Onnen Visser
Sophie Wörishöffer




Sophie Wörishöffer

ONNEN VISSER – DER SCHMUGGLERSOHN VON NORDERNEY





1


Über den Wassern der Nordsee stand ein schweres Gewitter. Träge lief die Flut an den Strand von Norderney, tiefe Finsternis bedeckte Erde und Meer; die immer so stille, weltabgeschiedene Insel schien in dieser Frühlingsnacht wie ausgestorben.

Und doch regte sich auf dem Wasser ein dunkler Körper, ein Kanonenboot, dessen Besatzung emsig spähend nach allen Seiten ausblickte. Einer der bärtigen Soldaten legte beide Hände an den Mund und rief mit lauter Stimme in die Finsternis hinaus:

»Qui vive?« (Wer da?)

Keine Antwort. Das kleine Boot, welches dicht unter dem Bug des Franzosen dahinglitt, schien steuerlos zu treiben; auch das schärfste Auge hätte in dem Rund desselben keinen Menschen entdeckt, keine Bewegung wahrgenommen. Leise wiegend und schaukelnd führten es die Wellen hinaus bis in das offene Meer, der äußersten Landspitze der Insel entgegen.

Auf dem Kanonenboot ballte der Soldat die Faust. »Alle tausend Teufel«, rief er, »ich habe doch eine Nußschale von einem Fahrzeug hier vorbeischwimmen sehen – wo ist denn nun das Ding geblieben?«

»Flucht nicht so lästerlich!« mahnte eine andere Stimme. »Jeden Augenblick kann der erste Blitz vom Himmel herabfahren; gebt lieber einen Schuß ab und bohrt das Schmugglerboot in den Grund. Sie paschen doch alle, diese langen deutschen Lümmel mit ihren blauen Augen und ihren Bärenkräften.«

Der Soldat ließ sich den Befehl nicht zweimal geben. »Sehr wohl, Unteroffizier Durand«, rief er, »die Kanaille soll es haben, daß ihr Funken und Tropfen zugleich um die Ohren spritzen.«

Er hantierte einen Augenblick bei den Geschützen herum, dann kommandierte er selbst: »Feuer!« und der Schuß krachte donnernd durch die stille Nacht dahin, daß in den Dünen am Strande die kleinen Vögel erschreckt auffuhren und durch die Luft schwirrten. Fast im gleichen Augenblick schrie der Franzose laut auf:

»Mille tonnerres! da ist das Boot wieder. Ein Knabe liegt darin!«

Er wollte den zweiten Schuß abgeben, aber Unteroffizier Durand fiel ihm hastig in den Arm.

»Laßt es bleiben, Chatellier – ich habe die Erscheinung auch bemerkt. Das da ist kein Mensch.«

Der Soldat sah sich plötzlich um, als vermute er, daß jemand ihm in den Rücken fallen werde. »Aber was könnte es denn sein, Unteroffizier?« fragte er flüsternd.

»Ein Geist! Wir haben kürzlich zur Kirchzeit mit dieser selben Kanone ein Boot in den Grund gebohrt, wie Ihr wißt – da unten an der Wattgrenze – es war nur ein Knabe darin, ein armes Kind, das für die Badegäste Seeteufel und Muscheln gesammelt hatte, aber wir konnten natürlich das Geschehene nicht ungeschehen machen, der Junge starb und sah mich fest an – die Glocken da unten im Dorfe läuteten – er hielt im Todeskampfe den Blick auf meine Stirn geheftet. – Wißt Ihr noch, Chatellier, wir warfen den Körper ins Meer. Das Läuten wollte an jenem Tage gar kein Ende nehmen.«

Der Soldat bekreuzigte sich. »Und Ihr glaubt, daß das sein Geist war, Unteroffizier Durand?«

Der andere nickte. »Gerade so lag er in seinem Boot! – Er will uns hinauslocken, bis der Sturm losbricht – kein Splitter würde von der ›Hortense‹ heil bleiben, ich sage es Euch.«

»Die heilige Jungfrau beschütze uns. Soll ich das Steuer wenden?«

Der Unteroffizier nickte. »Das Gewitter zieht herauf, alle Offiziere sind in Norden auf dem Balle, ich mag die Verantwortung nicht tragen. Bergen wir uns, solange es Zeit ist.«

Das Steuer der »Hortense« wurde gedreht, alle Segel vor den, übrigens kaum bemerkbaren, Wind gebracht und der Rückweg zur schützenden Reede angetreten. Wenige Minuten später war das Kanonenboot verschwunden.

Aus dem kleinen Fahrzeuge erhob sich langsam, vorsichtig spähend die schlanke Gestalt eines etwa sechzehnjährigen Knaben. Das hübsche Gesicht lachte, die Finger machten den Franzosen eine lange Nase.

»Ihr Esel! also das ist eure ganze Schießkunst. Ha, ha, ha, schwimme vier Fuß unter den Planken des Schiffes vorüber und ihr schleudert die Ladung fast ebenso viele Hunderte weit ins Meer hinein. Tröpfe! Welsche Schnattergänse!«

Nachdem er sich diesen Ausbruch spöttischen Zornes gestattet hatte, ergriff der junge Norderneyer seine beiden, auf dem Grunde des Fahrzeuges versteckten Ruder und holte aus, daß sich leuchtende Streifen durch das Wasser zogen.

Es war die Gegend unter der heutigen »Giftbude« am Herrenstrand, wo sich im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts diese Szene zutrug. Die Kontinentalsperre1806 hatte Napoleon I. die Einfuhr englischer Waren in das von ihm beherrschte Kontinental-Europa verboten. hatte ein ausgedehntes Schmugglerwesen zur Folge gehabt, französische Kanonenboote kreuzten überall zwischen den ostfriesischen Inseln und hatten häufig kleine Gefechte sowohl mit den Bewohnern derselben, als auch mit englischen Fahrzeugen, welche den Schmuggelhandel unterstützten. Damals galt eben für Deutschland als Gesetz, was Napoleons Willkür beliebte – kein Wunder also, daß sich auch hier, wie überall im Leben, die List der Tyrannei entgegenstellte.

Unser junger Freund ruderte so hastig, wie es seine Kräfte erlaubten. Am Himmel zuckten zuweilen einzelne Blitze durch das Gewölk, der Ausbruch des eigentlichen Gewitters aber schien noch fern, und eben diese Pause mußte er benutzen, um vorwärtszukommen. Der Strohhut flog auf die Bank, das Halstuch mit der Jacke folgte nach, immer schärfer und schärfer spannte der Knabe seine kräftigen Muskeln.

Plötzlich schien es ihm, als bewege stärkerer Wellenschlag seinen Kahn. Er hielt inne und horchte, das weit geöffnete Auge sandte spähende Blicke voraus über das stille dunkle Meer.

Ob nicht in geringer Entfernung ein Etwas, ein schwarzer Schiffsrumpf auf den Wogen lag?

Ein Blitz zerriß die Wolken, nur ein schwacher gelber Schimmer, nicht kräftig genug, um zu leuchten, aber dennoch glaubte der Knabe, während dieses kurzen Augenblicks ein weißes Segel gesehen zu haben.

Er trocknete den Schweiß von der Stirn, dann brachte er den kleinen Finger in den Mund und langgezogen schrillte ein lauter Ton über das Meer.

Es war das Geschrei des Regenpfeifers.

Sekunden vergingen, dann, während der Knabe atemlos, mit klopfendem Herzen lauschte, erklang aus ziemlicher Nähe derselbe Ton, nur anhaltender, durchdringender, als befinde sich das Tier in großer Aufregung.

Der Knabe lächelte. Jetzt veränderte er seine Stimme. Das eintönige, ermüdende Geschrei der kleinen Möwe erfüllte die Finsternis.

Es blieb unbeantwortet, aber statt jedes anderen Zeichens erschien auf dem Wasser ein rotes Licht, das eine Schanzkleidung und die nächsten Segel und Taue der Takelage beleuchtete. Das Gesicht eines älteren Mannes sah ängstlich über Bord.

»Onnen«, sagte eine Stimme, »Onnen, bist du es?«

»Allstunds, Vater!« war die Antwort. »Nehmt mich an Deck!«

Die Schaluppe legte back und das Fallreep wurde herabgelassen, während der junge Mensch sein Boot mittels einiger geschickter Ruderschläge unter den Stern brachte. Es an das Fahrzeug zu befestigen war Sache einer halben Minute, dann kletterte er wie eine Katze zum Deck hinauf.

Wenigstens zehn Männer empfingen ihn; sein Vater, der Kapitän des Schiffes, streckte ihm beide Hände entgegen.

»Um Himmels willen, Onnen, was tust du hier?« »Bringst sicherlich böse Botschaft, nicht wahr?«

»Nur heraus damit, Junge, was ist geschehen?«

Es war ein eigentümliches Bild, das sich jetzt den Blicken des Knaben darbot. Überall an Deck standen und lagen Kaufmannsgüter jeder Art, Zuckerhüte, Kaffeesäcke, Tranfässer, Teekisten und unzählige Ballen Tabak. Zwischen diesen Gegenständen drängten sich Männer mit unruhigen, erwartungsvollen Gesichtern, während nur eine einzige kleine rote Lampe die ganze Szene mit ihrem rubinfarbenen Schimmer notdürftig erhellte.

Onnen sah in diesem Augenblick sehr ernst aus. »Ich bringe wirklich schlimme Kunde«, sagte er, »sehr schlimme. Die Insel hat heute abend eine französische Besatzung erhalten.« »Landmilitär? – Gott verderbe die Elenden!« »Ja, es ist eine Kompanie des in Norden liegenden Regimentes unter Oberst Jouffrin, den sie dort den Schinder nennen.« Klaus Visser, der Kapitän, schüttelte den Kopf. »Bös genug, wenn wir jetzt auch noch eine Besatzung durchfüttern müssen«, sagte er, »aber bei alledem sehe ich nicht ein, weshalb du dich in dem kleinen Boote auf das Meer hinauswagtest, mein Junge. Die Kanonenboote mußten dir ja doch den Weg versperren.« Onnen lachte belustigt. »Ich bin unter dem Bug der ›Hortense‹ hindurchgefahren – die Kerle haben mir auch eine Kugel über den Kopf weggeschossen.«

»Herrgott, Kind!«

»Schadet ja nicht, Vater! Ich mußte euch um jeden Preis warnen; seht, ihr könnt die Waren auf keinen Fall in das Dorf bringen – überall stehen Wachtposten.«

Diese Nachricht fiel wie ein Stein auf die Herzen der Männer; ein lähmendes Schweigen folgte den Worten des Knaben.

»Ganz umstellt ist das Dorf?« fragte endlich der Kapitän.

»Ganz umstellt.«

»Und wo haben die Franzosen Quartier genommen?«

»Im Badehause. Das ganze Dorf ist auf den Beinen – dreihundert Betten mußten noch vor Abend abgeliefert werden, sechshundert Handtücher, Kochgeräte, Stroh, Brennmaterial – der alte Amtsvogt war so außer sich, daß er weinte.«

»Und er hat dich zu uns geschickt, Onnen, mein Junge?«

»Nein, Vater, ich schlich mich heimlich fort, als die Wachtposten alle Straßen besetzten. Die ›Taube‹ muß gewendet werden und bis zur Wattgrenze gehen, – dann bringen wir in meinem Boot die Waren aufs Land und in die Dünen.«

»Wo der nächste Regen alles verdirbt! – das gibt möglicherweise einen Schaden von Tausenden.«

»Ihr müßt Fischernetze darüber legen, alte Segel und dergleichen. Es ist ja doch alles bestimmt, um über das Watt nach Hilgenriedersiel und von dort in das Binnenland zu wandern, nicht wahr?« »Bis auf das, was wir hier an Ort und Stelle brauchen, ja. Kornelius Houtrouv in Emden hat die ganze Ladung der ›Queen Elizabeth‹ gekauft, sie liegt auf Baltrum sicher geborgen – und nun müssen uns die Franzosen den Weg abschneiden.« »Der Teufel hole sie alle!«

Wieder folgte ein längeres Schweigen, dann sagte endlich der Kapitän: »Nun, Kinder, wir müssen uns ruhig fügen, das geht nicht anders. Ehe der neue Tag beginnt, sollen die Waren sicher versteckt sein, das bedenkt.«

Niemand antwortete ihm, aber mehrere Hände griffen zu, als er die Schaluppe zu wenden begann; eine Stunde später lag sie unweit jener Stelle, an der heute der Leuchtturm steht und die damals ganz öde, ganz verlassen war, nur von Seehunden und großen Seevögeln bewohnt.

Die schwierige Arbeit der Ausschiffung nahm ihren Anfang. Das Boot brachte Faß auf Faß, Ballen auf Ballen auf den festen Saugsand des Watts, dann trugen die Schmuggler mit vereinten Kräften alles hinein in das unwegsame Gewirre der Dünen.

Wer jemals auf Norderney seinen Weg über das mittlere Innere der Insel nahm, wer halb fallend, halb gleitend, immer sprungbereit, immer treulos verlassen von dem vermeintlich festen Boden unter seinen Füßen atemlos vorwärts keuchte, nicht selten der Länge nach in den Sand fallend – der kennt die Riesenarbeit, welche jetzt von den verwegenen Schmugglern vollführt wurde.

Es gab ein Tal, von hohen Wänden umschattet, ein tiefes Tal, zu dem der Pfad durch losen Flugsand führte – dahin brachten die Männer ihr Eigentum. Der nächste Windstoß verwischte die Spur; es war unmöglich, das Nest zu entdecken.

Blitz folgte auf Blitz, ein Donnerschlag dem andern; später prasselte auch der Regen herab. »Gott sorgt für Beleuchtung«, meinte der Kapitän. »Hurtig, Kameraden, jetzt ist die Sache bald getan.« Der Sturm wirbelte ganze Wolken von Sand empor, donnernd und brausend schlug das Meer an seine Ufer; nun brach der Aufruhr der Elemente los, daß es fast unmöglich wurde, sich überhaupt aufrecht zu halten.

Alle verfügbaren Fischernetze waren mitgebracht und über die besseren Waren gedeckt worden; eine Schicht Sand verhüllte zuletzt alles bis zur gänzlichen Unerkennbarkeit. Die Taschenuhr des Kapitäns zeigte auf zwei, als der Heimweg angetreten werden konnte.

Jetzt zu Fuß; die »Taube« hatten einige der Verbündeten an ihren Ankerplatz gebracht und waren dann wieder zu den übrigen gestoßen.

Der Weg von der äußersten Landspitze der Insel bis in das Dorf, vorüber an Dünen und immer wieder Dünen, der lange, ermüdende Weg war damals dasselbe, was er heute noch ist, aber von der Bootsbauerei und der Windmühle stand kein Stein, es gab vielmehr an diesem so einsamen, so todstillen Orte nur eine einzige halbverfallene niedere Bretterhütte, die ehemals von den Fischern als Aufbewahrungsort für allerlei Geräte benutzt worden war und die man dann einer krüppelhaften uralten Frau aus dem Dorfe als Wohnsitz überlassen hatte.

Die alte Aheltje wurde von den Bewohnern Norderneys sorgfältig gemieden, es ging die Rede, daß sie hexen könne, daß es überhaupt mit ihr nicht so recht geheuer sei, weshalb man denn sehr froh war, sich ihrer in dieser Weise entledigen zu können. Die alte Frau lebte von dem, was an jedem Tage zweimal die zurückweichende Flut auf dem Sande übrig ließ und was so viele Geschöpfe, Menschen und Tiere jahraus, jahrein ernährt – Fische, Taschenkrebse und Muscheln, daneben alle jene Geschöpfe, welche in trockenem Zustande von den damals schon seit einigen Jahren die Insel besuchenden Badegästen gekauft und gut bezahlt wurden: Seeigel, Drachen und Teufel, die hübschen Seesterne und die feinen zierlichen Algen.

Zuweilen humpelte Aheltje in das Dorf und brachte den Händlern ihre Beute, dann gab es Geld und die Alte konnte ein Stück Fleisch kaufen, nicht für sich selbst, sondern für einen großen grauen Kater, das einzige Wesen, welches sie liebte, dem ihr einsames verarmtes Herz warm entgegenschlug und das sie auch auf jedem solchen Wege wie ein Schatten, geräuschlos schleichend, begleitete.

Gleich nachdem links der heute noch gebräuchliche Ankerplatz der Schaluppen passiert war, kam zwischen zwei bewachsenen Dünen die Hütte der Hexe zum Vorschein; Onnen sah zuerst, daß aus dem einzigen halbzerbrochenen Fenster noch Licht hervorschimmerte.

»Aheltje wacht bereits«, sagte er.

In diesem Augenblick legte plötzlich der Kapitän die Hand auf seines Begleiters Schulter; ein stummer Wink genügte, um diesen und alle übrigen zu verständigen.

In der Entfernung von kaum fünfzig Schritten stand ein in seinen Mantel gehüllter französischer Wachtposten. »Still! – Um Gottes willen, keinen Laut.« Sie schlichen alle ohne weitere Verabredung nach rechts, so nahe wie möglich an die Dünen heran, um abermals diesen beschwerlichen Weg zu verfolgen, da ihnen jetzt für die letzte Strecke bis zum Dorfe der offene Strand verschlossen blieb. Ihrer neun kletterten sie, ermüdet und durchnäßt bis auf die Haut, von Klippe zu Klippe, hart an der Hütte der Hexe vorüber.

Rings herrschte das Dämmerlicht des beginnenden Frühlingsmorgens. Grau und trostlos lehnte halbzerfallen das Bretterhaus an den Sandmauern, auf dem schiefen Dache wuchs Dünengras und Moos, die Tür knarrte in ihren verrosteten Angeln, so oft der Wind mit donnernder Gewalt an dem morschen Bau zu rütteln begann.

Onnen legte den Finger auf die Lippen. »Stimmen!« flüsterte er. »Aheltje hat Besuch.«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das kümmert uns nicht. Junge. Wir müssen so schnell wie möglich vorübergehen.« Onnen horchte noch immer. »Da wurde eben dein Name genannt, Vater – und Eurer, Heye Wessel – es ist Peter Witt, der da drinnen spricht.«

»Alle Teufel – der französische Spürhund!«

»Aber was will er bei der alten Strandläuferin?«

Sie umringten nun, für den französischen Wachtposten unsichtbar, die Bretterhütte; der Kapitän und noch ein anderer gewannen durch das zerbrochene Fenster einen Blick in das Innere dieser trostlosen Behausung, und was sie entdeckten, war nicht geeignet, ihre einmal erwachte Unruhe wieder zu entkräften. Auf einem niederen Holzschemel saß die alte Aheltje und hielt in ihrer Rechten eine Anzahl zerrissener, fast schwarzer Spielkarten; neben ihr stand ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, groß und stattlich, in städtischer Kleidung, mit einem blitzenden Ordensstern auf der Brust – er sah aus, als sei ihm etwas Unangenehmes gesagt worden. »Dummes Zeug, alte Hexe, lauter Unsinn – ich bin ein reicher Mann, schwer reich sogar, ich besitze die Gunst Seiner Majestät des Kaisers, das siehst du wohl an diesem Orden! was könnte mir also geschehen?«

Die Strandläuferin wiegte den Kopf. »Hier steht es, Peter Witt, die Karten kümmern sich nicht um arm oder reich! Du mußt durch Blut und Tränen gehen, du mußt leiden, leiden – anderes kann ich dir nicht berichten.«

Der Mann schnippte mit den Fingern. »Deine ganze Kunst ist keinen roten Heller wert, Alte – wer hat dich denn um meine Zukunft befragt, he? Du sollst mir einzig und allein sagen, ob es gelingen wird, Klaus Visser und seine Genossen bei ihren Schmugglerfahrten zu ertappen, so daß man sie anzeigen könnte. Weiter will ich nichts wissen.«

Die Strandläuferin klappte ihre Karten zusammen. »Dann erkundige dich bei Leuten, die dir darauf einen sicheren Bescheid geben können, Peter Witt. Ich halte den Kapitän für einen Ehrenmann, für einen Ostfriesen vom alten tüchtigen Schlage, er wird wissen, was erlaubt ist und was nicht. Wolltest du ihn etwa den Franzosen in die Hände liefern, Mann?«

Peter Witt lachte. »Natürlich, Alte. Sieh nur, da auf meiner Brust ist noch Raum für mehr als einen Orden.«

Aheltje schüttelte verächtlich den Kopf. »Solch ein buntes Ding – ein Spielzeug! Und dafür wollte ein Norderneyer Kind das andere ins Verderben stürzen? Pfui!«

Der Mann schlug mit der Faust auf den Tisch. »Potz Blitz, Alte, nimm dich in acht!« rief er erbost. »Ich bin hier auf der Insel der reichste Mann!«

»Und ein Strohkopf dazu, Peter Witt, das laß dir gesagt sein. Mich kannst du nicht schrecken, die Gemeindevorsteher haben mir dies Haus zinsfrei überlassen, so lange ich lebe – und den weiten offenen Strand mit seinen Gaben schenkt mir Gott; weiter als das ist nichts auf Erden mein eigen. Und nun geh, Peter Witt – ich will hinaus, mir im Freien mein Frühstück zu sammeln.«

Der Mann schoß einen giftigen Blick. »Stehst wohl auch mit den Schmugglern in Verbindung, Hexe, was? Spionierst für sie, machst Gelegenheit, he? – Wahre deinen Kopf, die Herren Franzosen pflegen sich nicht lange bei der Vorrede aufzuhalten.«

Mit diesen zornigen Worten öffnete er plötzlich die Tür und trat hinaus ins Freie, dem Kapitän gerade entgegen. Ein halberstickter Schreckensschrei brach über seine Lippen, er taumelte einige Schritte zurück. »Klaus Visser!« sagte er stammelnd.

Der Fischer nickte. »Morgen, Witt. Laß dich nicht stören, Mann.«

Der Überraschte rang noch immer mit dem ersten heftigen Erschrecken. »Was tut ihr denn sämtlich so früh hier draußen?« fragte er hämisch.

Der Kapitän sah ihm fest und offen ins Auge. »Wollen uns wahrsagen lassen, Peter Witt, wollen Aheltjes Karten befragen, wann endlich auf Norderney alle Schufte und Vaterlandsverräter an den Galgen kommen!«

Das Gesicht Peter Witts wurde fahl. »Spaß!« brachte er mühsam hervor.

»Du wirst den bitteren Ernst früh genug kennenlernen, Witt. – Adjes für diesmal!«

Er zog ein Geldstück aus der Tasche, um es dem alten Weibe in den Schoß zu werfen, dann gingen alle über die Fläche, welche heute das Ruppertsburger Gehölz umschließt, durch die Gegend der Winterstraße und der jetzt so eleganten vornehm-ruhigen Bismarckstraße in das Dorf hinab, jeder einzelne im Herzen beunruhigt und unangenehm berührt von dem lauernden, boshaften Blick des Franzosenfreundes. Noch wußte er offenbar nichts, aber er spionierte, und es galt der nahenden Gefahr gegenüber auf der Hut zu sein.

Stumm teilten sich nach kurzer Wanderung die Genossen des nächtlichen Zuges. Hier verschwand im Morgengrauen hinter einer niederen Tür der eine, dort der andere, zuletzt Kapitän Visser und sein Sohn, die in der Campstraße wohnten.

Hinter den verhüllten Fenstern der Fischerhütte glänzte noch Licht. Von den sechs- bis siebenhundert Menschen, welche damals das Inseldorf bewohnten, hatte wohl kein einziger während dieser Nacht wirklich geschlafen, am wenigsten aber Frau Douwe, Onnens Mutter, die jetzt weinend, mit ausgebreiteten Annen den beiden Ankömmlingen entgegenging.

»Gottlob, daß ihr da seid, Vater, du und Onnen! Ach, wie habe ich mich geängstigst, als der Kanonenschuß fiel! – Mein Kind, mein einziger Junge!«

Sie schluchzte so heftig, daß sich der Kapitän gerührt fühlte. »Ich hab‘ mich selbst gehörig erschrocken, als Onnen so unvermutet erschien, Mutter, aber seine Entschlossenheit wurde unsere Rettung. Am Strande stehen französische Wachtposten.« »Ach Gott, sie stehen überall, sie spionieren und schleichen zwischen den Häusern und auf den Straßen. Jetzt ist Norderney verloren.« Der Kapitän lächelte. »Mutter, du redest, als sei dem Herrgott da oben das Weltregiment über Nacht abhanden gekommen und dem übermütigen Korsen als gute Prise zugefallen! – Sei ganz ruhig, auch für ihn steht geschrieben: ›Bis hierher und nicht weiter!‹« In diesem Augenblick trat aus einer anstoßenden Kammer hervor ein Mann in Reisekleidern mit einer Ledertasche, die er über die Schulter gehängt hatte, Geerd Kluin, der Bruder der Frau Douwe und Hausgenosse der kleinen Familie. »Bist wieder da, Onnen«, sagte er nach der ersten Begrüßung, »deine Mutter hat sich schier halb zu Tode geängstigt um dich! – Brr, hier auf Norderney ist‘s ungemütlich geworden; ich gehe fort.«

»Ganz fort?« fragte der Kapitän.

»Ja, nach Hamburg. Jetzt kommt die Zeit der Lieferungen und Abgaben, der Erpressungen aller Art, da mache ich mich lieber aus dem Staube. Kenne das von Emden und Norden her, schlage den Herren Franzosen beizeiten ein Schnippchen.«

Er lachte, während er behaglich den heißen Kaffee schlürfte. »Zu solchen Zeiten läßt sich gut sein Schäfchen ins Trockene bringen, man muß es nur anzufangen wissen. Ich gehe nach Hamburg, Schwager Klaus, und wenn du klug wärest, so würdest du mich auf der Stelle begleiten!«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ich? – Nein, mein guter Geerd, da habe ich doch mein Vaterland zu lieb. Was Norderney bedroht und bedrängt, das soll auch über mich kommen; was die armen Leute des Dorfes zahlen müssen, das will auch ich geben, der mich Gott mit Wohlstand gesegnet hat. Ich bleibe!«

Kluin lächelte. »Jeder nach seiner Weise«, sagte er. »Ich habe mein bißchen Geld – ein paar armselige Sparpfennige – in den Dünen versteckt, da findet es, so lange der Hahn kräht und der Wind weht, kein Mensch. Für den immer hungrigen Säckel des französischen Eroberers war mir‘s zu schade.«

Der Kapitän dampfte große Wolken. »Sind vielleicht hundert Familienväter auf Norderney, Kluin«, versetzte er nach einer Pause, »hundert oder noch weniger, die müssen unter sich alle Lasten und Leiden des Krieges, soweit es die Insel betrifft, teilen! – Du bist der Reichsten einer – still, still, ich weiß, was ich sage, wenn dir auch noch so viel daran liegt, für arm zu gelten! – Glaubst du denn da, daß es anständig gehandelt ist, in der Stunde der Gefahr auf und davon zu gehen? – Mir war‘s wahrhaftig, als ließe ich meine Mutter wehrlos in den Händen roher Buben, ich könnt‘s nimmermehr tun, Schwager Geerd!«

Der andere zuckte die Achseln. »Sehr schön gedacht«, sagte er etwas spöttisch, »ungeheuer edel, aber – für mich zu teuer. Glaubst du nicht, daß die Langfinger bei dir bald genug Moses und die Propheten entdecken werden? Dann heißt es, her damit!« Der Kapitän reckte seine muskulösen Arme. »Laß fahren dahin!« rief er. »Ich kann arbeiten, kann genug verdienen, um drei Menschen zu ernähren – auch das ist Reichtum.«

Draußen klopfte es gegen die verschlossene Haustür. Frau Douwe schrie vor Schreck laut auf, während Onnen hinaussprang und durch das kleine Schiebfenster sah. »Es ist der Vogt, Mutter«, rief er ins Zimmer hinein, »sei nur ganz ruhig.«

Er ließ einen alten, von der Last der Jahre gebeugten Mann eintreten, einen Greis, der sich ächzend auf den nächsten Stuhl warf. »Grüß Gott miteinander! – O Kinder, welch eine Zeit!« Frau Douwe wollte ihm eine der bunten, rot und blau bemalten Tassen mit Kaffee füllen, aber er wehrte ihr sogleich. »Die Franzosen sind immer hinter mir drein, Nachbarin, hier soll ich sein und da, dies bewerkstelligen und das. Ach, großer Gott, es ist nicht zum Aushalten.«

Er trocknete den Schweiß von der Stirn und entfaltete dann ein Blatt Papier. »Sieh her, Visser, da steht‘s geschrieben – sobald ein Trommelzeichen gegeben wird, haben sich alle Männer des Dorfes vor dem Badehause einzufinden. Etwa um sieben Uhr früh soll die erste Ansprache stattfinden.«

»Heute?« fragte der Kapitän.

»Gewiß. Gleich, sage ich dir, jetzt! – Adjes! Adjes, ich muß überall Bescheid bringen.«

Er schüttelte bekümmert den Freunden die Hand und eilte weiter, um als lebende Zeitung die Hiobspost von Tür zu Tür zu tragen. Geerd Kluin erhob sich und sah seinen Schwager bedeutsam an. »Du hörst nun, was sich vorbereitet, Visser – sei vernünftig, Mann, geh mit nach Hamburg, so lange es Zeit ist.«

Der Kapitän lächelte. »Nimmermehr!« versetzte er. »Ich bleibe, ich will stehen und fallen für meine Heimat – der Ostfriese wankt nicht und trügt nicht!«

Kluin umarmte seine Schwester und seinen Neffen, dann drückte er die Hand des eigensinnigen Schwagers. »Lebt wohl, ihr alle. Hoffentlich sehen wir uns wieder zur guten Stunde, wenn der Franzmann aus dem Lande geprügelt ist.«

Er ging, begleitet von den Seinigen, um sich an Bord eines nach Leer oder Emden fahrenden Schiffes zu begeben. Die Sonne schien jetzt schon hell vom Himmel; der Kapitän winkte nochmals dem Scheidenden, dann trat er in das kleine saubere Gemach zurück und breitete beide Arme aus. »Komm her, Mutter, und auch du, Onnen! Euch liebe ich zuerst und zunächst, aber danach meine Heimat. Gerade weil sie arm und klein ist, eine verlassene Sandscholle im weiten Meer, gerade darum liebe ich sie. Was meinst du, Onnen, wollen wir beide in Hamburg müßig zusehen, wenn hier unsere Brüder ringen und leiden?«

Die Augen des Knaben glänzten hell. »Nein, liebster Vater, nein, das verhüte Gott! Wir teilen alles, Gutes und Schlimmes.«

Der Kapitän nickte. »Das denke ich auch. ›Alle Mann auf!‹ – Ein Fuchs oder eine Memme, wer das Kommando hört und nicht folgt.«

In diesem Augenblick ertönte draußen ein Geräusch, Onnen horchte auf. »Trommelwirbel!« rief er, »du mußt hin, Vater!« »Und du mit, Junge! Bist konfirmiert, stellst schon deinen Mann; laß dir nur die durchwachte Nacht nicht ansehen, hörst du.«

Frau Douwe weinte. »Die Unruhe bringt mich noch um«, schluchzte sie.

»So geh mit, Alte!« sagte lächelnd der Kapitän. »Wirst ja noch immer ein wenig frische Luft schöpfen dürfen, wenn auch die Insel eine französische Besatzung erhalten hat! – Den Kopf auf, Mutter! Die in Emden und Leer sind ja auch nicht gleich mit Haut und Haar verschlungen worden – wir kommen schon lebendig hindurch!«

Er hatte in aller Eile den Anzug gewechselt, ebenso Onnen, dann gingen die beiden bis zu dem Platze, auf welchem heute das neue Badehaus und die Anlagen stehen.

Die Franzosen waren in Reih und Glied aufmarschiert, Oberst Jouffrin mit seinen Offizieren ging vor der Front auf und ab und im weiten Halbkreis sammelten sich die Bewohner der Insel, alle in ihrem Fischeranzuge, mit dem »Stummel« zwischen den Zähnen, und alle schweigsam, als sei es eine Leichenfeier, die hier vorbereitet werde.

Ein schlimmes Zeichen für jeden, der die harmlosen norddeutschen Seeleute und ihre Vorliebe für einen guten Spaß auch nur einigermaßen kennt.

Der Vogt mit seinem Angstgesicht lugte auch hier aus der Menge hervor; ein Schreiber vom Amt in Norden stand neben dem vortragenden Offizier, und nun wurde folgendes Schriftstück in französischer Sprache verlesen und von dem Dolmetscher übersetzt.

»Proklamation!

Seine Majestät der Kaiser geruhen allergnädigst zu befehlen wie folgt: Die Insel Norderney bekommt eine Besatzung, welche aus den Mitteln der Einwohner erhalten werden muß und wofür die Lieferungen demnächst ausgeschrieben werden sollen. Den Herren Offizieren werden Tafelgelder gezahlt, zu deren Beschaffung aus dem Vermögen der Eingesessenen eine Schätzung von Seiten des Herrn Obersten Jouffrin zu erfolgen hat. Wer sich dieser Zahlung entzieht, erhält sogleich doppelte oder vierfache Einquartierung; wer gegen die jetzt verlesenen Anordnungen irgendwie öffentlich auftritt oder rebelliert, wer gegen die Ausführung derselben irgendwelche Schritte unternimmt, wird mit der Strafe der Auspeitschung bedroht.«

Der Schreiber stockte. Bei den letzten entehrenden Worten überzog fahle Blässe sein Gesicht; des Vaterlandes bittere furchtbare Schmach schien ihn zu ersticken. —

Ringsumher war alles so todesstill, daß das Summen der Mücken in der Luft deutlich hörbar wurde.

Oberst Jouffrin hob den Kopf. »Vite! Vite!« (Schnell! Schnell!) rief er ungeduldig.

Der Schreiber fuhr mit der Hand über die Stirn. »Ferner wird verfügt«, las er weiter, »daß zum Zweck einer gänzlichen Vernichtung englischer Waren die öffentliche Verbrennung derselben ungesäumt stattzufinden hat. Wer derartige Gegenstände besitzt, soll sie hierher abliefern; wer ihr Vorhandensein verschweigt, sie versteckt oder in irgendeiner Weise hinterzieht, wird mit denselben Strafen belegt, welche auf schweren Diebstahl stehen. Die Ablieferung der Waren hat sogleich zu erfolgen.« Der Offizier schlug das Blatt zusammen; jetzt zum erstenmal sah der Amtsschreiber seinen Landsleuten offen ins Gesicht. »Swigt still, Lüüd!« sagt er in ermahnendem bittenden Tone, »swigt um Gott‘swillen still!«

Die lauernden Blicke des Obersten trafen ihn sofort. »Was war das?« rief er. »Was hatten Sie hinzuzufügen?« Der Schreiber blieb durchaus gelassen. »Ich forderte die Leute auf, jetzt ruhig auseinanderzugehen«, sagte er mit lauter Stimme. Dieser Ermahnung ward auch sogleich Folge gegeben, obwohl einzelne der erbitterten Bewohner die Hände rangen und sich wie Verzweifelte gebärdeten. Dieser handelte während des Sommers mit ein wenig Kaffee, Tee oder Gewürz, jener mit Kinderspielzeugen, der dritte mit Kurzwaren u. dergl. Jetzt sollte das alles verbrannt werden.

Verbrannt! Vernichtet! Die kleine Habe des Armen, all sein Gut, seine Hoffnung, das Brot seiner unschuldigen Kinder – die Franzosen zwangen ihn, es in das Feuer zu werfen, es der Zerstörung preiszugeben. In alle Häuser verteilten sich die Soldaten, überallhin drangen ihre spähenden Blicke, ihre dreisten Finger. Sie sahen in die Schränke und Schubladen, sie krochen in Böden und Ställe, sie untersuchten die Taschen der Bewohner.

Jedes Stück Zucker, jedes bißchen Kaffee oder Tee wurde auf den Scheiterhaufen geschleppt oder von den Soldaten für gute Prise erklärt. Holz und Stroh kam hinzu – höher und höher wurde der Berg.

Männerfäuste ballten sich verstohlen, aus Männeraugen quoll die brennende Träne. Väter zeigten ihren Söhnen, was der korsikanische Tyrann gegen Deutschland auszuüben wagte – sie flüsterten ihnen zu von der Schuld, der ungeheuren, vermessenen, und von dem Tage der Vergeltung, die einst in späterer Zeit kommen müsse und werde.

Nur einzelne klagten laut, die meisten schwiegen, um nicht immer ärgeres Übel heraufzubeschwören. Von fern umstanden die Beraubten den Scheiterhaufen; es war, als könne sich keiner trennen von dem, was noch vor wenigen Stunden den Mittelpunkt aller seiner Interessen bildete, die Welt, in der er lebte, dachte und arbeitete.

Zu Hause alles leer – und hier die mühsam erworbenen Handelsartikel der Vernichtung preisgegeben. Wer mochte es glauben? Wer faßte das Schreckliche?

Die Weiber jammerten, sie warfen sich im Übermaß des Kummers den französischen Offizieren zu Füßen. »Erbarmen, Erbarmen! Wir hatten nichts weiter als nur diesen kleinen armen Besitz – woher sollen wir Brot nehmen für unsere Kinder?«

Niemand hörte sie, niemand achtete ihrer.

Und doch gab es einen Schmerz, eine Klage, vor denen jede andere Stimme schwieg.

Von Gruppe zu Gruppe ging ein bleiches Weib mit hohlen vergrämten Augen und gefalteten Händen; jeden der Männer redete es an im herzzerreißenden Tone des Wehes.

»Habt ihr mein Kind nicht gesehen, Leute, meinen armen Knaben? – Seit vier Tagen ist er verschwunden, mein einziger! Sah ihn keiner? Ihr fahrt nach Baltrum und Juist, nach Norddeich und Hilgenriedersiel, seid ihr nirgends seinem Boote begegnet?«

Ein Kopfschütteln, wohin sich die Unglückliche wandte. Arme Wiebke Raß! Sie hatte doch mehr verloren als alle die, deren Eigentum da auf dem Scheiterhaufen lag.

Jetzt schlug einer der Franzosen Feuer, dann hielt er den brennenden Schwamm gegen die nächste Pappschachtel, in der Bänder und Spitzen lagen.

Es züngelte rot und leuchtend aus der Mitte der trockenen, leicht entzündbaren Gegenstände hervor – der Scheiterhaufen brannte.

»Jesus! Jesus! – Meine Sachen!«

»O Nachbarin, Nachbarin, es ist doch nicht Euer Kind, Euer Fleisch und Blut! – Möchten die Franzosen meine Hütte nehmen, alles was ich besitze, und mir dafür den Knaben wiedergeben – mit nackten Füßen wollt‘ ich davongehen!«

Die beiden Frauen standen händeringend da; die, deren kleinen Kram man verbrannte, schluchzend, außer sich, die andere tränenlos, dem Irrsinn nahe. Umsonst bemühten sich mitleidige Menschen, sie zu trösten, Wiebke Raß schüttelte nur ruhig den Kopf. »Laßt das, Leute, laßt das, mir hilft nichts auf Erden mehr.«

Von der Seite des jetzigen Anlegeplatzes her kam ein Laufen und Rufen, eine Unruhe, die sich von Person zu Person fortpflanzte. Zwei Männer trugen eine Bahre, sie schienen den Weg rechts ab zum Dorfe nehmen zu wollen und widersprachen, als einige der Leute auf die vor dem Feuer Versammelten hindeuteten.

Die Franzosen hatten alles gesehen; ohne Zaudern trieben sie die beiden Fischer mit Kolbenstößen vor sich her bis zum Scheiterhaufen. Was da auf der Bahre lag, das sollte dem allgemeinen Schicksal des Verbrennens nicht entgehen.

Ein kecker Griff riß das Segeltuch herab – dann taumelte der Franzose, als habe ihn eine unsichtbare Faust gepackt »Diable!« rief er stammelnd.

Durch die Menge ging ein Schrei des Entsetzens.

Auf der Bahre lag die Leiche eines vierzehnjährigen Knaben, entstellt und von schrecklichem Aussehen, mit durchschossener Brust. An der linken Seite klaffte eine tiefe Wunde, der Arm hing lose und zerschmettert herab.

»Kornelius Raß!« ging es von Mund zu Mund. »Ach, die arme Mutter!«

Und nun hatte auch das blasse unglückselige Weib die Bahre gesehen. Ihre Arme hoben sich langsam zum Himmel empor, sie sprach keine Silbe, das Entsetzen schien ihre Zunge gelähmt zu haben.

Hellauf loderten die Flammen, der Wind fuhr hinein und fachte sie an, ein Funkenregen hob sich spielend in die Luft, knisternd stäubte weiße Asche.

Im weiten Halbkreis standen die Fischer und Schiffer, alle stumm, ihre kurzen Pfeifen jetzt in den Händen haltend. Da lag das schuldlose Kind mit der französischen Kugel im Herzen, purpurn überstrahlt von den Gluten, die Hab und Gut der Einwohner fraßen – es war, als verklagten die erhobenen Arme der beraubten Mutter jenen Gewaltherrscher, dem die Welt erschaffen schien zum Spielball seiner maßlosen Laune.

Immer mehr näherte sich Wiebke Raß der Bahre, dann ließ sie sich auf ihre Knie nieder und legte die Hand auf des Knaben Wunde – leise, wie schützend, voll zärtlicher Sorgfalt. Über ihre Lippen kam ein Wimmern, das furchtbarer, erschütternder klang, als selbst der lauteste Verzweiflungsschrei.

Niemand dachte mehr an die brennenden Sachen, in aller Augen glänzten Tränen, alle Herzen fühlten mit der unglücklichen Mutter den Jammer dieser Stunde, selbst die Franzosen schienen ergriffen.

»Es soll eine Untersuchung eingeleitet werden«, sagte schaudernd der Oberst. »Bringt die Leiche fort, Leute – schnell, schnell!«

Ein paar Fischer näherten sich der armen Frau, sie führten sie mit sanfter Gewalt von der Bahre nach Hause. Hier half kein Trösten, kein Zureden, das Übermaß des Schmerzes mußte sich Bahn brechen, bevor die Wunde langsam zu heilen vermochte.

Noch flüsterten die Leute, noch standen die einzelnen Gruppen händeringend beisammen, da nahte vom Dorfe her eine halbgelähmte Greisin, die einen flachen Korb mit Putzartikeln herbeitrug, bescheidene Bänder und Tücher, Kinderschürzen, Kragen, ein paar Fingerhüte, Nähnadeln und Scheren. Sie sah immer nach allen Seiten, und als ihre Blicke das Feuer trafen, da stand sie erschreckend still – ein Schrei von den Lippen der armen Alten lenkte die Aufmerksamkeit der französischen Zollwächter auf ihren Korb.

»Halloh!« rief einer, »englische Ware – her damit!« Die Alte schüttelte den Kopf. »Ich kann es ja doch nicht! Mein ein und mein alles – erst gestern abend ist mir mein einziges Bett genommen worden! Lieber Gott, was soll ich unglückliche Frau anfangen?«

»Her damit! Her damit!« schrie der Franzose.

Die alte Frau schien in Verzweiflung zu fallen. »Helft mir doch, Landsleute«, rief sie mit bebender Stimme. »Da in dem Korbe stecken zwanzig Taler – all mein Vermögen! – wenn mir‘s geraubt wird, muß ich betteln gehn!«

»Diable m‘emporte! (Hol mich der Teufel!) was zetert die Hexe?«

Der Franzose näherte sich mit gezücktem Säbel der schreienden Frau und würde sie vielleicht im selben Augenblick verwundet haben, wenn nicht Kapitän Visser zwischen beide gesprungen wäre. Seine sehnige Gestalt war hoch aufgerichtet, sein Auge blitzte, er schob mit unwiderstehlicher Gewalt den Soldaten beiseite und nahm zugleich den Korb der alten Frau, um ihn mittels eines einzigen Ruckes auf den Scheiterhaufen zu schleudern.

Funken und Flammen schlugen hoch empor – die arme Händlerin schrie laut auf.

»Sei ruhig, Folke Eils«, tröstete der Kapitän, »du mußt eben der Gewalt weichen wie wir alle. Mit deinem bunten Kram kannst du jetzt nicht handeln, denn die Franzosen würden ihn für englische Ware ansehen, gleichviel woher du die Sachen genommen hättest; aber deine zwanzig Taler will ich dir wiedergeben und außerdem wird Mutter Douwe auch ein Bett für dich in deine Hütte schaffen. Komm jeden Tag und iß mit uns, was Gott beschert, es soll dir von Herzen vergönnt sein.«

Die Alte schluchzte halb vor Freude, halb vor Angst. Ringsumher erhob sich ein Murmeln des Beifalls, nur Oberst Jouffrin, der Kommandeur der französischen Soldaten, schien die Sache sehr übel aufgenommen zu haben. Er strich wütend den schwarzen Schnurrbart und pflanzte sich gerade vor den ihn um Kopfeslänge überragenden Kapitän auf.

»Kewalt?« schrie er. »Aben Sie sagen: Kewalt?«

»Ja!« antwortete mit festem Tone der Seemann. »Das habe ich gesagt, Herr Oberst. Es ist ein Akt der Gewalt, nicht des Rechtes, armen Leuten ihr Eigentum zu nehmen und es zu verbrennen. Wünschen Sie sonst noch etwas!«

»Rebell!« schrie der Franzose. »Chien!«

Er griff an den Degen, zögerte aber doch, ihn zu ziehen. Dichter und dichter hatten sich die Fischer um den Kapitän geschart, sie murrten, sie ballten die Fäuste – noch einen einzigen Schritt weiter und der Tumult wäre ausgebrochen.

Oberst Jouffrin sah es und trieb es klugerweise nicht weiter. Sich abwendend, sprach er einige Worte mit seinem Adjutanten, der darauf den Leuten befahl, jetzt sogleich auseinanderzugehen. »Dieser Platz ist fernerhin nur dann zu betreten«, hieß es, »wenn irgendeine Proklamation erfolgen soll. Ungerufen darf niemand kommen.«

Die Fischer entfernten sich langsam, einer nach dem andern bot dem Kapitän treuherzig die Hand. »Wenn du es nur nicht noch büßen mußt, Visser! Der Franzose sah dich so giftig an.« Der Seemann lachte. »Sie wissen, daß meine ›Taube‹ in ihrem Schnabel allerlei Waren nach Norderney trägt, mein Junge, und sie ärgern sich, daß sie ihnen niemals zu Schuß kommt.«

»Beschrei dein gutes Glück doch lieber nicht, Visser!«

»Pah, die ›Taube‹ wird noch in den nächsten Tagen nach Baltrum fliegen und dort allerlei aufpicken, was hier in den Häusern fehlt – Zucker, Tabak und Kaffee.«

Sie nickten einander zu, mühsam durch den tiefen Sand watend. Gepflasterte Straßen hat Norderney bekanntlich auch heute noch nicht, damals aber fehlten selbst die Bürgersteige aus Ziegelsteinen, die kleinen Gärten und Rasenflecke, während Pferde und Esel, Kühe, Schweine und Hühner nach Belieben herumliefen, um sich im Dorfe oder auf den Dünen das unentbehrlichste Futter zusammen zu scharren.

