr gefährlich.«

»Er reißt dir den Leib auf und beißt dich in den Kopf. Ich habe gehört, daß der Bär ein großer Freund des Gehirnes ist. Darum soll er seinem Opfer gleich mit dem ersten Biß die Hirnschale zermalmen.«

»Wir wollen sehen, ob dieser Bär hier dieselben Gewohnheiten hat,« sagte ich und stieg vom Pferd.

»Bleibe da, bleibe da!« schrie der tapfere Führer. »Es handelt sich ja nicht allein um dich, sondern auch um uns. Wenn er wirklich noch da im Dickicht steckt und du stöberst ihn aus der Ruhe, so wird er zornig sein und auch über uns herfallen!«

»Jammere doch nicht!« herrschte Halef ihn an. »Der Effendi hat den schwarzen Panther, das schlimmste der Raubtiere, und den Löwen getötet, den König der Gewaltigen. Was ist ein Bär gegen ihn! Er würde das Tierchen mit der Hand erwürgen.«

»Oho!« lachte ich. »Du hast eine etwas irrige Vorstellung von diesem lieben Tierchen. Wenn es sich vor dir aufrichtet, so überragt es dich um seines Kopfes Länge. Ist er ausgewachsen, so vermag er dir mit einem leichten Schlag seiner Tatze den Schädel zu zertrümmern. Er schleppt, wenn es ihm beliebt, eine Kuh fort. Es ist also gar nicht so ungefährlich, ihm zu begegnen.«

»Und wenn er noch zehnmal größer wäre, Hadschi Halef Omar fürchtet sich nicht vor ihm. Bleibe hier, Sihdi, und erlaube mir, ihn allein aufzusuchen. Ich möchte ihm ein Sallam aleikum zwischen die Rippen oder in den Kopf geben.«

»Ich bin gar nicht überzeugt, daß deine Kugel durch seine Schädelknochen dringen würde. Dazu bedarf man, wenn man kein Spitzgeschoß hat, eines Gewehres von der Sorte meiner alten Büchse hier, die ja ein Bärentöter ist. Vielleicht würde deine Kugel ihn gar nicht sehr belästigen; er schlägt dir deine Flinte in Stücke und umarmt dich dann, bis dir der Atem ausgeht.«

»Meinst du, daß ich ihm nicht auch den Brustkasten zusammendrücken kann, bis es ihm vor den Augen funkelt und bis ihm die Seele aus dem Leibe fährt!«

»Nein, das kannst du nicht, Halef. Also bleibe nur getrost hier!«

»Wenn er wirklich ein solch gefährlicher Bursche ist, so darfst auch du nicht ohne mich hinein. Ich bin dein Freund und Beschützer und will dabei sein, wenn du dich in Gefahr befindest.«

»Du würdest mir wohl nur im Wege sein, aber du magst mich begleiten, weil du noch nicht die Fährte eines Bären gesehen hast. Das Tier befindet sich nicht hier.«

»Weißt du das so genau?«

»Ja. Ich weiß, wie die Lagerstelle eines Bären beschaffen sein muß. Dieses Gestrüpp eignet sich ganz und gar nicht dazu. Wenn es wirklich ein Bär ist, der hier war, so kam er nur her, um von den süßen Beeren zu naschen. Als Raubtier hat er es vorgezogen, dabei im Gestrüpp versteckt zu sein. Der Instinkt gebietet ihm, am Tage offene Stellen zu meiden. Daraus erklärt es sich, daß die Früchte da, wo sie viel leichter zu haben sind, nicht abgepflückt wurden. Also komm! Halte aber immerhin deine Flinte schußfertig. Selbst ein Bär kann einmal von seinen Gepflogenheiten abweichen.«

Ich nahm die Büchse und drang, von Halef gefolgt, in das Dickicht ein. Die durch dasselbe gebrochenen Gänge glichen, natürlich in höchst verkleinertem Maßstab, den »Straßen«, welche die Büffel durch das reiterhohe Gras der Prärie treten. Das niedergebrochene Geäst und Gezweig lag wie fest gestampft. Petz mußte ein gewaltiger Kerl sein.

Wir waren kaum zehn Schritte gegangen, so fand ich den Beweis, daß wir es in Wirklichkeit mit einem braunen Bären zu tun hatten. Eine Locke seines Pelzes war an Dörnern hängen geblieben.

»Schau!« machte ich Halef aufmerksam. »Was ist das hier?«

»Das sind Pelzhaare.«

»Aber von was für einem Pelze?«

»Vom langwolligen Schaf.«

»Ja, und dieses Schaf wird im gewöhnlichen Leben Bär genannt.«

»Kaddaisch' haßi kbir – wie froh bin ich, Herr, mache schnell vorwärts, damit wir ihn erwischen.«

Das Jagdfieber packte ihn.

»Nur Geduld! Wir wollen uns erst einmal diese Locke genau betrachten.«

»Wozu?«

»Um vielleicht zu erfahren, wie alt er ist.«

»Läßt sich das aus diesen wenigen Haaren vermuten?«

»Ja, so ziemlich. Je jünger der Bär, desto wolliger ist sein Fell. Sehr alte Bären haben keine Unterwolle mehr und der Pelz wird so schäbig und dünn, daß er sogar nackte Stellen zeigt. Schau einmal her! Ist diese Locke wollig?«

»Nein; das Haar ist fast schlicht.«

»Es ist auch nicht gleich stark und nicht gleich gefärbt. Da, wo es im Fell steckte, ist es dünner als oben und fast ohne Farbstoff. Das ist ein Zeichen, daß die Haut das Haar nicht mehr zu nähren vermag. Dieser Bär ist ein sehr alter Bursche. Ich mag dir nicht wünschen, von ihm umarmt zu werden. Bei diesem Alter und in der jetzigen Jahreszeit kann er gern und gut an vier Zentner wiegen.«

»Allah! Und wie schwer bin ich?«

»Wenig über einen Zentner.«

»O Unglück, o Unterschied! Da passe ich freilich nicht in seine Arme und an sein Herz. Da ist es auf alle Fälle besser, ihm eine Kugel zu geben. Also vorwärts! Suchen wir ihn!«

»Er ist nicht mehr da. Wenn du das niedergetretene Gestrüpp genau betrachtest, so findest du die Bruchstellen schmutzartig gefärbt. Ich vermute, daß das Tier nicht heute, sondern schon gestern hier gewesen ist. Wir brauchen das Dickicht nicht zu untersuchen. Wenn wir es einfach umkreisen, so ist das bequemer, und wir sehen wohl die Stelle, an welcher er hineingegangen oder herausgekommen ist.«

Wir verließen also das Dorngewirr und umschritten es. Der Punkt, an welchem der Bär hineingedrungen war, ließ sich schnell finden. Er lag gegen den Wald zu und war daran zu erkennen, daß die niedergerissenen Zweige und Ranken nach einwärts gerichtet lagen. Da, wo sie nach auswärts lagen, mußte er herausgekommen sein. Diese Stelle lag gegen das Wasser hin. Ich suchte nach der Fährte, fand aber nur einzelne, kaum mehr zu lesende Tritte, welche nach dem Bach führten. Wir gingen ihnen nach und kamen zu der Stelle, wo Petz getrunken hatte. Das Wasser schien trübe geworden zu sein, und er war darum mit den Vorderpranken hineingestiegen. Jetzt floß es kristallrein über die Stelle, und nun erkannten wir im weichen Grund des gar nicht tiefen Baches die deutlichen Abdrücke der Tatzen. Er hatte sie während des Trinkens nicht bewegt und sie dann so behutsam herausgenommen, als ob er die Absicht gehabt habe, uns ja recht genaue Abdrücke seiner Patschen zu hinterlassen.

Meine vorhin ausgesprochene Vermutung bestätigte sich: der Bursche war von bedeutender Größe. Seine Sohlen waren stark gepolstert, woraus man leicht schließen konnte, daß er eine ansehnliche Masse von Fett mit sich herumtrage. Von hier war er nach einer sandigen Stelle getrollt, auf welcher er sich gewälzt hatte. Von da an gab es keine deutliche Spur mehr. Nur aus leisen Anzeichen ließ sich vermuten, daß er in den Wald zurückgekehrt sei.

»Wie schade!« klagte Halef. »Dieser Sohn einer Bärenmutter ist nicht einmal so höflich gewesen, auf uns zu warten.«

»Vielleicht ist es die Tochter einer Bärenmutter und selbst Mutter und Großmutter von vielen Enkeln. Hier, wo sie sich wälzte, hat sie auch den Sand aufgekratzt. Die Krallen sind sehr stumpf und abgestoßen. Sie ist eine sehr alte Tante. Sei froh, ihr nicht unerwartet begegnet zu sein.«

»Und doch wollte ich, sie käme jetzt herbei, um uns die Verbeugung des Grußes zu machen. Kann ein Bär gegessen werden?«

»Ja, aber nicht so, wie man einen Apfel mit Fleisch und Schale verspeist. Schinken und Tatzen sind, wenn gut zubereitet, wahre Leckerbissen. Auch die Zunge ist vorzüglich. Vor der Leber muß man sich hüten. Es gibt Völker, welche sie für giftig halten.«

»Schinken und Tatzen!« rief der Kleine aus. »Sihdi, können wir ihn nicht aufsuchen, um uns diese Leckerbissen von ihm geben zu lassen?«

»Halef, Halef! Denke an andere Leckerbissen, welche dir nicht sehr gut – — «

»Schweig!« fiel er mir schnell in die Rede. »Meinst du, daß der Prophet verboten hat, den Schinken und die Tatzen des Bären zu verspeisen?«

»Er hat es nicht verboten. Die Sprache des Propheten hat zwar ein Wort für Bär, nämlich »Dibb«, aber mit diesem Wort wird zuweilen auch die Hyäne bezeichnet, und ich glaube nicht, daß Mohammed jemals einen wirklichen Bären gesehen hat.«

»Hätte er es verboten, so würde ich um keinen Preis ein Gelüste nach Bärenschinken hegen; da dem aber nicht so ist, so sehe ich nicht ein, warum wir uns diesen Hochgenuß versagen wollen. Wir gehen in den Wald und schießen das Tier nieder.«

»Meinst du, daß es da nur so auf uns wartet?«

»Es muß doch ein bestimmtes Lager haben!«

»Das ist nicht nötig. Aber wäre dies auch der Fall, so würden wir das Lager nicht finden. Wir haben keine Fährte, und es beginnt bereits zu dunkeln. Wir müssen also auf die Jagd verzichten.«

»Effendi, mach' es doch möglich!« bat er. »Bedenke, daß dein treuer Halef seiner Hanneh, der Perle der Frauen, erzählen will, daß er einen Bären erlegt habe. Sie würde entzückt und stolz auf mich sein.«

»Sollte dein Wunsch erfüllt werden, so müßten wir einen oder gar zwei Tage hier verweilen, und dazu haben wir keine Zeit. In einer Viertelstunde wird es Nacht. Wir wollen uns sputen, das Haus Junaks zu erreichen!«

»Zum Scheïtan mit diesem Hause! Lieber würde ich heute in der Höhle des Bären schlafen und mich dabei in das Fell wickeln, welches ich ihm abgezogen hätte. Aber ich muß gehorchen. Allah gewährt, und Allah versagt. Ich will nicht gegen ihn murren.«

Also stiegen wir auf und ritten weiter.

Nach einiger Zeit traten die steilen, mit dunklem Nadelwald bewachsenen Höhen noch weiter zurück, so daß sie eine fast kreisflächenähnliche Lichtung einschlossen, auf welcher wir ein Haus sahen, an das sich zwei Schuppen oder stallähnliche Gebäude lehnten. Nur rechts drüben schob die Höhe einen schmalen zungenförmigen Ausläufer herein, welcher aus felsigem Boden bestand und mit Büschen, Laub – und Nadelbäumen besetzt war.

Dort, an der Spitze dieser Zunge, sahen wir eine Person stehen, deren Kleidung nicht entscheiden ließ, ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei.

»Das ist Guszka, Herr,« sagte der Konakdschi. »Soll ich sie rufen?«

»Wer ist Guszka?«

»Das Weib Junaks, des Ruß – und Kohlenhändlers.«

»Du brauchst sie nicht zu rufen, denn ich sehe, daß sie uns jetzt bemerkt.«

War dies der Vorname oder nur ein Schmeichelname, welcher auf die Seeleneigentümlichkeiten seiner Trägerin schließen ließ? Guszka ist nämlich auch serbisch und bedeutet »Gans«. Aber nach dem, was mir unser letzter Wirt, der Schäfer, über sie mitgeteilt hatte, stand nicht zu erwarten, daß sie die bekannte Eigenschaft des gleichnamigen Schwimmvogels besäße. Ich war neugierig, wie sie uns aufnehmen würde.

Schon jetzt verstellte sie sich. Sie tat, als hätte sie uns noch nicht gesehen, und schritt langsam und gesenkten Kopfes dem Hause zu. Der Ausdruck »Haus« war eigentlich hier eine großartige Schmeichelei. Die Mauern bestanden aus Steinen, die ohne bindenden Mörtel übereinander gelegt und deren Zwischenräume mit Erde und Moos verstopft waren. Die Bedeckung war ein primitives Knüppeldach, mit Wassermoos und getrocknetem Farnkraut bekleidet. Die Türe war so eng und niedrig, als sei sie nur für Kinder gemacht gewesen, und die Fensteröffnungen hatten grad die nötige Größe, um die Nase hinausstecken zu können.

Noch trauriger sahen die beiden anderen Bauwerke aus. Hätten sie sich nicht gar so innig an das Haus gelehnt, so wären sie augenblicklich umgefallen.

Die Frau verschwand in einem dieser Schuppen, ohne uns einen Blick zugeworfen zu haben. Wir stiegen vor dem Hause ab. Die Türe war verriegelt. Der Konakdschi schlug mit dem Gewehrkolben dagegen.

Erst nach längerer Zeit wurde geöffnet, und die Frau trat in die Spalte.

Es gibt ein Märchen von einer alten Zauberin, welche – tief im Wald lebend – einen Jeden, der sich zu ihr verirrt, in den Backofen steckt, um ihn zu braten und dann zu verspeisen. An diese Hexe mußte ich unwillkürlich denken, als ich jetzt die Frau erblickte. Sollte ihr Name Guszka, Gans, für ihre Individualität bezeichnend sein, so war sie doch nur mit einer jener steinalten Gänse zu vergleichen, welche auf jeden Fremden wie bissige Kettenhunde losfahren und nur darum nicht mit Borsdorfer Aepfeln und Beifußzweigen in Berührung kommen, weil ihr Fleisch zu hart geworden ist.

Sie war erschrecklich lang und ebenso erschrecklich dürr. Um uns durch die Tür betrachten zu können, mußte ihr Ober – zu dem Unterkörper fast einen rechten Winkel bilden. Ihr Gesicht war auch sehr in die Länge gezogen; es war überhaupt alles an ihr lang. Die scharfe, sichelförmig gebogene Nase, das spitze, von unten nach oben strebende Kinn, der breite, lippen – und zahnlose Mund, die großen, lappenartigen Ohren, die eng beisammenstehenden kleinen, wimperlosen und rot geränderten Augen, die tiefen Falten, in denen der Schmutz zu greifen war: das alles wirkte so abstoßend wie möglich. Den Kopf trug sie unbedeckt. Das dünne Haar, dessen Boden fischschuppenartig durchschimmerte, war nicht geflochten. Es hing in wirren, verfilzten Strähnen herab. Denkt man sich dazu ein unsäglich schmutziges Hemd und eine ebenso saubere, unten am Knöchel zusammengebundene Frauenhose und zwei nackte, skelettartige Füße, welche noch nie mit einem Tropfen Wasser in Berührung gekommen zu sein schienen, so wird man glauben, daß diese unvergleichliche Guszka ganz das Aussehen einer aus dem klassischen Altertum übrig gebliebenen Gorgo oder Furie hatten.

Und als sie jetzt zu reden begann, zuckte ich beinahe zusammen. Das klang ganz genau wie die heisere Stimme einer Krähe, die sich über irgend etwas erbost.

