Der beiden Quitzows letzte Fahrten Karl May Karl May DER BEIDEN QUITZOWS LETZTE FAHRTEN Kapitel 1: Suteminn Westlich von dem kleinen Ländchen Bellin lag der Zotzen. Es war das ein Wald, welcher zu der Zeit, von der wir erzählen, alle Erscheinungen eines nur wenig begangenen Urwaldes bot. Im Sommer, wenn die Strahlen der Sonne ihren Weg durch das dichte Laubwerk nahmen und von den golden und purpurn umsäumten Blättern zitternde Reflexe wie sprühende Karfunkel um die riesigen Stämme und das knorrige Geäste blitzten, herrschte hier ein gar reges, thierisches Leben, denn Bären, Wölfe, Luchse, Schweine, Hirsche, Rehe, Füchse, wilde Katzen und anderes Wild trieb zwischen den umgestürzten und modernden Bäumen oder in den von Besinggesträuch und Farrenkräutern verdeckten Vertiefungen sein Wesen, giftige Schlangen lauerten im tiefen, feuchten Moose, und es bedurfte wohl eines nicht gewöhnlichen Muthes, in diesen wilden Gründen dem edlen Waidwerke obzuliegen. Jetzt aber war es Winter; die mächtigen Eichen, Buchen und Rüstern streckten ihre Zweige entblättert in die Luft, und wenn auch eine Decke dichtliegenden Schnee’s sich über die kahlen Wipfel und den hartgefrorenen Boden legte, konnte man doch leichter als zur schönen Jahreszeit den Wald passiren, da das dicht verschlungene Gewirr der Gesträuche der unerbittlichen Kälte hatte weichen müssen. Trat man auf der östlichen Seite aus dem Walde heraus, so gelangte man nach einer kurzen Wanderung über den Bruchboden nach dem Dorfe Dechtow, dessen Häuser mit ihrem halbverwitterten und vom Alter dunklen Lehmwerke wenig einladend von der weißen Schneefläche abstachen. Es war Abend; der Mond warf seinen ruhig leuchtenden Schimmer zur Erde; ein leiser Lufthauch bewegte die Atmosphäre, und tiefer Frieden lag über die weite Gegend ausgebreitet. Im Dorfe schien Alles schon schlafen gegangen zu sein, denn keines der kleinen Fenster erglänzte von dem flackernden Feuer eines qualmenden Kienspans. Aber doch – dort im Kruge herrschte noch Leben, und zwar ungewöhnlich reges Leben; an der Rückseite desselben standen in einem halb offenen Stalle eine Reihe aufgezäumter Pferde, und durch die geschlossenen Läden konnte man ein lautes Durcheinander von kräftigen Stimmen vernehmen. Auch das Dorf herab ertönten jetzt die nahenden Hufschläge eines Pferdes, und bald war ein einzelner Reiter, ein sogenannter Einspänner zu sehen, welcher, vorsichtig Umschau haltend, sich dem Kruge näherte. Es war eine kolossale Gestalt auf einem ebenso gewaltigen Streitrosse. In der Rechten hielt er eine baumstarke Lanze, unter deren Spitze ein kleines Fähnlein flatterte, dessen Farbe aber bei dem ungewissen Lichte grad so wenig zu erkennen war, wie das Zeichen, welches den mächtigen Schild schmückte, der seine linke Seite bedeckte. Ein ungewöhnlich langes und breites Schwert hing ihm von der Hüfte nieder, und ein doppelschneidiges Messer, wegen seiner Gefährlichkeit »Gnadegott« geheißen, war in lederner Scheide durch eine Kette an den starken Leibgurt befestigt. Mit einem raschen Sprunge war er vom Pferde, einem Falben von außerordentlich kräftigem Gliederbaue, und trat lauschend an einen der Läden. »Das sind Kriegsgurgeln, die sich da drin hören lassen! Sicherlich ist kein Ritter dabei, sonst wäre nach löblichem Schick und Brauch eine Wache ausgestellt. Ich muß doch sehen, was für eine Farbe sie tragen. Babieca, bleib fein ruhig stehen; ich will meine Lanze an dich lehnen!« Als hätte das Thier ihn verstanden, streckte es die Glieder in eine bequeme Stellung und wandte nur leicht den Kopf, um ihm bei seinem Eintritte in den Hausflur nachzublicken. Er öffnete die Thür und erblickte nun eine Anzahl reisiger Knechte, welche sämmtliche Tische besetzt hielten, um sich bei einem Schlucke gütlich zu thun. Inder hinteren Ecke erhob sich die knochige hagere Gestalt eines alten Wachtmeisters, welcher ihm entgegentrat: »Mit Verlaub, Herr Ritter, wollt Ihr uns wohl Euren Namen sagen? Wir haben Euch nicht kommen hören, und es sind gar schlimme Zeiten!« Wirklich trug der Eingetretene keine Farben, an denen er zu erkennen gewesen wäre, aber seine aus blau angelaufenem Stahle gefertigte Rüstung war von so eigenthümlicher und zugleich vorzüglicher Arbeit, daß sie recht gut als Merkzeichen dienen konnte, und als ihr Träger statt aller Antwort den Schild erhob, welcher einen Amor mit gespanntem Bogen zeigte, trat der Frager mit einer Ehrerbietung zurück, wie man sie sonst nur hervorragenden Persönlichkeiten zu erweisen pflegt, und der Wirth, dies bemerkend, öffnete die Thür zu einem besonderen Nebengemach, in welches er den Fremden einzutreten lud. »Das sind ja Leute des Ritters Nymand von Löben! Was thun sie hier hinter dem Zotzen?« »Sie kehren von einem Streifzuge heim und wollen noch heut in das Lager vor Friesack zurück,« antwortete der Wirth. »So ist es also wahr, daß der Markgraf vor Friesack liegt, wie ich hörte?« »Ihr müßt hier sehr fremd sein oder sehr weit herkommen, wenn Ihr von dieser Fehde nicht längst schon wißt!« »Ich komme aus dem Lande Preußen, wo das schwarze Kreuz des deutschen Ritterordens starker Arme bedarf. Doch, gebt mir einen Trunk, aber einen guten, wie es nach löblichem Schick und Brauch sich geziemet, und dann führet mein Roß Babieca in den Stall; das edle Thier bedarf der Pflege und Erholung!« Der Wirth that, wie ihm geheißen war. Unterdessen saßen die Reisigen in dem räucherigen Schenkzimmer und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen über den fremden Rittersmann. »Und ihr wißt wirklich nicht, wer er ist?« fragte der Wachtmeister, »trotzdem Ihr den nackten Buben mit dem Pfeile gesehen habt, der auf seinen Schild gemalt ist!« »Wir kennen hier nicht jeden Rittersmann, dieweilen wir aus dem Lande Schwaben sind,« entschuldigte sich einer der Angeredeten. »Das ist wahr. Aber wenn Ihr ihn auch noch nicht gesehen habt, so kennt Ihr doch ganz gewißlich seinen Namen, denn der ist bekannt fast über die ganze Erde und noch drei Meilen darüber hinaus. Er heißt Suteminn.« »Suteminn?« riefs überrascht im Kreise. »Wohl haben wir von dem gewaltigen Kämpen gehört, dem Keiner gleichen soll, so Viele sich auch mit ihm gemessen haben! Erzähle uns von ihm!« »Ja, von dem, was hier zu Lande gethan, läßt sich wohl viel erzählen, nicht aber von seiner Abstammung und seinen Abenteuern in fernen Ländern. Er war bei den Russen und Normannen, bei den Dänen und Friesen, im Lande der Franken und Welschen, ja sogar bei den Türken und Tataren soll er gewesen sein, doch von seinen Thaten weiß man nichts, denn er zieht stets einspännig aus, und Keiner hat ihn jemals in Begleitung eines Knappen gesehen.« »Sie werden seine Burg bewachen sollen.« »Seine Burg? Er hat keine. Er wohnt zu Tangermünde in einem kleinen Häuschen, welches ringsum von einer Mauer umgeben ist, so daß kein Auge sehen kann, was in seinem Hausfrieden vor sich geht; aber wunderbare Dinge mögen das wohl sein, denn des Nachts steigen feurige Gluthen aus dem alten Schornsteine, und oft kommen seltsame, glühende Gestalten geflogen und tanzen um das baufällige Dach. Dann erhebt sich hinter der Mauer ein Lärm, als ob ganze Heere Gewappneter mit einander kämpften; mächtige Fußtritte stampfen die Erde, Schwerter klirren und klingen, Panzer rasseln, Pferde wiehern, Hunde heulen und bellen, und Jedermann flieht das Haus, in welchem die höllischen Geister ihr Wesen treiben. Aber er hegt nicht die schwarze, sondern die weiße Kunst, und – —« »Die weiße? Was ist das für eine Kunst?« »Bei der schwarzen Kunst gehört die Seele dem Teufel, welcher dafür eine bestimmte Zeit lang in allem Schlimmen dienstbar sein muß; bei der weißen Kunst aber wird er gezwungen, Gutes auszuführen, und weil er dafür nichts bekommt, so könnt Ihr Euch denken, daß er mit seinen Gesellen sich ganz gewaltig dagegen sträubt und des Nachts einen solchen Heidenspectakel vollführt. Wer die weiße Kunst versteht, der hat Macht über alle guten und bösen Geister, über Leben und Tod, über Hab und Gut und kann Alles vollbringen, was Gott und den heiligen Engeln wohlgefällig ist. Deshalb ist Suteminn ein so gewaltiger Ritter und zugleich ein Gelehrter, dem nichts verborgen ist in den sieben Reichen der Unterwelt. Er kann das Wetter machen und den Sonnenschein, die giftigen Dünste vertreiben und alle Krankheiten heilen; er fängt den Bären mit der bloßen Hand und spaltet einem Gewappneten den Kopf bis herunter auf die Brust und auch noch weiter, wenn er will; seine Haut ist fest wie Eisen, denn er hat sie mit Drachenblut bestrichen, und durch seine Rüstung dringt weder Schwert noch Dolch, weil sie von den guten Zwergen geschmiedet worden ist. Er ist keinem Menschen unterthan und Niemand, kein Herzog und kein Fürst, darf ihn zu einem Heereszuge entbieten; er kommt von selbst, und die Seite, auf welche er sich stellt, gewinnt den Sieg.« »Aber wer bewacht sein Haus, wenn er auf Fahrten ausgezogen ist?« »Es wird behütet von seinen Geistern, die in allerlei menschlichen und thierischen Gestalten um dasselbe streifen oder über die Mauer lugen. Bald hinkt ein altes, triefäugiges Weib aus dem kleinen Thore hervor, bald erblickt der kühne Lauscher ein herrlich gebildetes Weib, welches sich aber sofort in einen riesigen Köder verwandelt und mit gefletschten Zähnen auf ihn losstürzt; bald tritt ein schöner Jüngling durch die Pforte, um im nächsten Augenblicke spurlos zu verschwinden, bald erblickt man ein runzelvolles Greisenangesicht in der Mauerscharte; aber wehe dem, der nicht schleunigst umkehrt und flieht: er würde in ein Thier verwandelt werden, um seine Neugierde zu büßen!« In diesem Augenblicke wurde der abergläubische Erzähler von einer Hand unterbrochen, welche mit kräftigen Schlägen von Außen an den Laden klopfte. Eine tiefe, volltönende Stimme rief nach dem Krugwirthe, und dieser eilte hinaus, um die Wünsche des nächtlichen Gastes zu erfragen. »Wer ist’s?« begehrte der Wachtmeister zu wissen, als er wieder in die Stube trat. »Ein Rittersmann,« antwortete der Gefragte, »der es sehr eilig hat. Er will seinen Durst löschen und dann weiter reiten.« »Hast Du ihn erkannt?« »Er hat sich tief verhüllt; fast scheint es mir Einer von den Quitzow’schen zu sein!« »Von den Quitzow’schen? Dann ist er geflohen oder bei dem heutigen Kampfe entkommen. Macht Euch in die Höhe, Ihr Mannen! Ich will mir den Patron einmal besehen, und wenn es einer der Feinde ist, so werde ich Euch rufen. Geht durch die Hinterpforte leise zu Euren Pferden; zu Fuß ist einem Berittenen nur schwerlich beizukommen!« Er steckte einen der vorhandenen Kienspäne in Brand und trat mit demselben vor die Thür, um dem ungewissen Lichte des Mondes möglichst nachzuhelfen. Mit der einen Hand den Zügel des Pferdes erfassend, leuchtete er mit der andern empor, und kaum hatte er das Gesicht des Reiters erblickt, so warf er die Leuchte von sich und riß das Schwert aus der Scheide. »Grüß Euch Gott, Ritter Dietrich! Was habt Ihr von Friesack hier zu schaffen?« Aber schon blitzte das Schwert des Angeredeten durch die Luft und hätte sicher den Kopf des Wachtmeisters gespalten, wenn derselbe nicht schnell bei Seite getreten wäre und durch einen Ruck an den Zügeln das Pferd zum Bäumen gebracht und somit den Hieb unsicher gemacht hätte. »Herbei, herbei, Ihr Leute!« rief er dabei mit lautschallender Stimme. »Ritter Dietrich von Quitzow ist zu fangen!« Er bezahlte diesen Ruf mit dem Leben, denn ein zweiter Hieb Dietrichs traf besser und streckte ihn lautlos in den Schnee. Aber schon waren die Andern herbeigeeilt und hieben, den Ritter umzingelnd, auf ihn ein. »Ergebt Euch!« wurde ihm zugerufen. »Ihr seht, daß der Unsrigen zu viele sind!« »Ergeben?« lachte er grimmig, riß sein Pferd empor und warf es, mit mächtigen Schlägen sich vertheidigend, im Kreise herum. »Da habt Ihr meine Antwort, und fahrt zur Hölle, Ihr feilen Knechte!« Einer nach dem Andern sank unter seinen wuchtigen Hieben vom Pferde, während es Keinem von Ihnen gelang, ihm eine Wunde beizubringen, und eben wandten die beiden Letzten ihre Thiere, um sich dem Unwiderstehlichen durch die Flucht zu entziehen, als ein neuer Streiter auf dem Platze erschien. Es war Suteminn. Er hatte in seinem Stübchen den lauten Ruf des Wachtmeisters vernommen und war zu seinem Pferde geeilt, um sich an dem Kampfe zu betheiligen. Um die Ecke des Hauses biegend, bemerkte er, daß Dietrich ganz allein und ohne Begleitung sei. »Holla!« rief er; »hat sich der Fuchs aus seinem Bau gewagt? Hier ist Einer, mit dem er sich wohl messen mag! – Ihr seid ohne Lanze, Ritter? Gut, fechten wir nach ritterlichem Schick und Brauch!« Er warf die seinige von sich, riß das Schwert heraus und drängte seinen Falben an Dietrichs Rappen. »Suteminn!« rief dieser, und der Ton seiner Stimme verrieth nichts weniger als Freude über das Erscheinen dieses Feindes. »Ja, Suteminn, der heut beginnen will, Rechnung von Dir zu fordern, Diez!« Dietrich drängte sein Pferd zurück. »Halt ein, Otto; ich kreuze mein Schwert nicht mit dem Deinigen!« »Fürchtest Du Dich? Steh’ fest und wehre Dich!« »Nein! Ich mag Dein Leben nicht!« »So, magst Du’s nicht? Es ist Dir wohl Nichts werth, weil Du mir schon alles Andere nahmst? Doch tröste Dich, Du wirst’s auch nicht bekommen. Ich sage: wehre Dich, sonst schlage ich Dich nieder!« Dietrich parirte einen furchtbaren Hieb seines Gegners und rief: »Warum begannst Du nicht früher Dein Rachewerk? Wußtest Du mich nicht zu finden?« »Du hattest der Feinde genug, die Dich mir festhielten. Jetzt, wo Du entrinnen willst, ist meine Zeit gekommen, und ich trete in die Lücke. Wehre Dich, Mann; es ist nicht Scherz gemeint!« »Gut, so fahre hin. Du willst es nicht anders!« Sich in den Bügeln empor richtend, ergriff er das Schwert mit beiden Händen und schwang es zu einem vernichtenden Streiche auf Suteminn. Dieser aber fing den Schlag mit seinem Schilde auf, als sei er von einem schwachen Knaben geführt worden und schlug im nächsten Augenblicke Dietrich die Waffe aus der Hand, so daß sie weit über das Feld hin flog. »Hier siehst Du Deinen Meister. Ergieb Dich oder stirb!« »Keins von beiden. Komm, fahre hin!« Er hatte den Gnadegott aus dem Gürtel gerissen und stieß ihn mit kräftiger Faust dem Feinde nach der Brust. Dort aber prallte die Klinge von der festen Rüstung ab und zersplitterte wie Glas unter dem mächtigen Stoße. »Das war gut gemeint, Diez; hier hast Du meinen Dank!« rief Suteminn; er ließ das Schwert sinken, zog den zweischneidigen Dolch aus der Scheide und wollte damit auf Quitzow eindringen, als dieser, aller Waffen beraubt, seinen Rappen wandte und die Flucht ergriff. »Halloh, Ritter Dietrich von Quitzow, fest gestanden, wie sich’s geziemet nach altem Schick und Brauch!« rief Suteminn, indem er sich vom Pferde schwang, um die weggeworfene Lanze zu ergreifen. Wieder aufgestiegen, stemmte er dieselbe in die Seite und stürmte wie ein Rachegeist dem Davonstiebenden im Fluge nach. »Halt, Verräther, Mörder, Frauenräuber!« klang es mit donnernder Stimme hinter dem herabgeschlagenen Visire des Verfolgenden hervor. Mit Anstrengung aller Kräfte flog der Rappe über den aufwirbelnden Schnee dahin; Dietrich von Quitzow kannte seinen Gegner und wußte, daß er verloren sei, wenn er eingeholt werde; mit Schmeichelworten und ermunternden Zurufen suchte er sein treues Roß zur Ausdauer zu bewegen und warf sogar, um die Last zu verringern, den bis jetzt festgehaltenen Schild von sich. Aber stetig und unerbittlich rückte ihm der Verfolger näher; der Falbe war dem Rappen überlegen; die starken Glieder trugen den langgestreckten und fast den Boden berührenden Leib wie im Spiele dahin; die einzelnen Bäume und Sträucher schwanden wie Schattenbilder hinter den beiden Reitern, die jetzt lautlos, aber mit Aufbietung aller Kunst und Geschicklichkeit dahinstoben; jetzt tauchte zu beiden Seiten des Weges der Hochwald auf; knolliges Wurzelwerk durchbrach den Boden und machte den Ritt mit jeder Sekunde lebensgefährlicher; aber unaufhaltsam ging es vorwärts, voran der Fliehende, hinter ihm her der Verfolger; immer kleiner wurde der Raum zwischen ihnen, immer kürzer die Sprünge des Rappen, immer weiter die mächtigen Sätze des Falben, dessen Sehnen aus Stahl geformt zu sein schienen. Das brave Thier schien zu wissen, daß es sich um Ungewöhnliches handle; der Grimm, welcher die Muskeln seines Herrn spannte, funkelte auch aus seinen großen, dunklen Augen, und die tiefen Laute, welche seinen dampfenden Nüstern entstiegen, waren nicht Zeichen der Ermüdung, sondern der Begeisterung, mit welcher das edle Thier dem Schenkeldrucke seines Reiters gehorchte. So ging es fort über Stock und Stein, weiter, nur weiter, immer weiter, bis endlich Dietrich spürte, daß die Kräfte seines Pferdes auf der Neige seien. Jetzt gab es nur noch einen Weg zur Rettung: die Flucht zu Fuße durch das Dickicht, und schon war er im Begriffe, den Zügel seitwärts anzuziehen, als hinter ihm ein Ruf ertönte, der ihn freudig aufjauchzen ließ. »Hie Quitzow!« erscholl es aus einem Dutzend kräftiger Kehlen, und ebenso viele Reiter drängten sich aus dem dunklen Unterholze heraus zwischen ihn und seinen Gegner, welcher, keinen Augenblick stutzend, mit eingelegter Lanze mitten unter sie hineinfuhr und sich im nächsten Augenblicke im Handgemenge mit ihnen befand. »Ha, seid Ihr Mannen Holtzendorffs? Herr Werner wird die Zeche zahlen müssen!« rief er, mit dem Schwerte unter ihnen aufräumend, so daß Einer nach dem Andern vom Gaule stürzte. Es war wirklich, als hätten die Waffen der Andern keine Macht über ihn und als wüchse seine Kraft mit jedem Schlage, den er austheilte. Aber trotz alledem sah er nur zu gut, daß Dietrich ihm entgangen sei, denn dieser war schon längst mit einem der Reiter verschwunden, und dieser war Werner von Holtzendorff selbst, welcher die Nacht hatte benutzen wollen, um sich mittelst eines Streifzuges von der Lage Friesacks zu überzeugen, und bei dieser Gelegenheit auf seinen Freund Dietrich gestoßen war. Er hatte das Nahen der Reiter bemerkt und sich mit den Seinen hinter die Büsche zurückgezogen. Trotz der Schnelligkeit des Rittes und der nichts weniger als rühmlichen Lage, in welcher erden Ritter von Quitzow als Fliehenden noch nie gesehen hatte, war dieser doch sofort von ihm erkannt worden, und schnell hatte er seinen Reisigen Befehl ertheilt, sich zwischen die Beiden zu werfen. Auf diese Weise war es ihm gelungen, Ritter Dietrich von seinem Bedränger zu erlösen, und jetzt trabte er nun wohlgemuth mit ihm über Kremmen auf Schloß Bötzow zu, wo er durch eine offen gelassene Seitenpforte, unbemerkt von dem Gesinde, mit ihm anlangte. Unterdessen war auch der Kampf zwischen Suteminn und den Knechten Werners von Holtzendorff beendet. Sobald diese bemerkten, daß ihr Herr mit dem Ritter in Sicherheit sei, gaben sie den höchst ungleichen, aber für sie trotzdem gefährlichen Kampf auf und zogen sich fliehend zurück, um die verwundeten Ihrigen auf dem Kampfplatze erst dann aufzusuchen, wenn der gewaltige Kämpe, dem ihre Ueberzahl Nichts hatte anhaben können, denselben verlassen habe. — Sie brauchten nicht lange zu warten. Suteminn, wohl einsehend, daß eine Verfolgung zu Nichts führen könne, entschloß sich, umzukehren. Langsamen Schrittes ritt er zurück. War ihm der Quitzower auch heut entgangen, so wußte er doch, daß er ihn später wieder treffen werde, und dann, das nahm er sich vor, sollte ihm ein Entkommen nicht zum zweiten Male gelingen. Es war schon gegen Morgen, als er Dechtow wieder erreichte. Der Wirth hatte sich der Todten und Verwundeten wohl angenommen, und Suteminn versprach ihm, vom Lager des Markgrafen aus ihm Hülfe zu senden. Sodann ritt er, die Richtung nach dem Zotzen einschlagend, auf Friesack zu. Dort angekommen, bemerkte er unter den Kriegsvölkern eine lebhafte, freudige Bewegung und erfuhr auf sein Befragen, daß das Schloß durch einen unterirdischen Gang diese Nacht überrumpelt und genommen worden sei. Es war sofort besetzt und der Frau Elisabeth mit ihren Kindern und all’ ihrem Eigenthume freier Abzug bewilligt worden. Auch die Leute Dietrichs konnten abziehen mit dem, was sie auf dem Leibe trugen, und vorher wurde ihnen auch noch ihr Sold ausgezahlt. Eben jetzt öffnete sich das Thor, und die Zugbrücke fiel nieder. Langsam und traurig, gleich einem Leichenzuge, bewegten sich die Abziehenden den Schloßberg herab. Voran fuhren zwei Wagen; der eine war mit dem Eigenthum der unglücklichen Frau beladen; auf dem anderen befand sie sich selbst mit den Ihrigen, und hinter ihnen folgten betrübt und niedergeschlagen die waffenlosen Knechte. Der Zug ging zwischen den versammelten Heerführern und den aufgestellten Kolonnen der Feinde hindurch. Die Ersteren grüßten die Frau des einst so mächtigen Anführers der märkischen Ritterschaft achtungsvoll, als sie an ihnen vorüberzog, aber die rohen Kriegsleute sandten ihr manches schimpfende Wort, manche Spottrede nach, durch welche ihr die traurige Lage, in welcher sie sich befand, noch schwerer und fühlbarer gemacht wurde. Nahe am Wege, auf dem Windmühlenberge, stand die große Donnerbüchse, welcher ganz vorzugsweise der Fall Friesacks, wie auch der übrigen eroberten Burgen zu verdanken war; Elisabeth wandte sich, mit Thränen in dem verschleierten Auge, von der furchtbaren Kriegsmaschine ab. Oben auf dem Berge angekommen aber, sandte sie in tiefster Trauer und bitterster Wehmuth noch den letzten, Abschied nehmenden Blick zurück nach dem gewaltigen, jetzt halb in Trümmern liegenden Baue des Schlosses, in welchem sie die glücklichsten Jahre ihres Lebens verlebt hatte. In blauen Nebel gehüllt und nur noch in blassen Umrissen erkennbar, lag es wie eine Erinnerung an längst verschwundene, schöne Zeiten vor ihrem Auge. Mit stillem Ingrimme standen ihre beiden Söhne an ihrer Seite, und auch mancher der Kriegsknechte ballte die harte, knochige Faust und warf den Arm drohend zurück auf die fröhlich im Lager sich tummelnden Sieger. Da der Weg sich jetzt abwärts senkte, war die Stätte ihrer letzten Leiden bald ihrem Auge entschwunden, und nun ließ sie abermals halten, um sich von den einstigen Untergebenen ihres ritterlichen Gemahls zu verabschieden. Es wurde nicht viel gesprochen, aber die blitzenden Augen und finsteren Mienen der Scheidenden sprachen ebenso deutlich als Worte, als sie der Herrin, die sich in Begleitung von vier markgräflichen Reitern nach Burg Taupitz begab, wehmüthig nachblickten. Sie selbst zerstreuten sich nun in alle Welt, aber in dem Herzen eines Jeden von ihnen lebte die frohe Hoffnung, daß Ritter Dietrich gar bald wieder zu Kräften kommen und ihres Armes bedürfen werde, und dann, ja dann wollten sie all den Schimpf mit dreifachen Zinsen wieder heimzahlen. – – — Suteminn hatte, an einer einsamen Stelle sein Roß haltend, dem Schauspiele zugesehen, und bog jetzt nach der Gegend ein, in welcher er das Zelt des Grafen Ulrich von Lindow, welcher die Belagerung geleitet hatte, erblickte. Mancher frohe Ruf, mancher stumme, aber achtungsvolle und ehrerbietige Gruß wurde ihm auf seinem Ritte durch die langen Reihen der Zelte zu Theil, und als er vor demjenigen des Grafen anlangte, trat derselbe eben zwischen einer Oeffnung der Leinwand hervor und stieß, ihn erblickend, einen Ruf der freudigsten Ueberraschung aus. »Suteminn, Ihr kommt zur glücklichen Stunde! Steigt ab und tretet näher. Unser gnädigster Herr ist heut selbst gegenwärtig und gab mir soeben den Auftrag, den Tapfersten und Zuverlässigsten aus der Schaar unserer Ritter auszuwählen, um ihm die Ausführung eines sehr wichtigen Auftrages anzuvertrauen. Keiner von Allen aber ist so werth und würdig wie Ihr, das Vertrauen Sr. Gnaden zu genießen, und so bitte ich Euch, einzutreten, um den hohen Herrn zu begrüßen!« Suteminn stieg ab; aber sein Angesicht blieb ernst, und keine seiner Mienen verrieth, daß er sich von der höflichen Rede des Grafen geschmeichelt fühle. »Wohl, es sei! Ich will dem Herrn Markgrafen meinen ehrerbietigen Gruß bringen, aber ob ich meinen Arm zu seinen Diensten stelle, das vermag ich noch nicht zu sagen!« Er folgte dem Grafen in das Zelt. Daselbst saß auf einem Feldstuhle Markgraf Friedrich, den Rücken dem Eingange zugekehrt; in den Händen hielt er einen Brief, welchen er soeben gelesen zu haben schien, und in seinen Zügen war deutlich die Freude zu lesen, welche ihm der Inhalt desselben verursacht hatte. Bei dem Eintreten der beiden Männer wandte er sich um und sprang, Suteminn erblickend, überrascht empor. »Willkommen, Ritter, hier im Lager!« rief er, dem Angeredeten mit gewinnender Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. »Eure Gegenwart will Uns mit froher Hoffnung erfüllen, daß ein schwieriges Werk gelingen werde, für dessen Ausführung Unser lieber Graf Lindow Uns den passenden Mann suchen sollte. Doch sagt, wo kommt Ihr her? Es ist wohl eine sehr geraume Zeit, daß Wir Euch nicht gesehen haben!« Es entspann sich zwischen den drei Männern ein Gespräch, dessen Inhalt von Wichtigkeit sein mußte, wie auch der leise Ton bewies, in welchem es geführt wurde. Am Ende desselben erhob sich der Markgraf von Neuem: »Jetzt wißt Ihr Alles, Ritter, und nun laßt es uns hören, ob Ihr Uns die Ausführung Unsers wichtigen Vorhabens zusagen wollt!« Der Gefragte streckte dem Fürsten die Rechte entgegen. »Hier meine Hand, Fürst, daß ichs thue, und was ein Mann vermag, das soll geschehen!« »Und habt Ihr einen Helfer, dem Ihr vertrauen dürft?« »Ich habe ihn. Zwar ist’s kein Mann, sondern ein Jüngling erst, der noch niemals seinen Fuß hinausgesetzt hat in das gefahrvolle Leben, aber er ist unter meinen Augen emporgewachsen, hat ein Herz, so rein und treu wie Gold, und einen Arm, dessen Stärke selbst ich zu fürchten hätte, wenn er mir im Kampfe gegenüber stünde.« »Wohl, thut Alles, was Ihr wollt; den Ritter Dietrich aber überlaßt für jetzt Uns selbst! Vor Allem mache ich Euch auf Schloß Garlosen und die Ritter von dem Kruge aufmerksam; es sind unruhvolle Geister, die Uns noch oft zu schaffen machen werden. Jetzt aber geht und ruht Euch aus; der Graf wird für Euch Sorge tragen!« In Begleitung des Genannten verließ Suteminn das markgräfliche Quartier, und bald war auch für ihn ein Zelt errichtet, in welchem er sich ausruhen konnte von dem Abenteuer der letztvergangenen Nacht. — Kapitel 2: Lockere Gesellen An dem Zusammenflusse der Elde und des Mayen an der Mecklenburgisch-Priegnitzischen Grenze, anderthalb Meilen nördlich von Lenzen an der Elbe, lag das feste Schloß Garlosen, später Gorlosen genannt. Es hatte von je her das Schicksal gehabt, unruhigen Geistern, die entweder dem Landesherrn oder den Landstraßen gefährlich wurden, zum Aufenthalte zu dienen und wurde jetzt besessen von vier Männern, die ihr Schwert gut zu führen verstanden und am liebsten den Wein tranken, den Andre bezahlt hatten. Es waren dies der alte und der junge Boldewin von dem Kruge, ihr Vetter Thomas von dem Kruge und der tapfere Claus von Quitzow, zu Stavenow wohnhaft. Die vier wackern Degen kamen des Morgens auf Garlosen zusammen, erzählten sich von ihren Fehden und Kriegsthaten oder sannen auf neuen Ruhm und tranken dazu mit einer Ausdauer, daß Cuno, der alte Kellermeister, gar öfters sich auf eine der Stufen setzte, um von dem ununterbrochenen Auf— und Absteigen ein wenig zu verschnaufen. Wenn dann der Abend hereingebrochen war und das edle Naß nicht mehr recht durch die rauben Gurgeln wollte, so ließ Der von Quitzow sich von seinen zwei Knappen auf das Roß heben, um, hüben und drüben gehalten, heimwärts zu reiten, während die Drei von dem Kruge nach dem gemeinschaftlichen Schlafgemache taumelten und sich mit den unmöglichsten Abenteuern anlogen, bis Einer nach dem Andern die Sprache verlor und ein dreifaches Schnarchen bewies, daß die Recken nun ernstlich begonnen hatten, von ihrem schweren Tagewerke auszuruhen. Anders freilich verlief der Tag, wenn eine Fehde auszufechten war oder sich ein Zug mit Kaufmannsgütern nahete; da erhob sich ein gar kriegerisches und lebhaftes Treiben zwischen den Mauern des Schloßhofes, und wenn das Thor sich öffnete, um die Schaar der Gewappneten zu entlassen, so kehrten sie gewiß nicht anders denn als Sieger wieder, denn die vier Herren zeigten sich zwar täglich vom Trinken ermüdet, waren aber noch niemals vom Dreinschlagen matt geworden. Es war an einem kalten Februartage, als auf der Straße von Lenzen nach Grabow ein Ritter wohlgemuth dahintrabte. Der Gaul, auf welchem er saß, zeigte zwar wenig überflüssiges Fleisch, hatte aber desto stärkere Knochen, und die Art und Weise, wie er ausschritt, ließ kaum eine Art von Schwäche vermuthen. Auch die lange, hagere Gestalt des Reiters saß so stramm im Sattel, als seien erst zwanzig Sommer über sie dahin gegangen, und doch zeigte das Grau von Bart und Haupthaar und der Faltenreichthum des wetterharten Gesichts alle Spuren jenes Alters, in welchem man den warmen Ofen allen Schönheiten eines wintersstarren Waldes vorzieht. »Ist das eine Dummheit,« sprach er vor sich hin, »ein Schloß so weit in’s Land hinein zu bauen, wo auf der Elbe so reicher Fang zu machen ist! Da reite ich nun – aber halt, wer ist der Mann, der da vorn so langsam dahinschlendert, als ginge er zur Sommerszeit spazieren? Muß ihn ‚mal fragen, wo der Weg nach Garlosen mündet!« Er gab dem Pferde die Sporen zu kosten und befand sich bald an der Seite des Fußwanderers, welcher, ohne den Ritter groß zu beachten, langsam seines Weges fürbaß schritt. Er war eine gewaltige Figur mit mächtigen und muskulösen Gliedern. Aus dem verwitterten Gesichte ragte ein mit Pech zusammengedrehter Schnauzbart zu beiden Seiten der Nase um eine Handlänge in die Luft hinaus und gab der Physiognomie einen grimmigen Ausdruck. Die Tracht des Mannes war aus ungegerbtem Leder gefertigt und bestand aus hohen Stiefeln, unsauberen Elennhosen, einem abgenutzten Wamms und einem schäbigen Hute, der so breite Ränder hatte, daß man aus der Ferne recht wohl annehmen konnte, der kräftige Patron trage einen Mühlstein auf dem Kopfe. Von dem Hute wallten mehrere rothe Hahnenfedern zur Seite herab, und an einem ebenso rothen Gurte hing ein ungeheurer, langer Raufdegen. — »Heda, alter Bursche,« rief ihm der Ritter zu, »woher des Wegs und wohin willst Du?« »Alter Pursche!« antwortete der Gefragte. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Deiwel soll Den anplasen, der da behaupten thut, daß ich alt pin! Woher ich komme und wohin ich gehe, das ist nur meinen eigenen Peinen ihre Sache; ich bin Wachtmeister und heiße Kaspar Liepenow, und wer mich noch einmal einen alten Purschen nennt, Mordelement, den zerhacke ich, pis er in Fetzen davonreitet!« Unser guter Kaspar Liebenow, den wir noch von »Fürst und Junker« her kennen, fühlte sich jedenfalls durch die Anrede an seiner persönlichen Ehre gekränkt; seine Augen funkelten, und seine Hand legte sich drohend um den Griff des Schwertes. Doch schien der Ritter diese Zornesäußerungen gar nicht zu bemerken; er fuhr in dem vorigen Tone fort: »Also Kaspar Liebenow heißest Du und Wachtmeister bist Du? Wohl bei den Rittern von dem Kruge?« »Peim Kruge, ja, da pin ich stets Wachtmeister, so lange als ein Tropfen zu sehen pleipt, aper pei den Rittern vom Kruge – nein, da will ich plos ‚mal nachfragen, op Herr Dietrich von – na, das ist auch wieder Sache für meine eigenen Peine!« »Bleibe mir mit Deinen Beinen vom Halse,« lachte der Reiter, »und behalte Deine Weisheit meinetwegen so lange Du nur immer willst, für Dich! Aber sage mir, wie lange ich noch bis Burg Garlosen zu reiten habe.« »Pis Purg Garlosen? Nicht weiter, als pis Ihr d’ran seid, Mordelement, Gott straf mich, wenn’s nicht wahr ist! Den Weg weiß ich selper nicht; aber er wird pald zu finden sein. – Ich will zu Herrn Claus nach Stapenow und zuvor nachfragen, op er vielleicht bei den Poldewins zu treffen ist,« setzte er hinzu, vertraulicher gemacht durch die Mittheilung des Ritters, daß dieser nach Garlosen wollte. »Meinst Du den Claus von Quitzow?« »Denselpen!« »Du sprachst vorhin von Herrn Dietrich! Bist Du vielleicht Einer von den Quitzow’schen auf Friesack?« »Das ist schon wieder Sache für meine eigenen Peine; aper Ihr sollt es wissen, wenn Ihr mir vorher sagt, wer Ihr seid. Ich hape Euch noch nie gesehen und kenne Eure Farpen nicht.« »Hast Du noch Nichts gehört von dem Heyso von Steinfurth auf Alvensleben?« »Heyso von Steinfurth? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Heyso ist ein Kerl, vor dem ich Respect hape! Er ist reich wie ein Prinz, denn er hat mehr als zwanzig Purgen und Dörfer, und haut eine Klinge, pesser als der Deiwel selper. Den – den kenne ich wohl, opgleich ich ihn noch nicht gesehen hape. Er war mit Herrn Hanns von Quitzow gegen den Prandenpurger und sitzt dem Krämervolke immer tapfer auf dem Nacken. Seid Ihr es denn vielleicht selper?« Der Ritter nickte und Liebenow fuhr fort: »Da prauche ich vor Euch keine Angst zu hapen und kann Euch sagen, wer ich pin, denn Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, Ihr werdet meinen Herrn, den Ritter Dietrich von Quitzow nicht verrathen, wenn Ihr ihn etwa auf Garlosen findet!« »Dachte mir’s – denn nur ein Mann Dietrichs wagt es, mit einem Ritter so zu reden. Ich habe Euer Unglück vernommen und auch gehört, daß Herr Dietrich entkommen sei. Denkst Du, ihn auf Garlosen zu finden?« »Nein, aper der Claus sitzt den ganzen Tag pei den Poldewins, und von ihm kann ich erfahren, ob sich Herr Dietrich vielleicht bei ihm verporgen hält. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, ich will auf der ganzen Welt weiter Nichts hapen, als nur meinen Herrn, und nachher wollen wir den Nürnperger Purggrafen zusammenfuchteln, daß er all’ sein Leptage daran denken soll!« Während dieser geharnischten Rede waren auf einem Waldwege seitwärts aus den Büschen zwei Reiter hervorgekommen, welche auf den ersten Blick die Aufmerksamkeit der Beiden in Anspruch nahmen. Der Vorderste war von einem ungeheuren Leibesumfange und saß auf einem ebenso dicken Schimmel, so daß seine kurzen Beine kaum über den halben Leib des Thieres herabreichten; aus dem vollen, runden Gesichte ragte eine Nase hervor, welche, hochroth gefärbt, fast die knorrige Gestalt einer ungeheuren Kartoffel hatte und an ihrer Spitze in allen Nuancen der blauen Farbe erglänzte; die kleinen, listigen Aeuglein waren kaum im Stande, über die mit Fett gepolsterten Backen hinweg zu sehen; die Zügel hingen lose über dem Halse des Thieres und die beiden Hände des Reiters hatten sich in sorgloser Beschaulichkeit über den Bauch gefaltet, als könne es dem Schimmel im ganzen Leben nicht einfallen, einen ordnungswidrigen Schritt zu thun. Und wirklich arbeitete der corpulente Gaul seine schwere Körpermasse mit einer Behaglichkeit weiter, die auf eine wahre Engelsfrömmigkeit schließen ließ und höchstens die Gefahr besorgen ließ, daß er einmal in seinem eignen Fette stecken bleiben könne. Hinter diesem wohlgenährten Bilde der Gemüthlichkeit schaukelte mit steifen Beinen sich eine Rosinante vorwärts, deren mattgelb durchschimmernde Knochen nur durch eine Haut zusammengehalten wurden, auf welcher es nur nach angestrengtem Suchen möglich war, ein vereinsamtes Haar zu entdecken; auf dem grad emporstehenden, kahlen Schwanzstummel wiegte sich ein Etwas, dessen Aehnlichkeit mit einem von den Motten zerfressenen Borstenwische unverkennbar war; die beiden Ohren gaben sich alle erdenkliche Mühe, eine aufwärts gerichtete Stellung einzunehmen, fielen aber immer wieder ermüdet auf den schwindsüchtigen Hals herab, und die Lippen des wackern Vierfüßlers hatten jene in sich gekehrte und Mitleid erregende Haltung eingenommen, welche ein Zeichen von der vollkommenen Unschädlichkeit des Gebisses ist. Auf dem scharfkantigen Rücken balancirte sich eine Gestalt, deren lange, spindeldürre Beine fast bis herab zur Erde reichten, während die spitzen Ellbogen fast eine halbe Pferdeslänge über den Rücken ihres Besitzers hinausragten; eine fürchterliche Stößernase sprang aus dem schmalen, blassen Gesichte hervor, und über die schmalen Lippen hingen hüben und drüben zwei oder drei Haare herab, welche als Stellvertreter des Schnurrbartes zu dienen hatten. Und das Ganze krönte ein Ding, welches, halb Hut, halb Helm, halb Sturmhaube, selbst nicht zu wissen schien, weshalb es eigentlich da oben auf dem Schädel sitze. — Als die beiden Neuangekommenen unsre zwei Bekannten erblickten, hielten sie an, um die fremden Erscheinungen einer sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen. Der Schimmel spreizte, um das sicherste Gleichgewicht zu erhalten, die Beine so weit wie möglich auseinander, und sein magerer College verdrehte die Augen vor Betrübniß darüber, daß es hier auf der Straße keinen Nagel gab, an dem er einstweilen seinen müden Kopf aufhängen könnte. Endlich schien der Dicke zu einem Entschlusse gekommen zu sein. Er versuchte, durch bittende Worte und ermahnende Püffe sein Pferd zum Weitergehen zu bewegen, und als ihm dies endlich gelungen war, hielt er grad’ auf Heyso zu, räusperte sich nachdrücklich und begann: »Hrrr! Hm! Woher des Weges, Ritter? Hrrr! Hm!« »Von daher!« lachte der von Steinfurth, indem er nach rückwärts zeigte. »Hrrr! Hm! Und wohin des Weges? Hrrr! Hm!« »Dahin!« antwortete Heyso, noch lauter lachend, indem er nach vorwärts zeigte. »Hrrr! Hm!« räusperte sich weiter der Dicke, indem er seine über dem Bauche gefalteten Hände löste und die Rechte nach hinten streckte. »Balthasar, mein Schwert!