Anna Karenina, 2. Band Leo Tolstoy Leo N. Tolstoi Anna Karenina 2. Band Fünfter Teil 1 Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war; doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären, daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die Mitgift in zwei Partieen – eine große und eine kleine geteilt hatte, damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen, während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte, ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war. Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen, Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen. Er war mit allem einverstanden. „Thut was Ihr wollt, wenn es Euch Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,“ dachte er. Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner, daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße. „Höre einmal,“ sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin, – vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des jungen Paares eingerichtet hatte – „hast du denn ein Zeugnis, daß du gebeichtet hast?“ „Nein. Warum?“ „Ohne dies wirst du nicht getraut!“ „O, o, o,“ rief Lewin aus; „ich habe ja schon seit neun Jahren keine Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!“ „Du bist mir Einer,“ lachte Stefan Arkadjewitsch, „und mich willst du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht – du mußt fasten.“ „Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.“ Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten. Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen, weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben, Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich. „Und was kann es dir darauf ankommen – zwei Tage? Er ist ein so lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen, daß du es gar nicht gewahr wirst.“ In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken, wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr sei, und so empfand er denn – weder imstande, an die Bedeutsamkeit dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu schauen, wie auf eine leere Formalität – während der ganzen Zeit dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte, gewissermaßen irrig und nicht gut war. Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich, ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen. Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben, um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die Beichte zu hören. In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und die Kirchendiener. Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen. An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte „Herr erbarme dich unser“, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin, wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus nur eine Verwickelung entstehen konnte – und so fuhr er fort, hinter dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken. „Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,“ dachte er, sich vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten. Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend, diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte. „Wieder das entstellte ‚Herr erbarm dich‘,“ dachte Lewin, sich bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens des sich beugenden Diakonus schauend. „Sie nahm darauf meine Hand und betrachtete die Linien; ‚du hast eine schöne Hand‘, hatte sie gesagt“ und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. „Ja, nun ist es bald zu Ende,“ dachte er, „nein, es scheint wieder von vorn anzufangen,“ dachte er, den Gebeten lauschend; „doch, es ist zu Ende, da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der Fall.“ Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke, welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu weisen. „Es wird sich schon machen,“ dachte er und schritt zu dem Altar. Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin. „Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,“ sprach er, auf das Kruzifix deutend. „Glaubet Ihr an alles, was uns die heilige apostolische Kirche lehrt?“ fuhr der Geistliche fort, die Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion legend. „Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,“ sagte Lewin mit einer Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann. Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in schnellem wladimirschen o-Dialekt: „Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?“ fügte er hinzu, ohne die geringste Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit verlieren. „Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.“ „Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,“ wiederholte der Geistliche mit den nämlichen Worten, „aber woran zweifelt Ihr vornehmlich?“ „An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,“ antwortete Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er gesprochen hatte. Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins keinen Eindruck. „Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?“ sagte er schnell und mit kaum merklichem Lächeln. Lewin schwieg. „Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine Werke schaut?“ fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger Sprache fort. „Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer möglich gewesen sein?“ sprach er, fragend auf Lewin schauend. Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort nur, was sich auf die Frage selbst bezog. „Ich weiß es nicht.“ „Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott alles geschaffen hat?“ versetzte heiter-bedenklich der Geistliche. „Ich begreife nichts,“ antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten. „Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und bittet ihn. Betet zu Gott,“ – wiederholte der Geistliche und schwieg hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. „Wie ich vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu treten?“ frug er lächelnd, „das ist eine herrliche Jungfrau!“ „Ja,“ antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; „wozu brauchte derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?“ dachte er bei sich. Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er zu Lewin: „Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so? Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der Euch zum Unglauben verleitet?“ frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf. „Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen, das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht? Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge ‚was erwartet mich im ewigen Leben?‘ Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,“ sagte er und hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften Augen anschauend. Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber nachzudenken, was er dann antworten wollte. „Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,“ fuhr der Geistliche fort, „da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich Eurer erbarme,“ schloß er. „Unser Herr und Gott Jesus Christus in seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe dir mein Sohn!“ und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester und entließ ihn. Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte, so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das, was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe. „Natürlich nicht jetzt,“ dachte Lewin, „aber später einmal.“ Lewin fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe gemacht. Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf Tische und Fenster springt. 2 Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte – auf der Beobachtung aller Gebräuche behaarten die Fürstin und Darja Aleksandrowna streng – seine Braut nicht zu sehen und speiste im Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd. Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren und gutmütigen Art. „Da haben wir es ja,“ sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder angenommenen Art, die Worte zu dehnen, „welch ein tüchtiger Bursch unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere – um diesen Betrug zu rechtfertigen.“ „Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch nicht gesehen,“ sagte Sergey Iwanowitsch. „O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen – müssen zu deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.“ „Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch verliebt hättet,“ sagte Lewin, „ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!“ „Ich bin schon verliebt.“ „Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,“ wandte sich Lewin an seinen Bruder, „daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über Ernährung schreibt und“ — „Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben soll.“ „Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.“ „Er nicht, aber das Weib hindert.“ „Inwiefern denn.“ „Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd – paßt nur auf!“ „Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno wären, und zwei Bären,“ sagte jetzt Tschirikoff. „Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.“ „Ganz richtig,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „empfehle dich nur gleich von vornherein der Bärenjagd – deine Frau wird dich nicht mehr fortlassen.“ Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen. „Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war eine wunderbare Jagd,“ sagte Tschirikoff. Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht. „Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom Junggesellenleben eingebürgert,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „wie glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.“ „Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,“ sagte Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus. „Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,“ meinte Tschirikoff lächelnd. „Nun, bei Gott,“ antwortete Lewin lächelnd, „ich kann in meinem Innern dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.“ „Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr überhaupt nichts darin finden könnt,“ sagte Katawasoff, „wartet nur, wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet, dann werdet Ihr es schon finden.“ „Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,“ – von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, „noch ein Glück gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren – aber im Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!“ „Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!“ sagte Katawasoff, „nun, trinken wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.“ Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur Hochzeitsfeier Toilette zu machen. Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage. „Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt, ohne jede Freiheit – dies ist das Glück! – Aber kenne ich denn ihre Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?“ flüsterte ihm plötzlich eine Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt, es überkam ihn Furcht und Zweifel – ein Zweifel an allem. – „Wie, wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht wüßte, was sie thut?“ frug er sich. „Sie kann zur Erkenntnis kommen und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht lieben kann?“ Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. „Nein, so geht es nicht!“ sprach er voll Verzweiflung zu sich. „Ich werde zu ihr gehen, sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges Unglück, als Schande und Untreue!“ Verzweiflung im Herzen und voll Zorn gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und fuhr zu ihr. Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem Fußboden ausgebreitet lagen. „Ah!“ rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude. „Wie kommst du – wie kommt Ihr“ – bis zu diesem letzten Tage hatte sie bald „du“, bald „Ihr“ zu ihm gesagt – „das habe ich nicht erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine oder Andere“ — „Ach, sehr gut!“ antwortete er düster, auf die Zofe blickend. „Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,“ sagte Kity. „Was ist dir?“ frug sie, ihn unbedenklich mit „du“ ansprechend, sobald das Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie. „Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,“ sprach er, Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen, treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde, was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. „Ich bin gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.