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Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

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Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Vorbemerkung

In dieser Sammlung ist der Grundsatz genauer Nachbildung von Versmaß und Reimverschlingung streng durchgeführt. Wer Übersetzungen eine Mitgift aus eigenem geben kann, mag sich freier bewegen; der bescheidene Dolmetsch soll die Gebärde des Kunstwerks ehren und deshalb den Vorteil verwandter Formen selbst auf die Gefahr einer gelinden Beengung ausnutzen. Es ist keineswegs richtig, daß Übersetzungen durchaus den Eindruck von Originalen machen müssen, der Geruch der Muttererde darf sich nicht verflüchtigen. Unsere Bühne kann den Trochaeus des spanischen Dramas, den Alexandriner des französischen getrost preisgeben, ihre Mittel leisten tausendfältigen Ersatz und ermöglichen Treue der Stimmung; die redlichste Übertragung eines Gedichtes hat dagegen immer noch genug Verluste zu beklagen. Gewiß wird alle Lyrik durch dieselben Stimmungen ausgelöst, doch die Seelen der Völker und Zeiten sind so verschieden, wie die der Sprachen.

Der Leitsatz rechtfertigt die Verwendung des oft verketzerten Alexandriners. Was ihn uns unbehaglich macht, ist zumeist die starre Cäsur, die ihn im Deutschen – viel schärfer als im Französischen – wie mit einem Beilschlage zerhackt; sie ist frei behandelt, wie dies ja auch die jüngeren Franzosen belieben.

Dem vers libre ist peinliche Gerechtigkeit widerfahren; Meister wie Régnier und Verhaeren können dies beanspruchen, sie sind gegen den Verdacht gespreizter Unfähigkeit geschützt, die sich nur zu oft solcher Tracht bedient.

Es bedarf keiner Erwähnung, daß das Büchlein weder bestimmte Zeitabschnitte noch Schulen erschöpfen will; nicht einmal dem Reichtum der vertretenen Dichter wird es auch nur annähernd gerecht.

Lugano, im Herbst 1907

Joseph Jaffé

François Villon

geb. 1431

Aus dem großen Testament

Mich reut, daß ich in jungen Tagen
Gescheut hab jede ernste Pflicht,
Das Alter naht, wer kann es sagen,
Wie bald dies wilde Herz schon bricht.
Zu Fuß enteilt die Zeit ja nicht,
Sie sitzt zu Rosse! ach, mein Glück
War immer leicht nur von Gewicht,
Mir ärmsten blieb auch nichts zurück.

Die Jahre sind dahin gegangen,
Nichts ernstes habe ich erstrebt,
Mit Schrecken seh ich und mit Bangen,
Ich bin nicht reif, bin nur verlebt.
Eh’ noch mein Sein ins Nichts entschwebt,
Hat mich der letzte Freund vergessen,
Kein Herz, das um mich zagt und bebt …!
Ich habe nie ein Glück besessen.

Nie hab ich schweres Geld gezahlt
Für Leckerbissen und für Wein,
Bei Frauen nie damit geprahlt,
Davon ist mein Gewissen rein.
Wer dies nicht glaubt, der läßt es sein,
Mag seinen Glauben er genießen!
Wirft einer deshalb einen Stein,
Wird er von sich auf andere schließen.

Geliebt hab ich natürlich auch
Und liebte gerne noch viel mehr,
Doch volles Herz und leerer Bauch,
Die helfen dabei nicht zu sehr.
Wer Sorgen hat, trägt alles schwer,
Der weiß nicht viel von Feiertagen,
Mein Magen war ja meistens leer,
Musik macht nur ein voller Magen.

Hätt ich bekämpft die wilde Sucht
Und was gelernt in jungen Jahren,
Mich fromm befleißigt guter Zucht,
Ich würde heute besser fahren.
Doch böse Buben, wie wir waren,
Die schwänzen, wenn’s zur Schule geht!
Jetzt kann ich mir die Worte sparen,
Die Reue kommt ja stets zu spät.

Geschrieben steht – nur habe ich
Gedeutet es nach meinem Sinn —
„Mein Sohn, freu’ in der Jugend dich!“
Ja, davon hatte ich Gewinn.
Nun ist die Jugend längst dahin!
Was weiter folgt, schien mir nicht wichtig,
„Die Jugend“, heißt es dann darin,
„Und ihre Freuden, die sind nichtig.“

„Die Tage sind mir voller Hast
Enteilt“, kann ich mit Hiob sagen,
„Schnell wie am Webstuhl ohne Rast
Das Schifflein gleitet“. Darf ich klagen?
Wer Hoffen nicht mehr kennt noch Zagen,
Erschrickt nicht, wenn das Ende droht,
Mich wird kein Mißgeschick mehr schlagen,
Denn alles schwindet mit dem Tod.

Wo sind sie hin, die Burschen all’,
Mit denen einst ich mich ergötzt,
Die hoch des freien Wortes Schall,
Noch höher kühne Tat geschätzt?
Die meisten sind zu Tod gehetzt,
Gott, der die Sünder nicht verläßt,
Schenk ihnen ewige Ruhe jetzt
Und schirme gnädiglich den Rest.

Gar mancher hat es weit gebracht
Und kann auf stolzem Rosse reiten,
Gar mancher bettelt nackt und lacht,
Brot sieht er höchstens mal vom weiten.
Noch andere traten klug beizeiten
Ins Kloster ein und beten brav,
Ich seh sie in Sandalen schreiten,
Wie es nun grade jeden traf.

Die großen Herren können lachen,
Sie haben immer gute Zeit,
Gott braucht sich Sorgen nicht zu machen
Um dieser Leute Fröhlichkeit.
Dem Armen, der vor Hunger schreit
Wie ich, o Herr, erweis dich gnädig,
Im Kloster kennen sie kein Leid,
Die Mönche sind der Sorgen ledig.

Sie lieben wohlbestellten Tisch
Und trinken gerne guten Wein
Zum Braten, Kuchen und zum Fisch,
Stets muß er frisch vom Zapfen sein.
Die Arbeit macht den Brüdern Pein,
Der Tag soll sorgenfrei verfließen,
Doch schenken sie sich selber ein,
Dess’ lassen sie sich nicht verdrießen.

Des Urteils harr ich in Geduld,
Mein Fall ist einfach, klar und schlicht,
Vergebung hoff ich meiner Schuld,
Was andere taten, richt ich nicht.
Ein Sünder bin ich und ein Wicht,
Gelobt seist du, o Jesuchrist,
Du führst mich ein zum ewigen Licht!
Doch was ich schrieb, bleibt, wie es ist.

Jetzt lassen wir die Kirche ruhn
Und reden mal von andern Dingen,
Man hat nicht gern damit zu tun,
Vergnügen kann es auch nicht bringen.
Die Menschen, die mit Sorgen ringen,
Gebrauchen Worte leicht, die kränken,
Und wenn sie schon den Mund bezwingen,
Verhindert nichts sie, hart zu denken.

Wir, die von armen Leuten stammen,
Wir können nur von Not erzählen,
Mein Vater brachte nichts zusammen,
Und auch sein Vater mußt sich quälen.
Es tat an allem stets uns fehlen,
Und auf den Gräbern meiner Ahnen
– Der Herr erbarm sich ihrer Seelen —
Erblickt man weder Helm noch Fahnen.

Ließ mir der Hunger keine Ruh,
Hat oft mein armes Herz gesagt:
Weshalb, o Menschlein, jammerst du?
Verachte, was dich quält und plagt!
Jacques Coeur1 hat alle überragt
An Reichtum und litt niemals Not,
Wenn auch dein Los dir nicht behagt,
So lebst du doch, und er ist tot.

Jacques Coeur hat alle überragt,
Ein Herr …! jetzt ein erloschnes Licht.
Es gilt von ihm, was David sagt:
„Ich suchte ihn und fand ihn nicht.“
Im übrigen hat mein Gedicht
Für eine Predigt keinen Raum,
Ich leiste gern darauf Verzicht,
Nur Pfaffen schlagen solchen Schaum.