« Der Knappe ergriff den verlangten Gegenstand, welcher bisher quer über seinen beiden Knieen gelegen hatte, und reichte ihn seinem Herrn hin, indem er zugleich nach seinem eigenen Schwerte griff. »Hrrr! Hm! Wollt Ihr mir nun wirklich sagen, woher Ihr des Weges kommt – hrrr! hm! – und wohin des Weges Ihr wollt, Ritter?« Es war eigenthümlich, was für eine Veränderung mit den vier zwei— und vierbeinigen Wesen in dem Augenblicke vorging, in welchem der Sprecher nach der mächtigen, zweischneidigen Waffe griff. Er selbst schien mehrere Zoll größer geworden zu sein, seine Aeuglein blitzten höchst unerschrocken unter den überhängenden Brauen hervor, und die ganze Gestalt zuckte in eine Haltung empor, die augenblicklichen Respect einflößte. Ebenso ging es mit Balthasar, dem Knappen, dem man es sehr deutlich ansah, daß jetzt mit ihm nicht sehr zu spaßen sei; der Schimmel begann vor Vergnügen zu tänzeln und schnaubte muthig durch die Nüstern, und der magere Fuchs stieß gar ein helles, trompetenartiges Wiehern aus und sprang vor Vergnügen mit allen Vieren zugleich in die Luft. »Was soll das heißen?« frug Heyso jetzt ernst. »Hrrr! Hm! Das soll heißen, daß der Ritter Claus von Quitzow auf Stavenow sich die schuldige Antwort mit dem Schwerte holt, wenn er sie nicht freiwillig bekommt. – Hrrr! Hm! Zieht blank, Ritter, ich werde Euch die Lippen öffnen!« »Herr Claus von Quitzow?« rief Heyso, halb erfreut, halb betroffen, denn der Ruf des Muthes und der Tapferkeit, in welchem Claus stand, machte ihn doch an dem Eindrucke, welchen die äußere Erscheinung desselben auf ihn hervorgebracht hatte, ein wenig irre. »Verzeiht, Ritter, das habe ich nicht gewußt! Gebt Euer Schwert immerhin wieder zurück. Ich bin der Steinfurth auf Alvensleben und gedachte, Euch auf Garlosen bei den Baldewins zu treffen.« »Der Ritter Heyso? Hrrr! Hm! Das läßt sich hören. Balthasar, hier hast Du das alte Eisen wieder.« Der Knecht folgte dem Rufe, und während die beiden Herren neben einander voranritten, lenkte er seinen Fuchs an die Seite des Wachtmeisters, um mit ihm nachzufolgen. »So, also!« schnarrte er, »zum Heyso von Steinfurth gehörst Du? Bei dem giebt es ein lustiges Leben, keine Sorge, keine Noth, Schlägerei und Wein die Hülle und die Fülle. Verdammtes Leben dagegen auf Garlosen und Stavenow! Wein genug, aber keine Fehde, keinen ehrlichen Kampf die ganze ewige Winterszeit. Bin in die Haut gerostet wie eine alte, verschimmelte Schlackwurst und sehne mich einmal nach einem guten, richtigen Degenstoß!« »Heyso von Steinfurth, sagst Du? Der mag meinetwegen ein ganzer Kerl sein, aper gegen meinen Ritter kommt er doch nicht auf. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper einen Herrn wie den Dietrich von Quitzow giebt’s nicht wieder, so weit man denken kann!« »So, also?« rief erstaunt der Andere. »Du gehörst zu dem edeln Herrn Dietrich, den sie jetzt in Friesack eingeschlossen haben?« »Eingeschlossen? Herausgeworfen hapen Sie ihn, herausgeworfen wie einen Dachs, dem die Hunde zu viel geworden sind. Aper das Gesindel hätte es gar nicht fertig gepracht ohne die unverschämte große Püchse, mit der sie den Mond vom Himmel schießen. Doch hape nur keine Sorge, Pruder Palthasar; wenn ich nur erst meinen Ritter finde, dann, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, werden wir die Püchse holen und Perlin, Prandenburg, Magdepurg und die ganzen Heidennester in die Erde hinein begrapen!« »So, also! Dann ist Ritter Dietrich wohl geflohen?« »Geflohen?!« rief der Wachtmeister. »Höre, Pruder Steckelpein, nimm Deine Knochen zusammen, sonst schüttle ich sie Dir hinunter in die Stiefel. Ritter Dietrich und geflohen! Durchgeschlagen hat er sich, durchgeschlagen, um ein Heer anzuwerpen, mit dem er den Markgrafen pis zurück nach Schwapen prügeln wird. Das merke Dir, sonst pist Du mein Freund gewesen!« »So, also! Denkst Du etwa, der Balthasar fürchtet sich vor irgend Jemandem? Ihn und seinen Gregorimanorosewitsch hat noch Niemand zum Falle gebracht!« »Gregomianorodewisch?! Wer ist denn eigentlich der Türkenhund, der diesen gotteslästerlichen, heidnischen Namen führt? Solche sündhaften Dinge sollten in einem christlichen Lande gar nicht gelitten werden!« »Ein Türkenhund?« lachte der Hagere. »Nimm mir’s nicht übel, aber meinen Fuchs mit einem Türken zu verwechseln, das hätte ich einem Quitzow’schen nicht zugetraut! So, also jetzt weißt Du es!« »Ja, jetzt weiß ich es, daß nur Dein Gaul einen so langen und dürren Namen hapen kann, als wie Ihr Peide selper seid. Aper wie ist er denn zu dem Glegimanilatefisch eigentlich gekommen?« »Das ist sehr einfach: er stammt aus einem russischen Tabun und muß deshalb auch einen russischen Namen haben. Sein Vaterhengst hieß Gregorewitsch, dem sein Vater hieß Rimanowitsch und dem seiner hieß Rosewitsch, und darum heißt er zum Andenken an seine drei letzten Ahnen Gregorimanorosewitsch. So, also! Hast du das verstanden? Und daß er nicht übermäßig vom Fette trieft, das ist ja grad eine Ehre für ihn: er hatte nämlich eine Herzallerliebste, und als er von ihr getrennt wurde, konnte er das nicht verwinden und hat sich fünfundzwanzig Jahre lang so darüber gekränkt, daß er fast ein wenig vom Fleische gekommen ist.« »Ja, die Liepe, die hat schon Manchen vom Fleische gepracht, der nicht gerade ein Pferd gewesen ist. Aper Pruder Steckelpein, sage mir doch, was das für ein altes Gepäude ist, das da über den Päumen hervorplickt!« »Das ist Schloß Garlosen.« »Das alte gichtprüchige Nest wäre das perühmte Garlosen?! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das muß ja zusammenstürzen, sopald ich mich nur mit dem Rücken d’ranlehne.« »Warte es ab! Die Gräben sind so breit und tief und die Mauern so fest und stark, daß keine Donnerbüchse Etwas dagegen thun könnte. Und dazu sind die Ritter von dem Kruge die drei tapfersten in der ganzen Runde, von meinem Herrn Claus gar nicht zu sprechen, der ein Vierteldutzend zinnerne Teller mit der bloßen Hand zusammenrollt.« »Das ist keine Kunst, Pruder Steckelpeinewitsch, aper ein ganzes Dutzend irdene Teller zusammenwickeln, das ist eine Kunst! Doch höre einmal, hast Du Nichts gespürt von Herrn Dietrich von Quitzow? Ich denke, er muß sich in die Gegend von Stavenow geschlagen hapen, um sich bei Euch ein Asyl zu suchen.« »Bis jetzt noch nicht, doch frage Herrn Claus; vielleicht weiß der mehr. So, also, da ist das Schloß. Hörst Du das Zeichen?« Der Thorwart hatte jetzt die Ankommenden erblickt und gab mit dem Horne das Signal; kurze Zeit darauf rasselte die Zugbrücke nieder, das Fallgatter wurde in die Höhe gezogen und die eisenbeschlagenen Flügel des mächtigen Thores öffneten sich. Im Schloßhofe stand der alte Boldewin, um die Gäste zu empfangen. Er hatte sich auf einen Stock gestützt und verrieth beim Gehen durch die schmerzlichsten Verzerrungen seines Gesichtes, daß er von dem Zipperlein heimgesucht sei. Nachdem er die beiden Ritter gebührend bewillkommnet hatte, stieg er mit ihnen die Treppe empor. Balthasar gab seinem Pferde einen Schlag, worauf es sich augenblicklich dem Stalle zuwandte, und schritt dann mit Caspar Liebenow nach der Gesindestube. Während hier der gewaltige Wachtmeister bald die Mannen der Boldewins um sich versammelt hatte und, den Schnurrbart drehend, von seinen Thaten erzählte, saßen droben die Ritter beisammen und hatten gar heimliche und wichtige Dinge mit einander zu verhandeln. »Es ist keine faule Mähr, sondern ganz gewiß und sicher,« sagte Heyso in halblautem Tone; »ich habe meine Späher in Berlin und Brandenburg, und wer gut bezahlt, der wird auch gut berichtet.« »Hrrr! Hm!« machte Claus von Quitzow. »Das wäre ein Fang, wie er so leicht nicht wieder kommt, ja, wie er noch gar nimmer dagewesen ist. Wie schön könnten wir da dem Markgrafen den Streit mit meinem Vetter, dem Dietrich, heimzahlen! Also zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden hat er zu beschaffen? Eine Heidensumme, die man sich gar nicht denken kann! Und wie viel soll dazu von Hamburg kommen?« »Das weiß ich nicht genau; aber wenig ist es nicht. Wenn der Streich gelingt, so können wir mit dem großen Mogul um die Wette trinken!« »Und fünfzigtausend Weiber haben, wie die Könige vom Morgenlande,« fiel der junge Boldewin hier ein. Die Dreie von dem Kruge hatten bisher mit weit offenem Munde den Enthüllungen Heyso’s von Steinfurth gelauscht und ihr Erstaunen über den Inhalt derselben war so groß, daß sie nur ganz allmälig wieder in den Besitz der Sprache kamen. »Zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden!« stieß seufzend der alte Boldewin hervor und that einen Zug aus seinem Humpen, als wolle er sich vor Freude ersäufen. »Zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden!« rief sein Vetter Thomas von dem Kruge und schlug dabei mit der Faust auf die Tafel, daß es krachte. »Da kaufe ich mir das Frankenland und trinke den Wein ganz allein der dort wächst. Topp, Herr Heyso, ich bin dabei, und ein besseres Schwert als das meine, sollt Ihr gar nicht finden.« Er streckte dem Genannten beide Hände hin, in welche dieser auch kräftig einschlug. Der alte Boldewin war, wenn ihn die Geister des Weines nicht beherrschten, ein gar überlegsamer Kopf und voll der weisesten Rathschläge. Er nahm auch jetzt die Sache von einer weniger leidenschaftlichen Seite und meinte vorsichtig: »Ein schönes Geld ist es, und wohl etwas mehr werth als das halbe Schock böhmischer Groschen, welches wir vorige Woche dem Juden abnahmen, aber haben – haben muß man die Goldfüchse, das ist die Hauptsache. Wer weiß denn, wann der Transport hier vorübergeht? Er ist gar leicht zu versäumen!« »Da ist es eben unsere Sache, Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, damit er uns nicht entgehe,« meinte Heyso. »Ich werde mit einer guten Schaar meiner Mannen zu Euch stoßen, denn die Bedeckung wird eine zahlreiche sein.« »Hrrr! Hm!« räusperte sich Herr Claus. »Nehmt’s nicht übel, Ritter, aber ich denke anders als Ihr. Hrrr! Hm! Der Markgraf ist viel zu klug, um durch eine große Anzahl Reisiger die Aufmerksamkeit erst auf den Zug zu lenken; mich dünkt vielmehr, daß der Transport in aller Stille und unter irgend welcher listigen Verkleidung vor sich gehen wird.« »Hast Recht, Bruder!« rief der alte Boldewin. »Komm trink! Claus that ihm gehörigen Bescheid und fuhr dann weiter fort: »Und wer soll sich jetzt im Winter Tag und Nacht in den Bruch oder auf das Moor legen, um den Fang gehörig abzuwarten! Hrrr! Hm! Das ist eine Arbeit, die ich selbst meinem Balthasar mit seinem Gregorimanorosewitsch nicht zutraue, und das sind doch Zwei, die Alles möglich machen. Nein, ich schlage vor, daß wir einen Kundschafter aussenden, durch den wir erfahren, was uns zu wissen nothwendig ist.« »Ihr habt weise gesprochen, Herr Claus,« meinte Heyso. »Aber es wird schwer sein, einen Mann zu finden, der klug und treu genug ist für dies Beginnen.« »O, der ist schon gefunden,« beruhigte der junge Boldewin. »Es giebt im ganzen Reiche keine besseren Kundschafter, als den Pater Eusebius, unsern Burgkaplan. Und wo es sich um einen Streich gegen den Nürnberger Burggrafen handelt, da ist er mit Freuden dabei. Laßt uns ihn rufen!« »Der ist nicht daheim, sondern nach Grabow gegangen, um irgend eine arme Seele vom Verderben zu retten. Hahaha, Pfaffentrug geht doch zehnmal über Weiberlist! Aber da ist er ja! Gott zum Gruß, ehrwürdiger, frommer Vater! Ich habe doch den Thorwart nicht vernommen. Ihr seid wohl durch die Seitenpforte eingetreten?« Mit salbungsvollem Gruße nahte der Kaplan, eine kurze, runde Gestalt mit einem außerordentlich pfiffig-frommen Gesichte. »Des Herrn Gnade walte über Euch, Ihr edlen Ritter!« Und sich zu dem Frager wendend, antwortete er: »Die Wege der Kinder Gottes sind ohne Geschrei und im Verborgenen, und ihr Fuß geht dem Verlorenen nach, um zu suchen und zu retten, die da wandeln in Irrthum und Finsterniß. »Hrrr! Hm!« machte Herr Claus mit listig blinzelnden Aeuglein. »Habt Ihr vielleicht wieder einmal eine arme Seele gefunden, welche wir retten können vom Verderben?« Nach dem hingehaltenen Humpen des Burgherrn greifend und denselben in einem Zuge leerend, nickte der Priester bejahend. »Der Jude Aron Itzig aus Gardelegen mit seinem Schwager Veit Schmuel sind in Schwerin gewesen und kehren mit einem ganzen Wagen voll Güter, welche die Motten und der Rost fressen, zurück in die Heimath. Nächste Nacht werden sie unter einer Bedeckung von Reisigen, die ihnen der Ritter von Karenzin mitgegeben hat, hier vorüberkommen. Aber, wo der Herr nicht das Haus behütet, da wachen die Wächter umsonst, und die Kinder Israels erwartet Heulen und Zähnklappen, wenn sie nicht umkehren zum rechten Wege, denn sie haben den Gesalbten an das Kreuz geschlagen.« »Der Teufel soll mich holen, Pater,« rief Thomas von dem Kruge, indem er drohend auf den Tisch schlug, »wenn Ihr nicht ein außerordentlich frommer Mann seid, und ein kluger dazu! Wenn wir die Juden bekommen, so werden wir sie Euch schenken, und Ihr könnt sie dann in den Himmel kuriren oder in die Hölle, ganz wie es Euch beliebt!« »Ich danke Euch, Herr Thomas! Aber es ist auch noch ein junges Mägdlein dabei, eine ungläubige Tochter Sebulono der Isaschar, welche des Wortes von der Barmherzigkeit bedarf!« »Ist sie schön?« fuhr da der junge Boldewin dazwischen, noch ehe sein Vetter antworten konnte. »Ich habe sie noch nicht gesehen!« antwortete Eusebius zögernd und mit einem lauernden Blicke auf den Frager. »So! Wenn sie schön ist, so wollen wir erst noch einmal über die Sache reden. Ein Diener der heiligen Kirche hat es nur mit der armen Seele zu thun; die Schönheit aber ist für uns andere sündhafte Menschen!« »Junker Boldewin,« entgegnete der Pater mit etwas schärferer Stimme und einem nicht ganz freundlichen Blicke seiner stechenden Augen, »Ihr vergeßt, daß die Kirche sich nicht nehmen oder schenken läßt, was ihr gehört, und zudem – —« »Hrrr! Hm!« fiel Ritter Claus dem Zürnenden, um jeder Entzweiung zuvorzukommen, in das Wort. »Laßt die Juden jetzt, Eusebius, und setzt Euch anher an meine Seite. Wir haben Wichtigeres zu besprechen, und die Gardelegener kommen auch noch an die Reihe!« – – — – – – Es war am späten Abende desselben Tages, als zwei Männer durch den finstern Wald schritten, welcher Burg Garlosen umgab. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche!« meinte der Eine; »ist das eine pech-rapenschwarze Finsterniß! Wenn der liege Mond nicht pald kommt, so sehen wir von dem Schmuel und Itzig nicht einen einzigen Zipfel!« »Aber hören werden wir sie ganz gewiß. Die Straße ist hart und fest gefroren, und die Räder werden also genug Lärm machen, um bemerkt zu werden.« »Das ist wahr. Aper, Pruder Steckelpein, pei dieser Kälte ist es nicht gut, im Schnee liegen und auf Juden lauern. Das ist ein Geschäft, welches ich seit langer Zeit nicht mehr mitzumachen nöthig gehapt hape, und ich pin plos mit Dir gegangen, weil Du und Dein Gregolonaseflitsch es mir miteinander angethan hapt.« »Danke schön, Bruder Kaspar! Ich kann Dich auch gut leiden, und wollte, Du bliebest für immer bei uns. Was aber die Kälte betrifft, so ist für uns gesorgt. Dort im Dickicht, ganz nahe an der Straße haben wir uns eine Hütte gebaut, in der wir Wache halten, wenn wir einen Fang erwarten; dort werden wir nicht frieren! Und hier ist auch ein guter Schluck, der uns erwärmen soll!« »Schön! Ich glaupe, mit Euch läßt es sich nicht ganz üpel hanthiren, und es wäre gar wunderschön gewesen, wenn ich Herrn Dietrich auf Garlosen oder Stavenow gefunden hätte. Aper ich muß ihn finden, und wenn ich pis zu den Mongolen laufen soll. Ich gäpe siepen Jahre von meinem Lepen hin, wenn ich diesen Nürnperger Purggrafen einmal vor meine Klinge gekommen könnte! Elf Schlösser verloren, Herr Dietrich fort, und Schwalpe, Pruder Schwalpe, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, wo mag der gute Junge sein!« »Wer war denn dieser Schwalbe?« »Höre, Pruder Steckelpein, Respect vor dem Schwalpe! Er war der Leipknecht des Herrn Dietrich, ein treues, lustiges Plut, und klug und tapfer wie – wie – na, fast wie ich selper. Er wurde von der Seite unsers Ritters weggefangen, und ich weiß nun nicht, op er noch lept, oder op sie ihn vielleicht gar geschlachtet, gepraten und gefressen hapen. Ich glaupe, wenn ich ihn wiederfände, so könnte ich mir vor Freuden meinen Part wegpeißen!« Im Gedanken an dieses Manoeuvre fuhr er sich mit den beiden Händen an die Spitzen seines Schnauzbartes, und da er wegen der Finsterniß die ersteren bisher als Fühlhörner gebraucht hatte, so rannte er jetzt mit dem Kopfe an den Stamm eines Baumes, den er im freudigen Gedanken an das Wiederfinden seines Kameraden unbeachtet gelassen hatte. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper da steht der Kerl auch grad’ da, wo ich hinlaufe! Konnte er denn nicht auch wo anders hingewachsen sein?« »Pst, Kaspar, jetzt nicht so laut; wir sind hart an der Straße und müssen nun vorsichtig sein!« mahnte Balthasar und drängte sich, den Wachtmeister nach sich ziehend, vorsichtig in ein dichtes Gestrüpp, welches hier den Rand der Waldung bildete. Nach einer Weile blieb er halten und deutete auf einen niedrigen, dunkeln Gegenstand, welcher vor ihnen lag. »Das ist die Hütte. Laß uns hineinkriechen, aber bücke Dich sehr!« Der Sprecher bog sich nieder auf die Erde und schob sich in das Innere des kleinen, dicht von Moos und Strauchwerk umschlossenen Raumes. Kaum aber befand er sich mit den Schultern darin, als er einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und erschrocken wieder zurückfuhr. »Mordelement, Pruder Steckelpein, stickt der Deiwel in dem Loche?« fragte halblaut Kaspar Liebenow. »Ich habe ein Paar Beine gefühlt,« antwortete Balthasar, und zu gleicher Zeit ließ sich ein schnarchendes Stöhnen vernehmen, wie es ein Mensch ausstößt, welcher, ohne ganz zu erwachen, im Schlafe gestört worden ist. »Heda, wer stickt da drin?« rief der lange Kriegsknecht halblaut in die Hütte. Keine Antwort war zu hören, aber ein rasches, zuckendes Geräusch und darauf folgende tiefe Stille ließen vermuthen, daß der Schläfer jetzt erwacht sei und horche. »Nun, ich frage, wer in der Hütte ist!« »Wer?« antwortete jetzt von innen eine gähnende Stimme. »Und ich werde fragen thun, wer da draußen is.« »Mache keene Faxen, Kerl, und komm heraus, daß man Dich sehen kann!« »Mach keine Faxen nick, und komme ‚rin, daß man Dir greifen thut!« Bei der ersten Antwort des unwillkommenen Hüttenbewohners hatte Liebenow gestutzt; jetzt aber schob er Balthasar rasch auf die Seite und fuhr mit dem Kopfe nieder zu dem engen Loche, welches den Eingang bildete. »Schwalpe, Pruder Schwalpe, pist Du es, oder ist es Dein Geist?!« »Liebenow, Kaspar Liebenow, thut es möglich sin, daß ich Dir hier getroffen haben thue?!« Und zu gleicher Zeit barst die Hütte auseinander, denn der hocherfreute Insasse derselben nahm sich gar nicht erst Zeit, langsam hervorzukriechen, sondern fuhr mit Kopf und Schultern gleich direct durch die verwitterte Moosdecke. »Daß Dich dat Wetter! Wo thust denn Du herkommen thun, alte Kriegsmaschine, in diese ungeheuerliche Nacht. Ich denke, sie haben Dir todt geschlagen oder uffgehangen, und da thust Du jetzt frisch und gesund lebendig vor mich stehen bleiben!« »Todtgeschlagen oder aufgehänkt? Mordelement? Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Pruder Schwalpe, hat Dich die Kälte so um den Verstand gepracht, daß Du denkst, den Wachtmeister Kaspar Liepenow könnten sie zum Paumeln pringen oder gar mit dem Säpelauf den Hut klopfen, daß es ihm an’s Lepen ginge? Da sollte dem Gezüchte doch gleich der Deiwel in die Peine fahren! Aper komm an mein Herz, Pruder Schwalpe; ich muß Dir einen Kuß gepen, den man pis Friesack hören soll!« »Schön, hier hast Du mir! Wenn Dich dat Umärmeln Spaß machen thut, so kannst Du dat Vergnügen haben, so lange es Dich gefallen thut. Aber erweise mich die Liebe und schiebe Deinen Bart erst in die Höhe, damit ich Dich auch richtig auf den Schnabel kommen thue!« Sie umarmten sich mit brüderlicher Herzlichkeit, und wäre es nicht finstere Nacht, sondern Tag gewesen, so hätte man in den Mienen Beider die Rührung bemerken können, in welche sie durch das unverhoffte und freudige Wiederfinden versetzt worden waren. »So Pruderherz, da hat die Schnäpelei ein Ende, und nun mußt Du wissen, wer der Kamerad ist, der hier nepen Dir steht.« »Na nu, ich thue selbst ein wenig neugierig sin und habe gar keene Ahnung nick, wie Du in diese Gegend kommen thust mit Eenen, den ich noch niemals nick gesehen haben thue!« »Das ist dem Herrn Claus von Quitzow auf Stapenow sein Leipknappe, Palthasar geheißen, ein ganz verdeiwelt streitparer Degenknopf, den die Natur ein Pischen zu viel in die Länge gezogen hat, weil es in der Quere keinen Platz mehr gegepen hat. Er ist mit seinem Flegisahnolieperpitsch durch aller Herren Länder gezogen und kann von manchem schönen Strauß erzählen!« »So, also!« bekräftigte der Dürre. »Ja, der bin ich selber!« »Schön,« machte Schwalbe. »Aber wer thut denn eigentlich der tapfere Resiganotriebelisch sin, von dem Du Deine Rede gehalten haben thust?« »Das, Pruder Schwalpe, ist der Fuchs hier von dem Ritter Steckelpein, auch ein ganz verdeiweltes Vieh, das den lependigen Drachen im Leipe hat, wenn es zum Zuschlagen geht. Das Biest steht pei den andern Pferden da drüben hinter dem Pusche, wo unsere Leute auf das Zeichen warten.« »Wat thust Du für een Zeichen meenen?« »Wir liegen hier im Hinterhalte gegen zwei Juden, die von Schwerin mit Waaren kommen, und gepen – Halt, Pruder Schwalpe, hast Du nicht Etwas gehört?« Die drei Männer lauschten einige Sekunden mit angehaltenem Athem in die Nacht hinaus. Es ließ sich von fernher ein Geräusch, ähnlich demjenigen von rollenden Rädern, hören. »Es is mich ganz so, als ob een Wagen kommen wollen thäte; wat thust Du dazu meenen, Balthasar?« »So, also! Da kommen sie; ich habe es auch gehört!« »Ja, da kommen sie. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das wird eine Freude für meinen Säpel sein!« »Wegen der paar Judens braucht Ihr keene große Freude nick zu haben thun!« »Höre Pruder Schwalpe, das versteht sich ja ganz von selpst, daß ich Die gleich mit den ploßen Händen zu Pulver zerreipe, aper es sind eine Anzahl Reisige Dessen von Karenzin dapei, und die werden sich nicht freiwillig apthun lassen. Weißt Du was, Pruder Steckelpein – – halt, der ist nicht mehr da, der ist uns davongelaufen, um die Anderen zu penachrichtigen; aper das thut nichts, denn wir prauchen ihn hier gar nicht. Du thust mit, Pruderherz?« »Dat versteht sich ganz von selber. Ich thue zwar keene Waffe nick haben, aber die Karenziner werden mir wohl eine borgen thun.« »Keine Waffe? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das ist doch eine ganz pesondere Schande für einen Kerl wie Du. Es muß Dir schlecht gegangen sein pisher, und das mußt Du mir später erzählen.« »Dat werde ich thun; doch thue jetzt ruhig sein und gieb mich wenigstens Dein Messer; sie sind schon da!« Während dieses im Flüstertone geführten Gespräches war der erwartete Zug allmälig immer näher gekommen und passirte jetzt die Stelle, an welcher die beiden Männer hinter dem Gebüsch verborgen standen. Obgleich die Einzelheiten sich in der Finsterniß nicht leicht unterscheiden ließen, war doch wahrzunehmen, daß die Zahl der begleitenden Reiter nicht eine ganz geringe sei. Die geladenen Güter mußten also schon einen bedeutenden Werth repräsentiren, da es sonst den Juden nicht eingefallen wäre, die hohe Gratification für die Reisigen zu bezahlen. Voran ritten zwei Männer hüben und drüben an den beiden Straßenrändern, um scharfe Augen auf die Säume des Strauchwerkes zu haben; erst eine gute Strecke hinter ihnen kam der von vier Pferden gezogene Wagen, welcher von einer Anzahl Kriegsknechten beschützt wurde, und hinter ihm ritten die Uebrigen, um ihn von hinten zu decken und bei einem etwaigen Ueberfalle schnell bei der Hand zu sein. Die Gegend, welche man jetzt passirte, war als eine gefährliche bekannt, denn noch selten war es einem Geschäftsmann gelungen, mit seinem Eigenthum ungeschädigt Garlosen zu passiren, und ganz besonders waren es die Bürger der zur Hansa gehörigen Städte, zu deren Hab und Gut die Boldewins mit ihren Verbündeten eine auffällige Zuneigung an den Tag zu legen pflegten. Darum befleißigte sich jeder Reisende hier einer ganz besonderen Vorsicht, und die beiden Besitzer des Wagens, welche auf ihren mageren und abgetriebenen Kleppern zur Seite desselben ritten, fühlten ihre verzagten israelitischen Herzen schneller und ängstlicher als sonst klopfen. Der Eine von ihnen lenkte jetzt sein Pferd zu dem Anführer der Kriegsschaar. »Ist mir doch, Herr Ritter, als ob wir kämen an einen Ort, wo wir müssen halten offen die Augen, damit nicht komme über uns die Rotte der Philister, welche verderben möge der Gott unserer Väter in alle Ewigkeit!« »Sei ruhig, Itzig. Man muß hier jedes Geräusch beobachten, und wenn Du plauderst, höre ich nichts!« Itzig zog sich zu seinem Genossen zurück. »Hat er etwas gesagt, der große Kriegsheld, ob wir sind geritten vorbei an der Gefahr?« frug ihn dieser. »Nichts hat er gesagt! Ruhig soll ich sein, hat er gesagt! Als ob ich könnte sein ruhig, wenn ich höre im Geiste das Getrappel von Pferden, auf welchen sitzen die Räuber und Mörder, welche kommen dahergesprengt auf der Straße, um mir zu nehmen meine Sachen und mein schönes Kind, welche ist die Perle der Kinder Juda und die Freude von meinen alten Tagen.« »Aber er muß doch haben gesagt, warum Du sollst sein ruhig! Wenn Du ihm bezahlst Dein Geld, mußt Du doch auch dürfen sprechen von dem Gedanken Deines Herzens!« »Er hat gesagt, ich soll sein ruhig, weil in dem Walde stecken die Ammoniter, Moabiter und Jebusiter, welche uns wollen überfallen mit der Schärfe ihres Schwertes. – Gott, der Gerechte!« unterbrach er sich, vor Schreck nach dem Arme Schmuels greifend; »hörst Du nicht kommen da vorn die Kinder Midian, welche sind wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meere? Mögen sie gestraft werden mit ewiger Blindheit, bis wir sind gekommen zehn Tagereisen von hier.« Wirklich waren jetzt die Schritte von Pferden zu hören, welche, dem Zuge entgegen, langsam die Straße dahergetrabt kamen. Sofort wurde dieser zum Stehen gebracht und die Reisigen griffen zu den Waffen. »Halt! Wer seid Ihr?« rief der Anführer den Nahenden entgegen. Es waren das nur zwei Männer, welche, Einer hinter dem Anderen, gemächlich herangeritten kamen. Der Hochwald trat an dieser Stelle etwas von der Straße zurück, und dadurch wurde die Dunkelheit etwas weniger dicht, so daß man wenigstens die Umrisse der nächsten Umgebung erkennen konnte. Der Vordere von ihnen, eine runde, dicke Gestalt auf einem ebenso umfangreichen Thiere, hielt sein Pferd an, und der hinter ihm Folgende, dessen spindeldürre Figur von dem nächtlichen Scheine in das Riesenhafte gezogen wurde, spornte sein scheinbar ebenso gigantisches Roß an die Seite des Ersteren. »Wer wir sind? Hrrr! Hm! Ich bin der König Salomo, und das hier ist meine Frau, die schöne Melusine,« antwortete Claus – denn dieser war es – bei den letzten Worten auf seinen Balthasar deutend. »Hrrr! Hm! Wir haben ein Gebot ausgehen lassen, daß alle Welt geschätzet werde, und bei Schmuel und Itzig wollen wir es selber thun!« Balthasar zog vor Erstaunen über die herrliche Rede, die sein Ritter gehalten hatte, die beiden Kniee bis an den Leib heran und bog sich weit zur Seite, um zu sehen, ob es wirklich noch Herr Claus sei, der auf dem fetten Schimmel da neben ihm hielt. Er hatte von ihm eine gar hohe Meinung, aber daß er eine solche Rede thun könne, das hatte er doch noch nicht gewußt. Auch der Anführer der Bedeckung war für die Dauer eines kurzen Augenblicks verblüfft, aber es währte nicht lange, bis ihm die rechte Ahnung kam und er antwortete: »Treibt Eure Narrethei mit wem Ihr wollt, uns aber geht mit dem Mummenschanz zur Seite!« »So, also! Mummenschanz?« brummte der Dürre. »Wir werden Euch bemummen und beschanzen, daß Ihr der Narrethei gedenken sollt!« »Hrrr! Hm! Jetzt wißt Ihr, wer wir sind!« gab der dicke König Salomo auf seinem Schimmel zur Antwort. »Und nun geht Eure Wege zurück nach Karenzin. Wir werden Euren Veit und Aron selbst zu schützen wissen!« Damit war er mit einem weiten Satze, den man dem Schimmel ganz unmöglich zugetraut hätte, zwischen den Knechten hindurch, hatte Aron Itzig beim Kragen, warf ihn mit einem gewaltigen Rucke empor quer über den Sattel und flog mit ihm wieder zwischen den Reisigen, denen dieser Angriff so plötzlich kam, daß sie die Fassung vollständig verloren hatten, davon. Balthasar hatte das Manöver seines Herrn mit derselben Geschicklichkeit nachgemacht, so daß er in gleichem Tempo, den unglücklichen Veit Schmuel vor sich auf dem Fuchse, mit ihm davonsprengte. Und zu gleicher Zeit erhob sich eine dunkle Gestalt vom Erdboden, sprang auf das vorderste Sattelpferd, und fort ging das Doppelgespann, fort, im sausenden Galopp, den beiden kühnen Reitern nach. Dieses letzte Ereigniß brachte die Mannen der Bedeckung wieder zu sich; auf den Zuruf ihres Führers gaben sie den Pferden die Sporen und sprengten mit lautem Geschrei dem fliehenden Wagen nach. Noch aber hatten sie denselben nicht erreicht, so erscholl ihnen donnernder Hufschlag entgegen, die Knechte Derer von dem Kruge fielen über sie her und es entspann sich ein Kampf, der nach kurzer Zeit mit ihrer vollständigen Niederlage und Flucht endete. Währen dieses Kampfes trat eine hohe, breitschultrige Gestalt aus dem Gebüsch hervor auf die Straße und schritt nach der Stelle, an welcher der Wagen gehalten hatte. »Ein Deiwelskerl, dieser dicke Claus; Gott straf mich, wenn ich fluche, aper wahr ist es doch. Zu verwundern giept es dapei freilich nicht viel, denn er ist ein Quitzow, aper wer so einen Pauch hat und so einen Elephanten zwischen den Peinen, wie der Schimmel ist, dem traut man so einen Streich pald gar nicht zu. Und der Palthasar, der ist erst recht ein Deiwelskerl mit seinem Glegi— oder Plegi— oder Flegiwitsch! Da stehen Einem ja alle Haare zu Perge, wenn man die beiden dürren Creaturen so auf der Straße dahindonnern hört! Wenn ihnen nur die paar Knochen peisammen pleipen, pis ich wieder pei ihnen pin! Und der Schwalpe, der ist der größte Deiwelskerl! Schleicht sich auf den Erdpoden hin, reißt den zwei Fuhrknechten die Leine aus den Händen und fährt davon, ohne mir vorher zu sagen, was er im Schilde führt! Und ich? Da stehe ich, und lasse mir die Pachstelzen vor der Nase wegfangen. Ich werde – – gut, da kommen Zwei, die hapen Pferde und ich hape keins!« Es waren die ersten Flüchtlinge, welche, noch unverfolgt, im scharfen Trabe daherkamen und den Wachtmeister nicht bemerkten, welcher sich vorsichtig zur Erde gebückt hatte. Sobald sie ihn aber erreicht hatten, sprang er empor, riß den Einen von ihnen vom Pferde, saß im nächsten Augenblicke oben, zog seinen langen Degen aus der Scheide und gab damit dem Andern einen solchen Hieb über den Kopf, daß er lautlos vom Thiere glitt. »So, jetzt hape ich einen Gregowitsch und auch eine Plegiwitsch – und prauche mich vor dem Steckelpein nicht mehr zu schämen! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der richtige Deiwelskerl, der allergrößte Deiwelskerl, das pin doch ich, der Wachtmeister Kaspar Liepenow!« Kapitel 3: Im Zauberhause Die vierundzwanzig Schlösser, welche sich in den Händen der Quitzow’s befunden hatten, waren gefallen; die kriegerischen Erfolge des Markgrafen Friedrich machten in der Mark ein ungeheures Aufsehen, und weithin durch Deutschlands Gauen verbreitete sich ihr Ruf. Die Urtheile darüber waren sehr verschieden. Groß war die Berühmtheit der Quitzows gewesen, groß die Vorstellung von ihrer Macht, ihrer Tapferkeit und Klugheit; sie waren theils hierdurch, theils durch ihren großen Anhang und ihre weitgehenden Verbindungen die Wichtigsten des Landes gewesen. In der Mark hatte man nicht gewagt, ein Schwert gegen sie zu ziehen; sie hatten in Gemeinschaft mit den Pommern selbst über Friedrichs Heer triumphirt, und als es bekannt geworden war, daß sie an der Spitze einer ausgebreiteten Adelsverbindung standen, deren Mitglieder zwar meist unbekannt waren, aber um so kräftiger im Geheimen wirken konnten, so zitterten Friedrichs Freunde für ihn, und sahen mit nicht ganz ungerechtfertigtem Mißtrauen auf das gefährliche Wagestück, sie zu bekriegen, welches im Falle des Mißlingens ihm nur zu wahrscheinlich das Land kosten konnte, denn es fehlte ihm nicht an heimlichen Feinden, welche die Art, wie er regierte, mit großen Besorgnissen ansahen, und die sich, wenn er Unglück gehabt hätte, ohne allen Zweifel gegen ihn erklärt hätten. Die mächtigste Familie des Landes, groß durch Güterbesitz, hohe Eigenschaften und allgemein anerkannten Ruf, hatte er wie durch Zauberei in wenig Wochen gestürzt; ihre Freunde wagten sich nicht zu regen, und seine Herrschaft schien auf die Dauer begründet zu sein. Ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich der Gemüther. Wo war die imposante, ihm weit überlegene Macht seiner Feinde so plötzlich geblieben? Ein furchtbares Geschick hatte sie betroffen, und die launenhafte Unbeständigkeit des Glückes, der schnelle Fall menschlicher Größe erregte in jeder Brust ein zaghaftes Bangen, wie es sich des Menschen bemächtigt, wenn er das von ihm Angestaunte, Bewunderte und vielleicht gar Beneidete sinken, zertrümmern und der Vernichtung anheimfallen sieht. Das tiefste Mitgefühl ihrer Freunde begleitete der Quitzows tragischen Fall. Die Hoheit adeligen Sinnes, die Kraft des lebendigsten Freiheitsgefühles, der Zauber höchst bedeutender Macht und Größe, das Gewicht ungewöhnlicher Klugheit und eines hellen Verstandes, die Festigkeit ihrer Mauern, die enge Verbindung mit mächtigen und kampfgerüsteten Fürsten – nichts hatte ihnen dies Alles geholfen; erbarmungslos schritt das furchtbare Schicksal über ihren Häuptern dahin und trat sie schonungslos unter die Füße. Weinend sahen es die Freunde und fragten: »Wie sollen wir widerstehen, wo auch die Stärksten fallen? Was haben die Marken von diesem Fremdlinge zu erwarten, wenn er das Größte und Beste in ihnen zertrümmert? Man hat ihn zu mächtig werden lassen; unsere Freunde hätten sich früher gegen ihn erheben sollen. Wer kann jetzt noch würdig und mit männlichem Muthe gegen ihn die Rechte des freien Mannes verfechten? Die Einzigen, die es vermocht, hat sein Arm ins Elend gestoßen, und hinfort ist der stärkste Mann nichts als sein untergebener Diener.