»Was wollt ihr? Wer seid ihr? Warum haltet ihr an?« krähte sie. »Reitet weiter!«

Sie tat, als ob sie die Türe verriegeln wollte; unser Führer aber schob sich dazwischen und sagte:

»Weiter reiten? Nein, das tun wir nicht. Wir bleiben hier.«

»Das geht nicht! Das kann nicht gehen! Ihr habt hier nichts zu suchen. Ich nehme keine Fremden bei mir auf!«

»Ich bin dir doch nicht fremd. Du wirst mich ganz gewiß kennen!«

»Aber die Andern nicht.«

»Es sind meine Freunde.«

»Die meinigen nicht.«

Sie schob ihn hinaus und er sie hinein, natürlich nur zum Schein.

»So doch verständig, Guszka!« bat er. »Wir verlangen von dir ja nichts umsonst. Wir werden dir alles gut und ehrlich bezahlen.«

Das schien zu wirken, wenigstens sollten wir so denken. Sie nahm eine weniger abwehrende Haltung an und fragte:

»Bezahlen wollt ihr? Ja, das ist was anderes! Dann kann ich es mir wenigstens überlegen, ob ich euch hier bei mir bleiben lasse.«

»Da gibt es ja gar nichts zu überlegen. Wir verlangen von dir nur ein Obdach und etwas zu essen.«

»Ist das etwa nicht genug?«

»Das ist mehr als genug; das ist zu viel,« sagte ich. »Speise und Trank verlangen wir nicht von dir und einen Platz zum Schlafen werden wir uns selbst suchen. Hast du keinen Platz im Hause, so schlafen wir im Freien.«

Etwas aus diesen krallenähnlichen, von Schmutz starrenden Fingern zu essen, das war ein Ding der Unmöglichkeit. Und da drinnen schlafen? Um keinen Preis! Die Stube sah ganz so aus, als ob sie sich jener springenden, wibbelnden und kribbelnden, stechenden, nagenden und beißenden Einquartierung erfreue, welche selbst im vornehmsten Hause des Orients immer vorhanden ist. Hier aber in dieser Bude hüpften, krochen, zappelten und marschierten jene blutdürstigen Myrmidonen jedenfalls in unzählbaren Scharen und Schwadronen umher.

Die Beschreibung einer Reise durch den duftumflossenen, sagenumwobenen, sonnigen Orient mag wohl angenehm zu lesen sein; aber diese Reise selbst machen, das ist etwas ganz Anderes. Das Schicklichkeitsgefühl verbietet oft, grad von den eigenartigen, charakteristischen Zügen zu sprechen. Der Orient gleicht Konstantinopel, welches der »Wangenglanz des Weltangesichtes« genannt wird. Von außen bietet es einen herrlichen Anblick; aber tritt man in die engen Straßen selbst, so ist's mit der schönen Täuschung vorüber. Der Orient hat alles, ja alles, nur darf man ja nicht Aesthetiker sein!

Der Reisende braucht den Osten gar nicht um hervorragender Abenteuer willen zu besuchen; er findet Abenteuer übergenug, täglich, ja stündlich. Aber was sind das für Abenteuer! Sie beziehen sich nicht auf große Ereignisse, sondern auf die kleinen Verhältnisse des alltäglichen Lebens. Freilich ist keineswegs Uhlands Wort auf sie an zuwenden:

»Doch schön ist nach dem großen

Das schlichte Heldentum «

Dem Erzähler ist es verboten, von diesen Abenteuern zu sprechen. Die zahlreichsten derselben erlebt er im Kampf gegen die oft aller Beschreibung spottende Unreinlichkeit der dortigen Bevölkerung. Ich habe mit einem berühmten Scheik gespeist, welcher während des Essens sich einige allzu lebhafte Tierchen aus dem Nacken holte, sie vor aller Augen zwischen den Nägeln seiner Daumen guillotinierte und dann mit den Händen, ohne sie vorher abzuwischen, in den Pillaw fuhr und von demselben eine Kugel rollte, um sie mir als »el Lukme esch Scharaf« (* Ehrenbissen.) in den Mund zu schieben.

Wenige werden glauben, daß dies zwar ein kleines, aber dennoch lebensgefährliches Abenteuer gewesen sei. Die Zurückweisung dieses Ehrenbissens ist eine Beleidigung, welche in der Wüste nur mit dem Tod gesühnt werden kann. Ich hatte also eigentlich nur die Wahl zwischen einer Kugel oder einem Messerstich und dem Verspeisen dieser schrecklichen Reiskugel. Links von mir saß der Scheik, welcher mir den Bissen reichte und erwartete, daß ich den Mund aufsperre. Rechts saß Krüger-Bey, der bekannte Oberst der Leibscharen des Herrschers von Tunis. Er – ein geborener Deutscher – hatte die Hinrichtung der kleinen Wesen ebenso bemerkt, wie ich. Er wußte genau, in welch großer Verlegenheit ich mich in diesem Augenblick befand, und in seinem Gesicht war die große Spannung zu lesen, ob ich die Reis – oder die Bleikugel wählen werde. In solcher Lage gilt es, geistesgegenwärtig zu sein. Ich sagte im Ton größter Höflichkeit zu dem Scheik:

»Ma binsa dschamihlak kull umri – ich werde all mein Lebtage an deine Güte gedenken.«

Den Bissen aus seiner Hand nehmend, fuhr ich fort:

»Ridd inna'sar, ja m'allmi – entschuldige mich, o Herr!«

Und mich nun schnell rechts zu Krüger-Bey wendend, schloß ich:

»Dachihlal, ent kaïn haun el muhtaram – ich bitte dich, hier bist du der Ehrwürdige!«

Der brave Kommandant der Leibwache erschrak. Er ahnte meine Absicht und war so unvorsichtig, den Mund zu öffnen, um mir abwehrend zu antworten. Aber dieser eine Augenblick genügte mir. Ehe er ein Wort hervorbrachte, hatte er den Reiskloß im Mund und durfte ihn nicht wieder herausgeben.

Er war der Aelteste. Daß ich ihm den Ehrenbissen gegeben hatte, war nun nicht eine Beleidigung, sondern ein allgemein sehr wohl aufgenommener Beweis, daß ich das Alter achte. Der arme Ehrwürdige machte freilich ein Gesicht, als hätte er den ganzen Jammer des Erdenlebens zwischen den Zähnen gehabt. Er drückte und drückte und schlang und schlang, bis er rotblau geworden und der Bissen hinunter war. Noch nach Jahren rühmte sich der Undankbare, daß er mir diesen Streich nicht vergessen habe.

Solche Erlebnisse sind häufiger, als einem lieb sein kann. Man darf wohl eine Andeutung geben, sie aber nicht ausführlich beschreiben. Der Kampf gegen Schmutz und Ungeziefer ist ein wahrhaft schrecklicher und kann einem die höchsten Genüsse verleiden.

Frau Guszka ahnte nicht, was mich zu meinen Worten veranlaßte. Es war wohl gegen die ihr zugeteilte Rolle, uns abzusondern; darum sagte sie schnell:

»Platz habe ich wohl für euch, Herr. Wenn ihr es gut bezahlt, so habe ich ein Bett für dich; deine Gefährten aber können neben dir auf ihren Decken schlafen.«

»Wo ist das Bett?«

»Komm herein; ich werde es dir zeigen!«

Ich folgte ihr, nicht in der Absicht, das Bett zu prüfen, sondern nur um einen Einblick in die Häuslichkeit der »Gans« zu bekommen.

Aber welch ein Loch betrat ich da! Es gab die vier rohen Wände. Rechts in der Ecke lagen die Steine des Feuerherdes, und links in der andern Ecke sah ich einen unordentlichen Haufen von dürrem Farn, Laub und Lumpen. Auf diesen deutete die Frau, indem sie sagte:

»Dort ist das Bett. Und hier ist der Herd, auf welchem ich euch das Fleisch braten werde.«

Es herrschte ein wahrer Höllendunst in diesem Loch, brandig und nach allen möglichen Gestänken riechend. Von einem Schornstein war keine Rede. Der ätzende Rauch fand seinen Abzug durch die Fenster. Die Gefährten waren mit eingetreten. Daß sie grad wie ich dachten, sah ich ihnen deutlich an.

»Was für Fleisch meinst du?« erkundigte ich mich.

»Pferdefleisch.«

»Woher habt ihr das?«

»Von unserem eigenen Pferd,« antwortete sie, indem sie mit beiden Händen nach den Augen griff.

»Habt ihr es geschlachtet?«

»Nein; es ist uns zerrissen worden.«

»Ah! Von wem?«

»Mein Mann sagt, daß es ein Bär gewesen sein müsse.«

»Und wann hat er das Pferd getötet?«

»In letzter Nacht.«

»Allah 'l Allah!« rief Halef. »So frißt dieser Bär also nicht nur Himbeeren! Habt ihr ihn getötet?«

»Wie kannst du so fragen! Um einen Bären zu erlegen, müssen sehr viele Männer beisammen sein.«

»Willst du mir sagen, wie es zugegangen ist,« forderte ich sie auf.

»Das wissen wir freilich selbst nicht genau. Wir bedürfen des Pferdes zu unserm Handel. Es muß uns den Kohlenwagen ziehen und . – «

»Ich habe doch keinen Wagen stehen sehen!«

»Wir können ihn gar nicht hier haben, denn es gibt keinen Weg, auf welchem wir ihn zu dem Hause bringen könnten. Er steht also stets bei dem Köhler. Das Pferd aber befindet sich hier, wenn wir daheim sind. Es bleibt des Nachts im Freien, um das Gras abweiden zu können. Heute früh nun, als wir aufstanden, sahen wir es nicht, und als wir es suchten, fanden wir seine Leiche drüben bei den Felsen liegen. Es war zerrissen worden, und als mein Mann die Spuren sah, sagte er, ein Bär sei es gewesen.«

»Wo befindet sich jetzt das übrig gebliebene Fleisch?«

»Draußen im Schuppen.«

»Zeige es mir.«

»Herr, das darf ich nicht,« sagte sie erschrocken. »Mein Mann hat mir verboten, fremde Leute da hinein zu lassen.«

»Welchen Grund hat er dazu?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist er denn jetzt?«

»Er wollte nach dem Lager des Bären suchen.«

»Das ist aber höchst gefährlich! Ist denn dein Mann so ein mutiger Jäger?«

»Ja, das ist er.«

»Wann kommt er zurück?«

»Wohl bald.«

»So! Sind etwa heute Fremde hier bei euch gewesen?«

»Nein. Warum fragst du nach ihnen?«

»Weil dein Mann dir verboten hat, Fremde in den Schuppen zu lassen.«

»Es war niemand da, kein Mensch, heute nicht und gestern nicht. Wir leben so einsam, daß nur höchst selten einmal jemand zu uns kommt.«

In diesem Augenblick ertönte ein schriller, in die Ohren gellender Schrei. Die Frau sprach schnell weiter, um unsere Aufmerksamkeit abzulenken; ich aber sagte:

»Horch! Wer hat da geschrieen?«

»Ich habe nichts gehört.«

»Aber ich hörte es sehr deutlich.«

»So wird es ein Vogel gewesen sein.«

»Nein, das war ein Mensch. Ist wirklich niemand bei dir?«

»Ich bin ganz allein.«

Dabei aber winkte sie dem Konakdschi nach der Türe. Ich sah es, drehte mich um und ging hinaus.

»Herr!« rief sie hinter mir. »Wohin willst du gehen?«

»In den Schuppen.«

»Das darfst du nicht!«

»Pah! Will doch sehen, wer geschrieen hat.«

Da stellte sich der Konakdschi mir in den Weg und sagte:

»Bleibe da, Effendi! Du hast ja gehört, daß kein Fremder – «

Er sprach nicht weiter. Der Schrei war wieder erklungen und zwar noch lauter und unheimlicher als vorher.

»Hörst du?« antwortete ich ihm. »Das klingt ganz so, als ob jemand sich in Lebensgefahr befinde. Wir müssen nachsehen.«

»Aber du darfst doch nicht . – «

»Schweig! Es soll mich niemand hindern, zu tun, was mir beliebt.«

Er machte noch einen Versuch, mich zurück zu halten; die Frau tat dasselbe, aber ich ging dennoch. Meine drei Begleiter folgten mir. Hinterher kam der Konakdschi mit der Frau. Beide wisperten angelegentlich miteinander. So viel ich sehen konnte, machte er ein sehr betroffenes Gesicht.

Ich riegelte den einen Schuppen auf: – er enthielt nichts, als allerlei Gerümpel. Als wir dann auf den andern zuschritten, ertönte wieder der Schrei und zwar aus diesem zweiten Schuppen. Das klang wirklich ganz entsetzlich. Nun öffneten wir und traten ein. Es war fast dunkel im Innern.

»Ist jemand da?« fragte ich.

»O Allah, Allah!« antwortete eine Stimme, welche ich gleich erkannte. »Der Scheïtan, der Scheïtan! Er kommt! – Er greift nach mir! – Er holt mich in die Hölle!«

»Das ist ja der alte Mübarek!« raunte mir Halef zu.

»Allerdings. Entweder sind auch die Andern in der Nähe, um uns einen Hinterhalt zu legen, oder sie haben ihren Weg zum Köhler fortgesetzt und waren gezwungen, ihn hier zurückzulassen. Er hat das Fieber.«

»Herr, gehe nicht hinein!« sagte die Frau. »Es ist ein Kranker drin.«

»Warum hast du mir das verschwiegen?«

»Er soll nicht gestört werden.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Er hat das Hawa ils far' (* Cholera.). Geh' ja nicht hinein! Er steckt dich sonst an, und dann bist du verloren.«

»Die Cholera? Jetzt? Hier im tiefen Wald? Hm! Das glaube ich nicht.«

»Es ist wahr, Herr!«

»Wer ist er denn?«

»Ein Bruder von mir.«

»So! Ist er ein alter Mann?«

»Nein, ein noch ganz junger Bursche.«

»Weib, du lügst! Den Mann, welcher hier liegt, den kenne ich. Er mag dein Bruder sein, denn ihr beide seid Geschwister des Teufels, aber jung ist er nicht. Es ist der alte Mübarek, den ich mir genauer ansehen will. Hast du eine Lampe?«

»Nein.«

»Aber Späne?«

»Auch nicht.«

»Höre, jetzt holst du Späne, um Licht zu machen, und wenn du binnen einer Minute nicht zurück bist, bekommst du Hiebe, daß dir das schmutzige Fell zerspringt.«

Ich hatte die Peitsche in die Hand genommen. Das wirkte.

»Effendi,« sagte der Konakdschi, »du hast kein Recht, zu tun, als wärest du hier der Herr und Gebieter. Wir sind hier Gäste und – — «

»Und werden so zahlen, wie man es verdient, nämlich entweder mit Piastern oder mit Hieben,« fiel ich ihm ins Wort. »Da drin liegt der Mübarek. Wo der ist, da befinden wir uns in Gefahr, und ich werde genau so handeln, wie unsere Sicherheit es erfordert. Willst du mich irre machen, so muß ich annehmen, daß du es heimlich mit unsern Feinden hältst. Grund dazu ist bereits genug vorhanden, wie du weißt. Also nimm dich in acht!«

Da war er still und wagte kein weiteres Wort. Die Frau brachte Kienspäne, von denen einer bereits brannte. Wir zündeten mehrere an, nahmen sie in die Linke, die gespannten Revolver oder Pistolen in die Rechte und machten uns an die Untersuchung des Schuppens.

Da gab es nun freilich nur zweierlei zu sehen, nämlich den Mübarek, welcher besinnungslos in der Ecke lag, und den Pferdekadaver in dem andern Winkel. Von letzterem stieg ein Heer von ekelhaften Fliegen auf, als wir uns näherten.