Als der Kapitän mit seinem Sohne nach Hause kam, saß die alte Folke Eils schon da, um sich nach Herzenslust auszuweinen, es nahten aber von der ändern Seite her noch sonstige Gäste, der Oberst Jouffrin in eigener Person, begleitet von fünf Soldaten, die ohne Gruß oder Frage in das Zimmer gingen und jedes Stück vorn Platze rückten, jeden Gegenstand herabwarfen, umkehrten oder auseinandernahmen.

Sie drängten sich alle zugleich in den engen Raum; dabei wurde hier eine Fensterscheibe zerstoßen, dort der Spiegel oder die Tür des Glasschrankes. Binnen wenigen Minuten glich das saubere Zimmer einem Schutthaufen, selbst Hund und Katze hatten Fußtritte erhalten, die blühenden Topfgewächse waren zerrissen und geknickt.

Der Kapitän beherrschte mit den Augen seine Frau und seinen Sohn. Oberst Jouffrin sollte nicht die Genugtuung haben, ein Glied der kleinen Familie verhaften zu dürfen, er wollte ihn vielmehr in den Augen der Soldaten empfindlich demütigen.

»Da, Folke Eils«, sagte er, ruhig der alten Frau eine Handvoll Taler reichend, »da sind die zwanzig. Und das Bett bringt dir mein Junge herüber.«

»Gewiß!« rief Onnen. »Komm her, Mutter Eils, da hast du, was meine Sparbüchse vermag. Nun weine nicht mehr!«

Der Oberst und seine Leute mußten abziehen, ohne auch nur eine Kaffeebohne oder ein Reiskorn gefunden zu haben, das steigerte ihre Wut auf das höchste, und zwar aus einem die Menschheit schändenden Grunde.

Einzelnen Personen, Zollbeamten wie Zivilisten, war es nämlich gegen eine Abgabe gestattet, die aufgefundenen Güter der Schmuggler zu behalten und für ein Billiges an die Offizierstische oder die Hofhaltung der französischen Fürsten zu verkaufen; es wurde daher nach unversteuerten Waren gesucht wie nach Vogelnestern; wer sie fand, der machte sich den Vorteil zum Nutzen. Frau Douwe schlug die Hände zusammen. »Klaus, Klaus – das ist doch zu arg! Leben wir denn jetzt unter Räubern?«

Der Kapitän nickte. »Genau genommen, ja. Aber laß dich das nicht anfechten, Frau – es ging wohl schon Besseres verloren als ein paar Fensterscheiben.«

Er suchte nach der durchwachten Nacht womöglich einige Stunden zu schlafen, während Onnen hinausging auf das Watt, um die »Taube« zu scheuern und für ihre nächste Fahrt herzurichten wie immer.

Auch hier traf er Soldaten. Sie hatten die Kajüte erbrochen und den ganzen Raum durchforscht; der Fischkasten lag zerschlagen da – alles Ausbrüche einer gemeinen Rachsucht, die nur den Gegner schädigen will, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht.

Onnen sah von einem zum ändern, das Blut schoß ihm heiß ins Gesicht. »Ich denke«, sagte er, »daß die Herren wohl auch den Schlüssel zur Kajüte hätten verlangen können! – Weshalb ist die Tür erbrochen worden?«

Der kommandierende Unteroffizier lachte. »Was kräht das Bürschchen?« rief er höhnisch. »He, was willst du Grünschnabel?«

»Ich frage Sie, weshalb die Tür in meines Vaters Schiff erbrochen wurde?«

»Und nennst uns in deiner Einbildung Räuber und Diebe, nicht wahr? Das sind Beleidigungen! Heda, Meunier und Dubois, bringt ihn zum Amtsvogt!« setzte er hinzu. »Das soll exemplarisch bestraft werden.«

Onnen schlug um sich. »Rührt mich nicht an!« schrie er. »Was wollt ihr Galgengesichter?«

»Bindet ihn!« schrie wütend der Unteroffizier.

Die fünf Männer überwältigten ohne Mühe den wehrlosen Knaben und schleppten ihn fast zur Wohnung des Amtsvogts. Unterwegs gesellten sich Leute zu dem Zuge, der Kapitän wurde geweckt und erschien selbst auf dem Schauplatz der Begebenheiten, auch Oberst Jouffrin kam fluchend und den tiefen Sand verwünschend herbei; mürrisch ließ er sich durch den Unteroffizier Bericht erstatten.

»Der Junge soll zehn Stunden Arrest erhalten, dann mag er laufen. Vogt, Sie sperren ihn, wie es hier üblich ist, in Ihren Keller! Es sind Rebellen, die Vissers, der Vater sowohl wie der Sohn.« Der Kapitän atmete leichter. Also wenigstens keine Prügel!

»Junge«, sagte er, »geh ruhig mit. Weshalb hast du nicht geschwiegen!«

Und dann besänftigte er seine Landsleute. »Wer sein Vaterland liebt, der verhält sich völlig ruhig, Kinder, völlig ruhig. Der Übermacht müssen wir uns ja doch ergeben. Amtsvogt, du bürgst mir für meinen Jungen!«

»Das tu ich, Visser, das tu ich!«

Der Platz um die Amtswohnung dicht unter der Kirche wurde allmählich leer, und nun begann die sonderbare Strafe, welche damals für leichte, besonders knabenhafte Vergehungen auf Norderney üblich war.

Die Kellerfenster der Amtsvogtei wurden geöffnet, um jedem Bewohner des Dorfes das Schauspiel da drinnen vollkommen deutlich zu zeigen. Auf dem Hofe lagen Backsteine, diese mußte der arme Sünder in den unterirdischen Raum hinabtragen und davon zwei Säulen oder Strebepfeiler bauen; sobald das geschehen war, legte der Wächter des Gesetzes über beide ein Brett und auf demselben saß dann der Schuldige diejenige Stundenzahl, welche ihm zuerkannt worden war.

Onnen begann halb erbittert, halb lachend die sonderbare Arbeit. Sobald erst einmal auf der Insel alles schlief, würde ihn ja der Vogt entschlüpfen lassen, das wußte er.

Die Steine waren bald hinabgetragen, das Brett folgte nach; heimlich ließ die Frau Amtsvögtin auch einige tüchtige Butterbrote und eine Anzahl gekochter Eier mit in die Finsternis des Kellers wandern, dann schwang sich Onnen auf seinen harten Sitz.

Draußen war die Umgebung wie ausgestorben. Wenn sonst ein junger Bursche im Amtskeller thronte, so hänselten ihn seine Genossen, wodurch ja eben die ganze Sache erst eigentlich zur Strafe wurde, aber heute zeigte sich niemand. Auch die Rohesten wollten den Sohn des geachtetsten Mannes von Norderney nicht verspotten.

Onnen ballte die Fäuste. »Wär‘ ich ein erwachsener Mann«, dachte er, »auf irgendeine Weise schliche ich mich von hier fort und könnte gegen die Franzosen kämpfen! Ach, fühlten doch alle Deutschen so wie ich – sie hielten zusammen und prügelten den Korsen zum Lande hinaus auf Nimmerwiederkehr!«

Er ließ den Kopf auf die Brust sinken und verschränkte seine Arme. Wenn es ganz dunkel geworden war, konnte er ein wenig schlafen; die Vögtin hatte eben erst stillschweigend eine wahre Sündflut von alten Kartoffelsäcken die Kellertreppe hinabregnen lassen – ein sauberes Leintuch flog hinterdrein, das war genug, um wie ein König darauf zu schlummern.

Schon jetzt schloß er die Augen und fing an zu träumen. Während der vorigen Nacht hatte er, anstatt zu schlafen, gearbeitet und marschiert, dafür packte ihn nun im Dämmerlicht des stillen einsamen Kellers die Ermüdung mit verdoppelter Stärke; er sah schon die Bilder seiner erregten Phantasie, bevor noch Minuten vergangen waren.

An der Spitze einer siegreichen Armee stürmte er vorwärts, und während tausend Schwerter im Sonnenglanz blitzten, tausend Herzen frohlockend im Rausche der wiedererrungenen Freiheit schwelgten, sah er den französischen Kaiser vollen Laufes entfliehen. Damals fanden sich die Bildnisse Napoleons überall, jedes Kind kannte sie – im Traume zeigte Onnen dem Tyrannen seine geballte Faust.

Ein halblautes Kichern ließ ihn plötzlich auffahren. Er sah umher, ein Seufzer der Enttäuschung hob seine Brust. »Nichts!« murmelte er, »nichts! Keine Schlacht!«

Draußen lachte es wieder und Onnen hatte nun sein volles Bewußtsein zurückerlangt.

»Wer ist da?« rief er.

»Dir träumte wohl recht etwas Angenehmes, nicht wahr?«

Onnen zuckte die Achseln. »Du bist‘s, Adam Witt!« sagte er gleichgültig.

»Ja, ich bin‘s wirklich. Die Franzosen haben dich erwischt, nicht wahr?«

»Und du möchtest jetzt ein wenig spionieren, möchtest, daß ich mich zu Schmähreden hinreißen ließe, um sie brühwarm zu hinterbringen, nicht wahr?«

»Was du denkst! Ich finde es höchst ergötzlich, dich da so baumeln zu sehen. Eben murmeltest du im Schlafe von gewaltigen Prügeln.«

»Die ich dir aufzählen will, ja. Und jetzt belästige mich nicht weiter.«

Der Sohn des Franzosenfreundes lachte. Er kannte die Faust dessen, den er im Augenblick ungestraft necken durfte; eben um dieser vielen schlimmen Erfahrungen willen freute es ihn, sich heute einmal gehörig rächen zu können.

Sobald Onnen die Augen schloß, weckte er ihn. »Du, die Gefangenen in der Amtsvogtei dürfen nicht schlafen! – Ich werde nun bald mit meinem Vater nach Paris gehen, wollte dir‘s nur sagen, damit du siehst, wer ich bin und wer du bist! Wir sind reiche Leute, wir haben Geld die Hülle und Fülle – neulich durfte ich mit Vaters Flinte nach einer Möwe schießen – ein Hunderttalerschein war als Kugelpfropf hineingesteckt. So viel könnt ihr sicherlich in einem ganzen Monat nicht aufwenden.«

Keine Antwort.

»Schläfst du wieder, Onnen?«

Alles still.

Der Bursche mit dem gelben galligen Gesicht ärgerte sich, während er seinen Altersgenossen zu ärgern glaubte. Als völlige Finsternis herabgesunken war, glitt Onnen vom Brett und legte sich auf die Kartoffelsäcke, aber zu wirklicher Ruhe kam er nicht denn Adam Witt rief entweder mit lauter Stimme seinen Namen, oder er warf kleine Steine in das offene Fenster hinein – immer ohne von drinnen ein Lebenszeichen zu erhalten.

Als die alte Kuckucksuhr in der Kammer des Amtsvogtes fünf schlug, da kam dieser würdige Mann bedächtig in den Keller gestiegen und erlöste seinen Gefangenen. »Du«, sagte er tief seufzend, »du, ich wollte dich schon gestern abend wegspringen lassen, aber der lange Bengel, der Adam Wirt, spionierte hier fortwährend herum.«

Onnen lachte. »Ist er noch da, Vogt?«

»Wie weggeblasen! Er fürchtet wahrscheinlich deine Fäuste.« Onnen nickte. »Diese Vorahnung soll ihn nicht trügen. Adjes, Vogt!«

Er streckte sich, schüttelte dem Alten die Hand und hatte binnen wenigen Minuten seines Vaters Haus erreicht. Frau Douwe küßte ihren einzigen mit mütterlicher Liebe. »Sollst gleich Kaffee haben, mein Junge! Die Franzosen finden zwar viel, aber doch, Gott sei dank, noch lange nicht alles.«

An Bord der »Taube« herrschte seltsames Treiben.

Zwei mit Nachtfernrohren versehene Männer hielten scharfen Ausguck, zwei andere standen am Mast, um jeden etwa gegebenen Befehl sogleich vollziehen zu können, während sechs Fischer damit beschäftigt waren, sich äußerlich unkenntlich zu machen, indem sie Kapuzen aus schwarzem Segeltuch über die Köpfe banden und um den Hals herum befestigten.

Nur Augen und Mund sahen aus dieser Teufelsmaske hervor, sonst waren alle Teile des Kopfes vollständig verborgen. »Für euch liegen die Kapuzen hier«, sagte einer der Männer zu denen am Ausguck und am Steuer. »Daß ihr eure Gesichter nicht sehen laßt!«

»Haltet Ihr denn die Gefahr heute abend besonders groß, Heye Wessel?«

Der Gefragte zuckte die Achseln. »Wenn nun Doppelposten ausgestellt wären?« versetzte er. »Man kann nie in die Zukunft sehen.«

»Ein Kanonenboot in Sicht!« meldete mit leiser Stimme der Mann am Ausguck.

Kapitän Visser ergriff eiligst das Fernrohr. »Ein englisches«, sagte er aufatmend. »Das ist gut, es zeigt uns wenigstens sogleich an, wenn sich etwa Franzosen nähern sollten, und verschafft uns dadurch Zeit zur Flucht.«

Ein blaues Licht blitzte hart backbord von der »Taube« aus der Finsternis auf, der Gegengruß erfolgte in ähnlicher Weise und geräuschlos, wie es gekommen war, glitt das englische Fahrzeug vorüber, so den Schmugglern den Weg zum Wattstrande freihaltend, gleichsam ihr Vorläufer zum sicheren Ziel.

In den schwedischen und schleswigschen Häfen lagen damals Hunderte von Kauffahrteischiffen, die ihre Ladung, der Kontinentalsperre wegen, nicht löschen konnten und die daher, wenn sie nicht Zeit und Geld verlieren wollten, lediglich auf die Schmuggler angewiesen waren. Napoleon befahl und seine Schergen, zum Teil Wüteriche wie Davoust und Vandamme, führten auf das schonungsloseste diese widerrechtlichen Anordnungen aus, ohne im allermindesten zu beachten, daß dadurch ganze Völkerschaften geschädigt, ganze Gewerbe vernichtet wurden. So erklärte z. B. der Gewalthaber alle Schiffe, die sich mit Kolonialwaren beladen in den deutschen Flüssen fanden, einfach für konfisziert.

Immer aber, immer und überall in der Welt stellt sich dem Mißbrauch einer Macht die Umgehung, die List entgegen. Was Hände besaß, das schmuggelte; hoch und niedrig, jung und alt, nicht am wenigsten die Franzosen selbst, sobald es galt, Seidenstoffe, Samt oder sonstige Wertsachen heimlich auf die Seite zu bringen.

Die öffentliche Moral war verdorben durch das Beispiel von oben; man hatte den Norderneyer Schiffskapitänen ihr ehrliches Gewerbe entrissen, also schmuggelten sie wie alle übrigen auch. Als ein einziges Mal der Prediger des Dorfes gegen dies Unwesen seine Stimme erhob und den Spruch: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist!« den verwegenen Paschern zu bedenken gab, da hatten sie ihm geantwortet: »Der Kaiser ist nicht unser Landesherr, sondern ein hereingebrochener fremder Räuber!« – und seitdem wurde von der Sache nicht wieder gesprochen.




2


Die »Taube« glitt vor frischer Brise dem Lande entgegen. Jetzt war man nahe am Ziel; zwischen der Küste und der Schaluppe befand sich kein Fahrwasser mehr, in welchem noch ein französisches Kanonenboot hätte treiben können – die nötigen Vorsichtsmaßregeln galten daher nur noch der bevorstehenden Landung.

Alle Männer trugen die schwarzen Larven; eine Anzahl Seile und Streifen von altem Segeltuch wurden bereitgehalten.

Die Schaluppe hatte volle Ladung und sogar darüber, sie ging daher sehr tief, so daß der scharfe Kiel schon den Sand des Ufers streifte, ehe noch jemand in den bewegten Fluten Fuß fassen konnte. Das Boot wurde ausgesetzt, die Anker herabgelassen, und während zwei von den Fischern in der Schaluppe blieben, schlichen die übrigen nach links und rechts durch die Dünen.

Heute galt es einen verwegenen Handstreich auszuführen.

Am Strande schritt ein französischer Zollwächter gelangweilt auf und ab. Mit eintönigem Klatschen schlugen die Wellen gegen das flache Ufer, Möwen schrien und der Wind strich kalt über das Wasser daher; den Sohn des wärmeren Himmelsstriches fror es, er gedachte seines schönen Landes und schauderte im Angesichte der kahlen nordischen Küste, des Bildes, das ewig das gleiche blieb, jahraus, jahrein – ewig das gleiche.

Hinter ihm erklangen Schritte; er legte im Fluge das Gewehr an und spähte scharf in die Dunkelheit hinaus.

»Wer da?«

»Sei doch still, Dummkopf!«

»Ah – Perrier, du bist es! Aber wenn der Leutnant käme?«

»Er ist fort!« frohlockte der andere. »Die Offiziere gähnen sich auf dieser Sandscholle zu Tode – dafür haben wir desto größere Freiheiten. Man kann wenigstens plaudern.«

Die beiden Soldaten setzten sich auf den Rand einer niederen Düne. »Lorrain«, flüsterte der zuletzt gekommene, »ich möchte dir einmal einen Vorschlag machen.«

»Gib mir lieber einen Schluck Branntwein.«

»Da nimm, du Schlauch! und jetzt höre mich an. Hier in den Dünen soll ein Warenlager versteckt sein – wenn man es fände!«

»Hm, das wäre verteufelt angenehm. Man löst einen Lizenzschein und verkauft die Geschichte für ein Ei und ein Butterbrot.«

»Um dabei selbst tüchtig zu gewinnen. Wollen wir einmal die Dünen durchsuchen, du und ich?« Lorrain schüttelte den Kopf., »Weißt du denn die Stelle, Perrier?«

»Ziemlich sicher wenigstens. Unter uns – der Peter Witt hat mir einen Wink gegeben! Er fand eine Schlucht, wo größere Vorräte gelagert haben müssen, alle vorhandenen Zeichen verrieten es, aber nun war das Nest leer, die Pascher haben ohne Zweifel ihre Beute auf dem Festlande in Sicherheit gebracht.«

»Natürlich, natürlich. Man muß sie ganz ungestört lassen, damit neue Vorräte herbeigeschafft werden.«

»Das denke ich auch. Die ›Taube‹ des alten Klaus Visser ist heute ausgelaufen, angeblich zum Fischen, aber Peter Witt glaubt, daß wieder eine Ladung Kolonialwaren geborgen werden soll – du, er sitzt in der Nähe des Versteckes auf der Lauer!«

»Und gibt uns ein Zeichen?« rief Lorrain.

»Pst! Er merkt sich den Ort, das ist alles. Morgen, wenn die Schmuggler abgezogen sind, bewacht einer von uns ihre Niederlage und der andere löst bei dem Präfekten in Norden den Lizenzschein. Wir haben das Geld so gut wie in der Tasche.«

»Müssen aber dem langen Esel, der den ganzen Tag mit seinem Orden liebäugelt, eine tüchtige Abgabe zahlen, nicht wahr?«

»Gar nichts!« raunte in vergnügtem Tone der andere, »gar nichts, du! Er begnügt sich mit der Ehre. Sein Rock hat ja noch mehr Knopflöcher, als nur das eine, weißt du, und für so ein buntes Ding verrät dieser Mensch seinen Herrgott und sein Vaterland!«

Sie lachten beide, sie hatten sich in ihre angenehmen Hoffnungen auf Beute dermaßen vertieft, daß es ihnen vollständig entging, als von den höher gelegenen Dünen mehrere dunkle Gestalten langsam herabkletterten. Sowohl Lorrain wie Perrier hielten die Gewehre zwischen den Knien und den Rücken in bequemer Stellung gebogen, sie sprachen von der Möglichkeit, morgen einige hundert Taler in die Tasche stecken zu können, während ihnen ungesehen der Feind immer näher rückte.

Vier Arme erhoben sich geräuschlos, ein dunkler Gegenstand schwebte in der Luft und fiel dann gedankenschnell herab auf die Köpfe der beiden Zollbeamten. Erstickte Laute wurden gehört, Lorrain kämpfte wie ein Verzweifelter gegen den Knebel, welchen ihm Heye Wessel, der Riese, in den Mund stopfte, während Klaus Visser seinen Genossen überwältigte.

Perrier setzte sich in keiner Weise zur Wehr, er stieß vielmehr dem anderen fortwährend in die Rippen, um ihm zu sagen: »So laß doch alles geschehen! Die Leute bringen ja ihr Eigentum zu unserem Vorteil an Land, sie wissen nicht, daß wir ihr Versteck kennen – desto schlimmer für sie selbst.«

Aber Lorrain verstand keinen dieser freundschaftlichen Püffe. Er kugelte mit seinem herkulischen Gegner im Sande umher und die beiden lieferten sich eine regelrechte Schlacht, ehe endlich der Franzose gebunden und geknebelt, mit einem Tuche über den Augen dalag, jetzt außerstande, auch nur noch einen Finger zu bewegen.

Heye Wessel riß die Kapuze ab, er trocknete sich den Schweiß von der Stirn, dann winkte er den anderen; es war ja immerhin besser, wenn die Franzosen auch ihre Stimmen nicht erkannten. Sie entfernten sich etwa zwanzig Schritte vom Kampfplatze und standen nun still, um zu beraten.

»Also der Hund, der Witt, hat unser Versteck ausgespürt!«

»Wir können nun die Ladung nicht dahin bringen.«

»Das steht fest, aber – wo lassen wir sie?«

»Nach Hilgenriedersiel!« entschied der Kapitän.

»Zu wem?« fragte hastig ein anderer.

»Zu meiner Schwester, die gleich hinter dem Deiche wohnt. Wir müssen es wagen, oder einfach die Ladung im Stich lassen. Der Witt soll nicht triumphieren, soll nicht sagen, daß er uns überlistet habe.«

Darin waren alle einig, und dennoch schüttelten sie die Köpfe. So im Dunkeln zu Fuß über das Watt, durch das seichte Meer zwischen der Insel und dem Festlande? – Ein schauriger Gedanke.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte der Kapitän.

»Etwa zwölf. Gegen drei kommt die Flut.«

»Wir haben also Zeit genug. Die Schaluppe kann uns später in Hilgenriedersiel wieder an Bord nehmen.«

»Es bleibt nur dies Mittel übrig«, meinte auch Heye Wessel. »Auf! Zwei von uns sind Wattführer – die finden den Weg auch im Dunkeln.«

Niemand antwortete, und so eilte die ganze kleine Gesellschaft zur Schaluppe zurück. Die beiden an Bord gebliebenen Schmuggler wurden verständigt und dann aus einem Versteck im untersten Schiffsraume vier kleine Räder hervorgeholt. Das Boot verwandelte sich in einen Wagen, es wurde im Fluge beladen und außerdem den Männern auf den Rücken geschnallt, was sie irgend tragen konnten.

»Vorwärts – es muß sein!«

»Onnen, du könntest nach Hause gehen«, meinte tief atmend der Kapitän.

Der Knabe erschrak. »Nur mit dir, Vater; wo du bleibst, da bleibe auch ich!«

Und so willigte Klaus Visser denn kopfschüttelnd ein, das Boot wurde bespannt, die beiden Wattführer gingen mit den gegen das Land geschlossenen Laternen voran, ihnen folgten, einer hinter dem anderen, alle übrigen.

»In anderthalb bis zwei Stunden können wir drüben sein«, sagte der Kapitän.

Niemand antwortete; die Gefahr des Unternehmens lähmte alle Herzen. Nur ein Gedanke beherrschte die Leute: »Wenn wir vom Wege abkämen!«

Dünne Birkenstämme bezeichneten die Furt; rechts und links brauste das Meer, bläulich schimmerten im ungewissen Licht die einzelnen Rinnen und Lachen, deren trübe Fluten unter den Füßen der Männer hoch aufspritzten. Man war vor einem wenigstens sicher, vor jeder Begegnung nämlich, daher brauchte kein Stillschweigen zu herrschen. Weder Freund noch Feind würde sich hinauswagen in die grauenvolle Einöde, den feuchten Grund des Meeres, das einige Stunden später rollend und brandend zurückkam, um alles zu verschlingen, was seine wilden Wogen fanden und erwürgten. Unter den Füßen kroch es und flog, huschte nach allen Seiten; jede kleinste Erhöhung war bedeckt mit lebenden Wesen, die einander bekämpften. Große Mantel- und Silbermöwen, Austernfischer, Kampfhähne, Gänsesäger, Brandenten und Lummen bevölkerten das Watt, um auf demselben ihre Nahrung zu suchen; sie saßen in ganzen Scharen beieinander, flogen ab und zu, kreischten und flüchteten, wo sich ihnen die Menschen näherten.

»Halb zwei Uhr vorüber. – Wo sind wir, Uve Mensinga? Du mußt es wissen.«

Der Wattführer nickte. »Haben bald die Hälfte des Weges, Kapitän Visser! – Mehr nach links, Leute – drüben läuft die tiefe Rille.« Sie wechselten ab mit Schieben und Tragen; von allen Stirnen floß der Schweiß. Schien es nicht ringsumher dunkler zu werden anstatt heller?

»Westwind!« sagte Heye Wessel. »Es gibt Regen!«

»Ob die Teekisten dicht halten?«

»Sind alle gut verzinkt. Die ersten Tropfen fallen schon.« Langsam zog eine schwarze Wolke am Horizont herauf, dichter und immer dichter rieselte in schweren Schauern der Regen herab. Binnen weniger Minuten schien alles ringsumher in Wasser verwandelt, es glitzerte und leuchtete, es plätscherte unter den Tritten der Männer.

»Nach links, nach links!« ermahnte Uve Mensinga und auch der zweite Wattführer schob mit kräftigem Ruck den Karren in diese Richtung hinüber. »Siehst du die Stämme, Uve?« fragte er etwas unruhig.

»Ich denke, daß nun gleich wieder einer kommen muß!«

Aber im selben Augenblick brach über seine Lippen ein Schreckensruf. »Das breite Loch!« rief er. »Zurück! Zurück! Wir sind aus der Furt herausgekommen!«

Es brauste in den Lüften wie ferner Donner, die See brandete und der Regen floß in Strömen. Das helle Lachen der Möwe klang schaurig durch all den Graus – dicht um die Köpfe der Männer strich mit schwerem Flügelschlage die große Raubmöwe, als wolle sie sich jetzt schon der Beute versichern.

Und Mensinga schob den Wachstuchhut tiefer in die Stirn.

»Ich muß zurückgehen und die Furt untersuchen«, sagte er.

»Aber bleib um Gottes willen nicht lange. Noch eine Stunde, dann ist die Flut an dieser Stelle.«

»Wir können in vierzig Minuten drüben sein! Das breite Loch liegt, wie ihr wißt, hinter zwei Dritteln des Weges.«

»Ja! Ja! – An diese Nacht will ich denken, solange ich lebe!« —

Dicht nebeneinander, mit pochenden Herzen standen die Schmuggler. Wasser ringsumher, bewegtes, wellenschlagendes Wasser, das schon ihre Füße netzte. Wenn jetzt eine Springflut kam, was dann? Es war der sichere Untergang für alle; sie wußten es.

Wo nur der Wattführer bleibt? Er könnte wohl schon zurück sein!

»Uve!« rief halblaut eine Stimme.

Keine Antwort; nur die Möwe lachte und der Sturm brauste.

»Uve Mensinga, wo bist du? – Gib doch Bescheid!«

Das Licht der Laterne blitzte auf; mit todbleichem Antlitz stand der Wattführer vor seinen Genossen. »Wir müssen ganz vom Wege abgekommen sein – ich bin außerstande, einen der Birkenstämme zu finden.«

Sekundenlang schwiegen alle, das Entsetzliche wirkte lähmend, dann aber sprachen sämtliche Stimmen zugleich:

»Vorwärts, vorwärts, das breite Loch lassen wir rechts liegen!«

»Wir dürfen nicht länger zögern, uns bleiben bis zum Eintritt der Flut nur noch fünfzig Minuten.«

»Aber dann steigt der Boden allmählich an. Wir haben noch eine volle Stunde, und das genügt.«

Wieder schoben vereinte Kräfte das Boot. Eine neue Gefahr tauchte langsam aber sicher aus dem Dunkel herauf; auch der Deich von Hilgenriedersiel hatte eine Wache französischer Zollbeamten. Nur um diesen letzteren in die Hände zu fallen, sollte der furchtbare Weg über das gefahrdrohende Watt zurückgelegt sein? – Das wäre entsetzlich.

»Kennst du dich gar nicht mehr aus, Uve? Und auch du nicht, Lars Meinders?«

Der letztere nickte. »Wir sind in der Furt«, sagte er, »aber zu weit rechts.«

»Hurra!« rief in diesem Augenblick Onnens Stimme, »hier ist eine Birke.«

Die beiden Führer eilten zu ihm. »Links hinüber!« riefen sie. »Jetzt geht noch alles gut!«

Ein sonderbar gurgelndes Geräusch ließ die Männer aufhorchen. Breit und schaumbedeckt rollte eine Welle vor ihre Füße, um im gleichen Augenblick wieder zurückzutreten und zu verschwinden. Das war keine Rinne, keine Vertiefung – so flutete nur das ansteigende Meer, so hob und senkte sich in gemessenen Pausen die Riesenbrust – da, da, es kam wieder – ja, es war das Meer, die Flut. »Eilt euch, eilt euch, so sehr ihr euer Leben liebt!«

Das Boot flog über den nassen Sand, die Schmuggler bissen ihre Zähne zusammen, sie sprachen kein Wort, sie flüchteten nur in toller, atemloser Hast, wie das Leben vor dem Tode flieht, vor dem entsetzlichen Gedanken der Vernichtung.

Ein helles Pünktchen blitzte auf – in weiter, weiter Ferne. Es schien mit jeder verrinnenden Sekunde größer zu werden.

»Licht in Hilgenriedersiel!«

»Das ist nicht das Dorf«, keuchte Lars Meinders. »Es muß dort hinüberliegen!«

»Auch da erscheint ein Licht!«

»Ruhig! Ruhig!« ermahnte der Kapitän. »Wo haben wir denn unsere Augen, Kinder? – Das Meer leuchtet!«

Überall in Nähe und Ferne schienen die Wellen mit flüssigen Feuertropfen besät, überall spielten und glühten schimmernde Brillanten, die sich in ganzen Wogen hoben und senkten. Ein brennendes Meer, brennende windgepeitschte Fluten – so entrollte sich das Bild voll wunderbarer ergreifender Schönheit.

Jetzt leuchtete alles. Weithin von Norderney bis zum Ostfriesischen Deiche schaukelten und schwellten die blitzenden Wassermassen; jede Woge warf funkelnde Rubinen den Schmugglern vor die Füße, jede schien in ihren Flammenschoß die dunklen Gestalten hinabziehen zu wollen auf Nimmerwiederkehr.

»Ob wir die Räder abreißen? Ob wir das Boot treiben lassen?«

»Geduld! Geduld! Seht ihr denn nicht den schwarzen Streifen? Das ist das feste Land!«

»Aber noch weit ab, weit ab! Jesus, mein Heiland, wenn dort Franzosen ständen!«

»In diesem Regen? Die feinen Muttersöhnchen würden ja schier den Schnupfen kriegen! Sie sind ohne Zweifel beizeiten unter Dach und Fach gekrochen.«

»Oder sie werden geknebelt wie drüben die beiden anderen. Alle Hagel, das Wasser steigt!«

Wenn jetzt die Welle heranrauschte, dann standen alle Männer still und hielten sich mit beiden Händen an den Bootsrändern, bis die Gewalt des Andranges nachließ, dann wurde die kurze Pause benutzt, um mit verdoppelter Hast zu laufen.

Ein Kampf, ein Ringen auf Tod und Leben. Jede Woge stieg höher, kam mit stärkerer, vollerer Wucht, jede erschwerte das Gehen auf dem durchweichten Grunde. Wo sich das Salzwasser mit dem vom Regen in den Kleidern der Schmuggler zurückgebliebenen mischte, da schien sekundenlang ein Kochen und Brodeln zu entstehen; Funken fielen herab, es glühte und leuchtete, bis langsam der Schimmer wich und neue Dunkelheit alles umhüllte.

Jetzt gingen die Wogen bis an den Bootsrand. Noch einen einzigen Zoll höher und das sonderbare Fahrzeug, halb Schiff, halb Karren, mußte versinken.

»Da ist der Deich! – Zwanzig Schritte weiter hinaus! – Haltet stand, Leute, haltet noch einige Minuten stand!«

»Pst! – da oben können Posten stehen!«

Die letzte Welle kam, hoch und donnernd schlug sie heran. Einer der Schmuggler stürzte, die übrigen rissen ihn mit vereinten Kräften empor – es war ein Augenblick, in dem alle glaubten, daß nun das Ende, das furchtbare, nahe sei.

»Onnen, wo bist du?«

»Hier, Vater!«

Mit einer Hand hielt der Kapitän die Kiste auf seiner Schulter, mit der anderen den Knaben. Wortlos kämpften in den wenigen Augenblicken zwischen Welle und Welle die abgehärteten seegewohnten Fischer, um den rettenden Strand zu erreichen.

Heye Wessel, der Riese, hatte festen Grund gefunden. Er warf seine Last von sich und faßte Posto, breitspurig, unerschütterlich wie der Koloß von Rhodos.

»Gib mir die Hand, Junge!«

Onnen kam als der zweite an das rettende Ufer, dann folgten mit dem Boote die übrigen. Ihnen nach, donnernd und brausend, stürzten die Wogen.

Stumm, keuchend, mit dem Schweiß der furchtbarsten übermenschlichsten Anstrengung auf den glühenden Stirnen standen die Schmuggler beieinander. Wie eine Riesenflamme glühte weithin das Meer, wie Millionen Diamanten sprühte es aus jeder Woge. Durch dies brandende, ungestüm schwellende Element, durch das wilde, tobende Wasser waren sie stundenweit gewandert, hatten sie die kostbare Ware unbeschadet hinübergebracht auf das feste schützende Land.

»Wißt ihr, wie mir ist?« raunte Heye Wessel. »Ich möchte Hurra schreien, daß alles Donnern und Brüllen der See sich ängstlich dagegen verkröche.«

»Um des guten Gottes willen nicht! Sollen dich die Parlewus hören?«

»Ich tu‘s ja nicht, Kamerad, aber – man möchte eben seinem Herrgott danken und das kann ich immer am besten, wenn ich einmal ganz gewaltig schreien darf!«

Uve Mensinga versuchte umsonst, mit dem völlig durchnäßten Taschentuch seine Stirn zu trocknen. »Wie sich der Witt da oben in den Dünen ärgern mag«, sagte er grimmig lachend. »Sitzt und lauert immerfort – aber es kommt niemand!«

»Still doch! Still doch! Bedenkt, wenn uns ein Franzose hören würde!«

Sie standen auf dem breiten, langsam ansteigenden Fahrdamm, der von der mehr benutzten Bootstreppe einige fünfzig Schritte weit entfernt war. Hier erwartete man auf keinen Fall Gäste, es ließ sich daher hoffen, daß der Übergang ohne Hindernis möglich sei – wenigstens mußte die Sache erst einmal versucht werden.

Lars Meinders als der schmächtigste und gewandteste von allen kroch in einiger Entfernung vorsichtig bis zur vollen Höhe des Deiches hinauf, dann sah er spähend umher; im nächsten Augenblick gab seine Hand den unten Wartenden ein Zeichen.

»Still!« hieß es. »Feinde in der Nähe!«

Sie horchten mit aussetzendem Herzschlag.

»Macht das Boot leer!« raunte der Kapitän. »Wir müssen im Notfall die Kisten einzeln tragen.«

Sie legten sämtlich Hand ans Werk, dann wurden in aller Stille die Räder abgeschraubt, aus dem untersten Grunde die Riemen hervorgesucht und das Boot zu Wasser gebracht, wo es zwei Männer an Seilen festhielten.

Lars Meinders glitt geräuschlos vom Deiche wieder herab. »Seht dorthin«, flüsterte er, auf das Meer hinaus deutend, »da naht unsere Rettung.«

Aller Köpfe wandten sich der bezeichneten Richtung entgegen. Ein weißes Segel schimmerte nahe am Strande; es war eine Schaluppe, die der Landungstreppe zusteuerte.

»Die ›Taube‹!« rief leise der Kapitän. »Sie kann uns nur ohne die Kisten aufnehmen! Das ist nichts, Meinders.«

Der Wattführer schüttelte den Kopf. »So meine ich‘s ja nicht, Mann. Onnen, mein guter Junge, gib doch einmal das Zeichen, daß sie da, wo sie jetzt sind, kreuzen und sich nicht aus Sicht entfernen, aber auch nicht näher herankommen sollen.«

Der Sohn des Kapitäns richtete sich höher auf. Dreimal erscholl das ärgerlich klingende Geschrei des Kampfhahnes, täuschend nachgeahmt, so daß es keinerlei Verdacht erregen konnte. Die Männer sahen gespannten Blickes hinüber – an Deck der »Taube« erschien und verschwand gedankenschnell ein blaues Licht, dann war alles dunkel.

»So ist‘s gut«, nickte Lars Meinders. »Nun gebt mir das Boot, Kameraden, und wenn ihr einen gellenden durchdringenden Pfiff hört, so bringt die Kisten in das Dorf. Laßt mich nur machen!«

»Willst du uns nicht wenigstens einige Erklärungen geben, Lars?«

Der Wattführer stieg in das Boot. »Wäre zu weitläufig«, sagte er. »Ihr habt eure Verhaltungsmaßregeln.«

Und geräuschlos die Riemen in das Wasser tauchend, fuhr er der Bootstreppe zu. Unruhig spähend und horchend blieb das kleine Häuflein der Schmuggler in völliger Ratlosigkeit zurück.

»Vater«, flüsterte Onnen wie aus gepreßter übervoller Brust, »Vater, ein ehrlich Gewerbe wäre mir doch lieber!«

Der Kapitän nickte. »Mir auch, Kind, aber die Franzosen haben uns alle Wege verlegt, haben unser Land ausgeplündert und uns an den Bettelstab gebracht. Wenn wir in Deutschland nichts mehr zu beißen und zu brechen haben, dann müssen wir dem Himmel danken, daß das reiche Frankreich uns seine Arme öffnet, dahin soll‘s kommen, wenigstens träumt‘s der freche Korse so.«

Onnens Augen blitzten. »Daß wir Franzosen würden; ganz und für immer, Vater? Daß es gar kein Deutschland mehr gäbe!«

»Ja! Ja!«

»Nie!« rief der Knabe. »Gott kann das Abscheuliche nicht geschehen lassen!«

»Wir wollen‘s hoffen; einstweilen müssen wir schmuggeln, wenn unsere Kranken und unsere Säuglinge noch ein Stückchen Zucker behalten sollen, die alten Frauen ihren Kaffee und Tee.«

Während dieser Unterhaltung war Lars Meinders bis zur Bootstreppe gerudert, hatte das Fahrzeug lose an einem Pfeiler befestigt und stieg nun die Treppe hinan, aber dermaßen ungeschickt, daß ihn der Wachtposten sogleich bemerkte.

»Qui vive?« rief er aufhorchend in das Dunkel hinein.

Lars Meinders erkünstelte einen halbunterdrückten Schreckensschrei, er polterte die Stufen hinab und plumpste in das Boot, als wolle er schleunigst flüchten.

Der Franzose, beutegierig wie alle diese angeworbenen, durchweg moralisch verkommenen Zollbeamten – der Franzose lief sogleich in die offene Falle des schlauen Wattführers hinein.

»Hierher!« schrie er. »Hierher! Hilfe!«

Eine Sekunde später sah Lars Meinders den Soldaten, welcher am Fahrdamm Wache hielt, schnellen Laufes herbeieilen; über sein ehrliches rotes Gesicht flog jenes stille Lachen, das ihm eigen war, er steckte zwei Finger in den Mund – ein langgezogener Pfiff gellte durch die Luft.

»Das war das Zeichen!« raunte Uve Mensinga.

»Schnell! Lars Meinders ist nicht der Mann, uns irre zu führen.«

Sie nahmen die Kisten wieder auf und Onnen schlüpfte als der erste den Fahrdamm hinan. »Alles leer!«

Wie schwarze Gespenster glitten die Schmuggler hinüber zum Dorfe, sechsmal nacheinander, ungehindert, im Fluge – dann waren alle Teekisten geborgen.

Der Wattführer hatte ihnen den Weg freigemacht, jetzt wußten sie es.

Während die Beamten das Zollboot vom Pflock lösten und sich anschickten, jenes andere Fahrzeug von der »Taube« abzuschneiden, entkamen die wirklichen Pascher ungehindert über den Deich in ein grünes Gärtchen, dessen Hecken ihnen genügende und sichere Verstecke boten. Im Schutze des hohen Walles blühten hier bescheidene Blumen, wuchsen Stachelbeeren und Flieder, sogar ein paar knorrige verkümmerte Apfelbäume, denen aber der salzige Wind die Kronen verdorrt hatte, wie überall am Nordseestrande.

Tief in der Mitte des bäuerlichen Besitzes lag ein niederes strohbedecktes Haus, dem jetzt die Schmuggler ihre Schritte zulenkten.

»Meine Schwester muß schon aufgestanden sein«, sagte flüsternd der Kapitän. »Es brennt Licht in der großen Stube.«

Sie schlichen auf dem schmalen Pfade zwischen dem Hause und der Stachelbeerhecke vorsichtig zum Fenster und Klaus Visser sah hinein. »Na! Na!« raunte er, »was ist denn das?«

Drinnen in der »Döns«, der geräumigen einzigen Stube des Bauernhauses, saß eine ältliche Frau und stützte den Kopf in beide Hände. Die Ellbogen vor sich auf den Tisch gestemmt, sah sie unverwandt ins Leere, während große Tränen, eine nach der anderen, über ihre bleichen Wangen herabrollten.

Außer dieser Frau befand sich niemand im Zimmer.

»Da ist etwas Schlimmes geschehen«, murmelte der Kapitän. »Ich will einmal anklopfen – dann folgt mir nach, Kameraden.«

Er ging um das Haus herum und bald sahen die übrigen, daß er Einlaß begehrt haben mußte, denn die weinende Frau fuhr plötzlich auf und schien zu erschrecken – sie öffnete die Tür wie jemand, der ein großes Glück erwartet, und ließ dann, als der Kapitän eintrat, mutlos die Arme sinken.

Er sprach mit ihr. Die Draußenstehenden sahen ihn die Fäuste ballen. »Herrgott, Herrgott, das ist zu arg!«

Sie alle hatten es verstanden, er winkte ihnen auch schon, und eilends, voll schlimmer Erwartung betraten sie das Haus. Frau Antje, die Herrin desselben, verhüllte das Fenster – sie weinte jetzt noch ärger als vorher.

»Tante Antje«, rief Onnen, »was fehlt dir? Wo ist Onkel Martin?«

Aber nur ein Schluchzen antwortete ihm. »Kinder«, sagte der Kapitän, »die Franzosen haben eine neue infame Schurkerei verübt! Das junge Volk soll zum Kriegsdienst ausgehoben werden, wie ihr wißt. Mancher hat sich beizeiten auf- und davongemacht – na und da stecken sie nun die Väter dieser Flüchtlinge einfach ins Gefängnis, als Geiseln für die Söhne. Schwager Martin Hansen ist gestern mit noch mehreren anderen aus Hilgenriedersiel abgeführt nach Norden.«

Frau Antje weinte bitterlich. »Mein Sohn ein Flüchtling«, schluchzte sie, »und mein Mann ein Gefangener! – Was soll nun aus Haus und Hof, aus dem Geschäft und den kleinen Kindern werden?«

Uve Mensinga näherte sich der unglücklichen Frau. »Was das Geschäft betrifft, so seid außer Sorge, Frau Antje«, sagte er, »der Lars Meinders und ich wollen schon Martin Hansens Dienst als Wattführer mit übernehmen und euch den Lohn getreulich abliefern. Die Pferde versorgt dieser oder jener aus dem Dorfe – und Fische bringen wir euch reichlich ins Haus. Getrost, Frau! Wenn die Not am größten, dann ist die Hilfe am nächsten. Der Korse stößt sich schon irgendwo ein Loch in den Kopf, so daß das Land wieder frei wird vom Übel.«

Er bot treuherzig der Weinenden die Hand und auch Klaus Visser bemühte sich, sie zu trösten, »Laß es gut sein, Antje, ich bin ja kein armer Mann, kann wohl dir und deinen Kindern über die böse Zeit hinweghelfen. Der Martin wird es leicht ertragen, da so ein paar Wochen oder Monate im Loch zu sitzen, er ist ja ein starker, kräftiger Mann.«

Die arme Frau trocknete ihre rinnenden Tränen. »Ich danke euch, Uve Mensinga«, sagte sie seufzend, »und auch dir, Bruder Klaus. Gott möge unser unglückliches Land beschützen! – Wißt ihr schon, was man sich Neues erzählt?«

»Nun?« rief der Kapitän. »Heraus damit!«

»Der Korse marschiert nach Rußland, dafür braucht er so viele Soldaten. Ach, sie sagen ja, daß er sich die ganze Welt untertänig machen will!«

»Holl Pust! (Halte auf!)« lächelte der Kapitän. »Gott stüert de Bööm, dat se nich in‘n Heben wast!« (Gott wehrt es den Bäumen, in den Himmel hineinzuwachsen.)

Die vermeintliche Schreckensnachricht schien den Fischern eine heimliche Hoffnung einzuflößen. Nach Rußland! Das konnte ja kein gutes Ende nehmen!

Aber es blieb jetzt für Vermutungen und Pläne keinerlei Zeit übrig; man mußte die Teekisten nach Emden schaffen, ohne einer einzigen der zahllosen umherstreifenden Zollpatrouillen in die Hände zu fallen, und da war guter Rat teuer, bis endlich Onnen einen Ausweg gefunden zu haben glaubte.

»Ich weiß, wie wir es machen!« rief er.