« Nur die Wenigen, welche über die Quitzows gleichgültig dachten, blieben auch gleichgültig bei dem Schicksale derselben. Anders aber sahen ihre Feinde die Sache an, selbst in dem Falle, daß sie Friedrich nicht wohl wollten. Sie sahen in dem Falle der mächtigen Partei die rächende Vergeltung für das ihnen wirklich oder vermeintlich wiederfahrene Unrecht; und eine Menge kleiner Seelen, die vorher nicht gewagt hatten, gegen die Quitzows den Mund aufzuthun, triumphirten und ergingen sich in tapferen Worten und Redensarten. Friedrich aber arbeitete, unbeirrt um den verbissenen Grimm der Feinde und die kriechenden Lobhudeleien sogenannter Freunde, mit Kraft und unausgesetzter Rüstigkeit an dem so glorreich begonnenen Werke weiter. Es war ihm die hohe und allerdings schwere Aufgabe geworden, den Marken eine rühmliche Zukunft zu geben; er hatte erkannt, welche Wege er zu wandeln habe und welche Mittel er anwenden müsse, um die Lösung dieser Aufgabe anzubahnen, und so griff er denn mit fester und sicherer, starker Hand hinein tief in das Geschick des ihm anvertrauten Landes, weder rechts noch links hörend, sondern einzig und allein nur den Stimmen seiner hohen Verpflichtungen folgend. – — Wenn man von dem Dorfe Fischbeck aus gen Tangermünde über die Elbe setzte und von dem unten an dem Flusse gelegenen Theile der Stadt emporstieg nach der Straße, welche nach Stendal führt, so gewahrte man zur rechten Hand ein Mauerviereck, über welches zwischen einigen Baumwipfeln das Dach eines Hauses emporragte. Ein breiter Thorweg in der Mitte der Frontseite und neben demselben eine kleine, schmale Pforte führten durch die Mauer nach dem Hause, welches von den Bewohnern Tangermünde’s mit heiliger Scheu betrachtet und – womöglich gemieden wurde. Hier wohnte und lebte Suteminn, der Ritter ohne Furcht und Tadel, in der Mitte der dienstbaren Geister, welche er sich vermöge seiner Kunst und Wissenschaft unterthänig gemacht hatte. Der Wandersmann, der hier vorüberging, sah mit scheuem Blicke nach der Strohfirste des geheimnißvollen Hauses; die Frauen der Stadt machten lieber einen weiten Umweg, als daß sie sich in die Nähe desselben begeben hätten, und wenn gar der Abend nahte mit seinem gefahrvollen Dunkel, so war der Ort gemieden von Jedermann, und kein lebendes Wesen, welches nicht durch wichtige Gründe herbeigeführt wurde, klopfte an das alte, dunkle Thor. – Aber wenn irgend Jemand schwerkrank mit dem Tode rang, wenn irgend einer der umwohnenden Burgherren das Hab und Gut eines Bürgers mit dem seinigen verwechselt hatte oder auf sonst irgend eine Weise in der Noth eine Hilfe erforderlich war, die kein Anderer gewähren konnte, da schritt man nach dem »Zauberhause« und ward für die ausgestandene Angst vor dem überirdischen Insassen desselben gewöhnlich durch den gewünschten Erfolg belohnt. Es war an einem späten Februarnachmittage, als die Schelle des Rathsdieners durch die Straßen erklang, um die ehrbaren Bürgersleute auf eine Kunde aufmerksam zu machen, welche die hohen Väter der Stadt ihren getreuen und lieben Kindern durch seinen Mund zugehen lassen wollten. Die Thüren und Fenster öffneten sich trotz der herrschenden grimmigen Kälte und ließen die Köpfe oder die vollständigen Gestalten der Hausbewohner hervor, denen die rathsherrliche Mittheilung galt. Und angenehm mußte dieselbe sein, wie aus der freudigen Wirkung zu erkennen war, welche sie auf die Hörer hervorbrachte, die eilig über die frostigen Gassen sprangen und sich zusammenrotteten, um das Ereigniß angelegentlichst zu besprechen. Froh lächelnd über den Erfolg seiner Verkündigung, schritt der Diener empor zur Stendaler Straße, ließ auch hier seine Schelle ertönen und begann mit lauter, weithin schallender Stimme: Se. Liebden, der hochehrwürdige Herr Bürgermeister sammt dem weisen Rathe unserer guten Stadt und Gemeinde Tangermünde, thun hiermit den ehr— und tugendsamen Bürgern, Hausfrauen, Söhnen und Töchtern nebst Ingesinde folgendes hochlöbliche, landesherrliche Mandat zur strengen Nachbeachtung kund und zu wissen: Wir, Friedrich von Zollern, Markgraf von Brandenburg, Burggraf von Nürnberg, Bayreuth und Karlsberg, Herr von Hof, Wunsiedel, Ansbach u. s. w. haben den mannigfaltigen Schaden angesehen, der den Landen der Marken in vergangenen Zeiten zugefügt ist. Um ihm zu wehren, haben wir mit Rath und Wissen aller Herren, Mannen und Städte der beiden Marken, auch des Grafen von Ruppin und seiner Lande, sowie auch der Priegnitz, eine solche Einigung geboten und Satzung gemacht, als hiermit allen Bewohnern der gedachten Lande beigefügt wird. Es sollen Alle den Frieden in und außer Landes stets fest und unverbrüchlich halten. Wer jener Lande oder eines ihrer Bewohner Feind ist, dem sollen alle andere Herren, Mannen, Städte und Einwohner dieser Lande Feind sein, ihm feindlich nachstellen, ihn weder hausen, hegen, speisen und tränken, mit ihm keine Gemeinschaft, noch Verrichtung haben, weder heimlich noch offenbar. Alle Herren, Mannen und Städte sollen ihren Nachbaren alle bei ihnen angesessenen Räuber, Missethäter und Feinde des Ortes und des Landes namhaft machen und sie beschreiben, und zu wem solche Missethäter und Räuber kommen, der soll sie anhalten und Demjenigen, dessen Feinde sie sind, Anzeige davon machen. Der soll dann die Missethäter fordern, und der Herr, Mann oder die Stadt, wo dieselben ergriffen worden sind, sollen gehalten sein, ihm unverzüglich zu seinem Rechte zu verhelfen. Keiner und Niemand soll Unsere oder des Landes Feinde in oder durch das Land geleiten und keinen Frieden mit ihnen machen, ohne unser Wissen und Vollwort. Wer von solchen Uebelthätern und Räubern erfährt, der soll sie ohne Verzug anzeigen, oder er werde, wenn sich sein Wissen darum ergiebt, ebenso gestraft wie sie. Auch soll Niemand Mordbrenner schützen oder ihnen Schutz gewähren. Wird ein Mann oder Ort mit Raub und Brand angegriffen, da soll man die Sturmglocken läuten und Lärmen machen lassen. Dann sollen Alle den Feind verfolgen, ihm nachstellen, ihn hindern und anhalten, seinen Schaden wieder gut zu machen. Ist ein Jemand nicht in handhafter, wahrer That ergriffen oder berüchtigt, den wollen Wir vor Uns kommen lassen und ihn darum zur Rede setzen; kann er sich dann rechtlich entschuldigen, so soll ihm das zu gute kommen, wo nicht, so soll er leiden, was sich gebühret. Auch soll Jeder seine Knechte anhalten, hiernach zu verfahren, und in allen diesen löblichen Dingen für sie stehen. Alle Herren, Mannen und Städte sollen ihre weltlichen Gerichte löblich bestellen, damit Jedermann schnell Recht erhalten könne, und es soll auch Niemand dem Andern in seine Gerichte eingreifen. Jeder aber, der gegen diese Befehle handeln wird, soll deshalb gestrafet werden, wie es sich von Rechts wegen gebühret. Solches ist gegeben und befohlen zum allgemeinen Wohle Unsers Landes, damit ein Jeder wohnen könne in Fried und Eintracht unter den Seinen und sich freue der redlichen Arbeit seiner Hände! – — Hier draußen vor der Stadt hatte diese Verkündigung keinen, wenigstens keinen bemerkbaren Zuhörer gefunden, und der Diener wandte sich langsam zur Stadt zurück, in welcher Freude und Jubel herrschte über diesen kraftvollen Griff der markgräflichen Faust in die schädlichen Wirren des Faustrechtes. Mit dieser Verordnung war eine Drohung ausgesprochen worden gegen die beutesüchtige Ritterschaft, die es sich zur Hauptaufgabe gestellt hatte, den friedfertigen Bürger und Handelsmann seines Eigenthums und rechtmäßigen Gewinnes zu berauben, und in ihr lag der Anbruch einer geordneten Zeit garantirt, wie sie von den bisher Schutzlosen längst schon ersehnt worden war. Darum ging es heut, und besonders am Abende, gar laut und fröhlich in den Schankstätten und Herbergen der Stadt Tangermünde her und das Lob des Herrn Friedrich von Zollern ward verkündigt von Haus zu Haus, von Stube zu Stube. Tiefe Ruhe dagegen herrschte in dem mauerumschlossenen Hause an der Stendaler Straße, und von seinen Bewohnern war kein hörbares Lebenszeichen zu bemerken. Nur aus der Esse stieg zuweilen ein rothglühender Schwalch, durch welchen hellleuchtende Funken gleich feurigen Käfern schossen, oder es hob sich in kerzengrader Richtung eine schwarze, dichte Rauchsäule empor, welche sich oben ausbreitete, um dann schwer und langsam auf die Umgebung herab zu fallen. »Im Zauberhause wird der Höllenzwang gesprochen,« sagten die Leute, welche es bemerkten, bekreuzigten sich und beteten eine Ave Maria. In dem vordern Wohnraum des Hauses saßen drei Personen, welche wohl geeignet waren, einen ungewöhnlichen Eindruck auf den Beschauer hervorzubringen. Es waren dies ein Jüngling und zwei Frauen. Der Erstere saß an dem mit einer starken Eichenholzplatte versehenen Tische und seine hohe, kraftvolle Gestalt war über ein dickes Buch gebeugt, welches die Inschrift führte: »Kreutterbuch deß Hochgelahrten und Weitberühmten Herrn Doctor Petri Andrae Matthioli. Jetzt wiederumb mit vielen schönen newen Figuren, auch nützlichen Artzneyen und anderen guten Stücken zum dritten mal auß sondern Fleiß gemehret und verfertigt durch Joachimum Camerarium, der löblichen Reichsstadt Nürnberg Medicum Doctor. Sampt wohlgeordnetem genugsamem Bericht von den Destillir und Brennöfen.« Er schien seine Aufmerksamkeit ungetheilt auf den Inhalt dieses Buches zu verwenden, denn es lag eine sehr sichtbare Spannung in seinen männlich schönen Zügen, und nur selten warf sein ernstes Auge einen Blick auf die beiden weiblichen Gestalten, welche mit ihm den niedrigen Raum belebten. Die Eine von ihnen war eine Jungfrau fast in demselben Alter wie er und ebenso wie er durch Schönheit und Adel ausgezeichnet, welcher sich ihrem lieblichen Angesichte sehr leicht erkennbar aufprägte; die Andere aber, vom Alter krumm und gebückt, trug eine seltene Häßlichkeit zur Schau, und ihre Gesichtsbildung war ganz eine solche, mit welcher der Aberglaube seine Hexen auszustatten pflegt. Die Frauen spannen und der Jüngling las, und keins von ihnen versuchte, die dabei herrschende Stille durch ein Wort, eine laute Bemerkung zu unterbrechen, bis draußen vom Thore her ein lautes Klopfen ertönte. Ueberrascht horchten alle Drei empor, und die Jungfrau sprach mit einer tiefen, klangvollen Altstimme: »Wer mag es sein, der in so später Abendstunde sich an unser verrufenes Haus wagt? Detlev, willst Du vielleicht nachschauen?« Der Angerufene erhob sich. »Doch vielleicht ein Hilfesuchender, den die Noth zwingt, seine Scheu vor dem »Zauberhause« zu überwinden,« meinte er. »Halt!« fiel die Alte ein; »bleibt hier, junger Herr. In einem verzauberten Hause muß die Hexe das Thor bewachen, und mein Gesicht paßt besser hinaus, als das Eurige!« Sie legte die tanzende Spindel zur Ruhe, schob den Jüngling zur Seite und trat hinaus in den Hof. Sie war nicht das einzige Wesen, welches durch das Pochen an das Thor gerufen worden war, sondern an demselben wurde sie von noch zweien mit laut jubelnden Tönen empfangen, die einen Andern zur sofortigen Flucht bewogen hätten: es war ein riesiger Fanghund mit wahrhaft bärenmäßigen Gliedern und ein Leopard, welcher unter unbeschreiblichen Tönen seine elastisch kraftvolle Gestalt schmeichelnd an die Herrin schmiegte. Diese trat zu einem kleinen Gucklocke, durch welches man, ohne selbst bemerkt zu werden, einen forschenden Blick auf jeden Einlaßbegehrenden zu werfen vermochte, und erkannte zwei Männer, von denen der Eine wartend am Thore stand, während der Andere einige Schritte zurück bei den Pferden hielt. »Wer seid Ihr, und was ist Euer Begehr zu dieser späten Stunde?« frug sie mit einer Stimme, deren schriller Ton ganz zu dem Ausdrucke ihres Gesichtes paßte. »Wohnt Herr Suteminn in diesem Hause?« gegenfragte kurz und befehlend der Angeredete. »Ja. Was wollt Ihr von ihm?« »Ist er daheim oder nicht?« »Er ist daheim. Aber hört Ihr es denn nicht, daß ich wissen will, was Ihr von ihm begehrt?« »Oeffne die Thür; ich habe mit ihm zu reden!« »Dieses Haus steht nicht für Jeden offen. Sagt, wer Ihr seid und was Ihr wollt; ich darf nicht um jedes Fremden willen den Herrn bei seinen Büchern stören.« »So geh’ und sag’, Herr Friedrich schicke mich!« So dunkel und ungenügend der Alten diese Worte erschienen, sie waren in einem Tone gesprochen, welcher sie veranlaßte, von weiteren Fragen abzusehen, und ihre sich entfernenden Schritte bewiesen, daß sie der erhaltenen Weisung Folge leiste. Auch währte es nur eine kurze Zeit, so erschien sie wieder, aber nicht in dem breiten Hauptthore, sondern an dem kleinen Nebenpförtchen, welches sich, nachdem die Riegel zurückgeschoben waren, kreischend in den Angeln drehte. »Tretet ein! ich werde Euch führen!« Er mußte sich bücken, um in den Hof zu gelangen, und wäre bei dem Anblicke der beiden Thiere, welche an den Seiten der Frau standen, fast wieder zurückgetreten, wenn ihn nicht die friedliche Haltung derselben und sein persönlicher Muth daran verhindert hätten. Der Weg führte durch das Wohnzimmer. Als der Fremdling dieses betrat und die beiden jungen Leute erblickte, hemmte er erstaunt seine Schritte; er schien Wesen von ihrer Art gar nicht in diesem Hause vermuthet zu haben; aber schon hatte die Alte die in das Nebengemach führende Thür geöffnet und winkte ihm, einzutreten. Es war nur ein kleiner Raum, in dessen hinterstem Winkel sich ein breiter Heerd befand, über welchem die trichterförmige Oeffnung des Schornsteins gähnte. In einem über dem Feuer angebrachten Kessel brodelte eine Flüssigkeit, welche ein kräftiges, kräuterhaftes Aroma verbreitete; die Wände waren mit Flaschen, Gläsern, Tiegeln und allerlei für den Laien räthselhaften Gefäßen und Gegenständen bedeckt, und aus dem bis zur Decke reichenden Büchergestell sah eine für die damalige Zeit ganz bedeutende Anzahl Hefte, Rollen und Folianten auf den Besucher herab. Der Inhaber dieses Gemaches hatte am Tische gesessen und ein vor seinem Sessel aufgeschlagenes Buch zeigte, in welcher Beschäftigung er unterbrochen worden war. Jetzt aber stand er vor seinem Besuche, und es war in diesem Augenblicke selbst für Denjenigen, welcher die Beiden nicht gekannt hätte, zu bemerken, daß sich hier zwei nicht ganz gewöhnliche Leute einander gegenüber befanden. Die hochaufgerichtete, reckenhafte Gestalt des Hausherrn zeugte von einer Fülle physischer Kraft, wie sie nur Wenigen gegeben ist, während seine Umgebung ebenso wie der Ausdruck seiner Züge bewies, daß er auch in geistiger Beziehung von der Natur nicht vernachlässigt sei; feiner dagegen, wenn auch lang und kräftig, war die Figur des Andern, und in dem edelgeschnittenen Gesichte lag ein Etwas, welches auf ein geübtes Denk— und Urtheilsvermögen schließen ließ. »Ihr seid von dem Herrn Markgrafen abgesandt, wie Ihr mir sagen ließet?« frug Suteminn, das Gespräch beginnend. »So ist es, und da Ihr mich sonder Zweifel noch nicht gesehen habt, so erlaubt, daß ich Euch meinen Namen nenne! Er heißt: Henning von Bismarck.« Ueber das Angesicht des Hörers flog ein Zug freudiger Ueberraschung, und schneller vielleicht als gewöhnlich streckte sich seine Hand zum herzlichen Willkommen aus. »Henning von Bismarck, Herrn Clausens Bruder, den ich kenne? Er ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, so wie auch Ihr; viel Gutes habe ich von Euch gehört, und zwar aus hohem Munde. Seid willkommen und macht es Euch behaglich!« Während er ihm den breiten Lehnstuhl hinschob, blieb er selbst mit über die Brust geschlagenen Armen erwartungsvoll vor ihm stehen. Bismarck nahm mit jener Unumständlichkeit, die den selbstständigen Character kennzeichnet, auf dem alten Sessel Platz, streckte, sich dehnend, die in gewaltigen Stiefeln steckenden Beine von sich und warf dabei einen prüfenden Blick auf die Umgebung. »Das also ist das Zauberhaus,« begann er endlich, »vor dem das ganze Land sich fürchtet! Herr Ritter, könnt Ihr wirklich hexen?« Mit lächelnder Miene hatte der Gefragte das ungenirte Benehmen seines Gastes verfolgt; bei dieser aufrichtigen Frage wurde das Lächeln zum leisen, kurzen Lachen. »Was nennt Ihr hexen, Herr? Zur Erreichung gewisser Zwecke Kräfte gebrauchen, welche Anderen unbekannt, ja furchtbar sind, und die sie deshalb übernatürliche nennen? Ja, dann kann ich hexen.« »Gut, so macht einmal aus der alten schweinsledernen Gelehrsamkeit hier auf dem Tische so rasch wie möglich einen Imbiß mit einem guten, kräftigen Schlucke irgend einer Flüssigkeit! Ich bin gar weit geritten, und die Bismarck’s haben sich mit Fasten und Kasteiung nie befreundet.« Statt aller Antwort ergriff Suteminn den mächtigen Folianten, schob ihn unter den Tisch und zog statt seiner den unter der Tischplatte angebrachten Kasten hervor, den er an die Stelle des Buches placirte. Er enthielt einen Laib schwarzen Brodes, einen hölzernen Teller mit einem umfangreichen Stücke Schinkens, ein Gefäß mit Salz und Pfeffer und alle zum Essen nothwendigen Schneid-, Hieb— und Stechwerkzeuge. »Das trockne Element ist Eurem Zauberspruche gehorsam,« lachte Henning, nach dem Messer greifend; »das nasse – – —« »Wird mir ebenso gehorsamen,« fiel ihm der Wirth in die Rede, »sobald ich in die Unterwelt hinabsteige.« Er langte nach einem vielverheißenden irdenen Kruge, welcher in brüderlicher Eintracht mit den Büchern auf dem Brette stand, und verschwand durch eine kleine Thür, die in der Nähe des Heerdes abwärts führte. Bismarck griff, wie um das augenblickliche Alleinsein auszufüllen, nach einer neben ihm an der Wand stehenden Pergamentrolle, die er unwillkürlich entfaltete. Kaum aber hatte er den ersten Blick darauf geworfen, so stieß er einen Ruf des Erstaunens aus. Er hatte einen Namen gelesen, der vor nicht langen Jahren in Schweden und Dänemark viel genannt worden war, und welchen eine auch in Mecklenburg ansässige Familie trug. »Moltke – sollte dieser räthselhafte Mann vielleicht derselbe Moltke sein, welcher —« er unterbrach sein Selbstgespräch und stellte die Rolle eilig an ihren früheren Platz zurück. »Der Zufall führt mich auf die Spur des Geheimnisses, und ich werde mir den Faden nicht wieder entreißen lassen!« Als Suteminn mit dem gefüllten Kruge wieder in die Stube trat, verrieth keine Miene Bismarcks, daß seine Theilnahme für ihn seit einigen Sekunden eine doppelte sei; er nahm den gastlich credenzten Trunk in Empfang und machte sich mit einem Eifer über das Essen her, als habe er seit Wochen gehungert, oder müsse seinen Körper für lange Zeit mit Proviant versorgen. Suteminn leistete ihm dabei – »nach löblichem Schick und Brauch,« wie er bemerkte – Gesellschaft, und es dauerte eine geraume Weile, bis die beiden Männer ihre gastronomische Thätigkeit einstellten und sich zur Fortsetzung ihres von Herrn Henning so drastisch unterbrochenen Gespräches anschickten. »So,« begann dieser; »dem Leibe ist sein Recht geschehen, und ich kann Euch zuschwören, daß der alte verzauberte Foliant mir ganz prachtvoll gemundet hat. Uebrigens liegt Schweinsleder und Schinken nicht sehr weit auseinander, und ich hatte Euch also eine nicht sehr schwierige Aufgabe gestellt. Vielleicht gelingt es mir, Euch mit einer andern in Verlegenheit zu setzen.« Bei diesen Worten überflog er die Gestalt Suteminns mit einem rasch prüfenden Blicke, den dieser gleichmüthig aushielt. »Ihr habt über diese Aufgabe schon mit dem Markgrafen gesprochen?« »Ja, vor Friesack.« »Und über ihre Ausführung nachgedacht?« »Nein; ich erwarte erst nähere Weisungen.« »Die ich Euch zu überbringen habe!« »Nun wohl, ich bin bereit, sie zu hören.« »Habt Ihr schon gehört von der Eule zu Rom?« »Nein.« »Aber Ihr wißt, daß Balthasar Cossa, welcher trotz seiner Abscheulichkeit unter dem Namen Johann XXIII. den päpstlichen Thron bestiegen hat, jüngst ein Concilium nach Rom berief, weil er den beiden Gegenpäpsten gegenüber die Nothwendigkeit erkannte, dem allgemeinen Wunsche nach Verbesserung der Kirche eine, wenn auch nur scheinbare Beachtung zu schenken. Daß diese Versammlung nichts als eine leere Spiegelfechterei bedeute, war leicht einzusehen, und so erschienen auch nur wenig Prälaten, welche es nicht weiter als zu zwei erfolglosen Sitzungen brachten. Bei der ersten erschien eine große Eule in der Kirche, setzte sich grad vor den Papst hin und blickte ihn starr an. Ihr könnt Euch denken, welches Entsetzen ihn und die Versammlung ergriff, als der unheilverkündende Schuhu in die von dem heiligen Geiste regierte Versammlung einbrach. Er wurde zwar mit Mühe verscheucht, aber die heiligen Väter fühlten sich von diesem unglückseligen Omen so angegriffen, daß sie auseinander gingen. Vor der nächsten Sitzung wurde das Gotteshaus einer sorgfältigen Durchsuchung unterworfen, und da keine Spur des Vogels zu finden war, so nahten sich die furchtsamen Patres mit der Hoffnung eines besseren Resultates. Kaum aber hatte seine Heiligkeit das Wort ergriffen, so vernahm man von dem Hochaltar her einen markerschütternden Ruf und der Vogel flog herbei, setzte sich wie vorher vor den Stellvertreter Gottes auf Erden und blickte ihn, ängstlich die Flügel schlagend, starr mit den großen, nächtlichen Augen an. Da bemächtigte sich Grausen und Entsetzen der frommen Versammlung, und Alle, Johann an der Spitze, stürzten nach der Thür, um der Unglück weissagenden Erscheinung zu entgehen. Zwar wurde der Vogel später gefangen und erschlagen, und dadurch der Beweis geliefert, daß man es nicht mit einem überirdischen Wesen zu thun habe, aber das Vorkommniß gilt doch als ein böses Zeichen und wird auf das Schicksal des Papstes beim Concile zu Costnitz gedeutet. »Hängt diese Mähr mit Eurem Auftrage zusammen?« »Vielleicht. Die Herren Prälaten sind in Rom mit dem Bemerken auseinander gegangen, daß der heilige Geist unter ihnen in einer seltsamen Gestalt erschienen sei, und wenn die Fürsten der Kirche sich einer solchen Gotteslästerung schuldig machen, so ist es kein Wunder, wenn die weltlichen Herren und Leute es müde werden, einen Mann an der Spitze der Christenheit zu sehen, von dem man nichts als Laster und Verbrechen zu berichten hat. Der König Ladislaus von Neapel, von ihm in den Bann gethan, ist unvermuthet mit seinen Schaaren vor Rom erschienen, hat die Stadt erobert und den Papst vertrieben, welcher sich nach Oberitalien flüchtete. Dort hat ihn der Kaiser gezwungen, eine allgemeine Kirchenversammlung nach Costnitz zu berufen, wo die vorhandenen Wirren geschlichtet und geordnet werden sollen. Und dort – dort,« fuhr er mit sinkender Stimme fort, »will der rothe Adler der Marken über ihn herfallen und seine starken Fänge um ihn schlagen, um der Welt zu zeigen, daß der Schuhu nicht falsch geweissagt habe!« Es entstand eine Pause, während welcher die beiden Männer sich ernsten Gedanken hingaben. Endlich nahm Henning wieder das Wort: »Seid Ihr nicht erfüllt von Bewunderung über die Größe und Kühnheit dieses Gedankens? Ein kleines, unscheinbares Burggräflein kommt herbei, wirft sich binnen wenigen Wochen den trotzigen, kraftvollen und weit überlegenen Adel des Landes zu Füßen, und – noch ist die Ruhe und der Frieden nicht hergestellt, noch gährt es und bebt der Boden auf allen Seiten, die Grenzen sind bedroht, die Polen, Pommern, Mecklenburger, die Herren von Wenden, die Herzöge zu Sachsen erheben drohend die Schwerter – da wagt es das Burggräflein, den mächtigsten Mann der Christenheit, den Beherrscher von Millionen und Abermillionen Gewissen, den Stellvertreter Gottes auf Erden beim Schopfe zu nehmen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen vor den Augen des gesammten Volkes!« Die Augen des Sprechers leuchteten und die Röthe der Begeisterung lag auf seinen Wangen. »Seit es Weltgeschichte giebt,« fuhr er fort, »ist es zum ersten Male, daß der Norden zum Bewußtsein seiner Kräfte kommt und an der Sendung zu arbeiten beginnt, die ihm von dem Herrn der Welten anvertraut worden ist. Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber es wird, es muß der Schleier reißen, welcher Jahrhunderte dazu diente, die Wahrheit zu erfüllen, und nicht ein Kaiser oder König, nicht ein Gewaltiger unter den Kronenträgern ist es, welcher den ersten Riß thun wird, sondern der kleine Zollern, der sich bis heut nicht anders nennen darf als einen Statthalter, einen Diener des Schwächling Sigismund. Und wer sind die Männer, die er sich zu diesem verwegenen Vorhaben ausersehen hat? Niemand nennt sie im großen Reiche, kaum daß man sie im eigenen Lande kennt; der Eine saß über seinen Büchern, der Andere jagte den Hirsch in seinen Wäldern; Größeres thaten sie nicht. Der Eine hat keinen Namen, der Andere kaum – einen Bismarck, nur Wenige haben ihn bisher gehört – Beide aber werden ohne Wanken und mit treuen Kräften an ihrem Werke schaffen – hier meine Hand!« Er streckte Suteminn die Rechte entgegen, in welche dieser mit kräftigem Schlage die seinige legte. »Ihr habt gleichen Auftrag wie ich vom Fürsten bekommen?« frug er. »Den Auftrag, an der gleichen Aufgabe zu arbeiten, ja, aber nicht mit den gleichen Werkzeugen. Ihr, Ritter, sollt das scharfe, schneidige Schwert sein, ich der Hüter, welcher dafür sorgt, daß Euch das Hochwild nicht entgehe. Und nun laßt Euch den Plan mittheilen, welche Se. Gnaden in dieser hochwichtigen Angelegenheit gefaßt haben!« Lange saßen die beiden Männer, bald flüsternd, bald in lauten, energischen oder begeisterten Ausrufungen sich ergehend, beisammen; das Licht brannte trübe und immer trüber, und schon warf der anbrechende Wintertag seine dämmernde Helle durch die kleinen Fenster, als Henning sich erhob und damit andeutete, daß die Einigung zwischen ihnen endlich zu Stande gekommen sei. »Und nun laßt mich noch den jungen Mann sprechen, in dessen Eigenschaften Ihr ein so großes Vertrauen setzt!« sprach er. Als der Genannte auf den Ruf Suteminns erschien, trat Bismarck überrascht einen Schritt zurück. Der Jüngling war, was vorher in der Vorderstube bei der gebückt sitzenden Stellung desselben nicht bemerkt worden war, um einen Kopf länger als er, und in richtigem Verhältnisse zu dieser außerordentlichen Körperhöhe waren seine Glieder geformt. Er konnte ohne alle Uebertreibung ein wahrer Enackssohn genannt werden, und wer ihn so in voller strotzender Jugendkraft erschaute, dem wurde nicht schwer zu glauben, daß er vielleicht selbst Suteminn überlegen sein könne. Mit Genugthuung bemerkte dieser den Eindruck, welcher sich in den Zügen seines Gastes unverhohlen zu erkennen gab, und stolze Freude leuchtete aus seinem Angesichte bei den Worten: »Ich darf Euch versichern, daß er in der Führung der Waffen nicht ungeschickter ist, als ich.« Und mit der Hand nach dem Fenster zeigend, fügte er hinzu: »Wir haben gar manchen ernsten Gang da draußen mit einander unternommen, nicht zum Spiele, sondern auf Tod und Leben, wie sichs gebührt unter Männern nach löblichem Schick und Brauch, und bei Tag und Nacht, um ihn für das Leben vorzubereiten, welches keine Nachsicht kennt. Das Klirren unsrer Schwerter ist bis hinunter in die Stadt gedrungen und hat dem Aberglauben willkommene Nahrung gegeben.« Bismarck nickte. Er schien von dem, was er sah und hörte, vollständig zufriedengestellt zu sein und frug: »Und wenn ich nun Eure Versicherungen einer nahen Prüfung unterzöge?« »Zweifelt Ihr an der Wahrheit meiner Worte?« »Nein, sondern ich wollte nur sagen, daß eine Gelegenheit für ihn vorhanden sei, die Wahrheit Eurer Worte zu bewähren. Ich habe in Gemeinschaft mit Herrn Gebhard von Alvensleben auf Schloß Gardelegen von zwei dortigen Juden eine Summe Geldes in Schwerin erheben lassen. Diese beiden Männer sind sammt ihrer Habe auf der Heimreise von Denen auf Garlosen und Stavenow überfallen und festgenommen worden und sollen nebst der mitgefangenen Tochter des Einen nur gegen ein Lösegeld ihre Freiheit zurückerhalten. Da die Juden ihr ganzes Vermögen in dem Transporte stecken hatten, so können sie weder ihre Auslösung selbst bestreiten, noch dürfen wir Hoffnung hegen, unser Geld auf friedlichem Wege zurückzuerhalten; dennoch aber will ich selbst einen Versuch machen und nach Garlosen reiten, um mit den Boldewins und Herrn Claus von Quitzow in Güte zu verhandeln. Für meine persönliche Sicherheit sollte ich eigentlich keine Gefahr befürchten, da ich aber als ein Freund und Helfer des Markgrafen bekannt bin, und ihm die Herren feindlich gesinnt sind, so fühle ich mich zur Vorsicht geneigt und möchte Euch bitten, mich zu begleiten!« Diese letzten, an den jungen Mann gerichteten Worte ließen die Röthe der Freude auf seine Wangen treten, und mit einer raschen, zustimmenden Bewegung antwortete er: »Herr Ritter, schon längst ist es mein Wunsch gewesen, mein Schwert in ernstem Kampfe zu erproben; voll Freuden gehe ich mit Euch, und ich hoffe, Ihr sollt mit meinem Arm zufrieden sein!« »Möge diese Eure Hoffnung in Erfüllung gehen, dann wird Euer Thun auch reiche Lohnung finden!« »Das ist es nicht, wonach ich strebe. Nicht auf Fürstengunst und äußeren Gewinn ist mein Sinn gerichtet. In des Menschen Thun selbst liegt der Segen oder der Fluch, welchen er zu erwarten hat; und ist sein Thun ein gutes, so wird es sich von selbst belohnen.« »So recht, mein junger Freund! Eure Gedanken sind eines Mannes würdig, der an hohen Aufgaben arbeiten soll. Jetzt aber macht Euch bereit zum Aufbruche; mein Knecht wird wieder vor dem Thore sein, und unser Weg ist ein weiter.« — Bald stand der Bruder, zur Reise gerüstet, in der vorderen Stube vor der Schwester. Mit leuchtendem Blicke ruhte ihr Auge auf seiner herrlichen Gestalt, die im Schmucke der glänzenden Waffen auf jeden Begegnenden einen ungewöhnlichen Eindruck machen mußte. Sie war beschäftigt, ihm eine köstlich gestickte Binde um den Leib zu befestigen. »Nimm dieses Zeichen meiner Liebe mit hinaus in die Kämpfe des Lebens, Detlev. Ich habe an ihr gearbeitet so manche Nacht und dabei daran denken müssen, daß unsere Zukunft an der Spitze Deines Schwertes geschrieben steht. Lebe wohl! Gott der Herr sei mit Dir jetzt und immerdar, und niemals werden die Gedanken und Gebete Deiner Schwester von Dir weichen!« »Lebe wohl, Marie!« Mehr sprach er nicht, aber als er sie bei diesen drei zitternden Worten voll herzlicher Innigkeit an seine Brust zog, glänzte die Feuchtigkeit der Thränen in seinen Augen und seine Lippen zuckten unter dem Einflusse des männlich niedergekämpften Schmerzes. Da traten die beiden Männer aus dem hintern Raume. »Lebt wohl, Ritter,« sprach Bismarck. »Ich wiederhole Euch das Wort des Fürsten, Dietrich von Quitzow für jetzt ihm zu überlassen. Seid wachsam und haltet treue Huth über den Hamburger Zug. Der Herr bedarf in Costnitz des Geldes, und es wäre viel verloren, wenn es verspätet einträfe oder gar verloren ginge! —« Einige Minuten später trabten zwei Reiter, gefolgt von einem Knechte, auf der Straße dahin, welche von Tangermünde über Osterburg nach Lenzen führt. Kapitel 4: Bei »Mutter Quail« Bristol, die Hauptstadt der im südwestlichen Theile von England liegenden Grafschaft Somersett, ist an die Ufer der beiden Flüsse Avon und Farne gebaut und seit den ältesten Zeiten berühmt wegen seiner Schifffahrt, zu welcher es fast niemals weniger als dreihundert eigne Fahrzeuge stellte. Zur Zeit, von welcher wir erzählen, lag in der Nähe des alten, nun längst abgebrochenen Rathhauses ein zwar nur einstöckiges aber desto längeres Gebäude, über dessen niedriger Thür in grellen Farben ein Haifisch abgebildet war, welcher im Begriffe stand, einen Matrosen zu verschlingen, und für Denjenigen, welcher sich über die Bedeutung dieses Meisterstückes der edlen Malerkunst nicht klar werden konnte, ragte ein Brett im rechten Winkel aus der Mauer hervor, an dessen beiden Seiten in hohen Buchstaben zu lesen stand: »Taverne zum heiligen Menschenfresser.« Dieser Taverne, zu deutsch Schankstätte, wird in den Annalen der Stadt Bristol des Oefteren Erwähnung gethan, denn die Besitzer derselben waren von je her Leute, welche sich Gäste herbeizuziehen verstanden, und sowohl bei der Gefangenschaft des Königs Stephan als auch während der früher abgehaltenen Sclavenmärkte wurden in den Stuben des niedrigen Menschenfressers die Zusammenkünfte Derer abgehalten, welche entweder unbelauscht einen politischen Streich zu berathen oder irgend ein einträgliches Handelsgeschäft miteinander abzuschließen hatten. Niemals aber, weder früher noch später, war der Verkehr ein so bedeutender wie zur Zeit, da Mutter Quail hinter dem Schänktische ihr kräftiges Scepter schwang. Wie sie in das Haus gekommen und wie ihr eigentlicher Name lautete, das wußte keiner von ihren Gästen. So weit nur irgend Einer zurücksinnen konnte, hatte sie ihren Platz zwischen den Flaschen, Gläsern und Krügen inne gehabt und »Quail« war nicht ihr richtiger, sondern ein Spitzname, den sie sich gar wohl verdient hatte, denn das Wort lautet im Deutschen »Wachtel«, und die resolute Frau verstand sich auf das »Schlagen« so gut wie nur irgend einer von ihren wetterharten Gästen. Bei allen Streitigkeiten, welche vorkamen, und deren gab es bei der bekannten Derbheit und dem raschen Temperamente des Seevolkes fast alle Tage welche, pflegte sie Niemanden zu Rathe zu ziehen, sondern den Schiedsrichter in eigner Person zu machen, und wenn da »Mutter Wachtel« ihre hohe, corpulente Gestalt durch die Menge der Anwesenden drängte und zu »schlagen« begann, so hatten die Besucher des Haifisches Nichts zu thun, als einfach Platz zu machen und – der Störenfried lag, ehe er sich dessen versah, draußen vor der Thür und konnte sich den heiligen Menschenfresser in der bequemsten Stellung von der Welt betrachten. Und wehe ihm, wenn er es einmal wagte, das Haus wieder zu betreten. – Mutter Quail besaß ein ganz besonderes Gedächtniß für Diejenigen, welche die Kraft ihrer dicken Arme gefühlt hatten – er wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit fortgewiesen. Aber ebenso treu war ihr Gedächtniß für solche Gäste, welche sich mit Anerkennung ihrem weisen Regimente fügten; sie waren willkommen zu jeder Zeit und konnten sich keine aufmerksamere Pflege und Bedienung wünschen. Und gehörten sie gar zu den Wenigen, welche in Folge ihres ehrbaren Wandels und einer längeren Anhänglichkeit an den Menschenfresser die besondere Gewogenheit der Wirthin besaßen, so bekamen sie die Erlaubniß, die nach hinten liegenden kleinen Stübchen zu betreten, und das war nicht nur eine große und ehrenvolle Auszeichnung, sondern war auch mit gewissen Annehmlichkeiten verbunden, denn die sogenannten »Hinterleute« durften ohne Bedenken den Credit des Hauses in Anspruch nehmen und wurden von der Besitzerin desselben mit einer Rücksicht und Zärtlichkeit behandelt, wie sie sonst nur eine Mutter für ihre Kinder an den Tag zu legen pflegt. Wie gewöhnlich, so war auch heut Abend der ansehnlich in die Länge und Breite gehende Raum so vollständig von Gästen besetzt, daß die noch Ankommenden stehend ihren Krug nahmen und auf einen leer werdenden Platz warten mußten. Mutter Quail hatte mit vollen Händen zu thun und arbeitete für drei Personen; trotzdem aber entging ihrem Auge nicht das Geringste und keiner der Anwesenden durfte über eine Säumniß klagen. Da vorn, nicht weit vom Eingange, hatte sich ein Wortwechsel erhoben, der immer lauter wurde und in Thätlichkeiten auszubrechen drohte. Schon brachen die Gäste ihre Gespräche ab, um dem Streite ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, und nur Mutter Quail schien nichts von ihm zu bemerken. »Die Alte hat heut’ weder Augen noch Ohren, sonst hätten wir längst schon Ruhe!« bemerkte Einer. »Laß es gut sein, Jan; sie kennt schon ihre Zeit. Ich wette unser Schiff gegen ein altes Theerfaß, daß sie bei dem ersten Schlage richtig zur Stelle ist. Schau, da hast Du es!« Die Zankenden hatten sich erhoben und standen im Begriffe, einander zu fassen, da stellte Mutter Quail das Glas, welches sie eben in der Hand hielt, auf den Tisch und war im nächsten Augenblicke nach dem Orte unterwegs, an welchem die Rauferei beginnen sollte. Noch aber hatte sie denselben nicht erreicht, als sich die Thür öffnete und ein Mann eintrat, bei dessen Anblicke sie sofort stehen blieb, während ihr Gesicht von freudiger Ueberraschung erglänzte. »Willkommen Piet, alter Swalker,« rief sie mit voller Stimme durch das entstehende Getümmel. »Nimm doch einmal den kleinen Jungen dort, den mit dem großen Maule, und trage ihn hinaus. Aber nimm Dich in Acht und greife etwas leise zu, sonst könntest Du ihn zerbrechen!« »Schön, Mama Haifisch,« nickte er mit freundlichem Grinsen seines breiten, ehrlichen Gesichtes. »Werde die Sache in Ordnung pringen!« Die im Wege Stehenden rechts und links auseinander schiebend, stand er nach wenigen Schritten vor dem Bezeichneten, faßte ihn an den Hüften, hob ihn leicht wie einen Federball über die Köpfe der Anderen empor und war im nächsten Augenblicke mit ihm durch die Thür verschwunden. Alle waren erstaunt, nicht nur über die Riesenkraft dieses, den Meisten von ihnen unbekannten Mannes, sondern mehr darüber, daß ihm Mutter Quail den Auftrag gegeben hatte, an ihrer Stelle zu handeln. Das war, so weit man sich entsinnen konnte, noch niemals vorgekommen, und es ließ sich annehmen, daß er das ganz besondere Wohlwollen der Wirthin besitzen müsse, zumal diese schon im Voraus die Thür eines der Hinterzimmer öffnete und den jetzt wieder Eintretenden mit außergewöhnlicher Freundlichkeit zu sich winkte. »Willkommen in Bristol, Piet!« begrüßte sie ihn. »Bist endlich wieder einmal zu Lande?« »Freilich, Du alte, liepe Porterkanne Du! Komme von Messina, wo ich Wein und Früchte geladen hape. Werde aper in einigen Stunden schon wieder in See stechen, hörst Du, und nach Deutschland gehen.« »Nach Deutschland, Alter? Was hast Du denn dort zu suchen?« »Ein Weniges oder viel; weiß es noch nicht! Hape nur den Pefehl pekommen, meinen Rheder, den Grafen von Warwick, nach Hampurg zu pringen und werde das Ueprige erst noch erfahren. Kann mir aper ungefähr denken, was er da drüpen zu suchen hat.« »Nun, was denn?« »Sie sind mit dem Vater Papst nicht zufrieden; ich glaupe gar, sie hapen drei Vater Päpste anstatt nur einen, und da kommen sie aus aller Herren Länder zusammen, um einmal das Fahrzeug der heiligen christlichen Kirche auf den richtigen Cours zu pringen, denn pisher hat es immer nur gegen den Wind gelenßt und geschlingert und gestampft, daß es zum Gotterparmen gewesen ist.« »Und was geht das Deinem Grafen an?« »Meinem Grafen? Du willst sagen dem Viscount Richardt Beauchamp, Herrn von Warwick, dem reichsten Mann in den drei Königreichen und tapfersten Ritter der Christenheit? Den wird der König peauftragt hapen, als sein Stellvertreter nach Costnitz zu gehen, wo die Herren alle zusammen kommen. Er ist mit seinem Gefolge hier im Somersetthouse apgestiegen und will am frühen Morgen mit der Eppe in See stechen. Jetzt sind wir darüper, Gepäck und Fracht in die Poote zu laden, um sie nach meiner »Schwalpe« zu pringen, welche draußen im Warwicker Kanale liegt, und Du glaupst gar nicht, was das für eine Pracht und Herrlichkeit mit den vielen und kostbaren Sachen ist; es schaut grad’ so aus, als op der Kaiser von Indien oder der König von Golconda in See gehen wollte!« »Und fürchtest Du Dich nicht vor den vielen Gefahren, welche Euch jetzt auf der See erwarten?« »Gefahren? welche meinst Du wohl?« »Nun, es ist doch noch Winterszeit, wo eigentlich die Schifffahrt in Ruhe liegt. Da giebt es böse Stürme; Du findest die Häfen erfroren, und wenn das Alles überwunden ist, so hausen da drüben in den deutschen Gewässern die Victualienbrüder, welche die Fahrzeuge überfallen und ausplündern und die Mannschaften tödten.« »Stürme und Eis, die scheue ich nicht! Hape schon oft mit ihnen zu thun gehapt, daß wir vertraut mit einander geworden sind, und die Victualienprüder, die sollen sich vor mir und meinen praven Jungens nur immer in Acht nehmen! Es giept auf keinem Meere ein solches Schiff, wie meine »Schwalpe«. Du hast sie noch nicht gesehen, denn ich hape sie erst vorigen Herpst neu wie eine Jungfer vom Clyde geholt. Sie ist nach einer Art gepaut, die der Graf sich selper ausgesonnen hat, lang und schmal, mit niedrigen Masten und kleinerem Vor— und Hintercastell. Sie geht vor dem Winde wie eine Möve und tanzt auf der Seite wie eine Praut unter Segel. Ihr Kiel und Stewen ist scharf, so daß ihr kein Eis etwas anhapen kann; das Manövriren versteht der Piet Liepenow wie kein Anderer, so daß er sich vor den Stürmen nicht zu fürchten praucht, und was die Kaper petrifft, so weiß er sein Enterpeil zu handhapen so gut wie nur Einer, seine Mannen sind auserlesene, gutbewährte Seehunde, und außerdem hape ich sechs metallne Donnerpüchsen an Pord, die gelegentlich auch das ihrige thun werden. Also prauchst Du wohl keine Sorge zu tragen, Du alte, gute Menschenfresserei Du!