»Bist du denn toll?« fragte ich die Frau. »Dort befindet sich einer, welcher das Wundfieber hat, und dabei liegt eine Pferdeleiche, von welcher tausend Insekten zehren. Und von diesem Fleisch sollten wir essen! Weißt du denn nicht, wie gefährlich das ist?«

»Was soll das schaden?«

»Das Leben kann es kosten. Du hast uns belogen. Dieser Mensch dort ist unser Todfeind, welcher uns nach dem Leben trachtet. Indem du ihn uns verheimlichen wolltest, hast du bewiesen, daß du mit ihm verbündet bist. Das kannst du teuer bezahlen müssen!«

»Herr,« antwortete sie, »ich weiß kein Wort von alledem, was du sagst.«

»Ich glaube dir nicht.«

»Ich kann es beschwören.«

»Auch deinem Schwure schenke ich keinen Glauben. Wie ist der Alte zu dir gekommen?«

Sie warf einen fragenden Blick auf den Konakdschi. Dieser nickte ihr zu. Ich verstand, was er ihr damit sagte, tat aber, als hätte ich nichts gesehen.

»Es kamen Reiter hier vorbei,« erklärte sie mir. »Einer von ihnen war krank; er konnte nicht weiter, und so baten sie mich, ihn hier zu behalten, bis er stärker geworden sei, oder bis sie ihn abholen würden. Sie versicherten, daß ich eine sehr gute Bezahlung dafür erhalten werde.«

»Kanntest du sie?«

»Nein.«

»Warum sagtest du, daß dieser alte Sünder dein Bruder sei?«

»Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Sie baten mich, so zu sagen und niemand zu ihm zu lassen, da er von Feinden verfolgt werde.«

»Haben sie dir diese Feinde beschrieben?«

»Ja.«

»Diese Beschreibung paßt auf uns?«

»Ganz genau. Darum wollte ich dich nicht zu ihm lassen.«

Da ertönte vom Eingang her eine zornige Stimme:

»Was geht denn hier vor? Wer wagt es, ohne meine Erlaubnis hier einzudringen?«

Ich trat dem Frager mit dem Kienspane näher. Die Frau eilte auf ihn zu und begann leise mit ihm zu flüstern. Ich ersah keinen Grund, sie darin zu stören. Als beide fertig waren, wandte er sich an mich:

»Herr, meine Frau erzählt mir, daß ihr sie bedroht habt. Das darf ich nicht dulden. Wir haben, indem wir diesen Kranken bei uns aufnahmen, ein Werk der Barmherzigkeit getan, und ihr habt kein Recht, uns das vorzuwerfen.«

»Wer hat einen Vorwurf ausgesprochen?«

»Du!«

»Das ist nicht wahr. Sie hat ihn uns verheimlicht.«

»Was geht das euch an? Können wir nicht tun, was uns beliebt?«

»Das könnt ihr wohl; aber wenn ich den Schrei eines Menschen höre und es wird mir auf meine Frage gesagt, daß niemand da sei, so muß ich wohl argwöhnisch werden. Ich muß glauben, daß ein Mensch sich in Gefahr befinde, und um ihn zu retten, bin ich hier eingetreten, obgleich deine Frau es mir nicht erlauben wollte.«

»Weil du sein Todfeind bist!«

»Auch das ist erlogen. Wir haben ihn geschont, obgleich er uns nach dem Leben trachtete. Ich habe ganz und gar nicht die Absicht, ihm Böses zu erweisen. Ich bin sogar erbötig, ihm beizustehen, wenn es noch möglich ist. Schafft ihn in die Stube! Dort ist es leichter, ihn zu pflegen. Ich werde seine Wunde untersuchen. Kann ihm noch geholfen werden, so soll es mich freuen. Ich raube keinem Menschen das Leben, wenn es nicht in Verteidigung meines eigenen Lebens geschehen muß.«

»Du wirst ihn ehrlich untersuchen und ihm keine Medizin geben, die ihn vollends umbringt?«

»Er empfängt gar keine Medizin. Nur kunstgerecht verbunden soll er werden. Also tragt ihn sofort hinein. Ich warte hier auf dich, denn ich habe dann wegen des Pferdes mit dir zu sprechen.«

Erst jetzt, als er von den Spänen mehr beleuchtet wurde, sah ich, daß er ein Päckchen in der Hand hatte. Ich erkannte es sogleich und machte Halef auf dasselbe aufmerksam, indem ich ihm einen heimlichen Wink gab.

Der Konakdschi, der Kohlenhändler und dessen Frau hoben den Mübarek vom Boden auf und trugen ihn an uns vorüber. Der Verwundete war ohne Besinnung, schien aber die ihm verursachten Schmerzen zu fühlen, denn er schrie jämmerlich.

»Herr,« sagte Halef zu mir, »wie nun, wenn der Mübarek sich nicht allein hier befindet!«

»Ich bin überzeugt, daß die Andern wirklich fort sind, werde aber trotzdem die Maßregeln so treffen, als ob sie sich hier versteckt hätten.«

»Und was hast du mit dem Kohlenhändler wegen des Pferdes zu besprechen?«

»Ich will es ihm abkaufen, wenigstens einen Teil des Kadavers.«

»Bist du des Teufels? Meinst du, daß wir von diesem Fleische essen sollen?«

»Nein, wir nicht, sondern ein Anderer.«

»Wer?«

»Ein Gast von uns. Du wirst ihn hoffentlich noch heute kennen lernen.«

Halef schwieg.

»Jetzt leuchtet einmal her und schaut euch den Kadaver des Pferdes an,« sagte ich zu den Gefährten. »Da werdet ihr sehen können, welche Kraft ein Bär in seinen Zähnen und Tatzen hat.«

Das gewaltige Raubtier hatte dem Pferd die Hirnschale aufgebrochen. Die Schädelhöhle, welche den größten Leckerbissen des Bären, das Gehirn, enthält, war so rein geleert, als sei sie mit einem Schwamm ausgewischt worden. Dann hatte er den Leib angeschnitten. Es fehlten die Eingeweide, welche er verzehrt hatte. Das Backenfleisch war seinem Gelüste zur Beute geworden, und zuletzt wohl hatte er sich die Brust genommen. Dann war er gesättigt gewesen.

Das Pferd – ein starkknochiges und wohlgenährtes Tier – hatte wohl Kräfte genug gehabt, eine schwere Last zu ziehen. Darum sagte Halef:

»Aber wie kann ein Bär ein solches Pferd bewältigen? Es vermag doch zu fliehen oder sich mit den Hufen zu wehren!«

»Das weiß der Bär so genau wie du und richtet seinen Angriff danach ein. Uebrigens ist er ein alter Kerl, der gewiß ein gutes Quantum Erfahrung besitzt.«

»Aber denke dir, das Pferd ist ein so schnelles Tier, während der Bär ungelenk und täppisch sein soll.«

»Wer das denkt, der kennt ihn nicht. Ja, für gewöhnlich scheint es, als ob er die Behaglichkeit mehr liebe, als die Eile; aber ich sage dir, daß ich dabei war, als ein grauer Bär einen Reiter einholte, der sich alle Mühe gab, zu entkommen. Ist der Bär angeschossen, so entwickelt er eine Wut und eine Schnelligkeit, die ihn höchst gefährlich machen.«

»Nun, wie mag es da diesem Bären gelungen sein, sich des Pferdes zu bemächtigen?«

»Zunächst hat er die Klugheit gehabt, sich gegen den Wind anzuschleichen, um nicht durch die Nüstern bemerkt zu werden. In der Nähe seiner Beute angekommen, hat er einige weite schnelle Sprünge gemacht und dann das Pferd von vorn angenommen. Du siehst es an den Wunden, die es trägt, daß er es vorn niedergerungen hat. Schau die zerrissenen Vorderbeine und die beiden Risse rechts und links im Hals. Er hat mit den Vordertatzen das Pferd am Hals gepackt und ihm die Hinterpranken an die Vorderbeine gestemmt. Bei seiner Bärenkraft, welche ja auch sprichwörtlich ist, bedurfte es nur eines Ruckes, um es vorn niederzubringen. Dann hat er ihm einen Wirbel des Genickes zerknirscht. Das siehst du an den deutlichen Wunden. Wünschest du auch jetzt noch, von ihm umarmt zu werden?«

»O Beschützer! O Bewahrer! Das fällt mir nicht ein. Den Brustkasten könnte ich ihm nicht eindrücken, wie ich vorhin sagte. Aber fürchten würde ich mich doch nicht vor ihm, wenn es zum Kampf zwischen ihm und mir käme. Nur müßte ich meine Flinte bei mir haben. Das ist doch das Sicherste?«

»Ja, doch gibt es Jäger, welche dem Bär bloß mit dem Messer zu Leibe gehen.«

»Ist das möglich?«

»Gewiß. Nur gehört ruhiges Blut, Körperkraft und ein sicherer Stoß dazu. Trifft das Messer das Herz nicht, so ist es gewöhnlich um den Mann geschehen. Bedient man sich der Büchse, so kann man ihn auf verschiedene Weise erlegen. Nie aber schieße ich auf weite Distanz. Am sichersten ist es, man geht dem Burschen mit dem angelegten Gewehr entgegen. Er richtet sich auf, um den Schützen zu empfangen. Auf zehn Schritte gibt man ihm den tödlichen Schuß grad ins Herz. Da er gewöhnlich den Rachen weit aufreißt, kann man auch da eine tödliche Stelle treffen, indem man ihm die Kugel durch den oberen Teil des Rachens ins Gehirn jagt. Doch selbst dann, wenn er stürzt und ohne Bewegung liegt, ist noch Vorsicht geboten. Bevor man sich bei einem getroffenen Bären häuslich niederläßt, muß man sich ganz genau überzeugen, daß er auch wirklich getötet worden ist.«

Ich gab diese oberflächliche Belehrung nicht ohne Absicht, denn ich hoffte, den Bären noch am Abend kennen zu lernen.

Jetzt kehrten die beiden Männer zurück. Die Frau war bei dem Kranken geblieben. Der Kohlenhändler fragte:

»Was wolltest du wegen des Pferdes mit mir sprechen?«

»Ich wollte wissen, ob du das ganze Fleisch desselben für dich verwenden willst.«

»Ja. Ich will es aufheben.«

»So nimm das beste. Die geringeren Stücke kaufe ich dir ab.«

»Du? – Wozu?«

»Für den Bären.«

»O! Der hat schon genug erhalten. Willst du ihn noch dafür beschenken, daß er mich um mein Pferd gebracht hat?«

»Nein; ein Geschenk soll es freilich nicht sein. Weißt du vielleicht, ob das Raubtier sich schon seit längerer Zeit in dieser Gegend befindet?«

»Ich habe noch keine Spur von ihm gesehen. Die Nachbarn wohnen hier weit auseinander, aber wenn er schon einen ähnlichen Raub ausgeführt hätte, so wäre es mir sicher zu Ohren gekommen, da ich als Handelsmann die Ortschaften fleißig besuche.«

»So ist er also hier fremd und kennt noch nicht die Gelegenheiten, auf leichte Weise seinen Appetit zu stillen. Darum denke ich, daß er heute abend wieder kommen wird, um den Rest des Pferdes an sich zu nehmen. Liegt die Stelle, an welcher er dasselbe tötete, weit von hier?«

»Gar nicht weit. Ich hörte von meiner Frau, daß sie grad dort gestanden sei, als ihr ankamt. Das Pferd hat zwischen dem Felsgeröll an der Spitze der Waldzunge gelegen.«

»So beabsichtige ich, einen Teil des Fleisches dorthin zurückzuschaffen, um den Bären an dem Ort seiner Mordtat zu erwarten.«

»Herr, was fällt dir ein!«

»Doch nichts Ungewöhnliches?«

»Sage das um Gottes willen nicht! Du willst ein solch riesiges Tier am dunklen Abend erwarten? So etwas hat man noch nie gehört. Wenn einmal der höchst seltene Fall eintritt, daß sich ein Bär in diese Gegend verirrt, so treten alle mutigen Männer der Gegend zusammen und bringen auch ihre Hunde mit, oder es wird nach Militär geschickt. Dann gibt es eine Schlacht, in welcher viele Hunde und wohl auch mehrere Menschen umkommen, während der Bär als Sieger den Kampfplatz verläßt, bis er endlich in einer zweiten, dritten oder vierten Schlacht überwunden wird.«

»Da tut man dem Tier doch gar zu große Ehre an. Ein einzelner Mann, der eine gute Büchse hat, genügt vollständig.«

»Herr, willst du etwa ganz allein hinaus zu ihm?«

»Willst du etwa mich begleiten?«

»Um alle Schätze der Erde nicht!« schrie er, alle zehn Finger steif von sich streckend.

»Nun, ich werde nicht allein gehen, sondern einen meiner Begleiter mitnehmen.«

»Mich natürlich, mich!« rief Halef, dessen Augen funkelten.

»Ja, du, Hadschi. Du sollst dabei sein, um Hanneh, der herrlichsten der Beglückerinnen, davon erzählen zu können.«

»Hamdullillah! Preis und Dank sei Allah! Ich werde Hanneh den Schinken des Bären bringen und ihr lehren, ihn zu pökeln und zu räuchern, wie – wie . – hm, o Glück, o Seligkeit!«

Beinahe hätte er in seinem Entzücken das Geheimnis seiner Uebertretung des Kurans verraten. Sein Gesicht strahlte vor Wonne. Osko und Omar aber blickten unzufrieden drein.

»Effendi,« meinte Osko, »denkst du etwa, daß wir uns vor dem Bären fürchten würden?«

»Nein, denn ich kenne eure Tapferkeit.«

»So bitten wir dich, auch uns mitzunehmen.«

»Das geht nicht. Zu viele dürfen wir nicht sein. Wir würden das Tier vertreiben, denn der Bär ist schlau, obgleich man oft das Gegenteil von ihm sagt. Uebrigens vertraue ich euch einen sehr wichtigen Posten an, und es ist sehr leicht möglich, daß auch ihr euren Mut beweisen könnt, da der Bär auf den Gedanken kommen kann, auch euch einen Besuch abzustatten.«

»Wieso?«

»Ihr sollt unsere Pferde bewachen, welche wir hier einriegeln. Wir dürfen sie heute nicht im Freien lassen, da es das Raubtier nach frischem Pferdefleisch gelüsten könnte. Jetzt streicht nämlich die Luft von hier nach der Stelle hinüber, wo wir auf ihn warten werden. Seine Nase ist fein genug, um zu riechen, daß sich hier Pferde befinden. Er ist im stande, das tote Fleisch liegen zu lassen, um zu versuchen, ob hier lebendiges zu bekommen sei. Also müssen wir, Halef und ich, uns immerhin darauf gefaßt machen, daß er sich vor uns gar nicht sehen läßt und sich vielmehr hier nach dem Schuppen wendet. In diesem Fall würden uns eure Schüsse wissen lassen, woran wir sind.«

»Ich danke dir, Effendi. Ich sehe, daß du doch Vertrauen zu uns hast. Wir werden treu auf unserm Posten stehen. Er mag nur kommen; unsere Kugeln werden ihn begrüßen.«

»Aber nicht so, wie ihr vielleicht denkt. Ihr werdet euch hier im Innern bei den Pferden befinden und ihn nicht etwa draußen erwarten. Dazu habt ihr die nötige Erfahrung nicht, und es hieße euer Leben tollkühn auf das Spiel setzen.«

»Sollen wir uns gegen ein solches Tier hinter Brettern verschanzen?«

»Ja, denn auch wir werden uns hinter die Felsen verstecken. Eure Flinten sind nicht zuverlässig genug, und selbst wenn ihr den Bären träft, wäre es nur Zufall, wenn eine Kugel ihm in das Leben dränge. Fände er euch draußen, so müßte wenigstens einer von euch das Leben lassen; davon bin ich überzeugt.«

»Aber was können wir gegen ihn tun, wenn er draußen steht, und wir sind hier, ohne ihn sehen zu können?«