“ „Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?“ „Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß; das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen, mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen. Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn – sage lieber“ – sprach er, ohne sie anzublicken. „Ich werde unglücklich sein. Mögen alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist“ — „Ich verstehe nicht,“ antwortete sie erschreckt, „das heißt, du willst alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?“ — „Ja, wenn du mich nicht liebst.“ „Du bist von Sinnen!“ rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. „Was denkst du eigentlich; sage mir alles!“ „Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich denn lieben können?“ „Mein Gott, was soll ich anfangen?“ sagte sie und brach in Thränen aus. „O, was habe ich gethan!“ rief er jetzt und begann, vor ihr auf die Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen. Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert, daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend, weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum. Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid, welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue schenken. „Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.“ Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da Charles sogleich kommen würde. „Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr aus der Fassung,“ sagte sie zu ihm; „mach daß du fortkommst nach Hause, nach Hause mein Lieber.“ Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte, wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war. Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte, abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen vertiefte. „Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte, vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.“ „Gewiß, sehr gern.“ „Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?“ frug Stefan Arkadjewitsch. „Sie sind es,“ versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu bringen. 3 Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter. Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen. Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen, und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien. Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort, ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams. Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend „das ist aber doch seltsam“ und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in der Kirche erwartend. Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch. „Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und albernen Lage befunden?“ sagte er. „Ja, es ist dumm,“ bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd, „doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.“ „Nein, sicherlich,“ sagte Lewin mit verhaltener Wut, „und diese albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!“ sagte er mit einem Blick auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. „Und wie, wenn die Sachen schon zur Bahn wären?“ rief er voll Verzweiflung. „Dann ziehst du ein Hemd von mir an!“ „Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!“ „Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es wird sich machen.“ Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte. „Und das Hemd?“ rief Lewin. „Das habt Ihr ja schon an,“ versetzte Kusma mit stoischem Lächeln. Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar Fräcken. Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein Geschäft. Der Diener kam zurück: „Alles war geschlossen – es ist Sonntag heute.“ – Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam, aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese jetzt denken mochte. Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit dem Hemd in das Zimmer herein. „Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem Fuhrwerk,“ sagte er. Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang. „Damit kannst du nicht mehr viel helfen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd, ihm hastig nachstrebend. „Es wird sich schon machen, es wird sich schon machen – sage ich dir!“ 4 „Er ist da! – Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung? Und sie – ja – mehr tot als lebendig!“ – klang es in der Menge durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat. Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander. Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine Braut. Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien, daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens, ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit. „Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,“ sagte sie lächelnd zu ihm. „Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar nicht erzählen kann,“ antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden. „Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,“ sagte Sergey Iwanowitsch, lächelnd den Kopf schüttelnd. „Ja, ja,“ versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach. „Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,“ sagte Stefan Arkadjewitsch mit scheinbar erschrecktem Gesicht, „eine wichtige Frage entscheiden. Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel aus,“ fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, „ich habe entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben wirst.“ Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte nicht zu lächeln. „Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.“ „Nun, nicht gebrannte.“ „Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. „Aber wie thöricht doch die Menschen in einer solchen Situation werden,“ fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort, nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut getreten war. „Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,“ sagte die Gräfin Nordstone herzukommend. „Wie stattlich Ihr ausseht,“ wandte sie sich an Lewin. „Dir ist doch nicht ängstlich?“ frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante. „Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,“ sagte die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend. Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen. Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin. Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar, welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der Priester gesagt hatte. „Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,“ sagte der Brautherr zu ihm. Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben – weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen Arm nahm – als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der Wachstropfen vernahm. Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden, silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar. Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm, nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte. Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß nehmend. „Ist es denn wahr?“ dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte, welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation – alles das war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich zu Mut. Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen. „Segne, Herr!“ ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend. „Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,“ antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen, ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen Augenblick und erstarb dann. Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil, für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten. „Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen helfe Gott, das bitten wir,“ atmete gleichsam die ganze Kirche von der Stimme des Protodiakonus. Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. „Wie konnte man vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?“ dachte er, sich alle seine kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. „Was weiß ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings, Hilfe thut mir jetzt not.“ Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester mit seinem Buche zu den Verlobten: „Ewiger Gott, der du das Getrennte vereinet hast,“ las er mit weicher, singender Stimme, „der das Band der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat, dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Wiederum ertönte in der Höhe der unsichtbare Chor. „Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in diesem Augenblick empfindet,“ dachte Lewin. „Ob sie wohl das Nämliche fühlt wie ich?“ Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß, daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm. Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen, was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt. Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben. In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten, den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen. Es war nur ein Erwarten – Furcht und Freude über etwas Neues und noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich lange vorher schon in derselben vollzogen hatte. Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen lassend, an dessen erstes Fingerglied. „Es wird verbunden der Knecht Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.“ Nachdem er den großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das Nämliche. Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten, irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung, und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was erforderlich war. Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten, schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln, mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne. „Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und das weibliche,“ las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, „und von dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.“ Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten, seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen, kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten ihm in die Augen. 5 In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten. Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten, während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren. In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die aus dem Auslande gekommen war. „Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es schwarz – zu einer Hochzeit“ – sprach die Korsunskaja. „Die einzige Rettung für ihren Teint,“ antwortete die Trubezkaja. „Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat – das ist so kaufmännisch“ — – „Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,“ antwortete die Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und wie jetzt so alles ganz anders geworden sei. „Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist, nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,“ sprach Graf Sinjawin zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte. Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen Scherz erinnern wollte. Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde. „Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,“ antwortete die Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die allereinfachste sein sollte. „Ich liebe dieses ‚fast‘ nicht.“ Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten. „Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich glaube, Ihr beneidet ihn?“ „Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,“ antwortete er und sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an. Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten Witz über eine Ehescheidung. „Man muß den Kranz zurechtrücken,“ antwortete diese, ohne ihn zu hören. „Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,“ sagte die Gräfin Nordstone zu der Lwowa. „Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger nicht auf. Nichtwahr?“ „O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein künftiger beau frère ist,“ antwortete die Lwowa, „und wie schön er sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht steif, er ist offenbar ergriffen.“ „Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?“ „Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.“ „Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich habe es Kity geraten.“ „Gleichviel,“ antwortete die Lwowa, „wir sind doch alle die untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.