Nie habe ich, sagt’s allen Leuten,
Für einen Engel mich gehalten,
Ich wollte niemals was bedeuten,
Nie konnt ich aus dem vollen schalten.
Still in der Erde, in der kalten,
Ruht längst mein Vater, und Freund Hain
Naht schon dem Mütterlein, dem alten,
Der Sohn wird auch zu finden sein.

Ich habe Toren, habe Weise,
Hab Priester, Laien wohl gekannt,
Hofleute, Bürger, Kinder, Greise,
Geringe, große Herrn im Land,
Und Damen auch im Prachtgewand,
Geschmückt mit Halsgeschmeid und Ring,
Jedwede Art und jeden Stand,
Dem Tode keiner noch entging.

Der Tod fand Paris und Helenen,
Er packt uns unter Qual und Schmerz,
Wenn wir zum letzten Schlaf uns dehnen,
Steigt uns die Galle in das Herz.
Der Atem stockt, im Busen zerrt’s,
Der Schweiß bricht aus, da hilft kein Beten,
O Gott, das Sterben ist kein Scherz,
Kein Bürge kann uns da vertreten.

Der Tod macht alle bleich und gleich,
Das Auge bricht, die Sinne schwinden,
Der Hals schwillt an, das Fleisch wird weich,
Die Bänder wollen nicht mehr binden.
Die Frauen selbst, die zarten, linden,
Ihr süßer, liebenswerter Schoß,
Er wird zu Staub, ein Spiel den Winden,
Denn allen fällt das gleiche Los.

Clément Marot

1495-1539

Lied

Willst du dein Herz erquicken,
Mußt einen einzigen Blick
Du meiner Liebsten schicken,
Gott schenk ihr Gunst und Glück!
So hold wirst du sie finden,
Daß dir zur selben Stund
Wohl tausend Schmerzen schwinden,
Ihr Gruß macht dich gesund.

Die Gaben meiner Schönen
Erfreuen Herz und Sinn,
Die Sehnsucht läßt mich stöhnen,
Wenn ich nicht bei ihr bin.
Ihr Liebreiz macht mich beben,
Bleich werd ich, wie der Tod,
Doch ihre Huld schenkt Leben,
Verscheucht, was mich bedroht.

An den König, als ich bestohlen wurde

Ein Unglück, Sire, alleine, das kommt selten!
Euch, Herr, wird dieses Wort als Wahrheit gelten;
Es kommt zu zweit, zu dritt, in ganzen Scharen,
Ihr habt es leider selber ja erfahren.
Und ich, ich bin kein Fürst, bin überhaupt
Vor Euch ein Nichts. Doch wenn Ihr es erlaubt,
Erzähle ich die schönste der Geschichten.

Von meinem Diener will ich Euch berichten
Aus der Gascogne, ein Lügner und ein Dieb,
Er soff und fraß und wußte, wo er blieb,
Ein Lümmel, wie vom Galgen abgeschnitten,
Im übrigen bei allen wohl gelitten,
Ein Bursch, in den die Dirnen sich vernarrten,
Ein flotter Kerl bei Kegeln und bei Karten.

Der ehrenwerte Herr bekam nun Wind
Von jener Summe, die Ihr mild gesinnt
Mir jüngst gemacht zur gnädigen Verehrung,
Von meines Beutels plötzlicher Beschwerung.
Des Nachts – er pflegte länger sonst zu liegen —
Ist er in meine Kammer eingestiegen
Und nahm das schöne Geld noch vor dem Morgen.
Ich glaube kaum, er wollte es nur borgen,
Denn keinem hat er was davon gesagt.
Um wenig hat er sich grad nicht geplagt,
Mein Hut, mein Wams, mein Gurt fiel ihm zum Raube,
Die Stiefel und der Mantel und die Schaube;
Das beste, was ich nur bei Hofe trug,
War diesem Kenner grade gut genug.
Ihr hättet ihn, es fehlte wohl nur wenig,
Für mich genommen, hoher Herr und König.

Zum Schluß begab sich dann mein Seneschall
Des graden Wegs in seines Herren Stall.
Das schlechte Pferd mißfiel dem guten Jungen,
Flugs hat er auf das bessere sich geschwungen,
Den Sattel nahm er und das Terzerol
Und nichts vergaß er als das Lebewohl.
Er spürte um den Hals vielleicht ein Würgen,
Doch war der Held beritten wie Sankt Jürgen.
Den Herrn hat er nicht aus dem Schlaf geweckt,
Der war nicht gut gelaunt, als er’s entdeckt.
Der Herr war ich. Ihr werdet es verstehen,
Der Morgen hat mich nicht vergnügt gesehen,
Fort waren alle meine schönen Kleider
Und auch das beste meiner Rosse leider.

Daß auch das liebe Geld so schnell verschwand,
Begriff schon etwas eher mein Verstand,
Denn Euer Geld, vermeld ich untertänig,
Wird niemals bei mir warm, mein Herr und König.

Doch damit ist das wenigste erzählt.
Es ist noch etwas, was mich härter quält,
Was mich bei Tag und Nacht nicht mehr verläßt
Und mir in Kürze sicher gibt den Rest,
Was in die Erde bringt mich armen Mann,
Wo ich dann lustig weiter reimen kann.
Mein armer Körper windet sich und leidet,
Mein Leib ist manchmal schier wie ausgeweidet,
Drei Monat ist der Kopf schon eingezwängt,
Die Brust ist stets beklommen und beengt,
Die Beine können kaum den Rumpf noch tragen,
Ganz ausgemergelt ist mein armer Magen.
Die Krankheit scheint mich langsam aufzuzehren,
Sie peinigt mich – ich sag’s in allen Ehren —
Sie peinigt mich, mein König, ganz genau,
Wie den Pariser seine liebe Frau.

Was sag ich noch! geschwunden ist der Leib
Fast ganz, und nur zu Eurem Zeitvertreib
Blieb etwas noch von meinem Geist am Leben,
Viel kann er freilich nicht zum Besten geben.
Um diesen kargen Rest, der vor Euch steht,
Bemüht sich, Herr, die halbe Fakultät,
Betastet meinen Puls, hält weisen Rat
Und kündet als gewisses Resultat,
Der Frühling heilt bestimmt mein bitteres Weh.
Sehr gut gesagt! Was ich davon versteh,
Ist dies: soll ich den Frühling nicht mehr sehn,
Werd ich im Winter schon zu Grunde gehn;
Bin ich dagegen schon im Winter tot,
Dann hab ich um den Frühling keine Not.

So quäl ich mich neun lange Monat schon.
Verkauft ist alles, was mir der Cujon
Nicht stahl. Ich hab mich kümmerlich gepflegt,
Das ganze in Latwergen angelegt.
Doch, gnädiger Herr, deshalb dürft Ihr nicht meinen,
Daß ich mit Bitten will vor Euch erscheinen;
Verwechselt mich nicht etwa mit dem Pack,
Das ewig nur die Taschen füllen mag.
So manchen gab es, der nur immer nahm,
Dazu, mein Fürst, besitz ich zuviel Scham,
Auf Ehre, Sire, ich nehme nichts geschenkt!
Doch wenn Ihr etwas mir zu leihen denkt,
Sag ich nicht nein. Denn wie es geht, so geht’s,
Ein Gläubiger macht einen Schuldner stets.

Und wißt Ihr, Herr, wie ich die Schuld will zahlen?
Das weiß noch keiner, Sire! ich will nicht prahlen,
Ihr ahnt ja nicht, wie glücklich Ihr es trefft,
Ihr macht dabei ein glänzendes Geschäft,
Es ist wahrhaftig keine Übertreibung!

Ich geb Euch eine sichere Verschreibung
– Verlangt Ihr Zinsen, Herr? –  auf jene Frist,
Wo einmal alle Welt zufrieden ist,
Und wenn Ihr lieber wollt, mein Fürst, vielleicht
Auf jenen Tag, da Euer Ruhm verbleicht.
Traut Ihr Euch nicht, die Forderung so zu buchen,
Will ich mir ein paar gute Bürgen suchen,
Wenn Euch die Fürsten von Lothringen passen,
Könnt Ihr ja die im Notfall für mich fassen.
Doch weiß ich wohl, Euch kommt’s nicht in den Sinn,
Daß ich nicht sicher und nicht ehrlich bin.
Indessen hat man gerne was in Händen,
Deshalb will ich den Schuldbrief daran wenden,
Der ist im Todesfall, bei meiner Ehr,
So gut, wie wenn ich, Sire, unsterblich wär.