»Ihr werdet ihn desto deutlicher hören. Dieser Schuppen ist nur sehr leicht gebaut, und ihr habt keine Ahnung, welchen Scharfsinn der Bär in dieser Beziehung zu entwickeln vermag. Er weiß ganz genau, was eine Türe ist; er versucht, sie einzudrücken oder mit seinen mächtigen Tatzen aufzureißen. Gelingt das nicht, so streicht er um das ganze Gebäude und untersucht jedes einzelne Brett, ob er es loszusprengen vermag. Hat er erst eine kleine Oeffnung, dann ist es ihm bei seiner ungeheuren Körperkraft leicht, sich mit Gewalt durchzubrechen. Da ist nun eure Aufgabe klar. Wenn er wirklich zu dem Schuppen kommen sollte, so hört ihr an seinem Kratzen, wo er sich draußen befindet, und gebt ihm durch die dünnen Bretter eine Kugel. Wir draußen hören die Schüsse, und das Uebrige ist dann unsere Sache.«

»So kann es also doch nicht zu einem wirklichen Kampf zwischen uns und ihm kommen!«

»Sehr leicht sogar. Aus einer leichten Verwundung macht sich der Bär sehr wenig; aber seine Wut verdoppelt sich. Er ist im stande, trotz eurer Schüsse die dünnen Bretter loszureißen oder durchzudrücken. Dann seid ihr die Ueberfallenen und habt euch eurer Haut zu wehren. Zum Schießen gibt es da keine Zeit, weil nicht geladen werden kann. Kolbenschläge auf die Nase, aber nicht etwa auf den harten Schädel, weil an demselben der Kolben zersplittern würde, und Messerstiche in das Herz, das ist dann das Einzige, womit ihr euch halten könnt, bis Halef und ich herbeikommen. Uebrigens sind wir noch gar nicht so weit. Ich werde euch später noch nähere Weisungen geben.«

»Aber,« sagte Halef, »es ist jetzt bereits dunkel, und unsere Pferde sind im Freien. Wenn er jetzt käme und deinen Rih tötete?«

»Jetzt kommt er noch nicht, und Rih ist kein Köhlerpferd. Ich glaube sogar, ich könnte es dem Rappen überlassen, ganz allein mit dem Bären fertig zu werden. Ein solches Rassetier verhält sich ganz anders als ein gewöhnlicher Gaul. Wir können unsere Tiere getrost noch weiden lassen. Kommt der Bär wirklich, so kommt er frühestens zwei Stunden vor Mitternacht. Um aber nichts zu versäumen, werden wir draußen ein Feuer anzünden, an welchem wir uns niederlassen. Da haben wir die Pferde vor Augen und können ihnen mit unseren Gewehren sofort zu Hilfe kommen. Uebrigens wird das Feuer weithin leuchten und den Bären abhalten, auch bei der Lockspeise seinen Besuch zu früh zu machen. Jetzt handelt es sich um das Pferdefleisch.«

Der Kohlenhändler ging sehr gern auf meine Absicht ein. Für ihn war die Hauptsache, daß das Raubtier getötet werde. Er löste diejenigen Teile des Pferdes, auf welche er es abgesehen hatte, von den Knochen. Dann blieb noch immer genug für den Bären übrig. Für diesen Rest verlangte er dreißig Piaster, also nicht ganz sechs Mark, welche ich ihm gern zahlte.

Draußen an der Giebelmauer des Hauses lag eine ansehnliche Menge von Brennholz aufgeschichtet. Ich kaufte es dem Wirt für zehn Piaster ab und ließ unweit der Haustüre, welche nach der Waldzunge hin lag, ein großes Feuer anmachen, das bis zu unserem Aufbruch zur Jagd unterhalten werden sollte. Es leuchtete weit genug, so daß wir unsere in der Nähe des Hauses weidenden Pferde sehen und bewachen konnten. Osko blieb da zurück, während wir Andern uns nun zunächst nach der Wohnstube begaben. Ich wollte den Mübarek sehen.

Wir hatten, während wir draußen beschäftigt waren, sein ununterbrochenes Klagen gehört. Er bot einen schrecklichen Anblick. Seine verzerrten Züge, seine blutunterlaufenen Augen, der Gischt, welcher ihm vor dem Mund stand, die Flüche und Verwünschungen, welche er ausstieß, und der von ihm ausströmende üble Geruch wirkten so abstoßend, daß es mir große Ueberwindung kostete, vor ihm niederzuknien, um seine Wunde zu untersuchen.

Der Verband war ihm nur sehr nachlässig und von ungeschickten Händen wieder angelegt worden. Als ich denselben entfernen wollte und infolgedessen seinen Arm berührte, brüllte er vor Schmerzen wie ein wildes Tier und bäumte sich gegen mich auf. Er hielt mich für den Scheïtan, welcher ihn zerreißen wolle, wehrte mich mit dem unverletzten Arm von sich ab und bat mich um Gnade und um die Erlaubnis, zur Erde zurückkehren zu können. Er versprach mir als Lösegeld Tausende von Menschen, welche er ermorden wolle, um mir ihre Seelen zur Hölle zu senden.

Das Fieber gab ihm solche augenblickliche Kraft, daß ich Gewalt anwenden mußte. Es gehörten drei Personen dazu, um ihn zu halten, damit ich ihm die Lappen von den Wunden wickeln konnte. Da sah ich denn sofort, daß Rettung gar nicht möglich sei. Selbst eine Amputation des verletzten Gliedes wäre hier zu spät gekommen. Ich legte auch seine Schulter bloß, indem ich den Kaftan aufschnitt. Der Brand, die zersetzende Fäulnis, war bereits eingetreten, und die ekelhafte Jauche verbreitete einen Verwesungsgeruch, welcher entsetzlich war.

Hier konnte man nichts tun, als ihm Wasser geben, nach welchem er schrie. Das überließen wir der Frau. Es war wie ein Wunder, daß dieser Mensch den Ritt bis hierher hatte aushalten können. Wir standen schaudernd bei ihm und gedachten nicht mehr seiner Feindseligkeit, sondern nur des grausigen Endes, welches er sich selbst bereitet hatte. Der Konakdschi sagte:

»Herr, wäre es nicht besser, wir töteten ihn? Es wäre die größte Wohltat, welche wir ihm erweisen könnten.«

»Das meine ich auch,« antwortete ich; »aber wir haben kein Recht dazu. Noch hat er kein Wort der Reue gesprochen; er will vielmehr den Teufel durch die Verheißung grausiger Mordtaten bestechen. Daraus können wir entnehmen, welche schwarze Seele in diesem lebendig verwesenden Körper wohnt. Vielleicht gibt ihm Gott noch einmal das Bewußtsein zurück und damit die letzte Gelegenheit, seine Sünden zu bekennen. Uebrigens sind seine Qualen nicht unverdient, und – was ihr nicht übersehen dürft – er liegt vor euch als abschreckendes, warnendes Beispiel, dessen deutliche und ergreifende Sprache zwar an uns alle, ganz besonders aber an euch gerichtet ist, an dich, Konakdschi, an Junak und auch an Guszka, dessen Frau.«

»An uns?« fragte der Erstgenannte verlegen. »Weshalb denn?«

»Ich will euch nur sagen: Wer auf den Pfaden dieses Mannes wandelt, der läuft Gefahr, zu demselben schrecklichen Ende zu gelangen. Ich habe noch niemals einen Gottlosen glücklich gesehen.«

»So meinst du, dieser fromme Mann sei gottlos gewesen?«

»Ja, und du weißt sehr gut, daß ich recht habe.«

»Aber er hat stets für heilig gegolten. Warum hat Allah ihn nicht eher gestraft?«

»Weil Allah gnädig und langmütig ist und selbst dem härtesten Sünder Zeit zur Umkehr und Besserung gibt. Aber Allah sieht nur eine Weile zu, und wird die Zeit der Barmherzigkeit nicht benützt, so bricht sein Strafgericht um so schrecklicher herein. In dem Lande meiner Heimat gibt es ein Sprichwort, welches lautet:

Allah dejirmenler jawasch öjütirler,

Lakin korkurlu jufka öjütirler.

(* Gottes Mühlen mahlen langsam,

Mahlen aber schrecklich klein.)

Dieses Wort gilt auch für euch. Es trägt für den Sünder eine furchtbare Wahrheit in sich. Ich wünsche, daß ihr dieselbe erkennt und nach ihr handelt. Tut ihr das nicht, so werdet ihr ebenso wie der Mübarek dem Strafgericht verfallen.«

»Herr, mir gelten deine Worte nicht,« lachte der Konakdschi. »Ich bin dein Freund und habe mit dem Alten nichts zu schaffen. Allah kennt meine Gerechtigkeit und weiß, daß ich keine Strafe verdiene. Und auch dieser Mann, der Kohlenhändler, und seine Frau sind ehrliche Leute. Du hast uns eine Rede gehalten, die wir nicht auf uns zu beziehen brauchen. Jeder Mensch sollte sich um seine eigenen Fehler bekümmern.«

Da er sich seiner bösen Absichten gegen uns sehr wohl bewußt war, so konnten diese Worte nur als eine Frechheit bezeichnet werden. Halef griff auch nach der Stelle seines Gürtels, an welcher sich die Peitsche befand. Ich gab ihm aber einen abwehrenden Wink und antwortete dem Konakdschi:

»Du hast recht, denn wir alle sind Sünder, und ein jeder Mensch hat seine Fehler. Dennoch ist es Pflicht, den Nächsten zu warnen, wenn er sich in eine Gefahr begibt, in welcher er leicht umkommen kann. Und es gibt keine größere Gefahr als diejenige, mit der Langmut und Barmherzigkeit Allahs sein Spiel zu treiben. Ich habe diese meine Pflicht getan, und es ist nun eure Sache, meiner Warnung Gehör zu schenken oder nicht. Wir sind hier fertig und wollen nun das Fleisch nach der Stelle tragen, an welcher das Pferd überfallen ward.«

Wir begaben uns in den Schuppen. Das Gerippe des Pferdes hielt noch zusammen, und wir konnten es gleich im ganzen tragen. Halef und der Kohlenmann faßten vorn an, ich trug hinten, und dann marschierten wir ab. In der Nähe des Platzes angekommen, gebot ich, die Last niederzulegen. An dem schweren Geripp hing wohl noch ein voller Zentner Fleisch. Das Fell hatte der Wirt schon abgezogen.

Ich gebot, unsere Sohlen recht fest an dem Fleische hin und her zu reiben, damit der Bär nicht unsere frischen Spuren wittere. Der Fleischgeruch mußte seine Nase irreführen. Dann ging es weiter.

Als wir die Stelle erreichten, sah ich, daß sie außerordentlich gut für unsern Zweck geeignet war. Ich erkannte trotz des abendlichen Dunkels die Einzelheiten der Oertlichkeit, da ich sie in einem Halbkreise so umschritt, daß sie zwischen mir und dem helllodernden Feuer lag und sich also alle Umrisse gegen dasselbe abzeichneten.

Die sehr scharf vortretende Zunge des Waldes endete in einer schroff felsigen Spitze, von welcher schwere, quaderartige Massen abgestürzt waren. Diese lagen zerstreut unten umher. Zwischen ihnen war das tote Pferd aufgefunden worden. Wir hatten es genau an demselben Punkt wieder hingelegt, und wenn wir uns im richtigen Wind hinter eins der Felsstücke legten, so konnte uns das Raubtier, falls es wirklich kam, gar nicht entgehen.

Dem Kohlenhändler war es an diesem Ort nicht geheuer, und er ging alsbald davon. Wir folgten ihm langsam nach.

»Der Kerl will nicht gefressen werden,« lachte Halef. »Jetzt im Dunkeln könnte ihm das vielleicht passieren, aber ich wette, wenn der Bär ihn am Tage sähe, so würde er den Kopf schütteln und sagen: du bist mir zu schmutzig! Sihdi, du winktest mir nach dem Päckchen, welches er in der Hand hatte?«

»Ja. Weißt du, was es enthielt?«

»Natürlich! Ich erkannte sogleich den Lappen, welchen die Besitzerin des Fischtranes um das Geräucherte gewickelt hatte. Ich hatte ihn samt der Wurst weggeworfen. Sollte er auch die Wurst gefunden haben?«

»Höchst wahrscheinlich, denn das, was der Lappen enthielt, hatte ganz die Form einer Wurst.«

»So mag er sie essen und die Fortsetzung meiner Qual empfinden! Ich wollte, ich könnte ihm dabei zusehen; es sollte mir eine Augenweide sein.«

»Dieses Vergnügen wirst du vielleicht haben. Weil er diesen Fund gemacht hat, so schließe ich daraus, daß er sich dort befand, wo du die Wurst weggeworfen hast. Was hatte er dort zu suchen? Sein Weib sagte, er sei fortgegangen, um die Fährte des Bären zu entdecken; das ist aber nicht wahr. Er hat erfahren, daß wir kommen werden, und seine Ungeduld trieb ihn, uns entgegenzugehen. Er muß also an unserm Eintreffen ein Interesse haben, zumal er denken mußte, daß wir während seiner Abwesenheit den Mübarek, welchen wir doch nicht sehen sollten, viel leichter entdecken könnten, als wenn er persönlich anwesend wäre. Das läßt mich vermuten, daß ihm von der Beute, welche die Schurken bei unserer Ermordung machen wollen, ein Teil zugesichert ist.«

»Da soll er sich den Mund abwischen, ohne gegessen und getrunken zu haben. Ich sage dir, Sihdi, daß wir viel zu glimpflich mit diesen Leuten verfahren. Erschießen sollten wir sie; die Menschheit würde uns Dank dafür wissen. «

»Du weißt, wie ich darüber denke. Ich habe ja auch geschossen. Der Mübarek wird an meinen beiden Kugeln sterben. Aus dem Hinterhalt töte ich sie nicht. Das wäre Mord. Aber wenn sie uns so angreifen, daß unser Leben bedroht ist, dann verteidigen wir uns mit allen Mitteln.«

Wir kamen bei dem Feuer an, um welches sich mittlerweile die Andern gelagert hatten. Der Konakdschi hatte zwei Gabeläste in die Erde gesteckt und war nun damit beschäftigt, ein großes Stück Pferdefleisch an einen dritten Ast zu schieben, welcher die Stelle des Bratspießes vertreten sollte. Wenn er glaubte, bei diesem Braten uns als Gäste zu bekommen, so mußte er verzichten. Glücklicherweise hatten wir noch einen kleinen Speisevorrat bei uns, welcher für diesen Abend leidlich ausreichte.

Als der Kohlenhändler uns essen sah, bekam er solchen Appetit, daß er das Garwerden des Pferdebratens nicht erwarten konnte. Er ging in das Haus und brachte seine Frau und – das ominöse Päckchen herbei. Beide setzten sich nebeneinander an das Feuer. Er wickelte den Lappen auf, und richtig, die Wurst war darin mit Ausnahme der Düte. Er teilte die Wurst, aber sehr ungleich; seine Frau bekam den kleinen und er nahm den großen Teil. Von dem Konakdschi befragt, woher er die Wurst habe, erklärte er, sie von einer seiner Handelsfuhren mitgebracht zu haben. Er durfte sie essen, weil er kein Mohammedaner war. Und die beiden aßen denn auch mit größtem Behagen. Halef sah ihnen aufmerksam zu. Er hätte gern eine Bemerkung gemacht, aber er durfte ja nichts sagen.

Aus dem Hause erschallte das immerwährende Aechzen und Wimmern des Mübarek, untermischt mit einzelnen schrillen Angstschreien. Es klang, als ob ein Mensch auf der Folter läge. Seine Verbündeten machten sich nichts daraus. Ich forderte das Weib auf, wieder einmal nach ihm zu sehen und ihm Wasser zu geben; aber eben war der Braten fertig geworden, und so weigerte sie sich, meinem Wunsch nachzukommen. Darum stand ich selbst auf, um es zu tun.