»Nun?« fragte der Kapitän, »und das wäre?«

»Die alte Kutsche, mit der Onkel Hansen seine wasserscheuen Badegäste über das Watt fährt, muß heraus und —«

»Prachtvoll!« unterbrach Klaus Visser, »wir setzen die beiden großen Lederpuppen, von oben bis unten mit Tee gefüllt, hinein. Zufällig sind die Dinger hier bei dem Krämer Hildebrandt in Hilgenriedersiel.«

»Und einen Paß habe ich auch«, meinte Heye Wessel. »Schwerenot, es kommt einem doch gut zustatten, wenn man mit den Schreibern auf der Präfektur zusammen zur Schule gegangen ist und für Geld und ein freundliches Wort so einen gestempelten Papierfetzen erhält, so oft man es wünscht.«

Er zog einen zusammengefalteten Bogen aus der Brieftasche und las den Inhalt vor: »Reisepaß von Emden nach Norderney und auf dem Landwege zurück, für Herrn Kaufmann Poppinga nebst Sohn und Tochter!‹ – Alle Wetter, woher nehmen wir die Tochter! Meine Amke macht sonst die Fahrt mit dem alten Hansen und dreht sich und wispert wie eine richtige Dame, aber die sitzt ja jetzt zu Hause auf Norderney!«

»Schadet nicht!« rief Onnen. »Was Eure Amke kann, das bringe ich auch fertig, Heye Wessel! – Die Base Hurtke – oder Johanna, wie sie lieber hört! – muß mir ihre Sonntagskleider leihen und fort geht es als Fräulein Poppinga nach Emden.«

Der alte Seebär lächelte. »Das hübsche glatte Gesicht dazu hast du Schlingel, bist auch durchtrieben genug für ein lustiges Schelmenstück, aber so lang aufgeschossen sind die Mädels doch selten. Wo sollen wir‘s abschneiden, am Kopf oder an den Füßen? he?«

»Laßt alles an seinem Platz, Gevatter, ich bleibe im Wagen sitzen und tue ganz ängstlich. Ach, ach – Bruder und Vater sind so krank, man darf sie nicht stören, kein Wort mit ihnen sprechen! Ich weine ein wenig und seufze, das macht die französischen Herzen gleich windelweich.«

Sie lachten alle, selbst Frau Antje streichelte das blühende Antlitz ihres Neffen. »Ich will dir Hurtkes Sonntagsstaat herbeiholen«, sagte sie voll neuen Mutes. »Du mußt doch die Sachen erst probieren.«

Ein paar Flaschen Bier und Branntwein, ein großes Brot und ein Schinken kamen auf den Tisch; dann, nachdem alle gesättigt waren, folgte die »Kostümprobe«, wie Onnen es nannte. Mit dem Hute und der seidenen Mantille ging die Sache vortrefflich, aber unter dem Kleide sahen die Wasserstiefel bedenklich lang hervor, während Base Hurtkes kleine Schnallenschuhe nicht ohne Ach und Weh den derberen Füßen ihres Vetters angepaßt werden konnten. Aber auch das würde sich machen lassen – man braucht ja im Wagen keine Schuhe. Onnen fand den Spaß prachtvoll.

Allmählich begann unter diesen Vorberatungen der neue Tag, und die ganze Schmugglergesellschaft siedelte über in den Wagenschuppen, wo einige Stunden Schlaf die müden Glieder zu weiterer Arbeit stärkten; dann, gegen neun Uhr morgens, entwickelte sich hinter verschlossenen Türen ein eigentümliches Schauspiel.

Frau Antje holte vom Krämer die beiden Lederpuppen, in denen der Tee durch das Land geschickt zu werden pflegte, umfangreiche Männergestalten mit Gesichtern und Perücken, die im Sitzen, namentlich bei etwas zweifelhafter Beleuchtung, von lebenden Menschen nicht so leicht unterschieden werden konnten. Man fuhr sie unter den verschiedensten Namen und auf allen Wegen des Landes schon seit langem umher, und wo sie im Dunkel des Abends hinter irgendeinem Torweg verschwanden, da wurde schleunigst eine Hinrichtung vollzogen – der Kopf fiel ab, der Rumpf neigte sich und der ganze Herr Baron oder Präsident schrumpfte zusammen zur bloßen Mumie, während vierzig bis fünfzig Pfund Tee von flinken Händen in ein sicheres Versteck überführt wurden.

An diesem sonnigen Morgen erhielten die ledernen Herren ihre Füllung als Kaufmann Poppinga und Sohn. Heye Wessel, der Riese, stopfte mit den langen Armen so viele Pfunde Tee in die Puppen hinein, wie diese nur zu fassen vermochten, dann bekleidete man sie auf das ausgesuchteste, zog ihnen Handschuhe an, kämmte Bart und Haar und setzte sie in die große alte Kutsche mit dem tiefen Sitz, den die grünen Gardinen beinahe gänzlich verhüllten. Unterdessen hatte Onnen seine Verwandlung bewerkstelligt, etwas Mundvorrat für ihn war auch in den Wagen gebracht, ein Knecht des Wattführers setzte sich auf den Bock und die Fahrt konnte beginnen.

Onnen hielt sein Kleid zierlich in beiden Händen, er hatte das Gesicht tief verschleiert und über die braunen derben Knabenfäuste ein Paar Handschuhe gezogen; der Paß steckte in dem Arbeitsbeutel, ohne welchen damals kein wohlerzogenes junges Mädchen zu denken war.

»Vorwärts!« rief er lustig. »Wir können gerade bei einbrechender Dunkelheit in Emden sein, wie ich hoffe. An der Westerbutfenne bei Düke Mommsen, dem Gastwirt, gebe ich die Ladung ab, da mag sie Hans Houtrouv in Empfang nehmen.«

Der Kapitän nickte. »Aber hüte dich, Junge, laß lieber den Tee im Stiche als deine Freiheit. Ist alles besorgt, so gehst du zum Vetter nach Larrelt und von dort hole ich dich morgen selbst mit der ›Taube‹ ab.«

»Allstunds, Vater! Und nun: Adjes.«

»Behüt Gott! Adjes, Adjes.«

Der schwere Wagen rumpelte aus dem Gehöft hinaus und die Lederpuppen nickten mit den Köpfen. Onnen fühlte sich hinter seinem Schleier keineswegs behaglich; was er dachte, das war in lauter Bitterkeit getaucht. »Möchten wir doch lieber die Franzosen zum Lande hinausprügeln, als daß sie uns sämtlich zu Schelmenstücken zwingen! – Sitzt man da wie ein angezogener Affe auf dem Jahrmarkt!«

Sobald aber eine französische Streifwache nahte, begann das Vergnügen. Der Kutscher hielt, ein bärtiger Zollwächter trat an den Schlag und fragte nach dem Passe. Onnen reichte ihm das Blatt. »Wir haben so große Eile, mein Herr! – Ach bitte, bitte, der arme Vater ist leidend.«

Die Zollbeamten sahen seine schönen Augen, seine Seufzer und das hübsche verschleierte Gesicht, sie warfen nur einen einzigen Blick auf den Namenszug des Präfekten Jeannesson und gaben dann den Paß zurück. »Alles in Ordnung. Reisen Sie glücklich, Mademoiselle!«

Dann wurden Onnens braune Wangen sehr rot, er ärgerte sich wieder und gab den Lederpuppen Nasenstüber, aber es freute ihn doch, daß Meile nach Meile hinter dem Wagen zurückblieb und daß gegen Abend die Türme von Emden im letzten Sonnenglanz vor seinen Blicken erschienen.

Mehr als zweihundert Pfund Tee steckten in den beiden Puppen, das war ein barer Verdienst von 180 Frank; denn die Franzosen erhoben damals eine Steuer von 90 Frank für den Zentner. Onnen wollte bei Düke Mommsen die Ware am gewohnten Orte verbergen und dann mit Hans Houtrouv, dem Krämer, abrechnen.

Der Wagen fuhr durch das Stadttor und ungehindert bis zur Westerbutfenne. Düke Mommsens Gasthof mit dem großen Dreimaster im Schilde und mit der weiten sauberen Toreinfahrt war erreicht, es dunkelte stark und leise stäubend begann ein feiner Regen herabzuträufeln. Onnen wollte eben mit einem Seufzer der Erleichterung fein jüngferlich aus dem Wagen steigen, als vom Hofe her ein Offizier der Zollwache langsam hervortrat und die Hand auf den Schlag legte, um ihn zu öffnen.

»Ich bitte, mein Fräulein! – Den Paß!«

Onnen gab ohne ein Wort das Dokument – jetzt fühlte er, daß ihm das Herz stärker schlug.

Sollte er wirklich im Hafen Schiffbruch leiden?

»Alles gut!« nickte der Offizier. »Wollen die Herrschaften aussteigen?«

In der Tür erschien in diesem Augenblick Düke Mommsen, der Wirt. Er hatte den Wagen des Wattführers erkannt und beeilte sich, die Aufmerksamkeit des Franzosen abzulenken. »Ach«, rief er, »das sind meine kranken Gäste! – Schnell, Lorenz, schnell, fahre auf den Hof, der alte Herr liebt es nicht, wenn ihn die Leute so ansehen.«

»Monsieur Renard«, setzte er hinzu, »wenn es Ihnen gefällig ist! Das Abendessen wartet!«

Der Franzose nickte stumm; er sah immer dem verschwindenden Wagen nach und wollte dann wie zufällig durch den Torweg gehen, aber der Wirt hielt ihn zurück »Monsieur Renard, auf ein Wort!«

»Nun?«

»Haben Sie das junge Mädchen näher angesehen?«

»Weshalb?« fragte stirnrunzelnd der Offizier. »Ich kenne die Dame nicht.«

»Aber sie ist reich, besitzt viele Tausende!«

Der Offizier zuckte die Achseln. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zum Torweg und ging hinein.

Düke Mommsen lächelte vergnügt. Während der halben Minute, in der er den Franzosen aufgehalten, hatten seine Knechte die beiden Lederpuppen in Sicherheit gebracht, das wußte er.

Monsieur Renard sah zuerst den leeren Wagen, dann das flatternde Kleid des vermeintlichen jungen Mädchens – der Hof lag wie ausgestorben.

Er blieb vollkommen gelassen, aber die Sache erschien ihm verdächtig; zwei Minuten später stand er wieder neben dem Wirt im Gastzimmer.

»Wer sind die Leute, welche soeben kamen, Herr Mommsen?«

»Emdener Bürger«, antwortete dieser. »Ein Herr Poppinga mit Sohn und Tochter, mein werter Monsieur Renard; sie kommen von Norderney.«

Der Franzose nickte. »Ich möchte mit den Herren sprechen«, sagte er in ruhig befehlendem Tone. »Haben Sie die Güte, mich zu melden.«

»Sogleich! Sogleich!«

Er verschwand, um erst einmal Zeit zu gewinnen. »Verfluchte Geschichte! Wem soll ich ihn nun vorstellen? – Onnen, Junge, gib mir den Paß und dann schäle dich aus den Weiberkleidern heraus. Der französische Schuft hat Verdacht geschöpft!«

Er schloß aus Vorsicht die Tür ab, hinter welcher unser Freund verborgen war, und lief dann mit dem von der Präfektur gestempelten Passe zu dem Franzosen zurück. »Die Herren lassen um Entschuldigung bitten«, sagte er, »auch das Fräulein kann Sie heute abend nicht mehr empfangen, aber hier ist der Reisepaß. Das genügt, nicht wahr?«

Der Offizier ergriff das Blatt und hielt es gegen die Lampe. Über sein Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln.

»Ich bestehe darauf, die Herren zu sehen«, rief er. »Wo ist das Zimmer derselben?«

»Aber ich begreife nicht«, murmelte Düke Mommsen, »ich begreife wirklich nicht! – Monsieur Renard befiehlt, als ob —«

»Ich diesem Befehle auch Nachdruck verleihen könnte? So ist es, Herr Wirt. In welchem Zimmer finde ich die Herren?«

Er war auf den langen Gang hinausgetreten und wollte eben die erste Tür desselben gewaltsam öffnen, als plötzlich ein Herr heraustrat und ihn ruhigen Blickes ansah, ein junger, sehr vornehm scheinender Mann, dessen halbes Antlitz von einem bis auf die Brust hinabreichenden Barte völlig verdeckt war.

»Mein Herr Offizier«, sagte er, »ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Da der Reisepaß in Ihren Händen liegt, so weiß ich nicht, woran es etwa sonst noch fehlen könnte! Bitte, befehlen Sie!«

Monsieur Renard schien zu erschrecken, »Sie wären Herr Andreas Poppinga?« sagte er in zweifelndem Tone.

»Ja. Wünschen Sie sonst noch etwas?«

Die Blicke des Franzosen verrieten sein Mißtrauen. »Weshalb, wenn Sie hier in Emden wohnen, beziehen Sie ein Hotel, mein Herr Poppinga?«

»Weil ich in einer Stunde wieder abzureisen gedenke«, war die Antwort. »Haben Sie übrigens das Recht, unverdächtige Personen derartig auszufragen, mein Herr?«

Der Offizier drehte sich um, er ließ den Paß auf einen Tisch fallen. »Es ist gut«, sagte er, »Sie können gehen.«

Der Fremde ergriff das Blatt, wie sich jemand auf einen mühevoll errungenen Schatz stürzt. »Lassen Sie in einer Stunde einen Wagen bereitstehen, Herr Wirt, mein Vater und ich reisen weiter nach Bremen, meine Schwester dagegen bleibt hier bei Verwandten.«

»Sehr wohl, Herr Poppinga.«

Der Wirt rieb sich untertänigst die Hände. Damals fand jede Lüge ein williges Ohr, der Betrug war das gewohnte Verkehrsmittel und die kecke Schlauheit das preisgekrönte Verfahren des einen gegen den anderen. Zwei fremde Herren ohne Gepäck oder Legitimation waren am vorigen Abend im Hause Düke Mommsens erschienen und hatten gesagt, daß sie unbemerkt ein paar Rasttage zu halten wünschten – jetzt bemächtigte sich einer derselben des fremden Passes und Namens, er bestellte einen Wagen und ging selbst hastig die Straße hinab, aber der Gastwirt verriet durch keine Bewegung das Erstaunen, welches er empfand, er verdoppelte nur sogleich in Gedanken die Preise der bisher aufgestellten Rechnung und bewunderte die Geistesgegenwart des Unbekannten, der sich auf so dreiste Art in den Besitz des Legitimationspapieres zu setzen gewußt hatte.

Monsieur Renard war fortgegangen. Düke Mommsen eilte in Onnens Zimmer und erlöste diesen aus der Gefangenschaft. »Gottlob«, keuchte er, »es ist alles gut abgelaufen. Der Teufel hole die Franzosen! – So, nun bist du wieder ein Junge; komm mit hinunter, ich denke, du sollst mit den fremden Herren eine Strecke weit fahren, um nur erst einmal aus dem Gesichtskreise des schurkischen Beamten zu verschwinden.«

Onnen folgte ihm in das Gastzimmer. »Wer sind die beiden?« fragte er.

»Weiß ich es? Menschen, denen dein Paß vortrefflich zustatten kam. Nun iß nur erst ein wenig, hörst du – da ist wahrhaftig der eine schon wieder; er sieht aus, als sei ihm ein großes Glück begegnet.«

Duke Mommsen umschmeichelte aalglatt den Fremden, er stellte ihm den Sohn des Kapitäns förmlich vor und erreichte es, daß dieser mitfahren durfte. »Wir werden dich nach Larrelt bringen«, sagte freundlich der Herr. »Lassen Sie nur den Wagen vorfahren, Herr Wirt, und besorgen Sie die Rechnung.«

Von Monsieur Renard war nichts zu sehen. In völliger Dunkelheit fuhren die beiden Fremden mit Onnen auf dem Rücksitz davon und in die Nacht hinaus; sie sprachen sehr eifrig miteinander, aber immer französisch, so daß unser Freund keine Silbe verstand; erst als hinter dem Wagen ein anderes Pferd wieherte, hob einer der Herren horchend den Kopf.

»Man verfolgt uns!«

»Schadet nicht!« versetzte gleichmütig der zweite. »Ich bin auf der Präfektur gewesen und habe unseren Paß nach Bremen ausfertigen lassen; mögen also die Franzosen kommen.«

Der erste sah immer noch aus dem kleinen Hinterfenster der Kutsche. »Ein Einspänner«, sagte er, »zwei Männer sitzen darin. Verfolgt man dich, mein guter Junge?«

Onnen schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, Herr.«

»Was bist du denn eigentlich? Ohne Zweifel ein Schmuggler!«

Onnen schwieg. Es war, als drücke ihm eine unsichtbare Hand die Kehle zusammen. Ein Schmuggler! —jemand, der auf verbotenen Wegen ging!

Im gleichen Augenblick schlug einer der Insassen des zweiten Wagens Feuer für seine Pfeife. Obwohl er den aufflammenden Blitz sogleich mit der Hand bedeckte, war doch dem Beobachter Zeit genug geblieben, um sein Gesicht zu sehen – er erschrak heftig und bog den Kopf zurück, als fürchte er, trotz Finsternis und Entfernung selbst erkannt zu werden. »Es ist Lemosy!« sagte er halblaut. »Bei Gott, Lemosy!«

»O – du wirst irren. Das wäre schrecklich!«

»Es ist Lemosy, ich sage es dir.«

»Um Verzeihung«, warf Onnen ein, »der Herr, den Sie da soeben gesehen zu haben glauben, ist Polizeimeister des Departements Ostems.«

»Das wußte ich nicht! Alle Teufel, was fangen wir an?«

»Sie wollen also von diesem Herrn Lemosy nicht gesehen werden?«

»Unter keiner Bedingung!«

»Dann lassen Sie mich nur machen.«

Er öffnete das Vorderfenster und befahl dem Kutscher, einen Seitenweg einzuschlagen.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Da kämen wir ja an das Emswatt!« sagte er verdrießlich.

»Das ist auch unsere Absicht.«

»Na, mir kann‘s recht sein. Hü, Lotte!«

Er wandte das magere alte Pferd und fuhr in veränderter Richtung weiter; der Fremde beobachtete dabei klopfenden Herzens den zweiten Wagen – ohne zu zögern, nahm dieser die Verfolgung auf, beide fuhren auch jetzt wieder hintereinander.

»Das gilt dem Knaben!« sagte leise der Fremde. »Lemosy hat uns weder gesehen, noch kann er vermuten, daß wir hier sind.«

Der andere strich mit der Hand über die Stirn. »Zum Watt kommen wir, Junge? Werden uns da die Franzosen nicht erreichen können?«

»Ich hoffe nicht. In Larrelt steht ein Wachtposten der Zollbeamten, dahin können Sie auf keinen Fall gehen.«

Der Wagen fuhr auf dem ebenen Kleiwege ziemlich schnell dahin, so daß der feuchte Hauch vom Watt herüber sehr bald die Luft erfüllte. Über dem Schlick (dem zur Zeit der Ebbe trockenliegenden Grunde des Watts) ballten sich Nebelwolken; grau in grau lag baumlos in herzerkältender Öde die ganze Umgegend. Onnen stand aufrecht im Wagen. »Sobald ich deine Schulter berühre, hältst du, Landsmann! – oder ist dir selbst die Gegend genau bekannt?«

»Ganz genau!«

»Gut, dann laß deine Mähre bei dem tiefen Einschnitt des Weges, wo der Kanal ausmündet, ganz plötzlich stillstehen!«

Er beobachtete fortwährend. »Jetzt kommt die Stelle! Öffnen Sie ein wenig die Wagentür und laufen Sie mir getrost nach! – Nun!«

Das Gefährt hielt mit einem einzigen Ruck, so schnell und unerwartet, daß das Pferd des anderen Wagens mit dem Kopfe gegen das Kutschendach stieß und der Einspänner von der Wucht dieses plötzlichen Anpralls auf die Seite fiel.

Beide Insassen stürzten unsanft auf die Straße.

»Hurra!« schrie Onnen. »Mir nach, Poppinga und Sohn! Ha, ha, ha —«

Er hatte mit einem gewaltigen Satz den Schlickgrund erreicht und stürmte vorwärts, gefolgt von den beiden Fremden, welche wie Schatten auf dem grauen, schlüpfrigen Watt neben ihm herliefen.

Während auf der Straße die Kutscher schimpften und die Pferde stampften und wieherten, hatten sich Monsieur Renard und der Polizeimeister Lemosy in aller Eile aufgerafft und waren den Flüchtlingen gefolgt. Mit den genaueren Verhältnissen des fremden nordischen Landes völlig unbekannt, konnten sie Onnens Plan nicht voraussehen und verloren dadurch mindestens zwei Minuten, anderseits aber erwachten auch durch den Sturz auf den Fußboden der Ärger und Verdruß – hitziger als sonst wohl wurde die Verfolgung im selben Augenblick aufgenommen und fortgeführt.

Onnen horchte. »Sie sind hinter uns!« flüsterte er.

»Können aber des Nebels wegen nicht schießen! Vorwärts! Vorwärts!«

»Um Gottes willen!« raunte der Zweite. »Da ist Wasser!«

»Die Ems! – Wir haben Raum genug!«

Weiter und weiter ging die tolle Jagd. Vor den Flüchtigen lag unermeßlich das öde Grau, hinter ihnen erklangen die Schritte der Feinde – näher und näher, wie einer der Herren meinte.

»Laß sie kommen, die verfluchten Franzosen, unter deren Krallen das arme Deutschland aus tausend Wunden blutet, laß sie kommen! Wir sind unserer drei gegen zwei!«

»Aber sie haben Schießwaffen, ich sah es!«

Wie zur Bestätigung dieser Worte knackte in einiger Entfernung der Hahn einer Kugelbüchse. »Ergebt euch!« rief die Stimme des Zollbeamten, »ergebt euch, oder ihr erhaltet eine Kugel zwischen die Rippen!«

Onnen lachte laut, aller Groll seines ehrlichen Herzens drängte sich auf die Lippen. »Nichts von ergeben!« rief er. »Tut euer Schlimmstes, ihr Raubgesindel!« Sie liefen auf Tod und Leben, atemlos, in äußerster Eile. Ihre Pulse jagten, ihre Herzen schlugen zum Zerspringen. —

Hinterher die Verfolger. Langsam minderte sich der Zwischenraum, langsam, aber sicher. Onnen hätte für sich allein längst aus dem Bereich der Feinde herauskommen können, aber die beiden Fremden hielten mit ihm auf dem schlüpfrigen Boden nicht gleichen Schritt und verlassen mochte er sie um keinen Preis.

»Ergebt euch! Steht!«

»Ha! ha! ha!«

Eine Büchsenkugel streifte hart an dem Kopfe des Knaben vorüber, er schwenkte die Mütze und lachte laut. »Bist ein Esel, Franzose, laß dir dein Lehrgeld wiedergeben!«

»Wir sind verloren!« keuchte der ältere der beiden Fremden. »Ich kann nicht weiter laufen.«

Auch der zweite taumelte. »Rette dich selbst, Knabe! Es ist umsonst, wir können nicht weiter!«

»Nein! Nein! – Die Hilfe naht schon!«

Im Nebel regte sich‘s wie gespenstische Formen, flog vorüber und kehrte zurück – hier ein seltsames Etwas, dort eins, mehr und immer mehr.

Menschenaugen sahen in die Gesichter der Fliehenden, Menschenstimmen redeten sie an. »Hierher! – Schnell! Schnell!«

»Wer seid ihr?« keuchte der vorderste Fremde.

»Gute Deutsche wie ihr! – Die Pest über alles, was französisch ist!«

Kräftige Arme drückten die Widerstandslosen auf einen engen Sitz und fort ging es, ins Dunkle hinein, ehe Sekunden verrannen. Alle dreie waren voneinander getrennt, aber als die beiden Franzosen aus dem Nebel auftauchten, fanden sie die Stelle leer, ihre vermeintlichen Gefangenen hatten unbeschadet den rettenden Hafen erreicht.

Wieder krachten Büchsenschüsse durch die Nacht, wieder folgte das tolle Lachen der Sieger, diesmal vielstimmig, aus Nähe und Ferne zugleich.

Es huschte und eilte über den grauen dampfenden Schlick, es wirbelte durcheinander von sonderbaren Gestalten. Wie ein Volk von Zwergen tummelte sich‘s auf dem Emswatt, wie Mücken im Sommer umschwärmten spöttische Zurufe die beiden erbitterten Franzosen. Sie hörten alles, sahen aber nichts.

»Monsieur Renard«, sagte kopfschüttelnd der Polizeimeister, »wissen Sie, was ich glaube, oder vielmehr, wovon ich ganz fest überzeugt bin?«

»Nun, Herr von Lemosy?«

Der andere beugte sich näher zu ihm. »Diese Deutschen haben bisher geschlafen«, sagte er, »aber sie beginnen jetzt langsam zu erwachen. Wir werden dann erst die Tatze des Löwen wirklich kennenlernen.«

»Bist du es, Heinz Thiedemann?« fragte Onnen.

»Allstunds, junger Herr. Was tust du denn auf dem Emswatt? Willst doch nimmer ein ›Buttjer‹ (Schlammfischer) werden? Das wäre für den Kapitänssohn zu geringe, wie mir deucht.«

Onnen schüttelte traurig den Kopf. »Das ehrliche Gewerbe ist niemals zu geringe, Heinz – du brauchst nicht zu flüchten, wenn dir französische Zollwächter begegnen.«

»Aber du mußtest es, weil du Kontrebande bei dir führtest. Na, darum gräme dich nicht, Junge; die Gelbgesichter sind ja fremde Eindringlinge, denen wir Schoß und Zoll rechtlich nicht zu leisten brauchen, sondern nur, weil sie eben die Gewalt besitzen.«

»Na, Onnen«, fuhr er gutmütig bittend fort, »steige aus, Junge; ich muß fischen, wenn nicht meine Kinder morgen hungern sollen.«

Unser Freund sprang leichtfüßig aus der »Kreie«, dem sonderbaren Fahrzeuge, das seinem Baue nach unseren Kinderschlitten gleicht. Eisenreifen umgeben die unteren Ränder, am Vorderteil befindet sich ein großer offener Kasten und im Hinterteil liegt fest ein ausgehöhlter Block, in den der Buttjer das Knie preßt, um dann mit dem rechten Fuße gleichsam zu rudern oder zu schieben, wobei die »Kreie« mit der Geschwindigkeit des laufenden Pferdes über das Watt schießt.

»Wo hast du deine Reusen, Heinz?«

»Gleich vor uns. Wer war mit dir, Junge? Dein Vater?«

»Nein, zwei ganz Fremde, der Himmel mag wissen, wer sie sind. Ob sie wohl glücklich davonkamen, Heinz?«

»Natürlich. Meine Kameraden werden so wenig einen Verfolgten im Stiche lassen, wie ich selbst es täte. Aha, da beginnt die Jagd!«

Aus dem grauen schlüpfrigen Wattgrunde erhoben sich viereckig angebrachte feste Zäune von Birken- oder Weidengeflecht, die etwa den Flächenraum eines gewöhnlichen Zimmers umschlossen und deren dichte Wände keinen noch so kleinen Fisch hindurchließen. Jede dieser Fanggruben war angefüllt mit zappelnden, ängstlich in den kleinsten Vertiefungen Schutz suchenden Meeresbewohnern, denen jetzt der Buttjer den Garaus machen wollte. »Das habe ich noch nie gesehen«, rief Onnen, mit lebhaftem Interesse die eigentümliche Jagd beobachtend. »Deine Reusen befestigst du zur Ebbezeit, nicht wahr, Heinz?«

»Natürlich. Die Flut geht hoch darüber hinaus, und was mit derselben hineingerät, das findet nachher keinen Rückweg.«

Er sammelte mit beiden Händen große Butten, Schellfische, Schollen, Zungen und Makrelen, endlich hoben beide mit vereinten Kräften einen großen Kabeljau in den Kasten, ein Ungeheuer, das der Schlammfischer gleich an Ort und Stelle schlachtete, um es nur mit sich führen zu können.

Jede Reuse trug ihr Zeichen, das von den Buttjern unbedingt geachtet wurde. Wie Schatten, geräuschlos und mit Windeseile schossen sie im Nebel aneinander vorüber, keiner aber stahl dem anderen auch nur ein einziges jener kleinen silbernen Fischchen, die unter der Bezeichnung »Stinte« in den Handel kommen und die zu Tausenden in allen Rillen und Löchern umherzappelten.

»Wie weit pflegst du zu gehen, Heinz?« fragte Onnen.

»Bis zur Paap (Sandbank in der Ems). Dort liegt ein Langboot, das die Buttjer gemeinschaftlich halten.«

»Und auf dem ihr mich mitnehmt nach Larrelt?«

»Allstunds, junger Herr.«

Die Flut mußte jetzt bald eintreten, schneller und schneller eilten der Schlammfischer und sein Kamerad über das Watt, dessen Nebel sich allmählich zu zerteilen begannen. Hell stand der Mond am nächtlichen Himmel, das Treiben auf dem Schlick beleuchtend, die Arbeit der emsig sammelnden Menschen und den Schmaus der Raubvögel, die mit dem fürlieb nahmen, was jenen zu gering erschien.

Auch hier Kampf und Streit, Flügelschlagen und Schnabelhiebe, auch hier Feldgeschrei und heißes Ringen um den Platz an der großen Tafel, die Gott der Herr für jedes seiner Geschöpfe gedeckt hat und in erbarmender Liebe täglich neu mit Speise füllt. Aufatmend hielten zu beiden Seiten des tieferen Fahrwassers die Schlammfischer mit ihren hochbeladenen Kreien inne.

Vor ihnen lag die Paap, eine öde, langgestreckte, bei tiefster Ebbe von den Meereswellen – die in den Emsfluß hineinströmen und ihn füllen – freigelassene Sandbank.

Weit und breit war kein Boot zu entdecken.

»Was beginnen wir Jetzt?« fragte etwas unruhig der Knabe. »Pst! Ich will es dir gleich erklären. Siehst du da auf dem Sande die großen, träge hingestreckten Tiere?«

»Die Seehunde? Natürlich.«

»Na, dann gib nur acht. Es sind jedenfalls Jäger hier und um ihretwillen ist unser Boot in der Entfernung geblieben.«

Sie hielten sich eine Zeitlang vollkommen lautlos, dann zupfte der Buttjer seinen Genossen am Ärmel und deutete auf die Sandbank. »Jetzt gib acht, junger Herr!«

An der anderen Seite der Paap erschienen in diesem Augenblick fünf oder sechs Männer, die sich sogleich mit lautem Geschrei und Armschwenken der Mitte näherten, wobei die scheuen Seehunde, aus ihrer behaglichen Ruhe aufgeschreckt, kopfüber in das Wasser schossen, gerade dadurch aber in die Hände ihrer Verfolger fielen.

Sobald die großen plumpen Tiere verschwunden waren, erwachte rings umher neues Leben. Zwei Fischerboote kamen von rechts und links herbei; mit allen Kräften wurde ein großes, aus starkem Geflecht verfertigtes Netz zusammengezogen und aufgewunden.

Unter dem Wasser schien ein gewaltiger Aufruhr zu toben. Die Wellen spritzten hoch hinauf gegen das Ufer, schäumten und brodelten, bewegten sich dermaßen, daß die Boote schaukelten; dann, nachdem ein ungeheures, von zwei Fahrzeugen zur Zeit der weichenden Flut ausgesegeltes Netz emporgehoben war, entstand eine plötzliche Stille. In den Maschen zappelten zwei große Seehunde.

»Nur zwei!« rief Onnen. »Und wenigstens zwölf waren vorhanden.«

»Das ist immerhin noch eine gute Jagd. Sehr, sehr häufig gelingt es sämtlichen Seehunden, nicht allein zu entkommen, sondern sogar auch das Netz zu zerreißen!«

Die Fischer ruderten ihre beiden Boote nahe aneinander heran und fünf Männer brachten mit vereinten Kräften die gefangenen Tiere in den großen durchlöcherten Kasten, der wie ein zweites Boot hinter dem ersten durch das Wasser glitt.

Von fernher näherte sich auch das Langboot der Buttjer und außerdem ein weißes Segel, das Heinz Thiedemann nicht gleich erkannte. »Ich glaube, es ist eine Schaluppe«, sagte er, »aber was will sie hier?«

Onnen beobachtete scharf. »Die ›Taube‹!« rief er. »Mein Vater kommt, um mich abzuholen.«

Die Flut rauschte auf, Kreien und Fischkörbe wurden in das Boot geschafft; von frischem Wind getrieben, kam die Schaluppe unter vollen Segeln heran. Heye Wessel hielt Wache am Steuer, er war nicht wenig erstaunt, den Sohn des Kapitäns hier in der Gesellschaft der Schlammfischer zu finden, dann aber lachte er, als ihm der Zusammenhang der Dinge erzählt wurde, recht behaglich und gab dem Buttjer ein reichliches Trinkgeld als Entschädigung für die gehabte Mühe.

Onnens Abschied von seinem Retter war sehr herzlich; der arme Heinz hatte wohl lange keinen so guten Zug getan wie eben heute. Er schwenkte noch die Mütze, als schon die Schaluppe weit ausholte, um zu wenden und wieder in See zu gehen.

Onnen suchte sein Lager, erzählte aber vorher dem aufhorchenden Riesen die Geschichte des letzten Tages, einschließlich des Abenteuers mit den beiden Unbekannten, welche auf so geschickte Weise den Paß erbeutet hatten.

Heye Wessel dampfte ganze Wolken. »Muß doch ein tüchtiger Kerl sein, der Fremde«, meinte er, »einer, der sich nicht ins Bockshorn jagen läßt. Unser Paß für Poppinga und Sohn soll ihm übrigens wohl bekommen – wir hätten den Wisch doch nicht weiter brauchen können, er ist schon gar zu häufig und von den verschiedensten Leuten benutzt worden. Dein Monsieur Renard, der Schnüffler, hat ihn ohne Zweifel früher gesehen und wiedererkannt! – Gerade auf die Nase fiel er, der feine Herr?«

»Gerade auf die Nase!« wiederholte Onnen, schon halb schlafend. »Ha, ha, ha, so sollen sie alle purzeln – alle!«




3


Über die öde braune Moorfläche, wo jetzt eine breite Landstraße von Emden nach Aurich führt, zog im Sonnenbrand eine Abteilung französischer Infanterie. Zwei Offiziere ritten voraus und hintendrein rumpelte schwerfällig ein Gepäckwagen, auf dem ein Schreiber des Präfekten, ein Emdener Kind, Platz genommen hatte, um den Franzosen als Dolmetscher zu dienen.

Vor der kleinen Truppe und hinter derselben, überall dehnte sich das nackte unübersehbare Moor. Wie auf der offenen See bemerkte der Blick keinen noch so unbedeutenden Gegenstand, keine Erhöhung irgendeiner Art, überhaupt nichts als Luft und Erde, als eine pfadlose braune Wüste, von der sich das Auge beinahe mit Grauen abwandte.

Lautlosen Fluges erhob sich dann und wann aus den tiefen schlammigen Rissen des Bodens eine Sumpfeule mit grauem Gefieder, Bekassinen schrien ihr heiseres »Rätsch! Rätsch!« oder eine Rohrdommel erhob klagend, ohne sich zu zeigen, die Stimme: »I prumb hu hu‹ i prumb hu hu!« – bis der Ton wie eine Totenklage die Herzen der Franzosen durchkältete.

»Sapristi!« rief einer der Offiziere, »ob das noch dieselbe Erde ist, auf der Frankreich liegt? Man glaubt sich in den Vorhöfen der Hölle zu befinden.«

Der andere nickte. »Dabei scheint jetzt noch die Sonne hell und warm vom Himmel herab, Monsieur Renard, aber nun lassen Sie es Winter werden, denken Sie sich die Luft grau wie den Boden, eisig kalt, den Wind pfeifend, ein tolles Schneetreiben vor sich herjagend – das Herz in der Brust müßte erstarren.«

»I prumb hu hu! – I prumb hu hu!«

Monsieur Renard riß die Pistole aus dem Sattel. »Wo ist der verfluchte Vogel?« rief er, »ich will ihm den Hals umdrehen!«

»Halloh! halloh! – ein Rudel Hirsche!«

Das Rotwild war aus einer Niederung, in der es lagerte, aufgeschreckt worden und stürmte nun vollen Laufes davon. Der Leithirsch mit hoch erhobenem Kopfe eilte voran, ihm folgten mehrere jüngere Hirsche und dann das weibliche Wild mit den Kälbern, zusammen etwa zwanzig Köpfe. Die schönen flüchtenden Tiere glichen auf dem braunen Erdboden einem Gemälde, das alle Beschauer entzückte, wenn auch in sehr verschiedener Weise.

»Endlich lebende Wesen!« rief Monsieur Renard, »es war hohe Zeit. Eine Art von Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt.«

Hinter ihm krachte ein Schuß und der Leithirsch sprang hoch in die Luft, er taumelte, überschlug sich und stürzte, während seine Genossen mit wilder Hast zur Rechten und Linken an ihm vorüberstürmten, nur darauf bedacht, das eigene gefährdete Leben zu retten, unbekümmert um ihr Oberhaupt, dessen letztes Röcheln das laute Siegesgeschrei der Franzosen gewaltig übertönte.

»Zur Jagd! zur Jagd! Kein Tier darf lebend davonkommen.«

Monsieur Renard wandte lächelnd den Blick. Als echter Sohn seines Landes hatte er für das Großartige, Fremde dieser Moorlandschaft, dieser todesstillen Einöde kein Verständnis, er brauchte Lärm und wechselnde Bilder, um der inneren Langeweile zu entgehen; eine Jagd war dazu gerade das rechte Mittel.

»Drauf, meine Kinder!« rief er. »Holt sie! holt sie!«

Der Emdener Ratsschreiber auf seinem harten Sitz ballte verstohlen die Faust. »Schandbuben!« dachte er, »Raubgesindel! Da wird alles abgeschlachtet, was gut schmeckt! O die armen Tiere! – Unser schönes Rotwild!«

Aber laut durfte er nichts sagen; die Franzosen verfolgten mit Ungestüm, ohne alle Rücksicht auf die Gesetze der Jagd das fliehende Wild. In weniger als einer Viertelstunde hatten ihre Büchsenkugeln die schutzlosen Hirsche und Kälber ereilt; durcheinanderschwatzend und lachend weideten sie dieselben aus, schnitten das Fleisch ab und beluden sich jeder mit dem, was er schleppen konnte. Breite Blutlachen bezeichneten die Stelle, an der noch vor einer Stunde das Wild so ruhig lagerte.

»Heda!« rief der Offizier zu dem Insassen des Gepäckwagen hinüber, »kommt denn nicht bald ein Dorf, Herr? – Man möchte essen.«

Der Ratsschreiber lächelte verstohlen. »Das Dorf kommt«, antwortete er, »aber ob sich große Vorräte finden werden, das ist eine andere Frage.«

Ein mißtrauischer Blick traf sein Gesicht, dann ritt der Offizier schweigend weiter, bis sich nach und nach in einiger Entfernung ein dichter, dem Boden entströmender Rauch bemerkbar machte, ein Etwas, das den Atem beklemmte und Tränen in die Augen trieb.

Monsieur Renard schnupperte. »Was ist denn nun das?« rief er. »Nirgends ein Haus und doch eine Feuersbrunst. Sapristi, wie das beißt!«

Sämtliche Soldaten niesten und husteten. Der Qualm wurde immer ärger, bald sah man im dichten Rauche auch die Flammen und zwischen ihnen schwarze Gestalten, die mehr Kobolden oder bösen Geistern als Menschen von Fleisch und Blut glichen. Jeder dieser Leute hielt in den Händen eine langstielige eiserne Pfanne, mit der er kräftigen Schwunges die Feuerbrände nach allen Richtungen auf den Acker verteilte.

Hände, Gesicht und Anzug geschwärzt, den Bart versengt und das Zeug zerlumpt, so erschienen die Moorbrenner vor den Franzosen, ohne von ihnen sonderlich Notiz zunehmen. Die armen Leute bearbeiteten mühsam den unfruchtbaren Boden, um da, wo die Flamme das Gestrüpp zerstört hatte, im nächsten Jahre Buchweizen säen zu können, sie schleuderten die Brände stumpfsinnig nach allen Seiten und schienen von dem fürchterlichen Rauche in keiner Weise belästigt zu werden.

»Vorwärts! Vorwärts!« kommandierte Monsieur Renard. »Das ist nicht auszuhalten; ich will lieber vor dem Feinde stehen als hier. Sie da, Schreiber, wo bleibt denn schließlich das Dorf, he?«

Der Emdener deutete mit erhobenem Arme nach links. »Da sehen Sie schon die Häuser, Herr Leutnant.«

Monsieur Renard zog die Lorgnette hervor. »Das da?« rief er. »Beim Himmel, es ist eine Kolonie von Zwergen, die dort hausen muß. Lauter Hundehütten!«

Doch dann sagte er: »Einerlei, einerlei – wo Menschen leben, da gibt es frisches Wasser, Eier, Butter, Gemüse, das Fleisch bringen wir ja schon mit.«

Der Ratsschreiber lächelte wieder, aber er sprach kein Wort.

Eine Gruppe von Hütten, regellos auf das Moor gestreut, trat allmählich immer klarer hervor. Aus Lehm erbaut, mit einem Binsendach versehen, glichen diese Wohnungen den Scheunen und Ställen, welche man heute noch bei besonders armen Landbewohnern trifft. Zwei kleine Fenster hingen windschief in der zerbröckelnden Wand, die Sparren standen zum Dache heraus, die Tür war niedrig und der Schornstein fehlte ganz. In einem Anbau, der unmittelbar an das einzige Gemach der trostlosen, mit grauer Erdfarbe überzogenen Behausung stieß, in einem lichtlosen schmutzigen Winkel grunzte ein Schwein, während einige zerzauste Schafe auf dem umgebenden Moor die wenigen dürren Halme suchten.

Von Menschen war nichts zu sehen, selbst die Kinder, sonst überall zahlreich vertreten, schienen hier zu fehlen.

Monsieur Renard ließ seine Leute halten, er wischte sich mit dem Taschentuche den Staub aus der Stirn.

»Sucht einen Brunnen!« rief er ärgerlich.

Der Ratsschreiber kletterte von seinem unbequemen Sitz, um sich wenigstens einen Augenblick zu strecken. »Herr Offizier«, sagte er, »Brunnen gibt es hier überhaupt nicht.«

Der Offizier sah ihn groß an. »Mein Gott«, rief er ganz fassungslos, »was trinken denn die Leute?«

Der Schreiber deutete auf eine Tonne, die vor dem nächsten Hause in den Boden gegraben war. »Regenwasser!« antwortete er. »Da ist die Zisterne.«

Ein hölzerner Eimer hing an der Kette vom Querbalken herab und einer der Soldaten ließ ihn fallen um einen Trunk zu schöpfen, aber als das wenige Naß seinen Blicken begegnete, wich er schaudernd zurück. »Das ist doch kein Wasser!« rief er.

Die Flüssigkeit war braun wie der Erdboden, undurchsichtig und mit allerlei kleinen treibenden Splittern und Halmen vermischt. Es schien unmöglich, diese dicke Suppe zu genießen.

»Pfui!« rief der Franzose. »Sucht in den Häusern nach Bier oder Milch, Leute!«

Die Franzosen öffneten sogleich alle Türen und durchforschten jede dieser elenden Hütten, während der Ratsschreiber den Offizieren alle mögliche Auskunft geben mußte.

Nur einige kranke Personen oder kleinere Kinder wurden angetroffen. Der Fußboden in den Wohnungen bestand aus festgestampftem Lehm, die Möbel aus einem großen Strohlager, einem rohen hölzernen Tische und einigen Stühlen nebst Küchengerät. Keine Vorhänge verhüllten die Fenster, keine Blume blühte, kein Vogel sang – es waren Stätten der äußersten trostlosesten Armut

»Was essen die Leute?« rief der Franzose, »was treiben sie? Mein Gott, das ist eine Stätte der Verdammnis!«

Der Ratsschreiber nickte. »Viel besseres wirklich nicht«, gestand er seufzend. »Hier wohnt das ärmste Volk unseres Landes, häufig Gesindel, das schon mit dem Zuchthaus Bekanntschaft machte, verlaufene Strolche aller Art. Andere als nur solche würden aber in einem Moordorfe nicht leben wollen, weil doch der Aufenthalt zu unerträglich ist. Die Leute haben ihren Buchweizen und ihr Schwein – mißrät der erstere und stirbt das letztere, so sieht die Hungersnot zur Tür hinein.«

Monsieur Renard schüttelte sich. Er ließ die Soldaten wieder antreten und tröstete sie im Hinblick auf das Fehndorf, welches ja bald erreicht sein werde. »Wo doch nur die Bewohner sind?« sagte er kopfschüttelnd. »Es ist alles wie ausgestorben.« »Die Männer haben Sie beim Moorbrennen gesehen«, antwortete der Schreiber, »die Frauen handeln in den Städten mit Besen; ihre kleinen Kinder tragen sie dabei im Tuche, die größeren müssen nebenherlaufen.«

»Brr! – Ein schreckliches Land, dieser nordwestliche Winkel Germaniens, von dem schon Plinius sagt: die Bewohner sitzen auf feuchten Erdklumpen und haben nichts zu trinken! – Vorwärts, vorwärts, einmal muß ja das grauenhafte Moor ein Ende nehmen!«

Der Marsch begann aufs neue; die durstigen ermüdeten Soldaten murrten laut und die Sonne schien brennend heiß vom Himmel herab. Buchweizenfelder lagen zur Seite des Weges, andere ebenso trostlose Moorhütten – dann kam endlich der Augenblick, wo Monsieur Renard durch seine Lorgnette vor sich einen etwas erhöhten Gegenstand sah.

»Sie, Herr, was ist das da? Man könnte es wahrhaftig für eine Mastspitze halten!«

»Und hätte damit das richtige getroffen, Herr Leutnant. Es ist wirklich eine solche.«

»Was?«

»Es ist eine solche, sage ich.«

Über dem braunen Erdboden erschienen kleine bunte Fähnchen, wie Kinderspielzeug in Reihe und Glied aufgestellt, noch mehr Mastspitzen, endlich rote Ziegeldächer, helle silberne Rauchwölkchen, die sich lustig zum Himmel erhoben. Mit jedem Schritt über das öde Moor erweiterte sich das Panorama da unten, ein Dorf kam zum Vorschein, Fruchtbäume, Gärten, saubere Straßen, Schiffe und endlich ein Kanal.