Falls etwas mir zu leihen Ihr geruht,
Laßt mich’s in Gnaden wissen, seid so gut;
Auf meinen Gütern – kennt Ihr sie nicht, Sire? —
Erbaut ich jüngst ein neues Luftschloß mir,
Das muß ich jetzt bezahlen. Nur ein Tor
Sorgt nicht bei Zeiten für die Zukunft vor.

Das wäre alles so in großen Zügen,
Ich habe weiter nichts hinzuzufügen.
Wollt ich noch eine Zeile niederschreiben,
Ich fürchte, Sire, ich könnte übertreiben.
Dann schrieb’ ich: Herr und König der neun Musen,
Der alle ihre Weisheit trägt im Busen,
Du König, mehr als Mars an Ehren reich,
Du König, dem kein anderer jemals gleich,
Gott gebe Dir und Deinem stolzen Thron
Des Erdballs ganzen Umkreis noch zum Lohn,
Sowohl zum Heil der rollenden Maschine,
Wie auch, daß Dir zum Ruhme solches diene.

Pierre Corneille

1606-1684

Stanzen

Läßt mein Angesicht auch sehen,
Gräfin, daß die Zeit verstrich,
Euch wird es nicht besser gehen,
Seid Ihr erst so alt wie ich.

All und jedem drückt ihr Zeichen
Auf die Zeit, eh’ sie entweicht,
Eure Rosen wird sie bleichen,
Wie sie mir das Haar gebleicht.

In denselben Bahnen gleiten
Ewig die Planeten hin,
Was Ihr seid, war ich vor Zeiten,
Und Ihr werdet, was ich bin.

Immerhin darf kühn ich sagen,
Etwas, Gräfin, nenn ich mein,
Was vielleicht in späten Tagen
Noch wird unvergessen sein.

Sind auch holde Reize Euer,
Wißt, ein Reiz, den Ihr jetzt haßt,
Strahlt einst noch in hellem Feuer,
Wenn der Eure längst verblaßt.

Er nur wird den Ruhm bewahren
Euren Augen, Eurem Haar,
Er erzählt nach tausend Jahren,
Was an Euch mir teuer war.

Bei den Bürgern jener Welten
Hat mein Wort noch guten Klang,
Werdet Ihr für schön dann gelten,
Schuldet mir Ihr dafür Dank.

Wollet gnädigst drum bedenken:
Ist ein Graukopf keine Zier,
Muß man ihm doch Achtung schenken,
Gleicht er, schöne Gräfin, mir.

Pierre-Jean de Béranger

1780-1857

Meine Berufung

Ich kam auf diese Erde
Geängstigt und verzagt,
Kaum hätte aus der Herde
Ich je mich vorgewagt.
Mein Weinen und mein Klagen
Verhauchte fast im Wind,
Da hörte Gott ich sagen:
So singe doch, mein Kind!

Der Reichtum fährt mit vieren,
Verlacht des Armen Not,
Wenn sie vorbei kutschieren,
Bespritzt uns nur der Kot.
Euch habe ich im Magen!
Doch macht der Zorn mich blind,
Dann höre Gott ich sagen:
So singe doch, mein Kind!

Weich bin ich nicht gebettet,
Zum Einerlei verdammt,
Gefesselt und gekettet
An mein bescheiden Amt.
Muß ich zu sehr mich plagen,
Daß Brot mein Arm gewinnt,
Dann höre Gott ich sagen:
So singe doch, mein Kind!

Manch Glück hab ich gefunden
In meines Lebens Mai,
Die Jahre sind entschwunden,
Es ist damit vorbei.
Doch will mein Herz mal fragen,
Warum das Glück zerrinnt,
Dann höre Gott ich sagen:
So singe doch, mein Kind!

So will ich ewig singen,
Will singen bis zuletzt,
Will jedem Freude bringen,
Den mein Gesang ergötzt.
Wo frohe Herzen schlagen,
Die freundlich mir gesinnt,
Da höre Gott ich sagen:
So singe doch, mein Kind!

Die Dachkammer

Die Bude unterm Dach! Ich seh sie wieder,
Wo frohe Armut Lehrerin mir war,
Ich hatte meine Freunde, meine Lieder,
Mein Mädchen hatte ich und zwanzig Jahr.
Der Narren lachte keck ich und der Weisen,
Da ich des Lenzes Blütentraum genoß,
Sechs Treppen hoch durft ich mich glücklich preisen
Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Ein Bodenloch! Ich kann es nicht bestreiten;
Hier war’s, wo meine harte Bettstatt stand,
Dort seh ich noch die Verse, die vor Zeiten
Mit Kohle ich gekritzelt an die Wand.
Doch ach, die Freuden, die sind längst entschwunden,
Die meine Uhr mir mitleidvoll erschloß,
So oft den Weg ins Leihamt ich gefunden,
Mit zwanzig Jahren aus dem Dachgeschoß.

Wie gern ist Liese mit vergnügter Miene
Hier oben einst erschienen zum Besuch!
Vorm Fenster hat die Gute als Gardine
Flink aufgehängt ihr schönes neues Tuch.
Am Boden lag der Hut. Nie mocht ich fragen,
Wer ihn bezahlt hat, weil sie dies verdroß;
Wer wird sich auch um solche Fragen plagen
Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hier haben wir begeistert und verwegen
Die ganze Nacht gesungen und gezecht,
Da bei Marengo Bonapartes Degen
Die schlug, die ihm zu trotzen sich erfrecht.
Viktoria schossen sie! Wir aber dachten,
Nie kehrt zurück in unseres Helden Schloß
Die Sippe Ludwigs, die wir stolz verlachten
Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.

Hinweg! hinweg! Ich könnte mich berauschen,
Wo der Erinnerung Zauber mich umschwebt …
Ach, dürfte meiner Tage Rest ich tauschen
Für einen Monat, den ich hier gelebt,
Für Liebe, Leichtsinn, Torheit, für Sekunden,
Daraus im Traum ein Leben mir entsproß,
Für alle Hoffnung, die ich einst gefunden
Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß!

Der alte Korporal

Jetzt also vorwärts, Kameraden,
Die Stunde schlägt, noch einen Kuß,
Mein Pfeifchen brennt, Ihr habt geladen,
Kommt, Kinder, machen wir nun Schluß.
Die Jahre sind im Dienst geschwunden,
Den ich Euch allen beigebracht,
Doch niemals hab ich Euch geschunden!
Nun gebet Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Nehmt Tritt, gebt Acht,
Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

Ein Leutnant denkt, er darf mich kränken,
Ich wisch ihm eine aus, dem Wicht;
Es tat ihm nichts, doch sowas schenken …
Mein Urteil sprach das Kriegsgericht.
Wer nicht so rasch ist, handelt weiser,
Am längsten hab ich’s nun gemacht,
– Ach was, ich diente meinem Kaiser!
Nun gebet Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Nehmt Tritt, gebt Acht,
Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

An Arm und Bein darf Euch nichts liegen,
Das Kreuz ist ein paar Knochen wert,
Das meine holt ich in den Kriegen,
Da wir die Könige ausgekehrt.
Manch Gläschen gabt Ihr mir zum besten,
Wenn ich erzählte auf der Wacht
Von Schlachtenruhm und Siegesfesten,
Nun gebet Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Heult nicht, gebt Acht,
Nehmt Tritt, gebt Acht,
Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!