Grad als ich mich erhob, ließ der Kranke ein so entsetzliches Gebrüll hören, daß es mich eiskalt überlief. Ich wollte zu ihm hineineilen, aber da erschien er auch bereits unter der Türe und schrie:

»Hilfe! Hilfe! Es brennt! Ich stehe in Flammen!«

Er stürzte auf uns zu. Die Aufregung des Fiebers spottete der Schwachheit seiner Kräfte. Schon nach einigen Schritten blieb er stehen, stierte das Feuer an und brüllte entsetzt:

»Auch hier Flammen! Ueberall Flammen, hier, da, dort! Und in mir brennt's auch, brennt's, brennt's! Hilfe! Hilfe!«

Er warf den unverletzten Arm in die Luft und fiel dann schwer zu Boden, wo er leise, aber herzbrechend fortwimmerte.

Wir hoben ihn auf, um ihn wieder in die Stube zu tragen, hatten aber Mühe, ihn fassen zu können, denn er hielt uns für böse Geister und wehrte sich verzweifelt gegen uns. Als wir ihn drinnen auf das Lager legten, war er matt geworden und schloß die Augen.

Aber bald begann er von neuem, und zwar so, daß es kaum auszuhalten war. Erst nach langer Zeit wurde es still, und ich ging hinein, um nach ihm zu sehen. Er lag im Finstern; darum brannte ich einen Span an und leuchtete ihm in das Gesicht.

Seine Augen waren groß auf mich gerichtet. Er hatte die Besinnung wieder erhalten und erkannte mich.

»Hund!« zischte er mich an. »Bist du also doch gekommen? Allah verfluche dich!«

»Mübarek,« sagte ich ernst, »denke an deinen Zustand. Bevor die Sonne sich erhebt, stehst du vor dem ewigen Richter. Kannst du deine Sünden zählen? Gehe in dich, und bitte Allah um Gnade und Barmherzigkeit!«

»Teufel! Du bist mein Mörder. Aber ich will nicht sterben; ich will nicht! Dich, dich, dich will ich sterben sehen!«

Ich kniete ganz nahe bei ihm, mit dem Wassertopf in der Hand, aus welchem ich ihn hatte erquicken wollen. Er tat einen schnellen Griff und riß mir das Messer aus dem Gürtel. Ebenso schnell stieß er zu. Er hätte mich in die Brust getroffen, wenn ich den Stoß nicht mit dem tönernen Topf pariert hätte. Im nächsten Augenblick hatte ich ihm das Messer wieder entrissen.

»Mübarek, du bist wirklich ein entsetzlicher Mensch. Noch im letzten Augenblick willst du deine Seele mit einer Bluttat mehr belasten. Wie kannst du – — «

»Schweig!« unterbrach er mich brüllend. »Warum habe ich das Fieber! Warum bin ich so schwach, daß ich mir die Waffe wieder entringen lassen muß! Höre, was ich dir jetzt sagen werde!«

Er richtete sich langsam empor. Seine Augen funkelten wie die eines Panthers. Ich trat unwillkürlich zurück.

»Fürchtest du dich vor mir?« hohnlachte er. »O, es ist auch fürchterlich, mich zum Feind zu haben! . – Allah, Allah, da brennt es schon wieder! Ich sehe das Feuer kommen. Es naht, es naht; es brennt – brennt!«

Er sank nieder und heulte weiter. Sein Bewußtsein schwand, und das Fieber überwältigte ihn abermals. Der Geruch in der Stube war unerträglich. Ich atmete tief auf, als ich mich wieder draußen in der frischen Luft befand, aber nicht allein dieses Geruches wegen.

Wer einen Menschen in dieser Weise hat sterben sehen, der kann das nie vergessen. Noch heute überläuft mich ein Grauen, wenn ich an jenen Abend denke. Was ist der Mensch, der es wagt, sich gegen Gottes Gesetze aufzubäumen? – —

Meine Uhr zeigte jetzt genau die zehnte Stunde. Da der Türke die Stunden von dem Augenblick des Sonnenunterganges zählt, welcher an diesem Tage auf halb acht fiel, so war es nach dortiger Zeitrechnung halb drei Uhr. Wir tränkten die Pferde im Bache und führten sie dann in den Schuppen.

»Herr, wo sollen denn wir bleiben, ich, mein Weib und der Konakdschi?« fragte der Wirt.

»Geht zu den Pferden hinein,« antwortete ich.

»Nein, nein! Du hast doch selbst gesagt, daß der Bär möglicherweise den Schuppen aufsuchen kann. Wir werden uns in die Stube begeben; aber wenn der Bär kommt, so flüchten wir uns unter das Dach und ziehen die Leiter empor. Den Mübarek mag er immer fressen.«

Was der Mann Leiter nannte, war ein Balken, in welchen man Kerben eingeschnitten hatte. Derselbe lehnte in der Stube, über welcher sich eine Lage von losen Stangen befand, von denen die Decke gebildet wurde.

Wir löschten das Feuer aus, und nun hatten die Drei nichts Eiligeres zu tun, als sich in die Stube zu flüchten. Osko und Omar begaben sich in den Schuppen zu den Pferden, nachdem ich ihnen erklärt hatte, wie sie sich verhalten sollten.

Dann brach ich mit Halef auf. Dieser hatte sich vorher sorgfältig überzeugt, daß ihm sein Gewehr nicht versagen werde. Ich nahm nur die Büchse mit; der Stutzen konnte mir einem solchen Bären gegenüber nichts nützen.

»Jetzt sollte der Kerl schon dort sein, wenn wir kommen,« meinte Halef. »Es ist so finster, daß wir ihn erst sehen würden, wenn wir vor ihm ständen.«

»Eben darum dürfen wir jetzt nicht in gerader Linie gehen. Die Luft streicht von hier hinüber, und er müßte uns unbedingt riechen. Wir machen einen Umweg, indem wir einen Bogen schlagen, so daß wir dann so ziemlich aus der entgegengesetzten Richtung kommen.«

Das taten wir. Als wir uns nachher der betreffenden Stelle näherten, geschah das mit der größten Vorsicht, weil der Bär sich nicht nur bereits dort befinden, sondern auch grad von derselben Seite kommen konnte, aus welcher wir uns heranschlichen.

Wir hielten die Gewehre schußbereit und blieben zuweilen stehen, um zu horchen. Wenn er sich bereits bei dem Pferdegeripp befand, so mußte sein Schmatzen und das Krachen der Knochen zu hören sein. Aber es war kein anderer Laut zu vernehmen, als das leise Rauschen der Winde in den Kronen der Bäume.

Endlich waren wir so nahe, daß wir, um eine Ecke blickend, den Kadaver sehen konnten. Es war kein Bär dabei. Nun kletterten wir auf ein großes Felsenstück in der Nähe. Es hatte doppelte Manneshöhe und gewährte uns Schutz gegen einen direkten Angriff des Raubtieres. Der Stein war dicht mit Moos bewachsen und bot eine ganz behagliche Unterlage. Wir legten uns nebeneinander hin und warteten nun – nicht der Dinge, sondern des Dinges, welches da kommen sollte.

»Sihdi,« flüsterte Halef mir zu, »wäre es denn nicht besser, wir hätten uns getrennt?«

»Freilich; wir könnten da den Bären von zwei Seiten nehmen.«

»So wollen wir es doch tun!«

»Nein, denn du unterschätzest die Gefahr, und das ist stets ein Fehler. Dein Selbstvertrauen kann dich leicht verleiten, eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Vor allen Dingen verlange ich, daß du nur dann schießest, wenn ich es dir erlaube.«

»So willst du vor mir schießen?«

»Ja, weil meine Kugel das Fell sicher durchdringt, während dies bei der deinigen sehr zweifelhaft ist.«

»Das tut mir sehr leid, Sihdi, denn ich wollte es sein, der ihn erlegt. Welch ein Ruhm kann es für mich sein, wenn ich meiner Hanneh, der herrlichsten der Frauen, erzähle, daß du das Tier getötet hast? Ich will ihr sagen können, daß er durch meine Kugel fiel.«

»Das wirst du vielleicht können, denn es steht zu erwarten, daß eine einzige Kugel nicht genügt. Dringt sie dem Bären nicht sofort ins Leben, so kommt er sicher hierher, um uns anzugreifen. Dann lassen wir ihn ganze nahe heran, und wenn er sich an dem Stein aufrichtet, um ihn zu erklettern, kannst du ihm mit aller Gemütlichkeit deine Kugel in den Rachen oder gar in das Auge geben.«

»Das sagst du nur, um mich zu trösten. Ich weiß aber, daß du ihn schon mit dem ersten Schuß erlegen wirst. Wann hätte ich dich einmal einen Fehlschuß tun sehen!«

»Ja, fehlen werde ich nicht, aber ich zweifle sehr, daß ich die richtige Stelle treffe. Wir haben von hier aus ein schlechtes Zielen.«

»Das denke ich nicht. Das Pferd liegt ja kaum fünfzehn Schritte von uns!«

»Dennoch können wir die Umrisse des Bären nicht deutlich erkennen, weil wir von oben herab gegen den dunkeln Boden blicken. Lägen wir unten am Boden, so würde sich sein Körper besser von der Erde abzeichnen. Wäre ich allein, so länge ich ganz gewiß unten im Gras.«

»So hast du meinetwegen dich hier herauf gemacht?«

»Ja, zu deiner Sicherheit.«

»Oho! Wenn es sein muß, nehme ich diesen Bären beim Schwanz und zwinge ihn, rückwärts mit mir spazieren zu gehen.«

»Eben diese Dreistigkeit ist es, welche mich beunruhigt. Es könnte leicht kommen, daß der Bär allerdings einen Spaziergang unternimmt, aber mit dem Hadschi Halef Omar im Rachen. Also, schieße ja nicht vor mir! Und nun wollen wir schweigen! Wenn wir sprechen, können wir seine Annäherung nicht bemerken.«

»Von weitem wirst du ihn überhaupt nicht bemerken können,« meinte Halef. »Raubtiere pflegen leise zu gehen. Ich weiß nicht, ob der Bär die Gewohnheit des Löwen hat, welcher in seiner stolzen Furchtlosigkeit sein Nahen bereits aus weiter Ferne durch lautes Brüllen verkündet.«

»Was das betrifft, so hat der Bär nicht ein solch aufrichtiges Gemüt. Er verhält sich überaus schweigsam. Nur wenn er sich einmal bei ungeheurer Laune befindet, oder wenn ihn irgend etwas verdrießt, läßt er ein vergnügtes oder mürrisches Brummen hören.«

»So kann er gar nicht brüllen?«

»O doch, obgleich seine Stimmwerkzeuge nicht zur Hervorbringung der Töne eines Löwen eingerichtet sind. Wenn er sich in höchster Wut befindet, stößt er auch eine Art von Brüllen aus, welches um so schrecklicher klingt, als es ihm sonst nicht eigen ist. Uebrigens ist grad der stille Grimm, mit welchem ein gereizter Bär sich zu rächen sucht, fürchterlicher, als die Wut anderer Raubtiere. Wollen hoffen, dies heute nicht zu erfahren.«

Von jetzt an wurde nicht mehr gesprochen. Wir horchten lautlos in die Nacht hinaus. Die Luft rauschte über den Wald dahin. Das klang wie das Rauschen eines entfernten Wasserfalles. Da dieses Geräusch in ganz gleicher Stärke und ununterbrochen währte, so war es sehr leicht, jeden anderen fremdartigen Laut von demselben zu unterscheiden.

Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Uhr, deren Zeiger ich mit der Fingerspitze befühlte, sagte mir, daß es bereits Mitternacht sei.

»Er kommt gar nicht,« flüsterte Halef. »Wir haben uns vergebens gefreut. Ich werde wohl niemals – — «

Er hielt inne, denn er hatte, wie ich, das Geräusch eines rollenden Steines gehört. Wir lauschten angestrengt.

»Sihdi, da fiel ein Stein herab,« flüsterte der Hadschi. »Aber der Bär ist es nicht, sonst müßten wir doch mehrere Steine fallen hören.«

»O nein. Das Fallen dieses einen Steins hat ihn vorsichtiger gemacht. Zwar kann es auch irgend ein anderes Tier sein, aber ich glaube doch, daß er es ist. Jedenfalls werde ich ihn riechen, bevor ich ihn sehe.«

»Ist das möglich?«

»Für den Geübten allerdings. Wilde Tiere haben einen eigenen, scharfen Geruch an sich. Beim Bären ist derselbe freilich lange nicht so stark, wie beim Löwen, Tiger und Panther, aber bemerken werde ich ihn doch. Horch!«

Es klang wie das Knacken eines Astes von rechts herüber. Das Tier kam den steilen Abhang der Waldzunge herab. Und jetzt roch ich ihn wirklich. Wer Raubtiere nur im Käfig gesehen hat, dem fiel wohl stets die häßliche Ausdünstung auf, welche sie verbreiten, besonders die großen katzenartigen. Wenn sich das Tier aber in der Freiheit befindet, so ist der Geruch viel, viel stärker. Scharf, stechend, wie der Geruch von Melissengeist oder Opodeldok, fährt er in die empfindliche Nase und ist schon von fern zu bemerken, wohlgemerkt, immer von einem geübten Geruchsorgan. Dieser »wilde« Duft wehte mir jetzt entgegen.

»Riechst du ihn?« flüsterte ich Halef zu.

»Nein,« antwortete dieser, indem er sorgsam nach rechts und nach links schnüffelte.

»Er kommt – ich rieche ihn bereits.«

»So ist deine Nase seelenvoller als die meinige. Ah, nun soll er einen Gruß bekommen, über welchen er staunen wird.«

Halef knackte die Hähne seines Gewehres auf.

»Keine Voreiligkeit!« warnte ich. »Du sollst unbedingt erst nach mir schießen, verstanden! Wenn du nicht gehorchst, wirst du mich ernstlich zornig machen. Du bist imstande, mir das Tier zu vertreiben.«

Er antwortete nicht, aber ich hörte seinen Atem vernehmbar gehen. Es war um die Ruhe des Hadschi geschehen – das Jagdfieber hatte ihn ergriffen.

Jetzt vernahmen wir ein leises Brummen, fast so, wie wenn ein Kater schnurrt, und gleich darauf bemerkten wir, daß ein großer, dunkler Gegenstand sich dem Pferdeaas näherte.

»Ist er das, ist er das?« raunte mir Halef ins Ohr.

Sein Atem flog.

»Ja, er ist es.«

»So schieße! Schieße doch endlich!«

»Nur Geduld. Du scheinst ja zu zittern?«

»Ja, Herr, es hat mich ergriffen, so ganz eigenartig. Ich gestehe dir, daß ich zittere, aber nicht aus Angst.«

»Ich weiß das; ich kenne es.«

»So schieße doch endlich, schieße, auf daß auch ich dran komme!«

»Beherrsche dich, Kleiner! Ich schieße nicht eher, als bis er mir ein gutes Ziel bietet. Wir haben Zeit. Der Bär frißt nicht wie der Löwe. Er ist ein Leckermaul und verzehrt sein Mahl in möglichster Behaglichkeit. Er nimmt die Stücke vorweg, welche ihm am delikatesten erscheinen, und schiebt das weniger Schmackhafte zur Seite, um sich erst später darüber her zu machen. Dieser Kerl wird wahrscheinlich stundenlang bei der Tafel bleiben, um sich nicht etwa durch hastig verschluckte Bissen den Magen zu verderben. Dann trollt er links hinüber zum Wasser, um einen tüchtigen Trunk zu tun, und sich erst nachher zu Bett zu begeben.«

»Aber so stundenlang können wir doch nicht warten!«

»Das ist auch gar nicht meine Absicht. Ich will nur warten, bis er sich einmal aufrichtet. Er tut das während des Essens gern. Er richtet sich zwischen den einzelnen Gängen auf den Hinterpranken empor und putzt sich mit den Vordertatzen das Maul. Da werden wir ihn deutlicher erkennen, als jetzt. Vorher ist es ganz unmöglich, auf ihn zu schießen. Wir könnten gar keine größere Dummheit begehen, denn du kannst seinen Körper durchaus nicht von demjenigen des Pferdes und von dem dunklen Erdboden unterscheiden.«

»O doch, o doch! Ich sehe ihn so deutlich, daß ich schießen werde.«

Er rutschte unruhig hin und her und legte nun gar sein Gewehr an die Wange.