Mitten im dürren wüsten Moor, meilenweit von der See, von der Ems entfernt, tief im Herzen des Binnenlandes Schiffe! Das war ein unerwarteter Anblick.

»Dort wird es wenigstens Lebensmittel geben!« rief Monsieur Renard.

Der Ratsschreiber sah unruhig hinab auf das kleine blühende Gemeinwesen zu seinen Füßen. Ob die arglosen Fehnbauern ohne Plünderung davonkommen würden?

Die Soldaten begannen schon zu singen. Da unten harrte ihrer eine reiche Beute.

Zwischen Obstbäumen lagen Kirche und Schule, dörfliche Läden zeigten ihre bescheidenen Warenvorräte, und aus allen Enden und Winkeln strömte das kleine Völkchen herbei, um die fremden Ankömmlinge zu bewundern.

Hinter den Scheiben erschienen bleiche Gesichter; der Vogt eilte den gefürchteten Gästen entgegen, um zu hören, weshalb sie kämen – das ganze Dorf versammelte sich auf der einzigen, den Kanal begrenzenden Straße.

Vor jeder Haustür lag ein Fahrzeug, bald ein größeres Schiff, bald ein Langboot, das nur den kostbaren Schlick des Emswatts hierher brachte auf das unfruchtbare Moor, Torfkähne aller Art, selbst größere Schaluppen, die den Brennstoff einnahmen, um ihn den Städten zuzuführen und dafür Waren oder – Dünger nach Hause zu bringen.

Alles glänzte in tadelloser Sauberkeit, im Schmucke bunter Blumen und Wimpel. Alles zeigte auf den ersten Blick jenen behäbigen Wohlstand, der genügende äußere Mittel besitzt, um über die nackte Plage des Daseins hinaus seine Umgebung hübsch und bequem einzurichten.

Monsieur Renard strich sich den Bart. Er ließ den Vogt kommen und seine Leute in Reih und Glied aufziehen, dann erfolgte eine Proklamation des Präfekten Jeannesson, übersetzt vom Ratsschreiber und mit dem furchtbarsten Erschrecken von den Einwohnern vernommen. Die armen Leute glaubten ihren Augen, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

Auf Norderney sollten Schanzen gegen die Engländer erbaut werden und dazu brauchte Seine Majestät der Kaiser sowohl Mannschaften wie Schiffe. Kapitän d‘Ortalan und Leutnant Renard waren beauftragt, beides herbeizuschaffen; sie zogen von einer Fehnkolonie zur andern, um sämtliche Fahrzeuge mit ihrer Bemannung nach Norddeich zu bringen. Die nötige Erde konnte hier genommen werden und dann der Bau vonstatten gehen.

Als die Hiobspost verlesen war, ließ der Kapitän seine Leute bei den Bauern einquartieren, und nun begann ein allgemeines Gelage, in dessen Verlauf die Leute hergeben mußten, was Küche und Keller enthielten. Während gänzliche Verarmung, der Ruin alles Bestehenden durch den auf sämtliche Fahrzeuge gelegten Beschlag unausbleiblich schienen, mußten die hartbetroffenen Menschen noch ihre Vorratskammern öffnen und das Beste, was sich darin vorfand, preisgeben – die französische Willkür trat eben damals zur Befriedigung ihrer Wünsche, ihrer üppigen Genußsucht ganz Deutschland rücksichtslos mit Füßen.

Kapitän d‘Ortalan und Leutnant Renard begaben sich in das Haus des Predigers, um jedenfalls für sich das bequemste Plätzchen zu erhaschen, aber sie wurden von dem geistlichen Herrn sehr kühl empfangen, nicht in das Familienzimmer geführt und keiner Unterhaltung gewürdigt; man gab Lebensmittel und Wohnung, aber das war alles.

Bald erschienen auch mehrere Kapitäne und Schiffer, um gegen die angeordnete Maßregel Einspruch zu erheben; sie zeigten ihre Papiere, nach denen eingegangene Verpflichtungen zu erfüllen waren, sie baten und flehten, aber ganz umsonst, schon am nächsten Tage sollten sämtliche Fahrzeuge, Schiffe und Kähne nach Norddeich unter Segel gehen.

Wie ein Blitzstrahl hatte die Gewaltmaßregel die Kolonie betroffen. In allen Häusern flossen bittere Tränen, rangen Männer und Frauen dem hereinbrechenden Verhängnis gegenüber die Hände. Mit den Schiffen schwand auch die Möglichkeit der Arbeit, der ehrlichen bürgerlichen Existenz.

Die Soldaten sangen und jubilierten. Sie hatten die Hirschkeulen gebraten, das junge Gemüse aus den Gärten geraubt, die Früchte von den Sträuchern, Bier und Wein aus den Kellern; sie ließen sich‘s wohl sein, indes ihre unwilligen Wirte voll bitterer Angst die Hände zum Himmel erhoben.

Kapitän d‘Ortalan runzelte die Stirn. »Mir scheint, daß man den Befehlen Seiner Majestät sehr unwillig nachkommt«, sagte er in scharfem Tone. »Das Volk hegt rebellische Gedanken – wäre es nicht gut, ein Exempel zu statuieren?«

»Sicherlich!« nickte Monsieur Renard. »Je fester wir die Zügel erfassen, desto leichter wird unsere Aufgabe.«

Das Dienstmädchen des Predigers erhielt den Befehl, schleunigst den Vogt herbeizuschaffen, und als der Geängstigte kam, da fuhr ihn Kapitän d‘Ortalan sogleich grob an, sprach von schärferen Maßregeln und strenger Handhabung der Gesetze, dann erwähnte er, daß in der Familie Seiner Majestät des Kaisers heute ein Geburtstag gefeiert werde. »Es bedarf zur Verherrlichung des Tages einer Illumination«, schloß er seine Rede, »bei Beginn des abendlichen Dunkels sollen vor jeder Fensterscheibe zwei Lichter brennen, außerdem gebe ich den Soldaten einen Ball, wozu das Dorf die nötigen Musiker sowie Getränke und Speisen zu liefern hat. Alle Frauen und Mädchen müssen in ihren Sonntagskleidern erscheinen.«

Der Vogt wurde blaß. »Wenn sie nun aber nicht tanzen wollen!« rief er voll heimlicher Furcht.

Ein boshaftes Lächeln kräuselte die Lippen des Franzosen. »Dann gebe ich meinen Leuten die Erlaubnis, sich ihre Damen selbst einzuladen«, versetzte er.

Und der Vogt schwieg. Es half nichts, sich den Gewalthabern entgegenzustemmen, selbst wenn die heiligsten Rechte bedroht waren.

Von Tür zu Tür huschte die schlimme Botschaft, von einem erschreckten Menschenherzen zum andern; als der Abend herabsank, glühten langsam, einzeln, die befohlenen Flämmchen in den Fenstern auf und warfen spielende rosige Lichter hinüber zum Kanal, in dessen Fluten es wie helle Sterne zu glänzen schien. Haus nach Haus in langer Reihe schmückte sich mit den glitzernden Lichtern, – blassen Antlitzes schlichen die Dorfmusikanten mit Fiedelbogen und Klarinette zum Tanzsaal.

Gedrängt an den Wänden, ängstlich blickend und stumm saßen Frauen und Mädchen. Von den Männern des Dorfes hatte kein einziger den Tanzplatz betreten, aber alle standen im Hofe des Wirtshauses und in aller Herzen lebte ein trotziger, verwegener Entschluß. Wenn da drinnen eine Ungebühr geschah, sollten die Franzosen an diesem Abend erfahren, wie ihnen im Grunde die Deutschen gesinnt waren.

Es kam nichts dergleichen. Die lebensfrohen Soldaten dachten nur an das Vergnügen, obwohl dasselbe sonderbar genug ausfiel. Stumm reichte der Wirt das verlangte Getränk, stumm erhob sich die Tänzerin, wenn der Kavalier mit zierlicher Verbeugung nahte – es lag ein Grabesschweigen auf dem ganzen Feste.

Der Fiedelbogen glitt über die Saiten, bleiche ernste Männergesichter sahen in die Fenster hinein und im Kanal spiegelten sich die Hunderte von Lichtern der anbefohlenen Illumination.

Es betete während dieser Stunden wohl unbewußt jegliches Herz; nur ein einziger, aber ein glühender, leidenschaftlicher Wunsch lebte in den Herzen aller. Möchte Deutschland frei werden, möchte es das verhaßte Joch des Todfeindes, des dreisten, unleidlichen, doch endlich – endlich abschütteln können.

Am folgenden Tage gingen alle Schiffe und Kähne der ganzen Kolonie ab nach Norddeich, wo es natürlich damals noch keine von dem flacheren Strande bis zum Fahrwasser hinabführende Brücke gab, sondern wo die Erde zu Wagen an den Deich und mit dem Boote an das Schiff befördert werden mußte.

Sämtliche Bauern und Seeleute waren zu den erforderlichen Arbeiten einfach gepreßt worden; die Franzosen hatten es mit ihrem Schanzenbau sehr eilig, sie konnten nicht warten; denn in der Nähe von Norderney lagen wieder zwei neue englische Kauffahrteischiffe voll verbotener Waren und der Schleichhandel gewann immer größeren Umfang.

Es hatte während der letzteren Nächte sogar kleine Scharmützel gegeben; dennoch aber entkamen die Schmuggler, und nun sollte ihnen der Garaus gemacht werden. Was sich zwischen der Insel und dem ostfriesischen Festlande zeigte, das bohrten die Kanonen in den Grund, gleichviel, wen ihre Kugeln trafen.

Ganz Norderney war in Aufruhr, alle Männer ballten die Fäuste. Lahmgelegt der ehrliche Erwerb, ausgebeutet und ausgeplündert das arme Land, nun auch noch das letzte, der Fischfang unmöglich gemacht – was sollte endlich daraus werden?

Es gab nichts Gewinnbringendes mehr als nur den Schleichhandel. In Hamburg wurde sogar Marschall Neys Equipage tagtäglich zum Transport eingeschmuggelter Waren benutzt; das hatte jemand in Norderney erzählt und damit dem herrschenden Schmuggel neue Sympathien zugeführt. Die Schiffer verbündeten sich mit den Arbeitern am Lande – jede Karre erhielt einen doppelten Boden und jede Fuhre, welche die Franzosen umsonst verlangten, brachte den gemaßregelten Leuten einen guten Verdienst ins Haus.

Der Kaffee kostete eine Steuer von zwei Frank das Pfund, da verlohnte es sich schon der Mühe, auch die kleinsten Mengen einzuschwärzen.

Alle Schaluppen waren für den Schanzenbau in Dienst gestellt, aber an jedem vierten Tage durften die Fischer mit ihren Netzen auf die See hinausfahren, um den nötigen Bedarf für sich und ihre Familien einzufangen oder in Emden und Leer zu verkaufen, wobei dann ein französisches Kanonenboot jede Bewegung überwachte und bei dem geringsten auftauchenden Verdachte seine Soldaten an Bord der Schaluppe schickte, um dort nach versteckten Waren zu fahnden.

In vielen Häusern zeigte schon jetzt der Hunger sein Schreckensantlitz. Frau Douwe Visser seufzte, wenn sie an den Winter dachte. Sonst konnte man nach beendetem Sommerfang hinübergehen in die Städte und reichlich einkaufen, Kisten und Kasten waren schwer – aber wie würde es in diesem Unglücksjahre werden?

Dunkle stürmische Nächte folgten auf Tage voll Regen und kalter unruhiger Luft. Das Viereck für den Schanzenbau war abgesteckt und die Arbeit begann. Jede Fischerschaluppe hatte ihre Nummer, nach der Fahrzeug und Besitzer in Dienst gestellt oder auf einen Tag und eine Nacht entlassen wurden – die Franzosen gingen dabei nach dem Alphabet, so daß Klaus Visser und Heye Wessel immer miteinander frei waren, weil eben V und W zwei zusammenstehende Nummern ergaben.

Die beiden Wattführer brauchten, da sie keine Schiffe besaßen, nur bestimmte Tagesstunden hindurch zu arbeiten, ihre Nächte blieben unbewacht.

Es war an einem stürmischen rauhen Abend, als auf dem unruhig tobenden Wattenmeer an verschiedenen Stellen Lichter aufblitzten. Die beiden englischen Kauffahrer, bewaffnet und begleitet von einem Kanonenboot, kreuzten zwischen der Insel und dem Lande, während in ziemlicher Entfernung ein französisches Kanonenboot Wache hielt. Der erste Versuch, sich den Söhnen Albions etwas mehr zu nähern, war mit einer dem Schiffe durch die Takelage fahrenden Kugel beantwortet worden, man zog sich daher zurück im Bewußtsein, daß ja die Schanzen demnächst bewaffnet werden und das ganze Gebiet beherrschen würden, aber man beobachtete doch den Feind und auf beiden Seiten schlugen die Herzen voll todesverachtender Kampflust.

Die drei stattlichen Engländer lagen dicht nebeneinander, ihre Laternen waren weithin sichtbar, ihre Kanonen immer bereit, das vernichtende Feuer den Franzosen auf die Köpfe zu speien. Unter dem Bug des einen der Kauffahrer glänzte verstohlener Schimmer und warf spielende Silberstreifen auf die tobenden Fluten, auf das Bild einer weißen flügelschlagenden Taube an der Gallion einer Schaluppe.

An Deck stand der Kapitän und verstaute Kiste nach Kiste, wie sie ihm die englischen Matrosen aus dem weitbauchigen Innern des Schiffes zureichten. Der Kaffee konnte nur so, aber nicht in Säcken transportiert werden, da bei einer etwaigen Flucht oder Verfolgung von vornherein mit Durchnässung gerechnet werden mußte. Jetzt war die Schaluppe beladen, Lars Meinders und Onnen setzten die Segel, der Kapitän nahm den Platz am Steuer und nun hörte man den Schrei eines Regenpfeifers zwei- bis dreimal rasch hintereinander.

Aus einiger Entfernung erklang das gleiche Zeichen, dann wurde die Schaluppe von dem Dreimaster gelöst und vor den Wind gebracht; der Kapitän sah unverwandt durch ein Nachtfernrohr in die Gegend des französischen Kanonenbootes hinaus.

Zwischen diesem und der »Taube«, ziemlich weit von letzterer entfernt, segelte eine zweite Schaluppe, hochbeladen mit Kisten wie die erstere, dem gleichen Ziele, der Landungstreppe von Norddeich, entgegen. Wer sie genauer beobachtete, der mußte unwillkürlich glauben, daß dies Fahrzeug den Franzosen besser hätte aus dem Wege gehen können – es streifte fast den Lichtschein der »Hortense« und wurde von dort aus sogleich bemerkt.

»Ein Schmuggler!« raunte Chatellier.

Der Unteroffizier schüttelte schwermütig den Kopf. »Vielleicht der fliegende Holländer«, sagte er, »oder sonst ein Spuk. Seit jener Geschichte mit dem erschossenen Knaben verfolgt mich das Unglück auf allen Wegen.«

Mehrere andere Soldaten kamen hinzu. »Es ist eine wirkliche und wahrhaftige Schaluppe«, riefen sie, »man muß die Verfolgung aufnehmen.«

Der kommandierende Leutnant erhielt eine Meldung, die »Hortense« wurde gewendet und machte nun Jagd auf das langsam dahingleitende Fahrzeug. Fast im selben Augenblick schoß am Mast desselben das große Segel herauf, und wie eine Möwe flog der schlanke Bau vor dem Kanonenboot her durch die hochgehenden Wogen.

In den Augen des Unteroffiziers blitzte es auf. »Ein Schmuggler! Es ist einer, so wahr ich lebe! Vorwärts, Kinder, wir müssen ihn fangen!«

Alle Segel wurden beigesetzt, aber das kleinere Fahrzeug blieb dennoch bedeutend im Vorteil, da es sich schneller und gewandter zu bewegen vermochte. Sein Ziel war die Landungsstelle von Norddeich, das erkannte man auf dem Kanonenboot sofort.

»Keinen Schuß!« gebot der kommandierende Offizier. »Wir haben ihn!«

»Aber wenn draußen ein Engländer läge?«

»Dann würden wir es wissen. Der Bursche hat uns für weniger wachsam gehalten – jedenfalls ist in der Schaluppe eine Ladung englischer Waren.«

»Also gute Prise! Sollen wir ihm nicht einen Gruß hinübersenden?«

»Nein! Nein! Wohin will er entkommen? – Da wird ein Exempel statuiert, der Schiffer verliert bei dieser Geschichte den letzten Heller.«

Und der Franzose rieb sich zufrieden die Hände. Wie viele Verweise waren nicht schon von oben herab erteilt worden, wie viele ungnädige Bemerkungen gefallen. Noch niemals hatte man der Schmuggler habhaft werden können!

Und jetzt liefen sie der »Hortense« so plötzlich, so besonders glücklich in den Weg.

»Nur immer kaltes Blut! Es ist besser, wir bringen Schiff und Ladung unbeschädigt nach Emden, als daß wieder so ein paar Esel dabei sterben und die Bevölkerung immer mehr gegen uns aufgehetzt wird.«

Er ging mit stolzen Schritten über das Verdeck. Wie angenehm, morgen früh gehorsamst melden zu können: »Hier habe ich die Schleichhändler abgefaßt!«

Einem weißen Vogel gleich schwebte die Schaluppe, mit den Wellen stürzend und fallend, über das Meer. Am Steuer stand Heye Wessel und lächelte sonderbar, ganz sonderbar – der siegessichere französische Leutnant würde mit einigem Befremden dies stillvergnügte, vor Behagen glänzende Antlitz betrachtet haben.

Weit hinter dem Kanonenboot, ganz im Dunkel, ganz auf der Seite lief geräuschlos die »Taube« durch das Wasser. Der Wind heulte und die Wogen sprühten hoch über Deck – auf den drei englischen Schiffen war jedes Licht erloschen.

Die Fahrt nach Norddeich ist nicht lang; bei günstigem Winde genügen drei Stunden. Mehr als einmal während dieser Zeit hatte der französische Leutnant die Schaluppe angerufen, aber niemals eine Antwort erhalten – sie flog voraus unter dem Druck aller Segel, unaufhaltsam, als könne nur die größte Eile sie retten.

Immer ärger polterte der Wind, immer tiefer senkte sich die Finsternis herab auf Wasser und Land. Es regnete, ein Haufen schwarzer Wetterwolken stand am Himmel – nur unter Aufbietung seiner ganzen Sehkraft vermochte es der Leutnant, das weiße Segel im Auge zu behalten.

Der Schmuggler hoffte höchstwahrscheinlich, in der Nähe der Küste das flachere Fahrwasser zu erreichen und dadurch den Weg des tiefer gehenden Kanonenbootes abzuschneiden. Mochte er doch! Eine Menge von Schaluppen lagen in der Nähe; es ließ sich leicht genug auf Booten die Jagd fortsetzen.

Immer weiter, immer weiter. Diese Nacht mußte eine glückliche genannt werden.

Vorsichtig, im Bogen umfuhr die »Taube« das Kanonenboot und die Schaluppe, mit weißen Flügeln an Norddeich vorüberstreifend, weiter hinaus, bis wohin der Lichtschein von der Landungsstelle nicht mehr reichte. Da schaukelten mehrere Boote und dunkle Gestalten harrten zusammengekauert der Dinge, die da kommen würden.

Als die »Taube« nahte, verschlang das Brausen der Wellen den dumpfen Laut, welchen der herabfallende Anker verursachte. Die tanzenden Boote schwammen heran, immer mehr Männer tauchten auf aus der Finsternis, Kiste nach Kiste glitt herab, wie Eidechsen kletterten die Seeleute an der Böschung des Deiches empor und nach einer halben Stunde war das Schiff vollständig ausgeräumt.

»Rasch«, ermahnte der Kapitän, »wir müssen nach Norderney zurück, ehe die Flut weicht. In vier Tagen sind wir wieder hier.«

»So Gott will!« antwortete einer der Männer.

»Wird‘s schon wollen, Freund. Hat ja bisher immer noch geholfen. Adjes!«

»Adjes, Visser – grüße den Heye Wessel!«

Sie lachten beide, und unbemerkt, wie es gekommen war, schlüpfte das schlanke Fahrzeug, jetzt, wo der Ballast fehlte, mit ausgevierten Seitenschwertern wieder hinaus in das undurchdringliche Dunkel.

Vor Norddeich war unterdessen die erste Schaluppe, der »Kampfhahn«, beim Landungsplatze angelangt, verfolgt von dem Kanonenboot, dessen Kommandeur sogleich die erforderlichen Maßregeln anordnete. Eine Kette von Booten, alle mit französischen Soldaten bemannt, umstellte das Schmugglerfahrzeug, während die »Hortense« demselben ihre eine Breitseite zugekehrt hielt und so jede Flucht zur Unmöglichkeit machte.

Heye Wessel lachte immer noch wohlgefällig in sich hinein. Der Riese nickte sogar, als er aus seiner Flasche eine Herzstärkung zu sich nahm, ganz vertraulich nach der Richtung des Kanonenbootes hinüber. »Prosit, Franzmann, wohl bekomm‘s!«

Als der Morgen anbrach, schickte der Leutnant einen Boten nach Norden, von wo bald darauf mehrere Offiziere und der Unterpräfekt zu Wagen ankamen. Jetzt lagen die Kisten an Bord des »Kampfhahn« offen im Sonnenschein und alle Franzosen rieben sich die Hände. Schiff und Ladung verfielen der Beschlagnahme.

Mehrere Wagen waren zur Stelle, eine Abteilung Soldaten hielt mit aufgepflanztem Gewehr das Schmugglerschiff besetzt und vorsichtig wurden die Kisten in bereitgehaltene Boote herabgelassen. Fünfundzwanzig an der Zahl – ein hübscher Fang!

Heye Wessel und Uve Mensinga befanden sich mit geschlossenen Händen an Bord des Kanonenbootes; jetzt begann, von dem Unterpräfekten geführt, ein genaues, peinliches Verhör.

»Das Schiff ist Ihr Eigentum, nicht wahr?«

»Ja«, nickte der Riese.

»Weshalb hielten Sie nicht an, als man Ihnen vom Bord des Kanonenbootes zurief? Sie hofften zu entkommen, nicht wahr?«

»Allerdings«, gestand sehr zerknirscht der arme Sünder.

»Weil Sie sich der Übertretung bewußt waren? Weil Sie die Strafe fürchteten?«

»Ja! Ach Gott, ja!«

»Nun, das ist immerhin ein ehrliches Geständnis. An welchen Ort gedachten Sie den Inhalt dieser Kisten ursprünglich zu bringen?«

Heye Wessel seufzte. »Ja, du lieber Gott!« zögerte er.

»Heraus damit! Schnell!«

»Na, wenn es denn durchaus sein muß – ich wollte ihn in Norden verkaufen!«

»Natürlich. Und Sie dachten unbemerkt im Schutze der Dunkelheit an Land zu kommen, nicht wahr?«

»Ja, eben.«

Der Protokollführer schrieb, daß es knisterte, der Leutnant ging stolz wie ein Spanier in der Kajüte auf und ab.

»So, das wäre alles«, meinte der Unterpräfekt, »Sie müssen jetzt das Blatt unterzeichnen, Schiffer Wessel. Aber halt, noch eins! Was befindet sich in den Kisten?«

Jetzt sah Heye Wessel von einem zum andern; sein Gesicht war harmlos wie das eines Kindes. »Was darin ist?« wiederholte er, »ja, wissen es denn die Herren noch nicht? Sand natürlich, sauberer weißer Sand von den Dünen. Die in Norden kaufen ihn zum Putzen und.«

»Kerl«, rief der Leutnant, »Kerl, wenn du noch ein einziges Wort hinzufügst, drehe ich dir den Hals um!«

Er sprang mit drei Sätzen hinab in das Boot und riß dem nächsten besten Arbeiter die eisenbeschlagene Schaufel aus der Hand. Ein wuchtiger Hieb spaltete den Deckel der obersten Kiste – es war Sand darin, nichts als Sand.

»Hölle und Teufel«, schrie der erboste Franzose, »das ist ein neuer Betrug!«

Und er wühlte und wühlte, bis ihm das Blut unter den Nägeln hervordrang. »Wie ein erzürntes Kaninchen!« dachte Heye Wessel.

Der Boden der Kiste kam zum Vorschein, aber es war weiter nichts darin als nur Sand. Die Franzosen erkannten jetzt wohl sämtlich den Stand der Dinge; sie flüsterten miteinander und zuckten die Achseln, dann empfahlen sich die fremden Herren so schnell als nur möglich, verfolgt von dem Spottlächeln der Erdarbeiter.

Unteroffizier Durand löste mit einem Messerschnitt die Bande an den Händen der beiden Schiffer, dann schüttelte er bedeutsam den Kopf. »Allerlei Spuk!« murmelte er. »Es ist mir an Bord der ›Hortense‹ schon lange nicht mehr geheuer.«

Der Leutnant ballte die Fäuste; er verzieh es dem lächelnden Schiffer nicht, ihn so blamiert zu haben. »Was hindert mich, dich auf dem Fleck niederzuschlagen, du Schuft?« rief er, halberstickt vom heftigsten Ärger.

Heye Wessel zog gemächlich seine beiden Hände aus den Taschen. »Diese da!« nickte er, »und ich glaube, ein wenig auch die guten Leute, welche uns sehen und hören.«

Die Erdarbeiter, schon aufgeregt durch das, was eben vor ihren Augen geschehen war, die widerrechtlich und jählings aus allen ihren Verhältnissen herausgerissenen Erdarbeiter riefen Hurra. »Wenn der Franzose dich anfaßt, soll er es bereuen, Heye Wessel! Hurra für Deutschland!«

Und brausend dröhnte der Klang, hundertstimmig getragen, durch die heitere Sommerluft dahin über das Wasser.

Des Leutnants Augen blitzten. »Ich vergelte es euch« schwor er in seinem Herzen. »Gebt acht, ich vergelte es euch! Ihr habt mich herausgefordert und die Folgen sollt ihr allein tragen.«

Äußerlich beherrschte er sich. Die Schaluppe und das Kanonenboot mußten beide noch stundenlang warten, ehe sie wieder in See stechen konnten, dann aber, als es geschah, riefen Hunderte von Stimmen den Franzosen allerlei Spottreden nach.

»Wollen Sie denn nicht die Kisten mitnehmen, Herr Leutnant? Es ist doch Ihre Beute – ha, ha, ha.«

»Wartet! Wartet!« murmelte der Offizier. »Meine Stunde schlägt auch noch.«




4


Die breiten Gräben hinter der Schanze wurden ausgeschaufelt und dann das Seewasser hineingeleitet; Mann nach Mann schoben sämtliche Inselbewohner ihre Karren mit Klei und Erde vom Ankerplatz herauf bis an die Stelle, wo Befestigungen errichtet wurden, um Deutschlands Freunde zu vertreiben und das geknechtete Land immer ärger in die Willkürherrschaft des Korsen hineinzudrängen.

Französische Soldaten hielten Wache mit geladenen Gewehren und deutsche Seeleute erbauten Schanzen, deren Kanonen sie selbst und ihre Brüder vernichten sollten.

Die Abendsonne schien warm herab auf das kleine Norderney, auf die grabenden und Erde fahrenden Männer und auf die einsamen Dünen, deren lange Grashalme im Winde schaukelten.

Langsam gleitend kroch Aheltje, die Hexe, von einem Zwerggebüsch zum andern. Hinter ihr ging die graue Katze, schleichend wenn sie schlich, stillstehend wenn ihr Fuß anhielt. Die Alte suchte Vogeleier und murmelte vor sich hin, sobald sie ein Nest gefunden hatte.

»Zwei Eier mußt du mir geben, Vogelmütterchen, die andern laß ich dir. Weiß, wie es tut, seine Kinder zu verlieren, hab‘ fünf blühende Knaben der See opfern müssen – keiner ist zurückgekommen. Ach, ach, welch ein Leben!«

Die Katze spann, sie suchte die Blicke ihrer Herrin, als wolle sie sagen: »Mich besitzt du ja noch, wir beide haben einander lieb!«

Aheltje umfaßte mit beiden Armen ihren Liebling. »Es gibt Eierkuchen, Murr, hörst du, Eierkuchen und gebratene Fische!«

»Miau!«

»Dich freut‘s auch, was? – Ach, Murr, wenn‘s doch die letzte Mahlzeit wär! Wenn die ›Hexe‹ endlich sterben dürfte!«

Sie drückte das blasse verkümmerte Gesicht gegen den grauen Pelz und sah traurig hinaus auf das Meer. »Sie werden die ›Zauberin‹ mit der Heugabel fassen und ohne Sarg ins offene Grab werfen, Murr – tief hinunter in den rieselnden weißen Sand, wo der Tote immer weiter versinkt, immer weiter. Kein Kreuz kommt an die Stätte, keine Blume – sie sind so böse gegen ein lahmes krankes Weib, die Menschen!«

Aheltje weinte vor sich hin. Heute morgen war sie im Dorfe gewesen, um den wenigen Badegästen ihre Seesterne und Seeigel anzubieten, aber rohe Buben hatten ihr einen Hund entgegengehetzt; noch blutete die linke Hand von dem Bisse desselben und das zerfetzte Kleid zeigte neue Risse. Auch Murrs Ohrläppchen hing durchlöchert herab – ach, welch ein böser Tag war doch wieder einmal über die arme Alte gekommen.

»Einerlei, Murr«, sagte sie mit zuckenden Lippen, »einerlei, wenn mich auch die Menschen hassen, weil ich so unglücklich und so verkrüppelt bin – schlecht machen sollen sie mich darum doch nicht, ich will sie immer lieb haben nach Gottes heiligem Willen! Komm, mein Tier, komm – wir müssen weiter!«

Der Graue schlich wieder hinter ihr her und die Alte suchte zwischen allen Gebüschen, in den Graspflanzen und Erdlöchern nach Nestern. So kamen die beiden an ein enges Tal, wo hohe überhängende Wände der Umgebung ein gebirgsartiges Aussehen verliehen; auf dem Grunde wuchsen zwerghafte Erlen, während nur ein schmaler beschwerlicher Weg seitwärts hinabführte.

Wilde Kaninchen lugten aus Erdlöchern hervor und huschten ängstlich in ihre verborgensten Spalten; Heidelerchen erhoben sich zwitschernd zum Himmel; Schwalbenpaare schossen nach allen Richtungen durch die Luft.

Es war hier in der entlegensten Einsamkeit der Dünen so still, so feierlich wie in einem weiten, von Glanz und Gold erfüllten Dome. Die wilden Bienen sangen das Lied zu Gottes Ehre, leise rauschend flüsterten die Erlenblätter von der Vergänglichkeit alles Irdischen und jenem Frieden, den das gute Gewissen dem Menschen in aller Trübsal, aller Anfechtung sichert.

Roter Abendschein fiel auf das Weib im Bettlergewande und umhüllte es ganz. Aheltje bog die Erlenbüsche auseinander; sie klopfte mit dem Knöchel der rechten Hand gegen einen harten Körper, daß es hell und metallisch erklang.

»Es liegt noch da, Murr, hörst du, niemand hat es entdeckt!« —

Dann machte sie sich wieder in den Zweigen zu schaffen, ihre Hand fuhr hinein und brachte, als sie zurückkam, blitzende Goldstücke mit sich, es war ein seltsamer Anblick, das Weib in Lumpen mit dem reichen Schatze auf dem Schoß, ein seltsamer, unbegreiflicher Anblick!

Immer mehr, immer mehr. Es glitzerte und funkelte, es spiegelte sich wie tausend Diamanten im Abendsonnenglanz – spielend reckte Murr die Pfoten und fuhr täppisch zu, als wolle er den Reichtum haschen.

Aus der Spalte sah scheu das wilde Kaninchen. So viel Gold – und doch Tränen im Auge, Blut an der Hand – wie kommt das?

»Ruhig Murr, wir besehen nur einmal den Schatz, wir berühren ihn, den Götzen dieser Welt – es ist so eigen schaurig, Gold durch die Finger laufen zu lassen wie bloßes Wasser! – aber uns gehört davon nichts. Nein, nichts! Magst ruhig schlafen, Geerd Kluin, deine Tausende sind in sicherer Hut!«

Sie wiegte den Kopf, halb lächelnd, halb schluchzend, sie legte mit leiser Hand die Münzen wieder in den eisernen Topf unter dem Wurzelgeflecht der Erlen. »Seltsame Welt, blinde törichte Menschen! Vielleicht darbt und hungert der reiche Mann im fernen Hamburg und alles, was ihn erquickt, ist der Gedanke an sein vergrabenes Geld! Vielleicht sieht er‘s nie wieder, aber das letzte Stündlein wird ihm leichter, weil er weiß, daß auch andere es nicht erlangen werden.«

Sie deckte den Topf sorgfältig zu. »Liege, liege bis an den jüngsten Tag, bis Gott die Welt vor das Gericht fordert, Gute und Arge – alles was lebt!«

Sie raffte ihre Eier zusammen und die Wanderung über das zerklüftete Gebiet begann aufs neue.

Es wurde allmählich dunkel; Aheltje schlich an der Stelle des heutigen neuen Kirchhofes und der verstreuten einzelnen Häuser hinter der Marienstraße vorüber, ihrer Hütte zu; da sah sie vor sich auf dem Kamm einer Düne die hohe Gestalt eines Mannes, der seine Augen mit der Hand beschützte.

»Peter Witt!« murmelte die Alte. »Kain!«

Und sie lachte laut und verächtlich.

Der Genannte wandte den Kopf. »Du bist es, Hexe! Was hast du da, he? Zauberkräuter, denke ich!«

Er wollte ihr das zerrissene Tuch wegnehmen, aber sie schlug ihn derb auf die Finger. »Zauberkräuter!« wiederholte sie spöttisch. »Sollen deine Hände verbrennen, Peter Witt?«

»Ist‘s wahr?« flüsterte er, einen Schritt zurückweichend. »Du bist gut Freund mit den Schmugglern, alte Aheltje, du kochst ihnen wohl gar den Trank, der unsichtbar macht?«

»Ha, ha, ha – Murr, lachst du nicht? Das war kostbar, Peter Witt, dafür solltest du eigentlich noch einen besonderen Orden haben, einen französischen natürlich.«

»Den bekomme ich auch noch«, rief er eifrig, »allen deinen Künsten zum Trotz, alte Hexe. Sieh dahin, die englischen Schiffe sind fort!«

»Und was kümmert das dich, Peter Witt?«

»Viel! Viel!« rief der Spion. »Wo wird jetzt das Gut gelandet, wo arbeiten die Schmuggler? Ich will und muß es erfahren, so kann die Sache nicht länger fortgehen. Diese beiden Haupthähne, Visser und der lange Lümmel, der Heye Wessel, führen die Zollbeamten an der Nase herum – sie stehen mit dem Teufel im Bunde.«

Er rannte fort, verfolgt von dem Lachen der Alten, und während sie ihre Hütte aufsuchte, ging er in das Dorf hinab.

»Ich will auf den Grund sehen«, murmelte er, »ich will es und müßte mich‘s Gott weiß was kosten!«

Zwischen den Häusern herrschte fast vollständige Dunkelheit; Schritt für Schritt stieg der Franzosenfreund durch den tiefen losen Sand einem niederen Gebäude zu, in dem sich damals die einzige kleine Schenke des Ortes befand. Schräg gegenüber lag das Wohnhaus des Kapitäns, während neben demselben ein halbzerfallener Stall das schiefe Dach der Straße zuneigte.

In der Wirtsstube war niemand als die Frau des Eigentümers, der sich zum Fischfang auf dem Meere befand; sie gab dem Gaste das verlangte Getränk und kümmerte sich dann mehr um ein krankes Kind, das sie in Schlaf wiegte, als um ihn.

Peter Witt pries den Zufall; er konnte nun, selbst ungesehen, das Haus des Kapitäns beobachten, und das war es eben, was er wollte.

Klaus Visser hatte sich heute krank melden lassen, die »Taube« lag auf dem Watt vor Anker – das schien verdächtig.

Peter Witt spähte. Hinter den verhüllten Fenstern des Kapitäns glänzte freundlicher Lichtschein, man sah auch Schatten vorüberhuschen und zuweilen klangen Stimmen auf die Straße hinaus. Endlich, als es ganz dunkel geworden war, erschien ein Mann und schlüpfte schnell, als wolle er nicht gesehen werden, zur Tür hinein.

Ein Strom von Hitze ergoß sich durch die Adern des Lauschenden.

»Jakob Brahms aus Neßmersiel«, dachte er, »was kann der wollen?«

Sein Entschluß war schnell gefaßt, er bezahlte den genossenen Branntwein und ging fort, um dann von der Hinterseite der Häuser her das Anwesen des Kapitäns wieder zu erreichen. Eine niedere Tür zum Hofe stand immer offen, Peter Witt schlüpfte hinein, gelangte in die Holzkammer und preßte nun lauschend das Ohr gegen die Tür des Wohnzimmers.

Sein Herz schlug, als wolle es springen. Wenn er entdeckt würde, dann stand vielleicht das Leben selbst auf dem Spiel; Jakob Brahms war ein Mann, der mit sich nicht spaßen ließ, das wußte er.

»Es geht nicht anders«, erklang in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns, »wir können hier nichts mehr ausrichten; es ist heute eine Verstärkung von mehreren hundert Mann und zwei Kanonenbooten angelangt. Weißt du, welch eine neue Teufelei sich die Kerle ausgesonnen haben?«

»Nun?« fragte der aus Neßmersiel.

»Jede Schaluppe erhält, sobald sie die Anker lichtet, vier Mann französische Besatzung. Allein dürfen wir nicht mehr in See gehen – damit ist das Geschäft zerstört.«

Jakob Brahms schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das ist unerhört! Visser, das kann nicht wahr sein!«

Der Kapitän seufzte. »Doch! Doch! Es ist gestern verlesen worden. So gut die Machthaber den Leuten das bißchen Eigentum aus dem Hause holen und es auf offenem Markte verbrennen, können sie auch unbescholtene Bürger wie Gefangene behandeln und sie mit Wächtern umgeben. Vier Mann für jede Schaluppe und Konfiskation des Fahrzeuges, das ohne dieselben auf offener See betroffen wird.« Der andere ließ die Arme sinken. »Das ist ja unerhört«, sagte er.

»Gewiß ist es unerhört und wird auch im Verein mit den Kanonen von der neuen Schanze herab den englischen Handel lahm legen – nur die Waren aus diesen beiden Schiffen müssen noch an Land gebracht werden – Heye Wessel und ich haben‘s übernommen.«

»Daß dich!« dachte der Lauscher. »Die Nachricht ist Gold wert!«

»Aber wie führen wir‘s aus?« setzte der Kapitän hinzu. »Ich habe dir eine Botschaft geschickt, Jakob, damit du kommen und mir raten solltest. Was fange ich an?«

Der Brahms trank den Branntwein, welcher vor ihm auf dem Tisch stand, und sah dann durch das Glas, als lese er dort des Rätsels Lösung.

»Du, Visser«, sagte er endlich, »ist auf Baltrum noch keine Besatzung, weißt du es gewiß?«

»Ganz gewiß; es ist keine da.«

Jakob Brahms schlug wieder auf die Tischplatte. »Dann müssen die Engländer den Kaffee auf Baltrum landen und von dort bringen wir ihn über das Watt nach Neßmersiel.«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Jakob, ganz unmöglich. Dort stehen vier Zollwächter auf dem Deiche.«

»Die ich unschädlich machen werde, Visser, verlasse dich darauf. Wann hast du übrigens wieder deinen freien Tag?«

»Nächsten Sonnabend!«

»Gut, dann kannst du öffentlich auf einer der Schaluppen die Erde anfahren, nach Norddeich reisen und zu Lande weiter nach Neßmersiel; von da durchs Watt nach Baltrum – du und die übrigen. Ihr seid bei Beginn der Dunkelheit sämtlich an Ort und Stelle; für das weitere laßt ihr mich sorgen.«

Der Kapitän wiegte den Kopf. »Du mußt mir das erst etwas deutlicher erklären, mein guter Jakob«, sagte er mit geheimer Unruhe.

»In welchen Räumen könnten auf Baltrum ganze Schiffsladungen voll Kaffee verborgen werden?«

»In den Ställen und Scheunen eines sicheren vertrauten Mannes, für den ich einstehe. Andreas Fokke, der Fuhrmann ist‘s.«

Ein leises gedehntes Pfeifen verriet die Befriedigung des Kapitäns. »Andreas Fokke!« wiederholte er. »Hm, hm, Jakob, laß dir sagen, daß ich den Mann ganz genau kenne. Wir hatten schon, ehe noch eine Besatzung nach Norderney kam, unser Lager in seinen Scheunen.«

»Sieh! Sieh! Du wolltest mich also erst ein wenig aushorchen, Schlauberger?«

»Aufrichtig gestanden, ja. Aber nun bin ich mit dir einverstanden, Jakob – wir gehen nach Baltrum, dabei bleibt es. Nur eins beunruhigt mich! Wie gelangt die Nachricht an Bord der beiden Engländer?«

»Dafür laßt mich sorgen. In Neßmersiel sind Handelsleute genug, die täglich hinüberfahren – einem unter ihnen gebe ich die Bestellung schriftlich mit«

»Und du kennst auch an Ort und Stelle Räumlichkeiten, die den Kaffee aufnehmen können?«

»Mehr als genug. Ich selbst habe Scheunen und Ställe, mehrere andere vertraute Leute auch. Wir fahren mit acht Lastwagen.«

»Das wird genügen, Jakob. Es ist doch immer gut, wenn man mit vernünftigen Kameraden eine Angelegenheit erst überlegt!«

»Bringe uns noch eine von den grünen Flaschen, Mutter«, setzte er dann hinzu. »Wenn das Geschäft gelingt, haben wir Tausende verdient.«

Die alte Frau seufzte. »Ja, wenn! Mir ist bei diesen Geschichten immer himmelangst, das kann ich euch sagen.«

»Nun, Alte, dieses Mal wird ja das letzte sein. Bitte nur den lieben Gott, daß der Fuchs, der Peter Witt, von dem allen keine Kenntnis erlange. Der Verräter schnüffelt seit Heye Wessels prachtvoller Kriegslist fortwährend zwischen den Schaluppen herum, er will sich noch solch ein buntes Spielzeug verdienen, dafür würde er ganz Deutschland an seine geliebten Franzosen ausliefern, glaube ich.«

Jakob Brahms lächelte. »Erwischt man den Patron, so bekommt er eins auf den Kopf«, war seine kaltblütige Erklärung. »Man schlägt ihn nieder wie einen tollen Hund.«

Der Lauscher hörte jedes Wort, er ballte heimlich die Faust, dann aber überflog ein höhnisches Lächeln sein Gesicht. Geräuschlos, wie er gekommen war, glitt er auch wieder hinaus und über den Hof auf die Straße.

»Bete nur, Frau Douwe«, knirschte er, »bete fleißig. Wir werden ja sehen, wer den Sieg behält, du oder ich.«

Die beiden Männer drinnen im Zimmer beredeten unterdessen alle Einzelheiten ihres Planes; auch Onnen kam hinzu und bat so lange, bis ihm erlaubt wurde, den beabsichtigten Zug mitzumachen. »Gottlob, daß es der letzte ist«, rief er. »Ich will lieber Kaffee und Zucker entbehren als meinen Vater mit den Gesetzen im Streit wissen.«

»Du bist ein Grünschnabel«, rief halb ärgerlich der Kapitän. »Franzosengesetze verlache ich, sie sind für deutsche Männer nichts als Plunder, ich pfeife darauf!«

Frau Douwe suchte ihn zu beschwichtigen. »Du sagst ja selbst, daß es nun zu Ende ist, Vater! – Ach, ich will ganz frei aufatmen, sobald nur diese unheimlichen Streifzüge aufhören.«

Jakob Brahms verabschiedete sich und die kleine Familie blieb allein, um bald darauf die nächtliche Ruhe zu suchen. Aber der Kapitän konnte lange nicht einschlafen, und als er endlich die Augen schloß, da quälten ihn schwere Träume – mitten in der Nacht fuhr er plötzlich auf.

»Mutter, Mutter, hörst du denn nichts?«

Frau Douwe erwachte. »Was gibt es, Klaus?« rief sie sehr erschrocken.

»Da, da, der Himmel und die Erde sind rot – über ganz Norderney schlägt eine riesige Blutwelle!«

»Klaus, mein bester Klaus, so wache doch auf!«

Sie rüttelte ihn am Arme, sie streichelte sein eiskaltes Gesicht.

»Was hast du denn, Klaus? So sprich doch ein vernünftiges Wort!«

Endlich erwachte er. Die kleine Öllampe brannte auf dem Tisch, vom Fenster herab hingen saubere weiße Vorhänge; das ganze trauliche Zimmer machte den angenehmsten, gemütlichsten Eindruck Klaus Visser schauderte.

»Ich sah eine große Blutwelle, Mutter! Hab ich dich sehr erschreckt, du Arme? – Ach, es war schauerlich, die Woge ging hoch über unser Haus hinweg.«

Frau Douwe weinte. »Ach, wenn du das als Warnung nehmen wolltest, mein guter Klaus, wenn du dich bitten ließest!«

Er wandte verdrießlich den Kopf. »Ein Traum, weiter nichts! Mir träumte auch schon einmal von einem Riesenschellfisch, der nach mir schnappte – und ist später doch keinerlei Böses passiert. Ich wollte nur, es wäre erst Sonnabend.«

Mehr wurde nicht gesprochen, aber Frau Douwe blieb verstimmt und auch am folgenden Morgen war sie sehr einsilbig.

Die kleine Familie saß eben beim Frühstück, als auf der Straße ein plötzliches Geräusch entstand. Die Leute liefen hin und her, bald kam der Lärm näher heran – es war das Gewirbel der französischen Trommeln.

Wieder ein neues Gesetz, irgendeine Bosheit, um den armen Leuten noch das letzte zu nehmen.

Die alte Folke Eils schüttelte den Kopf. »Was mögen sie denn jetzt verbrennen wollen, die Unmenschen? Ach, man führt doch ein trauriges Leben! Die Waren ins Feuer geworfen, das Bett weggenommen, den Handel verboten – was soll so eine arme alte Frau anfangen?«

Und sie weinte bitterlich, wie immer, so oft die Trommel erklang.

Der Kapitän ging in Onnens Begleitung zur Sammelstelle. Das mußte etwas sehr Wichtiges sein, was heute verkündet werden sollte; die gesamte Besatzung war aufmarschiert, das Offizierkorps in voller Uniform, der Präfekt Jeannesson in seiner Amtstracht, der Dolmetscher mit Papieren in der Hand. Sie bildeten vor dem alten Badehause einen weiten Halbkreis, dessen letzten Hintergrund die Mastspitzen der Kanonenboote ausmachten; es glänzte und flimmerte überall von Uniformen, Waffen und Schmuck.