“ „Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und Ihr Dolly?“ Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht; sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden. Und jetzt? „Furchtbar seltsam“ – sagte sie. Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung, mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen. „Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?“ „Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?“ „Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie der Diakonus plärrt ‚und sie soll ihren Mann fürchten‘.“ „Sind sie denn fremd?“ „Nein, es sind synodale.“ „Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.“ „Nicht doch, das Paar ist so schön.“ „Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein, wie gewählt“ — „Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.“ So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen. 6 Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes, seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester, sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde, vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der Einen er, nach der Meinung der Anderen – beide zugleich darauf getreten wären. Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen, ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue Ceremonie. Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich, aufmerksam zu sein. Man betete: „Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und Töchter;“ es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams geschaffen habe, und „deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,“ und „dieses Geheimnis ein großes“ sei; man betete, daß Gott ihnen Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. „Alles das ist schön,“ dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, „alles das kann auch gar nicht anders sein“ und ein Lächeln der Freude, das sich unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf ihrem hellgewordenen Antlitz auf. „Setzt ihn nur ordentlich auf!“ vernahm man zuredende Stimmen, als der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys Kopf hielt. „Setzt ihn auf,“ flüsterte diese lächelnd. Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und heiter zu Mut, wie ihr. Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war. Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein, mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das „Jesu freue dich“ ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten, sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen, die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln neigten. Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei. Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu und sagte leise, „küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann“ und nahm ihnen die Lichter aus den Händen. Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die Kirche. Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran, weil er fühlte, daß sie schon Eins waren. Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute nach dem Dorfe ab. 7 Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa. Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit niederzulassen gedachten. Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein, antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn. Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem Mieten eines Palazzo im Gange sei. „Ach, das freut mich sehr,“ sagte Wronskiy, „ist die gnädige Frau daheim oder nicht?“ „Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,“ antwortete der Kellner. Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen. „Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,“ berichtete der Oberkellner. Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten, daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche, doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen auf. „Golenischtscheff!“ „Wronskiy!“ In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in späterer Zeit nur einmal wiedergesehen. Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen verstand, und deren Gedanke der war: „Mag Euch meine Lebensart anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.“ Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie einander erkannten. Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht Golenischtscheffs. „Wie freue ich mich, dich zu treffen!“ sagte Wronskiy, freundschaftlich lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend. „Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich freue mich ganz außerordentlich!“ — „Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?“ „Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.“ „Ach so,“ versetzte Wronskiy voll Teilnahme, „also komme mit herein.“ Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte. „Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. – Ich gehe zu ihr,“ – fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins Gesicht blickend. „Ah, ich wüßte nicht,“ antwortete Golenischtscheff ruhig – der recht wohl das Verhältnis kannte – „bist du schon seit lange hier angekommen?“ fügte er hinzu. „Ich? Seit vier Tagen,“ antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das Gesicht des Schulkameraden musternd. „Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie sichs gehört,“ sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung verstehend; „man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält sich ganz so, wie es sich gehört.“ Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den Männern der Auffassung „wie es sich gehörte“. Wenn man ihn aber frug, oder diejenigen frug, welche verstanden, was das „wie es sich gehört“, eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer Verlegenheit gewesen. In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung das „wie es sich gehört“ kannten, dieses nicht im geringsten, sondern verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen, die das Leben von allen Seiten umgeben – sie verhielten sich zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles auszusprechen. Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn. In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber, nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation hätten führen können. Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog, gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach „Aleksey“ nannte und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff. Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter und glücklich fühlen konnte. „Er liegt dort drüben,“ sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend, den Wronskiy gemietet hatte. „Es befindet sich ein schöner Tintoretto dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.“ „Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und besichtigen wir ihn nochmals,“ sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend. „Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?“ sprach sie, an der Thür stehen bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine helle Röte ihr Gesicht. Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei, ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte. Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an. „Nein, nicht so sehr,“ versetzte er. Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes zur Thür hinaus. Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich fürchtete. „So ist es also“ – begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung anzuknüpfen, „du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer deine alte Beschäftigung?“ fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas. „Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner ‚Zwei Gesetze‘,“ antwortete dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, „das heißt, um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor, ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,“ begann er eine lange eifrige Auseinandersetzung. Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über die „Zwei Gesetze“, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte, hörte ihn der Letztere, auch ohne die „Zwei Gesetze“ zu kennen, mit Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war, in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte, die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend, fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern. Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb, riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von Lebenskraft und Freude. Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich gegen jedermann gestimmt – wie sie überhaupt während dieser Zeit war – bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und besichtigten es. „Über Eines freue ich mich sehr,“ sagte Anna zu Golenischtscheff, als sie bereits auf dem Rückwege waren. „Aleksey wird ein gutes Atelier haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,“ sagte sie zu Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte, daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde, und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche. „Malst du denn?“ sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend. „Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig angefangen,“ versetzte Wronskiy errötend. „Er hat ein bedeutendes Talent,“ antwortete Anna mit freudigem Lächeln, „ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es auch gesagt.“ 8 Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar, als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten, der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne – alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung – das Böse, das sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken. Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals, in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. „Ich habe unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,“ dachte sie, „aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte, – des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.“ Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute, die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich. Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur selten noch des Sohnes gedachte. Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich unverzeihlich glücklich fühlte. Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude. Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters, den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich. Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach, dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr – obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte – als, seine Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle spielen mußte – er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen. Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der er sie umgab, bisweilen bedrückte. Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich. Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete. Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte – die Langeweile. – Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich in Anspruch nahm. An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken, da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen. Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt, in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen Büchern, bald nach der Malerei. Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen, welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern. Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern, aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei, ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar, vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde, welches er nachzuahmen wünschte. Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah, als sehr gelungen. 9 Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren – dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach, die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er selbst – ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz – für ein geliebtes Weib. Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen, daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand. „Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,“ sagte eines Tages Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. „Hast du das Gemälde Michailoffs gesehen?