« Bei diesen Worten legte er seinen Arm um ihre umfangreiche Taille und zog sie mit einer Vertraulichkeit an sich, wie sie nur von ihm gewagt werden durfte. Sie erwiderte dieselbe mit einem zärtlichen Klapps, der jeden Anderen zu Boden geschlagen haben würde und meinte: »Ja, das weiß ich, daß Du ein Manneskind bist, welches nicht nothwendig hat, sich vor irgend Etwas oder irgend jemandem zu fürchten. Das habe ich Dir gleich angesehen, weißt Du, als Du mit dem Grafen aus Deutschland kamst und den Haifisch zum ersten Male besuchtest. Und reputirlich bist Du auch, wie nur Einer, und geschickt und klug, sonst hättest Du es nicht vom Matrosen bis zum Kapitän gebracht. Seit mein Alter todt ist, hat es Keinen gegeben, der mir so an das Herz gewachsen ist wie Du, und wenn ich noch eine junge, schmucke Dirne oder Wittib wäre und Du nicht immer auf dem Wasser sein müßtest, so wüßte ich gar wohl, was geschehen könnte. So aber – – doch,« unterbrach sie sich, »da sitze ich und plaudere dummes und unnützes Zeug und lasse Dich hungern und dursten! So ist es, wenn man alt und faselig wird. Na, ich kenne Deinen Geschmack und werde nachholen, was ich versäumt habe!« »Hast Recht, alte Kampüse! Geht mir auch so, wenn ich in den Pauch des Haifisches gerathe und an die alten Zeiten denke. Pring dem Piet Lipenow Etwas, was Palken und Planken zusammenhält!« Die Wirthin eilte zur Thür und begegnete unter derselben einem Manne, welcher im Begriffe stand, einzutreten. — »Halt!« rief sie ihm entgegen; »hier ist nicht Jedermanns Stube. Sucht Euch Platz da draußen bei den Andern!« »Heiliges Pulver!« klang die mit schnarrender Baßstimme gesprochene Antwort. »Sagtest Du das zu mir, oder verstehe ich Dich miß?« »Freilich sagte ich das zu Euch!« entgegnete sie und überflog dabei in kampfgerüsteter Haltung und mit einem herausfordernden Blicke seine angsterregend hagere Gestalt, auf welcher ein Kopf ruhte, dessen eine vordere Hälfte von der Nase bis zum Ohre und von der Stirn bis herab zum Halse vollständig schwarzgebrannt erschien. »Ich habe Euch noch nie hier gesehen, und für Fremde giebt es in diesem Zimmer keinen Einlaß.« »Blitz und Kanone! Bin doch, seit mir die Ladung in’s Gesicht gegangen ist, noch keinem solchen Drachen begegnet, und auch vorher nicht. Gieb Raum, alte Galione, sonst bohre ich Dich in den Grund!« »Galione, sagt Er, und Du nennt Er mich, mich, die Mutter Quail, die in Respect steht bei Jedem, der seinen Fuß nur einmal in den Haifisch gesetzt hat? Mache Er, daß Er hinaus kommt, sonst breche ich Ihn mitten auseinander und schlitze mir aus den beiden Hälften Schwefelhölzer!« »Potz Kugel und Blei! Die Mutter Quail seid Ihr? Ja, das giebt der Sache eine andere Wendung; ich will also Eure Reden ungeschehen sein lassen und winde für dies Mal meinen Zorn noch über. Aber merkt es Euch für später, daß ich nicht gewohnt bin, mit mir spaßen zu lassen!« Wie zwei Eisenklammern legte er seine Hände um ihre Arme, hob die schwere Frau wie ein Kind zur Seite und trat zu dem Tische, an welchem der Kapitän saß. Die Wirthin machte sofort Miene, den Kampf mit ihm zu erneuern, aber Piet Liebenow, welcher dem kurzen Wortwechsel bis hierher mit sichtbarem Vergnügen zugehört hatte, beruhigte sie jetzt mit den Worten: »Laß es gut sein, Mutter Menschenfresser; der Junge soll nicht da draußen sitzen! Er heißt Sam Haperland und ist mein Constapel, der mir Nachricht pringt von den Leuten, die an den Pooten arpeiten.« »Da mag es sein!« antwortete sie, ihre Arme reibend. »Aber einen schlechten Constabel hast Du Dir nicht ausgesucht. Der Mann greift ja zu wie ein Bär. Hast Du lauter solche Riesen an Bord?« »Denke es,« nickte er lächelnd, und auch Will Haberland verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, welche auf der einen Hälfte des von Wind, Wetter und Pulver mitgenommenen Gesichtes seine Befriedigung ausdrückte, auf der verbrannten Seite aber wahrhaft fürchterlich aussah. »Aper nun mache endlich, daß wir Etwas unter die Zähne pekommen!« Während sie sich entfernte, um dem Auftrage nachzukommen, meldete der Constabel, daß die Boote mit dem letzten Theile der Ladung nach dem Schiffe abgegangen seien und bald wieder zurückkehren würden, um die Passagiere aufzunehmen. »Das hat Zeit!« bemerkte der Kapitän. »Jetzt hapen wir fast noch Hochfluth, und die Anker können erst mit Eintritt der Eppe gelichtet werden. Laßt uns also ein Weniges plaudern, ehe wir den Grafen penachrichtigen, Sam! Ihr hapt mir gesagt, daß Ihr aus Deutschland gepürtig seiet. Wo ist denn Eure Heimath da gelegen?« »Meine Heimath liegt nicht weit von Lenzen an der Elbe und heißt Stavenow.« »Stapenow? Welches dem Herrn Claus von Quitzow gehört?« »Heiliges Pulver! Kennt Ihr das alte Nest, Kapitän?« »Ein Weniges, denn ich pin eigentlich auch ein Quitzow’scher.« »Ihr ein Quitzow’scher?« rief der Constabel, und auf seinem halbirren Gesichte drückte sich, links freudig, rechts schauderhaft, das lebhafteste Erstaunen aus. »Mir steht der Mund offen, wie die Vorderluke eines niederländischen Torschiffes. Wo seid Ihr denn da zur Welt gekommen?« »Zu Plaue an der Havel. Ich pin dem Wasser nachgegangen pis zur Elpe und nach Hampurg und von da aus auf die See gekommen.« »Ganz so wie ich. Auch ich habe in Hamburg die See zu riechen bekommen, und diesem Geruche, das wißt Ihr, steht Niemand wider. Von da an bin ich mit allen Nationen gefahren. Bei der Belagerung von Rouen lernte ich mit den Bombarden umgehen, und wie ich mich seitdem in der edlen Kunst des Schießens geübt, das habt ihr ja erfahren, ganz besonders aber, als wir auf der Fahrt von dem Tuneser angegriffen wurden.« »Ja, den hapen wir schon mit dem dritten Schuß in den Grund gepohrt. Sam Haperland, Ihr seid ein ganzer Junge, und ich glaupe, wenn uns pei der nächsten Reise etwa die Victualienprüder zu nahe kommen, so machen wir es epenso!« »Das versteht sich. Heilige Lunte, will ich die Kerls anblitzen! Habt Ihr Euch schon von dem Rolf Vendasciold erzählen lassen, der mit einer riesigen Galione, Wiking geheißen, auf welcher sich mehr als ein Dutzend große Donnerbüchsen befinden, das deutsche Meer unsicher macht? Man sagt, er sei ein Fürst, der aus seinem Lande vertrieben worden ist und auf die See hat flüchten müssen, um sein Leben zu retten. Nun hat er geschworen, jedes Schiff zu verderben, welches ihm begegnet. Er soll ein wahrer Teufel sein und keine Gnade geben.« »Fürchtet Ihr Euch etwa vor ihm, Constapel?« »Fürchten?« frug der gute Haberland und sah dabei seinen Kapitän mit einer Miene an, welche fast bestürzt zu nennen war; »fürchten? Ich? Blitz und Kugel! Habt Ihr denn schon jemals gesehen, daß ich einen Begriff davon habe, wie man es macht, um sich zu fürchten? Wenn wir mit der »Schwalbe« auf den »Wiking« stoßen, so lade ich meinen »langen Tom« und schieße der Galione eine Kugel auf den Pelz, daß sie für ewige Zeiten genug hat. Der Sam Haberland weiß zu zielen, und wenn der Rolf das etwa nicht glaubt, so zeugen wir ihn sicher davon über, sobald er es wagt, auf uns zu halten!« »Recht so, alter Seelöpe. Wir werden uns vielleicht lange in seinem Gebiete herumtreipen müssen, pis der Graf von Costnitz zurückkehrt, und da kann die Gelegenheit für ihn pald kommen, mit uns anzupinden.« »So wißt Ihr noch nicht genau, ob wir in Hamburg liegen bleiben oder Fracht von dort nach einem anderen Orte nehmen?« »Nein, das werde ich erst vom Grafen erfahren. Aper die »Schwalpe« ist sein Liepling, und die wird er wohl nicht für Andere zum Geprauche feil pieten. Es ist darum möglich, daß wir in Hampurg liegen pleipen, um ihn dort zu erwarten.« »Dann nehme ich Urlaub, und gehe in die Heimath, um zu sehen, was aus meinem Stavenow geworden ist.« »Hapt Ihr noch Verwandte dort?« »Nur einen Bruder, welcher Balthasar heißt und bei dem Ritter Claus in Diensten steht. Er ist mein Zwillingsbruder und war mir so ähnlich, wie eine Woge der andern. Potz Sturm und Wetter, wird das eine Freude sein, wenn er noch lebt und wir uns Wiedersehen! Ich bin nicht in der Heimath gewesen, seit ich ihr damals den Rücken gekehrt habe. Und wie steht es mit Euren Verwandten?« »Alles todt! Nur ein Pruder lepte noch, als ich zum letzten Male da war, Kaspar geheißen und gehörte zu den Mannen des Ritters Dietrich von Quitzow.« »Ihr wart also einmal dort?« »Ja. Das ist schon viele Jahre her, und damals traf ich bei einem Kampfe mit unserm Grafen zusammen, der mich dann mit nach England nahm.« »Heilige Kanone, das klingt ja ganz nach einem Abenteuer!« »Das ist es auch, Constapel, und wenn Ihr’s hören wollt, so will ich es Euch erzählen.« »Ob ich es hören will? Einer Wasserratte geht nichts über eine gute Geschichte; Zeit haben wir noch ein Wenig, und so könnt Ihr Eure Erzählung recht hübsch von der Leine wickeln.« »Nun gut! Hapt Ihr vielleicht einmal von dem »schwarzen Dietrich« gehört?« »Nein. Was war denn das für ein Menschenkind? Der Name schon klingt gruselich.« »Das war ein Räuper, welcher an der Spree, in der Gegend von Perlin sein Wesen triep und von aller Welt gefürchtet wurde. Er war so stark, daß zehn Männer Nichts üper ihn vermochten, und seine Pande pestand aus lauter Leuten, welche selpst vor dem Teufel keine Angst empfanden und ihn sammt seiner Großmutter aus der Hölle geholt hätten, wenn es ihnen von dem Dietrich pefohlen worden wäre.« »Das war ja ein schauderhafter Kerrel! Kommt der mit in der Geschichte vor?« »Natürlich, sonst würde ich ihn ja nicht gleich am Anfange derselpen pringen!« »Alle Bombardenläufe, da wird die Sache gut ver zu nehmen!« »Das will ich meinen, Constapel! Also ich war pei meinem Pesuche, von dem ich schon gesprochen hape, in Perlin gewesen und wanderte durch die Sümpfe der Spree, nach Prandenpurg und Plaue zu, um wieder zu meinem Pruder zu kommen. So schritt ich durch den dichten Wald meines Weges fürpaß und hatte meine Gedanken auf der See und pei meinem guten Schiffe, als ich plötzlich einen Schrei vernahm, der aus einer weiblichen Kehle zu kommen schien.« »Was hatte denn eine Frauensperson dort in der Wildniß zu thun?« »Darnach hape ich nicht gefragt; ich hatte keine Zeit dazu. Ich dachte sogleich an den schwarzen Dietrich und seine Gesellen, zog den Säpel aus der Scheide und eilte nach der Gegend zu, aus welcher der Hilferuf gekommen war. Der Ort lag nicht in der Nähe, wie ich aus dem gedämpften Klange der Stimme gehört hatte, und sowohl der Sumpf als auch das fast undurchdringliche Dickicht der Püsche, Sträucher und Päume hielten meine Schritte üper die Maßen auf, so daß ich nur langsam vorwärts kam.« »Heilige Kanone, macht schnell, Kapitän, sonst bringt der schwarze Kerrel das Frauenzimmer um!« »Ihr hapt gut Reden! Ich that mein Möglichstes und kam endlich auch an die Stelle, wo der Ueperfall vor sich gegangen war. An einem Paume lehnte eine junge Frau, wie ich so schön noch keine gesehen hape, und hielt mit ihren Armen zwei Kinder umschlungen, welche sich laut weinend an sie schmiegten. Ich glaupe, es war ein Mädchen und ein Knape. Vor ihnen stand hoch aufgerichtet ein Ritter, welcher sie mit plitzendem Schwerte vertheidigte. Seine Hiepe fielen hageldicht auf die eisernen Haupen der Männer, die sich an ihn drängten; am Poden lagen einige Knechte, welche von ihnen schon niedergeschlagen worden waren, und in der Nähe hielt zu Pferde ein Mann, welcher wohl geeignet war, Furcht und Grauen einzuflößen.« »Blitz und Donner! jetzt kommt wohl der schwarze Dietrich?« »Er wird es wohl gewesen sein. Sein sechs Fuß hoher, von herkulischer Kraft zeugender Körper war ganz in rapenschwarzes Püffelleder gekleidet. Die Peine staken pis hoch üper die Kniee hinauf in Stiefeln aus ungegerptem Leder, welche üperreich mit Thran eingeschmiert waren. Ein preiter Riemen hielt das Wamms um den Leip fest, und den Kopf pedeckte eine eiserne, mit Leder gefütterte Kappe. An der rechten Seite stak in einer vom Gurte heraphängenden Scheide ein langes Fleischermesser, dessen hölzerner Griff durch Schnitzwerk verziert war, und an der Linken pefand sich ein Schärfstahl, genau von der Art, wie ihn die Fleischer zu tragen pflegen. In der Hand trug der Riese einen mächtigen, mit starkem Eisen peschlagenen und mit Plei ausgegossenen Kampfstock, den er vor Ungeduld plitzschnell zwischen den Fingern im Kreise herumlaufen ließ, als wenn er mit einer leichten Weidengerte spiele. Und was den Schrecken erhöhen mußte, welchen die Figur, die Kleidung und Ausrüstung des Mannes einflößte, das war der Umstand, daß sein Gesicht durch eine schwarze Maske verhüllt wurde.« »Hattet Ihr Angst, Kapitän?« »Angst?« antwortete der Gefragte erstaunt. »Sollen Euch etwa meine Fäuste peweisen, daß ich das Ding gar nicht kenne, welches Ihr Angst nennt?« »Ist nicht nothwendig, Kapitän; aber ich wollte Euch nur von vorhin her zeigen, wie es thut, wenn man auf eine solche Weise gefragt wird. Und dazu beschreibt Ihr den Riesen ja so fürchterlich, daß ein Anderer, als ich, gar wohl glauben könnte, Ihr hättet Euch gefürchtet.« »Ich peschreipe ihn, wie er war; daß ich keine Furcht hatte, hape ich aber dadurch gezeigt, daß ich mich sofort auf die Angreifenden warf, und Ihr wißt, Sam Haperland, wo ich hinschlage, da ist niemals ein Pflaster nothwendig und zwar deshalp, weil es nichts mehr helfen kann. Aper es waren ihrer doch ein Wenig zu viele, und dazu drängte sich, als ich losschlug, augenplicklich der Schwarze herpei, so daß ich mich gegen ihn wenden mußte, und machte mir mit seinem Stocke soviel zu schaffen, daß es mir fast heiß wurde. Wißt Ihr, Constapel, so ein Kampf, Schwert gegen Schwert, Messer gegen Messer oder Faust gegen Faust ist doch etwas Ehrliches, und da will ich den Mann sehen, vor dem der Piet Liepenow auch nur einen einzigen Finger preit zurückweicht, aper mit einem Stecken pearpeitet zu werden, das ist hundsföttisch, weil man mit dem Säpel nicht dagegen aufkommen kann. Ich konnte die Streiche nicht genugsam pariren und pekam daher so verteufelte Hiebe, daß ich noch Monate nachher grau und plau gesehen hape. Es war um vor Aerger verrückt zu werden!« »Heilige Bombarde, wenn doch nur ich hätte machen können mit. Ich hätte den Schwarzen sammt seinen armseligen Stecken zu Brei gedrückt. Habt Ihr denn dem Kerrel gar Nichts anhaben können?« »Nein, trotzdem auch noch andere Hilfe kam. Nämlich mitten in der größten Noth kam ein Reiter durch die Püsche geflogen und fuhr wie ein Wetter unter das Volk hinein. Er saß auf einem Falpen, und das war ein Pferd, Constapel, wie ich noch kein zweites gesehen hape; es war im Galopp durch den Morast gegangen, denn der Schmutz lag ihm pis auf den Rücken hinauf und der Mann war von Koth und Schlamm vollständig pedeckt. Er trug in der Hand eine Lanze, so stark wie ein Weperpaum, wie es in der Pipel von dem Riesen Goliath erzählt wird; damit stieß er gleich peim ersten Anlauf zwei von den Unholden üper den Haufen; dann griff er zum Schwerte, und nun solltet Ihr sehen, wie er unter ihnen aufräumte. Und dapei donnerte er mit einer Stimme, die weithin durch den Wald schallte: »Heißt das fechten, Mann gegen Mann, wie sich’s gepührt nach löplichem Schick und Prauch, Ihr heilloses Gesindel Ihr!« Mehr hörte ich nicht, denn als der Schwarze ihn erplickte, so spornte er sein Pferd auf ihn, und versetzte mir vorher noch einen Hiep üper den Kopf, der mich augenplicklich zu Poden streckte.« »Blitz und Hagel! Und Ihr habt Euch auch so ruhig hingelegt und gemüthlich die Beine ausgestreckt?« »Op ich die Peine ausgestreckt oder op ich sie an den Leip gezogen hape, darauf kann ich mich nicht mehr so recht pesinnen; ich weiß üperhaupt nicht mehr, was damals noch Weiteres vorgegangen ist. Der unglückliche Stecken hatte mich vollständig um die Pesinnung gepracht, und als ich sie wiederpekam, lag ich mit Stricken gepunden auf der Erde und nepen mir der Ritter, welcher sich vorher so tapfer gewehrt hatte. Es war Nacht; nicht weit von uns prannte ein Feuer, an welchem der Schwarze stand und um ihn eine ganze Schaar von Mannen, dreifach so viel als diejenigen, mit denen wir vorher zu thun gehapt hatten. Er trug den einen Arm in einer Pinde und schaute so grimmig nach dem Orte, an welchem wir im Dunkeln lagen, als op er uns verschlingen wolle.« »Da ist es der auf dem Falben gewesen, der ihm gebracht hat bei die Wunde?« »Denke es, Constapel.« »Gefangen war er nicht, wie Ihr?« »Nein.« »Und die Frau mit den Kindern?« »War auch nicht zu sehen. Die Männer pefanden sich jedenfalls in einer Perathung darüper, was mit uns zu peginnen sei, wie ich aus ihren Pewegungen pemerkte und aus den Plicken, die sie auf uns warfen. Gutes hatten sie nicht vor, das zeigten ihre Mienen, und deshalp untersuchte ich die Pande, mit denen ich gefesselt war. Sie waren aus Hanf und eng und fest um Hände und Füße geschlungen, so daß an ein Zerreißen nicht zu denken war. Aper man war so unvorsichtig gewesen, mir mein Messer zu lassen, welches am Gürtel hing. Ich zog es mit der einen Hand heraus, nahm den Griff zwischen die Zähne, und pald war der Strick entzwei und ich an den Händen frei. Es war gut, daß wir im Dunkel lagen, denn sonst hätte man meine Pewegungen gemerkt. Mit einem raschen und vorsichtigen Schnitte löste ich auch den Strick, welcher mir die Knöchel zusammen hielt und wandte nun meine Aufmerksamkeit dem Ritter an meiner Seite zu.« »Heilige Kanone, Kapitän. Macht, daß Ihr fortkommt von den Kerrels, sonst schlagen sie Euch todt, und ich pekomme Euch im ganzen Leben nicht wieder zu sehen!« »Hapt keine Sorge um mich, Sam Haperland! Der Piet Liepenow weiß sich seiner Haut zu wehren, und ich könnte doch nicht im »heiligen Menschenfresser« sitzen, wenn sie mir an das Lepen gegangen wären!« »Da habt Ihr Recht! Wie wurde es denn weiter?« »Der Ritter war unverletzt, wie es mir schien, und pei voller Pesinnung; er hatte mich peopachtet und fragte jetzt mit leiser Stimme: »Ist Dir’s gelungen?« »Ja,« antwortete ich ebenso leise. »So rücke ein wenig näher und versuche, auch meine Stricke zu zerschneiden.« Ich that, wie er mir geheißen hatte. Als er sich frei fühlte, reckte er die starken und geschmeidigen Glieder und meinte: »Sage mir Deinen Namen!« »Ich heiße Peter Liepenow« »Gut! Ich bin der Graf Richard von Warwick und werde Dich zu belohnen wissen. Kannst Du Deine Füße noch gebrauchen?« »Ja, denke ich.« »So folge mir in den Wald und sieh darauf, daß wir beisammen bleiben!« »Kaum hatte er diese Worte gesagt, so sprang er empor und pefand sich mit einigen weiten Sprüngen hinter den Püschen. Ich war hart hinter ihm her, und wir hatten schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe das Geschrei der Verfolgenden ertönte. Hatten sie uns nicht forteilen sehen, oder waren sie vor Ueperraschung sprachlos gewesen, ich weiß es nicht, aper jetzt riefen und prüllten sie um so mehr, und das war gut für uns, denn wir konnten dadurch hören, in welcher Richtung sie uns verfolgten und wie weit sie noch von uns entfernt waren.« »Heilige Kanone! Lauft Kapitän, daß Ihr vorwärts kommt, sonst nehmen sie Euch beim Schopfe, und dann lassen sie Euch das Messer nicht wieder!« »Keine Angst, Sam Haperland; sie hapen uns nicht pekommen. Wir segelten pei gutem Winde und mit einer Geschwindigkeit von wenigstens fünfzehn Knoten für die Stunde durch die Sträucher, pis endlich unsern Lungen der Proviant ausging. Da pliepen wir stehen, um zu horchen. Sie hatten einen verkehrten Cours eingeschlagen und nichts war von mehr ihnen zu hören. Da meinte der Graf: »Kennst Du diese Gegend?« »Ein Wenig.« »Getraust Du Dir, den Ort wieder zu finden, an welchem ich überfallen worden bin?« »Jetzt nicht, aper am Tage vielleicht eher.« Er stand einige Minuten und üperlegte. Es mußten gar pöse Gedanken durch seinen Kopf gehen, denn sein Athem ging laut und hastig und ich hörte ihn mit den Zähnen knirschen. Jedenfalls dachte er an sein Weib und die Kinder, von denen er getrennt worden war. »Es hilft Nichts, wenn ich auch ungeduldig werde,« sagte er endlich halplaut zu sich selbst. »Ich muß warten, um sie desto sicherer zu finden. Piet, in diesem Dickicht sind wir sicher. Wir wollen hier ausruhen und auf den Morgen harren!« So geschah es. Wir suchten uns eine passende Stelle und streckten uns auf den Poden. Der Graf pliep ruhig und sprach kein Wort, und nur an den Lauten, die seine Ungeduld und Sorge ihm zuweilen entriß, erkannte ich, daß es in seinem Innern nicht so ruhig sei wie in der tiefen Finsterniß, welche um uns herrschte. Ich erlaupte mir nicht, irgend ein Gespräch zu peginnen, war auch von den gehapten Anstrengungen zu müd, um lange munter zu pleipen, und so kam es, daß ich sehr pald eingeschlafen war.« »Heiliger Schiffbruch, Capitän; wenn Euch so einige zwanzig oder dreißig Räuber oder Raufbolde suchen, um Euch das Lebenslicht auszublasen, da könnt Ihr in Eurer Strauchkoje ruhig schlafen? Ja, wenn man einige feste Planken unter den Füßen hat, gutes Segelwerk über sich, kräftige Ruderer auf den Bänken und eine steife Prise über den Stern oder vom Seitenbord, dann kann man dergleichen Gelichter ein Schnippchen schlagen, aber auf der alten, steifen Erde, die keinem Steuer gehorcht und jede beliebige Art von Menschensorten über sich laufen und kriechen läßt herum, da kann man kein rechtschaffnes Wasser zwischen sich und solche Leute kommen lassen. Macht, daß Ihr bald ausgeschlafen habt, Capitän, sonst finden sie Euch am Ende noch, und dann fahrt Ihr mit sammt Eurem Grafen auf den Sand!« »Sorgt Euch nicht um mich, Sam Haperland; ich hape ausgeschlafen, und wer den Piet Liepenow, der eigentlich Peter heißt, fangen will, der muß früh am Tage die Anker lichten. Der grauende Tag hatte kaum seinen ersten Schein durch die Kronen der Päume geschickt, so weckte mich der Graf und wir prachen auf, um den Ort zu suchen, von dem ich Euch vorhin gesagt hape. Dieses Peginnen war nicht ganz leicht und ungefährlich, denn ich kannte die Gegend doch nicht so gut, wie es eigentlich nothwendig gewesen wäre, um geraden Lauf zu steuern, und die Strauchdiebe konnten sich ja in der Nähe versteckt halten, damit wir ihnen in die Hände segeln sollten. Aper nach einigen Stunden hatten wir doch den Platz ungefährdet erreicht, auf welchem die Spuren des Kampfes noch deutlich zu erkennen waren. Das Moos und Gesträuch war rings herum vollständig niedergetreten, und das vergossene Plut haftete noch sichtpar auf dem zerstampften und zertretenen Erdpoden, aper von den Personen, die dapei gewesen waren, konnten wir trotz allen Suchens und Lauschens keinen Athemzug vernehmen.« »Alle Wetter, Kapitän, wo sind denn da die Kinder mit ihrer Mutter geblieben? Oder sind sie von den Kerrels genommen worden mit?« »Wahrscheinlich ist dies der Fall gewesen, Constapel, denn wir hapen Nichts wieder von ihnen zu sehen pekommen, trotzdem wir Alles thaten, was zwei prave Mannskinder in diesem Falle thun können. Erst suchten wir die Gegend ap wie ein Paar Fanghunde, die jeden Grashalm peschnuppern, dann folgten wir den Spuren, welche die Füße der Strolche zurückgelassen hatten, und kamen so auch wieder an die Stelle, auf welcher wir in Fesseln gelegen hatten. Dort lagen die zerschnittenen Stricke noch, der Schwarze aper war mit den Seinen fort. Wir folgten ihnen, denn ihre Fußtapfen waren deutlich zu erkennen, und kamen auf diese Weise pis in die Nähe der Spree, an welcher sich ein schmaler Pfad hinzog. Er führte in schnurgerader Richtung auf einen hohen Sumpf, aus dessen Mitte sich ein ziemlich umfangreicher Hügel erhob, der von allerlei Puschwerk und Päumen pedeckt war. Am Rande des Sumpfes hörten die Spuren auf. – Die Räuper waren bei der Dunkelheit der Nacht ohne Ahnung in den Sumpf gerathen und elendiglich darin umgekommen, denn hindurch zu gehen, das war für keinen menschlichen Fuß möglich, wie wir uns durch mehrere Versuche üperzeugten.« »Heilige Bombarde, Capitän, da hat der Schwarze seinen Lohn gefunden, und ich könnte vor Freude darüber einen Schluck nehmen, der einen ganzen Keller leer machte, aber Eure Mutter Quail – ah, da kommt sie endlich! Gebt die Kanne her, Mutter Riesenhai, und laßt mich einen Zug thun! Aber macht ein besseres Gesicht, denn ich habe es vorhin nicht so bös gemeint!« Er versuchte die Wirthin freundlich in die Wangen zu kneipen, erhielt aber als Beweis ihrer kälteren Gefühle eine Ohrfeige auf die verbrannte Hälfte seines Gesichtes, daß er sich mit beiden Händen an die getroffene Stelle fuhr. »Blitz und Donner, Mutter Quail, meine Nase ist keine Freundin vom Wachtelschlag. Wischt Eure Hände ab, woran Ihr wollt, aber nur nicht an meinen Backen!« Sie erwiderte Nichts, sondern stellte Speise und Trank wortlos auf den Tisch und ergriff dann die mittlerweile geleerten Kannen, um sie von Neuem zu füllen. Sie schien die Art und Weise, wie Sam sich vorhin eingeführt hatte, noch nicht überwunden zu haben und auch für seine zärtlichen Bemühungen um ihre Verzeihung und Gewogenheit keinen dankbaren Sinn zu besitzen. »Laßt mir meine alte gute Freundin in Ruhe, Constapel,« warnte ihn Piet Liebenow; »sie hat ihre Eigenheiten und segelt nicht unter der Flagge eines Jeden!« »Drum ist sie auch vor Anker geblieben liegen und wird am Hafen hängen bis an ihr seliges Ende. Ein Weibsbild muß freundlich sein, zumal mit einem schmucken Seehund, so wie ich einer bin; dann giebt es eine flotte Fahrt grad auf das Land der heiligen Ehe zu. Blitz und Donner, daß mich doch kein solches Geschöpf mehr leiden mag, seit mir die verteufelte Ladung in das Gesicht gefahren ist! Aber hißt die Segel wieder auf mit Eurer Geschichte, Capitän, damit wir endlich die drei Verlorenen wiederbekommen!« »Jetzt giept es ein Weniges zu peißen, und Piet Liepenow hat niemals geliept, zwei Arpeiten zugleich vorzunehmen, weil da aus keiner etwas Richtiges wird. Also wartet, pis ich mit dem Essen fertig pin, Sam Haperland!« »Wenn Ihr wollt, so kann ich nicht anders, obgleich uns die drei armen Personen bis dahin vollends verloren gehen können.« »Verloren sind sie auf jeden Fall, denn es ist uns trotz aller Mühe nicht gelungen, sie aufzufinden, und Ihr könnt Euch denken, Constapel, wie es da dem Grafen zu Muthe gewesen sein mag. Das war kein Grimm, der sich in Worten und Schlägen Luft macht, sondern das war ein Herzeleid, welches keine Rede findet, aper in einer einzigen kurzen Stunde zehn Jahre vom Lepen kostet. Doch nun laßt mich in Ruhe; das Essen wartet, und, wie gesagt, Piet Liepenow hat niemals gern mit zweierlei Arpeit zu schaffen!« »Ich mag Euch da nicht Unrecht geben, denn was man allein macht, das kann man ganz und richtig thun; und wenn nun gar Zwei an einer Sache arbeiten, so geräth sie noch besser und kostet nur die Hälfte Zeit. Daher glaube ich, Capitän, daß Ihr sie gefunden hättet, wenn sie überhaupt zu finden gewesen wären.« »Sehr richtig, Sam Haperland! Es ist nichts unterlassen worden; auch nach dem Ritter hapen wir geforscht, welcher uns zu Hilfe gekommen ist, aper er ist spurlos verschwunden gewesen. Der Graf war im Pegriffe gewesen, in die Heimath zu reisen, wo sein Vater, der alte Earl, auf dem Todtenpette lag, aper es war, als könne er nicht fortkommen, als sei es ihm unmöglich, sich von dem Lande zu trennen, in welchem er die Seinen verloren hatte, und welches wenigstens ihre Leichen pergen mußte. Endlich aper war er doch gezwungen, sich loszureißen: er ging nach England und nahm mich mit. Der Earl war mittlerweile gestorpen, und der Graf hatte nichts weiter zu thun, als die ungeheure Erpschaft anzutreten. Er ließ von hier aus die umfassendsten Nachforschungen nach den Verlorenen fortsetzen, aper keine Anstrengung führte zum Ziele, und so ging er, um sich zu zerstreuen und den Kummer zu petäupen, an den Hof des Königs, wo er fast noch mehr gelten soll als der König selper. Ich aper hape es nicht lange auf dem Lande aushalten können und pin pald wieder zur See gegangen.« »Auf einem Engländer, Capitän?« »Natürlich, und zwar sogar auf einem Schiffe des Grafen, denn Ihr müßt wissen, Sam Haperland, daß die Earls und Viscounts von Warwick stets eine gute Anzahl von Fahrzeugen auf See gehapt hapen. Es ist das auch mein Schade nicht gewesen, denn der Graf hat mir stets seine Gewogenheit pewiesen und mir in Allem geholfen, wo Hilfe nöthig war. So pin ich nach und nach immer weiter vorwärts gekommen und jetzt gar ein Capitän zur See, vor dem man Respect hapen muß. Ist es so oder nicht, Constapel?« »Heilige Kanone, Capitän, ich wollte den Kerrel einmal sehen, der da zu behaupten wagte, daß es nicht so ist. Ich nähme ihn zwischen die Finger, daß ihm das Fett aus dem Leibe tropfte!« »Glaupe es, Sam Haperland, glaupe es, und deshalp pin ich Euch gewogen gewesen seit dem Augenplicke, an welchem wir uns nepen einander vor Anker legten. Und das ist gut, denn zwei Mannskinder wie wir, die dasselpe Schiff unter den Füßen hapen und denselben Cours mit einander steuern, die müssen fest und treu nepen einander halten und sich auf einander verlassen können zu aller Zeit!« Der alte Seemann reichte seinem Constabel die breite, schwielige Hand, die derselbe mit einer Kraft drückte, als wolle er sie zu Brei pressen. »Das will ich meinen!« rief er mit aller Macht seines schnarrenden Basses, indem er den Krug ergriff, welchen Mutter Quail nur immer hin und her zu tragen hatte. »Wir müssen uns auf einander verlassen, Capitän, ich mich auf Eure Schiffsführung, und Ihr Euch auf meine edle Kunst des Schießens; und wenn wir beide das Unsere thun, so kann uns kein Teufel etwas haben an. Und nun gar, da uns der Graf die Ehre giebt, in seiner eigenen Person die »Schwalbe« zu betreten, da werden wir eine Fahrt machen, von welcher unsere Jungens noch lange zu erzählen und zu berichten haben sollen. Denn einem solchen Herrn dürfen wir keine Schande machen! Habt Ihr Euch schon einmal von den Warwicks erzählen lassen?« »Das könnt Ihr Euch denken; pin ich doch selbst eine ganze Zeit lang auf dem Stammschlosse gewesen und hape mir die Waffen des Herrn Guido von Warwick angesehen, welcher »der englische Herkules« geheißen ist und den dänischen Riesen Kolprand erschlug. Er hat volle acht Fuß gemessen und die Pären gleich mit den ploßen Händen aus ihren Löchern gezogen. Und Herr Richard ist ein epen solcher Held, der noch in keiner Fehde üperwunden worden ist und bei jedem Turniere den Preis davon getragen hat. Daß er damals gegen den »schwarzen Dietrich« Nichts auszurichten vermochte, das war nicht seine Schuld: er trug keine Rüstung und hatte gegen eine große Uepermacht zu kämpfen. Er kann es noch heut nicht vergessen, daß er von dem Gesindel niedergeworfen und gefesselt worden ist wie ein gemeiner Knecht, und schließlich davonlaufen mußte, um sein Lepen zu erhalten, und ich glaupe, wenn ihm der Schwarze einmal in die Hände lief, so gäpe das einen Kampf, pei dem es Einem grauen muß, ihm nur zuzusehen. Das müßte grad sein, als wenn zwei Löpen gegen einander losspringen.« »Alle Kanonen, da möchte ich mit bei sein, Capitän! Wißt Ihr was? Ich glaube, er geht nur deshalb über Hamburg, um noch einmal in die Gegend zu kommen, wo Ihr damals das Abenteuer erlebt habt, denn der Weg nach Costnitz geht doch von hier aus eigentlich nicht durch die Elbe, und unter den schweren Goldfäßlein, die wir vorhin geladen haben, befanden sich blos zwei oder drei, auf denen der Name »Constanz« zu lesen war; auf den anderen stand geschrieben: Brandenburg.« »Werden ja sehen, was er vor hat. Er ist ein gar schweigsamer Herr, der lieper thut als spricht, und wenn die rechte Zeit gekommen ist, werden wir schon seine Pefehle zu hören pekommen. Jetzt aper laßt uns aufprechen, denn ich glaupe, daß die Fluth nun eingetreten ist!« Mutter Quail vernahm mit betrübter Miene den Abschied ihres Lieblingsgastes. Sie fuhr mit den dicken Händen unter die Schürze und führte dieselbe an die Augen, um ein Thränlein oder zwei zu trocknen. Ihr wohlgenährter Busen gerieth in eine ganz ungewöhnlich convulsivische Bewegung und machte sich endlich durch ein Schluchzen Luft, so jungfräulich leise und schüchtern, wie es einer ehrbaren Wittwe geziemt. Piet Liebenow that Alles, um sie zu beruhigen, aber sie fand vor Schmerz und Herzeleid keine Worte, bis er in die Tasche langte und einen katzenledernen Beutel hervorzog, in dem es verlockend klimperte. Das gab ihr die Sprache wieder. »Piet!« rief sie, die Augen waren auf einmal trocken und das runde Gesicht blitzte förmlich vor Zorn und Entrüstung. »Piet, willst Du mir das anthun? Willst Du mich bezahlen wie ein Leichtjunge, den ich nur in das Haus treten lasse, weil mich seine magern Glieder in die Seele hinein erbarmen? Ich sage Dir: schiebe Dein Geld zurück in die Tasche, wenn Du nicht haben willst, daß ich Dich nie wieder ansehe. Du weißt, daß ich von Dir Nichts nehme, von Dir nicht und auch von Keinem, den Du mit in den Haifisch bringst!« »Na, na, da laß es gut sein, alte, liepe Taverne Du! Ich wollte Dich ja nicht peleidigen, sondern plos meine Schuldigkeit erfüllen.« »Bei mir hast Du niemals eine solche Schuldigkeit, Piet, das weißt Du. Ich wollte, ich könnte Dir Liebe und Freundschaft erweisen jetzt, morgen und allezeit bis an mein Ende; aber Du lässest Dich kaum jährlich einmal sehen und bist dann immer nur eine Stunde hier, und da willst Du auch noch nach dem Beutel greifen? Piet, Du bist ein schlimmer Mensch, geh’, das kann ich Dir nimmer verzeihen!« Das ging dem alten Seemann tiefer hinab in das Herz, als er es merken lassen wollte. Er kannte Mutter Quail seit langen Jahren, hatte sie liebgewonnen und freute sich stets königlich auf die Heimkehr und auf ihr treues, ehrliches Gesicht, welches allemal vor Freude erglänzte, wenn er durch die Thüre trat. Und nun war sie bös und zwar so bös, daß sie ihm nimmer verzeihen konnte! Da gab es nur ein Mittel: er langte unter die Klappe seines dicken, wetterfesten Seemannsrockes und brachte ein Packet zum Vorschein, dessen Umhüllung gar sorgfältig mit Wachs und Schnurwerk versehen war. Die Rührung, welche ihre letzten Worte in ihm hervorgebracht hatten, männlich beherrschend, schob er es ihr in die Hände und griff nach dem alten, verwitterten Hute, um sich nun schleunigst zu entfernen. Aber da hatte er sich verrechnet, denn noch war er nicht bis an die Thür gekommen, so stand sie vor ihm, die eine Hand herausfordernd in die Hüfte gestemmt und mit der andern das Packet ihm vor das Gesicht haltend. »So? Also so ein schlechter Bursch bist Du geworden? Beschenken soll ich mich lassen, aber meinen Dank magst Du nicht? Gleich gehst Du zurück an Deinen Platz und wartest, bis ich das Ding da geöffnet habe! In mein Haus soll Niemand treten, den ich nicht herein haben will; aber hinaus darf auch mir Keiner gehen, so lange er noch hier zu bleiben hat!« Das war ein Befehl, und wenn Mutter Quail ins Kommandiren kam, so sah sie ganz aus wie Eine, gegen die nicht gut eine Widerrede zu gebrauchen ist. Piet Liebenow war ein Schiffer, der nicht gewohnt ist, ein Wort zweimal auszusprechen, weil es schon beim ersten Male gehört und befolgt werden muß; er war auf seinem Fahrzeuge Herr über Leben und Tod, aber hier – ja hier stand er auf fremdem Boden, hier hatte nur die Wirthin zu befehlen, und ihrem Willen war Gehorsam zu leisten. Er trat zurück und beobachtete die Spannung, mit welcher Mutter Quail an der Umhüllung des Geschenkes arbeitete. Endlich war dieselbe entfernt, und ein lauter Ruf der Freude überzeugte den Kapitän, daß sein Geschmack das Richtige getroffen habe. »Ein Tuch, ein blaues Tuch mit rothen Blumen und goldgelben Sternen! Wie herrlich, wie prächtig! Piet Liebenow, Du bist ein Mann, der es noch bis zum Admiral bringen wird! So ein kostbares Tuch schenkt selbst der Lord-Major seiner Frau nicht, und die Weiber werden auf der Gasse stehen bleiben, um sich über den Staat, den ich darin mache, zu Tode zu ärgern!« Vorsichtig nahm sie das Geschenk mit den Fingerspitzen aus einander und drapirte es sich zur Probe um die vollen, runden Schultern. »Nein, diese Pracht und Herrlichkeit! Aber, was steht Ihr denn dabei, Constabel, und sagt kein Wort dazu?« wandte sie sich an Sam Haberland. »Denkt Ihr etwa, ich wüßte in einem solchen Tuche nicht zu gehen?« »Blitz und Donner, Mutter Quail, wer das behaupten wollte, dem spränge ich mit beiden Fäusten ins Gesicht. Ich kann nur keine Worte finden, weil ich vor lauter Bewunderung nicht weiß, was ich sagen soll. Aber das ist gewiß, wenn ich mir einmal so eine kleine, nette Gondel suchte, um nicht für das ganze Leben ohne Weib und Kind zu sein, ich würde mein Spriet zuerst zu Mutter Quail richten, um zu fragen, ob ich die Hochzeitsflagge hissen darf!« »Geht, Ihr böser Mensch, mit Eurem Geschwätz!« rief sie, aber es war ihr doch anzumerken, daß sie nicht ganz unzufrieden mit seiner Rede sei. »Und,« fuhr er, auch unter das Wamms langend, fort, »wenn ich Euch so in dem Tuche stehen sehe da, so ist es mir, als fehle nur noch die Haube und die Krause, um Euch unwiderstehlich zu machen.« Er zog bei den letzten Worten ebenfalls ein Päcktchen hervor und langte es der glücklichen Wittwe hin. »Constabel, Herr Constabel, wollte sagen: mein lieber Sam Haberland, was treibt Ihr denn da für sonderbare Dinge? Ich glaube gar, Ihr wollt eine Königin aus mir machen. Laßt doch nur einmal sehen, was Ihr mir hier eingewickelt habt.« Sie öffnete die Hülle und schlug dann vor Entzücken die Hände in einander. »Nein, ist das aber eine Freude! Spitzen, französische Spitzen von dieser Breite und so fein wie Spinnwebe! Wird das eine Haube werden und eine Krause um den Hals! Sam Haberland, ich habe Euch gleich von allem Anfange für einen reputirlichen Mann gehalten; Ihr seid zu jeder Zeit im »Menschenfresser« willkommen und könnt Euch setzen, wohin es Euch beliebt!