Neben dem Obersten Jouffrin stand ein Unteroffizier, der die französische Fahne an einer langen Stange in der Hand trug.

»Potz Blitz!« flüsterte der Kapitän, »das wird ja wichtig.«

Er ließ sich nicht träumen, welch eine Verfügung eben jetzt getroffen worden war.

Neuer Trommelwirbel, dann ein ängstliches Schweigen rings umher. Die Leute horchten voll geheimer Furcht.

Nun begann auf ein Zeichen des Obersten der Amtsschreiber seinen Vortrag.

»Proklamation!

Seine Majestät der Kaiser geruhen zu befehlen wie folgt: In anbetracht der immer wiederholten und beharrlich trotz aller erlassenen Gesetzesvorschriften fortgeführten Schmuggeleien wird hierdurch nachstehende Verordnung publiziert und männiglich zur Kenntnis gebracht. Wer von heute an bei einem Unternehmen, das mit der verbotenen Einführung englischer Waren direkt oder indirekt zusammenhängt, bei irgendeiner Art von Schmuggelei oder Steuerhinterziehung betroffen wird, der soll nach Gesetz und Recht öffentlich vor allem Volke die Todesstrafe erleiden und durch Pulver und Blei verdientermaßen gerichtet werden, er sei wer er wolle.«

Wie der Blitz in das Pulverfaß, so fielen die wenigen Worte in aller Herzen. Ein Aufschrei, ein Laut des Entsetzens, halb unterdrückt, ging durch die Menge.

Erschossen! Hingerichtet! War es denn möglich?

Und um einiger Pfunde Tee, um eines Zuckerhutes willen!

Der Präfekt Jeannesson sah musternd über die Gruppen der Eingeborenen hinweg. »Leute«, sagte er mit hallender, ermahnender Stimme, »Leute, ihr wißt nun, woran ihr seid. Hoffentlich wird kein Blut fließen, kein einziger unter euch mit so ernsten Dingen ein vermessenes Spiel treiben wollen. Wir leben im Kriege, das bedenkt und hütet euch vor Übertretungen.«

Todesstille lag auf den Versammelten, ein eisiges Grauen hielt die Herzen in Banden. Hinter den Reihen der Franzosen erhob sich ein spähendes Antlitz, aschfahl und verzerrt, aber doch voll heimlichen Triumphes. Unnatürlich glänzten die weitgeöffneten Augen, unnatürlich atmete in schweren Zügen die Brust. Es war Peter Wirt, der alles mitangehört hatte und der für sich den Erfolg, das Gelingen herankommen sah.

Kain – wie ihn Aheltje nannte.

Der Kapitän wandte den Blick. Es war sein eigenes Haus, über das er heute im Traume die Blutwellen dahingehen sah – jetzt fiel‘s ihm wieder ein.

Die Leute ringsumher flüsterten, die Männer standen in Gruppen beieinander. Schlimmer, als es nun war, konnte es nicht mehr werden.

Wieder rasselten die Trommeln; das war der Befehl zum Auseinandergehen. Es gab für die Inselbewohner keinen freien Willen mehr, sie mußten gehorchen wie Kinder.

»Onnen«, flüsterte der Kapitän, »erzähle lieber deiner Mutter gar nichts von dem, was wir eben gehört haben. Es gibt sonst nur unnötige Aufregung.«

»Vater!« rief erschreckend der Knabe, »du wirst doch unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr an —«

»Pst! Ein Mann, ein Wort, Onnen. Sollten mich meine Freunde für feige halten?«

»Für vernünftig und besonnen, Vater! Du kannst nicht daran denken, dein Leben auf das Spiel setzen zu wollen.«

»Schweig!« befahl der Kapitän. »Das sind Dinge, von denen ein Knabe wie du noch nichts versteht. Ich werde schon die nötige Vorsicht im Auge behalten.«

Sie kamen nach Hause und trafen Frau Douwe bereits in voller Verzweiflung. Das Gerücht eilt schnell – es war eher angelangt als sie selbst. Die arme Frau sah ihre Lieben schon von französischen Kugeln zerrissen und weinte bitterlich.

Als der Kapitän eintrat, warf sie sich ihm schluchzend zu Füßen und umklammerte seine Knie. »Vater! Vater! gib mir dein Wort, nie wieder schmuggeln zu wollen, oder ich sterbe vor Furcht – sage mir, daß die Fahrt nach Neßmersiel unterbleiben soll!«

Sie weinte so heftig, ihr Flehen hätte ein Herz von Stein erschüttern können; leise, bittende Worte stammelnd, beugte sie das graue Haupt fast bis zu den Füßen ihres Mannes und beschwor ihn, Erbarmen zu üben.

Eine Wolke flog über die Stirn des Kapitäns; er hob die Weinende auf und streichelte gutmütig das blasse Gesicht.

»Ich kann nicht, Mutter, bei Gott, ich kann nicht. Die Franzosen werden übrigens keinen erschießen, es sei denn, sie hätten ihn! Kümmere du dich um gar nichts, hörst du; ich bin am Sonntag unversehrt wieder hier und habe in ein paar Stunden mehr verdient, als mir der Fischfang in Jahr und Tag einbringt.«

Jetzt mischte sich Onnen in das Gespräch. »Du meinst doch ›wir‹, nicht wahr Vater? Wo du bist, dahin gehe auch ich.«

Frau Douwe schrie laut auf. »Um Gotteswillen, Klaus, das darfst du dem Jungen nicht erlauben!«

»Auf keinen Fall!« bestätigte der Kapitän. »Onnen bleibt hier.«

Unser Freund kannte diesen Ton. Für den Augenblick war nichts zu machen, das wußte er und schwieg weislich.

Ein Schatten verdunkelte draußen die Fenster, dann öffnete sich die Tür und Heye Wessel trat in das Zimmer. Er sah von einem zum andern; die Mütze in der Hand und das kluge Gesicht glänzend vor Aufregung, so stand er da.

»Klaus Visser«, sagte er, bei seiner Rede immer mit dem Kopfe nickend, »Klaus Visser, wie ist es, gibst du nach?«

Der Kapitän reckte seine hohe Gestalt. »Nein!« antwortete er mit festem Tone. »Tausendmal nein!«

Ein tieferer Atemzug hob die Brust des Riesen. »Ich auch nicht«, rief er. »Sollen uns die Hunde für Feiglinge halten? Wagen sie sich heran, dann brechen wir ihnen als ehrliche Ostfriesen die Hälse.«

»Genau was ich denke, Heye Wessel. Du bist also mit von der Partie? Ich kann mich auf dich verlassen?«

»Wie auf deine Augen, Visser. Ein Schuft, wer sein Wort bricht!«

»Siehst du, Mutter, so denken alle – sollte da dein Mann zurückstehen?«

Aber die alte Frau weinte, als müsse ihr das Herz brechen. Sie schüttelte nur den Kopf; über die zuckenden Lippen kam kein Laut.

In Neßmersiel klang Musik durch die einzige am Kanal gelegene Dorfstraße. Es wurde eins der vielen, in damaliger Zeit noch üblichen Gelage gefeiert, das Knechtsbier, bei dem die jungen Leute zuerst einen Umzug durch das Dorf vornahmen und dann im Kruge zum Schmaus zusammentrafen.

Derartige »Biere« gab es bei sehr vielen Gelegenheiten, z.B. der Ernte und der Beendigung des Dreschens; auf den Fehnen (Kanaldörfern) meistens nach Schluß der Torfgewinnung, die den Bauern Geld ins Haus gebracht hatte, die Knechte und Mägde aber von der sauersten Arbeit ihres Daseins auf Monate hinaus erlöste.

Sie wollten nun nach harter Plage einmal bei Spiel und Tanz das Leben genießen. Alle Knechte des Dorfes hatten sich im Wirtshaus versammelt; Blumen und Bänder nickten von den Hüten, Spielleute gingen voran, der jüngste Bursche trug einen ungeheuren, ganz leeren Sack auf der Schulter und schon vor dem nächsten Bauernhause hielt der lustige Zug.

Als die lustige Schar den Rundgang durch das Dorf beendet hatte, wurde der gefüllte Schnappsack in das hellerleuchtete Wirtshaus getragen und dort die eingeheimsten Schätze überzählt. Auf dem Tanzplatz, der großen Lehmdiele, versammelten sich die Mägde, eine gewaltige Tafel wurde gedeckt und der Schmaus konnte beginnen.

Mettwurst, gebratene Kartoffeln und Warmbier bildeten die ganze Herrlichkeit, aber der Frohsinn würzte das Mahl, als enthalte es die kostbarsten Gerichte. Im Hintergrunde flammte auf dem Backsteinherd das mächtige Torffeuer, ganze Haufen von Eierschalen lagen umher und zeigten, wieviel Bier vertilgt wurde; lustig fiedelten und bliesen die Dorfmusikanten, denen immer etliche von den erbeuteten Talern in die Hände fielen, hin und her mit großen Krügen eilte Jakob Brahms, der geschäftige Wirt, dem es gelungen war, das Knechtsbier gerade auf diesen Tag zu verlegen.

Er selbst zeigte die größte Freigebigkeit. Das Bier und die Kartoffeln wurden ihm bezahlt, aber den Branntwein schenkte er umsonst – sogar die beiden französischen Zollwächter, welche im Hause ihr Quartier hatten, wurden ganz unmerklich in das Fest mit hineingezogen und erhielten besonders reichliche Mengen Branntwein, während denen, die draußen auf dem Deiche Posten standen, ihr Anteil hinausgebracht wurde.

»Sie sind ja auch Menschen«, sagte in gutmütigem Tone der Wirt, »was können die armen Jungen dafür, daß uns ihr Kaiser mit Krieg überzieht?«

»Nichts!« rief der Altknecht, indem er eine ungeheure Wurst auf die Gabel spießte. »Gar nichts! – da, Jakob Brahms, bringt den Franzosen auch einen Bissen!«

Der Wirt übermittelte das stattliche Geschenk den Empfängern und dann, als die Tafel aufgehoben war, ließ er den Tanz beginnen. Je mehr die allgemeine Fröhlichkeit überging in den Rausch, das tolle Treiben, desto leichteres Spiel hatte er selbst.

Einer der beiden Franzosen, ein junger hübscher Pariser, war artig genug, die wohlgerundete Frau Wirtin zum Tanze zu führen, das sicherte ihm die Gunst der ganzen Gesellschaft. Er sprudelte über vor lauter guter Laune, konnte tanzen wie nie ein Knecht von Neßmersiel gewalzt und Polka getanzt hatte, er sprach das Deutsch so urkomisch, daß sich die jungen Leute vor Lachen ausschütten wollten. Monsieur Guillaume – »Gilm« nannten ihn die übrigen – war der Held des Abends.

Ganz anders verhielt sich‘s mit seinem Genossen. Während der Pariser den Genever beinahe wie Wasser trank und am lautesten schwatzte und lachte, saß Bertrand, der andere Zollwächter, in einer Ecke und stützte den Kopf. Er hatte noch das erste Glas unberührt neben sich stehen, und als ihn Jakob Brahms aufforderte, doch an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen, da wandte er sich ab.

»Ich mag nicht tanzen, Herr Wirt. Nix Vergnügen!«

»Aber warum denn nicht, Lothringer? Sie sind doch ein halber Deutscher, gehören ebensoviel zu uns wie zu den Franzosen, daher lassen Sie sich‘s wohl sein; trinken Sie und lachen mit den anderen.«

Bertrand schüttelte den Kopf. »Ab gehabt großen Kummer«, seufzte er.

Jakob Brahms setzte sich zu ihm. »Erzähle mir das, mein Junge«, flüsterte er vertraulich, »heraus damit! Hast du Schulden?«

Eine fahle Blässe überzog die Wangen des jungen Menschen. »Aben ich keine Schulden«, antwortete er, »nix ich, aber alte Mutter, das bringt mir Kummer. Mag ich nicht sehen tanzen und trinken!«

Jakob Brahms schien zu überlegen, in seinen Augen begann ein heimliches Funkeln und Glänzen.

»Lothringer«, flüsterte er, »schreibt dir deine Mutter, daß sie sich in Not befinde? Bittet sie dich um Geld?«

»Sie wohl wissen, ich nix haben! – Ach Gott, ach Gott, alles umsonst. Lassen ich anwerben mich pour la douane, geben alte Mutter Geld – aber sterben Vieh, große Mißernte haben in Weinstock, – nun alte Frau gepfändet werden, hinaus, fort, ganz arm. Pauvre femme!«

Jakob Brahms rückte immer näher. »Trinke doch erst einmal, mein Junge! Der Branntwein wird nicht schlechter, weil deine Frau Mutter in Ungelegenheiten gekommen ist. Wie hoch beläuft sich die Summe, mein Lieber?«

Bertrand seufzte wieder. »Sind große Geld, Monsieur. Fünfzig Taler!«

»Hm, das ist allerdings eine hübsche Summe. Höre einmal, Bertrand, mein guter Freund, was würdest du sagen, wenn dir jemand noch in dieser selben Stunde die fünfzig Taler bar und blank auf den Tisch zählen wollte?«

Der arme Junge schüttelte den Kopf, in seinem Auge glänzte es feucht. »Aben nicht so gute Freund«, seufzte er.

»Das weißt du noch nicht, Lothringer!«

Der Franzose mußte jetzt die Bedeutsamkeit in dem Tone des Wirtes doch wohl bemerken, etwas verlegen sah er ihn an. »Plait-il, monsieur?«

»Ich meine, was würdest du wohl dafür tun, wenn dir jemand das Geld gäbe, Bertrand?«

»Ach Gott, ich sein ihm dankbar ewig!«

Die heiße Hand des Wirtes legte sich auf seine Schulter. »Läßt du mit dir reden, Lothringer? – Das Geld ist gegen eine bestimmte Dienstleistung für dich bereit, hörst du wohl, es ist bereit! Jetzt gleich, in diesem Augenblick!«

Der junge Zollwächter horchte auf. »Große Geld!« flüsterte er. »Nix möglich! Was das sein, Monsieur Brahms?«

»Das ist wenig genug, Bertrand, aber doch für mich sehr viel. In drei Stunden habt ihr beide draußen auf dem Deiche den Dienst, du und der Pariser, nicht wahr?«

»Ja, Monsieur.«

»Gut Sieh dir deinen Kameraden an, Lothringer, er taumelt schon jetzt; in drei Stunden schläft er wie ein Murmeltier und du hast die Wache allein.«

»Diable m‘emporte! Monsieur Brahms wollen – wollen —« »Schmuggeln!« zischte der Wirt, indem er den anderen unausgesetzt im Auge behielt. »Ja, ich will schmuggeln, Bertrand, aber vorher gebe ich das Geld, welches deiner alten Mutter Haus und Hof erhalten soll. Du siehst zehn Minuten lang zufällig gerade nicht nach derjenigen Seite, von woher ein paar Lastwagen gefahren kommen – ist das so schwer?«

Der junge Mensch nickte traurig. »Sein Betrug«, seufzte er. »Nix möglich, Monsieur!«

Der Wirt legte sein Gesicht in die ernsthaftesten Falten. »Betrug?« wiederholte er. »Was du dir einbildest, mein guter Junge! Zuerst bist du der Sohn deiner schutzlosen alten Mutter, das ist für dich die nächste heiligste Pflicht, später kommt dann der Untertan des Kaisers, das wirst du ja nicht bestreiten wollen. Übrigens – ganz unter uns! – wer ist denn dieser sogenannte Kaiser? Puh! ein Advokatensohn, ein Emporkömmling, gar nichts!«

»Einerlei, Monsieur, ich aben gegeben mein Versprechen und das muß halten ein ehrlich Mann notwendig.«

Jakob Brahms nickte sehr kräftig. »Notwendig!« wiederholte er. »Bedingungslos, mein lieber Junge – denke also bitte darüber nach, wie oft du wohl deiner alten Mutter geschworen hast, ihr zu helfen, wo immer es dir möglich sei!«

Der Franzose schien betroffen. »Das ist wahr«, stammelte er.

»Siehst du wohl! Also nimm jetzt das Geld und du hast ein gutes Werk vollbracht. Was kümmert dich der Korse?«

Bertrand fuhr mit der Rechten durch das dichte Haar. »Sein ich unglücklich«, stammelte er.

Jakob Brahms hatte ihn keinen Augenblick außer acht gelassen; er erkannte seinen Vorteil und schmiedete das Eisen, weil es eben glühte.

»Wie du willst, Lothringer«, sagte er. »Laß deine Mutter im Stiche, ich kann es nicht ändern. Vielleicht habe ich auch alles nur zum Scherz gesagt.«

Der Zollwächter erschrak. »Monsieur Brahms«, seufzte er, »das gewiß sein, nur zehn Minuten auf die Seite sehen? Nix sprechen, nix helfen Schmuggler, keine déclaration abgeben?«

»Durchaus nichts. Wenn du die Pferdeköpfe siehst, wendest du dich ab, das ist alles.«

»Und Monsieur geben Geld vorher?«

»Auf der Stelle! Aber so trinke doch, Freund!«

Der junge Mensch nahm den Inhalt des Glases auf einen Zug. »Eh bien!« antwortete er. »Ich so tun.«

Jakob Brahms schenkte ihm aufs neue ein. »Sieh deinen Genossen, Lothringer, er sitzt in der Ecke und singt; du hast die Wache allein. Es ist jetzt für mich die allerhöchste Zeit, ich muß fort – komm mit in mein Zimmer.«

Er ging hinaus und der Zollwächter folgte ihm. Oben in der Giebelkammer stand die bäuerliche buntbemalte Holzkiste, diese wurde geöffnet und ein leinener wohlgefüllter Geldbeutel hervorgezogen.

Auf dem Tisch brannte das Talglicht, die Fenster standen weit offen. Jakob Brahms zählte. »Fünfundvierzig, achtundvierzig, fünfzig! – So, da hast du noch einen Taler mehr, mein Junge, das Postgeld will ja auch bezahlt sein. Nimm hin und Gott gesegne es deiner alten Mutter.«

»Danke! Danke!« flüsterte mit heißem Gesicht der junge Franzose. »Aber Monsieur wissen doch, was Präfekt bekannt gemacht hat? Erschießen die Schmuggler – fangen heute, exécution morgen.«

Ein tieferer Atemzug hob die Brust des Wirtes. »Ja, ich weiß es, Lothringer! Aber das kann mich nicht schrecken – die Sache ist schon zwanzigmal, hundertmal gelungen, sie wird auch heute nicht fehlschlagen.«

Noch während er sprach, fuhr ein Windstrom in das offene Fenster, verlöschte das Licht und streifte wie eine kalte Hand seine Stirn – er schauderte unwillkürlich, bezwang sich aber sogleich.

»Laß mich vorausgehen, Bertrand. So, dahin – und nun: Ein Mann, ein Wort! nicht wahr, du?«

»Gewiß! Gewiß!«

Sie gingen zur Gesellschaft zurück, der Wirt verständigte sich mit seiner Frau und eilte dann, nachdem er die Kleider gewechselt hatte, hinab zum Meer, wo an einer dunkeln Stelle eines jener schlanken langgestreckten Fahrzeuge lag, die mit ihren weißen Segeln wie Möwen über das Wasser dahinschießen.

Vom Sitzbrett erhob sich eine Männergestalt. »Endlich!« sagte tief atmend eine leise Stimme. »Wir werden kaum noch hinüberkommen.«

Es war Uve Mensinga; er setzte schleunigst mit Hilfe des Wirtes das Segel, nahm die Schot selbst in die Hand, und während jener steuerte, brachte er das Boot vor den Wind. Binnen Sekunden war es in der Finsternis verschwunden.

Auf Baltrum, im Hause des Wattfuhrmannes, harrten die Schmuggler. Damals besaß das Inseldorf, in dem noch heute keinerlei Fremdenverkehr besteht, von den gegenwärtig vierzig Häusern etwa fünfzehn; nur Fischer und Fuhrleute lebten auf dem einsamen Eilande, das seiner Bedeutungslosigkeit wegen der französischen Einquartierung entgangen war.

Andreas Fokke, der Wirt, hatte, als die größeren Schmuggelzüge begannen, so nach und nach seinen ursprünglich kleinen Wagenschuppen durch Anbauten erweitert und mehr Pferde, mehr Lastfuhrwerke zusammengekauft. Die Zollbehörden zu überlisten, das brachte größeren Gewinn als alle Arbeit miteinander.

Jetzt war auf acht große Wagen, in Kisten und Säcke verpackt, der Rest aus den beiden englischen Kaffeeschiffen verladen, schützende Decken lagen darüber, die Pferde standen gesattelt und man erwartete nur noch den Wattführer aus Neßmersiel, sowie den Eintritt der vollständigen Ebbe, um die letzte derartige Fahrt zu beginnen.

Das kürzlich erlassene grausame und tyrannische Gesetz der Franzosen machte es den Familienvätern unmöglich, sich weiteren Schmuggelunternehmungen anzuschließen – nur diese, schon auf Baltrum gelagerten Güter sollten noch auf das Festland hinübergeschafft werden, dann hatte das lustige Paschergewerbe sein Ende erreicht.

Andreas Fokke, Klaus Visser, Lars Meinders und Heye Wessel standen ungeduldig wartend beieinander, neben ihnen eine Anzahl englischer Seesoldaten, die den Zug nach Neßmersiel begleiten sollten. Jedes Gespann mußte seinen Kutscher haben, außerdem war es unerläßlich, daß die beiden Wattführer, Fokke und Brahms, vorausgingen, um in der Dunkelheit den richtigen Weg zu finden, denn nur sie allein kannten ihn.

Die Ebbe begann jetzt einzutreten, das Geschrei der Strandvögel kennzeichnete den Augenblick, wo ihr Tisch gedeckt wurde – wenn nun das Boot aus Neßmersiel nicht kam, dann galt dies Ausbleiben als ein verabredetes Zeichen; die Zollbeamten waren in diesem Falle unbestechlich gewesen.

Der Kapitän seufzte. »Das wäre sehr ärgerlich!« sagte er.

Niemand antwortete ihm. Die Stunde ängstlichen Harrens, das ungewisse Auf und Ab zwischen wachsender Furcht und erbleichender Hoffnung lassen keine ruhige Unterhaltung, ja nicht einmal einen beobachtenden Gedanken aufkommen; das Herz schlägt und die Stirn glüht; man horcht, späht, hört Geräusche, die nur in der Einbildung existieren, aber man bleibt stumm.

Leichte Schritte näherten sich dem Hause, Andreas Fokke riß die Tür auf und wollte den Befehl zum Einspannen schon geben, als er plötzlich die Arme sinken ließ. »Du bist es, Onnen? – Was willst du denn hier, Junge?«

Der Kapitän fuhr auf. »Wie kamst du hierher, Onnen? Habe ich dir nicht ausdrücklich verboten, das Haus in dieser Nacht zu verlassen?«

Der Knabe senkte den Kopf. »Bitte, lieber Vater, verzeihe mir. Ich konnte nicht ruhig in meinem sicheren Bette liegen, während der Tod nach dir die Hände ausstreckt. Laß mich mitgehen und an deiner Seite bleiben!«

»Nein! Tausendmal nein! Du sollst mit dem nächsten —«

»Nun, da seid ihr beisammen!« rief es von der Tür her. »Alles sicher, nirgend die verfluchten französischen Galgengesichter zu entdecken! Vorwärts, Kameraden! Mylords, ich grüße euch und habe auch mein bestes Faß nicht geschont, um euch einen Tropfen mitzubringen! Very well, Sir! All right!«

Und nachdem er in dieser Weise den Söhnen Albions seinen ganzen Vorrat englischer Worte ausgekramt hatte, reichte Jakob Brahms die wohlgefüllte Geneverflasche von einem zum anderen; Fokke und Lars Meinders zogen die Pferde hervor, reges Leben herrschte überall, und in diesem Treiben gelang es dem Kapitän nicht mehr, mit Erfolg den Bitten seines Sohnes zu widerstehen.

»So bleib denn!« sagte er. »Dieser Zug ist der letzte, darum mag dir der Ungehorsam hingehen.«

Ein Wagen nach dem andern wurde hinausgeschoben. Das Wetter hätte nicht günstiger gedacht werden können, und so schien es, als wolle das launenhafte Glück die Fahrt über das Watt ganz besonders begünstigen. Eine stattliche Anzahl von Pfunden lag auf den Wagen und versprach, da der unerhörte, den Wert übersteigende Zoll von zwei Frank für das Pfund erhoben wurde, einen reichlichen klingenden Gewinn. Zwei englische Kriegsschiffe bewachten das offene Fahrwasser, wobei ein Kanonenschuß von der Batterie eines derselben als Signal eines etwaigen Überfalles verabredet worden war. Solange alles ruhig blieb, befanden sich keine französischen Kanonenboote in der Nähe.

Sie glaubten es wenigstens.

Jakob Brahms und Andreas Fokke eröffneten den Zug, dann folgten die acht beladenen Wagen, deren Führer neben den Pferden gingen, und zuletzt mehrere Engländer. Sämtliche Männer rauchten kurze Pfeifen, Brahms erzählte, in welcher Weise er die Zollwächter unschädlich gemacht, und so bildete sich nach und nach in den Seelen aller jene ruhige Stimmung, die gerade infolge durchlittener Aufregungen so unendlich wohltuend wirkt – nur als einer der englischen Soldaten ein Lied anstimmen wollte, da hielt ihn der Kapitän zurück.

»Man muß das Schicksal nicht herausfordern, mein Junge. Der Löffel bricht zwischen Hand und Mund.«

»Still! Still!« rief Uve Mensinga. »Wer spricht gern von dem Schlage, welcher ihn im nächsten Augenblick treffen kann!«

»Ja, ja, es ist ein eigen Ding zu wissen, daß man die Todesstrafe verwirkt hat!«

Die englischen Soldaten lachten. Sie hatten bei Trafalgar mitgefochten und sehnten sich sehr, einmal ihre Kräfte mit denen der Franzosen zu messen, sei es selbst auf festem Boden, wie hier.

»Laßt sie kommen!« rief einer. »Meine Klinge ist durstig genug!«

»Still! Still! Man soll den Teufel nicht an die Wand malen.«

Hinter den Schmugglern erloschen die Lichter von Baltrum, während die des festen Landes noch nicht auftauchen wollten. Der Zug befand sich etwa in der Mitte des Watts, als ein Hund, den Andreas Fokke mitgenommen hatte, eine große gelbe Dogge, plötzlich stehenblieb und leise zu knurren begann.

Wie auf Verabredung wurden bei sämtlichen Wagen die Pferde angehalten. Blasse Gesichter sahen einander an, es lief auch den Mutigsten kalt durch alle Adern.

Der Hund zog die Luft ein, er knurrte leise, machte aber keine Miene, sich irgendeinem nahenden Feinde entgegenzuwerfen.

»Pikaß!« flüsterte Fokke. »Komm, Pikaß, was hast du?«

Der Hund nahm von ihm keine Notiz, er behielt offenbar einen fernen Gegenstand fortwährend fest im Auge.

Der Kapitän zog das Nachtglas hervor; er suchte längere Zeit und reichte dann dem neben ihm stehenden Heye Wessel das Instrument. »Wahrhaftig, mir ist es, als sähe ich da drüben einen unförmlichen Klumpen, einen dunklen Gegenstand«, flüsterte er. »Sieh hin, Wessel, was mag es nur sein?«

Der Angeredete nahm hastig das Glas. »Ich kann nichts entdecken«, antwortete er dann. »Und nun schweigt auch der Hund.«

»Laßt uns getrost vorwärtsgehen – es mag sich ja ein Seehund hierher verirrt haben oder es kommt jemand über das Watt, um nach Baltrum zu gehen. Vielleicht der alte Fischkäufer aus Dornumersiel.«

»Der wurde allerdings heute abend erwartet!«

»Seht ihr wohl! – Hallo, Hidde Emken, bist du da?«

»Laßt das Rufen«, warnte der Kapitän, »du weißt nicht, wer dich hört!«

»Ja, und es kann auch Hidde Emken ganz unmöglich sein, denn mein Hund kennt ihn genau!«

»Such, Pikaß! such!«

Das Tier blieb ruhig, es hatte längst aufgehört zu knurren. Andreas Fokke wandte sich zum Weitermarsch. »Es ist nichts«, entschied er. »Aber du bist heute abend gar nicht derselbe, Klaus Visser! Wie kommt das? Hast du irgendeinen Verdacht, Mann?«

»Durchaus nicht. Ich finde nur, daß man jedes Geräusch vermeiden müßte.«

»Vorwärts! Vorwärts!« rief Jakob Brahms. »Sollen wir am Ende gar den hellen Morgen über uns hereinbrechen lassen?«

Diese Ermahnung half. Der ganze Zug setzte sich wieder in Bewegung. Pikaß trabte neben seinem Herrn, ohne unruhig zu erscheinen – so rasch es der widerstandslose Boden erlaubte, bewegten sich die schweren Wagen vorwärts, und von sämtlichen Teilnehmern der kleinen Unternehmung war nur der Kapitän nicht ganz zu seiner früheren Sicherheit zurückgekehrt. Jeden Augenblick sah er durch das Nachtfernrohr.

»Es ist eine Sünde gegen deine Mutter, Onnen, daß ich dir überhaupt gestattete, uns zu begleiten! Was gäbe ich nicht willig hin, um diese Torheit zurückkaufen zu können.«

»Fürchtest du denn einen Verrat, Vater?«

Der Kapitän zuckte die Achseln. »Ich erwarte ihn nicht gerade, aber – ein dunkler Gegenstand, weder Watt noch Wolke, war‘s doch, den ich da hinten sah.«

Der Knabe erschrak. »Dann kehre um, Vater, ich bitte dich, kehre um! Auch die beiden anderen werden dir folgen und zuerst ihr Leben retten wollen!«

Ehe der Kapitän zu antworten vermochte, schoß Pikaß plötzlich den Männern voraus ins Dunkel und begann heftig zu bellen. Ein leichter Schrei wurde ausgestoßen, es klang wie »Sapristi!« – dann war wieder alles still.

»Franzosen!« raunte der Kapitän. »Ich dachte es!«

Onnen umklammerte seinen Arm. »Vater, ich flehe dich an, geh nach Baltrum zurück! Um Gotteswillen, tue es, tue es!«

Klaus Visser schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht mehr, Kind. Sollte ich meine Kameraden zur Stunde der Gefahr im Stiche lassen? – Aber vielleicht war es eine Sünde, um des Mammons willen deine arme Mutter so sehr zu kränken!«

Während dieser eiligen, leise geflüsterten Unterhaltung schwieg der Hund wie zuvor, auch Menschenstimmen erklangen nicht weiter, wohl aber zog sich eine Kette dunkler Gestalten quer über den Weg und das, was vorhin als ein formloses Etwas erschienen war, trat jetzt in größerer Nähe scharf hervor – ein französisches Kanonenboot, das erst die nächste Hochflut wieder flott machen würde.

»Zurück!« flüsterte Heye Wessel. »Wir müssen die Waren samt Wagen und Pferden im Stiche lassen, um nur das nackte Leben zu retten!«

Die übrigen stimmten bei, hinter dem letzten Wagen ordneten sich die Schmuggler und begannen einer nach dem andern rückwärts zu schleichen, aber schon sehr bald mußten sie eine schreckliche Entdeckung machen. Auch von Baltrum her nahte eine Abteilung Franzosen – sie waren vollständig eingeschlossen.

Rechts und links das Meer, hinter und vor ihnen der Feind! Während mehrerer banger Minuten herrschte ein peinliches Schweigen.

Dann erhob Heye Wessel die Stimme zum lauten hallenden Schrei. »Ich muß es, Kinder, nun ist‘s ja auch einerlei! – So, so, nun laßt uns die Pferde besteigen und nach einer Seite hin durchbrechen – etwas anderes bleibt nicht mehr übrig.«

Und nochmals tönte sein Kampfruf weit hinaus. »Halloh ho, ho! – Halloh!«, dann hatte er die Stränge des ersten besten Pferdes durchschnitten und sich hinaufgeschwungen; die anderen folgten seinem Beispiel.

»So! Vorwärts mit Gott; reitet die Hunde nieder!«

»Nach Neßmersiel! Dort gibt es bessere Verstecke!«

»Pikaß! Pikaß! Hierher!«

Die Dogge winselte wie im Sterben. Ein Messerstich mochte sie getroffen haben – der Ton klang matt, versagend.

»Verfluchter Mörder!« rief Andreas Fokke, »du sollst die Untat büßen!«

Sämtliche Pferde bildeten mit ihren Reitern eine breite gerade Linie; der Kapitän und Onnen ritten nebeneinander, ihnen zur Seite die englischen Matrosen, deren Gewehre geladen in den Händen ihrer Eigentümer lagen. Ein Zungenschlag, dann setzten sich die Tiere in Galopp.

Aber nur für Sekunden. Das Manöver der Schmuggler war beobachtet worden, die Hähne der französischen Gewehre knackten und ein Hagel von Bleikugeln prasselte den Flüchtigen entgegen.

Die Wirkung war eine entsetzliche. Zwei Tiere stürzten, ins Herz getroffen, mit gellendem Aufschrei tot zusammen, einer der englischen Soldaten hatte einen Schuß in die Schulter erhalten, der Kapitän war am Fuß verwundet und Lars Meinders am Arm – wild erschreckt machten die Pferde kehrt, um in regelloser Flucht davonzustürzen.

Hinter der Linie von einer neuen Salve empfangen, stürmten sie bald hierhin, bald dorthin, überall vom Pulverblitz, dem Donner der Musketen verscheucht, dann bis an die Wassergrenze vordringend, dann zurückspringend auf die Mitte des Weges, verwundet, blutend, rasend vor Schmerz.

Im Todeskampfe schleppte sich Pikaß herbei, noch einmal suchte sein Auge das des geliebten Herrn, noch einmal winselte er traurig und streckte dann die Glieder, während Andreas Fokke neben ihm mit zwei Franzosen rang und sich gleichzeitig der beiden erwehrte.

»Da hast du es, Henkersknecht! Stirb, Räuber!«

Ein schwerer Schlag mit dem Kolben zerschmetterte den Schädel des Franzosen, dann packte der erbitterte kräftige Mann den zweiten und schleuderte ihn weit hinaus in den feuchten Sand.

Der Soldat blieb liegen wie ein Toter.

Auf der ganzen Linie rang Mann gegen Mann. Heye Wessel hielt eine den Franzosen abgenommene Muskete am Lauf und ließ sie wie ein Rad durch die Luft kreisen; dabei schrie er aus voller Kehle, so schmetternd, so durchdringend wie ein indianischer Häuptling, wenn er dem Feinde gegenübersteht.

Kein Franzose wagte es, sich dem Riesen zu nähern. Breitspurig stand er da; sein: »Halloh, ho, hoho!« zerriß die Luft, seine Augen funkelten, gleich einem Panther sprang er jetzt zu einer Gruppe, die in geringer Entfernung von ihm kämpfte.

»Was machst du da, welscher Schuft?«

Auf dem Boden lag Jakob Brahms und neben ihm, mit ihm ringend, kniete ein Franzose, in dessen Händen ein blankes Messer beständig die Brust des Wattführers arg bedrohte. Der Soldat suchte seine zusammengeschnürte Kehle aus den Eisenfäusten des derben Fehnbauern freizumachen, dieser dagegen wollte den Angreifer erdrosseln, um dann das Messer beiseite schleudern zu können.

Sie wälzten sich beide im Sande, bis Heye Wessel hinzukam.

»Los, du Satansbrut!«

Aber der Franzose hörte ihn nicht. Halb gewürgt, halb besinnungslos vor Schmerz und Mangel an Luft, raffte er seine letzten Kräfte zusammen, um sich zu retten. Die Todesangst verlieh ihm übermenschliche Stärke; blutend, röchelnd erhob er in einem günstigen Augenblick den rechten Arm und bohrte das Messer gerade in das Herz des Wattführers.

Sekundenlang griffen im Sterben die Finger des unglücklichen Mannes noch fester in das Fleisch des Mörders, dann aber erlahmten sie und ließen nach. Der Franzose riß mit einem einzigen Stoß den Arm des besiegten Gegners herab – eben wollte er sich taumelnd, blutüberströmt erheben, als ihn eine geballte Faust mit unwiderstehlicher Kraft abermals in den Sand streckte.

Heye Wessel lachte grimmig. »Du glaubst dich frei, nicht wahr, Schuft? Da hast du sechs unversorgten Kindern den Vater geraubt – das sollte so hingehen, nicht wahr?«

Und bei dem jedesmaligen Versuche, sich zu erheben, erhielt der Soldat von den Händen des Riesen einen Stoß, der ihn wieder zurückwarf. Heye Wessel, zum äußersten Zorn gereizt durch den Tod seines Freundes, Heye Wessel, der Riese, schleuderte jetzt das Gewehr von sich. »Komm her, Franzose, ich will dich zu Tode tanzen, will Ball mit dir spielen, du Kujon, du Räuberhauptmann – da hast du es!«

Er packte den viel kleineren Gegner und warf ihn in die Luft, zweimal, dreimal, dann stieß er einen Schrei hervor, der halb wie Lachen klang, halb wie das Schluchzen der Verzweiflung.

»So, der hat genug! Armer Jakob Brahms – es ist alles, alles verloren!«

Und so war es in Wirklichkeit. Wie Ameisen krochen die Franzosen auf und neben den Lastwagen herum, sie fingen die flüchtigen Pferde ein, sie hatten den verwundeten Lars Meinders davongeschleppt und zwei Engländer zu Gefangenen gemacht.

Fünf oder sechs andere kämpften heldenmütig mit einer überlegenen Zahl von Gegnern, ebenso Andreas Fokke und Uve Mensinga, die beide treulich den furchtlosen Briten zur Seite blieben. Heye Wessel sprang hinzu. »Macht mir Platz, Kameraden! Wo ist Klaus Visser mit seinem Jungen?«

»Da hinaus!« schrie Uve Mensinga, auf das Meer deutend. »Sein Pferd ging durch!«

Heye Wessel raffte ein Gewehr vom Boden und schlug blind und toll in die Reihen der Franzosen hinein. In diesen wuchtigen Hieben, in jeder seiner Bewegungen spiegelte sich das zornige Ringen des geknechteten Inselvolkes, der heiße glühende Haß gegen die französischen Unterdrücker. Hageldicht fielen die Streiche, aber wo ein Franzose fiel, da erstanden an seinem Platze sechs andere – die Sache der Schmuggler war von Anfang her zu ihrem Nachteil entschieden gewesen.

»Halloh!« rief Heye Wessel, »wer ist denn das da?«

Seine Faust packte einen todbleichen Mann, dessen schlotternde Knie keinen Fluchtversuch zuließen. »Aha, du bist‘s, Peter Witt! – Judas! Freust dich des gelungenen Werkes, nicht wahr?«

Der Verräter schauderte. »Laß mich, was tat ich dir, Heye Wessel? Jeder von uns hat seine Meinung für sich!«

Der Riese schüttelte ihn wie ein gebrochenes Rohr. »Wo ist Lars Meinders, du Elender? Wo ist Jakob Brahms? – Gute Friesen und tüchtige Männer sind gefallen um eines Verräters willen, andere werden morgen von den Schanzwällen herab erschossen – das alles ist dein Werk! Sei verflucht, Peter Witt, sei verflucht, so lange du über die Erde gehst, der Tod speit dich aus, du sollst leben, um zu leiden!«

Er schleuderte ihn von sich und versuchte es dann, den Baltrumer Wattführer aus den Händen der Franzosen zu befreien. Uve Mensinga war verschwunden; er hatte eins der flüchtigen Pferde ergriffen und den Weg zur Insel einen Augenblick offen gefunden. Andreas Fokke schlug um sich wie ein Verzweifelter, aber nach kurzem Widerstande war auch er überwältigt. Mehr als zwanzig Franzosen fielen ihm und dem Riesen in den Rücken; sie wurden beide gebunden an Bord der »Hortense« gebracht.

Ein frohlockender Blick traf Heye Wessels Gesicht. »Gedenkst du noch der Kisten mit Sand, dreister Schmuggler? Damals triumphiertest du, heute ist die Reihe an mir!«

Der Leutnant drehte vergnügt das Bärtchen. Ja, ja, die Scharte war ausgewetzt.

Und der Kapitän?

Sein Fuß blutete stark, er war vor Schmerz außerstande, das Pferd gehörig zu lenken, es stürzte blindlings in die Finsternis hinein, verfolgt von mehreren Schüssen, und taumelte dann, als eine Kugel getroffen hatte, zusammenbrechend gegen den Rand eines größeren Tümpels, wo es liegenblieb und schweratmend verendete.

Klaus Visser versuchte sich zu erheben, aber er fand bald, daß es ihm unmöglich sei. Der Fuß war jedenfalls gebrochen, ein entsetzlicher Schmerz folterte den eisernen Mann, er konnte sich nicht von der Stelle bewegen.

Und dennoch wurde der Gedanke an sein eigenes Schicksal ganz in den Hintergrund gedrängt durch den an seinen Sohn. Wo war Onnen?

Allein im Kampfe, vielleicht getötet, vielleicht gefangen, um demnächst erschossen zu werden. Der unglückliche Vater ächzte.

Er durfte nicht rufen, kein Geräusch verursachen. Ganz abgesehen von dem eigenen Verderben konnte er durch jedes Wort, jeden Laut auch das des Knaben herbeiführen.

Sein Herz schlug heftig; unter den brennenden Schmerzen der Wunde kreuzten sich in dem erregten Gehirn die widerstreitendsten Gedanken. War es recht, so den Gesetzen zu trotzen, nicht etwa aus Armut, gedrängt und getrieben von der bitteren Not des Lebens, sondern mit geheimer Freude an dem Verbotenen? War es recht, so alles aufs Spiel zu setzen – gewaltsam, rücksichtslos, nur aus Eigensinn?

Aber die Reue kam zu spät. Wenn vier oder fünf Stunden vergingen, dann rauschte die Flut heran und hohe Wogen wälzten sich über die Stelle, wo er lag. Dann war alles vorbei, die Franzosen um ihren Gefangenen betrogen.

Wie der Kampf tobte, wie Schrei um Schrei herüberklang. Das war Heye Wessel, aber in dem Tone, den er hervorstieß, lag kein Siegesjubel. »Ach, Onnen, Onnen, wo bist du? – Vergebe mir Gott die Todsünde, daß ich ihn mitgehen ließ!«

Er tauchte die Hand in das Wasser und goß es über den brennenden Fuß. Wie furchtbar der Schmerz, wie unerträglich!

Wenn er sich einmal, ein einziges Mal umwandte, wenn er nur für Sekunden seine Kräfte zusammenraffte, dann hatte ihn die tiefe Gate verschlungen und der Kampf war vorüber, er lag weich gebettet da unten im Wasser. Sollte er‘s tun?

Durch sein Inneres ging schwere Erschütterung. »Nein! Sünde häufen auf Sünde, noch dem Willen Gottes widerstreben im letzten Augenblick? – Nein!«

Er lag regungslos. Was da kam, das würde ihn vorbereitet finden.

Über den weißen Sand fiel ein Schatten, spähende Gestalten schlichen herbei, Franzosen, die das Pferd im Todeskampfe ächzen hörten und dem Schalle nachgingen. Jetzt sahen sie den Leichnam, aber wo war der Reiter?

Und dann hatte einer der Soldaten den Daliegenden entdeckt, ein erstickter Jubelruf brach über seine Lippen. Der Führer des Schmugglerschiffes – welch ein Fang!

Klaus Visser war außerstande, sich selbst zu helfen, er fühlte, wie Hitze und Kälte in seinen Adern wechselten – von fern drang das Toben des Kampfes bis zu ihm; er stieß einen Schrei aus, einen einzigen qualerpreßten Schrei, und dann verlor er das Bewußtsein.

Die Franzosen hoben ihn schleunigst auf und trugen ihn als ersten Gefangenen an Bord ihres Schiffes.

Einer hatte den Schrei gehört, ein einziger – Onnen. Die Stimme seines Vaters war zu ihm gedrungen, ein eisiges Erschrecken lief durch alle seine Adern. Er stürzte blindlings fort, unbekümmert um die Franzosen, welche ihn sahen, um die Kugeln, welche ihm nachgeschickt wurden, aber er beherrschte sich doch genügend, um den Ruf des Vaters wenigstens nicht zu beantworten.

Der Weg über das Watt war schmal, es konnte nicht schwer werden, hier einen Menschen, selbst einen verwundeten, aufzufinden. Onnen eilte vorwärts, das Kampfgetümmel blieb hinter ihm, er ließ sich nicht die Zeit, irgend etwas zu beobachten, sondern stürmte nur weiter, dem einmal gehörten Schalle nach – dann blieb er plötzlich erschreckend stehen. Nahe am Rande der Gate lag das tote Pferd – was war hier geschehen?

Raubvögel flogen auf, als er kam, kreischend und flügelschlagend, das Wasser glitzerte hell – von dem Kapitän war nichts zu entdecken.

»Vater!« rief halblaut, mit erstickter Stimme der Knabe. »Vater, wo bist du?«

Alles blieb still.

»Vater, um Gottes willen, gib Antwort!«

Nichts! – So sehr er auch horchte und spähte. Nichts!

Ein schauerlicher Gedanke hatte sich seiner Seele bemächtigt. Sollte der Kapitän, durch den jähen Sturz des Pferdes weitab in den Sand geschleudert, der Gate zu nahe gekommen sein? Sollte er da unten im Wasser liegen?

Onnen warf sich im selben Augenblick, als die Frage entstand, platt auf den Boden und streckte den rechten Arm bis über die Schulter in das Wasser, dann, als er nichts entdeckte, kroch er vorsichtig um den Rand der Vertiefung herum und untersuchte überall den Schlick des Grundes, der für seine Fingerspitzen gerade eben erreichbar blieb.

Während dieser eifrigen Nachforschung überhörte er es, daß sich zwei Männer der Stelle, wo das tote Tier lag, von verschiedenen Seiten näherten, beide vorsichtig schleichend, der letztere offenbar den ersteren beobachtend. Onnen kehrte ihnen den Rücken zu, er dachte im Augenblick nur an seinen rätselhaft verschwundenen Vater und ließ dabei die nötige Vorsicht ganz außer acht. Erst als der vorderste der beiden Männer das Pferd erreicht hatte, blickte er auf.