Wer fängt dahinten an zu flennen?
Die Tambourswitwe, dacht mirs schon!
Hab Anno zwölf beim tollen Rennen
Die Frau gerettet sammt dem Sohn.
Der Vater liegt im Schnee begraben,
Den Jungen schleppt ich Tag und Nacht …
Kannst beten für mich alten Knaben!
:|: Nun gebet Acht, :|:

Die Pfeife will nicht ziehen heute …
Jetzt hat sie Luft, was das nur war!
Da sind wir. Wollt ihr etwa, Leute,
Die Augen mir verbinden gar?
Hier an der Böschung laßt mich stehen,
Zielt nicht zu tief, hübsch mit Bedacht …
Mögt Ihr die Heimat wieder sehen!
:|: Nun gebet Acht, :|:

Des Volkes Erinnerungen

Unterm Strohdach der Geringen,
In den Hütten stirbt er nicht,
Noch nach fünfzig Jahren spricht
Kaum einer dort von andern Dingen.
Abends sitzen am Kamin
Um die Alte junge Leute,
Mutter, ruft die Bäuerin,
Kannst von ihm erzählen heute!
Viele schelten jetzt den Mann,
Könnte er nur wiederkehren,
Ja, wiederkehren!
Laß uns also von ihm hören,
Großmutter, fang an!

Kinder, hier sah ich ihn reiten,
Hier durch unser Dorf, ganz nah,
In dem Jahr, da dies geschah,
Machte ich Hochzeit … alte Zeiten!
Könige bildeten den Zug,
Heut noch glaube ich, den grauen
Mantel, den er damals trug,
Und den kleinen Hut zu schauen.
Ich erschrak und wurde bleich.
„Guten Morgen,“ rief er heiter,
Vergnügt und heiter.
„Wie, gegrüßt hat Euch der Reiter,
Ei, er sprach mit Euch?“

Ein Jahr später ist’s geschehen,
Daß ich nach Paris mal kam,
Vor der Tür von Notre Dame
Hab ich ihn wiederum gesehen.
Menschen drängten ohne Zahl
Sich in festlichem Gewimmel,
Alle meinten: „Seht einmal,
Schönes Wetter schickt der Himmel.“
Mild und gütig war sein Blick,
Grad war ihm ein Sohn geboren,
Ein Sohn geboren.
„Ei, der Tag war nicht verloren,
Mutter, das war Glück!“

Als dann seiner Feinde Scharen
Sich ergossen übers Land,
Trotzte er mit starker Hand
Beinah alleine den Gefahren.
Einmal klopft’s an meine Tür,
Eines Abends, just wie heute,
Plötzlich steht er da vor mir,
Im Gefolg nur wenig Leute.
Setzt sich auf den Sessel hier,
Niemals werd ich es vergessen,
Niemals vergessen!
„Mutter, wo hat er gesessen,
Auf dem Stuhl, sagt Ihr?“

„Ich hab Hunger,“ sprach er. Leider
Hatte ich nur Brot und Wein.
Hier am Feuer schlief er ein,
Schnell trockneten die nassen Kleider.
Beim Erwachen sagte er,
Als er schaute meine Zähren:
„Mut, noch habe ich ein Heer,
Vor Paris will ich mich wehren.“
Ich verwahre heute noch
Jenes Glas im Schrank da droben,
Im Schrank da droben.
„Wie, Ihr habt es aufgehoben?
Bitte, zeigt es doch!“

Hier …! dann zog er ins Verderben!
Er, den einst ein Papst gekrönt,
Mußt verlassen und verhöhnt
Auf jener öden Insel sterben!
Dran zu glauben ward uns schwer,
Alle meinten: „Er kehrt wieder,
Heimwärts eilt er übers Meer,
Schlägt den frechen Fremdling nieder.“
Als ich hörte, es sei wahr,
Bin ich fast dem Schmerz erlegen,
Dem Schmerz erlegen.
„Schütz Euch Gott auf allen Wegen,
Mutter, vor Gefahr.“

Gérard de Nerval

1808-1855

Herren und Knechte

Wenn jene Herrn, die aus den Mären wohl bekannt,
Mit Stieresnacken und mit erzgeprägten Mienen,
Mit Leibern, die im Boden fest gewurzelt schienen,
Mit grimmig hochgemutem Sinn und harter Hand,

Wenn heute wieder sie auf diese Erde kämen,
Den Erben ihrer stolzen Namen nachzuspähn,
Die winselnd vor den Türen der Minister stehn,
Der Sippe, die schon längst verlernt hat, sich zu schämen,

Dem falschen Volk, an dem die Waden kaum noch echt,
Dann merkten jene Ritter ohne Furcht und Tadel
Sehr bald, daß, dank den Töchtern, ihrem guten Adel
Verdorben ward das Blut von manch gemeinem Knecht.

Phantasie

Es tönt mir eine Weise stets, für die
Ich Mozart, Weber und Rossini schenke,
Wenn ich in ihren Klang das Ohr versenke,
Bezaubert mich die alte Melodie.

Sie singt so müd von Trauer und von Wehe,
Ich fühle mich zweihundert Jahr verjüngt,
Ludwig der Dreizehnte regiert, ich sehe
Den Hügel, hinter dem die Sonne sinkt,

Ein Schloß von Ziegeln, Türme in den Ecken,
Gemalte Fenster und ein Giebeldach,
Darum ein Park mit immergrünen Hecken,
Durch bunte Blumen fließt ein stiller Bach.

Am hohen Fenster sehe ich vom weiten
In alter Tracht die blonde Dame stehn …
Ich kenne sie. Ich habe sie vor Zeiten
In einem andern Leben schon gesehn.

Laß mich!

Laß ab von mir, es ist vergebens,
Du prangst im Lenze deines Lebens,
Mir kehrt er nimmermehr zurück!
Kannst du in meinem Gram nicht lesen,
Daß dieser Stirn, die jung gewesen,
Zu lächeln längst vergaß das Glück?

Wenn durch den Winterfrost, den harten,
Die bunte Blumenpracht im Garten
Gebleicht ist und der Baum entlaubt,
Wer gibt dem toten Blatt die Farben
Zurück, die mit dem Sommer starben,
Den Duft, den ihm der Nord geraubt?

Ach, hätte meines Schicksals Gnade
Mich kreuzen lassen deine Pfade,
Da mir noch solche Gunst getaugt,
Ich hätte trunken vor Entzücken
Dein Lächeln kühn gewagt zu pflücken
Und neue Kraft daraus gesaugt.

Heut leuchtest du mir nur von Ferne,
Du junges Blut, dem hellen Sterne
Vergleichbar, der dem Schiffer winkt,
Dess’ schwanken Kahn die List der Wogen,
Wenn schon der Sturm vorbei gezogen,
Zerbricht und mitleidlos verschlingt.

Laß ab von mir, es ist vergebens,
Du prangst im Lenze deines Lebens,
Mir kehrt er nimmermehr zurück!
Läßt diese Stirn, die jung gewesen,
Läßt dich ihr stiller Gram nicht lesen,
Daß nichts mehr sie erhofft vom Glück?

Goldene Verse

Mensch, freier Denker, wähnst du, daß nur du allein
Gedankenmächtig bist in dieser Welt voll Leben?
Du bist nur Herr der Kraft, die dir zum Lehn gegeben,
Jedoch das All ist frei, dein Witz ist ihm zu klein.

Hab Ehrfurcht! Jedes Tier nennt eigene Kräfte sein,
Der Kelch, der sich erschließt, ahnt einer Seele Beben,
Kein Stein, in dem nicht unbekannte Mächte weben,
Dies alles fühlt und dringt ins Innerste dir ein.

Vermeide Blicke, die aus blinden Fenstern spähen,
An jegliches Atom gebunden ist das Wort,
In deinem Munde darf es Sünde nie begehen.

Oft wohnt ein Gott versteckt an einem niedern Ort,
Das Auge wächst vom Lid bedeckt in heiliger Stille,
Es sproßt aus hartem Fels hervor ein reiner Wille.

Alfred de Musset

1810-1857

An Juana

Du bist’s, für die ich einst entbrannte,
Die erste, welche mein ich nannte,
Der ich geweiht mein ganzes Sein!
Erinnerst du dich auch noch dessen?
Ich habe es noch nicht vergessen,
Im letzten Sommer warst du mein.

Wie rasch entschwinden doch die Zeiten,
Die wir mit tausend Nichtigkeiten
Vergeuden, schnell sind sie entflohn.
Fast zwanzig Jahre sah ich schwinden,
Und du, Gefährtin meiner Sünden,
Hast ihrer beinah achtzehn schon.