« »So ist es recht, Mutter Haifisch!« stimmte Piet Liebenow bei. »Ich hape dem Constapel von Dir erzählt, und als ich an das Land ging, um mir das Tuch zu holen, hat er sich nicht zurückhalten lassen und gemeint, er müsse Dir auch ein Weniges mitpringen, opgleich er Dich noch nicht gesehen hape; denn, mußt Du wissen, Du stehst in Respect pei allen Schiffsmannen so weit das Wasser reicht. Nun aper müssen wir gehen, sonst versäumen wir die peste Zeit. Lepe wohl, meine alte, gute Kampüse; denke an den Piet Liepenow und pleipe so vielmal gesund, als goldgelpe Sterne und rothe Plumen hier auf dem plauen Tuche sind!« Kapitel 5: Auf der Flucht Wo im Kreise Nieder-Barnim des preußischen Regierungsbezirkes Potsdam jetzt die Stadt Oranienburg zu finden ist, lag früher Schloß und Dorf Bötzow an der Havel, wo zu der Zeit, von welcher wir berichten, Herr Werner von Holzendorf hauste. Er war ein gar mannhafter Ritter, wacker im Streite, bieder und treu von Character und nur etwas jähzornigen Gemüthes. Er hatte stets zu den Quitzows gestanden, die sich in aller Noth und Fährlichkeit auf ihn verlassen konnten, und wir haben gesehen, wie er Herrn Dietrich in jener Fluchtnacht bei Dechtow getroffen, ihn gegen seinen Verfolger in Schutz genommen und nach Bötzow in Sicherheit gebracht hat. Aber diese Sicherheit war nur eine augenblickliche und keineswegs für die Dauer, denn in der Gegend um Bützow besaßen die Quitzows mehr Feinde als Freunde, und selbst unter den Knechten Werners gab es einige, auf die er sich selbst nicht verlassen konnte, sondern gegen die er vielmehr ein gerechtes Mißtrauen zu hegen hatte. Deshalb war es ihm lieb, daß er mit Dietrich unbeobachtet in das Schloß gekommen war, wo dieser sich augenblicklich seiner ritterlichen Kleidung entledigen und das Gewand eines gewöhnlichen Reisigen anlegen mußte, um so wenig als möglich erkannt zu werden. »Es will mir wenig behagen, daß ich aus Furcht vor niedrigen Leuten in diese Lappen fahren soll,« hatte der flüchtige Ritter während dieser Beschäftigung gesagt, »aber wenn ich meines Lebens schonen und mir die Freiheit bewahren will, so muß ich mich in diese Sache fügen. Ich bin schlimmer daran, denn der ärmste Bettler, da ich nicht nur Hab und Gut verloren habe, sondern auch von den Meinigen geschieden und geächtet bin. Aber ich hoffe zu Gott, daß die Zeit kommen wird, in welcher ich meine Feinde mit der Schärfe des Schwertes auf das Haupt schlage. Noch stehen mir mächtige Freunde zur Seite, zu denen ich gehen werde, um mir ihre Hilfe zu suchen, und dann, Herr Werner, werde ich Euch belohnen können für die Treue, welche Ihr mir immer und auch heut’ bewiesen habt.« »Sprecht nicht von Lohn, Ritter Dietrich,« antwortete Werner, indem er einen gewaltigen Humpen mit Bier füllte, welches er der Sicherheit wegen selbst aus dem Keller geholt hatte. »Da, trinkt! Ihr werdet der Erquickung bedürfen; aber Ruhe und Pflege könnt Ihr auf Bützow wohl nicht finden, vielmehr erfordert es die Sorge um Eure Sicherheit, daß ich Euch unverzüglich weiter bringe. Schloß Neumühl, welches mir gehört, ist nur von einem alten, tauben Voigte bewohnt, welcher Euch niemals gesehen hat und also auch nicht kennen wird. Dorthin wollen wir mit einander reiten, und ich hoffe, wenn ihr das Schloß nicht verlaßt und überhaupt es vermeidet, von Menschen gesehen zu werden, so könnt Ihr dort verborgen bleiben so lange es Euch gefällt.« »Ihr seid ein werther Freund, und Euer Plan will mir gar wohl gefallen! Laßt sogleich frische Pferde satteln; obgleich ich müde bin, wird es mir doch nicht schwer werden, den Ritt bis Neumühl noch auszuhalten.« »Erlaubt, daß ich Euch auf kurze Zeit verlasse, um selbst in den Stall zu gehen; ich mag das Satteln Niemandem anvertrauen, da wir uns der Behutsamkeit befleißigen müssen!« Während er sich zu den Pferden begab, trat Dietrich an das Fenster und starrte voll trüber und schwerer Gedanken in die Nacht hinaus: da drüben, gen Westen, lag Friesack, das gewaltige, feste Bollwerk seiner bisherigen Macht, die so plötzlich in Trümmer gesunken war. Vielleicht stürmten jetzt die Mannen des Burggrafen gegen seine Mauern und drangen mit wildem Geschrei ein in die Räume, in denen er mit Weib und Kind geweilt und so manche Wonne genossen hatte, die ihm die Seinen bereitet. Nun war das Alles hin. Er hatte die Burg und seine Lieben preisgeben müssen, um sich selbst zu retten; seine Feinde triumphirten über ihn, den Vogelfreien, den jeder Bettler greifen und ungestraft niederschlagen durfte; noch wußte er nicht, ob ein Ort zu finden sei, wo er sein Haupt hinlegen könne, um in Sicherheit zu schlafen, und die Freunde, die ihm während der Zeit seiner Macht zur Seite gestanden, würden sie ihm treu bleiben und die Opfer bringen, die er von ihnen begehren mußte, wenn er das launige Glück zwingen wollte, ihm wieder freundlich zuzulächeln? Waren nicht die meisten von ihnen von dem Arme des furchtbaren Markgrafen niedergeschmettert worden? Und die Andern? Selbst wenn sie zu ihm hielten, auch jetzt noch, wo er heimathslos in der Fremde herumirrte, war er an ihrer Spitze mächtig und stark genug, den Riesenkampf von Neuem aufzunehmen? War es ihm nicht grad’ heut zum ersten Male in seinem ganzen Leben geschehen, daß er vor einem einzelnen Menschen feig die Flucht ergriffen hatte, und konnte darin nicht eine böse Vorbedeutung für die Zukunft liegen? Er knirrschte mit den Zähnen und stemmte die geballten Fäuste gegen die Fensterbrüstung, daß die starken Bretter, mit denen sie bekleidet war, in ihren Fugen krachten. Nein, und tausendmal nein! Kämpfen wollte er und kämpfen mußte er, wie seine ganze thatenreiche Vergangenheit ein Kampf gewesen war, gegen – – gegen wen? Gegen Gewalt und Unrecht? gegen Sünde und Verbrechen? gegen Falschheit und Hinterlist? gegen Habsucht und Ungerechtigkeit? – – Er wagte nicht, den Gedanken weiter fortzusetzen, und hätte es auch nicht gekonnt, selbst wenn es sein Wille gewesen wäre, denn Holzendorf trat wieder ein, um ihm zu berichten, daß die Pferde wohlgerüstet draußen vor der unbewachten Pforte ständen. Beide Männer begaben sich mit leisen Tritten hinab in den Schloßhof, traten aus demselben hinaus zu den harrenden Thieren und bald ging es im scharfen Trabe auf Schloß Neumühl zu. Dort angekommen, wurden sie von dem altersschwachen Castellan empfangen, der nicht wenig erstaunt war, seine Ritter zu so ungewöhnlicher Stunde bei sich zu sehen. Das Gebäude bot wenig wohnbare Gemächer dar; die besten von ihnen bewohnte der Voigt mit seiner Frau selbst. Ein davon etwas entlegenes wurde endlich für Dietrich erwählt und mit einigem Mobiliar und einem Bette versehen. Er mußte sich hineinlegen und den Kranken spielen. Er galt den beiden Schloßbewohnern gegenüber für einen Quitzowschen Knecht, der sich der Belagerung Friesacks durch die Flucht entzogen hatte und während derselben verwundet worden war, und es wurde ihnen streng auf die Seele gebunden, ihn gut zu verpflegen, nicht durch ungeforderte Dienste und Handreichungen zu belästigen und eben so auch dafür Sorge zu tragen, daß er nicht durch Andere gestört werde. Dann ritt Werner wieder nach Bützow zurück. Die beiden alten Leute thaten ihre Schuldigkeit, so daß Dietrich sich nicht über sie beschweren konnte. Sie wußten in ihrer Abgeschiedenheit wenig von den Händeln der Welt da draußen; dennoch aber erfuhren sie das Schicksal, welches Friesack betroffen hatte, und vernahmen auch, daß Dietrich von Quitzow entflohen und von dem Markgrafen ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden sei. Georg, der Castellan, brachte seinem Pfleglinge diese Botschaft sofort in dessen Gemach. »Weißt Du,« frug er ihn, »wie es jetzt um Euer stolzes Friesack steht?« »Wie soll ich das wissen, da ich doch mit Niemand zu sprechen komme!« »Es ist erobert worden. Die große Donnerbüchse, welche sie die »faule Grethe« nennen, hat die gewaltigen Mauern niedergerissen, und die Markgräflichen sind durch die Lücken eingedrungen.« »Das lügst Du und der Teufel!« fuhr Dietrich zornig auf. »Ich habe – – sie sind,« verbesserte er sich, wohl merkend, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen habe, »von den Unsrigen zurückgeschlagen worden. Was Du sagst, will ich nicht glauben, und es scheint mir eher, daß Friesack nicht erstürmt, sondern freiwillig übergeben worden sei, weil die Besatzung wohl eingesehen haben muß, daß mit unnützem Blutvergießen Nichts mehr erzielt werden kann.« »Das mag sein, wie es wolle; ich weiß nur, daß Friesack in den Händen der Markgräflichen sich befindet und Ritter Dietrich von Quitzow vor der Uebergabe entflohen ist.« »Und was ist mit seinem Weibe und seinen Kindern geschehen?« »Sie haben, ebenso wie die Besatzung, frei abziehen können und von dem Ihrigen mitnehmen dürfen, was sie fortbrachten. Es soll ein gar trauriger Anblick gewesen sein, als Frau Elisabeth an der Spitze ihres Ingesindes und all’ ihrer Mannen durch das Lager gezogen ist, um sich nach Schloß Taupitz zu begeben. Es ist am Sonntag Sexagesimä, den elften Februar gewesen, grad’ an demselben Morgen, an welchem Du nach Neumühl kamst.« Der Erzähler beobachtete nicht die Bewegung, welche sich auf den Zügen Dietrichs bemerkbar machte, und fuhr fort: »Ich bin ein alter Mann und habe gar Vieles gesehen, gehört und erlebt, aber immer habe ich erfahren, daß der Gewaltige in den Staub sinkt, wenn er von dem Rechte weicht. Ich gehöre zu den Mannen des Ritters Werner, der ein Freund Deines Herrn gewesen ist sein Lebelang, aber ich muß doch bekennen, daß ich nie Freude gehabt habe an dem Thun und Treiben der Quitzows und ihrer Verbündeten; es ist viel Gewalt und Ungerechtigkeit dabei, und das Ende war vorauszusehen.« »Knecht, elender, das wagst Du mir zu sagen? Was hindert mich, Dich mit dieser meiner Faust niederzuschlagen, daß Dein schandbarer Mund für ewig verstumme?« rief ihm Dietrich entgegen, indem er sich rasch und drohend erhob. — »Du schimpfest mich Knecht und bist doch selbst einer, ein Knecht Quitzows und ein Knecht Deines zornmüthigen Herzens, welches nicht zugiebt, daß Du die Wahrheit meiner Worte erkennst. Schlügest Du mich nieder, so wäre es um mich nicht viel schade, denn ich bin ein alter Mann und habe nicht viel mehr zu leben, aber Du hättest zu Vielem vielleicht eine weitere Schuld auf Deinem Gewissen, und das Schicksal Deines Gebieters würde dadurch kein anderes. Jetzt irrt er verfolgt und geächtet in der Welt umher, und wenn er sich nicht in Acht nimmt, so geht es ihm an den Kragen, denn ich habe gehört, daß der Markgraf kein Freund vom Spaßen sei. Mir wäre es schon recht, wenn er ihn in seine Hand bekäme.« Dietrich sah ein, daß er seinen Zorn überwinden müsse, und würdigte den Mann keines weiteren Wortes; aber der Groll, welchen er über die Rede des Voigtes empfand, bohrte sich immer tiefer in sein Inneres und richtete sich endlich gegen ihn selbst, sodaß er in finsteren Betrachtungen auf seinem Lager ruhte und die Vorwürfe nicht von sich weisen konnte, die wie drohende Gespenster in ihm aufstiegen. Zwei Wochen vergingen, die der sonst so ungeduldige Ritter in der strengsten Abgeschlossenheit verbrachte; da vermochte er es in der engen Kammer nicht länger auszuhalten und faßte den Entschluß, auf ein Stündlein hinunter zu steigen in den kleinen, winzigen Küchengarten, welcher hinter dem Schlosse in einer Ecke der Ringmauer lag. Da er als ein Kranker galt, durfte er nur langsam gehen, und seine Schritte verursachten dabei so wenig Geräusch, daß sie von den zwei Männern nicht vernommen wurden, welche er bei seiner Ankunft im Gärtchen bemerkte. Am Eingange desselben stand ein dichtbelaubter Hollunderstrauch, welcher ihn so verdeckte, daß er sie unbemerkt belauschen konnte. Es war Georg, der Schloßvoigt, und einer der Holzendorfschen Knechte, welcher mit irgend einer Botschaft von Bötzow gekommen war. »Ja,« sagte dieser eben; »ich habe unsern Ritter noch niemals in solchem Zorn gesehen; ich war grad’ im Schloßhofe, als der Burgwart einen Fremden ankündigte, welcher Einlaß begehre. Herr Werner gab das Zeichen, daß derselbe in die Burg dürfe, und als er über die Brücke kam, fragte er mich, wo er den Ritter treffen könne.« »Und da hast Du ihn selbst hinaufgeführt?« »Ja. Der Herr saß beim Humpen, und der Kremmener Pfaffe war bei ihm, und Du weißt, wenn der da ist, so giebt es stets schlecht Wetter, denn Herr Werner mag das Augendrehen und die süßen Worte nicht leiden, welche er da zu sehen und anzuhören bekommt.« »Das geht mir selbst so. Die Schwarzkutten thun, als ständen sie schon mit einem Fuße im Himmel und hörten mit einem Ohre den Herrgott predigen, und doch wissen sie zu leben trotz einem Kriegsknechte, lieben die volle Kanne und die Weiber, essen sich dicke Bäuche an und schimpfen über andere ehrliche Christenmenschen, wenn denen einmal etwas Verzeihliches passirt. Wenn mir so Einer vor das Thor kommt, so gebe ich ihm seinen Trunk durch das Gitter und lasse ihn in Gottes Namen weiter laufen, denn ich meine, daß ich ihn nicht brauche, um über die Hölle hinweg zu kommen.« »Ganz meine Ansicht, Alter. Also ich geleitete ihn in den großen Bildersaal, wo die Holzendorfs mit ihren Frauen und Kindern aufgehangen sind, und da ich nicht wußte, ob ich gehen solle, so blieb ich an der Thüre stehen. Der Ritter hatte dem Humpen fleißig zugesprochen, was ich gleich an den kleinen Augen bemerkte, mit denen er den Mann anblinzelte, und frug ihn, wer er sei und was er wolle. »Ich komme von Sr. Gnaden, dem Herrn Burggrafen, und habe Euch ein Schreiben zu übergeben.« »Vom Burggrafen kommst Du? Was will denn der von mir?« »Das weiß ich nicht; beliebt nur das Schreiben zu lesen, dann werdet Ihr ja sogleich erfahren, was das Begehr des gnädigen Herrn ist.« »Des gnädigen Herrn? Geh’ zum Teufel mit Deinem gnädigen Herrn, der meine ist er nicht. Gieb her den Wisch!« Der Bote reichte ihm den Brief entgegen; Herr Werner nahm ihn, brach ihn auf und blickte lange hinein. Dann fragte er den Mann: »Weißt Du, was drin’ steht?« »Nein!« »Ja, wenn Du es auch nicht weißt, so wissen wir es beide nicht. Ich habe all’ mein Lebtage das Schreiben und Lesen nicht leiden mögen. Hört, Pater, habt Ihr es vielleicht gelernt?« »Ich möchte es doch meinen!« antwortete dieser. »So lest mir doch einmal vor, was in dem Dinge steht!« Der Pfaffe nahm den Brief, studirte ihn erst ein halb Stündlein lang von Anfang bis zu Ende und begann dann, ihn langsam vorzubuchstabiren. Es war eine heillose Leserei und ich hätte ihm am liebsten wegen der Behauptung, daß er es verstehe, Eins über den Kopf gegeben; aber endlich wurden wir uns doch darüber klug, daß der Burggraf meldete, er habe gehört, daß Herr Werner von Holzendorf dem Ritter Dietrich von Quitzow im Kampfe auf offenem Felde Hülfe geleistet und ihn dann nach Bötzow geführt habe, um ihn vor dem Arme der Gerechtigkeit zu verbergen. Herr Werner habe sich dadurch einer Felonia, oder wie das Ding geheißen war, schuldig gemacht und sei hiermit angehalten, sein Vergehen dadurch wieder gut zu machen, daß er den Ritter Dietrich sofort an ihn ausliefere.« »Das klingt streng und mannhaft, ganz so, wie ich es dem Burggrafen zugetraut habe!« fiel hier der Schloßvoigt dem Erzähler ein. »Aber unserm Ritter wird diese Forderung gar wenig behagt haben.« »Das könnt Ihr Euch denken! Er fuhr vom Stuhle empor, als hätte ihn eine Natter gestochen, riß dem Pfaffen das Schreiben aus den feisten Händen und frug ihn: »Ist es wahr, daß solches Zeug da in dem Wische steht, oder habt Ihr mir nur Lug und Trug vorgelesen?« »Bei der gebenedeieten Mutter Gottes, der hochgelobten, reinen Jungfrau Maria, es ist so, wie ich es Euch vorgelesen habe!« betheuerte der Gefragte, zitternd vor Angst bei dem Anblicke des Ritters, auf dessen Stirn die Zornesadern dick angeschwollen waren. »So! Ein solches nichtswürdiges Ansinnen macht mir der Burggraf, mir, dem Ritter Werner von Holzendorf, der noch niemals der Lüge und des Verrathes zu zeihen war!« Seine Augen sprühten Feuer, und seine Hände ballten sich; es wurde mir um die Seele des Boten angst, denn ich kenne den Herrn und wußte, was nun kommen werde. Er trat auf denselben zu und faßte ihn beim Wamms. »Und solch eine Botschaft wagst Du mir zu bringen? Meinen Freund und Waffenbruder soll ich verrathen und an Dein Nürnberger Gräflein ausliefern? Daß Du die Pestilenz kriegst, Du Schurke! Wie kannst Du Dich unterstehen, mit solch einem niederträchtigen Wische zu mir nach Bötzow zu kommen; wart’, ich werde Dir den Botenlohn auszahlen, wie Du ihn verdienst!« Er griff nach der hohen Lehne des Eichenstuhles, auf welchem er gesessen hatte, brach von derselben ein gar ergiebiges Stücklein herunter und bläuete ihn damit dermaßen durch, daß der arme, unschuldige Teufel, der keine Waffe besaß und sich auch gar nicht wehren durfte, um Hilfe schrie, daß es durch das ganze Schloß erschallte. Auf dieses Geschrei kamen die Mannen, welche in der Knechtestube zechten, alle herbeigelaufen und stürzten in den Saal. Aber dadurch wurde das Uebel nur noch ärger, denn sie befreiten nicht den Boten, sondern halfen dem Herrn zuschlagen, bis sie glaubten, daß der Bote genug habe.« »Das ist eine schlimme Sache,« meinte hier der Voigt. »Der Markgraf wird es nicht ungerügt lassen, daß man seinen Gesandten auf diese Weise abgefertigt hat, und ich glaube, unser Ritter wird seinen Jähzorn schwer büßen müssen!« »Mir hat der Mensch leid gethan; er lag regungslos am Boden, und ich glaubte gar, sie hätten ihn zu Tode geschlagen; aber Herr Werner faßte ihn beim Schopfe und schüttelte ihn dermaßen, daß er bald wieder lebendig wurde. »Was, Du armseliger Schlingel, Du willst Dich noch verstellen und thun, als ob es Dir an den Kragen gegangen sei? Wart, ich werd’ ein heiliges Wunder thun und Dich vom Tode erwecken! So, siehst Du, daß es hilft? Hier habt Ihr ihn. Werft ihn in den Thurm; da mag er nachdenken darüber, wie schön und lieblich es ist, dem Burggrafen zu dienen!« Die Knechte folgten diesem Befehle und schleppten ihn zur Thür hinaus, ich aber zog mich leise von dannen, denn mir that es leid um den Boten, und ich dachte mir wohl, daß der Ritter sein Beginnen später schwer zu büßen haben werde. Er mochte das hernach auch selbst eingesehen haben, denn er gab den Befehl, den Boten laufen zu lassen, und ließ ihm Thor und Gitter öffnen. Weit wird er nicht gekommen sein, denn er hinkte gar jämmerlich über die Zugbrücke, und ich sah, daß er sich draußen vor dem Graben niedersetzte, weil ihm seine wunden Glieder nicht mehr gehorchen wollten.« »Der wird uns beim Markgrafen eine arge Suppe einbrocken, die wir auszuessen bekommen, ohne daß uns der Dietrich davon helfen kann. Hat noch Nichts von seinem Aufenthalte verlautet?« »Nein; er scheint gut versteckt zu sein. Daß ihm Herr Werner dabei geholfen hat, das ist gewiß. Ich war mit dabei, als er den Ritt nach Friesack machte und habe ihn mit dem Quitzow davontraben sehen, während wir es mit dem fremden Ritter zu thun hatten.« »Das war in derselben Nacht, wo auch der Knecht verwundet worden ist, welcher bei mir liegt.« »Ein Knecht, sagst Du, der bei Dir liegt?« »Ja; Herr Werner brachte ihn mir des Morgens und befahl, ihn gut zu pflegen und alle Störung von ihm fern zu halten.« »Ist’s möglich! Sag’, wie sieht er aus?« »Es ist ein gar strammer, schwarzäugiger Gesell, vor dem man Respect bekommt, sobald er Einen nur anblickt. Ich glaube, ihm stände eine Rüstung besser zu Gesicht, als das alte Loderwamms, welches er anhat.« »Was ich da höre! Du, ich glaube, wir sind dem Dietrich auf der Spur. Im Stalle zu Bötzow steht ein Pferd, wie es kein Knecht, sondern nur ein ritterlicher Herr reitet, so edel und mit einem Sattelzeuge, welches grausames Geld gekostet haben muß. Es ist ein Rappe und gehört ganz gewiß dem Quitzow. Hätte dieser seine Flucht weit fortgesetzt, so wäre sein Pferd nicht zurückgeblieben oder er hätte sich ein anderes an dessen Stelle genommen; da dies aber nicht geschehen ist, so will es mich bedünken, als müsse er noch in der Nähe weilen. Kann ich Deinen Knecht vielleicht einmal sehen?« »Kennst Du den Ritter?« »Ja, ich habe ihn des Oefteren geschaut und würde ihn beim ersten Blick wiederkennen.« »So wollte ich den Mann Dir wohl gern zeigen, aber er verläßt sein Gemach nie, und hineinlassen darf ich Dich nicht, weil es mir vom Herrn verboten ist.« »Das ist mir gar nicht lieb, zu hören; aber vielleicht ist es möglich, ihn zu erkennen, ohne ihn zu sehen. Sind seine Reden die eines gewöhnlichen Knechtes?« »Er spricht fast wenig, und dann stets kurz, als wolle er befehlen, und dabei ist sein Gesicht ein solches, daß man gar nicht weiter zu sprechen wagt.« »Das will zu meiner Vermuthung recht gut passen; kannst Du Dich nicht vielleicht auf ein Wort besinnen, welches uns auf die richtige Spur zu bringen vermöchte? Es kommt wohl einmal ein Augenblick, an dem so ein Herr sich nicht bewacht.« »Hm, ja, es will mir scheinen, als ob Du Recht habest. Ich erzählte ihm einmal davon, daß die Mauern vor Friesack durch die »faule Grethe« zusammengeschossen und die Markgräflichen durch die Lücken in das Schloß gedrungen seien; da ist er aufgefahren und hat mich angeblitzt: Das sei nicht wahr; sodann hat er sich nach der Frau Elisabeth und den Kindern erkundigt, und jetzt, wo ich beginne, darüber nachzudenken, besinne ich mich, daß sein Gebahren ganz so gewesen ist, als ob er der Dietrich selbst wäre.« »Das ist genug! Er ist’s, und wir könnten großen Nutzen davon haben.« »Von welchem Nutzen redest Du?« »Hast Du denn vergessen, daß der Markgraf einen Preis auf seinen Kopf gesetzt hat? Wer den verdienen könnte, der hätte wohl nicht mehr nöthig, seine Haut für Andere zu Markte zu tragen!« »Daß mich Gott bewahre! Der Mann ist mir von Herrn Werner anvertraut worden und soll bei mir auch wohl verwahret sein. Ob’s Herr Dietrich ist oder einer seiner Knechte, das soll mir keine Schmerzen machen, denn ich habe die Befehle meines Ritters zu vollziehen und mag mich um das Uebrige nicht kümmern.« Der Lauscher hatte genug gehört, und da er vermuthete, daß die beiden Männer bald den Garten verlassen würden, so schien es ihm gerathen, nach seinem Gemache zurück zu kehren, damit er nicht von ihnen bemerkt werde. Das belauschte Gespräch hatte ihn überzeugt, daß er auf Neumühl nicht mehr sicher sei, denn es kam ihm ganz so vor, als könne er dem Knechte nicht trauen, und so war es ihm willkommen, daß Werner von Holzendorf am andern Morgen bei ihm vorsprach, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er berichtete ihm von der belauschten Unterredung und sagte ihm auch seinen Dank für die Treue, welche er ihm gegen das Ansinnen des Markgrafen bewiesen. »Ihr dürft mir derowegen gar nicht danken, Herr Dietrich,« antwortete ihm Werner, »da Ihr ganz dasselbe auch für mich gethan hättet, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen wäret; und was die Folgen meines Schnellzornes betrifft, so müssen wir abwarten, was der Markgraf zu thun für angemessen hält; aber wenn ich mit ihm zusammentreffe, so werfe ich ihm sicher meinen Handschuh hin für die Beleidigung, welche in der Zumuthung gelegen hat, an meinem besten Freunde zum Schurken und Verräther zu werden. Der Knecht, von dem Ihr spracht, ist mir nicht sicher; aber ich darf ihn nicht fortjagen, weil er sonst auf Rachegedanken gerathen würde; dagegen werde ich ihn gut bewachen und Euch an einen andern Ort bringen. Macht Euch fertig, mit mir fortzugehen!« Er begab sich zu dem Voigte, dem er die Mittheilung machte, daß der Knecht nun fast genesen sei und Neumühl wieder verlassen könne, er möge ihm daher ein Pferd geben und seine Wege ziehen lassen. Sodann ritt er fort und wartete im Walde, bis Dietrich von Quitzow ihm nachkam. Dietrich frug, wohin der Weg sie führen werde. »Nach Grabsdorf,« antwortete Werner. »Ihr könnt jetzt unmöglich unentdeckt aus dem Lande fliehen; man stellt Euch überall nach und lauert auf allen Wegen. Aber in Neumühl konntet Ihr unter diesen Umständen auch nicht bleiben, und da ist mir ein guter Gedanke gekommen. In Grabsdorf nämlich wohnen ein paar meiner alten Knechte mit ihren Weibern; sie haben von mir einige Häuser, und ich kann mich auf ihre Treue verlassen. Dahin bringe ich Euch. Sie sollen Euch hegen und pflegen, und dort seid Ihr sicher, so lang Ihr Euch nicht zu erkennen gebt.« Das Dorf Grabsdorf ist jetzt nicht mehr vorhanden und lag östlich von der Havel an Stelle des jetzigen Dorfes Friedrichsthal. Dietrich erhielt in einem Bauernhause eine Stube, und es wurde mit dem Besitzer des Hauses, Werners ehemaligem Knechte, die Verabredung getroffen, ihn für einen Verwandten auszugeben, den er zu sich genommen habe, um sich von ihm in der Wirthschaft helfen zu lassen. Zu diesem Letzteren erbot sich der sonst so stolze Ritter aus freiem Antriebe, um nicht ferner von der Langeweile gepeinigt zu werden, wie er sie während der letzten Tage empfunden hatte. Er wurde von den Leuten als ein Landmann ausstaffirt und machte sich nach Belieben und Gutdünken in der kleinen Wirthschaft nützlich. So verging der Februar vollends und der März brach an, welcher bessere Tage und eine Witterung brachte, welche erlaubte, die Feldarbeit vorzunehmen. Auch Dietrich ging hinaus, um mit Hacke und Spaten zu arbeiten, und es waren gar eigenthümliche Gedanken und Gefühle, welche sich bei dieser ungewohnten und erniedrigenden Beschäftigung in seinem Innern geltend machten. Der gewaltige Ritter, welcher fürstliche Macht und fürstlichen Anhang besessen, vor dem die Marken gezittert hatten und dessen Ruf weit über die Grenze des Landes hinausgedrungen war, er stand hier auf dem Felde, mit den Attributen der Leibeigenschaft in der Hand; er bauete den Boden, welcher einem Andern Zins zu bringen hatte, und mußte noch der Freundschaft dafür danken, welche ihm die Gestalt eines armseligen Knechtes gegeben hatte, um ihn gegen die Verfolgungen in Schutz zu nehmen. Wie oft hatte er nicht auf den Zinnen seiner Burgen gestanden und mit stolzen Blicken das Land überschaut, welches ihm unterthan war und unter den Hufen seiner streitbaren Rosse erzitterte; wie oft war seine Stimme durch die Räume der Schlösser oder im wilden Kampfgewühle erschollen und Hunderte hatten ihr Gehorsam geleistet, die da wußten, daß ihr Wohl und Wehe, ihr Hab und Gut, ja ihr Leben von seinem Wort und Willen abhängig sei! Und jetzt? Der Boden, auf welchem er stand, war ein fremder; kein Mensch achtete seiner Rede, sein Ruf war verklungen, sein Name geächtet, sein Glück vernichtet, sein Reichthum zerronnen und seine Macht tief in den Staub getreten. Ob wohl aus ihm ein Erstehen war? In diese Gedanken versunken, bemerkte er nicht, daß ein kleiner Trupp Reiter aus dem nahen Wald gekommen war und sich schon ganz in seiner Nähe befand. Es waren zwei bärtige Männer und ein Jüngling in dem Alter, welches die Knabenjahre nicht längst erst überstiegen hat. Die beiden Ersten waren wohlbewaffnet und ihre Mienen ließen in ihnen gar kampfbewährte Mannen vermuthen, der Letztere aber trug sein zierliches Schwert wohl kaum in der Absicht, sich damit zu vertheidigen, und seine Kleidung war eine solche, wie man sie mehr in der Nähe der Frauen und Edeldamen, als im Kampfe zu tragen pflegt. Doch zeigte seine übrige Ausrüstung, daß er trotzdem einer mannbaren Beschäftigung, nämlich der Jagd, obgelegen habe, und sowohl in seiner Haltung als auch in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag eine Hindeutung darauf, daß er an das Befehlen mehr gewöhnt sein müsse, als an das Gehorchen. Schon hielten sie hinter ihm, als er erst an dem Schnauben der Pferde ihre Gegenwart bemerkte. Der Jüngling trieb das seinige bis an ihn heran und frug: »Höre, Mann, wir haben uns verirrt. Kannst Du uns sagen, wo der nächste bewohnte Ort ist?« »Ja, das kann ich sagen,« antwortete er kurz, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. Der Gang seiner Gedanken hatte ihn in eine nicht freundliche Stimmung versetzt, und er fühlte sich daher nicht zu der gewünschten ausführlichen Antwort aufgelegt. »Nun, wie ist derselbe geheißen?« »Grabsdorf.« »Und wo liegt er?« »Dort,« berichtete er, mit der ausgestreckten Hand die Richtung bezeichnend, in welcher der Ort lag. »Ist es dort möglich, eine Erfrischung zu bekommen?« »Vielleicht.« »Höre, Bursche,« mengte sich jetzt einer der beiden Begleiter mit in das Gespräch, »Du scheinst mir ein sehr einsylbiger Kauz zu sein, aber ich mache Dich darauf aufmerksam, den Mund etwas besser aufzuthun, wenn wir ihn Dir nicht etwa öffnen sollen!« Dietrichs Auge überflog den Sprecher mit einem verächtlichen Blicke; dann drehte er sich zur Seite und fuhr in seiner Beschäftigung fort. »Nun?« frug der junge Herr, jetzt selbst etwas ungeduldig. »Kannst Du uns Niemanden nennen, uns den Weg zeigen oder, was noch besser wäre, uns nach Grabsdorf führen?« »Namen brauche ich Euch nicht zu sagen, denn Ihr werdet abgewiesen oder aufgenommen von einem Jeden, wie es ihm eben paßt. Den Weg habe ich Euch schon gezeigt; da hinter der Waldesecke liegt das Dorf, und mein Mitgehen ist also nicht nothwendig.« »Aber wir halten es doch für besser, daß Du uns begleitest,« entgegnete der Reisige. »Lege Deine Hacke weg und komme mit uns!« »Das werde ich wohl bleiben lassen!« »Das wirst Du wohl thun müssen!« lautete die drohende Erwiderung, indem der Sprecher sein Pferd näher an Dietrich drängte. »Wollt Ihr es mir vielleicht gebieten?« frug dieser, indem seine Hand sich fester um den Stiel der Hacke legte und sein dunkles Auge kampfeslustig blitzte. »Ich bin ein armer Bauersmann, aber ich habe Niemandem Gehorsam zu leisten als unserm Herrn, dem Ritter Werner von Holzendorf!« »Dem Herrn Werner gehört Grabsdorf? Daran habe ich gar nicht gedacht!« fiel der Jüngling ein, indem er sich an seine Begleitung wendete. »Wie ist es denn da um unsere Sicherheit bestellt, Ihr Mannen?« »Der Ritter Werner von Holzendorf sitzt als Markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow; er ist ein Diener des gnädigen Herrn, und so dürfen wir wohl auf seinem Grund und Boden weilen.« »Das lügt Ihr!« rief ihm Dietrich, sich vergessend, dazwischen. »Wer hat Herrn Werner zum markgräflichen Hauptmann gemacht? Wohl der Burggraf? Und wer ist es, der Euch die Unwahrheit berichtete, daß der Ritter ein Diener des »gnädigen Herrn« sei, wie Ihr zu sagen beliebt? Wohl auch der Burggraf selbst?« »Sei ruhig Gesell, sonst schlagen wir Dich auf den Mund! Wie kannst Du es wagen, den Herrn Markgrafen Friedrich von Zollern einen Lügner zu nennen, da sein erlauchter Sohn, der Prinz Johann, selbst sich vor Dir befindet!« Bei diesen Worten leuchtete es blitzartig über Dietrichs Angesicht. Welch’ ein Glück, welch’ ein Zufall! Bot sich hier nicht eine treffliche Gelegenheit zur Rache, eine Gelegenheit, sich die theuersten Vortheile zu erringen? Doch schnell beherrschte er sich und antwortete mürrisch: »Das habe ich nicht gewußt und bekümmere mich auch gar nicht um Eure dummen Geschichten. Aber da Ihr der Prinz seid, so will ich Euch den Weg zeigen!« Seine Hacke auf die Schulter nehmend, schritt er von dannen, ohne sich viel umzusehen, ob die Drei ihm auch folgten. Die Gedanken, welche er vor Ankunft der drei Reiter gehegt hatte, waren vollständig verschwunden und ganz anderen gewichen, welche jetzt gleich eilenden Pfeilen seinen Kopf durchschwirrten. Es dünkte ihm, als sei es ihm jetzt in die Hand gegeben, sein Schicksal auf glücklichere und hoffnungsreichere Wege zu bringen. Das Vorhaben war kühn und gewagt, ja, es war vielleicht nur durch eine That auszuführen, welche, wenn auch von seinen Freunden bewundert und gutgeheißen, doch vom Munde seiner Feinde mit dem Namen eines Verbrechens bezeichnet würde. Sollte er den günstigen Augenblick muthvoll ergreifen oder ihn unbenutzt vorübergehen lassen? Nicht Unentschlossenheit oder gar Feigheit war es, welche ihn diese Frage aussprechen oder vielmehr denken ließ, nein, aber die Folgen seiner That, wenn er sie wirklich ausführte, waren so gewaltige, so tief eingreifende und weittragende, daß sie wohl überlegt werden mußten. So schritt er, in tiefes Sinnen versunken, langsam dahin, und die Drei folgten ihm, ein wortloses Schweigen beobachtend. Da plötzlich rief Einer der beiden Reisigen: »Gottlob, dort kommen einige von unserer Gesellschaft, die uns suchen werden, aus dem Busche. Ich erkenne den Herrn Nymand von Löben an seinem großen Schecken, mit welchem er voranreitet!« So war es auch. Eine Anzahl Reiter nahten von der Seite her, und aus der Richtung, welche sie innehielten, war zu schließen, daß auch sie die Absicht gehegt hatten, Grabsdorf zu erreichen. Jetzt hielt der Vorderste von ihnen seinen Schecken an und beschattete mit der vorgehaltenen Rechten das Auge; er hatte den Prinzen erkannt, wandte sich mit einem frohen Rufe an die ihm Folgenden und kam nun mit ihnen im Galoppe über die Felder dahergesprengt. »Dank sei der heiligen Jungfrau, Prinz, daß wir Euch endlich wiederfinden!« rief er. »Wir haben große Sorge wegen Euch gelitten, als wir sahen, daß Ihr uns verloren seiet. Darum meine ich jetzt, daß – – —« er unterbrach bestürzt seine Rede; sein Auge war auf Dietrich gefallen. »Um Gott, mein lieber Junker, in welcher Gesellschaft muß ich Euch da treffen! Irrt sich mein Auge nicht, so ist dieser Knecht kein Anderer, als der Ritter Dietrich von Quitzow, den wir verfolgen und suchen. Der Holzendorf hat ihn in Grabsdorf vor unserm Forschen versteckt gehalten!« Wie eine zündende Rakete fuhr dieses Wort unter die Reiter. »Dietrich von Quitzow?!« rief’s wie aus einem Munde, und aller Hände streckten sich nach ihm aus. »Haltet ihn, haltet ihn fest, damit er uns nicht entrinne!« War er bisher darüber unschlüssig gewesen, was er thun und beginnen werde, jetzt gebot ihm die gefährliche Lage, in welcher er sich befand, zu handeln. Mit einem raschen Sprunge saß er hinter dem Prinzen auf dessen Pferde, rieß ihm die Zügel aus der Hand und zog, die Hacke in der gewaltigen Faust schwingend, das Thier vorn in die Höhe, um es durch die Feinde zu treiben. »Ja haltet mich, Ihr feilen Memmen, haltet mich, wenn Ihr könnt!« donnerte er und schlug den Nächsten von ihnen über den Kopf, daß er zusammensank. »Noch bin ich frei, und wer mich haben will, der mag mich greifen!« Der Schrecken über die Kühnheit seines Handelns und die Gefahr, in welcher sich demzufolge der Prinz befand, hielt ihre Glieder gelähmt, und als nun endlich Bewegung unter sie kam, war er längst zwischen sie hindurch und jagte in weiter Entfernung von ihnen über den Bruch. »Ihm nach, ihm nach!« rief es. Flüche und Verwünschungen erschollen; mit lauten Rufen und kräftigen Stößen suchte man die Pferde anzufeuern, und es begann eine Jagd, die für Dietrich gefährlich hätte werden können, wenn nicht der Vorsprung, welchen er hatte, so groß und sein Pferd das beste im ganzen Trupp gewesen wäre. Aller Grimm, alle Schnelligkeit, der man sich jetzt befleißigte, halfen nichts; der rasch entschlossene und verwegene Mann und mit ihm der Prinz waren und blieben für die Nachfolgenden verschwunden. Kapitel 6: Detlev Auf der Straße von Lenzen nach Grabow, welche wir schon kennen, ritten zwei Männer dahin, denen ein reisiger Knecht folgte. Es waren Herr Henning von Bismarck und der junge Detlev aus dem Zauberhause zu Tangermünde. Beide beobachteten ein tiefes Schweigen. Sie näherten sich jetzt immer mehr der Gegend, in welcher das Ziel ihres Rittes lag, dessen Resultat ein höchst zweifelhaftes war. Herr Henning trug sich mit gar ernsten Gedanken. Er kannte den Ruf, in welchem die Bewohner von Garlosen standen, wußte auch, daß sie ihm nicht freundlich gesinnt seien und hegte jetzt in Beziehung auf seine Sicherheit Bedenken, welche desto größer wurden, je näher sie dem Schlosse kamen. Und Detlev war trotz seiner Jugend in diesem Augenblicke ebenso gedankenreich wie sein Gefährte. Er befand sich auf dem ersten Ausfluge, welcher ihm vielleicht Gelegenheit gab, seinen Muth und seine Geschicklichkeit in Führung der Waffen zu beweisen, und vor der ersten Probe klopft das Herz eines Jeden, auch des festesten und sichersten Mannes lebhafter als zu anderen Zeiten. Da endlich brach Bismarck das Schweigen. »Ihr seid so still und nachdenklich, mein junger Freund. Reut es Euch vielleicht, Euch mit mir in eine Gefahr begeben zu haben?« »Wie könnt Ihr so fragen, Herr Ritter! Ich fühle mich hochbeglückt, in Eurer Nähe weilen zu können, und wünsche nur, daß bald eine günstige Gelegenheit komme, Euch zu beweisen, daß ich die Gefahr nicht fürchte.« »Ich will Euch das wohl recht gern glauben, aber die Gefahr, in welche wir uns begeben, ist eine solche, welcher sich nicht mit dem Schwerte begegnen läßt. Wer sich auf Schloß Garlosen begiebt, um die Boldewins wegen einer ihrer Thaten zur Rede zu stellen, der setzt sich sehr der Gefahr aus, von ihnen gefangen genommen und im Burgverließe untergebracht zu werden. Eine Gegenwehr würde da nur Wahnsinn sein. Wollt Ihr es mit mir wagen?« »Fragt doch nur nicht, Herr! Ich bin mit Euch gegangen und werde bei Euch bleiben in jeder Fährlichkeit, so lange Ihr mich in Eurer Nähe behalten möget!« Der Ritter reichte dem jungen Manne mit anerkennendem Lächeln die Hand hin. »Das habe ich von Euch erwartet; aber es könnte mir wohl wenig nützen, Euch mit mir in die gleiche Gefahr zu bringen; ich habe Eure Begleitung vielmehr begehrt, damit Ihr mir auf andre Weise Beihülfe leisten könntet.« »So wollt Ihr mich von Euch weisen?« »Nein, ich will Euch vielmehr das Amt eines Wächters anvertrauen, der dafür sorgt, daß mir die Rathschläge der Feinde keinen Schaden bringen.