Vor ihm stand der Unteroffizier Durand von dem Kanonenboot »Hortense«.

Onnen erschrak heftig, der Franzose aber schien von förmlichem Entsetzen ergriffen. »Diable«, rief er, »schon wieder der Knabe!«

Und zurücktaumelnd riß er die Signalpfeife aus der Brusttasche, um Menschen herbeizurufen, um nicht länger allein zu bleiben mit dem, den er für ein Gespenst hielt.

Kräftige Arme verhinderten, ihn rückwärts zu Boden werfend, dies Vorhaben; die Pfeife flog weit hinaus auf das Watt, ein Knebel schloß den Mund des Franzosen, ehe er Zeit behielt, sich zu verteidigen.

Dann noch Hände und Füße mit Schlingen umwunden, und der überraschte Soldat konnte nur ächzen, aber keinerlei Fluchtversuch unternehmen.

Als Onnen den Kopf erhob, sah er das Gesicht seines unerwarteten Befreiers. »Uve Mensinga«, rief er aufstehend in schmerzlichem Tone, »wo ist mein Vater?«

»Ich weiß es nicht, Junge! Was machst du hier? Aber einerlei; komm schnell, ich habe ein Pferd, wir müssen eilen, um zur rechten Zeit nach Neßmersiel zu kommen.«

»Ohne meinen Vater? – Das kann ich nicht!«

»Natürlich, Onnen, natürlich. Vielleicht ist er längst drüben in Sicherheit.«

Onnen schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Mensinga. Nein, nein, der Vater wäre nicht geflohen ohne mich!«

Der Wattführer zuckte die Achseln. »Ich weiß davon nichts, aber mir deucht, hier lassen darf ich dich nicht. Nach einer Stunde kommt die Flut.«

Onnen weinte. »Aber wenn nun mein armer Vater verwundet, bewußtlos hier läge – wenn er einsam und verlassen von den Wellen begraben würde?«

Der Wattführer seufzte. »Wahrhaftig, Junge, du quälst mich!« rief er aus. »Wenn jemand für Klaus Visser durch Feuer und Wasser gehen würde, so bin ich es, aber hier ist nichts zu machen – wir müssen eilen, um selbst mit heiler Haut davonzukommen. Nebenbei können auch jeden Augenblick die Franzosen hier sein.«

Der Knabe trocknete seine immer wieder hervorquellenden Tränen und weigerte sich nicht länger, dem erprobten Freunde zu folgen. Aber vorher deutete er noch auf den wehrlos daliegenden Franzosen.

»Was machen wir mit ihm, Mensinga?«

»Wir überlassen ihn seinem Schicksal, das ist einfach genug.«

»Aber die Flut?« flüsterte Onnen. »Wollen wir ihm nicht wenigstens den Knebel aus dem Munde nehmen?«

»Damit er uns seine Spießgesellen auf den Hals zieht? – Denke an all den Jammer, den uns die Franzosen verursachen, und laß dir den Patron nicht leid tun.«

Er zog den Knaben ohne weitere Worte mit sich fort und zu dem Pferde, das er an einen Birkenstamm gebunden hatte. Sie bestiegen es beide, die Zeit drängte – eilig, mit lautlosen Schritten lief das Tier über den lockeren Boden.

Der gefesselte Unteroffizier blieb allein. Eine verzehrende Angst durchflutete alle seine Adern, ließ ihm die Augen fast aus den Höhlen treten – wenn das Wasser kam, so war es um ihn geschehen.

Er versuchte sich zu erheben und fiel wieder zurück, er wollte das Tuch aus dem Munde ziehen und konnte es nicht erreichen. All sein Blut schien Feuer, seine Glieder zitterten.

Sollte denn niemand hierherkommen? niemand?

Man mußte ihn doch vermissen, mußte suchen? – Wie langsam krochen die Minuten, wie unerträglich war dies Warten und Horchen.

Er dachte an das blasse Gesicht des Knaben, den er beinahe mutwillig in den Tod gehetzt. Als Franzose, als Zollbeamter war er nirgends gern gesehen, mußte sich zurückweisen lassen, wo er eine Annäherung versuchte, mußte sich von den Männern bedrohen und von den Frauen verabscheuen lassen, mußte im ewigen Einerlei des strengen Dienstes Jahr um Jahr an den öden Küsten der Nordseeinsel ausharren, das hatte ihn erbittert und gereizt, er wurde grausam, anstatt nur einfach seine Pflicht zu erfüllen, er peinigte und quälte die Fischer, wo es ihm möglich war.

Dann kam der Abend, an welchem ein kleines Boot über das Watt fuhr, eine Nußschale, in der ein halberwachsener Knabe saß. Er rief es an, er wollte auf brutale Weise den Gebieter spielen, und als der arme Junge nicht gleich antwortete, da ließ er das Fahrzeug in den Grund bohren. Ein leerer Raum zeigte sich, als er hinübersah, seinen Blicken, ein weißes Totenantlitz. Der Wind spielte mit blondem Haar – es war ein stilles, friedliches Bild.

Und dann kam der Tag, wo die Wellen den Leichnam an den Strand warfen, der Tag, wo ganz Norderney mit der beraubten Mutter weinte. Was die kahlen Dünen an spärlichem Blumenschmuck besaßen, das wurde auf den Hügel des Erschossenen gelegt – jedes Herz rief zum Himmel um Rache gegen die Unterdrücker, jedes verabscheute den Grausamen, der die Hand gegen ein wehrloses Kind erheben konnte. Er vergaß das alles nie wieder. Die Szene im sinkenden Boote verfolgte ihn bei Tag und Nacht – heute noch, vor wenigen Minuten war sie ihm abermals erschienen. Er schauderte. Die Boten des Todes klopften an, nun wußte er es.

Von fern her tönte ein Rauschen. Das war das Meer, es kam, um die altgewohnte Stätte zu überfluten, es mußte in kurzer Zeit hier sein.

Der Gefesselte riß und zerrte an seinen Schlingen. Nur die Arme frei, nur die Arme, dann war ja alles gut.

Aber Uve Mensingas Ledergurt hielt fest, er zerschnitt das Fleisch des Franzosen, ohne sich lockern zu lassen – es war unmöglich, diese Schlingen abzustreifen.

Möwen und Kampfhähne erhoben sich in die Luft – der Boden unter ihren Füßen wurde unsicher. Ein Hornsignal tönte aus weiter Ferne und ließ das Blut des Franzosen schneller durch die Adern kreisen. Das verabredete Zeichen vom Bord der »Hortense!« Sie rief die ihrigen zu sich, ehe das Watt vom Meere überströmt wurde.

Nochmals und zum drittenmal, immer dringender.

Durand horchte. Nun waren alle auf Deck versammelt, der Bootsmann verlas die Namen – er glaubte den seinigen zu hören. »Unteroffizier Durand!« —

Und nun schrieb der Schiffsführer in das Journal: »Vermißt!« – vermißt auf dem Watt, dem trügerischen Boden, der festes Land zu sein scheint und doch dem Wellenreiche angehört. Sie schüttelten alle die Köpfe, seine Kameraden, sie sagten halblaut: »Der kommt niemals wieder zu den Lebendigen zurück!«

Glühende Hitze durchströmte ihn. So jung, so ganz gesund, ohne Schmerz oder Fehl – und doch binnen kurzem tot, verloren, verloren – wie schrecklich!

Er hatte so sehr die Vorgänge auf dem Kanonenboote im Geiste beobachtet, daß ihm die Wirklichkeit zum Teil entrückt wurde. Das Rauschen des Meeres war näher und näher gekommen – jetzt lief die erste Welle, weißschäumend und langgestreckt, über seinen Körper dahin, ihn wie mit einem Strom von Eis berührend. Er schnellte auf, unfähig zu schreien oder sich zu erheben, er ächzte in schrecklicher Qual. Keine Rettung unter dem weiten Himmel, keine.

Die Welle lief ab und wieder auf, er kannte den Vorgang, er hatte ihn aus Langeweile hundertmal beobachtet – sie würde noch oft, oft wiederkehren, ehe die Stelle erobert war – einmal aber blieb sie im Besitz – und dann?

Und dann?

Er sank in sich zusammen, er gab alles auf. Eine Art von Taumel bemächtigte sich seines Gehirnes, nur ein einziger Gedanke, fast ein Gebet, schwebte ihm vor: »Schneller! – Schneller!« Und Gott erbarmte sich des Unglücklichen. Eine rauschende Woge kam daher, höher als alle vorigen; auch sie sank noch einmal zurück, aber als sich der Schaum verlaufen hatte, da war die Stelle, wo der Franzose gelegen, leer.

Tief unten auf dem Grunde der Gate umfingen ihn die Wasser mit feuchten Armen, das unruhig schlagende Herz stand still, das Hämmern hinter der heißen Stirn hätte aufgehört für immer.

Allmählich begann die Nacht der Morgendämmerung zu weichen. Es legte sich wie ein weißer Schimmer über das Watt, erste rosige Sonnenblitze tauchten in den Nebel und verdrängten ihn immer mehr und mehr.

Uve Mensinga zügelte das Pferd und beide Reiter saßen ab.

»Wir müssen uns hier trennen, mein Junge; kämen wir vereint nach Neßmersiel, so könnte das Aufsehen erregen. Geh voran, Onnen!«

Der Knabe bot ihm seufzend die Hand. »Ich danke Euch, Mensinga! – O lieber Gott, was soll ich meiner armen Mutter sagen, wenn sie mich fragt, weshalb ich allein komme?«

Der Wattführer drückte ihm traurig die Rechte. »Ich spreche heute noch vor, Kind – hüte dich, irgendwie den Verdacht der Franzosen zu erregen. Du weißt von nichts, warst in Norden, um Verwandte zu besuchen, vergiß das nicht. Adjes!«

Und dann ging er seitab, um den Deich an einer anderen Stelle zu überschreiten.

Onnen blieb allein; jetzt mußte er sich zusammennehmen, mußte ein ruhiges Gesicht zeigen, obwohl ihm das Herz zum Zerspringen klopfte. Gemäßigten Schrittes näherte er sich der Treppe.

Ein junger Zollbeamter sah ihm entgegen, ebenso blaß wie er selbst, er redete ihn an, sobald Onnen den Kamm des Deiches erreicht hatte.

»Kommst du von Baltrum, mon ami?«

»Ja«, antwortete der Knabe.

»Ah, c‘est bien! Aben du gesehen monsieur Brahms? Er ist gehen gestern hinüber und nicht kommen retour!«

Onnen sah ihn an, kaum fähig zu sprechen. »Sind Sie Herr Bertrand?« fragte er.

»Oui! Oui!«

»Nun, dann kann ich‘s Ihnen sagen. Jakob Brahms ist tot!«

»Ciel! – Er sind ertrunken?«

»Nein, Herr Bertrand. Er ist im Kampfe mit Ihren Landsleuten erstochen worden. Es ist für uns alles verloren!« Und Onnen ging weiter, so schnell er konnte. Er mußte Gewißheit erlangen über das Schicksal seines Vaters; die Unruhe tötete ihn fast.

Der Franzose stand und sah ihm nach. Im Wirtshause waren die Töne der Musik längst verstummt; ein ödes Grau lag zwischen den Häusern.

Tot, tot der Mann, dessen Hand noch vor wenigen Stunden so lebenswarm die seinige gedrückt, dessen Stimme so schmeichelnd zu überreden wußte. Tot – wie gräßlich!

Scheuen Blickes sah der junge Mensch nach allen Seiten. Er hatte das gesetzwidrige Unternehmen begünstigt, er hatte für ein strafbares Schweigen Geld erhalten.

Eine schnelle Bewegung brachte die Hand in die Tasche. Im Morgenlicht blitzte es auf, dann plätscherte unten das Meer, als sei ein schwerer Gegenstand hineingefallen – nochmals und nochmals. Der Franzose atmete tief!

»Soll nicht aben alte Mutter das Sündengeld. Non, non, pardonnez-nous nos offenses! – Ach, arme monsieur Brahms, gute Mann, gute Vater – nun tot!«

Und erschüttert im innersten Herzen nahm der junge Mann die Wanderung wieder auf. Diese Nacht hatte ihm mit ihren Ereignissen eine furchtbar ernste Lehre gegeben.

Onnen eilte unterdessen vorwärts, so schnell er konnte. Ein Bauernwagen, der von Neßmersiel nach Norddeich fuhr, nahm ihn bis dahin mit, dann ging er in einer der anwesenden Schaluppen hinüber nach Norderney.

Wie schlug ihm das Herz, wie schwer wurde es, nirgends zu fragen, sich durch keine Miene zu verraten. Er fühlte, daß seine Kräfte zur Neige gingen.

Der Weg von der Landungsstelle bis zum elterlichen Hause war nicht weit, er legte ihn in Sprüngen zurück und öffnete die Tür, um mit einem einzigen Blick die Sachlage zu beurteilen.

Seine alte Mutter und Folke Eils sahen ihm fragend entgegen, der Raum war leer, beide Frauen hatten geweint – sie wußten offenbar von dem Hausherrn so wenig wie er selbst. Ihn schwindelte, bunte Farben erfüllten die Luft, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben, brach er in tiefer Ohnmacht auf der Schwelle der elterlichen Wohnung wie leblos zusammen. Die böse Botschaft hat Flügel, sie durchmißt in eilendem Laufe die größten Entfernungen, sie dringt hinter die verschlossenen Türen und findet Wege, wo immer es sei.

Das Kanonenboot lag an seiner gewohnten Stelle, auf dem Verdeck gingen die Ereignisse ihren alltäglichen Gang und nichts Besonderes wäre zu bemerken gewesen; aber dennoch wußte binnen wenigen Stunden die ganze Bevölkerung der Insel, was während der verwichenen Nacht auf dem Watt zwischen Baltrum und Neßmersiel geschehen war.

Unten im Raume des Kanonenbootes lagen gefesselt an Händen und Füßen die Gefangenen des heißen Kampfes, Klaus Visser, Heye Wessel, Lars Meinders und Andreas Fokke, neben ihnen zwei englische Marinesoldaten mit einem Unteroffizier – jedermann auf Norderney wußte es und jeder kannte den Verräter, dessen niederträchtige Treulosigkeit die Schmuggler ihren Feinden in die Hände lieferte.

Peter Witt sah aus, als habe er bereits im Grabe gelegen. Er schien nur zagend das Kanonenboot zu verlassen, er bebte heimlich, wenn ihm auf dem Wege in das Dorf irgendein Mensch begegnete.

Einen Augenblick hatte er daran gedacht, abzureisen, aber war dann nicht alle seine Mühe umsonst? Jetzt mußten sich die Franzosen seiner Ansicht nach dankbar beweisen, mußten ihn mit Ehren und Auszeichnungen überschütten. Wenn das die Norderneyer nicht mit ansahen, ihn nicht im Herzen auf das äußerste beneideten, welch einen Wert hatte dann noch die Sache?

Nein, bleiben wollte er doch um jeden Preis. Gleich nach dem Ereignis war ein Kanonenboot hinübergegangen nach Norddeich und hatte von dort aus einen reitenden Boten nach Emden geschickt. Der Präfekt Jeannesson mußte gegen Abend eintreffen – dann gewannen für ihn die Dinge ein anderes Ansehen.

Er konnte sich nicht entschließen, sein Haus aufzusuchen, sondern bog rechts ab und wanderte ziellos an den im Bau fast vollendeten Schanzen vorüber bis zur verfallenen Hütte der alten Aheltje. Vielleicht würde ihm die Hexe den Schleier der verhüllten Zukunft ein wenig lüften, ihm sagen, welche Ehren und Freuden seiner warteten.

Sonderbar – er hatte monatelang mit allen Kräften, allen Mitteln danach gestrebt, die Schmuggler zu entlarven, und jetzt, da es geschehen war, schlug ihm das Herz bis in die Kehle hinauf. Er glaubte immer, es stehe jemand hinter ihm – er fühlte sich mehr als nur unbehaglich.

Und dann öffneten sich seine Augen vor Erstaunen so weit als möglich. Über Nacht war die Hütte der Alten wie vom Boden verschwunden; ein paar Trümmer lagen umher, Splitter und Fetzen, das war alles.

»Aheltje!« rief er stillstehend, »Aheltje, wo bist du?«

Niemand antwortete ihm, aber er hörte aus den Dünen eine schwache zitternde Stimme, eine bekannte Melodie, deren Klänge ihn vom Kopf bis zu den Füßen eisig durchschauerten.

»Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.«

Leise schlich er näher. Im tiefen Tal einer Düne, unter dem Schatten dichter Erlen saß Aheltje und sang. Das graue Haar hing wirr um den Kopf, eine breite Wunde klaffte an der Stinte, die Handgelenke zeigten schwarze Flecke. Im Schoß hielt die arme Alte ihren Liebling, den grauen Murr, aber tot – ein schrecklicher Anblick, da ihm der Kopf fehlte.

Die bebenden Lippen sangen das Lutherlied voll gläubiger Zuversicht, die Hände, blutend und verkrümmt, streichelten das graue Fell des toten Tieres. Allein in dem großartigen Schweigen der Dünenwelt, ganz allein mit ihrem bitteren Weh, predigte sich die Alte von jener Gerechtigkeit, die nie erlahmt, jener Vatergüte, auf die kein Lebender vergeblich baut. Sie sang ihr wildschlagendes Herz zur Ruhe – jeder Ton trug eisiges Erschrecken in die Seele des Verräters.

Er glitt hinab in das Tal und stand dicht vor ihr. »Aheltje!« sagte er mit unsicherer, heiserer Stimme.

Langsam hob die Alte den Kopf, ein blasses entstelltes Gesicht sah ihn an, die blutende Hand deutete auf den Ausgang der Schlucht.

»Hinaus!« sagte sie ruhig. »Die Welt ist groß, auch ohne diese Düne; laß sie mir, Kain, geh fort, ehe ich dich verfluche.«

Er zuckte die Achseln, vergeblich bemüht, sich den Sinn ihrer Rede zu leugnen. »Was habe ich dir getan, Aheltje? Wo – wo ist dein Haus?«

Sie wiegte den Kopf gleich einer Irrsinnigen. »Frage den Wind, Verräter, frage die Franzosen, deine Freunde. Sie sind zu mir gekommen und verlangten das Rezept des Saftes, der Zauberkräfte gibt, sie haben meine Hütte in Trümmer geschlagen und mich mißhandelt. Sieh da das Blut, die Wunden – nimm‘s auf dein Gewissen, Peter Witt! und mög‘s dich brennen, bis du Buße tust vor Gott.«

Sie erhob sich mühsam von ihrem Sitz, sie trat, das tote Tier hoch emporhebend, dem erschreckten Mann näher. »Was gilt mir mein verlorenes Haus, du Unseliger, was gelten mir die Säbelhiebe der Franzosen, wenn ich diesen toten Körper ansehe? Weißt du, was mir die Katze war, Peter Witt? – Was glücklichen Menschen ihre Kinder und Geschwister, ihre Verwandten und geliebten Wesen sind! Das letzte lebende Geschöpf, an dem meine Seele hing, das letzte, welches mich liebte! – Du hast mir‘s geraubt!«

Er ging immer Schritt um Schritt rückwärts, die Hände streckte er vor und die Blicke hielt er fest auf das Gesicht der Alten geheftet.

»Sei doch nicht gleich so böse, Aheltje, ich habe dir die Franzosen nicht auf den Hals geschickt, und was deine Katze betrifft, lieber Gott, so schenke ich dir dafür zehn andere!«

Die alte Frau schluchzte. »Zehn andere!« wiederholte sie. »Ach, Peter Witt, du reicher müßiger Mann, du, der du über viele Tausende gebietest – meinen armen Murr kannst du mir nicht wiedergeben. Ich hab‘ ihn neugeboren am Strande gefunden und hab‘ ihn aufgezogen wie ein Kind – womit wolltest du mir seine Liebe ersetzen? Geh, geh, Unglücksmensch, und lasse dich nie wieder hier an dieser Stelle sehen, bis ich tot bin, erlöst!«

Sie weinte bitterlich, ihr graues Haar flatterte im Wind, ihre Hände bebten. »Fort!« rief sie. »Fort! Was willst du von mir, Peter Witt?«

»Aheltje«, schmeichelte er, »liebe beste Aheltje, du sollst mir die Karten legen! Wenn gute Nachrichten darin stehen, lasse ich dir auch dein Haus wieder aufbauen!«

Die »Hexe« schauderte. »Auch meine Karten«, murmelte sie, »auch meine Karten, nun erst fällt mir‘s ein. Die Kinder hatten damit gespielt, meine Knaben, ich liebte die alten Blätter so innig! – Alles dahin, alles zerstört, es sollten ja Zauberkräfte darin verborgen sein!«

Peter Witt erschrak. »Du hast keine Karten mehr, Aheltje? – Ich will andere holen, ich komme rasch zurück.«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich mag nichts mit dir zu schaffen haben, Kain, nichts, nichts. Geh, laß mich in Ruhe mein armes Tier verscharren.«

Sie begann, ohne die Gegenwart des Verräters weiter zu beachten, den losen Sand mit ihren Händen aufzugraben. Ob er bat und flehte, ob er Geld anbot, oder Drohungen hervorstieß, sie schenkte ihm keinen Blick, bis er endlich davonging, böse und unruhig, das Herz voll schlimmer Ahnungen.

Nicht nach Hause – ihm graute davor.

Und so schlich er umher, ziellos, zwecklos, bald bis zur Reede, dann an den Herrenstrand, hinauf zum schwarzen Kap. Zur Ewigkeit dehnte sich der Tag; erst gegen Abend kam das ausgeschickte Kanonenboot zurück und brachte den Präfekten nach Norderney – jetzt wurde Peter Witt ruhiger.

Ob wohl ein neuer Orden für ihn schon in Bereitschaft lag?

Sicherlich erhielt er doch noch heute abend eine Einladung zu Seiner Exzellenz, Herrn Jeannesson – ja, und da mußte er schleunigst an einen andern Anzug denken.

Schnelle Schritte brachten ihn nach Hause, wo sein Sohn vor der Tür saß und einen Schwarm gleichaltriger Knaben um sich versammelt hatte. Sobald er kam, traten alle zur Seite, stumm, ohne Gruß, ohne ein einziges Zeichen des Hasses oder der Teilnahme, nur sein eigener Knabe griff nachlässig an die Mütze.

»Jetzt sitzen die Schmuggler in der Falle«, sagte er hämisch. »Onnen Visser liegt sterbenskrank – sie haben schon aus Norden für ihn einen Doktor verschrieben.«

Sein Vater erschrak. »Ich verbiete dir, mit irgendeinem Menschen Streit anzufangen, hörst du, Adam! Komm her und bürste meine Stiefel.«

Der Junge reckte sich. »Das kann Frau Olters tun«, brummte er. »Wohin willst du denn schon wieder, Vater?«

»Komm her und bürste meine Stiefel!«

»Ich mag nicht!« gähnte der hoffnungsvolle Sohn, darauf versenkte er beide Hände in die Taschen und schlenderte davon, unbekümmert um den Vater, der ihm noch einige Male vergeblich nachrief und dann, da Frau Olters, die Wirtschafterin, nicht zu Hause war, notgedrungen seinen eigenen Kammerdiener spielte.

Er wurde aus dieser emsigen Beschäftigung sehr unangenehm aufgeschreckt. Ein Stein flog durch die Scheiben und fiel dicht vor ihm auf den Fußboden – ein zweiter und dritter, ein ganzer Hagel von Wurfgeschossen folgte dem ersten.

Peter Witt taumelte vor Schreck. Er sprang an das Fenster und suchte dann instinktmäßig Schutz hinter einer halbgeöffneten Tür. Auf der Straße stand Kopf an Kopf eine dichtgedrängte Menge, unaufhaltsam flogen Steine gegen das Haus, unaufhaltsam tönten Flüche und Verwünschungen. Ganz im Vordergrunde sah er Heye Wessels ältesten Sohn – ein Grauen ohnegleichen überfiel ihn, mit einem einzigen Satz war er durch die Küche und zur Hoftür hinaus.

Der Präfekt sollte ihm helfen. Ein siedendes Donnerwetter mußte den Meuterern auf die Köpfe fallen. Atem schöpfend stand er still. Es klirrte und prasselte, es polterte, wie wenn Mauerwerk stürzt und Dachsparren brechen. Weiberstimmen riefen, Hunde bellten – die Justiz des erbitterten Volkes vollzog sich unaufhaltsam.

Peter Witt lief, so schnell er konnte, bis zum Badehause. Dort wohnte für die nächsten Tage der Präfekt aus Emden und eben diesen wollte er zur Hilfe rufen.

Sechs Mann Einquartierung für jedes Haus mußte es geben, Peitschenhiebe – Peter Witt bebte vor Wut. Wer ersetzte ihm sein Eigentum? Wer bezahlte den Schimpf?

Er stürmte weiter, bis ihn ein Wachtposten anhielt. Es kostete außerordentliche Mühe, in das Zimmer des Präfekten einzudringen, vieles Bitten und Warten – Peter Witt fing an, seine persönliche Wichtigkeit für weniger bedeutend zu halten, er sah sich geradezu wie einen überlästigen Bittsteller empfangen.

Der Präfekt sprach mit den Offizieren von der »Hortense«, auch Oberst Jouffrin war zugegen. Er sah den Verräter an. »Wer ist dieser Mann? Was will er?«

Einer der Offiziere sprach einige französische Worte, worauf sich der Blick des Präfekten bemerklich verfinsterte. »Was wünschen Sie?« fragte er kalt. »Meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen.«

»Exzellenz«, stammelte der Verräter, »Exzellenz, ich bitte um Schutz. Man zerstört mein Haus, ich bin bedroht!«

Der Präfekt Jeannesson, der, wenn auch Feind, doch ein ehrenwerter und menschenfreundlicher Mann war, zuckte die Achseln. »Das wundert mich eben nicht«, versetzte er. »Sie waren, wie ich höre, der, welcher die Schmuggler verriet?«

Peter Witt drehte die Mütze zwischen den Fingern, er wurde bald blaß, bald rot. »Exzellenz«, stammelte er, »meine Verehrung für Seine Majestät, den Kaiser, meine – ich.«

»Sie waren es, der die Schmuggler verriet?«

»Ja, Exzellenz.«

Der Präfekt wandte sich ab. »Dafür können Sie von Ihren Landsleuten, den Brüdern und Freunden derjenigen, welche jetzt auf der Schanze erschossen werden müssen, wahrlich keinen Dank erwarten«, sagte er.

Der Verräter hatte eine Empfindung, als drehe sich unter seinen Füßen die Erde. »Exzellenz«, rief er, »dürfen denn die Leute mein Eigentum zerstören?«

»Das kümmert mich nicht, es ist Sache der Polizeigewalt. Sie können jetzt gehen.« Das Tigergesicht des Obersten schob sich in den Vordergrund. »Exzellenz, man könnte einige fünfzig Mann hinschicken und die Rädelsführer verhaften lassen, nicht wahr?«

In Monsieur de Jeannessons Augen blitzte es plötzlich auf. »Damit ein offenbarer Aufruhr entstände, mein Herr Oberst? Damit noch mehr Blut fließen müßte? – Ich habe nie gehört, daß im Kriege die Spione mit Schutzwachen versehen werden, und gedenke also auch hier keine derartige Neuerung einzuführen. Der Mann ist entlassen.«

Ehe eine halbe Minute verging, sah sich Peter Witt draußen vor der Tür, ohne so recht zu wissen, wie er dahin gekommen war. Man hatte ihn geschoben und vorwärts befördert, bis er wieder unter Gottes freiem Himmel stand.

War es denn möglich – ihn? Ihn selbst? Ja, und wo blieb der erhoffte Orden?

Einfältiger war er sich noch nie vorgekommen als in diesem Augenblick. Aber eines wußte er gewiß, daß man sein Haus in Trümmer schlug; er hörte das Brechen und Krachen, das Jubeln der Menge. »Werft Feuer hinein!« rief eine Stimme.

Das Wort lieh ihm Flügel, er lief spornstreichs zur Wohnung des Amtsvogtes und ließ sich nicht einmal erst Zeit genug, um anzuklopfen. Als er die Tür aufriß, saß gerade die Familie des Dorfbeherrschers beim Abendbrot – aller Augen sahen ihn an.

»Guten Abend!« rief er hastig. »Vogt, du mußt gleich mit mir kommen, die verrückten Kerle ruinieren mein Haus.«

Der Amtsvogt nahm bedächtig einen großen gebratenen Fisch von der Schüssel und zerlegte ihn auf seinem Teller in Stücke, dann begann er so ruhig seine Mahlzeit, als sei im Zimmer kein fremder Zeuge anwesend, ja er sprach sogar mit der Frau Vögtin. »Hast du noch einen Trank Nordener Bier im Keller, Mutter?«

»Gleich, mein Alter!«

Die geschäftige Frau ging mit einem Steinkruge und einem Bund Schlüssel an dem Verräter vorbei, als sei er leere Luft; Peter Witt fühlte, wie ihm das Blut heiß zu Kopf stieg, er zitterte.

»Hörst du mich nicht, Vogt?«

Keine Antwort. Auf den Gesichtern der Tischgenossen erschien ein heimliches Lächeln, etwas wie schadenfrohe Genugtuung; sie aßen fort, ohne den Verräter irgendeiner Beachtung zu würdigen.

Peter Witt floh aus dem Zimmer, wie von Furien verfolgt.

Rote Lohe schlug ihm entgegen – es war sein Haus, das da brannte. Er schrie laut auf, Furcht und Habsucht stritten in seiner Seele um die Oberhand. Sollte er hingehen und sich vielleicht von den erbitterten Fischern totschlagen lassen, oder sollte er müßig zusehen, wie man sein Eigentum vernichtete?

Unwillkürlich gedachte er in diesem Augenblick der »Hexe«. Wie Aheltje verlassen und heimatlos unten auf dem Grunde der Schlucht saß, blutend, verzweifelnd, des letzten beraubt, so wurde er ohne Dach und Fach auf die Straße geworfen und niemand lebte, der ihm Beistand geleistet, ihm zu seinem Rechte verhelfen hätte.

Noch stand er zögernd, überlegend, als sich die Tür des Amtsvogtes öffnete und der Würdenträger selbst heraustrat. Er ging mit schnellen Schritten dem Flammenscheine nach.

Peter Wirt eilte an seine Seite. »Vogt«, sagte er, »du wirst doch die Mordbrenner zwingen, mir Schadenersatz zu leisten?«

Der Amtsvogt blieb ihm auch diesmal die Antwort schuldig. Er ging über den ungepflasterten Weg, so schnell es der tiefe Sand erlaubte, ohne dem nebenher trabenden Verräter die mindeste Beachtung zu schenken.

»Vogt, so sprich doch – Mensch, was habe ich dir getan?«

Keine Silbe fiel von den Lippen des Gestrengen. Als ihn ein zufällig näherkommender Fischer anredete, war er freundlich wie immer, ja sogar gutgelaunt, wie es schien. »Was ist da unten los, Matthias?« sagte er. »Ein Feuerwerk?«

Der Fischer bohrte förmlich die Blicke in das blasse Gesicht des Verräters. »Ja«, sagte er, »ein Feuerwerk. Schade, daß man den Lump, dem der Kasten gehörte, nicht gleich mit verbrennen kann!«

»Sehr schade, da hast du recht.«

Peter Witt gehörte nicht eben zu den mutigen Naturen, aber er empfand doch einen so starken Groll, daß es ihm unmöglich war, neben den beiden Männern des Weges zu gehen, er sprang daher auf die andere Straßenseite hinüber und kam im gleichen Augenblick mit ihnen bei der Brandstätte an.

Das leichte, mit Stroh gedeckte Haus lag in Asche, nur ein etwas seitab stehender Schuppen war vom Feuer verschont geblieben; eine dichtgescharte Menge umgab die noch glimmenden Trümmer.

Der Vogt hielt beide Hände in den Taschen. »Also Feuer«, sagte er. »Na, es hat ja weiter keinen Schaden angerichtet – ehrlicher Leute Hab und Gut ist nicht verloren gegangen. Ich denke, niemand von euch weiß, wie die Flammen entstanden sind?« Man lachte. »Natürlich nicht, Herr Amtsvogt!«

»Das glaube ich. Nun gebt ihr aber hübsch acht, daß die Nebengebäude unbeschädigt bleiben, dafür mache ich euch verantwortlich.«

»Verlaß dich darauf, Vogt!«

Der Würdenträger wollte sich wieder entfernen, höchstwahrscheinlich um sich die zweite Hälfte seiner riesigen gebratenen Scholle zu Gemüt zu führen, dann aber wandte er plötzlich den Kopf, der lächelnde Ausdruck des Gesichtes verschwand, auch die Stimme klang sehr ernst.

»Hört, Leute!«

Eine allgemeine Stille folgte dem lauten Sprechen und Lachen, das eben noch die Menge beherrscht hatte, jeder einzelne horchte.

Der Vogt hob warnend den Finger. »Wenn sich der Halunke, der Peter Witt hier zeigen sollte, so darf ihm persönlich kein Leid geschehen. Berührt ihn nicht, Leute, krümmt ihm kein Haar!«

»Allstunds, Vogt. Wir verstehen dich vollkommen. Bis Klaus Visser und Heye Wessel, die besten Männer von Norderney, da oben auf der Schanze sterben, hat es Zeit.«

Der Vogt nickte und ging dann seines Weges; Peter Witt fühlte, wie ihm die Zähne im Fieberfrost gegeneinander schlugen. Er wurde behandelt wie ein Abwesender, ein Toter, man übersah geflissentlich, daß er zugegen war.

Der Halunke! hatte ihn der Vogt genannt, er knirschte heimlich; ein Gedanke, feige und falsch wie seine ganze Seele, gewann in ihm die Oberhand. Für Geld würden die Leute schon gefällig werden – der reiche Mann war er ja immer noch, auch wenn das Haus fehlte.

An der anderen Seite wohnte ein Bäcker; er ging hinüber und warf mit hochfahrendem Wesen ein französisches Goldstück auf den Zahltisch. »Gib mir das Brot da, Nachbar!«

Der Bäcker pfiff leise vor sich hin. Als sei er allein im Laden, nahm er einen Handbesen und fegte über den Tisch, wobei die Münze ihrem Eigentümer klirrend vor die Füße fiel, dann wandte er sich zu denen, die von draußen her Kopf an Kopf in die offene Tür hineinsahen, und sprach mit ihnen, als habe er den Fordernden gar nicht bemerkt.

»Ich will Brot kaufen!«, rief dieser, jetzt völlig aus der Fassung gebracht.

Die Leute plauderten fort; Hitze und Kälte wechselten unaufhörlich in den Adern des Verräters, er hatte ein Gefühl, als müsse er ersticken. Sobald er sich der Tür näherte, traten die Versammelten beiseite; man ließ ihn hindurchgehen ohne ein Wort, eine Bewegung, wie der Wind ungehindert passiert, wo immer er mag.

Peter Witt erkannte jetzt, wie es um ihn stand. Er war geächtet.

Ja, geächtet. Es würde ihm niemals möglich sein, die frühere Stellung unter den ehrlichen, aber derben Norderneyern wiederzugewinnen.

Und doch beherrschte ihn, je länger, desto mehr, eine leidenschaftliche Sehnsucht, sich auszusprechen, von irgendeinem Menschen das Wort der Teilnahme, wenigstens überhaupt eine Antwort zu hören; er hatte schon den Verlust des Hauses ganz übersehen, er dachte nur mit Grauen an das Alleinsein, zu dem ihn die Leute zu verurteilen schienen, an die Notwendigkeit, fernerhin das Schicksal des Ausgestoßenen zu ertragen; eine wahre Todesangst kroch in sein feiges Herz.

»Sie werden ja nicht alle so hartnäckig sein«, dachte er. »Ich muß es nur einmal an einer anderen Stelle versuchen.«

Und er bog in eine Nebenstraße, er fragte eine Frau, ob sie seinen Sohn oder die alte Haushälterin nicht gesehen habe.

Keine Antwort.

Immer mehr wuchs die Bestürzung des Verräters. »Adam!« rief er, »Adam, wo steckst du, Junge?«

Und dann begann er ziellos über die Insel zu schweifen. Ein Gedanke blitzte plötzlich auf in seiner Seele – die »Hexe« würde mit ihm sprechen; böse Worte vielleicht, aber doch etwas, doch Laute, die für ihn bestimmt waren. Dies Schweigen ertrug er nicht länger.

Der Mond schien mit schwachem Licht vom Himmel herab; geräuschlos gleitend schlüpfte Peter Witt hinaus in die Dünen, von Kamm zu Kamm, von Schlucht zu Schlucht, spähend und horchend, mit immer heftiger jagenden Pulsen, mit kaltem Schweiß vor der Stirn.

»Aheltje! Aheltje!«

Niemand antwortete. Wollte auch die »Hexe«, die verachtete ausgestoßene Zauberin nichts von ihm wissen, oder war sie nicht zugegen?

»Aheltje! Aheltje!«

Es blieb alles stumm, er sah nichts, hörte nichts; nur der Wind strich kalt um seine glühende Stirn.

An der ändern Seite erhoben sich die Segel und Masten der Hortense. Da, im Innern des französischen Schiffes, lagen gefesselt und zum Teil verwundet, des nahen Todes gewärtig vier Männer, deren keiner ihn jemals beleidigt oder beeinträchtigt hatte, vier Familienväter, die nun demnächst hingerichtet werden und ihre Frauen, ihre Kinder des Schutzes beraubt, vereinsamt und unglücklich zurücklassen mußten, verraten von dem, der ihr Landsmann war, ihr Berufsgenosse, der viele Jahre lang Seite an Seite mit ihnen gelebt und die Gefahren der See geteilt hatte.

Und er murmelte vor sich hin, er sah mit trockenen brennenden Augen hinüber zu dem Schiffe, als spreche er mit den Gefangenen.

»Ich wußte ja von dem Todesurteil nichts! – Ich dachte nur, daß der Kaffee weggenommen würde – die paar Pfund Bohnen! Ihr seid ja nicht arm.«

Eine Möwenschar segelte über ihn hinweg; die schrillen Stimmen ließen ihn erschreckt zusammenfahren. Was riefen sie doch ? – »Zu spät! Zu spät!«

Er sah noch einmal um sich. Er konnte es hier in der Einöde nicht länger aushalten; wie gejagt lief er hinab in das Dorf und zu der Stelle, wo bis jetzt sein Haus gestanden hatte. Das letzte Glimmen und Glühen war erloschen, die Straße leer; Peter Witt dachte zum erstenmal mit wirklicher Sorge an seinen Sohn. Wo hatte der Knabe ein Unterkommen gefunden?

Da schimmerte ihm aus dem Schuppen ein Lichtstrahl entgegen; er kletterte hastig über die halbverkohlten Balken und sah in das einzige kleine Fenster hinein. Dies Gebäude war sein Eigentum, niemand durfte ihn hindern, es zu betreten.

Drinnen saß auf einem Holzschemel die alte Frau Olters, während Adam neben ihr auf einem Haufen Stroh lag und, wie es schien, in sehr guter Stimmung eine Wurst verzehrte, die er zu größerer Bequemlichkeit an einem Ende gepackt hielt und ohne Beihilfe von Messer und Gabel mit den Zähnen zerriß.

Leise öffnete der Verräter die eingeklinkte Tür; Frau Olters schrie laut auf vor Schreck. »Na, endlich kommt Ihr, Herr! Und wie seht Ihr aus! Ist Euch die Hexe begegnet?«

Peter Witt ließ sich schwer auf das Stroh fallen; er schauderte. »Gebt mir etwas Warmes zu trinken, Frau. Ach, es ist so öde hier, so schrecklich!«

»Heye Wessels Sohn hat den ersten Brand in das Haus geworfen, Vater!«

»Schweig!« murmelte voll inneren Grauens der Verräter. »Ich will trinken!«

Die alte Frau brachte ihm Kaffee, den er, von Fieberfrost geschüttelt, hastig verschluckte. »Olters«, sagte er dann, »hier kann man nicht wohnen. Geh sie aus und suche sie ein paar Stuben zu mieten, ich bezahle alles.« Aber die Wirtschafterin zuckte die Achseln. »Das nützt nichts, Herr, ich hab‘ es gleich versucht, als uns das erzürnte Volk aus dem Hause vertrieb, aber ganz umsonst. Niemand gibt euch Unterstand, auch nicht der ärmste Fischer, ich weiß es gewiß.«

Peter Witt schwieg, er dachte an den Bäcker, welcher sein Goldstück vom Zahltisch gefegt hatte, an die stumme eilige Bewegung, womit das Volk vor ihm wie vor einem Pestkranken zurückwich. Er ließ die Unterlippe hängen und sah starr ins Leere.

»Wie einer, den der Blödsinn gepackt hat!« dachte Frau Olters.




5


Einige Straßen weiter schimmerte hinter verhüllten Fenstern das Licht einer Lampe. In seinem Bett lag Onnen, die Augen waren weit offen, das Gesicht glühte, die Hände irrten unruhig auf der Bettdecke umher. Er flüsterte fortwährend.

Neben ihm saß seine unglückliche Mutter, stumm, fast erliegend unter der Wucht des hereingebrochenen schweren Schlages. Sie dachte kaum ganz klar und nur, wenn sich ihr Sohn im Bette aufzurichten versuchte, schien sie für Augenblicke aus der gänzlichen Versunkenheit des Schmerzes zu erwachen. Ihre sanfte Stimme beruhigte das Fieber, ihre Hand legte nasse Tücher auf des Knaben Stirn, sie sprach ihm freundlich zu, wenn er durchaus aufstehen und davonlaufen wollte.

»Hörst du denn nicht, Mutter? – Es ist des Vaters Stimme, er ruft mich! Ich muß zu ihm, aber wo mag er nur sein ? Die Gate habe ich überall durchsucht, sie war leer.«

Frau Douwe schauderte. »Sei ruhig, mein Herzenskind, sei ruhig. Du mußt nicht sprechen, nicht grübeln – schlafe nur, das ist das beste für dich!«

Onnen verstand kein Wort, er war im Geiste immer auf dem Watt und durchlebte die Schreckensszenen der letzten Nacht. »Uve Mensinga«, flüsterte er, »warum reitest du so schnell? Hu, wie das Pferd fliegt! Läuft uns das Wasser nach? Da ist es, ich sehe den weißen Schaum. Barmherziger Himmel, wo ist mein Vater? – Ich hörte seine Stimme, ich weiß es gewiß. Wo ist er?«

Dann warf sich der arme Junge angstvoll von einer Seite zur andern. »Vater! Vater!«

Frau Douwe wurde ohnmächtig; die alte Folke Eils hatte genug zu tun, um ihre beiden Schutzbefohlenen zugleich zu behüten, sie war froh, wenn hie und da eine befreundete Seele erschien, um an der Stätte des Jammers, selbst elend und unglücklich, doch ein Wort des Trostes, des Mitgefühls zu sprechen.

Am frühen Vormittag war Uve Mensinga erschienen und von ihm hatte Frau Douwe erst erfahren, was auf dem Watt geschah. Sie brach nicht zusammen, die Unglückliche, sie mußte ja leben für ihren Sohn, aber man sah doch, wie sehr sie litt – gleich einem Lauffeuer verbreitete sich die schreckliche Nachricht durch das Dorf.

Alle Nachbarn kamen und boten stumm oder mit den Worten eines herzlichen ehrlichen Beileids der armen Frau die Hand; auch Heye Wessels Kinder, ein Sohn, eine Tochter, mischten ihre Tränen mit denjenigen ihrer Freunde, die Mutter des von den Franzosen im Boote erschossenen Knaben kam sogar, um still und klagelos die alte Folke Eils in der Pflege der beiden Kranken zu unterstützen.

Sie trug ein schwarzes Kleid und um den Kopf ein ebensolches Tuch; ihr volles dunkles Haar war seit jener Stunde, als man das tote Kind gefunden, eisgrau, ihr sanftes Gesicht blaß und schmal. Wie eine Klosterfrau, so ruhig und hilfreich, mit vergrämten Augen blickend; saß sie an Onnens Bett und legte wieder und wieder die nassen Tücher um seine fiebernde Stirn.

Folke Eils wiegte den Kopf, sie seufzte tief. »Das gibt noch ein Unglück, Wieb‘, sollst es sehen – die Männer im Dorfe lassen sich‘s nicht so gutwillig gefallen. Überall drohen geballte Fäuste und finstere Mienen.«

Die andere nickte. »Es sollen noch mehr Soldaten von Norden herüberkommen«, flüsterte sie. »In allen Häusern muß ihnen Quartier gegeben werden – natürlich, damit keine Unruhen ausbrechen.«

»Nützt nichts, nützt nichts. Es geht ein Murmeln und Flüstern durchs Dorf – gib acht, Wieb‘, außer dem Blute der Gefangenen fließt noch anderes, noch viel mehr.«

Wiebke Raß seufzte. »Des Lars Meinders junges Weib hat sich heute morgen mit ihrem Säugling in den Armen dem Präfekten zu Füßen geworfen«, erzählte sie, »aber vergeblich, obwohl der Herr von Jeannesson fast ebenso erschüttert gewesen ist wie sie selbst. Dem Gesetze muß Genüge geleistet werden.«

»Schrecklich! Schrecklich! – Der gute Kapitän Visser, ein Mann mit einem Herzen, das warm für alle Armen und Elenden schlug, ein braver ehrenwerter Mann!«

Und sie weinte bitterlich.

Wiebke Raß dachte an das einsame Grab ihres Knaben, an die Blumen, welche darauf blühten, und an all die Teilnahme, mit der ganz Norderney seinem Sarge gefolgt war. Wieviel bitteren Jammer, wieviele heiße brennende Tränen hatten doch die Franzosen über das kleine Eiland und seine Bewohner gebracht! – Am späten Abend kam der Arzt aus Norden und erklärte den Zustand des Knaben für ungefährlich. Er hatte eine Medizin mitgebracht, meinte aber, sie brauche nicht erst zur Anwendung zu gelangen; dann sah er auch nach der, immer im halben Wachen daliegenden, schweratmenden Frau – hier schien die Sache bedenklicher.