»Weg mit der Flinte!« raunte ich ihm zornig zu. Er nahm das Gewehr ab, aber er war so erregt, daß er keinen Augenblick ruhig zu liegen vermochte, und er hätte unsere Anwesenheit gewiß dadurch verraten, wenn der Stein nicht dick mit Moos bewachsen gewesen wäre.

Dem Bären schien sein Mahl sehr gut zu munden. Er schlürfte und schmatzte, wie ein schlecht erzogenes Kind an seiner Suppenschüssel. Freilich sind es nicht immer Kinder, an denen man ein solches rücksichtsloses Betragen zu rügen hat. Man setze sich nur an die Table d'hote eines Gasthofes, so wird man genug solcher Bären schlürfen und schmatzen hören.

Petz war wirklich ein Feinschmecker. Er zerkrachte zur Abwechslung dann und wann eine Röhre, und wir hörten ihn ganz deutlich das Mark aus derselben ziehen.

Jetzt trat eine Pause ein. Er brummte behaglich – er schlug die Tatzen in das Fleisch, jedenfalls um sich durch das Tastgefühl von der verschiedenen Güte der einzelnen Stücke zu überzeugen. Dann richtete er sich empor.

Bevor er zum Festsitzen kam, ließ er sich einigemale wieder niederfallen. Der Indianer sagt, wenn der Bär sich während einer solchen Zwischenpause aufrichtet: »Er horcht in den Magen hinab.« Der Augenblick dieses Horchens ist der geeignetste zum Schuß. Ich legte an.

Nun war die Gestalt des Tieres leicht zu erkennen. Der Bär war, wie wir richtig vermutet hatten, ein riesiger Kerl. Wären seine Gesellschaftskreise so weit in der sozialen Bildung vorgeschritten, um dergleichen Vereine zu haben, so hätte er getrost darauf rechnen können, die Ehrenmitgliedschaft irgend eines Athletikklub zu erlangen. Aber trotz der Deutlichkeit, mit welcher er sich uns jetzt präsentierte, legte ich die Büchse wieder ab.

»Allah, Allah! Schieß doch, schieß!« fuhr Halef mit fast lauter Stimme mich an.

»Leise, leise! Er hört dich sonst!«

»Aber warum schießest du nicht?«

»Siehst du denn nicht, daß er uns den Rücken zukehrt?«

»Was schadet das?«

»Der Schuß ist mir nicht sicher genug. Der Bär äugt nach dem Hause hinüber. Sollte er unsere Pferde wittern? Sehr leicht möglich. Er hat sich von dem Mahl da abgewendet. Das ist bedenklich. Wir müssen warten, bis er sich wieder herumdreht; dann . – — tausend Donner! Was fällt dir ein!«

Diesen Zornesruf stieß ich laut hervor. Der Hadschi hatte seine Ungeduld nicht mehr zu zügeln vermocht; er hatte so schnell, daß ich es nicht hindern konnte, angelegt und den Schuß abgegeben. Den zweiten schickte er sofort nach, aber nur unsinnigerweise, denn die soeben noch aufgerichtete Gestalt des Tieres war nicht mehr zu sehen.

Ohne auf den Ausbruch meines Zornes zu achten, sprang der Kleine auf, schwang das abgeschossene Gewehr in der Luft und schrie:

»Nusret, Safer, ölmisch dir, müteweffa dir – Sieg, Triumph, er ist tot, er ist hinüber!«

Ich langte empor, packte ihn beim Gürtel und riß ihn nieder.

»Willst du schweigen, Unglücksrabe! Du hast den Bär verscheucht.«

»Verscheucht?« rief er, indem er sich von meinem Griff zu befreien suchte. »Erlegt habe ich ihn, überwunden ist er. Ich sehe ihn ja liegen.«

Und sich gewaltsam von mir losreißend, sprang er wieder auf und schrie mit aller Macht seiner Stimme:

»Omar, Osko, hört die Wonne, hört die Seligkeit! Vernehmt den Ruf eures Freundes und achtet auf die Trompetentöne meiner Herrlichkeit! Ich habe den Bären erschossen, ich habe ihn versammelt zu seinen Vätern und Großonkeln, ich, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abas Ibn Had – — «

Er konnte nicht weiter, denn ich war nun auch aufgesprungen, packte ihn hinten beim Genick und drückte ihn nieder. Ich war wirklich sehr zornig und hatte infolgedessen so fest zugegriffen, daß er unter meiner Hand wie ein Gliedermännchen zusammenknickte.

»Wenn du noch einen Laut von dir gibst, bekommst du meine Faust, du Besitzer eines unglückseligen Schafgehirns!« drohte ich. »Bleibe hier oben, und lade schnell deine beiden Gewehrläufe wieder. Ich will sehen, ob die Beute noch für uns zu retten ist.«

Bei diesen Worten sprang ich, ohne auf meinen noch nicht ganz festen Fuß zu achten, von dem Stein herab. Da unten duckte ich mich schnell wieder, zog das Messer locker und legte die Büchse an. War der Bär noch da, so nahm er mich jedenfalls auf der Stelle an. Von oben herab klang der eiserne Ladstock des Hadschi, unten aber blieb alles ruhig. Es war nichts zu hören und nichts zu sehen. Nur so viel nahm ich wahr, daß der Bär sich nicht mehr bei dem Kadaver befand.

Dennoch war die größte Vorsicht geboten. Seinem Alter war die Schlauheit zuzutrauen, sich nicht direkt auf mich loszustürzen, sondern heimlich um den Stein herumzuschleichen. Das wäre gefährlich für mich gewesen, denn wenn er um die Ecke kam, so trafen wir so eng zusammen, daß er mich mit den Pranken greifen konnte. Darum entfernte ich mich einige Schritte vom Felsen, nach der Seite hin, so daß ich diesen und zugleich den Kadaver im Auge behielt.

Wir warteten und horchten eine lange Weile mit gespanntester Aufmerksamkeit – vergeblich! Da plötzlich erklang ein Schrei vom Hause herüber, noch einer – und noch einer, und dann erschallte es im Tone der Verzweiflung:

»Laßt mich, laßt mich los! Fort mit diesen Qualen, fort, fort! Hilfe, Hilfe!«

»Das ist der Mübarek!« sagte Halef.

Ich wollte antworten, tat es aber nicht, denn jetzt hörten wir aus derselben Richtung zwei schnell aufeinander folgende Schüsse. Ich kannte diesen eigentümlich hohlen Knall; es war Oskos Czernagoragewehr.

»Der Bär ist drüben beim Schuppen,« rief ich Halef mit gedämpfter Stimme zu. »Komm schnell herab!«

»Hurra! Da bekommen wir ihn doch noch!« rief der Kleine.

Er sprang herab, stürzte zur Erde, raffte sich wieder auf und rannte an mir vorüber. Ich folgte ihm mit gleicher Eile. Aber als ich einige Schritte getan hatte, fühlte ich einen Stich im Fußgelenk. Der Sprung vom Felsen herab schien meinen Fuß angegriffen zu haben. Ich mußte also meinen Galopp zum schnellen Trab mäßigen. Dabei schritt ich mit dem gesunden Fuß weit aus und zog den kranken, nur mit der Spitze auftretend, vorsichtig nach.

Ein einzelner, unbeschreiblicher Schrei schrillte durch die nächtliche Stille. War das der Mübarek oder war es Halef, welcher jetzt das Haus erreicht haben mußte? Sollte der unvorsichtige Hadschi dem Bären grad in die Pranken gelaufen sein! Mich erfaßte eine Angst um den Kleinen, welche mir den Schweiß aus allen Poren trieb. Da gab es keine Rücksicht mehr auf meinen Fuß; ich rannte weiter, so schnell ich es vermochte.

Jetzt ertönten auch Oskos und Omars Stimmen. Wieder ein Schuß! Unglücklicherweise lag ein Stein in meinem Weg. Ich konnte ihn nicht sehen, stürzte über ihn hinweg und schlug, so lang ich war, auf den Boden nieder. Meine Büchse wurde mir aus der Hand geprellt und flog . – wohin, das sah ich nicht.

Rasch raffte ich mich auf und blickte rings umher. Die Büchse war nicht zu sehen. Ich hatte keine Zeit, sie mühsam dadurch zu suchen, daß ich den Boden betastete. Ich wähnte den Hadschi in Gefahr, und da durfte ich keinen Augenblick verlieren. Für ihn hätte ich mich auf mehr als einen Bären geworfen. Darum eilte ich weiter und zog das Messer aus dem Gürtel.

Es war mein alter, treuer Bowie-Kneif mit langer, krumm gebogener Klinge, welcher mich so viele Jahre treu begleitet hatte. Ein Stoß mit diesem Messer brachte, wenn richtig gezielt und kräftig geführt, selbst einem Grizzly den augenblicklichen Tod; das hatte ich erprobt.

Natürlich war mein Lauf nach dem Schuppen gerichtet.

»Osko, wo ist der Bär, wo?« rief ich schon von weitem.

»Draußen, draußen!« antwortete er von innen.

»War Halef da?«

»Ja, aber er ist wieder dem Bären nach.«

Jetzt stand ich an der Holzwand. Zwei Bretter waren aus derselben gerissen.

»Hier wollte der Bär herein,« sagte Osko. »Ich habe ihm zwei Kugeln gegeben.«

»Und ihn getroffen?«

»Ich weiß es nicht. Die Bretter krachten erst dann zusammen, als ich bereits geschossen hatte.«

»Nach welcher Seite ist Halef?«

»Nach rechts, wie wir hörten.«

»Bleibt drin und paßt auf! Das Tier könnte wieder kommen.«

Ich rannte in der angegebenen Richtung weiter. Die Haustüre war offen; es stand jemand unter derselben; das sah ich an dem Schatten, welchen die Gestalt nach außen warf, weil drinnen Späne brannten.

Ein menschlicher Körper lag da. Ich stolperte über ihn hinweg, kam aber nicht zum Sturz.

»Schieß doch, schieß, schieß!« hörte ich zwei Stimmen aus der Stube rufen.

Ich war nur noch zehn Schritte von der Türe und erkannte den, welcher unter ihr stand. Es war Halef. Er hatte sein Gewehr angelegt und es in die Stube gerichtet. Sein Schuß krachte. Dann flog er heraus und stürzte zu Boden, als wäre er von einem kräftigen Arm herausgeschleudert worden. Im nächsten Augenblick erschien der Bär, drängte sich auf allen vieren durch die enge, niedrige Türe ins Freie und richtete sich schnell wieder auf.

Auch Halef war sogleich wieder aufgesprungen. Beide, er und der Bär, standen sich drohend gegenüber, nur drei Schritte voneinander entfernt. Der Hadschi drehte das Gewehr um und holte zum Kolbenschlag aus. Da erkannte er mich, denn ich befand mich jetzt im Schein des Lichtes.

»O, Sihdi, ich habe keine Kugel mehr!« schrie er mir zu.

Das alles war viel, viel schneller gegangen, als es erzählt oder gelesen werden kann.

»Spring zurück! Nicht schlagen!«

Indem ich diese Worte rief, versetzte ich ihm zugleich einen Stoß, daß er weit zur Seite taumelte. Das Tier machte eine halbe Wendung gegen mich, sperrte den Rachen auf und stieß einen langgezogenen Wutschrei aus, welcher weder Heulen noch Brüllen, sondern beides zugleich zu nennen war. Ich fühlte den heißen, stinkenden Atem dieses Rachens, als ich an dem Bären vorüberschnellte. Eine blitzschnelle Schwenkung – er griff nach mir, traf aber die Luft, da ich mich bereits nicht mehr vor ihm befand, sondern an seiner rechten Seite stand. Mit der Linken ihn bei den Trotteln des Hinterkopfes packend, holte ich mit der Rechten weit aus und stieß ihm das Messer ein – zweimal bis an das Heft zwischen die bekannten beiden Rippen.

Das war so schnell geschehen, daß er die beiden tödlichen Stiche empfangen hatte, bevor sein Brüllen verklungen war.

Er warf sich auf den Hinterpranken nach mir, nach rechts herum, aber seine Tatze streifte mich bloß ganz unschädlich an der Schulter. Natürlich hatte ich das Messer nicht stecken lassen, sondern es wieder herausgezogen. Zwei Sprünge nach rückwärts brachten mich aus der Nähe der Krallen. Dort blieb ich stehen, das Auge auf das Tier gerichtet und den Arm zum abermaligen Stoß erhoben, wenn dies notwendig werden sollte.

Aber der Bär folgte mir nicht. Mit weit aufgerissenem, geiferndem Rachen stand er vollständig bewegungslos – die kleinen funkelnden Augen unsäglich grimmig auf mich gerichtet. Dann schlossen sie sich langsam und versuchten vergeblich, sich abermals weit zu öffnen. Ein Zittern durchlief den gewaltigen Körper; dann sank derselbe erst auf die Vorderbeine, welche – den Boden scharrend – festen Halt nehmen wollten, aber vergeblich, und fiel dann langsam und zuckend auf die Seite.

Ein leises, rollendes Brummen drang noch aus dem sich schließenden Maul; die Beine streckten sich aus – — der Bär war tot.

»Allah akbar!« rief Halef, welcher auf seiner Stelle erstarrt zu sein schien. »Allah ist groß, und dieser Bär ist fast ebenso groß. Ist er tot, Sihdi?«

»Ich denke es.«

»Das war schrecklich!«

»Danke Gott tausendmal, daß es so glücklich abgelaufen ist!«

»Ja, Allah sei Preis und Ehre gebracht! So gar groß hatte ich mir einen Bären doch nicht vorgestellt. Er ist ja größer als ein Löwe, welcher doch das mächtigste der Raubtiere ist!«

Er wollte sich dem Tiere nähern.

»Bleib!« gebot ich ihm. »Noch dürfen wir nicht sicher sein, daß er wirklich tot ist. Ich will prüfen.«

Ich trat zu dem Tier, hielt ihm den Revolver an das geschlossene Auge und drückte zweimal ab. Es regte sich nicht.

»Jetzt kannst du herbeikommen und ihn betrachten. Ist er nicht viel, viel länger als du?« fragte ich den Hadschi.

»Ja, ich glaube, er ist sogar noch länger, als du bist, Sihdi. Ich sage dir: ich habe nicht gezittert, als ich ihm gegenüber stand; aber das Herz drohte doch, mir stehen zu bleiben. Ich hatte nur noch eine einzige Kugel.«

»Wo war die andere hin?«

»Die hatte ich ihm draußen zugesandt, als ich ihn zuerst erblickte. Er trollte vom Schuppen fort und nach der Haustüre zu, in welcher er verschwand. Ich werde ihn nicht getroffen haben. Die zweite Kugel aber ist ihm ganz sicher in die Brust gedrungen, denn er stand nur zwei Schritte weit und zwar aufgerichtet vor mir. Ich konnte also genau zielen.«

»Erzähle kurz, wie alles geschehen ist.«

»Nun, ich rannte natürlich nach dem Schuppen, denn ich hatte Oskos Gewehr an dem Knall erkannt und konnte also annehmen, daß der Bär zu den Pferden wollte. Ich hatte den Schuppen noch nicht erreicht, da hörte ich von seitwärts her einen Schrei, kümmerte mich aber nicht darum. Am Schuppen angekommen, sah ich, daß zwei Bretter eingebrochen seien, und erfuhr von Osko und Omar, der Bär habe das getan. Ich rannte also weiter. Da lag ein dunkler Körper am Boden und ein größerer stand dabei. Das mußte das Tier sein. Ich blieb stehen, zielte und schoß. Der Bär trollte fort, nach der Türe zu, und ich sprang hinter ihm her. Er ging in das Haus und ich folgte ihm. Als ich die offene Türe erreichte sah ich ihn drin stehen. Er beschnupperte das Lager des Mübarek.«

»Tat er diesem nichts?«

»Ich sah den Alten gar nicht – er war verschwunden. Ich sah nur den Bären, und dieser sah mich. Er drehte sich augenblicklich um, kam auf mich zu und richtete sich empor. Ich hatte vor Schreck vergessen, gleich zu schießen, denn seine ungeheure Größe überraschte mich so, daß ich kaum atmen konnte. Jemand schrie mir zu, doch zu schießen. Wo sich derselbe befand, das sah ich nicht, ich hörte ihn nur; aber die Worte gaben mir die Besinnung zurück. Eben als der Bär die Tatzen nach mir ausstreckte, gab ich ihm die Kugel, erhielt aber von ihm einen solchen Stoß, daß ich zur Türe heraus und zu Boden flog. Als ich wieder aufsprang, stand er vor mir. Ich hatte keine Kugel mehr; an das Messer dachte ich nicht. Ich wollte mich mit dem Kolben wehren; da aber kamst du.«

»Wohl zur rechten Zeit!«

»Ja, denn ich bin überzeugt, daß mein Gewehr an seinem Schädel zersprungen wäre. Dann hätte er mich zerrissen. O, Sihdi, ich habe dir das Leben zu verdanken!«

Er ergriff meine Hand und zog sie an seine Brust.