« »O sagt, was ich thun und beginnen soll! Ich werde Alles treulich ausführen.« »Das hoffe ich von Euch. Also hört: Ich werde in Begleitung meines Knechtes jetzt nach Garlosen reiten, Ihr bleibt zurück und hütet die Straße. Wenn ich bis zum Anbruche des Abends nicht wieder zurück bin, so haben sie mich gewaltsam zurückgehalten, und Ihr begebt Euch unverzüglich zu meinem Bruder Claus auf Burgstall, welcher das Weitere dann schleunig verfügen wird. Wollt Ihr das für mich thun?« Es verging eine Zeit, ehe die Antwort auf diese Frage erfolgte, und als sie endlich ausgesprochen wurde, geschah es in einem Tone, welchem nicht viel Freudigkeit anzuhören war. »Entschuldigt mein Zögern, ja zu sagen zu Euren Anforderungen; ich bin von dem Leben noch nicht geprüft worden, aber ich weiß und fühle, daß ich nie ein Freund des Wartens und Zögerns, sondern ein Mann der That sein werde. Könnte ich mitgehen und für Euch mit dem Schwerte drein schlagen, so würde ich das viel lieber thun, als mich an die Straße stellen, um es widerstandslos geschehen zu lassen, daß man Euch Leides thut. Doch werdet Ihr besser wissen als ich, was zu Eurem Heile dient, und so will ich Eurem Willen nicht widerstreben. Ich werde bis zum Abend warten. Kehrt Ihr nicht wieder, so soll die größte Eile mich zu Herrn Claus tragen, und Ihr werdet mir erlauben, auch meinem Vater Kunde zu geben. Es führt mein Weg durch Tangermünde, und er wird nicht säumen, Euch hilfreich beizuspringen.« »Euern Vater? Ihr meint doch Suteminn?« »Ja.« »Ist er Euer rechter Vater?« »Nein, aber er ist mir lieb und werth gleich einem Vater; ich habe der Liebe und Pflege so viel von ihm genossen, als mir die Eltern nicht hätten angedeihen lassen können, und werde Dankbarkeit und Treue gegen ihn hegen, so lange als mein Leben währt.« »So habt Ihr Eure Eltern wohl gar nicht gekannt?« »Wohl habe ich sie gekannt, aber die Länge der Zeit hat die Schärfe der Bilder verwischt, welche ich aus meiner Kindheit mit herübergenommen habe in das spätere Leben. Ich erinnere mich des Vaters als eines großen, stolzen Mannes, dessen Augen immer so tief und ernst auf mir und dem Schwesterlein ruhten, und die Mutter— ja die Mutter, die kann ich Euch gar nicht beschreiben. Wenn ich an sie denke, so ist es mir immer, als weilte ich in dem Paradiese, wo lichte Engel und gütige Feen ihr frommes, segnendes Wesen treiben.« »Und wie habt Ihr Beide verloren, wie seid Ihr von ihnen gekommen?« »Das geschah in einem Augenblicke, dessen Schrecken sich meiner Seele tief eingeprägt haben, und den ich nimmer, nimmer vergessen werde. Es war in einem tiefen, dunklen Walde, wo wir reisten; da fielen wilde Männer über uns her und schlugen erst unsere Knechte und dann auch den Vater nieder, obgleich ihnen ein wackerer Gesell zu Hilfe eilte, der brav darein schlug, um uns beizustehen. Der Anführer der Strolche war ein schwarzer Mann, der auf einem eben so schwarzen Pferde unter den Bäumen hielt und nicht eher an dem Kampfe Theil nahm, als bis ein Zweiter herbeigeeilt kam, der unsere Hilferufe vernommen hatte und nun wie ein Teufel unter den Strauchdieben aufräumte. Dann griff der Schwarze an und lockte ihn durch eine Flucht von dem Kampfplatze hinweg; währenddem wurden wir alle gefesselt; einige von den Räubern schleppten die Mutter fort, deren herzbrechendes Klagen und Wimmern mir heut noch in die Ohren klingt, die Anderen trugen den Vater mit sich fort und mit ihm den wackern Burschen, welcher uns Hilfe geleistet hatte und auch niedergeschlagen worden war, und wir beiden, das Schwesterlein und ich, blieben gebunden liegen, bis wir von dem Ritter gefunden worden, der den Schwarzen vergeblich verfolgt hatte und nun zurückkehrte, um nachzusehen, ob auf dem Kampfplatze vielleicht Jemand noch des Beistandes bedürfe. Er nahm uns mit sich, und da es ihm unmöglich war, die Eltern aufzufinden, so beschloß er, uns bei sich zu behalten an Kindesstatt.« »So war dieser Ritter Suteminn?« »Ja, und der Anführer der Bande war der schwarze Dietrich, von dem auch Ihr vernommen haben werdet.« »Wie sollte ich nicht von ihm gehört haben; er ist ja ein Schrecken des Landes gewesen lange Zeit, bis er mit sammt den Seinen plötzlich verscholl. Doch sollte ich meinen, daß Eure Eltern noch am Leben sein könnten, denn mich will bedünken, daß der schwarze Dietrich nicht ihr Leben geschont haben würde, wenn er nicht Ursache gehabt hätte, es zu erhalten. Es sind mir längst schon in Beziehung auf seine Person gewisse Gedanken im Kopfe herumgegangen, und wenn sich mir einst Gelegenheit bietet, Gewißheit zu erhalten, so werde ich nicht säumen, auch nach den Eurigen zu forschen.« »Ritter,« rief Detlev erregt, »was Ihr da sagt, weckt Hoffnungen in meinem Herzen, die bisher noch niemals darin wach gewesen sind. O, wenn es Euch möglich sein sollte, auch nur eine kleine Spur meiner Eltern aufzufinden, ich würde Euch dafür tausend Leben opfern, wenn ich sie besäße! Wollt darum dieses Eures Versprechens nicht vergessen, sondern seiner gedenken zur günstigen Zeit!« »Das werde ich; Ihr dürft Euch darauf verlassen! Jetzt aber scheint mir die Zeit gekommen, daß Ihr mich ohne Eure Begleitung weiter ziehen laßt. Es kann uns von Vortheilen sein, wenn die Ritter von dem Kruge nicht wissen, daß ich einen Getreuen in der Nähe habe, welcher die Meinen von dem benachrichtigen wird, was mir widerfährt. Also verbergt Euch wohl, und reitet sofort von dannen, wenn ich bis zum Abende noch nicht zurückgekehrt bin!« Nach kurzem Abschiede trabte er mit dem Knechte davon, während Detlev sein Pferd über eine Waldblöße lenkte, um hinter den angrenzenden Büschen Schutz und Verborgenheit zu suchen. Er band das Thier an einen Baum und streckte sich dann, tief in den Mantel gehüllt, in ruhender Stellung am Boden aus. Aber die Kälte des Wintertages war doch zu stark, als daß er es lange so auf dem mit Schnee bedeckten Boden ausgehalten hätte, vielmehr erhob er sich gar bald und beschloß, um sich warm zu erhalten, einen Gang tiefer in den Wald hinein zu unternehmen. Die Rückkehr Bismarcks war jetzt noch nicht zu erwarten, und so schritt er denn ohne Sorge vorwärts, halb sinnend, halb träumend, wie man es eben thut, wenn nichts Wichtiges die Gedanken beschäftigt. So war fast eine Stunde vergangen, als er sich zur Umkehr entschloß. Da vernahm er seitwärts von sich kräftige Schritte, unter denen der Schnee knarrte. In seiner Lage war es ihm geboten, auf Alles wohl Acht zu haben; hier führte kein Pfad durch den tiefen Forst, und der Mann, welcher vorüberschritt, ging also vielleicht einen Weg, welcher vor Andern verborgen bleiben sollte. So leise wie möglich schritt er dem Schalle nach und gewahrte bald einen Mann, welcher, mit einem feisten Rehbock über den Schultern, sich durch das niedere, abgestorbene Gezweig Bahn brach. Es war eine ungewöhnlich lange, hagere Gestalt, auf welche aber dennoch die Schwere der Last keinen Eindruck zu machen schien, denn der Träger derselben schritt nur wenig gebückt mit seinen dürren, ausgezehrten Beinen so schnell dahin, daß ihm Detlev kaum zu folgen vermochte. Schon wollte dieser in dem Glauben, er habe nur einen für ihn harmlosen Wilderer vor sich, dessen Bahn er nicht zu kreuzen brauche, umkehren, als ihn der Klang einer tiefen Baßstimme diesen Entschluß aufgeben ließ. »Halt, Pruder Steckelpein!« klang es; »pald wäre ich üper Dich hergefallen und hätte Dir Eins üper den Kopf gegepen, weil ich dachte, es wäre ein Fremder! Aper sage mir doch nur, wie Du mit dem Viehzeuge hierher in diese apgelegene Gegend kommst, die wir doch nur pei heimlichen Gelegenheiten petreten dürfen!« »So, also, Du bist es, Kaspar Liebenow? Komm, nimm mir doch einmal den Braten vom Halse, daß ich ordentlich reden kann!« »Das kann geschehen. Aper, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, ist das ein fettes Piest. Sag, wie ist denn der Pock eigentlich auf Deinen Puckel gekommen?« »D’rauf gesprungen ist er mir nicht! So, also: ich ritt mit meinem Herrn von Stavenow nach Garlosen, und unterwegs sagte ich zu ihm: »Hört, Ritter, darf ich vielleicht einmal abseits gehen?« Er sah mich an und antwortete: »Hrrr! Hm! Was hast Du denn da auf der Abseite zu suchen, he?« »So, also, das sollt Ihr gleich zu hören bekommen: Ich habe nähmlich gestern, während Ihr mit Denen von dem Kruge bei der Kanne saßet, auf dem Gebiete dessen von Deibow einige Drahtschlingen angebracht. Ihr wißt ja, daß der alte Herr von seinem Lehnstuhle nicht herunter kommt, und deshalb die Thiere seines Waldes wie im Paradiese leben.« »Hrrr! Hm! Und nun willst Du nachsehen, wie es in dem Paradiese aussieht?« »Wenn Ihr es erlaubt, Herr?« antwortete ich und freute mich über sein dickes Gesicht, welches in Hoffnung auf den Deibow’schen Braten ein seliges Schmunzeln zeigte. »Hrrr! Hm! Gut, so gehe abseits; aber sei nicht lange aus, und trage was Du findest nicht auf der Straße nach Garlosen, sondern bringe es durch den Gang. Weißt schon, welchen ich meine! Es ist nicht gut, wenn sich Einer von den Meinigen mit einem Bockleder sehen läßt, welches nicht auf meinem Gebiete gewachsen ist.« Ich danke, Ritter! Ihr sollt mit mir zufrieden sein, aber meinen Gregorimanorosewitsch kann ich nicht mitnehmen. Wollt Ihr ihn vielleicht an die Zügel binden?« »Hrrr! Hm! Gieb die alte Ziege her! Sie wird mir nicht viel Sprünge machen; wenn sich nur mein Schimmel nicht vor dem dürren Gespenste fürchtet.« »Tragt keine Sorge! Der ist zum Fürchten zu leutselig. So, also, da hängt er fest. Gehabt Euch wohl!« Ich ging, fand den Bock, gab ihm den Gnadenstoß, lud ihn auf und trug ihn davon. Da hast Du die ganze Geschichte. Nun weißt Du sie!« »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Du pist doch ein Deiwelskerl, Pruder Steckelpein, denn auf den Gedanken mit den Schlingen wäre ich nicht gekommen! Also Dein Herr ist nach Garlosen?« »Ja, Du hast es doch gehört!« Das ist gut, denn da prauche ich nicht nach Stapenow zu laufen, was keine ehrliche Kriegsgurgel gern zu Fuße thun wird!« »Nach Stavenow? Was hast Du denn da zu suchen, Kaspar?« »Ja, das ist eine ganz verdeiwelte Geschichte. Du kannst Dich doch noch auf die Juden pesinnen, welche wir da unten in dem Loche stecken hapen?« »Warum sollte ich nicht? Es ist ja nur erst einige Tage her, seit wir sie hinunter steckten. »Gut. Da kommt vorhin ein Ritter, ich glaupe, es war Einer von Pismarck, und sagt, die Juden hätten Gelder pei sich, die ihm gehörten; er verlange sein Eigenthum zurück und außerdem die Freiheit der peiden Männer und ihrer Tochter; sie seien von Gardelegen, wo Einer hause, der es üpel vermerken werde, wenn man Leute peraupe, welche seinem Schutze anvertrauet seien.« »So, also, und was haben denn unsere Ritter zu dieser dreisten Rede gesagt?« »Sie hapen ihm erst mit der Faust gewinkt, daß er gehen solle, und als er trotzdem dagepliepen ist und fortschimpfiret hat, hapen sie ihn festgenommen und in ein Gelaß gesperrt, wo es nicht gar üpel ist.« »Das hätte ich auch gethan. Was hat sich ein Bismarck um das zu kümmern, was auf Garlosen geschieht!« »Höre, Pruder Palthasar, Du redest mit einem schiefen Schnapel! Wenn das Geld ihm gehört, so praucht er es sich nicht nehmen zu lassen, und wie der alte Poldewin pemerkte, so hat der Pismarck einen ganz verdeiwelt guten Stand pei dem Purggrafen. Der wird es nicht leiden, daß man einen seiner Ritter des Geldes und der Freiheit peraupe, und ich glaupe, wir sehen ihn pald mit einigen wenigen Leuten vor Garlosen erscheinen, um uns aus der alten vermaledeieten Donnerpüchse ganz gehörig anzuspucken.« »So, also! Und vor der fürchtest Du Dich? Die reite ich mit meinem Gregorimanorosewitsch über den Haufen, daß die Stücke davonfliegen!« »Pruder Steckelpein, das wirst Du wohl pleipen lassen! Allen Respect vor Dir und Deinem Laforikorilorimitsch mit sammt Euren langen Peinen, aper die Püchse, das ist das große Wunderthier mit den siepen Köpfen, was in der Pipel steht und Feuer speit grad’ so wie der perühmte Perg Vesuvius in Welschland, in dem der große Höllendrache wohnt, dem sie alle Tage zwölf siepzehnjährige Jungfrauen zu fressen gepen müssen, wenn er nicht das Land verwüsten soll.« »Das ist ja ganz schauderhaftes Viehzeug, Kaspar, aber einen schlechten Geschmack scheint er mir nicht zu haben, denn so ein siebzehnjähriges Burgfräulein muß doch zarter sein, als solch altes Pergament wie Du und ich.« »Höre, Palthasar, Du darfst mich nicht peleidigen! Ich und mein Pruder Peter, wir sind die schmucksten Purschen gewesen in den ganzen Marken, und die Mädels hapen sich unsertwegen fast die Augen aus den Köpfen gedreht. Jetzt freilich pin ich etwas weniger hüpsch, aper immer noch ein ganz reputirlicher Kerl.« »So, also, einen Bruder hast Du gehabt? Welchem Herrn dient der jetzt?« »Du, der ist ein ganz verdeiwelt perühmter Mensch geworden. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper gegen den pin ich ungefähr ganz und gar Nichts. Der hat sich nämlich auf das Meer verlaufen und ist auf einem Schiffe, womit man Garlosen über den Haufen fahren könnte. Er war einmal auf Pesuch pei mir, als ich dazumal in Plaue lepte, und hat einem fremden Ritter peigestanden, der von dem schwarzen Dietrich überfallen worden war, ich glaupe, es war ein Herzog oder König von Arapien oder Engelland. Der hat ihn mitgenommen, und seit dieser Zeit hape ich nichts mehr von ihm gehört, aper ich kenne den Peter, und es wird gar nicht lange gedauert hapen, so wird er ein Prinz geworden sein.« »Ein Prinz, Kaspar? Das ist ein gar grausam großes Thier! Wird er das aushalten können?« »Der? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Peter war ein ganzer Kerl und fast nach mir gerathen. Er hatte nur einen Fehler, und den hape ich ihm nie apgewöhnen können, nämlich er sprach das sanfte p grad’ so aus wie das scharfe p und prachte nicht einmal seinen eigenen Namen Liepenow richtig üper die Zunge, denn er sprach ihn stets nur Liepenow, und es muß doch heißen: Liepenow. Ich hape mir viel Mühe mit ihm gegepen, aper es ist umsonst gewesen, denn der Fehler stammt von unserm Vater, der auch immer Pruder statt Pruder gesagt hat und Paum statt Paum.« »So, also! Und ich hatte auch einen Bruder, der auf das Wasser gerathen ist. Er war ein Zwilling von mir und hieß Samuel Haberland. Wir sahen einander ähnlich wie ein Ei dem andern, und ich habe nie wieder Etwas von ihm gehört, seit er fortgegangen ist; ich glaube, er ist einmal in ein tiefes Loch gerathen und hat darin elendiglich ertrinken müssen, denn auf der See soll es ganz heillose Löcher geben, so tief wie ein halber Kirchenthurm, die bis obenheran voll Wasser sind. Es kann mir Leid thun um den armen Teufel, und ich gäbe gleich meinen Gregorimanoro – – nein, den nicht, aber diesen fetten Bock hier gäbe ich auf der Stelle darum, wenn ich erfahren könnte, an welchem Orte sie ihn dort begraben haben.« »Das will ich Dir glaupen, Pruder Palthasar, denn für einen Pruder thut man mehr, als für einen fremden Menschen. Da Du aper doch hier auf diese Kunde nicht warten kannst, so will ich Dir das Thier jetzt wieder auf die Achseln hepen; wir müssen zurück in das Schloß, denn man weiß nicht, was da wegen des gefangenen Ritters für Dinge vorgehen können, pei denen wir gepraucht werden. Ich hape das Licht in dem Gange prennen lassen. Komm, so, prr, ist das Piest dick und schwer! Da, jetzt hast Du es open, und nun vorwärts, daß wir hinein kommen!« »So, also, geh Du voran und mache die Sträucher auseinander, daß ich hindurch kann!« – — Dem Lauscher war kein Wort dieses eigenthümlichen Gespräches entgangen, und wenngleich er die beiden Leute nicht kannte und ihm auch manche Aeußerungen unklar waren, so hatte er doch so viel verstanden, daß Herr Henning von Bismarck zurückgehalten worden sei und vielleicht gar als ein wirklich Gefangener behandelt werde. Hier war es nothwendig, einen schnellen Entschluß zu fassen. Wie weißlich hatte der vorsichtige Ritter gehandelt, ihn nicht mit auf das Schloß zu nehmen, denn so war es ihm nun möglich, den Seinigen schnelle Nachricht zu bringen. Jedenfalls hatten die Herren von dem Kruge so ein Derartiges vermuthet, da ihr Bote, welcher Claus von Quitzow von Stavenow holen sollte, sonst nicht den Weg durch einen verborgenen Gang gesucht, sondern die Burg auf die gewöhnliche offene Weise verlassen hätte. Aber war es unter den vorhandenen Umständen auch rathsam, der Weisung Bismarcks sofort zu folgen und schleunigst nach Burgstall zu reiten? Der Weg war weit und die Hülfe schwer und erst spät herbei zu schaffen. Konnte dieselbe nicht vielleicht auf kürzerem, wenn auch gefährlicherem Wege geleistet werden? Detlev überlegte nicht lange. Der Muth, welcher ihn beseelte und das Bewußtsein seiner körperlichen Kraft und Gewandtheit ließen ihn von Zweiem das am nächsten Liegende wählen, und mit möglichster Vorsicht schlich er sich deshalb den beiden Männern nach. Sie blieben vor einem dichtverwachsenen Strauchwerk stehen, welches zur Laubzeit des Sommers fast undurchdringlich sein mußte. Daß dem aber nicht so war, bewies Liebenow, denn er schob an einer Stelle das Dickicht auseinander und hielt die dadurch entstandene Lücke so lange offen, bis der Andere mit seiner Last hindurch gelangt war. Detlev blieb noch einige Augenblicke zurück, um sie erst in den Gang, von welchem sie gesprochen hatten, eintreten zu lassen. Er mußte sich hüten, seine Anwesenheit durch das Knacken der Zweige zu verrathen und schlüpfte darum nicht eher an derselben Stelle durch das Gesträuch, als bis er sich sicher glaubte. Es war nur eine enge Felsenspalte, welche sich hinter demselben zeigte, aber sie erweiterte sich nach kurzer Zeit zu einem ausgehauenen Gange, welcher, wie an mehreren Umständen zu erkennen war, viel betreten sein mußte. Mit beiden Händen sich an den Seitenwänden forttastend, schritt er vorwärts und vernahm nun bald die Schritte der ihm Vorangehenden. Zu gleicher Zeit bemerkte er den Schein des Lichtes, welches Liebenow jedenfalls trug, und nun war es ihm möglich, immer den nöthigen Abstand zwischen sich und ihnen zu halten und auch ihnen zu folgen, ohne sich vielleicht in einen Seitengang zu verirren. Nachdem der Weg eine geraume Weile grad’ und eben fortgeführt hatte, stieg er nach und nach immer mehr aufwärts, krümmte sich verschiedene Male, wurde von gemachähnlichen Erweiterungen und Stufen oder Treppen unterbrochen und mündete endlich in ein Gewölbe, an dessen beiden Seiten lange Reihen von Särgen standen. Es war die Todtengruft der früheren Besitzer von Garlosen. Hier klangen die Schritte laut von den steinernen Wänden und der von schweren Bögen getragenen Decke wieder. Dieser Umstand konnte an dem Eindringlinge zum Verräther werden; er hielt unwillkürlich seinen Fuß zurück und schlich erst dann sich weiter, als er bemerkte, daß der Lichtschein vor ihm plötzlich verschwunden sei. Da ertönte ein raschelndes Klirren hinter ihm, dem ein dumpfer Stoß folgte, als ob leere Kästen aneinander stießen. Was war das? Schnell trat er zur Seite; es war ja möglich, daß von daher eine Gefahr ihm drohe, die er an sich vorüber gehen lassen müsse. Als sich aber ein Weiteres nicht vernehmen ließ, schritt er zurück, um vor allen Dingen die Ursache des vernommenen Geräusches zu untersuchen. Sie war bald gefunden. Die Mündung des Ganges nämlich war jetzt durch eine Anzahl über— und nebeneinander gestellter und dicht zusammengefügter Särge verdeckt, die eine Wand bildeten, welche durch irgend einen Mechanismus beweglich sein mußte. Jetzt war ihm der Ausgang versperrt; auf dem zurückgelegten Wege konnte er das Schloß nicht wieder verlassen; dies wurde ihm nur dann möglich, wenn es ihm gelang, die Vorrichtung zu entdecken, durch welche die Sargwand verschoben werden konnte. Von Neuem schritt er durch die Dunkelheit vorwärts. Sie wurde gemildert nur durch einige kleine Oeffnungen, welche von oben her schräg durch die dicke Mauer führten und dem Tageslichte einen außerordentlich spärlichen Zutritt gestatteten. Bald jedoch hatte sich sein Auge einigermaßen an den Lichtmangel gewöhnt und er gewahrte nun am Ende des Gewölbes eine Stufenreihe, welche nach aufwärts führte. Er stieg hinan. Die Oeffnung, zu welcher sie führte, war durch eine Steinplatte verschlossen, deren Gewicht ein mit nicht ungewöhnlicher Körperkraft ausgestatteter Mensch wohl kaum bewältigt hätte. Detlev aber war der dabei nothwendigen Anstrengung mehr als gewachsen. Er stemmte die eine Schulter an den Stein, hob ihn leise und nur ein wenig empor und versuchte, durch die entstandene Spalte einen Blick in den Raum zu werfen, welcher über dem Grabgewölbe lag. Leicht war es möglich, daß sich Jemand in demselben befand und durch die Bewegung des Steines auf ihn aufmerksam gemacht wurde. Glücklicher Weise war er leer. Es war die Kapelle des Schlosses. Der letzte Schein des sinkenden Tages warf ein magisches Duster durch die kleinen runden und vielfach gefärbten Fensterscheiben; auf dem Altare brannte die ewige Lampe, und tiefe Stille herrschte rings umher. Lange aber sollte dieselbe nicht währen; ein Gemurmel nahender Stimmen schlug an sein Ohr, und kaum hatte er Zeit gehabt, sich hinter einem Beichtstuhle zu verstecken, so war die Thür geöffnet und eine Anzahl bewaffneter Männer trat herein. »Dat is gut, daß mir der Balduwin zum Kerkermeister gemacht haben thut!« sagte der Voranschreitende. »Wat meenst Du dazu, Kaspar, daß ich den dummen Kerl so fein ausgefragt haben thue?« »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper einen schlauen Kopf hast Du, Pruder Schwalpe! Mir wäre es gar nicht in den Sinn gekommen, daß da unten im Holze Einer auf den Pismarck warten könnte. Aber weil ich es nun einmal weiß, so werde ich ihm Eins auf die Haupe gepen, daß er damit zufrieden sein kann!« »So, also!« klang es von einer andern Stimme; »Ihr paßt gut zusammen: der Eine kann gut denken, der Andre gut schlagen; darum bringt Ihr auch immer etwas Ordentliches fertig, wenn Ihr mitsammen geht, und die Ritter haben ein ganz besonderes Vertrauen auf Euch geworfen.« »Höre, Balthasar, ich muß Dich sagen, daß Du diesmal ganz außerordentlich recht gehabt haben thust; uns zwee Beide haben die Finken zusammengetragen, und seit Du mit Deinem Vierzigtausendsylbewitsch dazugekommen bist, thut uns keen Mensch niemals widerstehen werden!« »Das ist wahr, Pruder Schwalpe, aper die peiden Gäule, welche ich mir damals geholt hape, sind auch nicht schlecht; der Meinige ist zwar etwas steif auf den Peinen, ein wenig dumm im Kopfe und leidet, wenn er langsam geht, an kurzem Athem; schnell gelaufen ist er mir noch nicht; hingegen aper der Andere, den Du Dir als freiwilliges Geschenk weggeholt hast, das ist ein Roß, auf welchem selbst der herrliche Ritter Dietrich von Quitzow sitzen und streiten könnte, wenn es noch ein wenig Fleisch hätte und fünfzehn Jahre später geporen wäre. Er ist pald so schön wie der Praune, auf welchem heut der Pismarcksche Knecht gekommen ist, den Du vorhin so herrlich ins Examinum genommen hast.« »Er sagte mich, daß der Junker, welcher an der Straße warten gesollt haben thut, sich vielleicht ein Weniges in den Wald hineingeschlagen haben thäte. Derumwegen sollen wir durch den Gang gehen und ihn heimlich auffinden. Weißt Du, Balthasar, wie wir dat machen thun werden?« »So, also; wenn Du es sagst, nachher weiß ich es.« »Thust Du es vielleicht wissen, Kaspar?« »Der Palthasar hat es mir noch nicht gesagt; wie kann ich es also wissen!« »Und Ihr Anderen, wat thut Ihr zu die Sache meenen?« »Wir wissen es auch nicht,« antwortete Einer für die Anderen. »Gut, wenn Ihr alle es nicht wissen wollen thut, so werde ich es Euch sagen. Bruder Kaspar, thust Du vielleicht schon einmal gehört haben, was ein Gaul machen thut, wenn een anderer ihn anwiehert?« »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper wenn ich das nicht weiß, so will ich gleich selper auf der Stelle ein Gaul werden!« »Nun, wat thut er?« »Er wiehert auch.« »Gut, und wenn ich mir hinter den Busch stecke und wiehere ihn an?« »So wird er denken, daß Du auch ein Gaul eist, und Dir Antwort gegen.« »Richtig! Thust Du nun bald Etwas gemerkt haben?« »Pruder Schwalpe, Du pist der reine Deiwelskerl! Auf diese Weise werden wir den Junker fangen und an den ersten pesten Paum aufhängen.« »So, also, Ihr wollt ihn aufhängen? Nein, das geht nicht, denn die Ritter wollen ihn lebendig haben.« »Höre, Balthasar, dat thut sich ganz von selbst verstehen, daß der Wachtmeister nur blos Spaß gemacht haben thun wird. Also wenn ich wiehere, und sein Pferd antwortet, so thun wir hören, wo er sich verkrochen hat. Dann schleichen wir uns leise in dieselbige Gegend hin und geben ihm zu verstehen, daß die drei Boldewins auf ihn zu warten gesonnen sind. Geht er freiwillig mit, so thut es gut sein; thut er aber sich freiwillig wehren, so muß er erst recht mitgehen werden. Wat meent Ihr dazu?« »Pruder Schwalpe, Deine Rede in Ehren, aper sie ist gut, und wir werden uns nichts Pesseres ausdenken können.« »So wollen wir unsern Kriegsrath schließen und nun machen, daß wir endlich fortkommen thun. Kaspar, kannst Du den Gang aufmachen werden?« »Das will ich wohl meinen! Der junge Herr Poldewin hat es mir selper gezeigt, weil er meinte, daß sein Wachtmeister das wissen müsse. Ueprigens ist der Gang nicht heimlich, denn die Pesatzung von Garlosen pesteht aus lauter grauen Kriegsmännern, welche sich eher in Stücke reißen lassen, als daß sie irgend Etwas verrathen; darum ist der Weg für Alle offen, welche aus irgend einem Grunde nicht durch das Schloßthor gehen sollen. Aper ich hape mir sagen lassen, daß es noch einen Gang giept, von dem plos die Herren wissen, nicht wahr, Pruder Steckelpein?« »Ja, Kaspar. So, also, jetzt wißt Ihr Alles, und nun kommt!« Die Männer schritten der Platte zu, Liebenow aber, welcher dem Vernommenen nach auch hier auf Garlosen die Stelle eines Wachtmeisters bekommen hatte und also nach jetzigem Ausdrucke der subalterne Anführer der Schloßmannen war, trat zu dem Beichtstuhle, hinter welchem Detlev verborgen stand. Diesem klopfte bei der Annäherung des Reisigen das Herz doch ein wenig schneller, aber seine Befürchtung hob sich sofort, als derselbe die Thür des Stuhles öffnete und mit der Hand hineinlangte. Ein leises Knirschen machte sich vernehmlich, dem bald unter den Füßen des Lauschers dasjenige Geräusch folgte, welches er in dem Begräbnisse gehört hatte. Die Männer waren währenddeß mit der Beseitigung des Steines fertig und stiegen, den Wachtmeister an der Spitze, die dunkle Treppe hinab. Der Stein wurde von unten in seine frühere Stellung gerückt. Jetzt durfte Detlev es wagen, aus seinem Verstecke hervorzutreten. Wie die Sache stand, konnte ihn das, was er gehört hatte, wenig beunruhigen. Die Männer waren zwar in Folge der Plauderhaftigkeit des mitgefangenen Knechtes ausgesandt, um nun auch ihn in die Gewalt der Ritter von dem Kruge zu bringen, aber es war nun ja über allen Zweifel erhaben, daß sie höchstens sein Pferd finden würden. Er war Mitwisser des Ganges, also eines wichtigen Geheimnisses geworden, welches ihm heut’ oder später Nutzen bringen konnte, nur handelte es sich vor allen Dingen darum, auch die Mechanik kennen zu lernen. Er trat daher in den Beichtstuhl, welcher nur mit einem außen angebrachten Riegel versehen und also leicht zu öffnen war, und trat hinein, um sein Inneres einer Untersuchung zu unterwerfen. In der einen Ecke der Hinterwand war ein kleiner eiserner Drücker angebracht; er mußte mit dem Hebel in Verbindung stehen, mit dessen Hilfe die Sargwand verschoben werden konnte. Es galt eine Probe. Es war mehr als hinreichend Zeit verstrichen, daß die Knechte das Gewölbe verlassen und einen bedeutenden Theil des Ganges zurückgelegt haben konnten; daß sie das Rollen und Anschlagen der Wand hören würden, ließ sich also nicht mehr befürchten; er ergriff den Drücker und schob ihn zurück. Die Wirkung war sofort zu vernehmen; ein zweiter Druck brachte Alles wieder in seine vorige Stellung. Nun war das Nächste, die Thür zu öffnen, welche aus der Kapelle zu den bewohnten Räumen des Schlosses führte. Schon stand er im Begriffe, sich derselben zu nähern, als er von neuem Schritte hinter ihr vernahm. Rasch verbarg er sich in seinem vorigen Zufluchtswinkel. Es war der alte Boldewin selbst, welcher eintrat. In der einen Hand trug er die Leuchte und in der andern ein Körbchen, dessen Inhalt sich nicht genau unterscheiden ließ. Langsamen Schrittes ging er durch den Raum, verschwand hinter dem Altare, und bald war auch der Lichtschein, welcher ihn begleitet hatte, nicht mehr zu bemerken. War hier vielleicht einem zweiten Geheimnisse auf die Spur zu kommen? Detlev hatte nicht nöthig, sich vor dem zwar als tapfer bekannten, aber doch immerhin alten Manne zu fürchten; ein einziger Schlag mit seiner kräftigen Faust mußte ihn ja niederstrecken. Rasch und leise eilte er ihm nach. Die Hinterwand des Altares war mit einem alten, halbvermoderten Heiligenbilde versehen, welches jetzt auf die Seite geschoben war und eine dunkle, ebenfalls nach unten führende Oeffnung sehen ließ, in welcher das Licht des in einiger Entfernung vorwärts schreitenden Ritters einen düsteren Schein verbreitete. Detlev folgte ihm. — Er hatte nicht weit zu gehen, denn nach nur wenigen Schritten noch blieb Boldewin vor einer mit starkem Eisenbleche versehenen Thür stehen, nahm einen Bund Schlüssel aus dem Gürtel, öffnete das knarrende Schloß und trat in die dunkle Zelle. Im nächsten Augenblicke stand der entschlossene Jüngling hart an der Thür; es war ihm gleich, was da kommen werde, und er mußte um jeden Preis hören, was weiter geschah. »Nun, könnt Ihr Euch nicht erheben, wenn ich komme?« hörte er die Stimme des Schloßherrn fragen. Keine Antwort erfolgte. »Hier habt Ihr Euer Essen und Trinken! Ich sehe, es schmeckt Euch, denn Ihr laßt nie Etwas übrig. Aber Ihr könntet es besser haben, wenn Ihr endlich auf meine Bedingungen einginget.« Der Sprecher zögerte mit der Weiterrede; er schien eine Entgegnung zu erwarten, aber es erfolgte keine und nur das Klirren von Ketten bewies dem Horcher die Gegenwart eines zweiten Wesens. Die Stimme des Ritters nahm jetzt einen ärgerlichen Ton an. »Glaubt Ihr mit Eurem Schweigen vorwärts zu kommen? Ihr habt es anfänglich nicht schlimm bei uns gehabt, aber Euer widerspenstiges Betragen ist Euch zum eigenen Schaden gewesen. Dabei wißt Ihr recht gut, daß ich auch nicht kann, wie ich zuweilen möchte, denn es giebt noch Mehrere, die über Euer Loos mit zu bestimmen haben. Besinnt Euch! Ich habe es satt, noch länger hinter dem Rücken meiner Knechte den Gefängnißvoigt zu machen, und beliebt es Euch, hartnäckig zu bleiben, so mögt Ihr dann auch die Folgen tragen.« Wieder keine Antwort, und wieder lautlose Stille. »Gut, wie Ihr wollt! Dennoch aber will ich noch einmal einen Versuch machen und Euch den frommen Vater Eusebius schicken. Der mag Euch mit der Gewalt seiner Rede zu Herzen sprechen, und ich hoffe, daß Ihr Euch dann eines Besseren besinnen werdet. Unsereiner versteht besser mit Schwert und Humpen, als mit einem verstockten Herzen umzugehen!« Jetzt endlich erfolgte die erwartete Antwort: . »Laßt das sein, Ritter! Euer gewissenloser Heuchler wird noch weniger ein Zugeständniß von mir erlangen, als Ihr. Hinderten mich die Ketten nicht, so hätte ich ihn schon bei seinem ersten Besuche niedergeschlagen wie einen Hund!« Trotz der kräftigen und entschlossenen Rede klang doch die Stimme schwach und heiser. Der Gefangene mußte in dem dunkeln, feuchten Loche viel gelitten haben. »Es ist recht von Euch, daß Ihr mir das sagt; so kann ich ihn warnen, Euch näher zu treten, als es unumgänglich nothwendig ist. Gehabt Euch wohl! Ich hoffe, daß – – —« Weiter hörte Detlev Nichts. Der Abschieds-Gruß mahnte ihn, sich zu entfernen. Er that dies aber keineswegs eilig, sondern zog sich nur so weit zurück, daß ihn der Schein des Lichtes nicht erreichen konnte. Boldewin trat aus der Zelle und verschloß dieselbe sorgfältig wieder; dann schritt er weiter in den Gang hinein und Detlev folgte ihm von neuem. Die Unvorsichtigkeit des Ritters, den Eingang oben hinter dem Altare offen zu lassen, war ihm unbegreiflich. Der Alte mußte entweder ganz genau wissen, daß jetzt sich Niemand demselben nahe, oder es war in dem Verschluß des Bildes ein Fehler geschehen, sodaß dasselbe nicht von beiden Seiten, sondern nur von der einen geöffnet werden konnte. Der Weg führte diesmal in einen schmalen Seitengang und dann auf einer schmalen, schlüpfrigen Treppe nach oben. Der junge Mann hatte die letzte Stufe noch nicht erreicht, als er eine Stimme hörte, deren Klang sein Herz vor Freude erbeben machte. »Fragt Ihr einen Bismarck, ob er sich besonnen habe? Ein Mensch Eures Gelichters kann dem Rohre gleichen, welches der leiseste Wind hin— und herweht; zögere ich doch, Euch den Ehrennamen eines Ritters zu geben, der Ihr gegen Gesetz und Menschenrecht einen Mann festhaltet, der offen und ehrlich zu Euch gekommen ist, um mit Euch zu reden und zu verhandeln. Was ich gesagt habe, gilt: Ich gehe nicht von meiner Forderung ab, und sollte ich bis zum jüngsten Tage gefangen gehalten werden. Damit begnügt Euch ein für alle Male. Und nun geht! Der Anblick eines Wegelagerers und Verräthers ist mir zuwider!« »Das sagt Ihr mir? Mir, dem Boldewin von dem Kruge, dessen Schwert noch Jedem im Nacken gesessen hat, der es wagte, mir ein Feind zu sein? Was hindert mich, Euch für diesen Schimpf dem Verderben preiszugeben? Ich darf Euch nur einschließen und die Nahrung entziehen, so seid Ihr in wenigen Tagen eine Leiche.« »Glaubt Ihr das wirklich? Hört, alter Mann, seid doch nicht so stolz auf Euer Können! Ehe ich zur Leiche werde, fällt Garlosen in Trümmern. Was nützen Euch Eure Thüren, wenn der Tritt meines Fußes stärker ist als sie, und was pocht Ihr auf Euer Schwert, wenn es jetzt nur meines Willens bedarf, Euch mit einem Griffe meiner Hand zu erwürgen?« »Hoho, Ritter, das werdet Ihr wohl unterbleiben lassen. Ihr habt uns Euer Wort gegeben, Euch zu fügen und keinen Versuch zur Flucht zu machen, bis wir mit den Eurigen über die Bedingungen zu Eurer Entlassung uns geeinigt haben, und da Ihr auf den Namen eines Bismarck so außerordentlich stolz seid, so werdet Ihr auch wissen, daß noch niemals Einer Eures Geschlechtes sein Wort gebrochen hat.« »Ich wollte Euch auch nicht rathen, das Gegentheil zu behaupten; aber da Ihr in der Geschichte meiner Familie so bewandert und mit unserem Character so vertraut seid, so laßt Euch sagen, daß ein Bismarck noch niemals ein Wort gegeben hat, dessen Bedeutung er nicht vorher wohl erwogen hätte und welches er vielleicht gezwungen sein würde zu brechen.« »Wie meint Ihr das?« »Ich versprach bei meiner ritterlichen Ehre, keinen eigenhändigen Versuch zur Flucht zu machen und mich gegen die Zusicherung eines ritterlichen Gefängnisses so lange in meine Abgeschlossenheit zu fügen, als nicht von den Meinen Etwas geschieht, was auf meine Befreiung Einfluß hat. Entzieht Ihr mir die Nahrung, oder erfüllt Ihr Eure andern Drohungen, so ist mein Gefängniß kein ritterliches mehr, ich bin meines Wortes entbunden und werde thun, was mir beliebt.« »Stellt Euch dies nicht so leicht vor! Es hat mancher kühne und starke Mann unsere Verließe kennen gelernt, der sich erst wie ein Löwe geberdete und dann als geduldiges Lamm in unseren Willen fügte. Die Eurigen werden mit ihrer Hilfe nicht so gar bald zur Stelle sein!« »Meint Ihr?« erklang es hinter ihm. Wie von einer Vieper gestochen, fuhr er herum und starrte mit vor Erstaunen und Schrecken weitgeöffneten Augen den Jüngling an, welcher ruhig lächelnd auf ihn herniederblickte. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier? Wie seid Ihr hierhergekommen?« stieß er endlich hervor und griff an die linke Seite, als wolle er nach dem Schwerte langen, welches ihm doch in diesem Augenblicke fehlte. »Wer ich bin, das laßt Euch nicht anfechten; ich frage vielmehr, wer Ihr seid, der Ihr es wagt, mit Herrn Henning von Bismarck in diesem Tone zu sprechen.« »Wer ich bin, junger Mensch, das sollt Ihr bald erfahren, der Ihr Euch ohne mein Wissen und Willen in diese Burg einschleicht! Also noch einmal, wer seid Ihr, was wollt Ihr, und wie seid Ihr bierhergekommen?« »Ich bin Einer von Denen, auf deren Beistand und Hülfe Herr von Bismarck mit so festem Vertrauen wartet; ich komme auf einem Wege, den es mir gefallen hat, zu gehen, und will Euch zeigen, daß der edle Ritter hier Euch nichts als die Wahrheit gesagt hat, wenn er von Eurem Unvermögen sprach.« »Wahrt Euch, Mann, oder Ihr seid verloren, sobald ich Hülfe rufe!« »Also Ihr bedürft doch der Hülfe, obgleich Ihr der Herr dieses Schlosses seid, wie ich aus Euren Worten vernahm. Wir aber, die wir allein und schutzlos dastehen inmitten Eurer Mauern, wir rufen Niemanden zum Beistande herbei, weil wir desselben nicht bedürfen. Habt die Gewogenheit, Ritter, mir zu folgen! Ihr seid Eures Wortes entbunden, denn Eure Befreiung geht nicht von Euch, sondern von mir, Einem der Eurigen aus!« Diese letzten Worte waren an Herrn Henning gerichtet, dessen Erstaunen über das für unmöglich gehaltene Erscheinen Detlevs ebenso groß gewesen war, wie dasjenige des alten Boldewin, nur daß man es in seinen Zügen nicht so leicht zu lesen vermochte, wie in denjenigen des alten Humpenstechers, dem der Schreck so stark in die Glieder gefahren war, daß das Zipperlein sich einstellte und er mit zitternden Beinen und schmerzverzerrtem Gesichte sich trotz seiner mannhaften Rede an die Wand lehnen mußte. »Welch’ eine Freude, Euch frei und unverletzt hier zu sehen!