»Bringt sie ganz aus Norderney fort, wenn ihr könnt«, sagte er. »Es wird hier während der nächsten Tage schlimm genug hergehen, und besser wäre es, sie sähe davon nichts.«

Dann verließ er sie und es wurde wieder still im kleinen Zimmer, bis gegen Mitternacht Frau Douwe aus ihrer Lethargie erwachte und sich vom Bette erhob. »Es ist nun überstanden«, sagte sie leise und mit Mühe die heraufquellenden Tränen bekämpfend, »ich hab‘ mich dem lieben Gott ergeben und will tragen, was er schickt. Ihr mußtet es ja auch, Wiebke Raß, als der Tod Euer Letztes forderte; ich bin nicht besser als andere.«

Heißes Schluchzen klang durch das enge Gemach; zwischen den drei unglücklichen Frauen lag fiebernd und flüsternd der Knabe, während draußen auf der Reede und auf dem Wege zur Schanze ein buntes Treiben die Nacht zum Tage verwandelte.

Zwei Kanonenboote hatten die Geschütze für das neuerbaute Festungsviereck von Norden herübergebracht und jetzt wurden dieselben aufgestellt. An Bord der beiden englischen Kriegsschiffe sollte eine verstärkte Tätigkeit herrschen – vielleicht plante man eine Befreiung der Gefangenen; es galt also, gerüstet zu sein. Lange Züge von französischen Soldaten begleiteten die Geschütze auf dem Wege zur Schanze; überall standen die Eingeborenen mit finsteren Mienen in Gruppen beieinander, überall sahen Blicke voll Haß den fremden Unterdrückern nach. Als der Morgen dämmerte, war das Werk vollendet und eine neue Prüfung brach über die unglücklichen Inselbewohner herein – jedes Haus mußte zwei Franzosen aufnehmen.

Es konnte also nichts verabredet, nichts beschlossen oder unternommen werden, was nicht die Machthaber sogleich gesehen und gehört hätten; die Norderneyer waren tatsächlich in ihren eigenen Häusern zu Gefangenen gemacht.

Draußen, im untersten Schiffsraum der »Hortense«, lagen unterdessen die verhafteten Schmuggler ohne Licht oder Pflege, ihren quälenden Gedanken überlassen. Am Morgen nach dem Kampfe waren mehrere Offiziere erschienen und hatten das erste Verhör eingeleitet; die Gefangenen mußten ein Protokoll unterzeichnen, dann wurde ihnen das Todesurteil ohne weitere Formalitäten vorgelesen und die Vollstreckung desselben auf den zweitnächsten Tag verkündigt. Bis der Präfekt des Emsdepartements aus Emden gekommen war, mußte die Sache einstweilen ruhen. Eintönig schlugen die Wellen gegen das Schiff und schaukelten es von einer Seite zur andern. Der Platz, welchen die »Hortense« bisher innegehabt, war jetzt gewechselt worden und das Fahrzeug mitten im seichten Wattmeer verankert, die Wachen an Deck verdreifacht. Vom Lande aus ließ sich nichts unternehmen, während die Kanonen der Schanze ein Vordringen englischer Langboote zur Unmöglichkeit machte.

Hin und her schlichen die Spione der Franzosen und beobachteten unter Gott weiß welchen Verkleidungen und Masken alles, was vorging. Eins der beiden englischen Kriegsschiffe war in der Richtung nach Helgoland unter Segel gegangen – ohne Zweifel, um Verstärkung herbeizuholen. Die Franzosen hätten keine bessere Nachricht erhalten können.

Man getraute sich nicht, die Gefangenen herauszuhauen, wohl aber war man bemüht, Zeit zu gewinnen. Ein Boot mit weißer Flagge nahte der Insel, ein englischer Offizier und zwei Soldaten erschienen als Parlamentäre, um mit dem Präfekten zu unterhandeln.

Monsieur de Jeannesson empfing sie mit ruhiger Würde; so gern der menschenfreundliche Mann auch den Schmugglern in irgendeiner Weise das Leben gerettet hätte, so unmöglich war es ihm doch, dem klar ausgesprochenen Willen des Kaisers entgegen zu handeln; er mußte gehorchen, namentlich da auch an allen übrigen deutschen Küstenplätzen diese Hinrichtungen mit unerbittlicher Strenge vollzogen wurden; aber er wollte den Gefangenen die Qual der letzten Stunden so sehr wie möglich verkürzen, daher beschleunigte er die Ausführung des Todesurteils. Der englische Offizier bat um eine Frist, er ließ durchblicken, daß man geneigt sei, unter der Hand das Leben der gefangenen Matrosen teuer zu bezahlen, aber Monsieur de Jeannesson schien das hingeworfene Wort nicht verstanden zu haben, obwohl die Röte des Zornes seine Stirn plötzlich überflammte. Während der Franzosenwirtschaft waren zahllose Beamte und höhere Offiziere käuflich, er wußte es und schämte sich seiner Landsleute. »Ich bedaure, nicht dienen zu können«, antwortete er in ruhig abweisendem Tone.

»Aber Eure Exzellenz werden wenigstens einige Wochen Frist bewilligen«, sagte, sich auf die Lippen beißend, der Offizier. »Unmöglich, mein Herr. Das Urteil wird morgen vollstreckt werden.« »Weshalb so schnell? Man untersucht doch jeden Rechtsfall, ehe man den Schuldigen zur Verantwortung zieht.«

»Das ist hier überflüssig. Die Leute sind mit den Waffen in der Hand gefangengenommen worden, sie haben außerdem sämtlich gestanden und die geschmuggelten Waren samt acht Gespannen im Stiche lassen müssen. Ist das Beweis genug?«

Der Offizier erbleichte. »Aber man sollte denn doch wenigstens den armen Leuten die Tröstungen der Religion nicht versagen«, rief er, als alle übrigen Einwände vergebens schienen.

»Das wird auch auf keinen Fall geschehen, mein Herr. Der Ortsgeistliche mag die Gefangenen besuchen, so oft er will, und auch der Prediger Ihres Schiffes soll jederzeit Zutritt erhalten.«

Der Engländer verbeugte sich kalt. Monsieur Jeannesson war ihm vollständig gewachsen, er hatte von Anfang her den Plan durchschaut und erkannt, daß es sich nur darum handelte, Zeit zu gewinnen und erst einmal die Verstärkung von Helgoland herbeikommen zu lassen, um dann womöglich gegen das französische Schiff einen Handstreich zu unternehmen. Als oberster Beamter des Kaisers durfte er das nicht zugeben.

»Ich habe die Ehre, mich Eurer Exzellenz zu empfehlen«, sagte mit verbissenem Grimm der arg getäuschte Engländer.

»Leben Sie wohl, mein Herr!«

Draußen sahen die dichtgedrängten Gruppen der Insulaner sogleich, daß alle Versuche ihrer Bundesgenossen vergeblich geblieben waren. Die Gesandtschaft begab sich unter demselben französischen Geleite, das sie vom Landungsplatz bis zum alten Badehause gebracht hatte, wieder an Bord ihres Fahrzeuges zurück – jetzt konnte jede Hoffnung als erloschen betrachtet werden.

Es war mittags zwölf Uhr, und am folgenden Morgen mit Sonnenaufgang sollten die Gefangenen den Tod erleiden.

Monsieur de Jeannesson stand am Fenster und sah hinaus; seine Seele war voll Trauer und Aufregung.

»Lauter fremde Gesichter«, dachte er, »Erscheinungen, die ich sonst niemals bemerkt habe. Ach, mein Gott, wenn Unruhen ausbrächen!«

Er rief seinen Privatsekretär herbei, und dieser ließ einen der vielen immer im Dienst befindlichen Spione kommen. »Sind Schiffer von den anderen Inseln hier auf Norderney angelangt?« fragte etwas hastig der Präfekt.

Die Antwort erschreckte ihn heftig. »Mehr als fünfhundert Männer, Exzellenz. Die von Juist, von Baltrum und Langerog sind geradezu sämtlich hier und von Borkum wenigstens die Hälfte.« »Bewaffnet?« fragte der Präfekt.

»Das glaube ich kaum, aber in der ›grooten Leegte‹, jenem langgestreckten Dünental unten am anderen Ende der Insel, hat eine Versammlung stattgefunden.«

»Heute? Waren die Norderneyer dabei?«

»Beides, ja.«

»Und Sie hörten, was gesprochen wurde?«

»Leider nicht. Man hatte nach allen Seiten Wachen ausgestellt.« »Ah – also eine vollständige Organisation! – Ich lasse den Herrn Obersten bitten.«

Der Gerufene kam herbei und nun fragte ihn Monsieur de Jeannesson, über wieviel Soldaten er gebiete.

»Alles in allem etwa siebenhundert Mann, Exzellenz.«

»Dann können wir es durchaus auf keinen Kampf ankommen lassen – ich will auch jedes unnötige Blutvergießen strengstens vermeiden. Herr Oberst, Sie haben die Güte, Ihre Leute in einer Stunde antreten zu lassen.«

Der »Schinder« verbarg kaum seine innere Freude. »Exzellenz«, sagte er, »mir sind verschiedene Mitteilungen zu Ohren gekommen; ich weiß, wer außer den Gefangenen noch an der Schmuggelei —«

Der Präfekt unterbrach ihn. »Das lassen Sie ruhen, Herr Oberst. Mein Gott, ist es denn des Unglücks noch nicht genug?«

Oberst Jouffrin strich den Schnurrbart. »Ich habe meine Spione«, sagte er. »Es wurde in den Dünen eine Versammlung abgehalten – ich kenne den Rädelsführer. Er ist ein Mann, der auf dem Watt mit den übrigen kämpfte und dann glücklich entkam.«

Der Präfekt schüttelte abwehrend die Hand. »Ich mag nichts von ihm wissen, Herr Oberst, nur Meutereien will ich verhindern. Die Soldaten müssen während der ganzen Nacht unter dem Gewehr bleiben. Jetzt schicken Sie jemand aus, um nachsehen zu lassen, ob sich die Einwohner irgendwo zusammengerottet haben oder anscheinend zufällig auseinandergegangen sind.«

Der Oberst verschwand sogleich. Die Hoffnung, auf friedliche Bürger schießen zu lassen und unter Wehrlosen ein fürchterliches Blutbad anzurichten, diese widerwärtige Hoffnung erfüllte das Herz des »Schinders« mit solcher Freude, daß er nicht nur einen, sondern sechs Spione ausschickte, um in den Dünen nachzuforschen und womöglich einen erwünschten Bescheid zu bringen.

Uve Mensinga kannte einen dieser Elenden, denselben, der ihn dem Obersten denunziert hatte; er erschrak, als er ihn zum zweitenmal sah. »Wir sind verraten«, bebte es über seine bleichen Lippen. »Swen Auckens hat uns beobachtet.«

»Wieso verraten?« fragte ein riesiger Borkumer. »Sollte man nicht mehr in den Dünen zusammenkommen dürfen?«

»Ich fürchte, nein.«

»Das wollen wir erst abwarten. Wenn morgen früh die Gefangenen zum Richtplatz geführt werden, so kostet es nur geringe Mühe, sie zu befreien und an Bord des Engländers zu bringen. Schadet nicht, ob auch ein paar der Unsrigen fallen – den Herren Franzosen ist dann doch ihr Henkersgelüste versalzen.«

»Laßt uns nur einstweilen auseinandergehen. Swen Auckens hetzt uns sonst noch heute die Soldaten auf den Hals.«

Ein Teil der Männer suchte Verstecke in den unzugänglichsten Dünen, ein anderer in den Hütten der Insulaner – bevor aber die ›groote Leegte‹ verlassen war, hatte der Oberst den Bericht seines Spions erhalten und dieser lautete: »Sie sind immer noch da!«

Trommeln rasselten und Gewehre wurden bei Fuß genommen. Der Präfekt hielt den Leuten vor dem Badehause eine Rede.

»Es wird von einem Tambour und einer Abteilung Soldaten in allen Straßen bekannt gemacht, daß sich die Fremden vor Abend von der Insel zu entfernen haben«, sagte er. »Hilft das nichts, so müssen die Leute zwangsweise in die Boote geschafft werden, aber alle Feindseligkeiten sind zu vermeiden.«

Oberst Jouffrin richtete sich höher auf, seine Augen blitzten trotzig. »Um Verzeihung, Exzellenz«, sagte er mit ärgerlichem Tone, »ich bin zur Zeit hier auf Norderney der Höchstkommandierende und habe, soviel mir bekannt ist, von den Herren Zivilbeamten keine Vorschriften zu empfangen.«

Monsieur de Jeannesson nickte. »Im allgemeinen nicht, Herr Oberst, aber in diesem besonderen Falle unter allen Umständen. Ich übernehme die Verantwortung.«

»Das kümmert mich wenig. Widersetzt sich die Meute, so lasse ich dazwischenschießen.«

Der Präfekt zuckte die Achseln. »Mein Bericht an den Kaiser würde dem ersten derartigen Versuch auf dem Fuße folgen, Herr Oberst. Es käme dann so manches, was in Norden geschah, gleich mit zur Sprache – jetzt wählen Sie!«

Der Oberst bezwang mühsam das Erschrecken, welches ihn packte. »Ich verstehe nicht«, stammelte er, »was ist gemeint?«

»Soll ich es Ihnen hier vor der Front Ihrer Soldaten sagen, mein Herr?«

Der Oberst zuckte die Achseln. »Irgendeine Kleinigkeit«, rief er spöttisch lachend. »Auch mein Bericht an den Kaiser wird nicht ausbleiben, Exzellenz!«

Dann ließ er die Soldaten in geschlossenen Gliedern gegen die Dünen vorrücken, sehr zum Vorteil aller derer, welche sich von den Nachbarinseln auf Norderney zusammengefunden hatten, um in Gemeinschaft mit den Eingeborenen die Gefangenen zu befreien. Während das Militär die Sandwüsten durchsuchte, saßen die fremden Schiffer in den Kellern und Schuppen der Norderneyer, auf Böden und Höfen versteckt, alle mehr oder minder bewaffnet und fest entschlossen, den Bedrückern des Vaterlandes das Gelüst nach Hinrichtungen gründlich auszutreiben.

Es war eine Revolution im kleinen, eine vollständige Verschwörung, welche Uve Mensinga und Georg Wessel, der Sohn des Gefangenen, in zwei Tagen geschürt und zu Wege gebracht hatten.

Mochten sie kommen, die Henkersknechte, es sollte ihnen ein heißer Empfang zuteil werden, eine Begrüßung, welche sie so bald nicht wieder vergessen würden.

Ein Flüstern und Raunen flog von Mund zu Mund, von Hütte zu Hütte. Einer half dem anderen, alle Hände hatten sich aufgetan, um das Werk zu fördern – wie ein einziger Mann erhob sich die Bevölkerung gegen das geplante Verbrechen der Franzosen.

Hin und her schlichen die Spione; Monsieur de Jeannesson, der Präfekt, erfuhr alles. Es gibt ja ehrlose Geschöpfe zu allen Zeiten und unter allen Völkern; auch auf Norderney lebten solche Personen, und eben diese dienten den Franzosen als Zuträger. Für die ehrliche Arbeit zu faul, heruntergekommen durch den Trank und die eigene Untüchtigkeit, aßen sie jetzt ein reichliches, mühelos erworbenes Brot und verrieten dafür das Volk, dem sie angehörten.

Die beiden anderen Kanonenboote, »Marion« und »l‘Empereur« legten sich rechts und links neben die »Hortense«, unaufhaltsam rasselte in den Straßen die Trommel, um dem Befehl des Ausrufers Gehör zu verschaffen, aber nicht ein einziger Fremder war zu entdecken, nicht ein Boot verließ die Reede.

Überall entschlossene Herzen und gezückte Messer, überall die brennende Kampfbegier gegen den Todfeind. Je eher, desto besser; je heißer, um desto lieber; das Maß war voll bis zum Überlaufen.

Etliche hundert Männer, meist von Borkum und Wangeroog, hatten in den Häusern des Dorfes keine Unterkunft mehr gefunden und waren daher in den Dünen versteckt. Swen Auckens, der Spion, den Soldaten vorausgeschickt, sah sie, aber er war auch selbst gesehen – in der nächsten Sekunde lag er am Boden und drei oder vier Schiffer knieten auf seiner Brust oder hielten die zuckenden Glieder gefesselt.

Georg Wessel stand neben ihm; das sonnenbraune Antlitz des hübschen jungen Mannes war blaß vor innerer Erregung.

»Ein Laut, Swen Auckens, ein einziger Schrei – und du bist des Todes!«

Der Spion schwieg vor Entsetzen; er sah ratlos von einem zum anderen.

»Sprich, du Schuft, hat dir mein armer Vater, wenn du hungrig und frierend umherliefst, in seinem Hause zu essen gegeben, hat er dir Kleider und bares Geld geschenkt oder nicht? hat er deiner alten Mutter Fische gebracht, deinen kleinen Geschwistern Schuhe, hat er immer und zu allen Zeiten geholfen?«

»Ja!« ächzte der Spion, »ja!«

»Und zum Lohn dafür verrietst du ihn, verrätst du dein Vaterland!«

Einer der Borkumer Kapitäne drängte sich vor. »Soviel Federlesens um einen Spitzbuben!« sagte er. »Als ob Swen Auckens nicht auch bei mir schon gebettelt hätte! – Soll er sterben, Leute, was meint ihr?«

»Ja!« hieß es rings umher, »ja! ja!«

Der Borkumer zog das Messer hervor. Die ehrlichen, von Haus aus so gutmütigen Friesen waren durch diese langen und unerträglichen Bedrückungen dermaßen gereizt, ihr Blut am Vorabend einer schweren Entscheidung so erhitzt, daß sie nicht mehr klar zu denken vermochten. Das »Ja« der Ihrigen galt ihnen als ein rechtskräftiges Todesurteil.

Swen Auckens krümmte sich vor Furcht. »Wenn ihr mich töten wollt, so ist das euer eigenes Verderben«, ächzte er. »Die Franzosen stehen ganz in der Nähe – sie haben scharf geladen – ein Schrei von mir und —«

Er konnte nicht vollenden. Eine kräftige Hand legte sich schwer auf seinen Mund, ein Messer blitzte und fuhr ihm bis ans Heft in die Brust. So lange die Glieder im Todeskampfe bäumten und zuckten, hielt der Borkumer den Gerichteten fest, dann zog er die Waffe aus der Wunde und stieß sie in den weißen Sand, um das Blut zu entfernen. Swen Auckens blieb, mit dem Gesicht gegen den Himmel gekehrt, tot am Eingang der Dünen liegen.

»Zurück!« gebot der junge Wessel. »Wir dürfen den Soldaten heute nicht begegnen!«

Mann nach Mann verschwand zwischen den Sandhügeln. Die Franzosen mit ihrer schweren Bepackung konnten ihnen auf dem ungewohnten Boden nicht schnell genug folgen, um sie einzuholen.

Es war wieder alles todesstill wie zuvor, nur der Gerichtete lag mit krampfhaft in das Dünengras gekrallten Händen auf dem Sand und aus seiner Brust sickerten langsam die roten Tropfen.

Heller warmer Sonnenschein; die Lerchen sangen hoch im Blau, zur Seite flutete das Meer und hie und da schaute mit seinen roten Augen ein Kaninchen aus dem Spalt hervor. Nur das rieselnde Blut zeigte, daß der Krieg die Wirklichkeit des Lebens ist, nicht jener holde Friede, von dem das Herz im Anblick einer schönen stillen Sommerlandschaft so gern träumt.

Die Franzosen standen in einiger Entfernung und hielten die Gewehre schußgerecht in den Händen. Oberst Jouffrin kaute an den Spitzen seines Schnurrbartes; die blutunterlaufenen Augen sandten unruhige Blicke nach allen Seiten. Wo blieb der Spion?

Kein Laut erklang, nur die Lerche stand himmelhoch gerade über dem Kopfe des Franzosen und jubelte ihr helles süßes Lied in die Welt hinaus.

Oberst Jouffrin pfiff leise, das war so verabredet, und Swen Auckens hätte antworten müssen. Sonderbar – ob er in einen Hinterhalt geraten war?

Der »Schinder« schlich vorwärts. Vielleicht, wenn er angegriffen wurde, ergab sich die Notwendigkeit der Verteidigung – er konnte Ströme Blutes vergießen, konnte alle Roheit seines Innern in Taten übersetzen.

Ein paar leichtere Dünenketten waren erklettert, dann kam die erste größere Talmulde mit scharfem Grat – ihm ins Gesicht sehend, mit starren, weit offenen Augen lag der Tote vor dem spähenden Franzosen. Er trat in die Blutlache, er wäre fast über den Körper gestolpert.

»Sapristi – was ist das?«

Niemand zu sehen oder zu hören. Der Wind bewegte die Erlenblätter in den Tälern, das Haar des Toten, die langen Grashalme – es flüsterte, raunte überall.

Oberst Jouffrin trat zurück. Die Mörder mußten sich ganz in der Nähe befinden – welch eine blutige Rache hätte er nehmen können!

Aber Exzellenz Jeannesson hatte es verboten und der Oberst kannte sehr wohl den Grund, welcher ihn zwang, diesem bestimmten Befehl zu gehorchen. Eines Tages, kurz nach seinem Einmarsch in Norden, hatte er die Väter der Stadt zu sich beschieden und mit recht verständlichen Worten erklärt, daß er ein Geschenk von einer halben Million Frank für seine Privatrechnung erwarte oder aber der Stadt gegenüber Bedrückung auf Bedrückung häufen werde.

Als ihn dann die entsetzten Leute baten, doch von einer so verhängnisvollen Maßregel abzusehen, da antwortete er achselzuckend, er begreife nicht weshalb. Der Kaiser habe den Wunsch, daß sich seine höheren Offiziere aus dem Vermögen deutscher Bürger bereichern möchten.

Die halbe Million schmolz zusammen bis auf zweimalhunderttausend Frank, diese aber erpreßte er und hatte, als der Präfekt die Sache erfuhr, das Geld am grünen Tische längst wieder verloren. Monsieur de Jeannesson verachtete ihn deswegen, er wußte es, und auch seine Vorgesetzten würden die plumpe Art und Weise strenge tadeln, sobald sie von derselben erfuhren. Dergleichen mußte feiner ins Werk gesetzt werden.

»Es ist nichts«, sagte er achselzuckend, »Prahlerei, leere Worte; die Kerle fürchten sich.«

Das Militär zog zum Dorfe zurück. Es begann eine Durchsuchung der Häuser, die aber ohne Ergebnis verlief; hier lag ein Kranker und dort war ein Schlüssel verloren, an dritter Stelle war selbst die Haustür versperrt oder der Bewohner verbat sich mit dem Messer in der Hand den Besuch der Soldaten.

Nur mit gefälltem Bajonett hätte an den meisten Orten der Eintritt erzwungen werden können.

Auch in den Holzschuppen Peter Witts kamen die Soldaten. Der Verräter saß in der Ecke und ließ den Kopf hängen, er ging jetzt nicht mehr aus, sprach mit keinem Menschen und schien zu erschrecken, als er hörte, daß sich Hunderte von fremden Schiffern auf der Insel befinden sollten.

»Olters«, sagte er, »hängt ein Tuch vor das Fenster. Wenn Leute kommen, so sagt, daß ich nicht zu Hause sei. Ach, es ist so kalt hier!«

Und in dem milden Sommersonnenschein hüllte er sich schaudernd in eine große wollene Decke. Wenn die Trommel rasselte, fuhr er zusammen, als bringe ihm der Klang die Verkündigung eines schrecklichen Schicksalsspruches.

Oberst Jouffrin mußte melden, daß niemand gefunden worden sei. Er tat es spöttisch, mit offenem Hohne gegen den Präfekten. Siebenhundert wohlgeschulte und bewaffnete Soldaten durften es ja nach der Meinung Seiner Exzellenz mit den Messern und Knitteln einer Handvoll Matrosen nicht aufnehmen. Wahrhaftig, das ist für die Truppen des Kaisers eine große Ehre!

Monsieur de Jeannesson würdigte ihn keiner Antwort; sein klarer Verstand erkannte sehr wohl, daß die Norderneyer und ihre Freunde der Übermacht hätten unterliegen müssen, ebensogut aber auch, daß der unerhörte Kampf des Militärs gegen friedliche Bürger doch nicht als eine Waffentat, sondern nur als eine Massenschlächterei gelten konnte. Er wollte dieselbe um keinen Preis gestatten, es war genug des Blutes, das morgen vergossen werden mußte.




6


Während aller dieser Vorgänge draußen im Dorfe lagen die Gefangenen im halbdunkeln Raume des Kanonenbootes und erfuhren weder, was über ihr ferneres Schicksal beschlossen worden war, noch, was die Freunde und Kameraden zu ihrer Rettung vorbereiteten. Der Schiffsarzt hatte die Wunden flüchtig nachgesehen; man brachte ihnen Speise und Trank und überließ die Unglücklichen ihren eigenen quälenden Gedanken, ohne sich weiter um sie zu bekümmern.

Besonders die Engländer rüttelten ungeduldig, voll leidenschaftlichen Zornes an den Ketten, womit man sie gefesselt hielt. Es waren altgediente Leute, der Unteroffizier sogar ein Fünfziger mit ergrauendem Haar; sehnsüchtig spähten sie den ganzen Tag auf das Wasser hinaus, immer in der stillen Hoffnung, die Schiffe ihrer Nation kommen und den Befreiungskampf aufnehmen zu sehen.

Aber Stunde um Stunde verstrich – es blieb alles leer.

Dann legten sich die beiden anderen französischen Schiffe der »Hortense« zur Seite und für den Augenblick schwellte neue Hoffnung die Herzen aller Gefangenen. Waren das Vorsichtsmaßregeln einem englischen Angriff gegenüber?

»Ich sehe nichts!« seufzte der Unteroffizier. »Das Wasser zeigt kein einziges Fahrzeug – und morgen in aller Frühe wollen sie uns den Garaus machen. Verdammt! wie ein toller Hund mit gebundenen Händen erschossen zu werden, nachdem man die Franzosen bei Trafalgar und anderswo gehauen hat, daß die Fetzen davonflogen.«

Einer der Matrosen seufzte. »Ja, es ist bitter, Wilkie, es ist bitter. Wenn du denkst, daß zu Hause in Kent mein alter Bruder starb und daß ich das liebe kleine Gehöft antreten sollte – bald schon, bald – die Schenke zum Kegelkönig, wo so viele Fuhrleute und Viehtreiber verkehren, weißt du! – welches Geld hätte ich da verdienen können! Die Landratten werden es ja nie müde, sich Geschichten von Seeabenteuern erzählen zu lassen!«

»Well! Well!« nickte der Unteroffizier. »Ich wollte mich ja auch verabschieden lassen; ich habe in Ehren ein kleines Vermögen erworben, dachte nun die Früchte langer Mühen daheim im gesegneten alten England zu verzehren – ach, und statt dessen werfen mich morgen die Lumpenkerle ohne Sarg in das Grab!«

Der Dritte, ein noch junger Mann, schüttelte den Kopf. »Schweigt doch«, murmelte er traurig, »schweigt doch, Kameraden – was heißt es denn, ein Gehöft oder ein Vermögen zu verlieren? Ich bin unter euch der Unglückliche; ich habe mich erst vor Jahr und Tag verheiratet, stehe kaum vier Monate bei der Marine und erhielt ganz kürzlich von meiner armen Lizzie einen Brief, worin sie mir schreibt, daß uns der gütige Gott einen Sohn geschenkt habe, ein prachtvolles Geschöpfchen, das schönste Kind in ganz Altengland – und ich soll es niemals sehen, niemals – morgen um diese Stunde ist es eine Waise!«

Aus dem halbdunklen Inneren des Raumes her antwortete dem unglücklichen Manne eine andere Stimme. »Und ich?« sagte Lars Meinders, »und ich, Thompson? Mein kleines Töchterchen zählt fünf Monate, es kannte mich schon, es jauchzte, wenn ich nach Hause kam und es tanzen ließ! – Ach, es ist um den Jammer meines armen Weibes und des Kindes, wenn ich heute nicht mehr standhaft bin, wenn —«

Seine Stimme erstickte; tiefe Stille beherrschte den Raum. Es war unter den Männern keiner, dessen Seele nicht in diesem Augenblick die Teuren umschwebt hätte, von denen er nun binnen weniger Stunden getrennt werden sollte auf immer, so weit das Erdenleben reicht.

»Mögen unsere Kinder klein sein oder erwachsen«, sagte nach einer Pause der Kapitän, »das macht für den Abschied nichts aus. Mein Onnen ist fast sechzehn Jahre alt, aber dennoch tut mir‘s unbeschreiblich weh, ihn ohne den Schutz des Vaters allein zurücklassen zu müssen, nur mit der alten Mutter, die sich zu Tode grämen wird, wenn ich erschossen bin!«

Heye Wessel schlug mit der geballten Faust gegen die Planken, daß es dröhnte. »O dies Elend!« rief er, »dies Elend! So gefangen zu sein, wie ein Fisch im Netz! Ich wollt‘, ich wär‘ der Krake, der Riesenhai mit den Feueraugen, und könnte auf Norderney ans Land steigen, um alle Franzosen mit Haut und Haar zu verschlingen, mit Haut und Haar, daß sie fühlen müßten, was es heißt, den Stärkeren über sich herrschen zu lassen und stumm hinzunehmen, was seine Willkür gebietet!«

Nach diesem Ausbruche eines verzehrenden Grolles wurde es still im Innern der »Hortense«, nur der junge Engländer ächzte zuweilen leise vor sich hin. Er hatte den Brief seiner Frau aus der Tasche gezogen und las zum hundertstenmal den Inhalt desselben, wobei er immer mit dem Rücken der Hand über die Augen fuhr, um den heißen Tropfen zu wehren, die wieder und wieder auf das Blatt herabfielen, so oft er sie auch abwischte – wieder und wieder.

Etwas später legte ein Boot an und Männertritte erklangen auf dem Verdeck; es kam jemand zu den Gefangenen, der Geistliche von Norderney, dem ein Diener das Altargerät nachtrug.

Bei seinem Anblick erhoben sich die Fischer und auch die Soldaten; der Prediger gab ihnen beide Hände, stumm, wortlos vor innerer Bewegung. Männer im kräftigen Lebensalter, Familienväter, die um eines geringen Vergehens willen den Tod erleiden sollten – wie schrecklich!

Er sprach mit ihnen wie jemand, der frohe Botschaft bringt, Trost und Freundesgrüße, Verheißungen einer Milde und Treue, die nicht richtend, sondern erbarmend verzeihen will dem, dessen Herz nach Versöhnung ringt, er erinnerte sie an das große allgemeine Elend und die Tränen so vieler Edlen, er sagte, daß dereinst, früher oder später für die Bedrücker der Tag der Abrechnung kommen werde, hier auf Erden und vor dem Throne des Allmächtigen, dann fragte er mit vor Erschütterung unsicherer Stimme, ob es ihm möglich sei, den Verurteilten noch irgendeinen Dienst zu leisten.

»Wollt ihr die Eurigen ein letztes Mal sehen, habt ihr Briefe zu bestellen, Botschaften oder Grüße? Gibt es geschäftliche Angelegenheiten, die ihr zu ordnen wünscht? Legt alles getrost in meine Hände, ich will es ausrichten, so wahr mir Gott helfen möge.«

Der junge Engländer preßte den Kopf gegen die harte Schiffswand; er weinte. »O mein kleines Kind, mein süßer kleiner Knabe – wenn ich ihn nur einmal, nur ein einziges Mal gesehen hätte!«

Der Wattführer schüttelte den Kopf. »Ich danke Euch, Herr Pastor, wahrhaftig, ich danke Euch, aber meine arme Moiken soll nicht hierher kommen – nein, nicht – ich will wie ein Mann sterben – und das müßte mich weich machen, ich ertrüg‘s nicht. Aber, Herr, wenn das kleine Mädchen größer wird und die Leute erzählen ihm, sein Vater sei gerichtet wie ein Missetäter, wollt Ihr dann ein Wörtlein für mich sprechen, wollt Ihr der armen Waise erzählen, wie das alles geschah und daß ich kein Verbrecher war, kein Dieb und Schurke?«

Der Prediger drückte warm die Rechte des jungen Mannes. »Ich will es, Lars Meinders, ich will es, so wahr mir Gott gnädig sein möge. Dein Kind soll sich mit Liebe und Achtung des Vaters erinnern, es soll ihm ein Freund und Beschützer, so lange ich lebe, nicht fehlen.«

Der Wattführer drückte lebhaft die Hand des Geistlichen. »Ich danke Euch, Herr Pastor«, sagte er mit bebender Stimme. »Ihr gebt mir den letzten Trost auf den Weg zum Grabe.«

Der Unteroffizier berührte leise seine Schulter. »Kamerad«, flüsterte er, »eine Frage – ich stelle sie nicht aus Neugier. Hat dein junges Weib, wenn du dahin bist, für sich und das Kind zu leben? Hinterläßt du ihr ein Vermögen?«

Lars Meinders stöhnte tief. »Keinen Pfennig«, seufzte er. »Meine arme Moiken muß arbeiten, um sich und die Kleine vor dem Hunger zu schützen.«

Der Engländer nahm seine Brieftasche heraus und schrieb mit Bleistift einen kurzen Brief an den Kapitän des Schiffes, auf welchem er gedient hatte, dann reichte er das Blatt dem Geistlichen. »Gebt es ab, Sir, wenn Ihr die Güte haben wollt. Da in meiner Kabine liegt das Geld, was ich mir erworben hatte, lauter gute englische Papiere, ich hab‘s immer bei mir getragen und damit geliebäugelt und den Mammon mein Teuerstes genannt – zur Strafe dafür muß ich jetzt sterben, ehe mir‘s zugutekommen kann. Aber schadet nicht, schadet nicht, ich erlebe doch im letzten Augenblick daran noch eine große Freude. Des Malcolm kleiner Bube soll die Hälfte erhalten und dein Mädel den Rest, Freund Meinders, dann ist für beide gesorgt. So, basta, sagt kein Wort des Dankes, irgendwo muß nach meinem Tode das Geld doch bleiben und Verwandte hab ich auf Gottes weiter Welt keinen einzigen mehr, darum eben hing ja meine ganze Seele an den gestempelten Dokumenten. Es war alles, was ich besaß, nun nehmt‘s hin und Gott gesegne es den beiden Kindern!«

Der junge Soldat war aufgesprungen. »Mein Sohn?« rief er, »du willst dein Geld meinem Sohn schenken? O, Gott gebe dir dafür in seinem Himmel den besten Platz, John Wilkie, Gott vergelte es tausendfältig!«

Und er umfaßte mit beiden Armen den Hals seines ehemaligen Waffengefährten, er küßte schluchzend das bärtige Gesicht. »Wenn du droben einen Mann brauchst, der dir treu ist wie ein Hund, der dich lieb hat, John Wilkie, dann bin ich es, das darfst du glauben!« Auch Lars Meinders streckte die Hand aus. Er konnte kein Wort hervorbringen, große Tränen rollten über sein blasses Gesicht.

Ebenso stumm blieb der Prediger, aber seine Augen glänzten in hoher Freude. Er sah den narbigen alten Soldaten an und durch seine Seele wehte wie freundliches Grüßen das Wort des Erlösers: »Wahrlich, ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein!«

»Hört auf«, lächelte der Unteroffizier, »was ist es denn weiter? Ich mache mein Testament wie jeder andere auch. Sorgt nur, daß es erfüllt werde, ehrwürdiger Herr; eine Einsprache kann kein Mensch erheben!«

Der Geistliche steckte das Blatt zu sich, er versprach gerührten Herzens, sogleich die englischen Behörden in Kenntnis zu setzen und dann das Vermächtnis des großmütigen Gebers für beide Kinder nach bestem Ermessen zu verwalten. Als diese Angelegenheit geordnet war, wandte er sich zu den älteren Gefangenen, den dreien, die bisher geschwiegen hatten, weil sie ihre äußeren Angelegenheiten geordnet zurückließen. Er kannte den Kapitän und Heye Wessel seit langen Jahren genau, den Baltrumer Wattführer wenigstens von Ansehen, hier wurde ihm also, den alten Leuten gegenüber, die Trennung schwerer. »Wir hatten heute eine außerordentliche Sitzung der Gemeindeältesten«, sagte er traurig, »ich soll euch beiden von allen die herzlichsten Grüße bringen. Es wird niemand außer mir zu euch gelassen, sonst wären schon viele Freunde hier gewesen.«

Heye Wessel nickte. »Das glaube ich, Herr Pastor, das glaube ich, aber meine Kinder dürfen doch von mir Abschied nehmen?«

»Und mein Junge«, setzte der Kapitän hinzu, »meine arme Frau ? – Waren übrigens unsertwegen die Gemeindeältesten versammelt, Herr Pastor?«

»Nein, meine Freunde, ich darf euch keine falschen Hoffnungen erregen. Der Präfekt selbst hat das Urteil als ein unwiderrufliches bezeichnet – es war der alten Aheltje wegen, daß wir Rat hielten; die Franzosen haben ihre Hütte zerschlagen, ihr bißchen Hab und Gut in alle vier Winde zerstreut und die bedauernswerte Frau arg mißhandelt. Aheltje bittet, ihr ein neues Obdach zu schaffen; sie irrt ohne Heimat, ohne eine Stelle, wohin sie ihr Haupt legen möge, in den Dünen herum.«

Der Kapitän sah auf. »Noch bin ich Gemeindeältester«, sagte er nachdrücklich, »und als solcher gebe ich der armen Alten meine Stimme. Sie soll eine neue Hütte haben.«

»Das ist auch meine Ansicht«, rief Heye Wessel. Der Prediger nicke freundlich. »Davon war ich überzeugt«, antwortete er. »Aber nun zu euch selbst, Leute, habt ihr nichts mehr auszurichten? Auch Ihr nicht, Andreas Fokke?«

Der Wattführer seufzte. »Meine Kinder sind klein und mein Weib ist kränklich«, sagte er. »Von Baltrum hierher ist es für alle zu weit und beschwerlich. Grüßt sie, Herr Pastor, wenn Ihr so freundlich sein wollt – tröstet die Armen! In leibliche Not geraten sie nicht, dafür ist durch die letzten guten Jahre gesorgt, wenn ich auch nun den Schmuggelhandel mit meinem Leben bezahlen muß.«

Heye Wessel bat, seine Kinder sehen zu dürfen, und der Kapitän wenigstens seine Frau. Der Knabe lag noch krank im Bette, er würde die große Aufregung nicht ertragen können, sondern sollte lieber von dem gefällten Todesurteil noch nichts erfahren.

Nachdem so die Dinge dieser Erde geordnet waren, versammelte der Geistliche die kleine zum Sterben geweihte Gemeinde um sich und spendete den Unglücklichen das heilige Abendmahl.

»Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden« – viel mehr als nur diese Worte sprach er nicht, aber er bat die Gefangenen, sich den ganzen Segen der tröstlichen, darin enthaltenen Verheißung voll zu eigen zu machen, sich der ewigen Heimat zu freuen, nun ihnen die zeitliche entrissen werde.

Dann kam der Abschied – fast stumm, aber innig empfunden. Was die Herzen in letzter Hoffnung bewegte, was noch an Erdensorgen zu erledigen war, das ruhte nun in treuen Händen. Mochte der Tod kommen, er würde seine Opfer bereit finden.

Von den Gefangenen begab sich der Prediger unmittelbar zu dem Präfekten, Monsieur de Jeannesson; er erhielt auch bereitwilligst die gewünschte Audienz, aber er nahm keine noch so geringe Hoffnung aus dieser Zusammenkunft mit sich hinweg.

»Glauben Sie es mir«, sagte im Tone der unverkennbarsten Wahrheit der Franzose, »ich würde Gott weiß was darum geben, wenn die Hinrichtung unterbleiben könnte, aber meine Befehle sind gemessen und nebenbei glaube ich auch, daß die zum Gewerbe gewordene Schmuggelei, nachdem diese Züchtigung der Insel widerfuhr, nun endlich einmal aufhören werde.«

»Die öffentliche Moral ist untergraben«, setzte er hinzu, »List und Gewalt behaupten die Stelle der Gesetze; das ist ein ungesunder Zustand.«

Der Prediger widersprach nicht, er sagte nur, daß er gekommen sei, um zu bitten, nicht um zu fordern; Monsieur de Jeannesson drückte ihm die Hand, aber er betonte, daß keine Gnade obwalten könne. »Morgen um die sechste Stunde wird die Hinrichtung stattfinden«, sagte er, »wenn also die Angehörigen der Verurteilten von diesen noch Abschied zu nehmen wünschen, so muß es vor Abend geschehen.«

Der Geistliche empfahl sich schweren Herzens, um den beiden Familien, die er so viele Jahre hindurch gekannt hatte, die Trauerbotschaft zu bringen. Heye Wessels Haus lag ihm auf seinem Wege am nächsten, er kam also dahin zuerst und traf beide Geschwister daheim. Während Amke, das junge Mädchen, beim Empfang der Hiobspost laut aufschrie und dann ohnmächtig zu Boden sank, hatte ihr Bruder für den Prediger nur ein siegesgewisses Lächeln.

»Es wird niemand erschossen, Herr Pastor«, sagte er. »Haben Sie es denn meinem Vater nicht gesagt, daß Uve Mensinga und ich über siebenhundert streitbare und treuergebene Männer verfügen? Das englische Kriegsschiff erscheint mit Tagesanbruch an der Ostspitze der Insel, bereit, die Verurteilten aufzunehmen – wir massakrieren die ganze Franzosenbande bis zum letzten Mann, wir hauen die braven Norderneyer heraus, ob auch Hunderte von uns fallen mögen. Vielleicht kommen doppelt soviele Wüteriche wieder hierher, aber der Vater und seine Gefährten sind vorläufig gerettet. Sie haben es ihm doch gesagt, Herr Pastor?«

Der Geistliche schüttelte den Kopf. »Gewiß nicht, mein guter Junge«, antwortete er ruhig. »Ich glaube bis jetzt keineswegs, daß euch der tollkühne Plan gelingen werde, und bitte dich dringend, die letzten Lebensstunden deines Vaters von der Bitterkeit einer getäuschten Hoffnung freizuhalten. Er hat sich in den Willen der Vorsehung ergeben, diese Stimmung mußt du achten.«

»Und ihm nichts mitteilen?« rief Georg.

»Ihm nichts mitteilen, mein Junge. Gelingt dann der beabsichtigte Handstreich – nun, so ist es ja um so besser.«

Der junge Schiffer dachte nach. »Sie haben recht, Herr Pastor«, rief er endlich. »Muß nicht auch die Freude um so herrlicher wirken, wenn sie sich mit der Überraschung vereinigt? – Die Gefangenen werden hinausgeführt bis zur Schanze, sie sehen schon die Soldaten vortreten und haben alle Hoffnung aufgegeben, da brechen plötzlich die Befreier aus den Dünen hervor, die französischen Offiziere sind zuerst niedergeschlagen, dann die Soldaten, und im Triumph geht es an Bord des englischen Schiffes – wissen Sie was, Herr Pastor? wir wollen auch den geraubten Kaffee wiedergewinnen. Die Gauner haben ihn auf den Böden des Badehauses und unter Fischernetzen auf dem Hofe gestapelt – sie sollen das gestohlene Gut herausgeben und die allerwuchtigsten Norderneyer Hiebe in den Kauf erhalten.«

Der Prediger fühlte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht trat. Die Begriffsverwirrung, von welcher Monsieur de Jeannesson gesprochen hatte, war wirklich im höchsten Maße vorhanden.

»Eins vergißt du, Georg!« sagte er in ernstem Tone.

»Und das wäre, Herr Pastor?«

»Du solltest hinzufügen: Wenn Gott will!«

Der junge Mensch lächelte. »Es wird gelingen«, sagte er zuversichtlich. »Wenn ich mich jetzt auf die Straße begeben und mit lauter Stimme rufen würde: ›Heraus Kameraden, die Stunde ist da!‹ – dann sollten Sie sehen, wie schnell die Franzosen geschlagen wären, ins Meer gejagt, vernichtet! Aber es geht nicht; wir müssen warten, bis die Gefangenen am Lande sind, da wir ja leider keine Möglichkeit besitzen, die drei Kanonenboote mit Erfolg anzugreifen. Das englische Schiff hat nicht Soldaten genug und geht auch zu tief, es kann die seichte Reede gar nicht berühren.«

Ein Gefühl des innigsten Mitleids durchflutete das Herz des Predigers. Wenn der verwegene Plan scheiterte – welch eine Verzweiflung mußte dann unausbleiblich an die Stelle dieser freudigen Zuversicht treten!

»Sieh nach deiner Schwester, mein Junge«, sagte er, indem er dem stattlichen Burschen die Hand drückte, »und wenn du vor deinem Vater stehst, so lasse dir nichts anmerken. Er hat sich mühsam durchgekämpft bis zur Ruhe; du darfst sie ihm nicht stören!«

Georg nickte. »Ich will mich zusammennehmen, Herr Pastor, gewiß, ich will es. Aber wenn wir losschlagen, müssen Sie dabei sein! Sie kennen doch meines Vaters Stimme? Ein Löwe muß vor ihm die Segel streichen. Ach, wie wird er ins Zeug gehen, wenn die kleinen Gaskogner vor uns davonlaufen gleich aufgescheuchten Hasen!«

»Stille, stille – du lobst den Tag vor dem Abend und das tut niemals gut!«

Er überzeugte sich, daß das junge Mädchen unter den Händen der Wirtschafterin zum Bewußtsein zurückgekehrt sei, und dann ging er fort, um auch die Frau des Kapitäns aufzusuchen und ihr das schwere Schicksal nach Möglichkeit tragen zu helfen. Georgs Begeisterung tat ihm weh, er wußte nicht weshalb, aber das Gefühl war unabweislich.

In dem niederen Zimmer des Visserschen Hauses traf er eine ganz andere Szene. Frau Douwe schien zu wissen, weshalb er kam, sie stand aufrecht neben dem Tische, ruhig und gefaßt, aber bleich wie der Tod, selbst ihre Lippen waren weiß – unverwandt sah sie dem Eintretenden entgegen.

Er grüßte sie ohne viele Worte, nur mit den Augen, den Händen, dann schloß er die Tür des Nebenzimmers, wo Onnen im sanften Schlummer der Genesung lag.