Scheint auch die rote Rose bleicher,
Ist ihre Pracht nur um so reicher,
Ich schmeichle nicht, schön bist du doch!
Kein liebend Weib war liebevoller,
Kein spanisch Köpfchen jemals toller,
Denkst du des letzten Sommers noch?

Des Abends noch, da du mich kränktest
Und dann dein Halsgeschmeid mir schenktest,
Da ich ob deines Zorns geschmollt;
Drei Nächte fand ich keinen Schlummer,
In bittersüßem Liebeskummer
Hab ich geküßt das rote Gold.

Und die verräterische Schöne!
Denkst du noch an die tolle Szene,
O Andalusiens holder Stern?
Dein Liebster wollt vor Lachen sterben,
Und Eifersucht schien zu verderben
Den Gatten fast, den alten Herrn.

Nimm dich in acht, hör was ich sage,
Von neuem kehren jene Tage
Der Liebe bald vielleicht zurück.
Ein Herz, das dich einmal besessen,
Kann deiner nimmermehr vergessen,
Das Herz begehrt kein besser Glück.

Ach was! ich mag den Strom nicht dämmen,
Ich kann das Rad der Zeit nicht hemmen,
Ich halte seinen Gang nicht auf;
Was kümmern uns entschwundene Freuden,
Das Lied ist aus, wir wollen scheiden,
Das ist einmal der Welten Lauf.

Die Zeit entführt auf ihren Schwingen
Den Lenz, die Lerche und ihr Singen,
Ach, unser Dasein gleicht dem Rauch;
Karg ist die Frist uns zugemessen,
Was frommt mir, daß ich dich besessen,
Und dir, daß meiner du vergessen …
Mein Leben schwindet, deines auch!

An Julie

Daß mich die Leute auf den Gassen
Nicht mal in Frieden rauchen lassen!
Mich fragt ein jeder dumme Wicht,
Woran ich seit drei Jahren schreibe,
Was ich in meinen Nächten treibe,
Denn daß ich schlafe, glaubt man nicht.

Willst du mir deine Lippen reichen?
Die tollen Nächte, die dich bleichen,
Sie trocknen die Korallen auch.
Daß diese Wunder nicht verderben,
Mein schwarzes Lieb, mußt du sie färben
Mit deines Atems heißem Hauch.

Mein Drucker glaubt sich längst vergessen,
Er meint, es warten seine Pressen
Auf meine! Und ein ganzer Trupp
Honetter Herren hält die Wette,
Daß mich mein Glück verlassen hätte,
Man schwatzt davon in jedem Klub.

Hast du noch deinen Muskateller?
Wir waren gestern erst im Keller,
Vielleicht blieb noch ein Rest zurück.
Wie glüht dein Mund! Ich will geschwinde
Mal sehen, ob ich was erfinde,
Natürlich ein verrücktes Stück.

Sie sagen, daß ich keine Lieder
Mehr pfeifen kann und daß ich wieder
Mich werfe in den vollen Strom.
Es lohnt nur nicht, sonst schickten heute
Nach Sankt Helena mich die Leute
Mit einem Magen-Karzinom.

Wenn ich am Feuer weiter nasche,
Verbrenn ich sicher noch zu Asche,
Auch Herkules ist ja verbrannt;
Soll in den Gluten ich verderben,
Will ich bei Dejanira sterben,
Drum öffne schleunigst dein Gewand!

An Pepa

Pepita, wenn die Sonne scheidet,
Wenn deine Mutter schlafen geht,
Wenn bei der Lampe halb entkleidet
Du knieend sprichst dein Nachtgebet,

Zur Stunde, wo du Frieden findest,
Wo dich erwartet süße Rast,
Wo du die Abendhaube bindest
Und unters Bett geleuchtet hast,

Wenn all die Deinen, die Familie,
Der Schlummer hält in seinem Bann,
Pepita, meine schlanke Lilie,
Gestehe, woran denkst du dann?

An eine Heldin aus Romanen,
Die ihr zerbrochnes Glück beweint,
An alles, was der Traum läßt ahnen
Und was die Wirklichkeit verneint,

An Berge, die nach schwerem Kreisen
Das Leben geben einer Maus,
An Andalusiens wilde Weisen,
An einen Mann, ein Zuckerhaus,

An Rosen, die du einmal pflanztest,
An Blicke jenes faden Wichts,
Mit dem du den Fandango tanztest,
Vielleicht an mich, vielleicht an nichts!

Lilla

O ließe Lilla sich bewegen,
Daß sie mir öffnete bei Nacht,
Dann braucht ich keines Pfaffen Segen!
Durchs Fenster spräng ich, nie verlegen,
Wenn ihre Frau Mama erwacht.

Die Angst mag alte Schachteln quälen
Um das Genick! Solch dürres Kraut
Wird keiner wohl dem Teufel stehlen,
Der wartet, bis die lieben Seelen
Sich langsam ekeln aus der Haut.

Auf einer Planke möcht ich zechen
Mit Lilla, niemals wär ich satt!
Kein Papst kann so mich selig sprechen,
Der Mann darf dreist sein Glas zerbrechen,
Der diesen Wein getrunken hat.

Ballade an den Mond

Hoch auf dem Turme glitzt er,
Der Mond, so gelb wie nie,
Da sitzt er,
Wie’s Tüpferl auf dem I.

Welch Elf hat auf den Faden
Dich mit geschickter Hand
Geladen,
Du naseweiser Fant?

Du Maske der Gespenster,
Was guckt für ein Gesicht
Durchs Fenster
Herein, du blasser Wicht?

Bist du, der Nacht Begleiter,
Nur rund geformtes Gold,
Das weiter
Sich ohne Beine trollt?

Bist du es gar, Geselle,
Bist du es, dessen Lauf
Der Hölle
Die träge Uhr zieht auf?

Ein Zeiger, der die Stunden
Verdammten Seelen weist,
Sekunden
Der Ewigkeit umkreist?

Ist es ein Wurm, der witternd
Sich anzuschleichen wagt
Und zitternd
Die Sichel dir benagt?

Wer hat dich halb geblendet?
Hat gestern dich im Traum
Geschändet,
Vielleicht ein spitzer Baum?

Auf meines Zimmers Wände
Trägt mir dein fahler Schein
Behende
Des Gitters Netzwerk ein.

Es hat der Sonne Gnade,
Da sie ins Meer getaucht,
Dich gerade
Ein wenig angehaucht.

Einst wirst du ganz erkalten,
Dein Angesicht verrät
Durch Falten,
Wie schlimm es um dich steht.

Die Göttin gib uns wieder,
Die keusch und nie besiegt
Die Glieder
An ihre Hirschkuh schmiegt,

Die einst in der Platane
Gehege sich gefiel,
Diane
Und ihrer Meute Spiel.

Hoch flüchtig sind gesprungen
Die Rehe, wenn voll Macht
Gedrungen
Das Hifthorn durch die Nacht,

Wenn auf der Spur der Beute
Ringsum durch Wald und Feld
Die Meute
Zur Hetze hat gebellt.

Als eines Abends linde
Durch ihren Hain gerauscht
Die Winde,
Hat Phoebus sie belauscht,

Der Gott, der nächtlich schwärmend
Die Hirtin und den Hirt
Keck lärmend
Im Vogelflug umschwirrt.

Durch jedes Abenteuer,
Dem still du beigewohnt,
Bleibst teuer
Du alle Zeit uns, Mond.

Wem immer du begegnet,
Dem bist für ewig du
Gesegnet,
Ob ab du nimmst, ob zu.

Du bist es jedem Schäfer,
Wenn auch zu nächtiger Stund
Dich Schläfer
Hat angebellt sein Hund.

Du bist es jedem Schiffe,
Das hart vom Sturm bedrängt
Durch Riffe
Der Lotse sicher lenkt.

Und jedem schönen Kinde,
Das mal in dunkler Nacht
Geschwinde
Sich aus dem Staub gemacht.

Tief unter dir gebettet
Und wie ein wilder Bär
Gekettet
Träumt das gezähmte Meer.