« lautete die Antwort, und der Sprecher reichte dem Jünglinge, welcher vorsichtig unter der Thür stehen geblieben war, die Hand entgegen. »Ich soll Euch folgen? Steht es denn wirklich in Eurer Macht, mich von hinnen zu führen?« »Das mögt Ihr mir wohl glauben, Herr, da ich sonst entweder gar nicht oder wenigstens nicht unverletzt hier stehen würde.« »Nun wohl! Ich will Euch nicht fragen, wie Ihr hereingekommen seid, das werde ich ja zu passenderer Zeit erfahren, doch – – —« »Halt,« unterbrach ihn Boldewin, der seine Schmerzen überwand, um einen Versuch der Einschüchterung zu machen. »Ihr werdet nicht von der Stelle gehen; der Gang ist besetzt!« »Macht Euch nicht lächerlich, Herr Boldewin,« lachte ihm Detlev entgegen. »Ich bin hinter Euch hergegangen und weiß also ebenso gut wie Ihr, was wir zu fürchten haben! Uebrigens werden wir Euch kein Leid zufügen, da Ihr Herrn Henning bisher in ritterlicher Haft gehalten habt; aber es wird Euch wohl belieben, an seiner Stelle auf einige Zeit dies Wohngemach hier zu hüten, dessen Lieblichkeit ich unten in dem dunklen Gange nicht geahnt habe.« Die Treppe nämlich, welche er herauf gestiegen war, führte in das Innere eines alten, unbewohnten Thurmes, dessen Zugang man in weiser Absicht zugemauert hatte. Niemand hätte hier ein menschliches Wesen vermuthet, und doch waren die kleinen Räume wohnlich eingerichtet und ein Blick durch die zwar engen Mauerscharten lohnte mit der prächtigsten Fernsicht. Henning von Bismarck hätte hier wenigstens in Beziehung auf des Leibes Nahrung und Nothdurft keinen Schaden gelitten, und zudem hatte seine Gefangenschaft ja auch nur einige Stunden gewährt, so daß versöhnlichere Gefühle nicht ganz ungerechtfertigt waren. »Ich stimme Euch bei,« fügte Bismarck hinzu, »und werde aus dem Umstande, daß Ihr Euch jetzt in unserer Gewalt befindet, für meine Person keinen Nutzen ziehen. Was hindert mich, Gewalt an Euch zu legen oder Euch mit mir zu nehmen, um mich zu rächen und ein Erkleckliches von Euch zu erpressen!« »Ich, ich selbst würde Euch hindern!« rief Boldewin, indem er sich zusammenraffte, mit einem raschen Schritte vor Detlev stand und diesem mit einem unvermutheten Griffe das Schwert zu entreißen suchte. Aber er hatte sich verrechnet, denn der junge Mann erfaßte die Hand und hielt dieselbe mit solchem Drucke umschlossen, daß er vor Schmerz aufschrie; dazu gesellten sich die Qualen der plötzlich zurückgekehrten Krankheit, die so furchtbar waren, daß er beinahe in die Kniee sank. »Also für mich verlange ich nichts; aber wo habt Ihr die Juden? Sie sollen auch frei sein!« »Sucht sie Euch!« klang die Antwort. »Kommt Ritter,« sprach Detlev, den der Zustand des alten Mannes erbarmte, der in der verzweifelten Lage sich befand, an sich und den Seinen zum Verräther zu werden. »Wir werden sie wohl zu finden wissen!« Er erfaßte Laterne und Schlüssel, schob den widerstrebenden und nach Hülfe rufenden Schloßherrn in das Gemach hinein, warf die Thür in das Schloß und schob die schweren, dicken Eisenriegel vor. Dann führte er den befreiten Gefangenen durch den Neben— und Hauptgang bis an das Bild an der Rückseite des Altars. Dasselbe war weder mit Schloß noch Riegel versehen, sondern paßte ganz genau und lückenlos in die Umfassung und konnte sowohl nach innen als auch nach außen hin wie eine Thür geöffnet werden. Boldewin hatte also vorhin nur vergessen, sie in ihre gewöhnliche Lage zurückzuschieben. Da es schwer in den Angeln ging und einem gewöhnlichen Drucke der Hand Widerstand leistete, so war diese Einrichtung trotz ihrer scheinbaren Mängel doch eine kluge und vorsichtige zu nennen. Detlev schloß die Oeffnung und bat den Ritter: »Bleibt hier hinter dem Eingange und haltet Wache, damit wir nicht überrascht werden! Ihr habt Eure Waffen nicht?« »Man hat sie mir abgenommen.« »Hier ist mein Schwert; es befindet sich in kundiger und guter Hand.« Er schritt in den Gang zurück bis an die Thür der Zelle, in welcher Boldewin vorhin gewesen war, und öffnete dieselbe mit Hülfe des Schlüsselbundes. Als er eintrat, bemerkte er einen alten Mann, welcher, an Händen und Füßen gefesselt, auf dem Strohlager saß und ihn keines Blickes würdigte. »Erschreckt nicht vor der frohen Kunde, welche ich Euch bringe! Ihr seid – – —« Der Mann blickte auf, und ein unbekanntes Gesicht erblickend, fiel er ihm in die Rede: »Geht fort von mir und sagt Eure Thorheit Einem, der Eures Spottes würdig ist! Für mich giebt es hier keine frohe Kunde.« Detlev hatte keine Zeit zu einer langen Erklärung; er setzte die Laterne auf den Boden und suchte sich unter den Schlüsseln den passenden aus, um die Fesseln von des Mannes Gliedern zu lösen. Erstaunt sah dieser ihm zu. »Wahrhaftig, Ihr scheint die Wahrheit gesprochen zu haben! Sagt, seid Ihr ein Mensch oder ein Engel?« »Ein Mensch, wie Ihr, bin ich; aber haltet still, damit wir nicht säumen, wir haben keine Zeit!« »Dann sagt mir jetzt nur das Eine: Wer hat Euch erlaubt, meine Banden wegzunehmen?« »Niemand. Ich bin heimlich in das Schloß gedrungen, um einen edlen Ritter zu befreien, und stand vorhin an Eurer Thür, als dieselbe geöffnet war. Da nun der Ritter frei ist, sollt auch Ihr es sein.« »Ihr wißt aber nicht, wer ich bin?« »Nein. Ihr bedürft meiner Hülfe, und ich biete sie Euch.« »Du braver junger Mann, auch ich kenne Dich nicht,« rief der Gefangene; er stand jetzt von den Fesseln befreit grad und aufrecht vor Detlev, dessen Hände er erfaßt hielt, »aber Du sollst mich kennen lernen und meinen Dank empfinden, so lang mein Auge offen bleibt und weit darüber hinaus!« »Sprecht nicht von Dank, sondern eilt, daß Ihr von hinnen kommt. Geht hier nach vorn, da steht der Ritter, um den Ausgang zu behüten, und Ihr mögt mit ihm auf mich warten!« Nun klopfte er an jede der anderen Thüren, welche sich in dem Gange befanden und frug, ob Jemand hinter ihnen sich befinde, der frei zu sein wünsche. Bei allen, außer der letzten, war dieses Klopfen vergeblich, dort aber ertönte eine Antwort, die allerdings wegen der Dicke und Festigkeit des Verschlusses nicht deutlich verstanden werden konnte. Nach langem Bemühen gelang es ihm, zu öffnen, und kaum hatte er die Thür zurückgezogen, so traten zwei Männer mit solcher Eile in den Gang, daß sie ihn fast umgerissen hätten. »Ist es möglich, was wir haben gehört,« rief der Eine, »daß der Gott unserer Väter schickt seine Jerubim und Seraphim, welche klopfen an die Thüren der Hölle, um zu befreien die frommen Männer Aron Itzig und Veit Schmuel aus den Schatten des Todes und der Finsterniß?!« »Schreit nicht so laut,« raunte ihnen der Jerubim mit dem Schlüsselbunde zu, »sonst stecke ich Euch auf der Stelle wieder hinein!« »Um Gott, Herr Ritter, was Ihr doch könnt machen für einen Spaß mit zwei armen Juden aus der Stadt Gardelegen! Ihr klopft an die Thüren, um zu erlösen die Gefangenen, und nun wir Euch leisten Gehorsam, wollt Ihr uns wieder bringen zurück in das grausame Loch!« »Wo habt Ihr Eure Tochter?« »Meine Tochter?« antwortete Itzig, »welche ist schön wie Sulamith und herrlich wie Judith zu Bethulia? Die haben gerissen die Räuber von mir, und ich weiß nicht, wo hingekommen ist der Stolz und die Freude meines Lebens; aber Sarah, mein Weib, das mir geboren hat fünf Söhne und sieben Töchter, ist in meinem Hause zu Gardelegen und wartet mit Schmerzen auf Aron, ihren Geliebten, welchen sie – —« »Schweigt mit Eurer Sarah. Ich frug nach Eurer Tochter, um zu wissen, ob sie Euch wiederzugeben sei! Wenn heut nicht, so wird es doch später wohl geschehen; jetzt aber kommt mit mir zu Herrn Henning von Bismarck!« »Herr Henning von Bismarck ist gekommen, zu gedenken der Kinder Juda, welche da sitzen unter den Weiden zu Babylon und hängen ihre Harfen – – —« »Schweigt und kommt!« Der Ton dieser Unterbrechung klang jetzt so barsch, daß sie endlich beherzigt wurde. Die beiden glücklichen Kinder Israels folgten dem Voranschreitenden bis an den Ort, an welchem Bismarck stand, dem gegenüber sie sich zu voluminösen Lobes— und Dankesüberhebungen anschickten, dabei aber von ihm mit zwar leiser, jedoch scharfer Mahnung abgewiesen wurden: »Was schreit Ihr da in dem Gange, als stäkt Ihr an dem Spieße? Es gilt hier, vorsichtig zu sein, und mir scheint, ich habe Stimmen in der Kapelle vernommen.« Keiner wagte auf diese Warnung ein Wort zu sagen. Der Ritter und Detlev öffneten die Thür, um zu lauschen. Wirklich vernahmen sie ein Wechselgespräch zwischen einer männlichen und weiblichen Stimme, und als sie es wagten, bis an die Ecke des Altares vorzutreten, sahen sie den Pater Eusebius, welcher vor einer weiblichen Gestalt stand, die in einem der Kirchenstühle Platz genommen hatte. »Ja, es ruht ein schwerer Fluch auf Euch und Eurem irren Glauben. Ihr habt Eure Gesetze unter Donner und Blitz vom Sinai empfangen, und das Wetter hat seit jener Zeit fortgeleuchtet über Eurem starren Haupte bis auf den heutigen Tag. Der Messias ist gekommen, Euch das Heil zu bringen; Ihr aber wolltet ihn nicht erkennen, sondern habt ihn verfolgt, an das Kreuz geschlagen und gemartert bis zum Tode. Der Sohn Gottes mußte sterben wie ein gewöhnlicher Verbrecher, und diese Schuld liegt auf Euch und Eurem Volke bergesschwer. Und dennoch streckte die heilige christliche Kirche ihre versöhnende Hand aus auch nach Euch; sie will Euch von dem Fluche erlösen, Euch Gnade und Vergebung bringen; Ihr aber weist die Barmherzigkeit Gottes von Euch und schleppt Eure Last unter Seufzen und Weinen weiter. Willst auch Du so thöricht sein wie die Anderen, meine Tochter? Siehe, die Liebe sucht Dich, und das Erbarmen des Lammes, welches aller Welt Sünde trägt, will Dich erreichen. Du kannst Heil und Segen bringen auf Dich und die Deinen; warum willst Du die Langmuth Gottes in schnödem Eigensinne in Zorn und Rache verwandeln?« »Laßt mich gehen mit Euren Reden,« hauchte es zurück. »Ich verstehe sie nicht und werde lieber sterben, als daß ich von dem Glauben meiner Väter weiche!« »Gott der Gerechte,« stieß Itzig hervor; »das ist das Kind meines Herzens, Fleisch von meinem Fleische und Blut von meinem Blute! Der Baalspfaffe hat sie genommen in seine Krallen, um sie untreu zu machen, daß sie verläßt ihren Glauben und bringt Schande auf das graue Haupt ihres Vaters!« »Sei ruhig, Jude,« befahl ihm Detlev. »Willst Du Dich und uns verrathen?« »Was soll ich sein? Ruhig soll ich sein, wenn zerrissen wird meine Taube von dem Geier, welcher sie verschlingen will mit seinem Rachen?« »Wenn Du nicht schweigest, so stecke ich Dich wieder hinter in das Loch; da magst Du schreien, so viel Du nur immer willst!« »Gott Abrahams, Isaaks und Israels, was wollt Ihr thun? In das Loch wollt Ihr mich stecken? Ich werde schweigen und meine Zunge halten bis in alle Ewigkeit, Sela!« »Du willst meine Rede nicht verstehen?« fuhr der Pater fort, indem er seine Hand hart auf die Schulter des Mädchens legte. »Gut, so werde ich auch Dein Weinen nicht verstehen, wenn Du um Deinen Vater jammerst, über den der Tod beschlossen ist! Deines Herzens Härtigkeit ist es zuzuschreiben, daß ich ihm meine Hilfe entziehe, wenn das Gericht über ihn ausgeführt wird.« »Nein, nein,« weinte das Mädchen; »das werdet Ihr nicht thun! Ihr sprecht von der Liebe Eures Gottes und von seiner Gnade und Barmherzigkeit, und wenn Eure Worte Wahrheit enthalten, so könnt Ihr nicht grausam handeln an Denen, die Euch kein Leides zugefügt haben.« »Du sprichst thöricht! Auch die Liebe muß streng sein, wenn ihr widerstrebt wird. Sie will den irrigen Sünder nicht fallen lassen und bringt ihn, wenn er sich gegen ihren heiligen Willen sträubt, mit Gewalt zum Heile. Ich werde Dich unterrichten in den Sätzen unseres alleinseligmachenden Glaubens und für Deine Seele sorgen, wie der Bräutigam sorgt für das Glück seines süßen Bräutleins. Du wirst die Gnade erkennen, die Dich ergreifen und zur Seligkeit führen will, und Deine Seele wird mit der meinigen verbunden sein, wie das Herz des Weibes hängt an dem des geliebten Mannes, denn mich erbarmt des verirrten Schäfleins, und ich will es zurückführen zur fetten Weide und es lieben und leiten, damit es sich nicht wieder hinaus in die Wüste verlaufe!« Er bog sich tief zu ihr nieder und versuchte, den Arm um sie zu schlingen; sie aber schnellte empor und stieß ihn mit aller ihr zu Gebote stehenden Kraft von sich. »Geht, Scheinheiliger! Ich habe Nichts mit Euch zu schaffen. Nie mag ich Eure Lehren hören, denn Ihr verbergt hinter ihnen nur die Tücke und Falschheit Eures Herzens!« »Nein, mein süßes Jungfräulein, nicht Tücke ist es und Falschheit, welche in meinem Herzen wohnt, sondern Deine Schönheit hat mir den Sinn gerührt, daß ich Dich nicht möchte in das Verderben laufen lassen. Dein Zorn hilft Dir Nichts, denn die Hand des Heiles hat Dich erfaßt und wird Dich nicht wieder von sich lassen. Wehre Dich also nicht, sondern vertraue Dich meinem Arme an; er ist stark und warm, und es wird Dir behaglich dünken, von ihm geschützt und gehalten zu werden.« Er trat wieder auf sie zu; sie aber wich zurück. »Geht, sage ich Euch, Elender; ich mag von Euch Nichts wissen!« »So sagt Ihr alle, die Ihr nicht erkennen wollet, was zu Eurem Frieden dient; aber das währt nur kurze Zeit, und bald wirst Du Dich an mich gewöhnt haben!« Er ergriff sie mit beiden Händen und zog sie an sich; sie strengte sich vergeblich an, von ihm loszukommen; ihre Kräfte waren denen des frommen Mannes nicht gewachsen. »Laßt mich, oder ich rufe um Hilfe!« »Hilfe? Hier giebt es für Dich keine, außer bei mir!« »Meinst Du?« klang es neben ihm, und zu gleicher Zeit fiel eine Faust so kräftig auf seinen Schädel, daß er mit den Händen suchend um sich griff und dann zu Boden stürzte. Es war Detlev gewesen, welcher den guten Hieb geführt hatte; er bückte sich nieder und schnürte dem Mönche mit dem Stricke, welchen derselbe um die Kutte trug, Hände und Füße zusammen. »Mein Kind, meine Tochter!« rief der Jude. »Ich werde singen, spielen wie David auf dem Psalter und mit neun Saiten: Lobe den Herrn, meine Seele, der dir hat wiedergegeben den Liebling, der verloren war! Wie wird erschrecken und staunen mein Weib, wenn sie wird hören von den großen Thaten, die wir haben gethan unter den Philistern! Es wird sich erheben ein Lob im Gebirge, und in den Thälern wird erklingen der Ruhm von Aron Itzig und Veit Schmuel aus Gardelegen.« Jetzt erhob sich Detlev aus seiner gebückten Stellung und sein Auge fiel zum ersten Male auf die Jüdin, deren Gesicht er bisher noch nicht erblickt hatte. Hoch und stolz stand ihre herrliche Gestalt vor ihm, beleuchtet von dem ewigen Lichte und dem Scheine der Laterne, welche jetzt Schmuel in der Hand trug. Ihr großes, orientalisch geschnittenes, dunkles Auge ruhte mit einem Ausdrucke auf ihm, der ihn im tiefsten Innern erbeben machte, und als sie jetzt ihre Stimme erhob, war ihr Klang ein ganz anderer, als vorhin dem Pater gegenüber. »Dank Euch, Herr, für die Hilfe, die Ihr mir geleistet habt! Ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber mein Herz wird an Euch und diese Stunde denken, so lange ich lebe!« Sie ergriff seine Hand und drückte sie dankend an sich. Er fühlte die Fülle des Busens unter ihr erbeben; nie gekannte Regungen durchflutheten ihn, und es geschah ihm zum ersten Male in seinem Leben, daß er vor Verwirrung keine Worte fand. Bismarck löste ihn aus dieser peinlich seligen Lage, indem er das Schweigen brach. »Laßt uns eilen, daß wir von hinnen gehen. Man könnte uns sonst entdecken, und dann würde es uns wohl schwerlich gelingen, aus diesem Hause zu entkommen!« »Noch müssen wir warten, Ritter,« antwortete Detlev, der dem Sprecher gegenüber seine Sprache wiederfand. »Der Gang, durch welchen wir uns entfernen müssen, ist jetzt nicht sicher für uns, da sich mehrere Knechte der Herren von dem Kruge in demselben befinden. Sie sind ausgezogen, mich zu fangen, und werden, wenn sie mich nicht finden, wohl bald zurückkehren.« »Euch fangen? Wer hat ihnen von Euch Nachricht gegeben?« »Euer Knecht, den sie ausgefragt haben; ich hörte es aus ihrem Munde.« »Der Verräther! So soll es mich auch nicht grämen, daß ich ihn zurücklassen muß. Ist der Gang ein verborgener?« »Er mündet hier unter diesem Steine, nach dessen Beseitigung man in ein Grabgewölbe gelangt, aus welchem es unter der Erde fortgeht bis hinaus in den Wald. Laßt uns hinter den Altar zurücktreten; ich hoffe, daß wir nicht zu lange warten müssen!« Diese Hoffnung erfüllte sich. Nach nicht langem Warten ertönte unter der Kapelle ein Geräusch, welches auf das Nahen der Erwarteten hindeutete, und nicht lange darnach hob sich die Steinplatte, aus welcher die hohe und breite Figur des Wachtmeisters emporstieg, dem Schwalbe mit einigen der Uebrigen folgte. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche!« brummte der Erstere; »aper es ist für einen ehrlichen Kriegsmann nichts Liepenswürdiges, seine alten Peine so durch den dunklen Erdpoden hindurchzuschiepen. Was sagst Du dazu, Pruder Schwalpe?« »Wat ich da derzu sage? Nichts, gar nichts nich. Aber daß ich gewiehert habe, ohne den Mann bekommen zu thun, dat thut mir gewaltig ärgern. Seinen Gaul haben wir, aber wat thut uns dat nützen mögen? Und ob ihn der Balthasar mit seinen langen Armen fangen werden wird, dat is mich auch noch so eine gewisse Art von Unsicheres. Wir konnten selber unten bleiben thun, und ich glaube, daß Du hier einen großen Fehler wirst zu thun gehabt haben!« »Schwalpe, Pruder Schwalpe, was für ein Deiwel ist Dir denn eigentlich in den Leip gefahren, daß Du glaupst, der Wachtmeister Kaspar Liepenow könne einen derartigen Fehler pegehen? Wenn wir unten pleipen und pekommen ihn nicht, so hapen wir die Suppe auszuessen, pleipt aper der Palthasar unten und pekommt ihn nicht, so hat er es zu verantworten, und üprigens hape ich ihm so viel Mannen gelassen, daß ihm der Junker nicht davonlaufen kann, wenn er zu seinem Gaule zurückkehrt. Kannst Du es pegreifen?« »Höre ‚mal, Du alter Schlagmirtodt, Du thust doch zuweilen einen ganz guten Gedanken haben, und ich wundere mir nur über mir selber, daß ich ihn nicht gehabt haben thue. Aber ist es nicht dieser Fehler, so thut es ein anderer sein, den wir alle gemacht haben, und dieser möchte mir noch viel mehr Wunder nehmen als der vorige.« »Mir ist von einem Fehler keine Spur pekannt; also sag, was wir nicht richtig gemacht hapen!« »Ja, wir haben es nicht blos nicht richtig gemacht, sondern wir thun es sogar vollständig ganz und gar nicht gemacht haben. Sage einmal, Kaspar, wat thun wir jetzt für eine Jahreszeit haben?« »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Deine Frage könnte mich peinahe peleidigen! Winter natürlich!« »Schön! Und wat thut es im Winter?« »Kalt sein.« »Nicht richtig. Weiter!« »Schneien.« »Gut! Und wenn es schneien thut und es läuft Einer in dem Schnee herum, wat thut man hernachmals sehen?« »Die Fußtapfen.« »Na, also! Weißt Du nun, wat ich meene?« »Jetzt weiß ich es. Aper das ist ja eine ganz verfluchtige Deiwelsgeschichte, daß wir so lange draußen herumgelaufen sind und hapen auch das Pferd gefunden, aper auf die Fußspuren sind wir noch nicht gefallen. Pruder Schwalpe, Du pist ein Esel, ich pin zwei Esel, und von den Anderen ist Jeder drei Esel!« »Da thust Du Recht haben, von wegen die zwei Esels und drei Esels; den einen aber nimmst Du zu den zweien und dann thut es grad zwei mal drei sein. Wat meenst Du da derzu, Kaspar?« »Pruder Schwalpe, wenn Du es nicht wärst, so schlüge ich Dir ein Loch in den Kopf, so groß, daß Du selper hineinfallen und die Peine prechen könntest. Aper da stehen wir und vergessen, den Rittern Rechenschaft zu gegen von dem, was wir pegonnen hapen. Hept den Stein wieder an seine Stelle; den Gang können wir auch schließen, denn Pruder Steckelpein wird mit seinem Volke durch das Thor kommen!« Während die Leute seiner Weisung folgten, trat er zu dem Beichtstuhle, und das darauf folgende unterirdische Rollen bewies, daß der Mechanismus seine Schuldigkeit gethan habe. Während dessen hatte Bismarck den gebundenen Geistlichen mit Hilfe Detlevs in die Zelle getragen, in welcher die Juden eingesperrt gewesen waren, und ihn dort eingeschlossen. Als die Kriegsknechte sich entfernt hatten, nahm Detlev den Stein hinweg, ließ die Uebrigen in die Oeffnung treten und brachte, ehe er ihnen folgte, den Drücker, welcher in dem Beichtstuhle angebracht war, in Bewegung. Darnach folgte er ihnen. Mit Hilfe der Laterne wurde ihnen die Passage durch das Gewölbe und den Gang leichter, als sie es ihnen bei vollständiger Dunkelheit gewesen wäre, und nur die Jüdin, an dergleichen Anstrengungen und Abenteuer nicht gewöhnt, hielt das schnelle Vorwärtskommen um ein Beträchtliches auf. Endlich traten sie vor die Felsenspalte; es war mittlerweile Nacht geworden, und der Mond warf ein zweifelhaftes Licht durch das wirre Gezweig auf die der wiedergewonnenen Freiheit sich freuende Gesellschaft. »Itzig,« rief Schmuel, »das Wägelchen ist hin und mit ihm Alles, was wir haben gepackt darauf und bezahlt mit grausam vielem Gelde; aber daß ich kann wiedersehen den runden Mond, den breiten Himmel und die langen Bäume, das ist mir lieber, als daß ich verloren habe das Geld. Laß uns loben den Herrn, welcher errettet hat Noah aus der Fluth des grimmigen Wassers, und danken diesen Herren, die gedacht haben an uns in der Zeit der Noth!« »Ja, wir wollen lobsingen und spielen einen Reigen, wie die Tochter Jephtha’s, als er kam von der Schlacht, in welcher er geschlagen hatte die Feinde Israels. Und Du, mein Kind, laß hören Deine Stimme zu dem herrlichen Ritter, welcher in dem Augenblicke der Gefahr herbeigesprungen ist wie der Löwe vom Libanon und die Löwin von Hermons Bergen und hat geschlagen den Priester Astaroths auf das Haupt, daß er ist umgefallen wie ein Stein, den man stößt in den Sand!« Diese Mahnung war überflüssig, denn schon während der Wanderung durch den Gang hatte sich das schöne Mädchen auf Detlev gestützt, und bei dem Austritte aus demselben erfaßte sie seine Hand und zog sie fest und innig an den Mund. Dabei lehnte sie ihr dunkles Köpfchen an seine Schulter und frug mit zitternder Stimme: »Wie kann ich Euch jemals danken, Herr! Es ist zu groß, was Ihr an uns gethan habt, als daß wir mit Worten sagen könnten, was unsere Herzen denken. Ich bin nur eine geringe Magd, aber erlaubt mir, an Euch zu denken, so oft meine Seele zurückkehrt zu den Schrecken der letzten Tage!« »Laßt den Dank und alles Reden jetzt noch bei Seite,« meinte Bismarck. »Ihr habt ja gehört, daß es hier Späher giebt, welche uns gefährlich werden könnten. Wo habt Ihr Euer Pferd gelassen?« »Erlaubt mir, Euch zu führen! Der Ort ist nicht gar weit von hier, und ich werde ihn wohl trotz des nächtlichen Dunkels wiederfinden. Doch nehmt das Schwert zur Hand, damit uns Niemand unbewehrt findet!« Langsam und vorsichtig ging es vorwärts; es war ein gefährlicher Weg, denn jeden Augenblick konnte der lange Kriegsknecht, den Detlev in der Kapelle gesehen hatte, über sie herfallen. Die Nacht war zwar nicht vollständig finster, aber die Schatten täuschten, und in jedem dunklen Streifen glaubte der junge Mann einen der herbeieilenden Feinde zu erkennen. Er überlegte, wie der gefürchteten Ueberraschung vorzubeugen sei, und erinnerte sich der Art und Weise, wie der listige Schwalbe das Pferd gefunden hatte. Er blieb stehen, legte die Hand an den Mund und ließ ein täuschend ähnliches Wiehern erschallen. Die stille Nachtluft trug es weit durch den Wald und brachte bald auch die darauf erfolgte Antwort zurück. Mit vermehrter Vorsicht wurde der Weg fortgesetzt, Detlev immer voran, dann Bismarck und in einiger Entfernung die Anderen hinterher. Nach einiger Zeit wurde das Wiehern wiederholt, die Antwort ertönte aus fast unmittelbarer Nähe, und bald darauf löste sich eine dunkle Gestalt vom Schatten der Bäume und trat, gefolgt von einer kleinen Anzahl Männer, auf Detlev zu. »So, also! Da bist Du ja wieder. Konntest wohl den Weg nicht finden, Kaspar? Was haben die Ritter gesagt?« »Wirst es gleich hören und fühlen!« rief der Angeredete und sprang in der Absicht, ihm das Schwert zu entreißen, auf ihn zu. Leider aber blieb sein Fuß an der Wurzel eines Baumes hängen, und ehe er das verlorene Gleichgewicht wieder erlangen konnte, hatte Balthasar die Waffe aus der Scheide gerissen und drang auf ihn ein. »D’rauf, ihr Leute!« rief er; »er ist es, den wir suchen. So, also, nur immer wacker!« Aber schon stand Bismarck vor ihm, und die Klingen Beider kreuzten sich zum lebensgefährlichen Waffentanze. Fast hätte man meinen sollen, der skelethagere Knecht sei dem Ritter überlegen; er führte sein Schwert gleich einem Satan und machte Herrn Henning gar viel zu schaffen. Wer weiß, welches Ende der Kampf genommen hätte, wenn nicht Detlev noch zur rechten Zeit an die Seite seines hart bedrängten Gefährten getreten wäre. Es war ihm gelungen, einem der Knechte den Flamberg zu entwinden, und so bewaffnet, hatte er sie nach wenig Augenblicken in die Flucht geschlagen. Nun wandte er sich gegen Balthasar, dieser that das Seinige, dem doppelten Angriffe kraftvoll zu widerstehen; als er aber bemerkte, daß dies unmöglich sei, und zudem wahrnahm, daß sich die Seinen aus dem Staube gemacht hatten, holte er zum letzten wuchtigen Hiebe aus und rief: »Fort, alle miteinander? So, also, da stelle ich mich auch nicht allein her und lasse mir das Leder gerben!« Der Hieb wurde geschickt parirt, und mit zwei Schritten seiner langen Beine war er verschwunden. Detlev versuchte, ihn einzuholen, mußte aber die Fruchtlosigkeit dieses Beginnens einsehen und kehrte daher zu den Anderen zurück. Bald war das Pferd gefunden; es befand sich noch an demselben Platze, wo sein Herr es angebunden hatte, und schnaubte demselben freudig entgegen. Nach kurzer Berathung ward beschlossen, das Mädchen auf das Thier zu heben und zu Fuße den Weg zum nächsten Orte einzuschlagen, um sich dort wieder beritten zu machen. Der Zug setzte sich in Bewegung; nach kurzer Wanderung war die Straße erreicht, und nun ging es ungesäumt in der Richtung auf Lenzen zu, in welcher das nächste Dorf zu finden war. — Kapitel 7: Ein Uchtenhagen Es war zu Spandau, und fast noch niemals hatte die Stadt so viel fremde Gäste in ihren Mauern beherbergt als jetzt, denn Unzählige eilten von Nah und Fern herbei, um ein Ereigniß mit anzuschauen, von welchem die Kunde weithin durch das Land erklungen war: Werner von Holzendorf, als markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow gestellt, hatte einen offenen Feind des Markgrafen, auf welchem die kaiserliche Acht ruhte, in seinen Schutz genommen und sollte nun über diese That zur Rechenschaft gezogen werden. Nach damaligem Gebrauche wurde die Verhandlung auf öffentlicher Dingstätte vorgenommen, und da dies seit langer Zeit der erste Felonieprozeß war, welcher in den Marken vorgenommen wurde, so erregte er ein gar gewaltiges Aufsehen, und ein Jeder wollte Augen— und Ohrenzeuge sein von dem, was dabei zu sehen und zu hören war. Schon vorher hatte Markgraf Friedrich einen Landtag nach Berlin berufen und Herren, Mannen und Städte dazu eingeladen. Es sollte besonders über die eroberten Quitzowschen Güter eine gesetzliche Bestimmung getroffen werden, und auch Werner von Holzendorf mußte sich dazu einfinden, was er ohne Bedenken thun konnte, weil er sicheres Geleit hatte. Nach Beschlußfassung über die Quitzowschen Angelegenheiten hatte sich Friedrich von seinem Sitze erhoben und folgende Ansprache gehalten: »Euch allen, Ihr Herren, Ritter und Abgesandten Meiner getreuen und liebenwerthen Städte ist bekannt, daß Dietrich von Quitzow Mein und Meiner Lande Feind war und auch noch heute ist, der Meine Dienstleute und viele Meiner Unterthanen gefangen, geschlagen und ihnen das Ihrige genommen hat und sich seit der Eroberung der Burg Friesack auf der Flucht vor Mir befindet. Unbekannt aber wird es Euch sein, daß er von Werner von Holzendorf zu Bötzow aufgenommen worden ist, der ihm die verschlossenen Thüren und Räume geöffnet hat, so daß er mit seinem vollkommenen Wissen und Zustimmen hindurchreiten konnte. Ferner hat er ihn auf Neumühl zugelassen, wie Mir berichtet worden ist, und ihn deshalb hegen, speisen und bedienen lassen als einen kranken Knecht, an dem Mir nichts gelegen sei. Meine Diener und Boten hat Der von Holzendorf mit Schmach überfallen, geschlagen und gefangen genommen, sodaß Ich Mich mit Meiner fürstlichen Würde und Ehre tief gekränkt und beleidigt sehen muß. Jetzt nun ist Dietrich aus Neumühl weiter entflohen und der gerechten Strafe entzogen worden. So frage Ich Euch denn, Herr Werner, ob Ihr Euch zu den vorgedachten und beschriebenen Thaten bekennt oder Meine Beschuldigung der Unwahrheit zeihen möget!« Auf diese Worte hatten sich Aller Augen auf Werner gerichtet. Dieser aber war in stolzer Haltung aufgestanden und hatte also geantwortet: »Ich bin mit nichten ein Mann, welcher abläugnen möchte, was er gethan. Es ist so, wie Ihr gesagt habt, hoher Herr! Allein Ihr möget auch gar wohl bedenken, daß Dietrich von Quitzow schon längst vorher mein Freund und Waffenbruder war, ehe Ihr mein Gebieter wurdet, und daß dieser redlichen Freundschaft wegen sein Verhältniß zu Euch kein Grund werden konnte, auch mein Verhältniß zu ihm zu ändern!« Darauf hatte Friedrich erwidert: »Ihr hört, Herren, Mannen und Städte, wozu sich der Ritter Werner von Holzendorf bekennt. Ich behalte es mir vor, vor vollbesetzter Lehnsbank meine Klage gegen ihn vorzubringen!« Darauf war die Sache anhängig gemacht worden, und Friedrich hatte Herrn Hans von Torgau als Richter in dem zu erwartenden Prozesse gewählt. Dieser suchte sich dazu die erforderliche Anzahl von schildgeborenen Schöppen und Beisitzern, wie sie das Lehenecht verlangte, und berief sie zusammen, um mit ihnen die Lehnsbank zu besetzen. Friedrich brachte seine Klage vor, wie er sie bereits ausgesprochen hatte, gab die Thatsachen an, deren Werner von Holzendorf eingeständig war, und fragte dann das Gericht, ob Werner als sein gehuldigter und geschworener Diener damit die gelobte Treue lehnsrechtlich gegen ihn gebrochen hätte. Da die Schuld nicht bezweifelt werden konnte, so sprach das Gericht das Urtheil, nach welchem Werner vorgeladen wurde, um sich zu verantworten, wie es das Lehnrecht so erforderte. Infolge dessen erhielt er die Ladung, sich den Tag vor dem Lehnsgerichte in Spandau einzufinden, und es wurde ihm dabei bedeutet, daß ihm sein Recht geschehen werde, ob er sich nun einfinde oder nicht. — Der erwartete Tag war herangekommen, und schon früh vor Sonnenaufgang rief die Glocke zu Spandau die Einwohner und alle Fremden zur Dingstätte. Vor der Schloßbrücke stand ein Tisch und an zweien seiner Seiten je zwei Bänke in einer Reihe, also vier Bänke. An dem einen Ende stand ein ziemlich hoher Stuhl mit zwei vergoldeten Knöpfen; er war für den Richter bestimmt. Auf dem Tische lag ein weißer Stab, und hinter dem Stuhle hing ein Heerschild an einer fest in den Boden gestoßenen Lanze. Das Alles waren die Attribute der damaligen Gerichtsstätte, und nach damaligem Brauche hatte man den langen Tisch in der Richtung von Westen nach Osten aufgestellt, so daß der Richter am Westende saß und gegen Morgen schaute. Allmälig fand sich das Volk ein und umgab die Gerichtsstätte. Wie Meereswogen rauschte das Gemurmel der vielen Stimmen durch den kalten Morgen und dämpfte selbst dann nicht, als Hans von Torgau als fürstlicher Rath und Richter mit den Schöppen oder Urtheilern der Gerichtsbank aus dem Schlosse trat. Mit Aufgang der Sonne nahmen Alle ihre Plätze ein. Richter und Schöppen hatten Mäntel über die Schultern und erschienen unbewaffnet mit bloßem Kopfe und ohne Handschuhe, wie es der Gebrauch erforderte. Die Schöppen setzten sich auf die Bänke. Hans von Torgau aber setzte sich auf den Stuhl, indem er vorschriftsmäßig ein Bein über das andre schlug, in jenen Zeiten der Ruhe, der Beschaulichkeit und des Nachdenkens. Die Namen der Schöppen sind uns aufbewahrt; es waren: der junge Hans von Uchtenhagen, Heinrich von Strantz, Kunz von Hohendorf, Hans Barfuß, Czaslau von Conradsdorf, Siegmund von Knoblauch, Albrecht von Buste, Wieprecht von Thömen, Raven von Neukirchen, Albrecht von Quast, Cuno von Thömen, Witza Wolf und Herrmann Itzenplitz. Hans von Torgau ergriff den weißen Stock und hielt ihn aufrecht in der Hand. Dann fragte er: »Ist es an der Tageszeit, daß ich meinem Herrn das Lehnrecht hegen möge?« »Es ist hoch am Tage,« antwortete Wieprecht von Thömen, und die Sonne scheinet, so daß Ihr, wenn Ihr von Gott und von unserm Herrn, dem Markgrafen, die Macht und Gewalt habt, ein öffentliches Lehnricht hegen, halten und spannen möget! »Ist der Stuhl zu der Hege genugsam besetzt?« frug Hans weiter. Cunz von Hohendorf erhob sich und überblickte die Zahl der auf den Bänken Sitzenden. Dann antwortete er: »Er ist zur Hege genugsam besetzt, und wir sind alle vorhanden, die zum Rechte erforderlich sind.« Darauf schlug Hans mit dem Stabe auf den Tisch. »So gebiete ich denn Stille und befehle Bann und Frieden, daß ein Jeder schweige und sich aller Keif— und Scheltworte enthalte. Niemand gehe aus dem Gerichte oder in das Gericht, er habe denn Urlaub; Keiner falle dem Andern in das Wort, ohne Erlaubniß zu fordern, und auch Niemand besetze ohne Erlaubniß eines Andern Stelle. Ich verbiete Zwietracht und Alles, was das Gericht kränken kann; ich verbiete Hand und Mund, und ich verbiete Euch überhaupt Jedes, was ich verbieten soll, und erlaube Alles, was ich erlauben soll, hin und her zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male. Die Lehnbank ist gespannt!« Ringsum trat die tiefste Stille ein. Alle Zuschauer und Zuhörer, welche, weil sie um das Gericht herum standen, der Umstand genannt wurden, beobachteten das größte Schweigen, denn ganz allgemein galt das Gericht als etwas durchaus Heiliges und Ehrfurchtgebietendes, weshalb auch die Richter und Schöppen mit vollem Vertrauen ohne Schutz und Waffen ihr ernstes Geschäft mitten unter der Volksmasse ausüben konnten, von der sie häufig durch gar kein Hinderniß, öfters nur durch einen dünnen, umspannenden Faden oder eine unbedeutende hölzerne Schranke geschieden waren; ein Beweis, daß die nicht wegzuleugnende Rohheit der Masse doch ihres Zügels nicht entbehrte, wo es nothwendig war. Die Ueberschreitung der gesetzten Schranke wurde hart gebüßt. Ausländer durften sich ihr nur bis auf eine gewisse Entfernung, meistens bis auf sechzig Fuß, nahen. »So weiset mir denn,« fuhr Hans von Torgau fort, »ob die Bank nach Lehenrecht gespannt ist, und ob ich ein rechtes Lehengericht halten werde!« Die Schöppen antworteten im Chore: »Die Bank ist nach Recht und alter Gewohnheit gespannt, genugsam besetzt, und es ist wohl an der Tageszeit, daß Ihr ein rechtes und gerechtes Lehengericht hegen und halten werdet. »So lasset den Kläger in die Schranken treten!« Der Umstand öffnete eine Bahn, und Burggraf Friedrich näherte sich mit seinem Vorsprach und blieb dem Richter gegenüber am östlichen freien Ende des Tisches stehen. Richter und Beisitzende erhoben sich ernst, um den hohen Herrn schweigend zu begrüßen; dann wandte sich Hans an den Vorsprach: »Ihr habt Urlaub, zu sprechen!« »Herr Richter,« nahm darauf der Angeredete das Wort, »ich klage gegen den Ritter Werner von Holzendorf und frage, ob ich in besetzter und gehegter Bank zu Lehenrecht mit Urtheil rechtlich und vollkommen mit meiner Klage komme!« »Ihr kommet rechtlich und vollkommen zu uns mit Eurer Klage!« »Herr Richter, ist Werner von Holzendorf auf diesen heutigen Tag geladen und gefordert, meinem Herrn, dem Burggrafen, wegen seiner Schuld zu antworten zu Lehenrecht, wie es recht ist?« Auf diese Frage erhoben sich Albrecht von Quast, Cuno von Thömen und Witza von Wolf: »Wir drei Männer thun hier in gehegter Bank das Bekenntniß, daß wir als Boten die Ladung gethan haben.« »Auf dies Bekenntniß frage ich,« wandte sich Hans an die Schöppenversammlung, »ob der Ladung nach Lehenrecht Genüge geleistet ist.« »Es ist der Ladung genug geschehen!« lautete die einstimmige Antwort. »Kann sonach mein Herr seine Klage thun und verlauten lassen?« »Ja!« »Herr Richter,« begann nun wieder der Vorsprach oder Anwalt, »ich frage, wie oft ich bedingen und beklagen muß.« »Dreimal.« Die Klage wurde nun, so wie sie Friedrich schon auf dem Landtage ausgesprochen hatte, jetzt von seinem Beauftragten dreimal angebracht, und der Letztere fügte dann hinzu: »Das Alles hat Werner gethan! Da er nun meines Herrn gehuldigter und geschworener Mann und Diener ist, so hat er damit seine Treue gegen ihn nach Lehenrecht gebrochen. Auf diese seine verlautbarte Schuld ist nach Lehenrecht geurtheilt, daß man Werner heischen sollte zur Verantwortung, und ist das geschehen nach Gebrauch und nach Recht, wie es vorgeschrieben ist.« »Auf diese Anschuldigungen frage ich,« entgegnete Hans, »ob Werner von Holzendorf auf Bötzow dieser Handlungen eingeständig gewesen ist.« »Wir alle sind des Zeuge!« klang es in der Runde. »So bedarf es keiner zugezogenen Zeugen. Untersuchet denn, ob der genannte Werner die Treue an seinem Herrn, dem Burggrafen, gebrochen hat!« Die Schöppen begannen eine leise Unterredung, deren Ergebniß bald also lautete: »Wir finden nach Lehenrecht, daß Werner von Holzendorf die Treue an seinem und unserm Herrn gebrochen, er habe denn Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein nach Lehenrecht.« »So lasset uns des Angeklagten und seiner Hülfrede warten!