»Er braucht nicht zu hören, was wir sprechen, meine gute Frau Visser«, sagte er leise. »Ich bringe Euch von unserem lieben alten Klaus die herzlichsten Grüße!«

Frau Douwe nickte. Alles an ihr schien wie versteinert, sie klagte nicht, weinte nicht, aber aus dem blassen Gesicht sprach ein so furchtbarer Jammer, daß es den Geistlichen im tiefsten Herzen rührte. »Ihr dürft zu ihm kommen, liebe Frau Visser«, fuhr er fort, »jetzt gleich. Der Kapitän läßt Euch bitten.«

Die arme Frau nickte. »Ich will‘s tun, Herr Pastor. Ich will hingehen, Klaus soll mich stark finden in der Stunde des Abschieds.«

Der Prediger faßte sanft ihre arbeitsharte Hand; seine Stimme bebte. »Weint, arme Frau«, sagte er halblaut, »weint, damit Euch das Leid nicht überwältige. So viel Ruhe ist unnatürlich!«

Frau Douwe schüttelte den Kopf. »Das darf ich nicht, ehrwürdiger Herr! Ach, Ihr wißt nimmer, wie sehr ich mich nach den Tränen sehne, aber sie müssen doch im tiefsten Herzen bleiben, sonst würfe mich der Jammer zu Boden, ließe ich ihn erst einmal aufkommen.«

Sie nahm ihr Tuch und zog es durch die Hand; der Prediger sah wohl, daß sie sich kaum aufrechthielt. »Soll ich Euch begleiten, arme Frau?« sagte er freundlich.

Sie nickte. »Wenn Ihr die Güte haben wollt, Herr Pastor!«

Dann öffnete sie die Tür der angrenzenden Kammer. Im Bette lag Onnen und schlief ruhig; auf seine Wangen war die Röte der Gesundheit zurückgekehrt und nur ein schmerzlicher Zug um die Lippen bewies, daß er sich im Traume wie im Wachen mit dem trostlosen Schicksal seines Vaters beschäftigte. Jetzt drehte er den Kopf. »Hier bin ich!« murmelte er. »Vater! – Vater!«

Frau Douwe streckte die Hand aus. »Für ihn ist‘s, daß ich nicht weine, Herr Pastor, daß ich so ruhig umhergehe und tu‘, als könnte es mir nichts anhaben. Ich muß ja leben um des armen Jungen willen!«

In diesem Augenblick erwachte Onnen; er richtete sich hastig auf, sein hübsches Gesicht wurde sehr bleich. »O, Herr Pastor«, rief er, »haben die Franzosen – ist —«

»Sei ganz ruhig, mein Junge«, beschwichtigte ihn der Prediger, »es ist bis jetzt nichts geschehen. Schlafe nur, das bringt dir am ersten die Gesundheit zurück.« Aber Onnen schüttelte den Kopf. »Ich möchte gerade jetzt aufstehen«, antwortete er, »ich fühle mich ganz wohl. Willst du ausgehen, Mutter?«

Sie nickte nur. »Frau Raß bleibt bei dir, mein Kind. Ich komme bald wieder.«

»Wohin gehst du denn, Mutter?«

»Mit mir!« versetzte gelassen der Prediger. »Leb‘ wohl, mein guter Junge.«

Er schloß die Tür und führte dann freundlich tröstend die gebeugte Frau bis zum Ufer, wo ein Boot der Franzosen sie aufnahm und an das Schiff brachte. Ein Grauen lief durch alle ihre Adern, als sie die Masten der »Hortense« sah. »Herr Pastor«, flüsterte sie, »es ist mir just, als müsse das Herz in Stücke brechen!«

Er drückte nur leise ihre Hand. »Gott geleite Euch, arme Frau – ein Mensch, ein Freund, und wenn er es noch so redlich meint, kann da nicht tragen helfen!«

Das Boot glitt über die Wellen und einige Minuten später war vom Bord der »Hortense« ein Stuhl herabgelassen, um die alte Frau aufzunehmen.

Die Schiffstreppe war dunkel; ein Unteroffizier führte an seiner Hand die alte Frau in den Raum hinab zu dem bedauernswerten Manne, dessen Weib sie seit länger als einem Vierteljahrhundert gewesen und dessen Stimme sie nun zum letztenmal hören sollte. Frau Douwe ging aufrecht, festen Schrittes, aber sie wußte kaum, was um sie her geschah, es lag wie ein Nebel vor ihren Augen.

Den Gefangenen waren die Fesseln abgenommen worden; der Kapitän konnte, obwohl er nicht aufzustehen vermochte, doch seiner Frau die Hände entgegenstrecken – er sprach kein Wort, ihm war es, als werde seine Kehle von einer Eisenfaust zusammengepreßt.

Die beiden Kinder Heye Wessels befanden sich bei ihrem Vater; Amke weinte angstvoll vor sich hin und auch Georg hatte hier im Innern des französischen Schiffes seine frühere Zuversicht völlig verloren. Der beabsichtigte Handstreich konnte doch immerhin mißlingen oder das Leben der Gefangenen im Tumult gefährdet werden, jetzt erst fiel‘s ihm ein und verjagte aus seinem jungen Herzen den Siegesrausch, in welchem er bisher schwelgte. Auf seiner Stirn standen große Tropfen, er kämpfte mit den mächtig heraufquellenden Tränen.

Der Engländer Malcolm stützte den Kopf in die Hand, Lars Meinders schrieb an seine junge Frau einen Abschiedsbrief, den ihm Amke besorgen wollte – nur leises Weinen, die Laute der bittersten Trauer klangen durch den halbfinsteren Raum!

»Eins versprichst du mir, Mutter«, bat der Kapitän, »Onnen soll niemals schmuggeln! Und wenn die gegenwärtigen Verhältnisse noch jahrelang andauern – er soll sich an dem Schleichhandel nicht mehr beteiligen. Willst du ihm das sagen als letzten Gruß von mir?«

»Ja, Vater!«

Er küßte liebevoll ihre blassen zuckenden Lippen. »Es ist nur eine kurze Strecke Weges, Mutter – dann sind wir wieder vereint. Im Alter gehen ja die Jahre so schnell, weißt du, und vorläufig braucht dich unser Junge noch sehr notwendig – du mußt leben für ihn, meine arme Douwe!«

»Ja! – Ja!«

Er beugte sich näher zu ihr. »Mutter, hast du es mir recht von Herzen verziehen, daß ich gegen deinen Willen auf den Schmuggelhandel ging? Sag mir‘s, grollst du nicht?«

Da sah sie ihn an. »Ich – dir? Ach, Klaus, zuweilen war ich heftig, hab‘ als junge Frau in früheren Tagen meine Launen gehabt – heut tut mir‘s so weh, daran zu denken. Ich möcht‘, ich wär‘ eine bessere Frau gewesen.«

Er streichelte ihr runzelvolles Gesicht. »Uns waren friedliche, glückliche Jahre beschieden, Mutter, wir lebten einträchtig und hatten unser gutes Auskommen – du bist die beste vortrefflichste Frau, welche ich jemals kennengelernt und warst es immer.«

Er zog von der rechten Hand den Trauring und gab ihn der unglücklichen Frau. »Da, Mutter, du hast ihn mir als junge Braut geschenkt und er begleitete mich seitdem in alle Häfen der Erde, in Not und Tod – nun trage den treuen Gefährten zur Erinnerung an mich – willst du das?«

Frau Douwe konnte nicht antworten, ihre mühsam behauptete Kraft brach zusammen. Als der Ring nicht mehr am Finger des Kapitäns steckte, sank sie lautlos in tiefer Ohnmacht zurück.

Klaus Visser seufzte schmerzlich. »Georg, mein Junge«, sagte er, »komm her und erbarme dich meiner armen Alten. Der Abschied wird nur schwerer, je länger wir ihn hinausschieben; geht, Kinder, und Gott sei mit euch!«

Heye Wessel stand auf; er hielt Sohn und Tochter fest an die Brust gedrückt. »Adjes, Amke, bleib gut, hörst du! Ihr seid jung, ihr lernt vergessen, das Glück lacht auch für euch wieder. So, so, du mußt nicht weinen, Kind, dein Bruder ist fast schon ein Mann, er wird dich beschützen und von hier fort zum Onkel nach Marienhafen bringen, nicht wahr, Georg? Adjes, mein Junge, hab‘ immer Gott vor Augen, hörst du! Deine Mannesehre muß dir allezeit heilig sein!«

Ein gepreßtes: »Ja, lieber Vater!« rang sich aus der Brust des jungen Mannes. Er, der vorher so zuversichtlich gewesen, weinte wie ein Kind, er fiel mit beiden Armen seinem Vater um den Hals. »Leb wohl! Leb wohl!«

Der französische Unteroffizier kam und berichtete schonend, daß die Besuchsstunde vorüber sei. Wie im halben Traume reichte Georg dem Kapitän und dem Wattführer die Hand, dann half ihm der Soldat, die ohnmächtige Frau an Deck zu bringen, und alles war vorbei.

Im Herzen des jungen Mannes erhob sich ununterdrückbar eine Stimme, die ihm zuflüsterte, daß er seinen Vater nie – nie auf Erden wiedersehen werde.

Unterdessen stand Onnen am Fenster und spähte auf die Straße hinaus. Seine getreue Hüterin, Frau Raß, war sehr schweigsam, von ihr erfuhr er nicht viel, sondern mußte sich in die Küche schleichen, um Folke Eils zum Sprechen zu bringen.

»Hört mal, Alte, war nicht heute morgen ein fremder Mann hier?«

Sie seufzte kläglich. »Das geht dich gar nichts an, Kind.«

»Aha«, rief er, »nun weiß ich schon genug! Gestern abend schlichen auch Leute in den Holzstall und Ihr habt ihnen eine Mahlzeit gebracht. Das geht gegen die Franzosen – man will den Vater und seine Gefährten heraushauen!«

Er sprang davon. Weder Frau Raß noch Folke Eils konnten ihn halten; wie der Blitz lief er in den Holzraum und atmete tief, als ihm zwei bekannte Gesichter entgegensähen, Baltrumer Fischer, die hier versteckt waren, um morgen in aller Frühe zur Hand zu sein.

»Abel Voß und Tieze Holtmann!« flüsterte er. »Ach, nun bin ich gesund – ich kann mit von der Partie sein. Erzählt mir alles, Leute!«

»Sprich nur nicht so laut. Junge. Überall lauern Spione!«

Und dann berichteten sie flüsternd von dem Plane, den Uve Mensinga und Georg Wessel entworfen hatten. Später kam der letztere selbst hinzu, Onnen erfuhr, daß sein Vater am nächsten Tage erschossen werden solle, aber wie vorher Heye Wessels Sohn, so lebte er sich ganz hinein in den Gedanken einer erfolgreichen Rettung, so berauschte er seine Seele an der Hoffnung auf ein keckes Vorhaben, von dem noch in Ostfriesland die spätesten Zeiten mit Bewunderung sprechen sollten; das bestimmt war, den Franzosen eine derbe Lehre zu geben und in erster Linie des Vaters teures geliebtes Leben vor den Kugeln der Soldaten zu bewahren.

Georg schüttelte heimlich den Kopf. Auf seine jubelvollen Hoffnungen war ein Reif gefallen und hatte sich nicht wieder bannen lassen.




7


Monsieur de Jeannesson stand am Fenster seines Zimmers, regungslos wie ein Steinbild, blaß wie ein solches. Es war noch vollständig Nacht, aber trotzdem lag schon die erste Dämmerung des aufgehenden Tagesgestirnes über der Umgebung – jenes Tages, an welchem sieben Menschen den Tod erleiden sollten, eines Vergehens wegen, das an keinem Orte der zivilisierten Welt den Schuldigen auf das Schafott führt.

Ein hartes ungerechtes Gesetz, eine Maßregel, die wohl geeignet war, den heimlichen Groll der Insulaner bis zu gewalttätigem Ausbruche zu steigern, ihnen die Rebellion gegen das Übermaß der Bedrückung als einziges Rettungsmittel erscheinen zu lassen – Monsieur de Jeannesson fühlte es, er hatte während der ganzen Nacht nicht geschlafen, sondern war immer unruhig im Zimmer auf- und abgegangen, bald mit einer Eingabe an den Kaiser beschäftigt, bald auf den Hof hinausblickend, wo die Soldaten unter voller Bepackung marschbereit standen und lagen.

Es wurde allmählich immer heller und heller. Die Umrisse des Schiffes traten aus der Dämmerung hervor, die Bootsmannspfeife erklang, die Wache wechselte und wieder war alles still. Vier Uhr! – Noch zwei Stunden, dann mußte die Exekution stattfinden.

Hie und da schlich jemand am Badehause vorüber, unverdächtige Gestalten, Frauen und alte Männer, auch selbst Kinder – sie faßten an der damaligen Wassergrenze, der Gegend des heutigen »Alten Deiches« Posto, offenbar in der Absicht, die Verurteilten ein letztes Mal zu sehen, vielleicht ihnen noch ein Wort der Versöhnung, des Friedens zuzurufen, ein Lebewohl auf immer.

Mehr und mehr erschienen, jung und alt, viele trugen Blumen in den Händen, Liebesgaben für die Gräber der Erschossenen.

Jetzt blitzte ein voller Sonnenstrahl über das Wasser dahin – der Tag hatte begonnen. Eine Abteilung Soldaten, begleitet von mehreren Unteroffizieren, rückte aus; die Leute trugen teilweise Schaufeln und Brecheisen auf ihren Schultern. Es war an der Stelle, wo heute das Hotel Bellevue steht, ein Holzschuppen für Heu und Stroh aufgerichtet; hinter denselben, also den am Strande Stehenden unsichtbar, verfügten sich die Mannschaften.

Wieder schlich eine alte Frau vorüber, eine Jammergestalt mit zerfetzten Kleidern und eisgrauem Haar, Aheltje, die Hexe. Man flüsterte, als sie kam, man zog sich eilends vor ihr zurück, als berge die Nähe der armen Alten eine Pestgefahr.

Aheltje nahm von keinem Menschen die geringste Notiz. An ihrer Krücke ging sie bis zu jener Stelle, wo die Boote ankerten, und blieb da ganz allein stehen, ein Bild des Elends, des äußersten menschlichen Verfalles.

Aus der Kombüse des Schiffes wirbelte Rauch empor; man bereitete den Gefangenen das letzte Frühstück. Wie verzweifelt sie sich fühlen mochten, wie sie wohl im innersten Herzen den brutalen Siegern fluchten!

Monsieur de Jeannesson wandte sich ab. Es war schrecklich, Familienväter, arme unwissende Fischer so um eines kleinen Fehltritts willen erschießen zu lassen.

Kurz nach fünf wurde ihm ein Offizier gemeldet. Der Adjutant des Obersten Jouffrin bat um Verhaltungsmaßregeln den Eingeborenen gegenüber, er berichtete, daß in den Dünen hinter der Schanze gegen siebenhundert Bewaffnete versteckt lägen.

Der Präfekt nickte. »Ich weiß es. Kein Soldat betritt das Dorf oder den Strand – es bleibt bei dem, was ich angeordnet habe.«

Der Offizier entfernte sich mit stummem Gruße und wieder trat Monsieur de Jeannesson an das Fenster.

Auf dem Schiff erklang die Trommel, Matrosen und Soldaten bildeten Spalier, einer nach dem andern stiegen die Gefangenen an Deck hinauf und dann in zwei bereitgehaltene Boote.

Die Engländer sahen unwillkürlich nach rechts über das Meer. Ob denn ihre Genossen nichts unternahmen, um sie zu retten?

Blau und sonnenblitzend flutete das Wasser – von den Kriegsschiffen war keine Spur zu entdecken.

Der Kapitän ging zwischen zwei Stöcken; sein zerschmetterter Fuß erlaubte ihm kein festes Auftreten. Er war sehr blaß, aber vollkommen ruhig, ebenso Heye Wessel – die beiden alten Seeleute hatten dem Tode zu oft und aus nächster Nähe ins Antlitz gesehen, sie fürchteten ihn nicht mehr.

Irgendwo läutete ein Glöckchen; man hörte die hellen Klänge weithin durch das Flüstern des Windes und das Geräusch der Wellen. Die Verurteilten gingen des Kapitäns wegen sehr langsam, so daß mehrere Minuten verstrichen, bevor sie den Fußpfad am Ufer (das damals noch keinen Deich besaß) erreicht hatten. In diesem Augenblick trennte sich von der Gruppe des harrenden Volkes ein größerer Knabe und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, in der Richtung der Schanze davon.

Monsieur de Jeanriesson sah es. »Er bringt den Bescheid, daß sie kommen«, dachte der wohlwollende Mann. »Ich täuschte mich nicht!«

Und wieder sah er hinüber zum Strande. Die alte Aheltje hatte sich den beiden vordersten Gefangenen genähert, sie streckte dem Kapitän die Hand entgegen. »Ich wollt‘ Euch danken für alles Gute, das ihr an mir armem Weibe getan, Klaus Visser, und auch Euch, Heye Wessel! – Der liebe Gott hört ebensowohl das Gebet der Armen und Niedrigen als das der Großen dieser Welt – und ich bitte ihn für Eure ewige Ruhe aus Herzensgrund!«

»Danke, Aheltje«, antwortete der Kapitän. »Grüßt mein armes Weib, Frau!«

Sie reichten ihr sämtlich die Hand, ungehindert von den französischen Soldaten – Lars Meinders biß die Zähne hörbar zusammen, als er von fern das Dach seiner Hütte schimmern sah – dann wollten sich alle rechts ab dem Wege zur Schanze zuwenden.

Der begleitende französische Unteroffizier deutete nach dem Holzschuppen hinüber. »Dort!« sagte er einfach.

Die Gefangenen gingen nur eine kurze Strecke, dann entschwanden sie den Blicken der erstaunten Menge. Ein Mann lief in fliegender Eile dem früher abgeschickten Knaben nach.

Als der traurige Zug den offenen Strand hinter dem Schuppen erreicht hatte, bot sich den Verurteilten ein Anblick, der ihnen die unwillkürlich aufgetauchten Zweifel sofort wieder rauben mußte. Etwa fünfzig französische Soldaten standen mit geladenen Gewehren in Reih und Glied – hinter ihnen gähnte ein tiefes, frisch ausgeworfenes Grab, groß genug, um in seinem Schoße sieben Menschen Raum zu gewähren.

Etwas abseits stand der Prediger in voller Amtstracht. Mit ausgestreckten Armen näherte er sich den einem so schrecklichen Tode geweihten Männern.

Wo heute der neue Kirchhof weiß und öde im Flugsand liegt, da hoben sich zu jener Zeit weite hohe Dünenketten mit Tälern und Schluchten, Erlengebüschen und Strauchwerk verschiedener Art Kopf an Kopf standen auf dem gleitenden unsicheren Boden die harrenden Männer, alle bewaffnet mit Beilen und Messern, mit Gewehren und Pistolen, alle fest entschlossen, womöglich keinen einzigen Franzosen lebend davonkommen zu lassen.

Uve Mensinga war als Führer von der ganzen Schar stillschweigend anerkannt; Georg Wessel und Onnen Visser hielten sich dicht an seiner Seite.

Ein großes Boot der Engländer, ein sogenanntes Langboot, lag hinter der Biegung, welche die Insel an der Stelle der heutigen Schiffsbauerei macht. Etwas weiter hinaus, mitten im tiefen Fahrwasser, sah man das Kriegsschiff, den »Nelson«, unter beigedrehtem Steuer leicht schaukelnd im Sommerwind treiben.

Die Taschenuhren zeigten auf sechs – eine immer wachsende Unruhe bemächtigte sich der Versammelten. Da nahte ein Knabe, er schwenkte den Hut – das war das verabredete Zeichen.

»Sie kommen!«

Onnen zitterte. »Georg, Georg, wenn nun jemand unglücklicherweise die Gefangenen träfe! – Ach, laßt uns lieber nicht schießen!«

»Sei still, Junge, sei still. Mir ist es, als wolle mein Herz aufhören zu schlagen!«

Der riesige Baltrumer stand auf einem jener schmalen Grate, die Düne von Düne trennen. »Halloh!« rief er, »es kommt noch ein zweiter Bote.«

»Was bedeutet das?«

Sie horchten und spähten sämtlich. Außer Atem übersprang ein Mann die niederen Dünenketten, dann stand er mitten zwischen den Verbündeten. »Leute, sie haben die Verurteilten nach der anderen Seite gebracht – links hinaus!«

»O Himmel«, rief Onnen, »wenn der Präfekt Gnade verkünden wollte!«

»Was könnte es anders sein? – Ach, welches Glück!«

»Ruhig!« rief Uve Mensinga und seine Augen blitzten, seine Stimme klang grollend, als ersticke ihn der Zorn. »Wir sind verraten, sie morden unsere —«

Er wurde auf furchtbare Weise unterbrochen. Durch die helle Morgenluft klang das Geknatter von Schüssen – drei Salven fielen nacheinander, Pulverdampf wallte auf, dann war alles todesstill.

Als habe die französische Kugel in jedes einzelne Herz ihren verderbenbringenden Weg gefunden, so schwiegen wie erstarrt die Verbündeten. Das Unerwartete, Entsetzliche lähmte jede Vorstellungskraft, jede Zunge.

Und leise, leise schlug an ihr Ohr ein anderer Klang – das Armesünderglöcklein. Sie hörten es alle, bis der Schall wie ein Traum zu zerrinnen schien. Nun waren die Verurteilten gestorben – tot – nun war alles zu Ende.

»Georg!« rief Onnen außer sich, »Georg!«

»Laßt uns offen hingehen!« schrie der Baltrumer. »Laßt uns das Badehaus in Brand stecken und die Kanaillen mit dem Kolben totschlagen!«

»Und was würden wir dadurch gewinnen, Leute?«

»Rache wenigstens!«

Das Boot der Engländer kam heran. Ein paar Soldaten näherten sich den Schiffern. »Habt ihr die Schüsse gehört? – Diese Halunken, diese Mörder – wenn der ›Falke‹ aus Helgoland wieder hier ist, sollen sie ihre Bezahlung erhalten!«

»Ach, aber dann ist alles zu spät! – Und wir waren unserer Sache so gewiß!«

»Laßt uns doch nur erst einmal hingehen!«

Onnen lief voraus. Und wenn ihm keiner der übrigen gefolgt wäre, so würde er ganz allein zu den französischen Soldaten geeilt sein, ganz allein und nur beschäftigt mit einem einzigen Gedanken: »Ist mein armer Vater erschossen worden?«

Aber sie begleiteten ihn alle; wie ein entfesselter Strom wälzte sich die ganze Masse gegen den Weststrand hinab und über die damals unbebaute Strecke der heutigen Marienstraße.

Kein Franzose begegnete den Männern, kein Wachtposten war ausgestellt, nur jammernde Frauen und Kinder umstanden noch immer den Platz, wo die Boote anlegten; sie deuteten alle auf den Holzschuppen, hinter welchem der Zug der Gefangenen vor kurzer Zeit verschwunden war.

Uve Mensinga nickte. »Es ist, wie ich dachte; man hat absichtlich die Schanze als Richtstätte bezeichnet, um uns irre zu leiten und ohne Störung von außen die Blutarbeit zu vollenden. Da kommt jede Einmischung zu spät!«

»Wollen wir denn nicht erst hingehen?« rief Onnen. »O mein Vater, mein armer Vater!«

»Laßt uns losschlagen«, riet der Baltrumer. »Immer hundert Franzosen für jeden Gemordeten.«

»Das wäre mehr als Wahnsinn, Abel Voß! Die Soldaten haben das Haus als Schanze, sie besitzen volle Deckung, während wir ihnen die unbeschützten Stirnen darbieten müßten. Sollen ohne allen Zweck die tapfersten Männer reihenweise fallen?«

»Und sollen unsere Freunde ganz ungestraft ermordet worden sein?« »Keineswegs!« raunte Uve Mensinga, »keineswegs! Aber laßt vorerst den ›Falken‹ wieder angelangt sein, laßt uns den Beistand der Engländer besitzen, dann wird die Sache anders. Nur Tollköpfe ohne alle Überlegung könnten die Franzosen im Badehause angreifen.«

Georg Wessel ballte die Faust. »Ich sollte die Leiche meines Vaters da in ungeweihter Erde liegen lassen und nicht einmal erfahren, wo man sie verscharrt hat? Nie und nimmer, so wahr mir der Himmel helfe! Komm, Onnen, gehst du mit?«

»Natürlich!« rief flammenden Blickes der Knabe. »Vielleicht haben ja die Toten nicht einmal Särge bekommen!«

Abel Voß lachte wild. »Särge ? – Särge ? – Wie sie gingen und standen, ungewaschen und ohne Leinentuch sind sie verscharrt worden.«

Auf Onnens Wangen kam und ging die Farbe, eiskalte Schauer durchbebten seinen Körper. »Komm, Georg«, drängte er.

Uve Mensinga nickte. »Ich wollte eben den gleichen Vorschlag machen, Kameraden. Wir können natürlich die Leichen unserer Freunde nicht in irgendeinem Winkel, über den die Hunde dahinlaufen, unbeachtet liegen lassen, aber das ist für den Augenblick alles. Zu Feindseligkeiten darf es heute nicht kommen.«

»Aber wenn die Halunken auf uns schießen?« rief der Baltrumer.

Uve Mensinga lächelte. »Dann kann‘s meinetwegen losgehen, Kinder.«

»Hoffentlich!« murmelte Georg. »Gott gebe es.«

Und nun ordnete sich der Zug, um gemessenen Schrittes den Strand hinter dem Heuschuppen zu betreten. Kein Soldat wurde sichtbar, nur zwei schaurige Zeichen der vollstreckten Hinrichtung boten sich den Blicken der Männer – eine große Blutlache und ein frisch aufgeworfener breiter Hügel.

»Da! da!« rief Onnen. »Ach, mein Vater!«

»Still, Junge, still! Spare deine Kräfte für den Tag der Vergeltung.«

Sie nahmen unwillkürlich die Hüte vom Kopf; eine gewaltige Erschütterung ging durch die Seelen aller. Die da noch warm, noch blutend unter dem Boden lagen, waren ihre Freunde und Verwandten, ihre langjährigen Genossen – und an einem Haar, einem einzigen Haar hing noch vor einer Stunde ihre Rettung. Jetzt hatte der Tod den Sieg behalten.

Einer nach dem andern näherte sich dem Grabe; die Draußenstehenden, Frauen und Kinder drängten nach, irgend jemand brachte Schaufeln und die traurige Arbeit begann.

Im Badehause deutete Oberst Jouffrin mit der Rechten auf den beständig wachsenden Haufen; ein lauernder, hämischer Blick traf den Präfekten.

»Bemerken Exzellenz, was da unten vorgeht? Man raubt Leichen, wie mir scheint.«

Monsieur de Jeannesson nickte kalt. »Ich sehe es, Herr Oberst.«

»Ah! – und auch das soll hingehen, wenn man fragen darf?«

»Ich denke ja. Es gibt meines Wissens kein Gesetz, das mich zwingt, die armen Leute auch noch ihrer Toten zu berauben. Mögen sie dieselben in Gottes Namen auf den Kirchhof bringen und dort zur ewigen Ruhe bestatten.«

»Das heißt doch – uns trotzen, sich widersetzen?«

Der Präfekt suchte den Blick des ergrimmten Offiziers. »Ich glaube, es heißt nur Mensch sein, Herr Oberst. Durch mich sollen die Leute nicht gestört werden.«

Der Oberst ging mit hallenden Schritten davon. Monsieur de Jeannesson konnte auch gegen den Besiegten noch Milde und Nachsicht walten lassen, er wurde überall geachtet und geschätzt – dafür haßte er ihn.

Am Watt und etwas später auch im Dorfe entwickelte sich unterdessen eine lebhafte Szene. Sechs oder acht Männer hoben aus dem kaum zugeworfenen Grabe den Sand, während ebensoviele auf dem kleinen Gottesacker die neue gemeinschaftliche Gruft wieder öffneten. Eine fieberhafte Tätigkeit herrschte auf der ganzen kleinen Insel.

Gärten oder Gebüsche, wie sie jetzt vor den meisten Häusern befindlich sind, gab es damals zwar nirgends, aber auf den Dünen wuchs, gesät von der gütigen Hand der Natur, manch bescheidenes Blümchen, das sich zum Kranze wohl verwenden ließ, die Dünenrose, die Meerstrand-Männertreu, die Bergnelke, das Veilchen u. a. Nebenbei aber zeigt, wo deutsche Frauen wohnen, jedes Fenster seinen Blumenflor, und diesen plünderten die Norderneyerinnen bis auf die letzte Blüte, um damit das Grab der unglücklichen Opfer zu schmücken.

Kranz nach Kranz wurde im Fluge gebunden, ganze Körbe voll Blumen herbeigetragen, während die Männer anfingen, vorsichtiger zu graben. Eine Hand ragte aus dem Sande hervor – man hatte das Bett der Toten erreicht.

Weiße saubere Leintücher wurden ausgebreitet, liebevolle Hände wuschen die Gesichter der kaum Erkalteten. Jedes gab, was es zu geben hatte, Wagen, Bahren, Wäsche, Blumen – ihre Tränen, ihre Gebete alle – alle.

Särge ließen sich nicht beschaffen, das war unmöglich. Noch einmal gingen in langer Reihe die Insulaner vorüber an den Leichen ihrer Freunde und denen der Engländer, noch einmal berührten sie die über der durchschossenen Brust gefalteten Hände zum letzten Abschied, dann wurde das Leintuch zusammengeschlagen und der imposanteste Leichenzug, den die Insel vorher oder nachher gesehen, nahm seinen Anfang.

Der Weg von der Gegend des heutigen Hotel Bellevue bis zum Gottesacker im Schatten der Kirche ist ziemlich lang, aber dennoch war er bedeckt mit Blumen. Alle Kinder gingen voraus und bestreuten die Straße, welche der Zug passieren mußte; in den Häusern blieben nur die, deren Schmerz zu groß war, zu schrecklich, um ihn den fremden Blicken preiszugeben – Frau Douwe, das junge Weib des Wattführers und Amke Wessel, die ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte, um nur nicht den Leichenzug sehen zu müssen.

Auch ein Mann blieb zurück – Peter Witt, der Verräter. Er kauerte im dunklen Winkel seiner Wohnung und murmelte immer vor sich hin, obgleich ihn niemand hörte.

An der Pforte des Friedhofes empfing der Geistliche die sieben Leichen. Er hatte diese Männer sterben sehen, er wußte, daß ein schneller sicherer Tod von der Hand der geübtesten Schützen ihren Leiden ein rasches Ziel gesetzt hatte – jetzt leuchtete aus seinem Antlitz eine hohe Freude.

Er durfte an dem Grabe in geweihter Erde den Segen der christlichen Kirche sprechen, er wußte die besten Bürger seiner Gemeinde nicht länger wie gefallene Tiere an der offenen Heerstraße verscharrt.

Die Rede, welche er hielt, war ohne Vorbereitung nur aus dem Herzen herausgesprochen, aber sie lockte dennoch Tränen in aller Augen. Des Vaterlandes Schmach und Unglück fühlte jeder einzelne gleich schwer; das Weh dieses Tages durchbebte jede Brust.

Hochgeschichtet, das ganze Grab ausfüllend, türmten sich die Kränze der Frauen. Um den Hügel standen zunächst die Angehörigen, die vertrautesten Freunde der Verstorbenen, dann im weiten Kreise die Gefährten früherer Tage, die Nachbarn und Berufsgenossen, viele Hunderte, die sämtlich gekommen waren, um den Vielbeweinten, den Opfern der fremden Tyrannei das letzte Geleite zu geben.

Der Prediger ließ die Kirchtüren öffnen und, nachdem seine Rede beendet war, den Küster die Orgel spielen.

Hell und tröstlich klang es über den Gottesacker dahin, erst leise, dann immer stärker, gewaltiger erschallend:

»O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen,

Durch den Tod seid ihr zu Gott gekommen!

Ihr seid entgangen jeder Not,

Die uns noch hält gefangen!«

So manche Stimme brach im Schluchzen. »Die uns noch hält gefangen!« – Das war in wenigen Worten das Schicksal des gesamten Vaterlandes. Französische Soldaten spielten die Gebieter in jedem Hause, französische Kanonen beherrschten den Strand, der für das genügsame Völkchen der Insulaner doch täglich den Tisch decken sollte. Sie beteten im Herzen alle, die da sangen, von Tränen unterbrochen, von dem Gedanken an die Gefahren der Zukunft tief gebeugt.

Und dann kam am frischen Grabe der Abschied. Diese da, die Toten, sollten gerächt werden, so gewiß die Sonne hell vom Himmel herabschien.

»Wenn der ›Falke‹ vor Baltrum Anker wirft, komme ich und bringe euch Botschaft«, sagte Abel Voß.

Uve Mensinga nickte. »Er wird uns mit den nötigen Langbooten, mit Kanonen und Munition versehen! Sei still, Onnen, mein Junge, weine nicht, die Franzosen sollen für ihre Untat volle Zahlung leisten!«

»Und ihr nehmt mich ganz gewiß mit euch, Mensinga? Ihr verlangt nicht, daß ich untätig zu Hause sitze, während ihr kämpft?«

»Da hast du meine Hand, Junge. Die Rache kommt bald.« Sie trennten sich; die Fremden verließen Norderney und die übrigen kehrten in ihre Häuser zurück, Onnen und Georg Wessel erst dann, als sie einander geschworen hatten, zusammen im Kampfe gegen den Todfeind in der vordersten Reihe zu stehen.

Dem Knaben graute es vor der verödeten Heimat. Die alte Mutter, sonst so rüstig und mutig den Fährnissen des Lebens gegenüber – jetzt war sie gebrochen. Seit jener Stunde, wo ihr der dem Tode geweihte Mann den Ring in die Hand legte, seit jener furchtbaren Stunde war ihr Haar weiß wie Silber.

Onnen traf sie nicht allein. Die Tante aus Hilgenriedersiel war auf die Schreckenskunde der Gefangennehmung hin nach Norderney geeilt, um womöglich ihren lieben alten Bruder noch einmal zu sehen – aber vergebens. Als sie kam, fielen gerade jene Salven, welche auch seinem Leben ein Ziel setzten; sie konnte nur mit der hart betroffenen Witwe bitterlich weinen, ihres eigenen und des fremden Leides wegen.

Onnen streckte ihr stumm die Hand entgegen, er brachte kein Wort hervor. Jetzt erst, nun er wieder zu Hause war, in der altgewohnten Umgebung, jetzt erst fühlte er die ganze Schwere des erlittenen Verlustes.

Onkel Hansen saß noch immer für seinen geflüchteten Sohn im Gefängnis, es kamen des Krieges wegen nur wenig Badegäste, die Schmugglerfahrten waren gänzlich zu Ende und so hielt neben allem übrigen, je länger, desto mehr, auch die bleiche Sorge ihren Einzug in solche Häuser, wo sonst Überfluß herrschte. Frau Antje weinte ihre bitteren Tränen; sie und Jurtke mußten spinnen oder stricken, um nur den Kindern das trockne Brot geben zu können. Es war ein trauriger Abend, den die kleine Familie miteinander verbrachte – und dennoch sollten ihm viel, viel traurigere folgen.

Kurz nach der vollstreckten Hinrichtung kam eines Tages ein Brief von dem Maire in Norden. Das große amtliche Siegel schien Schlimmes zu verkünden – Frau Douwe zitterte, als sie es erbrach und den Inhalt des Schreibens las.

Auf Befehl des Kaisers waren sämtliche Güter der Erschossenen dem Fiskus verfallen.

Die unglückliche Frau verstand nicht gleich, was sie sah, erst das mitleidige Gesicht des Nordener Amtsdieners ließ sie das neue Schrecknis erkennen. Also ausgeplündert – das war es.

Onnen schrie laut auf. Des Vaters Dreimaster in Bremerhaven, die »Taube«, das Haus – alles. Jetzt war seine Mutter arm wie Aheltje, die Hexe draußen in den Dünen.

Ein Verzeichnis des ganzen Nachlasses mußte am nächstfolgenden Tage dem Maire eingeliefert und die Sachen zur Verfügung gestellt werden. Wie es den Witwen und Waisen der Gemordeten erging, das kümmerte ja die Franzosen nicht.

Uve Mensinga kam selben Abends in das Haus der Witwe. »Frau Visser«, sagte er, »Ihr gebt doch das bare Geld nicht heraus? – Laßt mich den Schatz verwahren, sonst nehmen die Schufte Euch das letzte Stück Brot. Und du, Onnen«, fuhr er fort, »geh mit mir, ich will dich auf meine Schaluppe nehmen und als Gehilfen beim Fischfang behalten, bis wir andere Zeiten bekommen. Du mußt jetzt für deine Mutter sorgen, Junge!«

Der ehrliche Mann und treue Freund ließ den Worten die Tat folgen. Alles Geld aus dem Schranke des Kapitäns wurde versteckt, die nötigsten Einrichtungsstücke in verschwiegener Nacht hinübergetragen zum Hause des Wattführers und endlich Frau Douwe, die ganz gebrochene, trostlose, von dem Weibe desselben, der alten braven Trientje Mensinga, mit offenen Armen empfangen. Die beiden Leute hatten keine Kinder – jetzt nahmen sie Onnen auf wie einen geliebten eigenen Sohn und gaben auch aus der Fülle ihrer freundlichen Nächstenliebe der unglücklichen Mutter des Knaben eine sichere, trauliche Heimstätte; selbst Folke Eils konnte täglich mitessen von dem, was der Wattführer als solcher oder als Fischer verdiente.

Dazwischen rasselte wieder die Trommel. Nur eine ganz kurze Proklamation wurde verlesen, aber sehr inhaltsschwere Worte. »Wer die Hand an einen französischen Soldaten legt, wer sich gegen einen solchen selbst zu verteidigen oder Recht zu verschaffen sucht, soll erschossen werden.«

Das galt als Warnung; die Norderneyer verstanden es sehr wohl, aber sie lachten dazu. Wenn der »Falke« einlief, so durchlöcherten ihre Kugeln höchstwahrscheinlich mehr als nur diesen Tagesbefehl.

Onnen wäre in der Schreckenszeit, welche er jetzt durchlebte, vor Qual und Gram gestorben, wenn ihn nicht der Haß gegen den Todfeind, die Hoffnung auf Wiedervergeltung immer noch aufrecht gehalten hätten. Eine Niederlage sollten die Franzosen erleiden und ob Ströme Blutes fließen mußten, eine Niederlage, die ihren Hochmut, ihre trotzige Selbstüberschätzung empfindlich züchtigte.

Aus Hamburg kamen damals nach Norderney von den wenigen Badegästen Mitteilungen, welche den herrschenden Groll bis zum äußersten steigerten. Dort waren Schmuggler und solche, die sich nicht von den Zollbeamten in jeder Weise belästigen lassen wollten, ohne Urteil oder Verhör auf dem Heiligengeistfelde standrechtlich erschossen worden, zuweilen sechs und zehn an einem Tage; die Räubereien und Erpressungen der Franzosen hatten weder das öffentliche, noch das Privateigentum verschont.

Uve Mensinga nickte. »Laßt sie nur, Kinder, laßt sie nur. Je eher das Maß ihrer Schuld gefüllt ist, desto früher kommt jener eine Tropfen, welcher es überfließen läßt. Wir können warten.«

Als das Haus des erschossenen Kapitäns und seine Schaluppe unter den Hammer gebracht wurden, da hatten die Franzosen den Amtsschreiber umsonst nach Norderney bestellt und ebenso umsonst ihre Bekanntmachungen an alle Mauern geklebt; weder auf diesen Besitz, noch auf den der übrigen Gemordeten erfolgte irgendein Angebot. Die Insulaner nahmen von der ganzen Sache nicht die allermindeste Notiz, heimlich aber freuten sie sich des Ärgers, den die Franzosen ertragen mußten.

Am Abend desselben Tages flüsterte Uve Mensinga in Onnens Ohr: »Du, der ›Falke‹ ist da. Er bringt wenigstens zwanzig Langboote!«

»Gott sei gepriesen! – So kommt endlich die Stunde der Rache!« Der Wattführer schüttelte den Kopf. »Nicht der Rache«, sagte er sehr ernst. »Da mußt du unterscheiden lernen, mein Junge. Wer sich rächt, der will den erlittenen Schaden auf einen andern übertragen, der handelt boshaft – wir dagegen nehmen in offener Fehde gegen die Franzosen den einmal verlorenen Kampf wieder auf, wir hoffen sie in ehrlicher Schlacht zu besiegen und ihnen zu zeigen, daß sie feige Schandtaten begingen, indem ihre Kugeln wehrlose Männer töteten. Es ist gegenwärtig Krieg, das sollen die Übermütigen fühlen.«

Onnen nickte. »Soviel ich dabei in Betracht komme, gewiß. Wir werden ihnen eine Niederlage bereiten – das walte Gott.«




8


Drei englische Kriegsschiffe lagen unweit Norderney vor Anker, der »Falke«, der »Nelson« und der »Wellington«. Die Stimmung der Soldaten war eine sehr gereizte; sie hatten bisher gehofft, noch rechtzeitig genug zu erscheinen, um ihre gefangenen Landsleute aus den Händen der Franzosen befreien zu können, jetzt aber, als die Kunde des Geschehenen sie erreichte, drängte alles zum Kampfe, zum blutigen Waffentanz, in dem der kecke Gegner wie bei Trafalgar erfahren sollte, daß es noch Mächte gab, welche seiner unerhörten Willkür Schranken ziehen konnten.

Uve Mensinga und der Befehlshaber des »Falken«, Kapitän Sounders, standen in ununterbrochenem Verkehr. Es wurde ein Plan verabredet, der nur langsam seiner Vollendung entgegenreifte, dafür aber auch sicheres Gelingen versprach – die Franzosen mußten sich allmählich als Herren der Lage betrachten lernen, mußten jeden Gedanken an einen Handstreich der Eingeborenen aufgeben und in ihrer Wachsamkeit erlahmen; so allein konnte man sie fangen.

Keine Schaluppe, kein Boot lief mehr aus, ohne ein paar französische Soldaten an Bord zu haben, keine Forderung des nimmersatten Obersten stieß auf Widerstand; überall begegneten scheue Blicke oder eiliges Ausweichen den Machthabern – sie begannen bereits zu triumphieren und sich den gewohnten Einflüsterungen ihrer Eitelkeit recht behaglich hinzugeben. Die Insulaner hatten jetzt die Peitsche gefühlt, sie küßten willig die Hände, von denen der Streich kam – das zu denken war so sehr angenehm. Vom Obersten bis zum Gemeinen ließ sich‘s jeder einzelne angelegen sein, nach Möglichkeit die Fischer zu brandschatzen und, während diese oft kaum einen Bissen Brot besaßen, selbst im Wohlleben zu schwelgen. Es war ja im Dorfe alles todesstill, kein Gedanke erhob sich gegen die Tyrannen, niemand gab ihnen Gesetze oder leistete Widerstand; stolz wie die Pfauen gingen sie einher. »Le jour de gloire est arrivé.« Jeder Offizier und jeder Soldat fühlte sich in seinem Übermut durch das veränderte Benehmen der Einwohner auf das angenehmste geschmeichelt, jeder trug die Nase so hoch wie möglich und dachte je länger, desto mehr an das Vergnügen, den Genuß des Lebens in jeglicher Gestalt. Die Offiziere verbrachten ihre Zeit fast gänzlich auf dem Festlande, die Soldaten spielten und rauchten – es war ja ringsumher alles ruhig wie im tiefsten Frieden.

Unter der äußeren Hülle glühte das Feuer. Uve Mensinga war viel in Norden, er hatte dort die ausgedehntesten Bekanntschaften und brauchte sie alle, um seinen Plan zur Ausführung zu bringen. Es kam ein Abend, wo gleichsam zufällig ein großer Ball gegeben wurde, während anderseits der Jahrmarkt mit seinen lustigen Possen und verlockenden Schaubuden das Volk aus allen umliegenden Dörfern herbeizog, ebenso die Soldaten, welche mit den Bauernmädchen tanzten und die geräucherten Aale verspeisten, als sei dieser volkstümliche Leckerbissen für sie etwas ganz Gewohntes. Der Branntwein war außergewöhnlich billig, er wurde an jeder Straßenecke feilgeboten, ja, die Franzosen erhielten ihn sogar, wenn es ihnen an Geld fehlte, ganz umsonst, kein Wunder also, daß die Heiterkeit schon am Nachmittag in ein wüstes Toben überging. Der ganze große Platz vor dem Dome von St. Ludger war mit Verkaufs- und Schaubuden angefüllt, unter den Doppelreihen uralter Bäume wogte eine lebensfrohe Menge, Musik erschallte überall, Bajazzo hatte sich sogar aus Gefälligkeit gegen die fremden Gäste bis zu französischen Witzen verstiegen und selbst der Schankwirt mit seiner Karre rief, die Flasche hoch empor haltend, immer einmal über das andere: »Voulez-vous, Kinners? Langt man to! toujours hierher! toujours hierher, ji Deubelstüg, fix watt up‘t Fell schöllt ji hemmen!«

Die Soldaten nahmen das ihnen Unverständliche für eine liebenswürdige Schmeichelei, sie tranken und tranken, bis alle Überlegung auf den Fluten des Branntweins davontrieb und Uve Mensinga ganz ohne Hehl dem Wirte ein: »Ich danke dir, Landsmann, du machst deine Sache gut!« lächelnd zuflüstern konnte.

Und der andre nickte. »Zur Rache für unsere Gemordeten!« gab er zurück. »Geht‘s los heute abend?«

Der Wattführer nickte. »Heute abend!« bestätigte er. »Gott und gute Freunde mögen uns den Sieg geben.«

Die Violine kreischte und der Baß brummte; Hanswurst balgte sich mit dem Teufel und mehreren Bären zugleich – langsam ging Uve Mensinga durch das Getümmel, hier einen Blick tauschend, dort einen Händedruck oder ein Flüsterwort, bis er in eine Nebenstraße gelangte wo Wagen an Wagen den Weg versperrte. Hierher kamen die Offiziere, es war für alles gesorgt; der »Tanz« konnte losgehen. So rasch es ihm möglich war, eilte der Wattführer nach Norderney zurück.

Man befand sich in den letzten Tagen des Monats Mai; der Frühling ging über in den Sommer, eine milde, warme Luft wehte zwischen den Dünen, tausend und abertausend kleine zierliche Blüten bedeckten den Boden. Uve Mensinga seufzte. Seit Anfang April waren die Franzosen eingerückt – und wieviel bitteres Leid hatten sie während dieser wenigen Wochen über die Insel und ihre friedlichen Bewohner gebracht!

Das große Grab im Schatten der Kirche sprach beredter als alle Worte; die verödeten Häuser des Kapitäns und der Familie Wessel gaben Zeugnis von der brutalen Gewalt, mit welcher Napoleons Söldlinge alles an sich rissen, was unter irgendeinem Vorwande geraubt werden konnte. Jedes Einrichtungsstück aus beiden Haushaltungen wie aus der des erschossenen Wattführers wanderte entweder in die Kaserne oder nach Norden, um unter der Hand verkauft zu werden; die Wohnungen standen leer, weil niemand darauf bot.




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