Wenn ich bei Wind und Wetter
Nicht aus der Stube kann,
Herr Vetter,
Dann schaue ich dich an,

Seh auf dem Turm dich glitzen,
Seh dich vergnügt wie nie
Dort sitzen,
Wie’s Tüpferl auf dem I.

Wenn manches wider Hoffen
Ein Ehemann zu Haus
Getroffen,
Dann lachst du ihn noch aus.

Und wenn der junge Gatte,
Nachdem die Mutter zach
Ihm hatte
Entriegelt das Gemach,

In Schlafrock und Pantoffel
Die Kerze löscht im Nu,
Du Stoffel,
Dann siehst du spöttisch zu.

Bang harrt sie mit dem Ringe
Am Finger, der sie mahnt
An Dinge,
Die sie nur zitternd ahnt.

Der Herr Gemahl fängt Feuer,
Sie wird in ihrer Qual
Nur scheuer
Und wehret dem Gemahl.

Er blickt mit heißen Augen
Und ruft: Mein Kind, was soll
Das taugen?
Bei Gott, du machst mich toll!

Kaum kann er es noch tragen,
Da läßt ihn ein Gesicht
Nichts wagen,
Und er, er wagt es nicht.

Es zittert und es zuckt ja,
Wir sind hier nicht allein,
Man guckt ja
Ins Zimmer uns herein!

Hoch auf dem Turme blitzt er,
Der Mond, so frech wie nie,
Dort sitzt er,
Wie’s Tüpferl auf dem I.

Dezembernacht

Als Schüler hab ich eine Nacht
In meinem Zimmer mal durchwacht,
Die Stunden wollten kaum entweichen;
Da plötzlich mir zur Seite stand
Ein Knabe, schwarz war sein Gewand,
Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Bleich war sein schönes Angesicht,
Bei meiner Lampe trautem Licht
Hat er gelesen und geschrieben;
Mild lächelnd und gedankenschwer
Und träumend blickte er umher,
Die ganze Nacht ist er geblieben.

Grad war ich fünfzehn Jahre alt,
Und wollte einmal durch den Wald,
Quer durch die braune Haide streichen.
Da plötzlich an dem Raine stand
Ein Jüngling, schwarz war sein Gewand,
Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ich suchte aus dem Wald nach Haus,
Der fremde Gast hielt einen Strauß
Und eine Laute in den Händen;
Er grüßte freundlich mich, doch stumm,
Dann drehte er sich halb nur um,
Des rechten Weges mich zu senden.

Als dann mein Herz zum erstenmal
Verraten ward und sich in Qual
Gewunden unter schweren Streichen,
Da plötzlich an dem Herde stand
Ein Fremdling, schwarz war sein Gewand,
Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Stumm stand er dort, in sich gekehrt,
Die Rechte trug ein blankes Schwert,
Die Linke zeigte starr nach oben;
Als hätt er um mein Leid gewußt,
Rang sich ein Seufzer aus der Brust,
Dann ist er wie ein Traum zerstoben.

Als ich in der Gesellen Kreis
Von edlem Weine einmal heiß
Zu kecker Rede gab das Zeichen,
Da plötzlich mir vor Augen stand
Ein Zecher, schwarz war sein Gewand,
Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Purpurlappen, ganz geflickt,
Hat unterm Mantel vorgeblickt,
Die magere Hand hat ihm gezittert;
Stumm hob das Glas der fremde Mann
Und schweigend stieß er mit mir an,
Da ist mein Glas im Nu zersplittert.

Ein Jahr darauf, die Zeit entflieht,
Hab ich an einem Bett gekniet,
Des Vaters Mund sah ich erbleichen.
Da plötzlich ihm zu Häupten stand
Ein Waisenkind, schwarz sein Gewand,
Es glich mir, wie sich Brüder gleichen.

Ein Engel, der dem Schmerz erliegt,
Erschien er dort, vom Leid besiegt,
Gleich mir, des teuren Toten Sohne;
Die frohe Laute war umflort,
Das Herz von einem Schwert durchbohrt,
Das Haupt trug eine Dornenkrone.

Noch oftmals hab ich ihn gesehn
An meiner Seite schweigend stehn
In meines Lebens schwersten Stunden,
Die rätselhafteste Vision!
Ist er ein Engel, ein Dämon?
Ich hab ihn überall gefunden.

Da später, müde und verzagt,
Ich Frankreich Lebewohl gesagt,
Der bittern Qual mich zu entwinden,
Da all mein Hoffen war verdorrt,
Da ich an einem fremden Ort
Wollt sterben oder Leben finden,

Zu Pisa und im goldnen Mainz,
Zu Cöln, im Angesicht des Rheins,
Zu Nizza unter grünen Myrten,
In den Palästen von Florenz,
Im Wintersturm, im jungen Lenz,
Hoch in den Alpen, bei den Hirten,

Zu Genua, wo wild die See
Das Ufer peitscht, und zu Vevey,
Zu Havre an der Klippe Wänden,
Dort wo Venedig schläft und träumt,
Die Adria am Lido schäumt,
Um in Lagunen feig zu enden,

Wo ich auch immer ohne Mut
Gewandert bin, wo mir das Blut
Geströmt aus meines Herzens Wunden,
Wohin mich meine Unrast trieb,
Wo mich durch ihr verdammtes Sieb
Gepreßt die ewig gleichen Stunden,

Wo nur das Rätsel dieser Welt
Des Daseins Freude mir vergällt,
Wenn ich dem Durste wollt genügen,
Wo immer, was ich längst gesehn,
Ich wieder sah vorübergehn,
Den kleinen Menschen mit den Lügen,

Wohin auf meiner Fahrt ich kam,
Wo in die Hand das Haupt ich nahm,
Um mich am Wege auszuweinen,
Wo ich durch das Gestrüpp gehetzt
Und wie ein Lamm zerzaust, zerfetzt
Dann niedersank auf kalten Steinen,

Wo immer mir ein Leid gedroht,
Wo ich verzweiflungsvoll dem Tod,
Dem letzten Freund, die Hand wollt reichen,
Stets plötzlich mir zur Seite stand
Der Ärmste, schwarz war sein Gewand,
Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.

An Frau M

Selbst wenn die Qual, die meine Seele leidet,
In ihr entfachte noch einmal die Glut,
Selbst wenn das Schicksal, das dies Glück mir neidet,
Mir ärmsten gönnte solch ein seltenes Gut,

Selbst wenn die Scham, die jetzt dich von mir scheidet,
Mir alles schenkte, was still in dir ruht,
Selbst dann, du Kind, von Unschuld fromm bekleidet,
Hätt ich zur Liebe weder Witz noch Mut.

Doch wenn dereinst die müden Sinne schwinden,
Wenn diese Welt nichts mehr in dir bewegt,
Wird die Erinnerung dich mir verbinden.

Magst du dich freuen, dich in Schmerzen winden,
In deiner Hand wirst du die meine finden,
Du hörst mein Herz, das an dem deinen schlägt.

Lebewohl!

Lebwohl! Gott heißt dich weiter gehen,
Nur dich, da meiner er vergißt,
Auf Erden gibt’s kein Wiedersehen …
Jetzt weiß ich, was du mir gewesen bist.

Nur keine Tränen, keine Klagen,
Ich beuge mich, das Schicksal spricht,
Mag dich dein Schiff von dannen tragen,
Ich sehe lächelnd zu und weine nicht.

Die Hoffnung läßt dich sorglos scheiden,
Voll Hochmut kehrst du wieder her,
Und jene, die beim Abschied bitter leiden,
Die kennst du dann gewiß nicht mehr.

Lebwohl, zieh deinem Traum entgegen,
Da du im Rausche nach Gefahr nicht fragst,
Noch blendet dich der Stern auf deinen Wegen,
Noch lockt das Irrlicht dich, nach dem du jagst.

Einst lernst du, magst du jetzt auch prahlen,
Welch reiches Glück ein Herz gewährt,
Das uns versteht, und welche Qualen
Wir dulden, wenn sich’s von uns kehrt.