“ Er reichte die am Morgen soeben erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das schon im voraus angekauft worden war. In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht, daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung entbehre. „Ich habe das Bild gesehen,“ antwortete Golenischtscheff, „natürlich ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan, Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.“ „Was stellt das Gemälde dar?“ frug Anna. „Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus der neuen Schule dargestellt“ – durch die Frage nach dem Inhalt des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann Golenischtscheff zu erklären. „Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann. Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday – aber nur nicht Christus. – Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für die Kunst nicht nehmen soll, und dann“ — „Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut befindet?“ frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen, ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem Künstler helfen könne. „Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich wirklich in Not befindet. Ich sage, daß“; — „Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu malen?“ sagte Wronskiy. „Weshalb meines?“ fiel Anna ein, „außer dem deinigen möchte ich kein anderes haben. Oder noch besser wäre Any“ – so nannte sie ihr kleines Mädchen – „da ist sie gerade,“ fügte sie hinzu, durch das Fenster auf eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend. Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn derselben. Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff und sagte: „Kennst du diesen Michailoff?“ „Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche d'emblée, in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus aufgezogen sind. Früher,“ fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken, oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten, „früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion, Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm als Quelle der Bildung erschien – zu den Journalen. Man bedenke nur, in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen, Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht – und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben, daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, ‚das ist nichts mehr, évolution, Kampf ums Dasein!‘ Ich habe in meiner Abhandlung“ — „Wißt Ihr was,“ sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte, ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: „Wißt Ihr was?“ unterbrach sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, „wir wollen zu ihm gehen!“ Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen Wagen zu nehmen. Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen. 10 Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet. Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die Geld verlangte. „Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,“ sagte er zu ihr nach langem Gezänk. „Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich Geld hätte“ — „Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!“ rief Michailoff, Thränen in der Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. „Einfältige,“ sprach er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon begonnene Zeichnung. Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau gezankt hatte. „Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!“ dachte er bei seiner Arbeit. Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber er war mit derselben nicht zufrieden. „Nein, die andere war besser; wo ist sie denn nur?“ Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten. Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. „So ist es, so!“ sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein, bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab, wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten brachte. „Sogleich, sogleich!“ Er eilt zu seiner Frau. „Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!“ sagte er zu ihr, schüchtern und zärtlich lächelnd, „du warst schuld und ich war schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.“ Nachdem er sich mit seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren. Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand, hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil – dies, daß ein ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht, daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das, was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf. Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele auf. Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie ihm schien, in den Urteilen der Beschauer. Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen. Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte, ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte, und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies noch mehr durch dessen äußere Erscheinung. Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und den engen Beinkleidern – man trug zu dieser Zeit längst schon weite – insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck. „Bitte ergebenst,“ sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen, und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die Thür zu öffnen. 11 Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen. Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte, so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet. Der Eine da – Golenischtscheff – war ein hiesiger Russe. Michailoff entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch, daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig, kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel konzentrierte, zeigte. Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten. „Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der Vervollständigung der Umschau halber,“ dachte er. Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau – je klüger diese erschienen, um so schlimmer war es – welche die Ateliers der zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien. Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern, in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten, in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung; umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie besonders Anna, gefielen. „So, ist es gefällig?“ sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite tretend und nach dem Bilde weisend. „Es ist die Mahnung des Pilatus. Matthäi Kap. XXVII“ – sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie. Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde, gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward; er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden war. Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut – und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln wahrnahm – gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus. Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt – bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und verspotten, sobald sie unter sich sind. Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte, an Golenischtscheff. „Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen“ – sagte er zu demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren – „Ihnen schon begegnet zu sein?“ — „Gewiß! – Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends, als jene italienische Dame vortrug,“ begann Golenischtscheff frei, und ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler wendend. Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde erwarte, sagte er: „Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen“ — Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über, seine Augen leuchteten auf. Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug, so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand, daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich – teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst spricht – in Gemäldeausstellungen konversiert. Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht hätte. Er trat zu ihnen hin. „Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!“ sagte Anna. Vor allem, was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte, daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob dem Künstler angenehm sein würde. „Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!“ Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte. Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals leuchtete sein Auge auf vor Entzücken. „Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn herumgehen,“ sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige. „Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!“ sagte Wronskiy, sich zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser Technik verzweifelte, anspielend. „Ja, ja, wunderbar,“ bestätigten Golenischtscheff und Anna. Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand, griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen, was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er bemerkt – auch bei der gegenwärtigen Lobesspende – daß man die Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst des Malens – eine Technik – die gab es dabei nicht. Hätte sich einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart, was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach, er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein Gemälde verdarben. „Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich sagen,“ äußerte Golenischtscheff. „Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,“ antwortete Michailoff mit gekünsteltem Lächeln. „Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so gewollt habt.“ „Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,“ versetzte der Maler mürrisch. „Ja, aber in diesem Falle – wenn Ihr mir gestattet meine Idee auszusprechen – Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung. Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber nehmen wir etwa den Iwanoff. – Ich glaube, daß wenn Christus mit der Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch nicht angeschlagenes.“ „Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst bietet“ — „Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und diese stört die Einheit des Eindrucks.“ „Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,“ sagte Michailoff, „ein Streit nicht mehr bestehen kann.“ Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks ab, die in der Kunst notwendig sei. Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung seines Gedankens zu sagen. 12 Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten, zu einem anderen, einem kleinen Gemälde. „Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!“ riefen beide mit einer Stimme. „Was hat ihnen so gefallen?“ dachte Michailoff. Er hatte das vor drei Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden, welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer erwartete, der es zu kaufen wünschte. „Ah; eine alte Studie,“ sagte er. „Wie hübsch,“ rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt. Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine, ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen nachdenklich auf das Wasser. Woran mochte er denken? Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen. Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm. „Es ist zum Verkauf ausgestellt,“ versetzte er, sich verfinsternd. Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor seinem Bilde „Pilatus und Christus“ nieder und wiederholte sich in Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen, so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten vermochte. Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend. Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die gleichwohl – er wußte es – noch über der Vollkommenheit selbst stand. Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim. Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen Bildern. Das Wort „Talent“, unter welchem sie eine angeborene, fast physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden, und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. – Dies sei das Unglück aller russischen Künstler! – Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach! Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. „Ja, das darf man nicht fortlassen, das muß man kaufen,“ sagte Wronskiy. 13 Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit. Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen, besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. „Man muß sie kennen und lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,“ dachte Wronskiy, obwohl nur er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte. Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob sie ihn schon längst gekannt hätten. „Wie lange habe ich mich nun schon geplagt, und nichts fertig gebracht,“ sprach er bezüglich seines eigenen Porträts, „und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist die Technik.“ „Es wird noch kommen,“ tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten. In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier. Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da, kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt. Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde. Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick, daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und erwiderte diesem nichts. Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte. Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei. „Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.“ Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte. Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs. Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte. Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand – aber ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut. Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm, wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen. Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen – sowohl ihm wie Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte – das Leben nun so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff, der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen Erbbesitz Wronskiys zu verleben. 14 Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen. Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war, auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat. Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte – ohne nur eine Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte – daß unter seinen Füßen Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu vollbringen – wenn es auch mit viel Freude verbunden war – blieb doch sehr schwierig. Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen, eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe. Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich, wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen, nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen. Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt, und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen. Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte. Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte, Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte, wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob. Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre. Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk bestellen konnte nach Herzenslust. Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht, warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man bauen müsse. Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff, die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen. Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme hochhob. Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen Empfindung – ja einer noch stärkeren – als die gewesen, mit der er sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich. „Was hast du?“ „Du hast ja recht gute Laune,“ begann sie, sich bemühend, ruhig und sarkastisch zu erscheinen. Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend, sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse. Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden, aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine andere, noch viel stärkere aber, schnell – so schnell als möglich – den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß diese schmerzende Stelle – er selbst war. – Man konnte sich somit nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er bemühte sich denn, dies zu thun. Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren. Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung, so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens, wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber doch diese erste Zeit eine schwere für sie. Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden waren, fühlbar gemacht. Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit, von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte, nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens. Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen. Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau, wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr Leben geebneter. 15 Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb; sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine broderie anglaise. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort, empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus, und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten – des Börsenspiels. — Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies, daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland, die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage der Organisierung des Ackerbaues verdrängten. Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour gemacht hatte. „Er ist offenbar eifersüchtig,“ dachte sie; „mein Gott, wie gut und befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle für mich soviel sind, wie Peter der Koch.“ Und mit einer ihr selbst wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken und den rotschimmernden Hals. „Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit zu entreißen – er macht Fortschritte – so muß ich doch sein Gesicht sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er sich umwendet! Ich will es, nun!“ und sie öffnete die Augen weiter, im Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken. „Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,“ murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte. „Was ist?“ frug er noch lächelnd, und erhob sich. „Er hat sich umgeblickt,“ dachte sie. „Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,“ versetzte sie, ihn anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei oder nicht, daß sie ihn gestört habe. „Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,“ sagte er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend. „Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich nicht nach Moskau.“ „Woran dachtest du denn eigentlich?“ „Ich? Ich habe gedacht – nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich nicht,“ sprach sie, die Lippen kräuselnd, „ich muß jetzt diese kleinen Löcher hier ausschneiden, siehst du?“ — Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden. „Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?“ sagte er, sich zu ihr setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend. „O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.“ „O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,“ sagte er, ihr die Hand küssend. „Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.“ „Du hast da ein Zöpfchen,“ sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. „Ein Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!“ Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee serviert sei. „Ist aus der Stadt Etwas angekommen?“ frug Lewin Kusma. „Soeben. Es wird ausgepackt.“ „Komm sobald als möglich,“ sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend, sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen auch vierhändig spielen.“ Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise. „Es ist nicht gut, so zu leben,“ dachte er bei sich. „Bald sind es nun schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen. Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben. Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen. Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,“ sprach er zu sich selbst. Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen, und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das, worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es dunkel in den Kopf gekommen, daß – nicht, daß sie selbst schuld daran gewesen wäre – sie konnte an nichts Schuld tragen – ihre Erziehung wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war – (dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus – das heißt ihre Familie – außer ihrer Toilette und der broderie anglaise hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre. Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden. Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich baute. 16 Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen. „Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle auch mit bei ihr sitzen,“ begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig zulächelnd. In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben. „Da habe ich einen Brief an dich gelesen,“ sagte Kity, ihm einen fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. „Hier ist einer von jenem Weibe deines Bruders, wie es scheint,“ sagte sie, „ich habe ihn nicht gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja hatte dabei eine Marquise gemacht.“ Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau zurückgekehrt, „und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,“ schrieb sie; „er hat fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.“ „Lies, da schreibt Dolly von dir,“ begann Kity lächelnd, hielt aber plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte. „Was hast du? Was ist da?“ „Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß zu ihm.“ Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als Marquise, an Dolly, alles war verschwunden. „Wann wirst du fahren?“ sagte sie. „Morgen.“ „Und ich gehe mit dir, darf ich!“ fuhr sie fort. „Kity! Was soll das?“ frug er vorwurfsvoll. „Was das soll?“ erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. „Weshalb soll ich nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich“ — „Ich reise, weil mein Bruder stirbt,“ antwortete Lewin. „Weshalb sollst du da“ — „Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest“ — „In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich allein könnte langweilen,“ dachte Lewin, und die Auslegung in der so ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. „Es ist aber unmöglich,“ sagte er in strengem Tone. Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem nicht glaubte, was sie sagte. „Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde; unbedingt mit reisen werde,“ fügte sie eifernd und zürnend hinzu. „Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?“ „Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich sein,“ sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben. „Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich auch sein!“ „Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst“ — „Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um“ — „Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.“ „Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken zu,“ fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. „Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht verstehen.“ „Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!“ rief Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er sich selbst traf. „Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!“ fuhr sie fort, sprang auf und eilte in den Salon. Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das Haar und küßte wiederum ihre Hand – sie schwieg beharrlich. – Als er sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und „Kity“ sagte, da kam sie plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt. Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei dem Bruder nichts Anstößiges habe – reiste aber nichtsdestoweniger, auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst. Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! – Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle Berührungen, welche stattfinden konnten. Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen. 17 Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser. Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem vereinbarte, was beide darin erwartete. Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am Abend noch ein zweites freizumachen versprach. Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer. „Geh, geh,“ sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußten Blick anschauend. Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige Gesicht. „Wie geht es? Was macht er? Wie?