»Laß das gut sein. Du hättest ebenso gehandelt, wären unsere Rollen vertauscht gewesen.«

»Ja, aber ich zweifle sehr, daß es mir gelungen wäre, dieses Riesentier mit dem Messer zu erlegen. Du hast schon früher Bären getötet, graue Bären, welche noch weit größer und gefährlicher sind, als dieser hier; ich aber nicht. Dieses Raubtier ist wirklich größer als ein Löwe.«

»Massiger, ja. Der Körper, welcher dahinten liegt, muß derjenige des alten Mübarek sein. Wahrscheinlich ist er tot. Der letzte Fieberanfall hat ihn herausgetrieben. Aber es befremdet mich, daß er so schnell zusammengebrochen ist.«

»Der Bär stand bei ihm. Sollte dieser ihn getötet haben?«

»Möglich. Jetzt wollen wir zunächst nach den Anderen sehen.«

Wir traten in die Stube. Das Licht, durch welches dieselbe erleuchtet wurde, kam von oben herab. Als ich emporblickte, sah ich den Konakdschi und die beiden Wirtsleute oben auf den Deckenstangen hocken. Sie hatten brennende Späne in den Händen.

»Du selbst kommst auch, Herr?« fragte der Erstere. »Wo ist der Bär?«

»Er liegt vor der Türe.«

»Allah, Allah!«

Sie kletterten an dem bereits beschriebenen Balken herab, holten unten tief Atem, und der Wirt sagte:

»Siehst du, daß wir vor ihm nicht sicher waren! Er kam herein. Welch ein Ungetüm! Er war fast so groß wie ein Ochse.«

»Ihr hattet doch eure Waffen da oben – warum habt ihr nicht geschossen?«

»Daß wir dumm wären! Dadurch hätten wir ihn ja auf uns aufmerksam gemacht, und er wäre zu uns heraufgeklettert. Ein Bär klettert besser als ein Mensch. Weißt du das noch nicht?«

»Ich weiß es. Also ihr schosset nicht, aber meinen Hadschi habt ihr aufgefordert, zu schießen?«

»Natürlich! Er wollte das Tier ja erlegen; wir hatten uns keine so verwegene Tat vorgenommen, und« – fügte er mit pfiffiger Miene hinzu – »wenn er den Bär angriff, so dachte dieser nicht an uns!«

»Sehr klug, aber auch sehr feig von euch! Wo ist der Mübarek?«

»Draußen. Das Fieber packte ihn, und er rannte fort. Hätte der Alte nicht dabei die Türe geöffnet, so wäre es dem Bären unmöglich gewesen, herein zu kommen. Wo mag der Unvorsichtige sein?«

»Er liegt tot draußen. Wir wollen das ausgelöschte Feuer wieder anzünden.«

Sie folgten uns hinaus, aber sie getrauten sich nicht, zu dem Raubtiere zu treten. Sie wollten, bevor sie es wagten, erst das Feuer wieder anzünden, um zu sehen, ob der Bär auch wirklich tot sei. Halef ging, um Osko und Omar zu holen.

Auch diese beiden konnten kaum Worte finden, ihr Erstaunen über die Größe des Tieres auszudrücken. Petz war von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel gewiß zwei Meter lang. Vier Zentner wog er sicher. Drei Männer mußten sich anstrengen, um ihn bis in die Nähe des Feuers zu schleifen.

Unterdessen nahm ich einen brennenden Ast und ging zu dem Mübarek. Halef folgte mir. Der Alte war nicht an seiner Wunde gestorben, obgleich auch diese ihm nur eine kurze Frist gelassen hätte. Sein Kopf lag tief im Genick, und seine Brust war, sozusagen, ein Brei von Fleisch, Blut und zerschlagenen Rippen. Der Bär hatte ihm das Genick zerbrochen und dann die Brust aufgerissen, war aber durch den Schuß Halefs vertrieben worden.

Wir sagten kein Wort und kehrten zum Feuer zurück. Dort meldete Halef, was wir gesehen hatten, und erzählte dann, auf welche Weise der Bär erlegt worden war.

In Anbetracht der Größe des Tieres wollten selbst Osko und Omar es nur schwer glauben, daß ich gewagt hatte, es nur mit dem Messer anzugreifen. Bei den Andern behielt der Eigennutz noch vor dem Staunen die Oberhand. Der Kohlenhändler befühlte den Bären und sagte:

»Er ist außerordentlich fett und wird eine ganze Menge Fleisch liefern. Auch für den Pelz kann man eine gute Summe erhalten. Effendi, wem gehört das Tier?«

»Demjenigen, welcher es erlegt hat.«

»So! Das denke ich nicht.«

»Was denkst du denn?«

»Daß er mir gehört, auf dessen Grund und Boden er erlegt worden ist.«

»Ich vermute aber, daß diese ganze Gegend dem Padischah gehört. Wenn du mir beweisen kannst, daß du ihm dieses Land abgekauft hast, so will ich glauben, daß du der Besitzer bist. Dann aber hast du mir zweitens zu beweisen, daß du ein Recht auf alles Wild und Raubzeug besitzest, welches auf deinem Boden erlegt wird. Als der Bär kam, hast du dich verkrochen; das ist ein sicherer Beweis, daß du ihn nicht haben wolltest. Wir aber haben ihn genommen, folglich gehört er uns.«

»Herr, du denkst falsch. Der Bär gehört nicht dir, er gehört – — «

»Meinem Hadschi Halef,« unterbrach ich ihn. »Wenn du das sagen willst, so hast du recht. Du aber kannst nicht den mindesten Anspruch erheben. Ich habe dir ja sogar die Lockspeise bezahlen müssen. Wenn wir aus ganz besonderer Güte dir einen Teil des Fleisches lassen, so hast du dich dafür zu bedanken.«

»Wie?« fragte Halef. »Mir soll der Bär gehören? Nein, Sihdi, er ist nicht mein, sondern dein. Du bist es ja, der ihn erlegt hat.«

»Ich habe ihm nur den Todesstoß gegeben. Er wäre auch ohne mein Messer verendet, allerdings nicht so schnell. Sieh her! Ganz in der Nähe der beiden Stichwunden siehst du das Loch, welches deine Kugel gebohrt hat. Sie ist ihm ganz nahe am Herzen vorüber gegangen und war absolut tödlich. Darum ist das Tier dein Eigentum.«

»O Effendi, der Eigentümer lebte ja gar nicht mehr, wenn du nicht gekommen wärst, um ihn zu retten! Du willst mir ein Geschenk machen, welches ich nicht annehmen kann.«

»Nun, wir wollen nach altem Jägerrecht verfahren. Du hast das Tier angeschossen, also gehört dir der Pelz. Ich habe es dann erstochen, so gehört mir das Fleisch. Die Tatzen und einen Schinken nehmen wir für uns; das übrige mag Junak erhalten, damit er nicht sagen kann, wir hätten sein Eigentumsrecht gar nicht geachtet.«

»Herr, ist's wahr? Das Fell soll ich erhalten? Das ist ja das allerbeste von dem Bären. Wie wird Hanneh, die geliebteste der Frauen, staunen, wenn ich zu ihr komme und ihr diese Trophäe zeige! Und mein Söhnchen, welches nach dir und mir genannt worden ist, nämlich Kara Ben Nemsi Halef wird schlafen auf diesem Fell des Bären und ein großer berühmter Krieger werden, weil die Stärke des Tieres auf den Knaben übergeht. Ja, ja, das Fell nehme ich an. Wer wird es abziehen?«

»Ich. Wir müssen Gehirn, Fett und Holzasche nehmen, um das Fell einzureiben, damit es geschmeidig bleibe und nicht faule. Dein Pferd wird doppelte Last zu tragen haben.«

Meine Entscheidung fand allgemeine Zustimmung. Der Kohlenhändler brachte einen alten Holztrog herbei, in welchem das Bärenfleisch gepökelt werden sollte, um dann in den Rauch gehängt zu werden. Dieses Pökelgefäß paßte gut zu seinem Besitzer. Wer weiß, was alles sich schon darin befunden hatte! Nie aber war es gereinigt worden. Während ich mich an die Arbeit machte, fragte ich Junak, was mit dem Mübarek geschehen solle.

»Begraben müssen wir ihn,« antwortete er. »Ihr werdet mir wohl dabei helfen. Es muß noch in dieser Nacht geschehen.«

»Die Grube zu fertigen, das ist nicht unsere Sache. Wir haben seine Freundschaft nicht in dem Maße besessen, daß diese Arbeit uns zugemutet werden könnte. Hast du Werkzeuge?«

»Einen Balta und eine Kürek (* Hacke und Schaufel.) habe ich.«

»So können also nur zwei Personen arbeiten. Das magst du mit dem Konakdschi tun, und deine Frau soll euch helfen. Suche dir eine passende Stelle aus. Beim Begräbnis werden wir zugegen sein. Die Feindschaft soll nicht über den Tod hinaus währen.«

»So werden wir ihn dort begraben, wo der Bär das Pferd überfallen hat. Ich mag kein Grab in der Nähe des Hauses haben.«

Er holte die genannten Werkzeuge. Seine Frau und der Konakdschi beluden sich mit Holz und einem Feuerbrand, um bei Beleuchtung zu arbeiten, und dann entfernten sie sich, um dem Toten die Grube zu graben, welche er uns gewünscht hatte.

Nachdem der Bär aus seinem Pelz geschält worden war, steckten wir eine seiner Vordertatzen an den Ast, welcher als Bratspieß diente. Sie war so groß und fett, daß wir vier unsern Hunger ausgiebig daran zu stillen vermochten.

Die Gefährten halfen mir, die Fleischreste von der innern Seite des Pelzes abzuschaben, und dann wurde dieselbe mit dem Gehirn und Fett des Bären und mit Holzasche tüchtig eingerieben, um hierauf so zusammengelegt zu werden, daß der Pelz leicht hinter dem Sattel auf das Pferd gebunden werden konnte.

Als wir damit fertig waren, kamen die Grabmacher und meldeten, die Grube sei fertig. Nun nahmen sie die Leiche auf, und wir folgten ihnen.

Es ist immer eine ernste Sache, an dem Grabe eines Menschen zu stehen. Ob man demselben Gutes oder Böses zu verdanken hat, das ist von keiner Bedeutung gegenüber dem Gedanken, daß er nun vor seinem Richter stehe, dessen Urteil einst auch über uns ergehen wird. Da schwindet der Haß, und es schweigt die Rache. Man denkt an nichts als an das ernsteste Wort aller Erdensprachen: Ewigkeit. Ich wenigstens fühlte jetzt nichts als nur noch Mitleid mit dem Feinde, welcher eines so bösen Todes gestorben und ohne Reue über seine Sünden von hinnen gegangen war. Auch Halef sagte:

»Vergeben wir ihm alles, was er an uns getan hat und noch zu tun beabsichtigte. Ich bin ein gläubiger Sohn des Propheten, und du bist ein gehorsamer Anhänger deines Glaubens. Wir können keinen Toten hassen, sondern wir wollen ihm den letzten Dienst erweisen und an seinem Grabe beten.«

Beim Schein des Feuers sahen wir üppige Farne. Diese schnitten wir, um mit ihnen die Grube auszukleiden. Den Toten senkten wir hinab und deckten ihn auch mit Farnwedeln zu. Dann fragte Halef:

»Wer soll das Gebet sprechen? Du, Sihdi?«

»Nein, ich bin kein Mohammedaner. Seine Freunde mögen sprechen!«

»Wir sind nicht seine Freunde,« erklärte der Konakdschi. »Mir ist es gleich, ob die Sure des Todes an seinem Grab gebetet wird oder nicht. Auch ist es mir sehr gleichgültig, ob derjenige, der sie betet, ein Mohammedaner ist oder ein Christ. Ich aber kann nicht beten. Ich habe kein Geschick dazu und kenne den Kuran nicht auswendig. Dem Junak aber dürft ihr das noch viel weniger zumuten.«

»Nun gut, so werde ich sie beten,« sagte Halef. »Du aber, Sihdi, magst vorher die Fatha beten, die Eröffnung des Kuran, welche jeder Handlung vorangehen muß. Willst du?«

»Ja.«

»So bete sie, aber in der Mundart des Propheten. Der Verstorbene hat die heiligen Orte besucht und vom Wasser des Zemzem getrunken. Seine sündige Seele wird vielleicht Gnade finden, wenn Allah aus deinem Mund den Dialekt vernimmt, in welchem der Erzengel Tschebrail (* Gabriel.) mit dem Propheten redete. Ich verstehe nicht so wie du, ihn zu sprechen. Laßt uns also niederknien und beten!«

Sie ließen sich am offenen Grab auf ihre Knie nieder, die Gesichter nach Mekka gerichtet. Ich allein blieb stehen. Ich war diesen Leuten gern zu Willen, doch widerstrebte es mir, die Fatha kniend zu sprechen. Nachdem sie sich dreimal verneigt hatten, rief Halef die sieben vornehmsten Eigenschaften Gottes aus, und dann begann ich in der eigenartigen Rhythmik und der Koreisch-Mundart des Originales:

»El Hamdu lillahi, rabbi 'l 'alamina. Er rahmani 'r 'rahimi, Maliki yaumi 'd dini! Iyyake nabodu, we iyyake nestaïnu, Ibdinah 'ss ssirata 'l mustakina. Ssirata 'l ladsina enamta alaihim, Ghairi 'l maghdhubi alaihim, We la 'dh dhalina!«

Das ist auf deutsch:

»Preis sei Allah, dem Herrn der Welten, dem Barmherzigen und Gnädigen, dem Herrscher am Tage des Gerichtes! Dich beten wir an; dich flehen wir um Hilfe; führe uns auf den geraden Weg. Auf den Weg derer, denen du Huld bewiesen, nicht derer, denen du zürnest, noch derer, die in der Irre wandeln!«

Und nun betete Halef mit lauter Stimme und indem er die gefalteten Hände erhob:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Höret, ihr Sterblichen, die Stunde des Gerichtes nahet heran. In dieser Stunde werden die Augen der Menschen gräßlich vor sich hinstarren; kein Augenlid wird zucken, und ihre Herzen werden ohne Blut sein.

Die Erde wird beben und ihre Lasten abschütteln, und der Mensch wird schreien: »Wehe, was ist ihr zugestoßen!« Dann wird sie den Auftrag verkündigen, der ihr von Allah geworden ist.

Die Sonnen werden zittern, die Sterne erbleichen und die Berge schwanken. Die Kamelstute wird ihre Jungen vergessen, und die Raubtiere werden sich angstvoll zusammendrängen. Das Meer wallt auf und die Himmel werden hinweggenommen. Die Hölle wird angefacht und das Paradies der Erde nahegerückt werden. Der Mond wird sich spalten, und die Menschen werden vergeblich nach einem Zufluchtsort schreien.

Darum wehe dir, wehe dir! Und abermals wehe dir und wehe dir! Hast du deine Seele nicht bereitet, vor dem Richter zu bestehen, so wäre es dir besser, du wärest nie geboren. Die Verdammnis wird dich umfangen und dich nicht wieder ausspeien in alle Ewigkeit.