Victor Hugo

1802-1885

Der Abend des Sämanns

Nun will der müde Tag entweichen,
Still liegt vor mir das weite Tal;
Die Sonne sendet im Erbleichen
Hernieder einen letzten Strahl.

Dem armen Alten dort, der schweigend
Sich durch die graue Flur bewegt
Und in die Furchen, tief sich neigend,
Der Zukunft frohe Ernten legt.

Und wie der lange schwarze Schatten
Des alten Mannes Werk durchmißt,
Weiß der, dies Werk ging gut von statten
Am Tage, der gesegnet ist.

So geht er säend auf und nieder,
Er schreitet durch die weite Flur,
Er kommt und geht und streuet wieder,
Stumm folgt mein Sinnen seiner Spur.

Verschleiert ruhen alle Fernen,
Der Schatten wächst, er rauscht und schwillt,
Er reckt empor bis zu den Sternen
Des Sämanns königliches Bild.

Abend auf dem Meere

Komm, das Segel füllt sich wieder,
Dieser Abend ist so schön,
Steig mit mir zum Ufer nieder,
Laß dem Fischer seine Lieder,
Laß der Welle ihr Gestöhn.

Wollen hier im Schatten sitzen,
Hinterm Segel, das sich bauscht;
Wenn die Wogen uns bespritzen,
Seh ich deine Augen blitzen,
Höre, wie die Brandung rauscht.

Komm, wir wollen stumm verehren
Dieser Schöpfung hehre Pracht.
Sprich, mein Lieb, kannst du erklären,
Daß mein Auge stets voll Zähren,
Daß das deine immer lacht?

Sprich, wie kommt es, daß mein Denken
Gallenbitter in mir haust,
Daß mich selbst die Augen kränken,
Die sich stets zur Erde senken,
Während du den Himmel schaust?

Wo ich mich im finstern quäle,
Strahlt dir silbern jeder Stern,
Während ich die Schatten zähle,
Leuchten deiner frommen Seele
Tausend Welten nah und fern.

Bis zum Ende unsres Lebens
Brüllt um uns die Flut und dräut;
Keiner lebt, der seines Strebens
Frucht stets pflückt, der nicht vergebens
Saaten in den Boden streut.

Unbekannt mit unserm Ziele
Rudern durch die Flut wir keck,
Ach, in frevelhaftem Spiele!
Bald flieht aus dem leichten Kiele
Mut und Hoffnung, wir sind leck.

Weh, die Ruder, sie zerschellen,
Sturmwind fegt die Segel fort,
Laute Hilferufe gellen,
Haushoch türmen sich die Wellen,
Wälzen wild sich über Bord.

Gott hat Mühsal uns als Lehen
Überreichlich zugeteilt,
Wohin wir uns immer drehen,
Einen werden stets wir sehen,
Der in Hast vorübereilt.

Welchen Weg? Stets den der Ehren!
Wohin du? In meine Schmach!
Du? Dem Zweifel will ich wehren!
Du? Nach Ruhm steht mein Begehren!
Du? Der Liebe lauf ich nach!

Hastet nicht auf allen Wegen,
Hastet nicht zu jeder Frist,
Mögt Euch plagen, mühen, regen —
Eilt ja nur dem Land entgegen,
Daraus keine Rückkehr ist.

Jenem Land, wo alles endet,
Ob Ihr weinet, ob Ihr lacht,
Keinen Duft die Blume spendet,
Wo kein Sonnenstrahl Euch blendet,
Jenem Lande ewiger Nacht.

Weshalb alle diese Mühen,
Dieser Neid und diese Pein?
Trinkt Euch satt, die Wasser sprühen,
Seht im Laub die Früchte glühen,
Lebt und liebt und dann schlaft ein.

Ob Ihr emsig wie die Bienen
Nur der Arbeit wart gewohnt,
Ob Euch je ein Glück erschienen,
Ob Ihr mit zufriednen Mienen
Tag und Nacht habt schwer gefrohnt,

Allem ist ein Maß gemessen,
Alle Blüten fallen ab,
Ihr verliert, was Ihr besessen,
Aller Dinge harrt Vergessen,
Aller Menschen harrt das Grab.

Gott wird einst zurück uns fodern,
Fällt den Baum mit einem Streich,
Heißt der Flamme Glut verlodern,
Schiffe auf dem Grund vermodern,
Spricht zur Blume: Werde bleich!

Spricht zum kühnen Schlachtensieger:
Mensch, das letzte Wort ist mein!
Wate nur im Blute, Tiger,
Steige höher, stolzer Krieger,
Tiefer wird dein Fall nur sein.

Spricht zum Weib von Evas Stamme:
Schmücke dich, nutz deine Zeit,
Staub vom Staube, Schlamm vom Schlamme,
Einen Augenblick sei Flamme,
Asche dann in Ewigkeit!

Dulden mußt du’s und ertragen,
Ausgelöscht bist du im Nu;
Willst den Herren du verklagen,
Dich zu überheben wagen?
Groß ist er und klein bist du.

Jedem ist der Kampf beschieden,
Ob er zweifelt, ob er glaubt;
Not und Elend sind hinieden,
Doch der Herr im ewigen Frieden
Schüttelt lächelnd nur das Haupt.

Alles was wir hier erstreben,
Alles schwindet und zerstiebt.
Ach, die Schatten, sie entschweben,
Und es bleibt von deinem Leben
Nichts, wenn niemals du geliebt.

Will das Haupt in Demut neigen,
Leise, leise, stör mich nicht!
Blicke nach der Sterne Reigen,
Während ich in tiefem Schweigen
Höre, was die Woge spricht.

Bangend und mit bleichem Munde
Frag ich, mit gespanntem Ohr
Horch ich … wehe, aus dem Schlunde,
Von des Meeres tiefem Grunde
Quillt nur trüber Schlamm empor.

Nimmer folge meinen Blicken,
Sie versenken sich in Nacht,
Sollst das Auge aufwärts schicken,
An dem Sterne dich erquicken,
Der dir froh entgegenlacht.

Sieh ihn hoch am Himmel stehen,
Wie er glänzt und strahlt und scheint,
Gottes Lächeln wirst du sehen,
Mich laß nach dem Menschen spähen,
Der in seinen Qualen weint.

Aus den Orientalen

I

Eine Bucht und grüne Hügel,
Die sich spiegeln in der Flut,
Reiter steigen in den Bügel,
Frohe Lieder, froher Mut!

Hier die Zelte, dort die Rosse;
Schlanke Männer bei dem Trosse
Schärfen Schwerter und Geschosse
In des Feuers roter Glut.

Überall freut den Nomaden
Seiner Sonne helles Licht,
Und die Maid, zum Tanz geladen,
Weigert sich dem Krieger nicht.

Winde spielen mit dem Sande;
Solch ein Reigen auf dem Strande
Zeigt das Weib im Festgewande
Schöner als ein Traumgesicht.

Spiegeln sich, dem Ebenholze
Gleich, im Wasser diese Fraun,
Lacht das Angesicht, das stolze,
Jauchzen sie, wenn sie sich schaun.

Melkt jetzt das Kamel, das schnelle!
Weiße Milch spritzt aus dem Quelle,
Seltsam rinnt der Strahl, der helle,
Durch der Hände tiefes Braun.

Munter plätschern sie im klaren
Wasser, das von Salze schwer;
Sagt, wo kamen diese Scharen,
Diese fremden, gestern her?

Plötzlich kreischen schrille Becken,
Rosse wiehern, Kinder schrecken,
Wellen, die das Ufer lecken,
Stürzen sich zurück ins Meer.

II

Die Wüste … Furcht und Schrecken,
Nur Sand und nichts als Sand,
Wie weit mag sie sich strecken,
Versengt, verdorrt, verbrannt!
Nichts Lebendes will weilen,
Die Hügel selbst zerteilen
Im Winde sich, enteilen
Wie Flugsand auf dem Strand.

Es ziehen Karawanen
Nach Mamre und Ophir,
Frech kreuzen ihre Bahnen
Das heilige Revier.
Schwer schleppt durch heiße Dünen,
Wo keine Halme grünen,
Verwegenheit zu sühnen,
Sich keuchend Mensch und Tier.