« Dieses Warten war allerdings vergeblich, denn Werner hatte sich nicht zu dem Prozesse eingefunden. Furcht hielt ihn nicht zurück, denn es konnte weder seine Person noch seine Freiheit dabei angetastet werden, da es sich allein um das Lehen handelte. Allein er wußte recht gut, daß er Nichts zur Beschönigung seiner That beibringen konnte, nichts, wodurch die Wendung der Sache für ihn günstiger werden konnte, und darum blieb er zu Hause. Hätte er die Flucht Dietrichs von Grobsdorf weg nebst den dabei stattgehabten Umständen gekannt, so hätte er gewiß nicht so ruhig auf Bötzow gesessen und dem Schlusse des Prozesses zugewartet. Nachdem man die bestimmte Zeit erfolglos auf sein Erscheinen geharrt hatte, trat der Vorsprech wieder herbei, wiederholte seinen vorigen Antrag und fügte demselben bei: »Da hiernach Werner von Holzendorf sich Bötzow, Neumühl und anderer Güter, bewegliche und unbewegliche, mit Unrecht unterwunden hat und diese meinem Herrn zu Rechte verfallen und ledig geworden sind, so frage ich, ob er die genannten Güter und Schlösser nach Lehenrecht ihm unverzüglich abtreten und überantworten muß.« »Weiset dann meinem Herrn, was nach Lehenrechte recht ist!« befahl Hans den Schöppen. Diese gingen auf die Seite nach einem besonders eingehegten Orte und besprachen sich besonders mit dem Umstande. Nach einer Weile kamen sie wieder, und Ritter Heinrich von Strantz sprach dann: »Wir urtheilen, daß Werner unserm Herrn die vorgenannten Schlösser und Güter abtreten und unverzüglich zurückgeben soll, es sei denn, er hätte Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein!« Wieder wurde beschlossen, seiner zu warten, und der Frohnbote mußte ihn dreimal an verschiedenen Orten der Stadt vorladen. Indessen verging der Tag, ohne daß er erschien. Gegen Untergang der Sonne gebot Hans Stille, und Friedrichs Vorsprech fragte: »Auf welche Zeit und bis zu welchem Tage soll mein Herr der Hülfrede warten nach Lehenrecht, um sein Recht zu vollführen, also daß ihm Recht geschehe, und Wernern an seinen Hülfreden kein Unrecht, und wie soll Werner zu dem Tage geladen werden?« Hans von Uchtenhagen antwortete: »Wir finden nach Lehenrecht vierzehn Tage und sechs Tage, ausgenommen verbundene Tage, als da sind Sonntage und Feiertage, und daß nicht Irrnisses und Zwiespruch darin geschehe, soll die Ladung geschehen mit des Richters Briefe und zwei ehrbaren Mannen unsers Herrn, und Ihr, Herr Richter, habt nach Urtheil und Recht den Tag zu setzen und den Ort zu benennen.« »So setze ich denn den Tag auf den Freitag nach des heiligen Leichnamstag nächstkommend, und den Ort zu Berlin.« »Ich habe,« schloß nun der Ankläger, »meines Herrn Recht und Zuspruch zu Lehenrecht bei aufsteigender Sonne angehoben und bis zu niedersteigender Sonne lange nach Mittage gewartet. Habe ich dem Rechtstage zu Lehenrechte genug gethan?« Zwei Schöppen verließen die Bank, um die Sonne zu beobachten, und brachten die Nachricht, daß sie sich tief neige, worauf ihm gesagt wurde, er habe dem Rechte genug gethan. Darauf wurde das Gericht aufgehoben. — Wie schon gesagt, erregte dieser Prozeß das ungeheuerste Aufsehen weit über die Marken hinaus. Die Freunde der Ordnung und öffentlichen Sicherheit, welche wohl einsahen, daß dem Lande unter der weisen, strengen und gerechten Regierung Friedrichs eine bessere Zukunft erblüht, freuten sich der Energie, mit welcher er das einmal ergriffene Scepter führte und dies begonnene schwere Werk fortsetzte, Diejenigen aber, denen sein Streben nach Aufhebung des Faustrechtes und der Vergewaltigung im Wege stand und Schaden zu bringen drohte, knirrschten ingrimmig mit den Zähnen; und da ihre Macht wenigstens in der gegenwärtigen Zeit zu einem offenen Widerstande nicht hinreichte, so machten sie wenigstens eine Faust im Sacke, hielten wortreiche aber fruchtlose Berathungen, zogen sich mit ihrem Wesen und Treiben aus der Oeffentlichkeit mehr und mehr in die Verborgenheit zurück und warteten nur auf den günstigen Augenblick, um dem fremden Eindringling, wie sie den Markgrafen nannten, die Kraft ihrer Fäuste fühlen zu lassen und ihn aus dem Lande zu jagen. Das Benehmen Werners von Holzendorf seinem Freunde und langjährigen Waffengefährten Dietrich von Quitzow gegenüber hatte nicht nur die vollständige Billigung der widerstrebenden Adelspartei, sondern selbst die Freunde des Markgrafen mußten sich sagen, daß er gehandelt habe, wie es einem treuen Verbündeten gezieme. Er hatte Alles, was er besaß, redlich auf das Spiel gesetzt, um sein ritterliches Wort zu lösen, und besaß die Theilnahme des größten Theiles der Bevölkerung. Und diese Theilnahme ward um so größer, als ein jeder Verständige einsehen Mußte, daß das Urtheil des nach Berlin verlegten Gerichtes, dem er unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich widerstehen könne, ihn unbedingt in den Verlust seiner Güter und Besitzungen erklären werde. Doch sah man sehr wohl nicht nur die Nothwendigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit dieser Maßregel vollständig ein und hegte die Hoffnung, daß die allbekannte Milde und Freundlichkeit des Fürsten die Härte des Augenblicks später nach Kräften lindern werde. Aehnliche Gedanken hatten auch die beiden Männer, welche am Tage nach dem Lehngerichte auf der Straße von Spandau nach Brandenburg dahinritten und die gestrigen Ereignisse zum Gegenstande ihrer Unterhaltung gemacht hatten. Es war Hans von Uchtenhagen, welchen wir in dem Kreise der Schöppen bemerkt haben, mit seinem jüngeren Bruder Karl. Der Erstere wurde trotz seiner Jugend zu den hervorragendsten Rittern des Landes gezählt, und der Letztere versprach, ihm in Allem ein würdiges Ebenbild zu werden. Von jeher schon hatten sich die Uchtenhagens eines ausgezeichneten Rufes erfreut; die Mannen ihres Geschlechtes hatten bei allen großen und eingreifenden Ereignissen stets mit an der Spitze gestanden; reich an Tugenden und Ehren, waren sie immerfort bemüht gewesen, ihrer ruhmreichen Vergangenheit eine gleich glänzende Zukunft anzureihen, und weit über die Grenzen des Landes hinaus erklang bei Mahnruf und Ritterschlag das Wort: »Steh’ fest und werde wie ein Uchtenhagen!« Hans war von untersetzter, breitschulteriger Figur und bot in seiner graden, strammen Haltung, mit den scharfen, blitzenden Augen und links und rechts weit über das gebräunte Gesicht hinausragendem Schnurrbarte einen gar stattlichen, achtungweckenden Anblick. Karl war schlanker gebaut als er; noch keimte der männliche Bart nur als leichter Flaum auf seiner Lippe, und in seiner Haltung und seinen Bewegungen lag etwas Weiches, welches auch mit der gewohnten Milde seiner Redeweise vollständig harmonirte; doch wer ihn deshalb für einen Knaben gehalten hätte, der wäre mit seinem Urtheile auf einem sehr großen Irrwege gewandelt und hätte sich vielleicht damit gar die Veranlassung zugezogen, seinen Irrthum schwer und bitter zu bereuen, denn der junge Mann war gar schnellen und kühnen Sinnes, hatte sich schon öfters als tüchtiger Kämpfer gezeigt und bei solchen Gelegenheiten stets bewiesen, daß sich mit der Gewandtheit und elastischen Ausdauer seines Körpers ein Scharfblick und eine Geistesgegenwart vereine, welche Schreck, Furcht und Angst bei ihm zur Unmöglichkeit machte. Mit fröhlichem Sinne trabten sie neben einander dahin und die Wechselrede flog gar rasch und lebendig herüber und hinüber. Sie fühlten gegenseitig eine wahrhaft brüderliche Liebe zu einander, und es gab keine Regung des Herzens und keine Richtung des Gedankens, welche der Eine vor dem Andern hätte verbergen können. Darum vermochten sie nicht lange schweigend neben einander zu sein, und unter dem Reize des Gespräches verging eine Stunde nach der andern. Schon hatten sie Wustermark und Tremmen hinter sich und bogen nun in die Richtung auf Zachow ein, welche sie in die dichten Waldungen führte, die zwischen der Havel und den sich von Plaue bis nach Bähnitz erstreckenden Seen liegen. Die Brüder hatten sich mit ihrem Ritte nicht sehr beeilt, und zudem war ihnen durch die für die Pferde so nothwendige Ruhe so viel Zeit verloren gegangen, daß es jetzt stark zu dunkeln begann und sie sich auf eine nächtliche Irrfahrt gefaßt machen mußten. Damals waren die Fluren Deutschlands noch lange nicht der Kultur unterworfen, welche in der jetzigen Zeit Thal und Hügel ebnet, Gebirge übersteigt, Flüsse und Seen überbrückt, Sümpfe austrocknet und die unwegsamste Wildniß nach und nach in ihren segensvollen Bereich zieht, sondern die menschlichen Wohnstätten lagen weit auseinander, und waren sie durch Wege oder Straßen verbunden, so durfte man doch an die letzteren nicht den jetzt gewöhnlichen Maaßstab legen. Ein Ritt des Nachts durch eine von Flüssen, Sümpfen und Morästen eingefaßte und durchzogene Gegend war kein ganz gewöhnliches Unternehmen, und ein Jeder, der sich diesem nicht entziehen konnte, sah sich zur Vorsicht und Aufmerksamkeit veranlaßt. Die Unterhaltung war verstummt; man hatte auf sich selbst und die Umgebung Acht zu geben, und die Sinne mußten angestrengt werden, um jede Gefahr schon im Nahen zu erkennen und ihr gerüstet gegenüber zu treten. So ging es schweigend vorwärts; die Zeit dehnte sich lang und immer länger und fast wollte den Reitern nun die Geduld ausgehen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich durch ein Ereigniß in Anspruch genommen wurde, welches alle ihre Kräfte in Beschlag nahm. Es verbreitete sich nämlich mit einem Male ein glänzender Lichtschein um sie her, und zu gleicher Zeit flog ein Reiter an ihnen vorüber, dessen Nahen sie weder vorher gesehen, noch sonst auf irgend eine Weise bemerkt hatten. Er saß auf einem dunklen Rosse, dessen lange Mähne sich im Fluge wie eine Fahne nach hinten legte, ein langer Mantel wehte gespenstisch von seiner Schulter, und ein Strahlenmeer ging von ihm aus über die Umgebung hin. Schnell wie der Gedanke war er aufgetaucht und schnell wie der Gedanke war er wieder verschwunden – woher und wohin, es war nicht zu sagen, auch hatten die beiden Männer keine Zeit, darüber nachzudenken, denn das Pferd des älteren Bruders war durch das Erscheinen der helldunklen Gestalt scheu geworden, hatte dem für den Augenblick fassungslosen Reiter die Zügel entrissen und jagte nun in rasender Eile über Stock und Stein mit ihm dahin. Karl konnte natürlich nichts Anderes thun, als auch sein Thier zur möglichsten Eile anzutreiben, um Hans nicht aus dem Auge zu verlieren, doch war dieses Bestreben vergeblich, denn bald war der Letztere im Dunkel der Nacht verschwunden, die Hufschläge seines Pferdes verhallten, und der Nachfolgende sah sich außer Stande, ihn einzuholen. Er zügelte also den Lauf seines Gaules und ritt in langsameren Schritten weiter. Er gab die Hoffnung, den Bruder wieder zu finden, keinesweges auf; dieser war ein sehr guter Reiter und hatte gewiß Alles gethan, sich vor einem Unfall zu bewahren; ein Sturz vom Pferde ist zwar nie ungefährlich, war aber schon so oft glücklich überstanden worden, daß man im Wiederholungsfalle nur lachend aufsprang und sich ruhig wieder aufsetzte. Zudem trug Hans keine Rüstung, ein Umstand, welcher ohne besondere Angst an einen Fall denken ließ. An diesen Fall denkend, wäre Karl bald selbst zu Falle gekommen, denn sein Pferd stolperte plötzlich, raffte sich aber, da es nur im Schritte gegangen war, glücklicher Weise wieder empor, und zu gleicher Zeit drangen eine Anzahl dunkler Gestalten auf den jungen Mann ein, der im Augenblicke sein Schwert aus der Scheide hatte, um dem unvermutheten Angriffe mit demselben kraftvoll zu begegnen. Es war ein eigenthümlicher, wortloser Kampf. Keiner der Angreifenden sprach ein Wort, auch Karl erkannte, daß gegen diese Leute ein tüchtiger Hieb das beste Wort sei, und so riß er sein Pferd im Kreise herum, um von den Händen derer, welche die Zügel gefaßt hatten, loszukommen, und führte dann die Klinge mit solchem Nachdrucke, daß er sich bald als Sieger auf der Wahlstatt sah. Jetzt stieg er ab, um nach den Gefallenen zu sehen, und stieß bei dieser Gelegenheit auf das Hinderniß, über welches sein Pferd gestolpert war. Es bestand in einem groben Baststricke, welcher von einer Seite der Straße nach der andern gespannt war, und da sein Auge sich während des Abends so ziemlich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, so gewahrte er gar bald einen dunklen Gegenstand, welcher zwischen zwei Büschen am Wege lag. Er schritt hin, um ihn zu untersuchen, und fand, daß es das Pferd seines Bruders sei. Es lag in einer Lache Blutes, welches aus einer klaffenden Brustwunde auf die Erde lief, und war also erstochen worden. Nun war ihm Alles klar: Der gespenstische Reiter hatte keine andere Aufgabe gehabt, als ihre Pferde scheu zu machen; die im Galoppe dahinsausenden Thiere sollten mit dem Seile zu Falle gebracht werden, und mit den überraschten Reitern war dann leicht fertig zu werden. Aber von wem war dieses Unternehmen ausgegangen? Persönliche Feinde hatten die Brüder hier nicht, und zudem war ihre Reise durch diese Gegend Jedermann unbekannt, da sie von ihrer Absicht, nach Brandenburg zu gehen, zufälligerweise gegen Niemanden Erwähnung gethan hatten; es war also eher zu vermuthen, daß sie die Opfer einer ganz gewöhnlichen Wegelagerei hatten werden sollen, die nur in Beziehung auf Hans ihre Absicht erreicht hatte, denn daß dieser in die Hände dieser Leute gefallen und von ihnen in Beschlag genommen worden sei, das schien gewiß, da trotz alles Suchens keine Spur von ihm zu finden war. Die Strauchdiebe hatten den großen Fehler begangen, sich zu theilen. Die eine Hälfte von ihnen hatte den zweiten Reiter erwarten müssen, während die Anderen mit Hans davongegangen waren, damit er nicht etwa auf irgend eine Weise zur Unzeit ihre Gegenwart verrathe. So schien es zu sein, und Karl überlegte eben, was er am besten zu thun habe, um dem Bruder Hilfe zu bringen, als ein halblautes Seufzen an sein Ohr tönte, welches von der Mitte des Weges her erschallte. Er trat dem Orte näher und erkannte, sich zu ihm niederbückend, in dem Daliegenden einen Schwerverwundeten, dem ein Stoß seines Schwertes durch den Unterleib gegangen war. Der Mann war in Folge der Wunde dem Tode nahe und brachte nur mit Mühe einige Worte hervor. »Wasser!« stöhnte er. »Ich verbrenne!« Es schien kein fließendes Wasser in der Nähe zu geben, deshalb brach Karl einige Stückchen Eis von einem Zapfen, welcher von einer nahen Föhre gefallen war, und schob sie dem Bittenden in den halbgeöffneten Mund. »Gott – – ver – – gelte es Euch!« röchelte dieser. »Sag,« fragte Uchtenhagen, »wo habt Ihr meinen Bruder? Lebt er noch?« »Bruder? – – der – – Andere? – – Der lebt.« »Ist er verwundet?« »Nein – – gleich – – über ihn – – hergefallen – – hat – – gar nicht – – kämpfen – – können – – gebunden – – in die – —Ruine.« »Wo ist die Ruine?« »Darf – – nicht. – – Mein Schwur – – Gott, vergieb – – mir! – – Ihr auch, – – Herr! – – Ruine – – – links – – grad – – Spitze – – oh – – oh – – lebt – – wohl!« Ein Strom dunklen Blutes quoll ihm aus dem Munde und der Kopf sank hintenüber: er war todt. Was hatte er mit den Worten: »links – grad – Spitze« gemeint? Jedenfalls: zur linken Seite gradaus gehen; aber was mit der Spitze gemeint war, das blieb Uchtenhagen ein Räthsel. Aber er besann sich nicht lange, denn wenn überhaupt Hilfe möglich war, so mußte sie rasch, schleunig gebracht werden. Sein Pferd am Zügel führend, schritt er links in die Büsche hinein und gab sich Mühe, die grade Richtung einzuhalten. Erst wurde ihm des Thieres wegen, welches er doch unmöglich im Stiche lassen konnte, das Fortkommen schwer, da sich ihm das Unterholz hindernd in den Weg legte, bald aber hörte dasselbe auf, und durch den hochstämmigen Wald war nun die Passage verhältnißmäßig leicht. Zuweilen blickte ein Theil des Himmels durch die Baumkronen, und so konnte er die einzuschlagende Richtung wenigstens einigermaßen nach dem Stande der Sterne bestimmen. Mit Hast drängte er vorwärts, immer vorwärts, die Zügel in der einen, das blanke Schwert in der andern Hand; Zeit auf Zeit verging; seine Ungeduld wurde immer größer und größer, und ebenso wuchs die Sorge um den Bruder, dessen Schicksal ein verhängnißvolles werden konnte. So war weit über eine Stunde vergangen, als sich nach und nach wieder niedriges Buschwerk einstellte, ein Zeichen, daß eine Blöße oder sonst irgend eine Unterbrechung des Hochwaldes zu erwarten sei. Sodann löste das Buschwerk seine feste, dichte Masse und gab hartem, scharfkantigem Schilfe Platz, welches unter der schweren Kruste von Schnee und Eis zusammengebrochen war, und endlich öffnete sich dem Blicke eine weite, glatte Fläche, deren ebener Spiegel in den Strahlen des zuweilen durch das Gewölk brechenden Mondes hell erglänzte. Es war die seeartige Erweiterung der Havel, welche in der Nähe von Ketzin beginnt und einen Flächeninhalt von mehreren Quadratstunden in Anspruch nimmt. Bei dem Anblicke des Sees wollte sich das Gefühl der Enttäuschung in seinem Innern Platz machen, doch währte dies nicht lange, denn bald bemerkte er in einiger Entfernung rechts von sich eine Landzunge sich in das Wasser erstrecken, welche sich durch Baum— und Strauchwerk deutlich von der weißen Fläche abzeichnete. Sollte das die »Spitze« sein, von welcher der Sterbende gesprochen hatte? Es mußte wenigstens untersucht werden, und neue Hoffnung tauchte in ihm auf. Zunächst aber war es nothwendig, das Pferd zu verbergen, und hier wollte ihm das Glück wohl, denn schon nach kurzem Suchen nach einem geeigneten Orte fand er eine zwar enge, aber desto behaglichere Dorfhütte, welche zur Aufbewahrung von allerlei Fischereigeräthschaften diente und grad’ die richtige Größe hatte, das Pferd in sich aufzunehmen. Er entfernte die Geräthe, so viel als ihm nothwendig erschien, und stellte dann das müde Thier ein, welches hier jedenfalls besser aufgehoben war, als draußen in der nächtlichen Kälte und Feuchtigkeit. Nachdem er dies versorgt hatte, trat er hinaus, um seine Forschung unbehindert fortzusetzen. Langsam und vorsichtig schlich er sich dem Ufer entlang, jede Gelegenheit zur Deckung benutzend, um nicht gesehen zu werden, selbst aber Alles zu sehen. Indem er das Auge scharf über die Umgebung schweifen ließ, gewahrte er in einiger Entfernung von der Spitze der Landzunge eine kleine Insel, welche jedenfalls früher zu der ersteren gehört hatte, nachher aber durch Ueberfluthungen von ihr abgetrennt worden war. Und gleich bei diesem ersten Blicke war es ihm, als ob der blitzende Schein eines Lichtes dort aufgetaucht und sofort wieder verschwunden sei. Dieser Umstand erregte seine Aufmerksamkeit natürlich in hohem Grade; er hielt das Auge längere Zeit beobachtend auf die betreffende Stelle gerichtet, und wirklich, nicht lange dauerte es, so leuchtete es drüben wieder hell und blitzartig auf. Frei von dem Aberglauben jener Zeit, nahm Karl natürlich sofort an, daß dieser Schein von Menschen herrühre, und beschloß, seine Ursache näher zu untersuchen. Statt dem Innern der Landzunge seine Aufmerksamkeit zu widmen, schritt er am Ufer weiter fort und betrat dann der Insel gegenüber das Eis des Sees. Von hieraus gingen Fußspuren sowohl herüber als auch hinüber; es gab hier also Menschen, und zwar auf alle Fälle solche, vor denen es nothwendig war, sich zurückzuziehen; trotzdem aber beschloß der junge Mann, das Wagniß, über den freien Raum nach der Insel zu gehen, zu unternehmen. Die Sorge um den Bruder machte ihn taub gegen die warnende Stimme der Vorsichtigkeit, die ihm sagte, daß er bemerkt werden müsse; er suchte die Leute, welche hier lebten und hausten, er hatte ein Lebenszeichen von ihnen gesehen und wollte es nun nicht unterlassen, demselben nachzustreben. Raschen Schrittes eilte er vorwärts und hatte in wenigen Augenblicken die Insel erreicht. Dieselbe war von Schilf, Buschwerk und einigem spärlichen Baumgewächse bestanden und war von so geringer Größe, daß sie in ihrem ganzen Umfange leicht überschaut werden konnte. Aber Niemand war zu sehen; es mußte eine Hütte, ein Versteck oder sonst irgend ein Ort vorhanden sein, in welchem der Träger des Lichtes verschwunden war. Das beste Mittel, ihn aufzufinden, war jedenfalls, seinen Spuren nachzugehen. Diese führten nach einem Punkte, welcher ungefähr in der Mitte der Insel lag, und verschwanden da in einem üppigen Dorngestrüpp, welches zur Sommerszeit dem Hindurchkommen ganz bedeutende Hindernisse in den Weg legen mußte. Er drang hinein und stand nach wenigen Schritten vor einem Loche, welches in senkrechter Richtung hinab in die Erde führte. Er lauschte hinab, aber nichts regte sich da unten, und kein Laut war zu vernehmen. Stak überhaupt Jemand unten? Er untersuchte das Loch und gewahrte eine Leiter, mittelst welcher es ermöglicht wurde, hinab zu steigen. Sollte er dieses wagen? Er begab sich damit jedenfalls in große Gefahr; er konnte ja längst bemerkt worden sein und während des Hinabsteigens angegriffen und überwältigt, wohl gar getödtet werden. Aber das konnte ihn nicht abhalten, die einmal angefangene Forschung weiter fortzusetzen. Er setzte den Fuß auf die oberste Leitersprosse und stieg, mit den Händen immer festen und sichern Halt nehmend, weiter. Die Fahrt führte ihn nicht zu tief, vielmehr berührten seine Füße gar bald den festen Erdboden, wo er sich vollständig im Dunkeln befand, den leisen Schein abgerechnet, welcher von dem Stücklein Himmel, der in das enge Loch hereinschaute, hinunterdrang. Der kleine, enge Raum, in welchem er sich befand, war vollständig rund und mit Bruchsteinen ausgemauert; aus diesem Umstande und der Nässe, welche in ihm herrschte, ließ sich schließen, daß er ehemals als Brunnen gedient habe und später verschüttet worden sei. Auf einer Seite war ein niedriger und sehr enger Stolln schief abwärts geteuft, aus welchem ein feuchtkalter, moderiger Luftzug drang. In seinem Innern, darüber war kein Zweifel, war das Licht verschwunden, denn noch sah man weit hinten einen matten, dämmernden Schein, welcher sich entfernte und endlich ganz verschwand. Sollte Karl den Stolln betreten? Es drohte ihm jedenfalls mancherlei Gefahr in demselben; aber diese Gefahr kam bei seiner Liebe zu dem Bruder gar wenig in Betracht – er zog den Gnadegott aus der Scheide, da in dem engen Raume das Schwert keine Dienste thun konnte, und drang, sich bückend, vorwärts. Die Sohle das Ganges war eben, ein Umstand, welcher die Bewegung sehr erleichterte, und da die Richtung eine schnurgerade war, so hatte Karl bald das nahe Ziel erreicht: eine schimmernde Helle drang ihm entgegen, und er sah sich vor einer kreisförmigen Erweiterung des Stollns, in welcher derselbe allem Anscheine nach seinen Abschluß fand. Er warf einen Blick in den Raum und bebte bei dem, was sich seinem Auge bot, von tiefstem Mitleide ergriffen zurück. Rund im Kreise lagen eine Anzahl männlicher Gestalten auf vollständig verfaulter Waldstreu am Boden, an Händen und Füßen gefesselt und mittelst eines starken Lederriemens, welcher sich um den Hals zog, an die Mauer befestigt, so daß ihnen ein Erheben von dem schlammigen Boden vollständig unmöglich war. Weder Licht noch Luft drangen in diese Grube, und der Dunst, welcher aus derselben in den Stolln drang, war kaum auszuhalten und gradezu zum Ersticken. Jetzt, in diesem Augenblicke waren die Gegenstände alle deutlich zu erkennen, denn in der Mitte des Raumes stand eine breite, untersetzte und bis an die Zähne bewaffnete Gestalt, welche einen lodernden Kienbrand in der Hand hielt und mit demselben Einen nach dem Andern der Daliegenden beleuchtete. »Wieder einer todt von Euch Hunden!« sprach der Mann, indem er einem der lang ausgestreckten Körper einen Fußtritt ertheilte, der ihn auf die andre Seite warf. »So müßt Ihr alle noch dran! Ja, ja, der Hunger ist ein schlimmer Gesell, und wer mit ihm anbindet, der bezahlt es mit dem Leben. Aber recht ist es Euch, warum habt Ihr Euch von dem Teufel verleiten lassen, ehrliche Kerls werden zu wollen. Leben wir in unserm Waldschlosse nicht wie Fürsten? Ein wenig knapp zwar geht es her, seit uns der »Schwarze« aufgegeben hat, aber er hat uns beim Abschiede versprochen, wieder zu kommen, und das wird er auch, denn er hat noch niemals sein Wort gebrochen, und es giebt bei uns gewisse Dinge, die er nicht im Stiche lassen kann. Darum war es dumm von Euch, fortgehen zu wollen, wo wir doch Leute brauchen, denn der »fliegende Reiter«, welcher im Walde spukt und vor dem die albernen Leute sich so ungeheuerlich grausen, beginnt, gute Geschäfte zu machen. Die Anderen wären wohl kaum auf den unheilvollen Gedanken gekommen, wenn Du nicht gewesen wärst, Jobst, und deshalb sollst Du auch am längsten leben bleiben und sie alle vorher sterben sehen, ehe Du selbst an die Reihe kommst. Hier hast Du einen Trunk und einen Bissen Brod, das wird Dir den Athem auf einen Tag länger erhalten!« Er bog sich zu einem der Gefangenen nieder und machte ihm eine Hand von den Banden frei. »Da, nimm, iß und trink und sei guten Muthes! Du wirst es wohl nicht bald wieder so gut bekommen wie bei mir. Hast keine Sorge, kannst auf der Bärenhaut liegen und Dich pflegen. Na, greif zu, oder ich bringe Dir’s auf andre Weise bei!« Der Angeredete rührte sich nicht; einige der Uebrigen bewegten sich unter Zuckungen und stießen ein herzergreifendes Stöhnen und Wimmern aus; die Qualen des Hungers, welcher ihnen den Tod bringen sollte, waren zu groß, als daß ihre Kraft zugereicht hätte, dieselben zu verschmerzen; er aber lag still und ruhig am Boden und keine Bewegung, kein Laut zeigte, daß noch Leben in ihm vorhanden sei. Er wollte sich das Sterben nicht durch die armselige Nahrungsspende verlängern lassen und widerstand der Gier, welche der Anblick des Brodes in ihm erweckte. »Du willst nicht? So wirst Du wohl müssen! Oh, wir sind stets Freunde gewesen, und darum hat mich der »Reiter« auch zu Eurem Wärter bestellt. Ich kann nicht leiden, daß Dir der Magen zusammendorret, und darum werde ich Dich füttern. Komm her!« Er umschlang den freigegebenen Arm, damit derselbe keinen Widerstand leisten könne, wieder mit dem Stricke und zog dann das Messer aus dem Gürtel. Nachdem er den Kienspahn in eine Mauerritze gesteckt hatte, faßte er mit kräftigem Drucke den Gefangenen beim Halse, um denselben zum Oeffnen des Mundes zu zwingen, und schob ihm dann die breite Klinge zwischen die Zähne, in der Absicht, ihm den Mund aufzubrechen. Der Gemarterte biß die Kinnladen fest zusammen, und deutlich hörte man das Knirschen des Eisens, welches erbarmungslos in dem Munde des Armen wühlte. Das war zu viel für Karl. Aus den vernommenen Worten konnte er leicht schließen, daß die Gefesselten gefangene Räuber seien, welche die Absicht, sich von ihrem verbrecherischen Leben loszusagen, mit dem Hungertode büßen sollten. Wenn er ihnen Hilfe brachte, so konnte er gewiß sein, daß sie ihm ihre vollste Dankbarkeit erweisen würden; deshalb trat er herzu, packte den tückischen Henker beim Nacken und stieß ihm mit der Rechten den Gnadegott so tief und kräftig zwischen die Schultern, daß er bis vor zum Herzen drang und der Getroffene sofort todt zusammenbrach. Betroffen von diesem plötzlichen Ereignisse, welches ihnen vollständig unbegreiflich war, blickten die Gefesselten auf. Sie sahen ihren Peiniger in seinem Blute liegen, aber sie wußten nicht, ob ihnen aus seinem Tode Glück oder Unheil erwachsen werde. »Wer seid Ihr?« frug einer von ihnen, indem er sich vergebliche Mühe gab, sich aufzurichten. »Habt keine Sorge,« erwiderte Uchtenhagen; »ich bin gekommen, Euch zu erlösen!« Da die Banden nicht von Eisen waren, so wurden sie mit wenigen Schnitten von den erstarrten und blutig unterlaufenen Gliedern genommen, und die Männer waren nun im Stande, sich wenigstens soweit zu erheben, als es ihre gesunkenen Kräfte zuließen. »Wasser, Wasser und Brod!« baten sie. Karl war nicht im Stande, diesem Verlangen nachzukommen, aber er versprach, vor der Hand wenigstens ihren Durst zu löschen. Er begab sich durch Stolln und Brunnenschaft nach oben und brachte ihnen einen Ballen Schnee, über welchen sie gierig herstürzten, da die wenigen Tropfen Wassers, welche ihr früherer Gefährte für Jobst mitgebracht hatte, nach wenigen Schlucken alle geworden waren. Auch die Brodrinde, die man bei ihm fand, verschwand augenblicklich unter den Händen der vom Hunger Gepeinigten, und nur die Sorge um ihre Sicherheit konnte sie abhalten, sich hinauszustürzen, um ihre nagenden Bedürfnisse auf alle Fälle und augenblicklich zu befriedigen. »Wartet nur noch kurze Zeit, dann werdet Ihr haben, wornach Euch verlangt!« mahnte Karl. »Euer Schicksal kenne ich ein wenig; ausführlich müßt Ihr mir es später erzählen; jetzt aber sagt mir vor allen Dingen, ob ich auf Euren Beistand rechnen kann!« Er erzählte ihnen das Geschehene, und mit Freuden gaben sie ihm ihr Wort, ihn in seinem Vorhaben nach allem Vermögen zu unterstützen. »Ihr habt uns von einem gräßlichen Tode errettet, Herr,« sprach Jobst, welcher einen ihm über die Anderen freiwillig eingeräumten Vorrang zu begleiten schien, »und so werden wir Euch in allem unterstützen, was zum Gelingen Eures Vorhabens erforderlich ist. Aber wir wünschen dabei, daß wir nicht etwa später um unserer früheren Sünden willen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Wenn Ihr uns dieses versprecht, so bin ich bereit, Euch zu Eurem Bruder zu führen, ohne daß Ihr von Jemandem bemerkt werdet. Ich kenne den Ort, an welchem die vornehmen Gefangenen aufbewahrt werden, bis sie ihr Lösegeld bezahlt haben oder sterben müssen.« Uchtenhagen versprach ihm Vergebung alles Geschehenen und forderte ihn dann auf, mit dem Werke der Rettung nicht lange zu säumen. »Ich bin bereit, mit Euch aufzubrechen und Euch zu führen; meine Kräfte sind noch stark genug zum Gehen, aber die Gefährten hier müssen zurückbleiben; sie vermögen nicht, den Weg zu machen, und werden erst dann mit uns gehen können, wenn wir ihnen Speise und Trank gebracht haben. Seht hier die bereits Gestorbenen! Ihr könnt daraus schließen, wie arg der Schmerz in unserm Innern wüthet.« Mit Grauen wandte sich der junge Mann von dem schaudervollen Anblicke ab und schritt dem Räuber voran, welcher ihm nicht eher folgte, als bis er den Seinen mit den heiligsten Worten versprochen hatte, zurückzukehren, um ihnen Speise und Trank zu bringen und sie dann mit hinaus zu nehmen in die Freiheit. Er hatte die Waffen des Erstochenen an sich genommen und schwur mit grimmiger Bitterkeit, Jeden ohne Gnade und Erbarmen niederzustoßen, der es wage, sich ihm in den Weg zu legen. Oben angekommen, blieb er stehen und musterte das nicht ferne Ufer des Sees. »Wenn wir schnell laufen, kommen wir vielleicht hinüber ohne gesehen zu werden. Besser aber ist es, daß wir einzeln gehen, dann werden sie denken, es ist der Wärter, welcher aus dem Brunnen zurückkehrt. Laßt mich voranschreiten; ich werde Eurer hinter der Buschecke warten, welche ihr hier grad’ gegenüber erblickt!« »Sag mir vorerst Deinen Namen, ehe Du gehst!« »Den einen habt Ihr schon gehört, der andere heißt Schwalbe, Jobst Schwalbe also heiße ich vollständig. Ihr werdet von mir und über mich vielleicht noch gar Manches hören, und wenn Ihr mir Gelegenheit dazu bietet, auch Vieles sehen, was Eure Zufriedenheit erlangen soll. Jetzt aber laßt uns nicht länger plaudern, denn wir müssen das Unsrige gethan haben, noch ehe der Morgen graut.« Langsamen Schrittes begab er sich über das Eis, und nur kurze Weile, nachdem er drüben angelangt war, folgte ihm Uchtenhagen. An dem bezeichneten Orte trafen sie zusammen, und der Letztere sah nun mit lebhafter Spannung dem Kommenden entgegen. Er hatte vor, an der Seite eines einzigen Mannes, auf dessen Treue er noch nicht einmal sicher bauen konnte, in die Mitte einer Schaar von Strauchdieben einzudringen, um seinen Bruder zu finden, der ganz gewiß unter einer scharfen Bewachung stand. Dieses Unternehmen war nicht nur ein schwieriges, sondern es war auch mit den mannigfaltigsten Gefahren verbunden; doch ging er mit freudigem Muthe daran; das Romantische des Abenteuers sprach ihn an, und es galt ja nicht nur eine theure Seele, sondern auch noch Andere zu erretten, denen er seine Hilfe versprochen hatte. »Was haben wir jetzt zu beginnen?« fragte er. »Das werdet Ihr gleich sehen! Ich bin der Vertraute des »Schwarzen« gewesen und kenne die Wege und Schliche besser als selbst der »Reiter«, dem die Mannen jetzt an seiner Stelle gehorchen müssen. Darum – —« »Wer war der »Schwarze«, und wer ist der »Reiter«?« unterbrach ihn Karl. »Habt Ihr noch niemals etwas von dem »schwarzen Dietrich« gehört?« »O ja; also den meinst Du?« »Den und keinen Andern. Wer er war, das weiß ich nicht und keiner von uns. Er kam und ging, ohne daß wir wußten, woher und wohin; aber wenn er kam, so gab es stets einen guten Streich. Er hatte verschiedene Orte, wo er mit seinen Gesellen hauste, hier, an der Spree, im Zotzen und sonst noch weiter, aber hier ist er am liebsten gewesen, und hier sind auch die Gewölbe, in denen er die Reichthümer verwahrt hält, welche er den Rittern, Städten und Leuten abgenommen hat, gegen welche wir auf der Lauer gelegen haben. Lange Zeit ist er nicht hier gewesen, aber er hat uns seine Rückkehr verheißen und den Mann zum Anführer gesetzt, welcher auf seinem Pferde und mit einer brennenden Leuchte unter dem Mantel die Bewohner der Gegend zu fürchten macht. Der »Schwarze« bleibt diesem zu lange aus, und nun hat er die Gesetze vernichtet, welche früher unter uns herrschten, und treibt gewöhnlichen Straßenraub, der mir und vielen Anderen ein Gräuel ist. Auch nach den Schätzen hat er geforscht, deren Versteck nur ich allein kenne, und weil ich ihm denselben nicht verrathen mochte, so ist er mir zuwider gewesen in Allem, bis ich mit meinen Freunden den Entschluß faßte, fortzugehen. Das ist ihm verrathen worden, und so hat er uns binden und in den Brunnen werfen lassen, in welchem wir Hungers sterben sollten. Dabei aber wurde ich doch vor den Uebrigen geschont, weil er hoffte, ich würde ihm das Versteck entdecken, um dem Tode zu entgehen; allein ich wäre lieber zehnmal gestorben, als daß ich desselben auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt hätte.« »So giebt es hier im Walde wohl Höhlen, in denen Ihr wohnet?« »Nicht in Höhlen, sondern in einer Ruine wohnen wir, die in dem weiten Umkreise so verrufen ist, daß sich Niemand in ihre Nähe wagt. Früher, als es noch Heiden hier gegeben hat, haben die Christen einen Einfall gemacht und nach einem großen Siege begonnen, ein mächtiges Kloster zu bauen, von welchem aus das ganze Land bekehrt werden sollte; sie wurden aber wieder vertrieben, und der Bau, welcher kaum zur Hälfte fertig war, ist liegen geblieben und nach und nach in Trümmer zerfallen. In ihnen hausen die Geister der Erschlagenen, wie das Volk hier meint, und sie werden gemieden von Jedermann. Daher sind wir in unserm Treiben nie gestört worden, da wir uns jeder That in der Nähe enthielten, bis der »Schwarze« ging und der »Reiter« an seine Stelle trat. Dieser schont der Nachbarn nicht mehr, und so muß die Zeit kommen, in welcher man unserm Aufenthalte nachspürt, ihn entdeckt und an uns Rache für unser Thun und Treiben nimmt.« »Und wo ist die Ruine?« »Sie beginnt gleich hier in der Nähe. Die Priester, welche den Ort bestimmten, an dem das Kloster stehen sollte, haben sich das schönste Plätzchen im weiten Umkreise ausgewählt, nämlich hier auf der Landzunge, wo man in beschaulicher Abgeschlossenheit Gott dienen und die Schönheiten seiner Natur genießen und doch zu Land und Wasser in Verbindung bleiben konnte mit der übrigen Welt. Wenige Schritte von uns zieht sich die Clausurmauer hin, welche ein gar großes Viereck bildet, welches die Mönche ohne besondere Erlaubniß nicht überschreiten sollten. Dann kommen die eingefallenen Gebäude, das Refectorium, der Conventsaal, die Kirche, eine Reihe von Zellen, welche zusammen einen Hof umschließen, der von einem noch ziemlich erhaltenen Bogengange eingefaßt ist.« »Und in all’ diesen Räumen habt Ihr Euer Lager aufgeschlagen?« »Nein, denn das wäre ja die offenbarste Unvorsichtigkeit, vielmehr könntet Ihr dort suchen, so viel Ihr nur immer wolltet, Ihr würdet doch nicht die geringste Spur von uns entdecken. Die Ruinen bieten der unterirdischen Räume, als da sind Keller und Gewölbe, so viele und so gut verborgene, daß man lange suchen müßte, um unsern Aufenthalt zu entdecken, zumal wir uns große Mühe gegeben und viel gebaut haben, damit wir nicht allein sicher, sondern auch behaglich wohnen könnten. An gewissen Stellen der Mauer sind Wachen aufgestellt, deren scharfen Sinnen das Nahen keines Fremden entgeht, und es ist ein günstiger Zufall, daß Ihr nicht von ihnen bemerkt worden seid. Vielleicht hat Euer Bruder den Leuten so viel Mühe gemacht, daß selbst die Wachen zu seiner Ueberwältigung herbeigerufen werden mußten. Da ich aber Alles genau weiß und kenne, so werden wir ungesehen und ungehört hindurchkommen. Doch zuvor erlaubt, daß ich den Meinen ein wenig Nahrung bringe, damit sie im Stande sind, uns zu folgen, wenn wir den Ort verlassen!« »Diese Forderung will mir gar wenig behagen. Die Sorge um den Bruder peinigt mich dermaßen, daß es mir schwer würde, zu warten, bis Ihr wiederkehrt. Und wenn man Euch bei der Ausführung Eures Vorhabens ergreift, so geht mir nicht nur Eure Hilfe verloren, sondern Ihr bringt Euch und die Euren in größeres Unglück, denn je zuvor.« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «Литрес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/book/karl-may-2/der-beiden-quitzows-letzte-fahrten-21106894/chitat-onlayn/) на Литрес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.