“ „Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon erwartet. Er – Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?“ Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf. „Ich will gehen – nach der Küche,“ sagte sie; „der Herr wird sich freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich ihrer noch vom Auslande her.“ Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, was er ihr antworten sollte. „Kommt, kommt!“ sagte er. Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte. Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick. „Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?“ wandte sie sich an ihren Gatten und an jene. „Was macht er?“ wandte sie sich an ihren Mann und dann an sie. „Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!“ sagte Lewin sich voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging. „Nun, so kommt doch herein,“ sagte Kity, zu der sich emporrichtenden Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, „oder geht, geht, und schickt nach mir,“ und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück. Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher – er hatte dies gehört – bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes. In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den Schläfen und über der Stirn. „Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay ist,“ dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender Bruder war. Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes Glück. Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge Ausdruck seiner Augen nicht. „Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,“ brachte er mit Anstrengung hervor. „Ja – nein“ – sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. „Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.“ Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer Hoffnung hegte. Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen. „Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,“ sagte der Kranke mit Anstrengung, „und wenn du aufgeräumt hast, kannst du hinausgehen,“ fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder richtend. Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, daß sie nicht zu dem Kranken gehe. „Wozu sie peinigen, wie ich mich peinige?“ dachte er. „Nun? Was ist? Wie steht es?“ frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht. „Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur mitgekommen?“ sagte Lewin. Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an seinen Ellbogen. „Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,“ sagte sie, „begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden können. Bitte gestatte es!“ beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück ihres Lebens hiervon abhinge. Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu seinem Bruder. Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu sprechen. „Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt gewesen,“ sagte sie, „Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure Schwester werden würde.“ „Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?“ frug er mit dem Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete. „Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.“ Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem Lebenden erschien. „Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,“ sagte sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau haltend. „Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,“ sagte sie zu ihrem Manne, „schon, damit wir näher sind.“ 18 Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben. Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und begab sich sofort ans Werk. Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden hervor und brachte sie herbei. Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu ihm hin. „Schneller,“ befahl sie. „Ihr geht ja nicht,“ sagte der Kranke gereizt, „ich will selber“ — „Was sagt Ihr?“ frug Marja Nikolajewna dazwischen. Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein. „Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!“ sagte sie daher, den Arm richtend, „Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in Ordnung,“ fügte sie hinzu. – „Geh doch – bitte – in meinem kleinen Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,“ wandte sie sich an ihren Mann, „du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man hier noch vollends Ordnung macht.“ Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in broderie anglaise von Kity. Auf einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck von Hoffnung unverwandt auf Kity. Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch von bestimmter Temperatur. Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, allein Lewin vernahm nur die letzten Worte „deine Katja“; an dem Blicke jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte. „Mir ist schon bei weitem besser,“ sagte er, „bei Euch wäre ich freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!“ Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren beiden Händen und drückte sie. „Jetzt legt mich auf die linke Seite und geht schlafen,“ fuhr er fort. Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was er wünschen möchte. „Auf die andere Seite,“ sagte sie zu ihrem Manne, „er schläft stets auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?“ wandte sie sich an Marja Nikolajewna. „Ich fürchte mich,“ versetzte diese. So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere dieser ausgemergelten Glieder überrascht. Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte. Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog; erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht fähig zu reden, das Gemach. 19 „Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren entdeckt.“ So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend mit ihr sprach. Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, irgendwie zu handeln. Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte. Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; schweigen – gleichfalls nicht. – Blickte er den Kranken an, so konnte dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll auf, so schickte sich das nicht. Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie etwas wußte. Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: „Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, daß ein jeder so sterbe!“ Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß er kommuniziere. Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle. Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich; sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten. Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und Servietten übergebreitet. Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber alles so, daß nichts Verletzendes darin lag. Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen. „Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu kommunizieren,“ sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar strählend, „ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.“ „Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?“ sagte Lewin, nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend. „Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl sehr froh, daß ich ihn überredet habe,“ sagte sie, unter ihrem Haar hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. „Es ist alles möglich,“ fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach. Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die broderie anglaise sagte: „Möchten doch die guten Leute lieber die Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten“ und Ähnliches. „Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles das einzurichten,“ sagte Lewin, „und – ich muß es eingestehen, daß ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine Reinheit, daß“ – er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht – das Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend – sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre aufleuchtenden Augen blickend. „Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,“ sagte sie, wand die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. „Nein,“ sprach sie, „das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich viel in Soden gelernt.“ „Waren denn dort derartige Kranke?“ „Noch schlimmere sogar.“ „Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.“ „Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut mit ihm gewesen sein würden,“ sagte sie, erschrak aber sogleich über das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen traten ihr in die Augen. „Ja – gewesen sein würden“ – sagte er traurig, „das ist eben einer jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.“ „Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns niederlegen,“ sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend. 20. Der Tod Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung. Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben, sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend: „Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,“ und wiederholte dies mehrere Male, „und du wirst ihn und mich erretten.“ Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte, küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre. Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde. „Ist er besser? – Ja, bei weitem. – Wunderbar. – Nichts Wunderbares. – Er ist doch besser,“ so sprachen sie flüsternd und einander zulächelnd. Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken selbst. Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung, mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder, von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die Einatmung von Jod Wunder thue. „Wie, ist Kity nicht hier?“ raunte er umherblickend, nachdem ihm Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte. „Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,“ sprach er, die Flasche mit seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen. Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie war bleich und ihre Lippen bebten. „Er stirbt!“ flüsterte sie; „ich fürchte, er stirbt sogleich!“ Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief herniederhängendem Kopfe. „Wie fühlst du dich?“ frug Lewin flüsternd nach einer Pause. „Ich fühle, daß ich scheide,“ sprach Nikolay mit Anstrengung, aber die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. „Katja, geh' hinaus,“ fuhr er fort. Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern hinauszugehen. „Ich scheide,“ sagte er wiederum. „Weshalb denkst du das?“ antwortete Lewin, um etwas zu sagen. „Deshalb, weil ich scheide,“ wiederholte Nikolay, sich gleichsam in diesem Ausdruck gefallend. „Es ist zu Ende.“ Marja Nikolajewna trat zu ihm. „Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,“ sprach sie. „Bald werde ich liegen,“ versetzte er leise, „als ein Toter,“ er sprach höhnisch, erbittert, „nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.“ Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht. Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das, was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb. „Ja, ja, so,“ brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor. „Bleibt.“ Er schwieg wieder. „So,“ sagte er dann gedehnt und befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. „O Gott!“ begann er dann nochmals und seufzte schwer. Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, „sie werden kalt“, flüsterte sie. Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich. Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes „so“ bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden. Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen, aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust, und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens, welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte. Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte er, daß der Sterbende sich regte. „Geh nicht fort,“ sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen. Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine ganze Stunde und noch eine Stunde. Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf, behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte: „Geh' nicht fort“ — Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt, sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf „ich leide furchtbar, unerträglich!“ Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand. Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche, verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich. Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung. Der Kranke erwiderte nichts. „Was soll ich ihm nun schreiben?“ frug Lewin. „Ich hoffe, daß du ihm nicht mehr gram bist?“ „Nein, keineswegs!“ antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage. „Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!“ Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja Nikolajewna, wie Lewin und Kity. Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele ruhte: „O, wenn doch ein Ende käme“, oder „wann wird das vorüber sein“. Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des Wunsches, hiervon erlöst zu sein. Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem einen zusammen – dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und von der Quelle derselben – dem Körper. Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt werden konnten. „Legt mich auf die andere Seite,“ sagte er und verlangte gleich darauf, daß man ihn wieder lege, wie vorher. „Gebt mir Bouillon! Schafft sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!“ Sobald man aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus. Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen. Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung herrühre und empfahl geistige Ruhe. Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich. „Wie fühlt Ihr Euch?“ frug sie ihn. „Schlechter,“ brachte er mit Mühe heraus, „es schmerzt so.“ „Wo schmerzt es?“ „Überall.“ „Heute geht es zu Ende, paßt auf,“ sagte Marja Nikolajewna; zwar flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der nämliche vorwurfsvolle und gespannte. „Warum denkt Ihr das?“ frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor hinaus folgte. „Er hat angefangen, sich abzunehmen,“ sagte Marja Nikolajewna. „Was ist denn das?“ „Nun dies,“ antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das Sterbegebet sprechen zu lassen. Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück, und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die erkaltete, blutlose große Hand. „Er hat vollendet,“ sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte vernehmbar: „Nicht ganz – aber bald.“ — Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden. Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war. Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen, und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war. Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben. Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr Unwohlsein bestand in Schwangerschaft. 21 Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf alles nur billigende Antworten gab. Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine Lage und erschrak über sie. Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er sich jetzt fühlte. Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet. In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten. Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen. „Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz wohl, deren Adresse mitzuteilen.“ Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend. Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch nicht zur Mittagstafel. Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war – in diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres zu erscheinen – sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich unglücklich war. Er wußte, daß man deswegen – eben deswegen, weil sein Herz zerrissen war – mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die war – seine Wunden vor ihnen zu verbergen – und er hatte dies zwei Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen. Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, sondern einfach den leidenden Menschen – nein, nirgends hatte er einen solchen Menschen. Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die beiden. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey Aleksandrowitschs hier gestorben. Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, dessen er fähig war. Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle äußern konnte – aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt. Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische Beziehungen aufgerichtet. Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz vorbereitet „habt ihr von meinem Unglück gehört?“ Aber er vollendete damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, „macht mir das also fertig,“ womit er ihn entließ. Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften überhäuft wären, und sich beeilen müßten. An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich. 22 Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen, diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte, den Kopf auf beide Arme gestützt. „J'ai forcé la consigne,“ sagte sie, indem sie mit schnellen Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung eintrat. „Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! – Mein Freund!“ – fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend. Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu. „Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,“ sagte er und seine Lippen bebten. „Mein Freund!“ wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte sie. „Mein Freund!“ sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme. „Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber Ihr müßt Trost finden.“ „Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. „Meine Lage ist furchtbar dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt dafür finde.“ „Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,“ antwortete sie mit einem Seufzer, „unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,“ sagte sie mit jenem verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, „er wird Euch halten und Euch beistehen!“ Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt zu vernehmen. „Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und fasse jetzt nichts.“ „Mein Freund,“ wiederholte Lydia Iwanowna. „Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht dies!“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, „ich klage um nichts. Aber ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.“ „Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem Herzen wohnt,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen hebend, „und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.“ Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken. „Man muß eben alle Einzelheiten kennen,“ sagte er mit dünner Stimme, „die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für mich ergeben haben“ – er betonte das letztere Wort – „aus meiner neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die Rechnungen – dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei Kräften, es zu ertragen. Bei Tische – ich bin gestern kaum seit der Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle, aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen. Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig“ – Aleksey Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne. An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken. „Ich verstehe, mein Freund,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. „Ich verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann. Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?“ Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die Hand. „Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir aus.“ — „Ich muß danken.“ „Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr gesprochen habt – daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,“ sagte sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte. Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke, welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm. Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich nicht. „Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure Worte,“ sprach er, als sie mit Beten fertig war. Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände. „Jetzt will ich ans Werk gehen,“ sagte sie lächelnd, nachdem sie eine Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht gewischt hatte. „Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten Notfall an Euch wenden.“ Sie erhob sich und ging hinaus. Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei. Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren, und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich: sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin, daß sie ihn, – es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke – fast zum Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte. Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute, die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß, da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre, auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden ein volles Seelenheil kennen lerne. Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er, wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte. 23 Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden Lebemann verheiratet worden. Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten. Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau, dessen Ursache man nicht begreifen konnte. Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten, sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend, bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein verliebt war. Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker, als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen. Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte. Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien, was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre. Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes sagte. Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne. Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene „widerlichen Menschen“, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten, und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte. Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden. Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte. Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem, rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte. „Wer hat das gebracht?“ „Ein Beauftragter aus dem Hotel.“ Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes, französisch abgefaßte Schreiben: „Madame la Comtesse! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit, Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde – oder würden Sie mich wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann? Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.     Anna.“ Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn; sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton. „Sag', es gebe keine Antwort,“ sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr zur Hofcour zu sehen. „Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz auf, aber er giebt uns auch die Kraft,“ fügte sie hinzu, um ihn doch wenigstens in Etwas vorzubereiten. Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in persönlichen Beziehungen nicht bot. 24 Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter. „Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,“ sagte ein alter Herr in goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei ihm über die Beförderungen erkundigt hatte. „Und mich zum Adjutanten,“ versetzte das Fräulein lächelnd. „Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande – Karenin.“ „Guten Tag, Fürst,“ sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand drückend. „Was habt Ihr zu Karenin gesagt?“ sprach der Fürst. „Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.“ „Ich dachte, er hätte ihn schon.“ „Nein. Seht ihn Euch doch an,“ sagte der alte Herr, mit dem goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug. „Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,“ fügte er hinzu, stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen Kammerherrn die Hand zu drücken. „Er ist gealtert,“ sagte der Kammerherr. „Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.“ „Wie, gealtert? Il fait des passions. Ich glaube, die Gräfin Lydia Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.“ „Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht nichts Übles!“ „Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?“ „Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?“ „Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, bras dessus, bras dessous, auf der Morskaja.“ „C'est un homme qui n'a pas“ – begann der Kammerherr, hielt aber inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden Persönlichkeit aus der Familie des Zaren. So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte. Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was einem Beamten passieren kann – Stillstand in seiner aufwärtsführenden Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden, daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte, schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war. Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren Verbesserung hinzuweisen. Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben. Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber, sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit. „Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,“ sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr diente, als früher. Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln, als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war. Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte. „Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten, wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er vorbeizuschreiten hatte. „Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der Welt von Übel ist,“ dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des Kammerherrn blickend. Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna. „Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!“ sagte der alte Herr, mit boshaft blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter Bewegung den Kopf neigte. „Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,“ sagte der alte Herr, auf sein neuempfangenes Ordensband weisend. „Ich danke Euch,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, „welch ein herrlicher Tag ist heute,“ fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit besonders Betonung auf das Wort „herrlich“ legend. Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt. Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen, nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin. Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor dreißig Jahren damit verfolgt hatte. Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich werden zu lassen. Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab. Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend, strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem Licht. „Ich gratuliere Euch,“ sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein Ordensband weisend. Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr eingestanden haben würde. „Was macht unser Engel?“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey denkend. „Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die Augen öffnend. „Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.“ Sitnikoff war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war. „Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden Menschen, und jedes Kind berühren,“ begann er, seine Gedanken über die einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu entwickeln – über die Erziehung seines Sohnes. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf, und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig. „Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,“ sagte Lydia Iwanowna verzückt. „Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das ist alles, was ich thun kann.“ „Ihr kommt doch mit zu mir,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine Pause machend, „ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben ‚von ihr‘ erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.“ Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib, sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache ausdrückte. „Ich habe das erwartet,“ sagte er. Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen. 25 Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete sich um. Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium. Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab. „So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan durchschreitend, „und bei unserem Thee sprechen.“ Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey Aleksandrowitsch in die Hände. Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm. „Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid geben zu dürfen,“ sagte er zaghaft, die Augen erhebend. „Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!“ „Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.“ In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war. „Nein“ – unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, „alles hat seine Grenze! Ich begreife die Unmoral,“ sagte sie – nicht ganz aufrichtig, da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt – „begreife aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und ihre Niedrigkeit erkennen!“ — „Wer will einen Stein auf sie werfen?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. „Ich habe alles vergeben, und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde“ — „Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch? Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr – haben wir deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben. So ist es doch am besten. Sonst aber – was wird er da denken?“ — „Hieran dachte ich nicht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich zustimmend. Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb stumm. Sie betete. „Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,“ sagte sie, mit beten fertig und das Gesicht wieder aufdeckend, „dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun. Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist, so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr schreiben.“ — Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb folgendes Billet auf Französisch: „Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte, was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe aufzufassen. Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.     Gräfin Lydia Iwanowna.“ Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den Grund der Seele. Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden hatte. Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er, wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte. Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte – besonders dies, daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell herausgefordert hatte – peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein Herz vor Scham und Reue. Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt, da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte. „Aber woran trage ich eine Schuld?“ sprach er zu sich selbst, und diese Frage rief in ihm stets eine andere hervor – die, ob die anderen Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten. Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden, und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten. Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen, daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige, daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das, was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte. Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken wünschte. 26 „Nun, wie steht's Kapitonitsch?“ sagte der kleine Sergey rotwangig und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier reichend. „War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?“ „Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn gemeldet,“ sagte der Schweizer heiter blinzelnd. „Gestattet mir, daß ich Euch auskleide.“ „Sergey!“ sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach den inneren Gemächern führte. „Legt selbst ab!“ Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht blickend. „Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?“ Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe. Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier. Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen. Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen. „Hat er sich denn recht gefreut?“ frug er. „Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als er von hier fortging.“ „Hat man etwas für uns gebracht?“ – frug Sergey nach einer Pause. „Nein, Herr,“ antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, „von der Gräfin ist etwas da.“ Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse. „Was sagst du? Wo ist es denn?“ „Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.“ „Wie groß ist es denn? – So?“ — „Kleiner, aber was Hübsches.“ „Ein Buch?“ „Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich rufen,“ sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt, losmachend. „Wasiliy Lukitsch, diese Minute!“ antwortete Sergey mit dem nämlichen heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen Wasiliy Lukitsch stets besiegte. Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren hatte. Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und heiter sein müsse. „Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?“ „Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu gratulieren.“ „So; freut er sich?“ „Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er hat ihn ja auch verdient,“ sagte der Portier streng und ernst. Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers, insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie anders als von unten herauf anschaute. „Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?“ Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin. „Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.“ — In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte. „Was meint Ihr dazu?“ frug er. Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann. „Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,“ frug er plötzlich, schon hinter dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, „was ist denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?“ Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der Alexander Newskiy. „Und noch höher?“ „Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.“ „Und höher noch als der Andreas?“ „Ich weiß es nicht.“ „Was; selbst Ihr wißt das nicht?“ und Sergey versank, sich aufstemmend, in Nachdenken. Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte, wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte er ihn sofort auch verdienen. In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden, sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so verständliche Wort „plötzlich“ ein „Umstand der Art und Weise“ sei; allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte. Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch blickte. „Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?“ frug er plötzlich. „Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an denen man arbeiten muß.“ Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war. „Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?“ frug er sich betrübt und konnte keine Antwort finden. 27 Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater. Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute, graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit, ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später, als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei für ihn tot, weil sie nicht gut gewesen – was er durchaus nicht zu glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte – so forschte er noch immer nach ihr und wartete auf sie. Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen, welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen. Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters, zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend. „Papa kommt,“ riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend. „Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen, daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt. „Ja, es war sehr lustig, Papa,“ sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl setzend und ihn schaukelnd – was ihm verboten war. „Ich habe Nadenka gesehen,“ Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur Erziehung befindliche Nichte, „sie hat mir erzählt, daß man Euch einen neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?“ „Zuerst – schaukle nicht, bitte,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, „zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke, Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn du aber arbeitest“ – sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte – „indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin eine Belohnung finden.“ Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/lev-tolstoy/anna-karenina-2-band/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.