Der Wüste tiefes Schweigen
Hört Gott der Herr allein,
Ihm ist sie erb und eigen,
Er markt sie ohne Stein,
Läßt Dünste sich erheben,
Die dieses Meer umschweben,
Sie zittern und sie beben
Und hüllen alles ein.

Der Kaisermantel

Ihr, deren Werke Labsal schaffen,
Ihr, die um Beute zu erraffen
Nach flüchtigem Wohlgeruch nur strebt,
Ihr, die Ihr den Dezember fliehet,
Den Blumen ihren Duft entziehet
Und uns den süßen Honig gebt,

Ihr, deren unbefleckte Lippen
Am reinen Tau des Morgens nippen,
Ihr, denen Keuschheit Lust und Pflicht,
Der Blüten liebliche Genossen,
Ihr Bienen, die dem Licht entsprossen,
Setzt Euch auf diesen Mantel nicht!

Ihr hochgemuten, arbeitsfrohen,
Die Ihr noch keinen Feind geflohen,
Stürzt Euch, Ihr Bienen, auf den Mann!
Von Euer Flügel Gold getragen
Sollt Ihr den Schuft mit Pfeilen jagen,
Fragt ihn: „Wofür siehst Du uns an?

Verräter Du, wir sind die Bienen!
Dem Frieden stiller Hütten dienen
Mit unseren Körben wir zur Zier.
Wir schwärmen durch die klaren Lüfte,
Aus Rosen saugen wir die Düfte,
Auf Platos Lippen wohnen wir.

Zu Nero magst Du Dich gesellen,
Dich neben Karl den Neunten stellen,
Der nach des Volkes Blute lechzt.
Nicht des Hymettus Biene habe
Des Mantels Hut, sie hat der Rabe,
Der auf dem Hochgerichte krächzt.“

Ihr sollt ihn peinigen, ihn lähmen,
Das Volk, das vor ihm bangt, beschämen,
Stecht ihm die Augen aus, dem Wicht!
Sollt mitleidlos ihn jagen, hetzen,
Wenn Menschen feige sich entsetzen,
Hält Euer Stachel das Gericht.

Die Ordnung ist wieder hergestellt

Die treten uns mit frechem Hohne
Und das Verbrechen trägt die Krone,
Das Recht des Volkes wird gebeugt.
An allen Grenzen unserer Lande
Ragt heut ein Denkmal unserer Schande,
Die Ehre ist erwürgt und schweigt.

O edle Freiheit großer Ahnen,
O Republik mit deinen Fahnen,
Die einst geragt zum Himmelsblau,
Du wurdest schnöde überlistet,
Des Kaiserreiches Sünde nistet
Verräterisch im stolzen Bau.

Die Zeiten sind vom Fluch besessen,
Mein Volk, du hast dich selbst vergessen,
Du wurdest feiler Lüge Raub.
Gesetz und Recht ward dir zu nichte,
Was kümmert dich die Weltgeschichte
Und deiner Väter heiliger Staub?

Willkommen seid ihr meinem Herzen,
Verbannung, Armut, bittere Schmerzen,
Willkommen, tränenreiche Zier.
Es heult der Wind durch meine Hütte,
Die Trauer naht mit düsterm Schritte,
Stumm setzt sie sich zur Seite mir.

Im Unglück finde ich euch wieder,
Gestalten meiner ersten Lieder,
Für die das Herz so heiß entbrannt.
O Freiheit, Mannesmut und Tugend,
Geliebte meiner frohen Jugend,
Auch euch hat schnöde man verbannt.

Sei mir gegrüßt, du Wasserwüste,
Sei mir gegrüßt, o Jerseys Küste,
Wo Englands altes Banner weht!
Dem Flutgebrause will ich lauschen,
Den Wogen, die im Winde rauschen,
Der Welle, die im Sturm vergeht,

Den Möven, die sich schaukelnd wiegen,
Die schaumbespritzt gen Himmel fliegen,
Vergoldet von der Sonne Strahl;
Wie sie sich aus der Flut erheben,
So ringt empor zu neuem Leben
Die Seele sich aus ihrer Qual.

Lied

Du Waldespfad mit schwanken Zweigen,
Ihr Täler, Hügel, rings umher,
Weshalb die Trauer und das Schweigen?
– Der einstmals kam, kommt nimmermehr.

Am Fenster keiner von den Lieben,
Verwelkt die Blumen und verdorrt,
Sprich, Haus, wo ist dein Herr geblieben?
– Ich weiß es nicht, mein Herr ist fort. —

Sei wachsam, Hund! – Wozu mich plagen?
Das Haus ist leer, du siehst es ja! —
Mein Kind, wem gelten deine Klagen?
Und deine, Weib? – Ihm, der nicht da.

Wo weilt er? – Jenseits ferner Meere.
Was seufzt ihr, Wogen, um den Stein?
Wo kommt ihr her? – Von der Galeere.
Was bringt ihr? – Einen Totenschrein.

Lied

Tot sind die kleinen Täubchen,
Das Männchen und das Weibchen,
Die Katze fing sie ein;
Zernagt sind ihre Reste,
Wer kehrt zurück zum Neste?
O arme Vögelein!

Vom Hirten keine Kunde,
Tot sind die treuen Hunde,
Der Wolf bringt Euch Gefahr.
Es zittern Eure Leiber,
Wer scheucht den feigen Räuber?
O arme Lämmerschaar!

Er muß im Kerker sterben,
Sie im Spital verderben,
Im Hause pfeift der Wind;
Kein Freund betritt die Stiege,
Wer schaukelt deine Wiege,
O armes, armes Kind?

Ein Spiel

Einst machte, laßt es Euch sagen,
Der Herrgott voller Behagen
Mit Satan eine Partie.
Jedweder hielt seine Karte,
Der setzte Bonaparte,
Der andere Mastai.

Ein armer winziger Pfaffe,
Ein kleiner prinzlicher Laffe,
Welch jämmerliches Spiel!
Gott machte es, ohne Zweifel
Mit Absicht, daß dem Teufel
Der ganze Einsatz verfiel.

„Dein sind sie,“ rief mit Lachen
Der Herr, „was wirst du nun machen?“
Der Teufel blickte voll Hohn;
Er packte die beiden Kleinen,
Auf Petri Stuhl setzt er einen,
Den andern auf Frankreichs Thron.

Des Kaisers Zeitvertreib

Dumpf tönen der Verbannten Klagen,
Das Grab ist nah und Frankreich fern.
Du schwelgst bei festlichen Gelagen,
Kannst Frauen im Theater jagen,
Das Hifthorn ruft zur Hatz den Herrn.
Rom wird dich salben und dich krönen,
Die Könige duzen Dich erfreut …
Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,
Morgen dräut
Sturmgeläut!

Des Schicksals Groll trifft nur die Besten,
Nur Männerseelen das Exil.
Du wohnst in ragenden Palästen,
Hast Gärten, Wälder, bei den Festen
Treibt Venus ihr verbuhltes Spiel.
Frech rasen die bekränzten Schönen,
Der Dienst des Bacchus wird erneut …
Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,
Morgen dräut
Sturmgeläut!

In Ketten schleppen hinter Gittern
Gefangene keuchend Stein auf Stein.
Hallali tönt es, Wälder zittern,
Fanfaren schmettern, Rüden wittern,
Die Birke glänzt im Mondenschein,
Dort schwimmt der Hirsch! Hört Ihr ihn stöhnen?
Die Meute folgt, der Herr gebeut …
Laßt heut von Notre Dame die Totenglocke tönen,
Morgen dräut
Sturmgeläut!

Im Kerker leert des Elends Schale
Ein Mann, vor Hunger stirbt sein Sohn.
Der Wolf füllt Tigern die Pokale,
Der Pfaffenkaiser zecht beim Mahle
Aus der Monstranz. Es blickt voll Hohn
Ein Faun auf ihre Schmach, sie frönen
Gelüsten, die sein Ekel scheut …

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notes

1

Jacques Coeur, Bankier der französischen Krone unter Karl VII. (1422-1461), der reichste Mann seiner Zeit.