Und wohl aber dir, wohl dir! Und abermals wohl dir! Hast du deine Sünden im Wasser der Reue gewaschen und sie hier zurückgelassen, so hast du es nicht zu fürchten, daß an jenem Tage die Hölle herangebracht wird, denn Allah wird kommen mit einer Engelsschar und dich einführen in sein Paradies.«

Der Hadschi verneigte sich dreimal und stand dann auf. Sein Gebet war zu Ende. Wir überließen es dem Konakdschi, dem Kohlenhändler und seinem Weib, die Grube mit Erde zu füllen, und kehrten nach dem Hause zurück, wo wir uns beim Feuer niederließen.

Jetzt konnten wir die Pferde wieder aus dem Schuppen holen, damit sie weideten. Der Bär war nicht mehr zu fürchten.

Wir selbst bedurften der Ruhe. Es gab für uns nichts mehr zu tun, und so nahmen wir die Sättel unter die Köpfe, um zu schlafen. Aus Vorsicht aber mußte einer wachen. Die Ablösung sollte alle Stunden erfolgen. Wir durften den dreien, welche sich dort beim Grab befanden, nicht trauen.

Zuvor untersuchte ich meinen Fuß. So sorgfältig und fest ich ihn betastete, ich empfand keine Schmerzen. Die Büchse hatte ich natürlich gesucht und gefunden. Die Waffen befanden sich zum augenblicklichen Gebrauch neben uns, und so lagen wir da und schlossen die Augen.

Aber wir wurden noch einmal gestört. Die zwei Männer kamen mit der Frau, um den Bären in das Haus zu schaffen. Dabei kam mir ein Gedanke. Ich stand wieder auf und schnitt mir ein tüchtiges Stück von der dicken Fettlage ab, welche der amerikanische Jäger Bearfat, Bärenspeck, nennt. Die Drei standen dabei, ohne mich zu fragen, wozu ich das nehmen wolle. Dabei bemerkte ich, daß an dem linken Fuß des Kohlenhändlers, welcher weder Schuhe noch Stiefel trug, die kleine Zehe fehlte.

»Du hast nur vier Zehen am linken Fuß. Wie hast du sie verloren?«

»Das Rad meines schwer beladenen Wagens ging darüber und hat sie mir zerquetscht. Sie hing so locker am Fuß, daß ich sie mir abschneiden mußte. Warum fragst du?«

»Ohne alle Absicht. Ich erblickte soeben den Fuß.«

»Nimmst du noch von dem Fleisch oder können wir es nun forttragen?«

»Schafft es hinein; es ist euer.«

Sie schleppten die schwere Last fort. Meine Gefährten hatten mein Tun beobachtet, und Halef erkundigte sich:

»Wozu hast du das Fett genommen, Sihdi? Wir brauchen es doch nicht.«

»Wir werden es vielleicht sehr nötig haben. Wenn wir in die Höhle der Juwelen kommen, wird es finster in derselben sein.«

»Willst du sie denn wirklich betreten?«

»Das weiß ich noch nicht. Es ist zu vermuten, daß ich es tue, und da kann ich mir mittels des Fettes eine Lampe machen.«

»So mußt du doch auch einen Docht haben. Da liegt noch der Fetzen, in welchen die Wurst gewickelt war. Der Wirt hat ihn liegen lassen. Wir können das Fett einwickeln und ihn dann als Docht benutzen.«

»Tue das! Ich möchte das Zeug nicht wieder anfassen.«

»Aber ich soll es tun?«

»Ja, du wirst dich nicht scheuen, denn du hast ja alles, was hineingewickelt war, mit großem Appetit – — «

»Schweig, Sihdi!« rief er hastig. »Ich mag nichts hören und will dir deinen Willen tun.«

Er stand auf, wickelte das Fett ein und steckte es in die Tasche seines Sattels.

Von nun an wurden wir nicht wieder gestört; doch mußte ich schon nach einer Stunde aufstehen, weil das Los der zweiten Wache auf mich gefallen war.

Im Hause brannte noch Licht. Ich war müde, und um mich wach zu halten, ging ich auf und ab. Dabei kam ich zu der Türe. Ich probierte und fand, daß sie verriegelt war. Ein beißender Rauch kam aus den Fenstern, und es roch nach gebratenem Fleisch. Ich sah hinein, und richtig, die Drei hatten in der Stube ein Feuer angezündet und brieten Bärenfleisch, obgleich sie bereits am Abend große Portionen Pferdefleisch verschlungen hatten. Ich konnte sie leicht sehen. Sie sprachen sehr eifrig, indem sie sich Stück um Stück von dem Fleisch schnitten. Verstehen konnte ich nichts, weil ich an dem Frontfenster stand; sie aber saßen an der Giebelseite.

Doch grad über ihnen war auch ein Fenster, ohne Glas natürlich. Ich begab mich dorthin und horchte. Der Rauch drang heraus. Ich nahm mein Taschentuch, hielt es vor Mund und Nase, schloß die Augen und schob den Kopf so weit wie möglich in die Fensteröffnung. Sehen konnten sie mich nicht, denn die Mauer war dick und das Fenster befand sich hoch über ihren Köpfen.

»Ja, man muß mit diesen Halunken sehr klug und vorsichtig verfahren,« sagte der Konakdschi. »Ihr habt es gehört, daß der Deutsche mich und auch euch im Verdacht hat, es mit unsern Freunden zu halten. Diese Giaurs haben den Teufel im Leib und ganz besonders in den Augen. Sie sehen alles. Aber es ist heute ihre letzte Nacht.«

»Meinst du das wirklich?« fragte der Wirt.

»Ja, es ist sicher!«

»Wollen es wünschen! Ich habe es auch gedacht, denn ich kenne meinen Schwager, den Köhler; er fürchtet sich vor der Hölle nicht. Aber seit ich die Männer gesehen, bin ich zweifelhaft geworden. Sie sind vorsichtig und kühn zugleich.«

»Pah! Das soll ihnen nichts nützen.«

»Nun denn, wer mit dem Messer einem Bären zu Leibe geht und ihn niedersticht, ohne selbst nur im geringsten verwundet zu werden, der fährt auch meinem Schwager an den Hals.«

»Dazu darf es gar nicht kommen. Sie werden mit List in die Falle gelockt und darin umgebracht.«

»Sie sollen doch kugelfest sein.«

»Glaube das ja nicht! Der Effendi hat selbst darüber gelacht. Und wenn es so wäre, gibt es nicht auch andere Waffen außer den Schießgewehren? Uebrigens wird es wohl gar nicht dazu kommen, daß man schießt oder sticht. Man lockt sie in die Höhle und zündet das aufgespeicherte Holz an. Da müssen sie ersticken.«

»Ja, es ist möglich, daß mein Schwager dies vorschlägt; aber die beiden Aladschy bestehen darauf, daß der Effendi von ihrer Hand fallen soll, und Barud el Amasat will denjenigen töten, welcher Osko heißt. Sie haben eine Rache gegeneinander. Ich habe ihnen abgeraten, aber sie blieben dabei, den Männern am Teufelsfelsen aufzulauern und sie mit der Schleuder und mit den Czakans zu töten. Zu diesem Zweck nahmen sie meine beiden Schleudern mit.«

»Die Toren! So wird es unbedingt zum Kampf kommen.«

»O nein! Die Fremden finden ja gar keine Zeit zur Gegenwehr, indem sie aus dem Hinterhalt überfallen werden.«

»Hoffe nicht zu viel. Wie ich die Schlucht des Teufelsfelsens kenne, so ist dort gar kein Hinterhalt zu legen. Sie müßten sich rechts oder links in den Büschen verstecken; das ist aber nicht möglich, weil die Felsen zu beiden Seiten so steil sind, daß man nicht hinaufsteigen kann.«

»Da bist du in einem großen Irrtum. Es gibt eine Stelle, allerdings nur eine einzige, an welcher man hinaufklettern kann. Es kommt linker Hand ein Wasser herab. Im Bett desselben kann man emporsteigen, wenn man ein wenig Nässe nicht scheut.«

»Wissen sie das?«

»Die beiden Aladschy kennen die Gegend eben so gut wie ich.«

»Und wollen sie wirklich dort hinaufklettern?«

»Freilich.«

»Aber sie haben doch ihre Pferde bei sich!«

»Diese schaffen sie vorher zu meinem Schwager. Es ist von der betreffenden Stelle gar nicht weit zu ihm. Sie kehren zurück und erklettern den Felsen. Ein Czakan, von da oben herab geschleudert, muß jeden Kopf zerschmettern, auf welchen der Wurf gezielt war. Ich kenne die Stelle sehr genau. Man hat ungefähr fünfzig bis sechzig Schritte im Wasser emporzusteigen, dann ist die Felswand überwunden. Geht man hierauf oben vielleicht hundertfünfzig Schritte weit zwischen Büschen und Bäumen hin, so gelangt man an eine Stelle, unter welcher die Schlucht eine Krümmung macht. Steht oder sitzt man dort oben, so kann einem kein Mensch entkommen. Das ist der Ort, welcher das Grab der Fremden werden wird.«

»Teufel! Das ist gefährlich für mich!«

»Warum?« fragte Junak.

»Weil auch ich getroffen werden kann.«

»Pah, sie verstehen, zu zielen!«

»Darauf verlasse ich mich nicht. Der Zufall ist ein sehr heimtückischer Geselle.«

»So bleibe ein wenig zurück!«

»Wenn ich das tue, so muß ich gewärtig sein, daß die Fremden auch halten bleiben.«

»So reite voran. Den Quell wirst du sicher sehen. Wenn du dann die Krümmung bemerkst, brauchst du nur so zu tun, als ob dein Pferd störrisch werde. Du gibst ihm einige Hiebe, so daß es davongaloppiert. Dann kann dich weder ein Czakan, noch ein geschleuderter Stein treffen.«

»Ja, das ist das Einzige, was ich tun kann.«

»Uebrigens werde ich die Kameraden noch besonders auffordern, sich in acht zu nehmen, damit sie dich nicht treffen.«

»Wirst du mit ihnen reden?«

»Gewiß! Wer nicht bei der Teilung ist, läuft Gefahr, nichts zu bekommen. Jetzt ärgert es mich doppelt, daß mein Pferd tot ist. Nun bin ich gezwungen, den Weg zu Fuß zu machen.«

»Du kommst trotzdem zu spät.«

»Das glaube ich nicht. Ich bin ein sehr guter Läufer.«

»Aber unsere Pferde kannst du doch nicht einholen. «

»Meinst du denn, daß ich später aufbreche, als ihr? Wenn ich gegessen habe, mache ich mich sogleich auf die Beine.«

»Dann bist du allerdings schon vor uns dort.«

»Wenn es dem Deutschen nicht etwa einfällt, sehr zeitig mit seinen Gefährten in den Sattel zu steigen.«

»Daß sie das nicht tun, dafür will ich sorgen. Ich werde ihnen schon so viele Hindernisse in den Weg legen, daß sie nicht so schnell vorwärts kommen. Nötigenfalls verirre ich mich. Freilich müssen wir befürchten, daß sie Verdacht schöpfen, wenn sie am Morgen bemerken, daß du schon fort bist.«

»Es wird sich doch wohl eine befriedigende Ausrede finden lassen – — «

Jetzt kam mir doch der Rauch sehr stark in die Nase, daß ich den Kopf zurückziehen und ein wenig zur Seite treten mußte. Als ich dann wieder hineinsah, bemerkte ich, daß Junak aufgestanden war. Nun war es mit dem Lauschen zu Ende, denn er hätte mich beim ersten Blick nach dem Fenster sehen müssen. Darum kehrte ich zu den Gefährten zurück und setzte mich leise bei ihnen nieder.

Während ich nun sann, kam mir der Gedanke, gleich jetzt aufzubrechen; aber ich verwarf ihn wieder. Wir kannten ja die Gegend nicht, und der Konakdschi machte jedenfalls seine Worte wahr, uns so lange in der Irre herumzuführen, bis er annehmen konnte, daß der Kohlenhändler an seinem Ziel angekommen sei. Darum war es jedenfalls besser, noch zu bleiben. Junak hatte die für uns gefährliche Stelle so genau beschrieben, daß sie meiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte. Ich hoffte, ein Mittel zu finden, die Gefahr zu vermeiden.

Als ich dann von Halef abgelöst wurde, erzählte ich ihm, was ich erlauscht und beschlossen hatte, und er stimmte mir vollständig bei.

»Auch ich werde lauschen, Sihdi,« meinte er. »Vielleicht höre ich noch etwas Wichtiges.«

»Unterlaß das lieber! Ich habe genug gehört, und wenn du ertappt wirst, haben wir den Schaden. Sie brauchen nicht zu wissen, daß einer von uns wacht.«

Es war wohl bereits nach zwei Uhr gewesen, als wir uns zur Ruhe legten; folglich war es nach sechs Uhr, als wir von Omar, welcher die letzte Wache hatte, geweckt wurden.

Wir gingen an den Bach, um uns zu waschen, und wollten dann in das Haus. Es war verschlossen. Auf unser Klopfen kam die Frau und öffnete.

»Wo ist unser Führer?« fragte ich.

»Hier in der Stube. Er schläft noch.«

»So werde ich ihn wecken.«

Der Mann lag auf den Lumpen, welche das Lager des Mübarek gebildet hatten, und stellte sich schlafend. Als ich ihm einige derbe Stöße gab, fuhr er empor, gähnte, starrte mich wie schlaftrunken an und sagte:

»Du, Herr? Warum weckst du mich schon?«

»Weil wir aufbrechen wollen.«

»Wie ist die Uhr?«

»Halb sieben.«

»Erst! Da können wir noch eine ganze Stunde schlafen.«

»Wir könnten sogar noch einen ganzen Tag schlafen, aber wir werden es nicht tun.«

»Es ist ja nicht so eilig.«

»Nein; aber ich liebe es, in der Morgenfrische zu reiten. Wasche dich, damit du munter wirst!«

»Waschen?« fragte er erstaunt. »Daß ich dumm wäre! So frühes Waschen ist sehr schädlich.«

»Wo ist Junak?« fragte ich.

»Ist er denn nicht da?«

Er blickte suchend umher. Die Alte berichtete:

»Mein Mann ist nach Glogovik gegangen.«

»Woher wir kommen? Warum hat er sich denn nicht von uns verabschiedet?«

»Weil er euch nicht stören wollte.«

»So! Was will er denn dort tun?«

»Er will Salz kaufen. Wir brauchen es, um das Fleisch hier einzupökeln.«

Sie zeigte auf die Stücke des Bären, welche in der Ecke lagen und allerdings ein höchst unappetitliches Aussehen hatten.

»Hattet ihr denn kein Salz im Hause?«

»So viel nicht.«

»Nun, so war die Sache doch nicht so eilig, daß er unser Erwachen nicht abwarten konnte. Ich glaube übrigens, Ibali liegt viel näher. Warum ist er denn nach Glogovik gegangen?«

»In Ibali gibt es kein Salz.«

»So ist es ein sehr trauriges Nest. Aber euer Schaden ist es doch, daß er fort ist. Ich habe ihn noch nicht bezahlt.«

»Du wirst das Geld mir geben!«

»Nein, ich zahle nur dem Wirt. Uebrigens sage mir einmal, wofür ich dich bezahlen soll.«

»Wir haben euch doch beherbergt!«

»Wir haben im Freien geschlafen. Dafür zahle ich nichts. Also, Konakdschi, wir brechen auf.«

»Ich muß erst essen,« erklärte er.

»So iß, aber schnell!«

Er machte sich ein Feuer und briet sich ein Stück Bärenfleisch, welches er halb gar verschlang. Indessen sattelten wir. Der Bärenschinken wurde mit den drei übrig gebliebenen Tatzen in eine Decke gewickelt, und Osko nahm diesen Pack hinter sich auf das Pferd. Nun war der Führer fertig geworden, und wir brachen auf.




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